Freyer mischte sich in das Gespräch. „Wenn Sie Papiere haben und Arbeit
suchen -- ich hätte welche zu vergeben.“
„Nach mir därf man sich überall erkundigen,“ sagte der Wandersmann
stolz. „Nur aus Charakter hab’ ich meine Stellen wieder aufgegeben --
nur aus Charakter.“ Und er zog seine schmutzigen Papiere heraus.
Man vereinbarte bald, der charaktervolle Mann solle in dem Ruinenteil
von Kapellendorf mit Beton und Zement dem Verfall Einhalt tun. In die
weitern Verhandlungen wollte Leonore nicht eingreifen -- so ging sie
voraus, die Kirche des Dorfes anzusehen, denn sie galt als berühmt.
Die Schule lag dem Kirchplatz gegenüber. Und es war gerade
Entlassungsstunde. Die Wissenschaft schwieg für den Tag, nachdem
von sechs bis neun Uhr ihre Zeit gewesen war. Die Dorfkinder kamen
heraus, bestaunten die fremde Erscheinung, und als Leonore fragte,
wer den Schlüssel zur Kirche habe, rannte ein Junge davon und kam in
Gesellschaft eines rundköpfigen, knasterbärtigen Brillenträgers wieder.
Der Brillenträger zupfte an seinen Rockärmeln, die etwas kurz waren
und das Fehlen von Manschetten nicht verbergen konnten. Er hielt ein
kleines Buch in der Hand und kam auf Leonore zu. Zu dieser hatte sich
unterdessen ihr Mann gesellt.
„Sie sind der Herr Lehrer, wenn ich richtig rate,“ begann Leonore die
Annäherung, „und Sie wollen so freundlich sein, uns die Kirche zu
zeigen.“
Der Herr Lehrer reckte seine untersetzte Gestalt, nicht bedenkend, daß
seine Hosen dadurch noch kürzer wurden, als sie schon waren -- sein
Gesicht zeigte noch mehr Würde, und er entschuldigte im voraus, daß die
Kirche nicht schöner sei, als sie eben war; das Innere sei ganz leer,
die Einrichtung auf Reparatur fort, man könne sich also nur an dem
Äußeren ergötzen. Und der Herr Lehrer begann in wundervoller Aussprache
aus dem Buch die Daten und Motive und angebrachten Inschriften des
Kirchenbaues vorzulesen. Richard suchte nach Steinmetzzeichen an dem
Bauwerk.
Unterdessen plauderte Leonore mit dem Apostel der Bildung des Dorfes.
„Wohnt auch der Pfarrer hier?“
„Nein, wir sind nur eine Filialgemeinde.“
„Da sind Sie also der einzige Gebildete hier?“
Der Herr Lehrer verbeugte sich nach hinten über durch heftiges
Zurückwerfen des Kopfes. Dies tat er nicht etwa wie der deutsche Adel,
um seine hohe Geburt zu bekunden, sondern seine körperliche Kleinheit
schien ihm in diesem Augenblick, da er den einzigen Gebildeten einer
Siedlung darzustellen hatte, noch unangenehmer als sonst. „Ja,“ sagte
er in einem trockenen Ton, der Erfreutsein verbarg, „nun, man hat seine
Herren Kollegen in der Nähe.“
„Sie haben ja auch Familie,“ sprach Leonore weiter, denn ein
schmutziger Junge näherte sich eben, Zeichen machend, dem Lehrer. Doch
hinter dessen Brillengläsern schoß ein harter Schulmonarchenblick
auf den kleinen Schmutzfinken hervor, so daß dieser aufhörte, seinen
Vater zu kompromittieren, und davonlief, als fühlte er schon das
traditionelle Erziehungsmittel auf sich.
Da Richard sich noch ein Steinmetzzeichen kopierte und der Lehrer,
neuer Ansprachen gewärtig, stehen blieb, fragte ihn Leonore, ob er
auch Bienen hielte. Bienenzucht und Obstbau zu lehren sei ja der
soziale Beruf des Landlehrers. Und das fände sie schön, es brächte den
Volkserzieher dem Volke näher. Sie hatte einen Bienenstand gesehen,
darum redete sie also.
Jawohl, der Herr Lehrer hatte sieben Stöcke.
„O, da verkaufen Sie gewiß auch Honig?“
„Eine Mark das Pfund, prima Qualität.“
Die Besichtigung der Kirche endete mit einer Honigbestellung, mit einer
Einladung der werten Familie nach Kapellendorf, mit dem Versprechen,
dem Herrn Lehrer ein Buch zu leihen, nach dem er sich schon lange
sehnte, und mit des Herrn Lehrers tiefsten Verbeugungen nach vorn.
„Leonore,“ sagte der Mann, als sie wieder allein waren -- „wie fängst
du es nur mit den Leuten an? Alle geraten sie in Ergebenheit, sobald du
mit ihnen sprichst. Sogar dieser spröde Schullehrer!“
Sie lachte. „Ich bin so froh, nun kann ich alle Menschen ansprechen,
wenn ich mag. Weißt du, ich habe ihm auch gesagt, sein Junge sei ein
hübscher Junge, dann sorgt er gewiß dafür, daß ihn die Frau öfters
wäscht, und er braucht sich seiner nicht mehr vor Fremden zu schämen.
Ach du, was tätest du, wenn du auf einem solchen Dorfe Schulmeister
sein müßtest?“
„Ich machte es vielleicht wie Franz Schubert, der aus Zorn über seine
Lage den ganzen Tag die Kinder prügelte.“
„Nun wieder wie ein anderer! Meinst du nicht es müßte ganz schön sein,
sich so als der Verantwortliche über alle zu fühlen? So wie ein kleiner
Souverän?“
„Du liefest gewiß recht bald aus dem Schulhause fort in blaue Fernen.“
„Tun wir es jetzt,“ sagte sie, „aber nein, wir müssen nach Hause.“ --
Immer wieder konnte sie das alte Haus begrüßen, als käme sie von
weiten Fernen heim. Sie führte den Mann durch die Stuben, die er noch
nicht alle kannte. Immer wieder war wo ein verborgenes Treppchen,
das in ein kleines Zellengemach oder auf einen verborgenen Korridor
hinunterführte. Stuben voll alter Geräte waren da, mit verblaßten
Malereien oder kunstvollen Türschlössern.
„Was machen wir nun mit dem allem?“ fragte der Mann.
„Ja, hast du so viel Geld, daß wir den charaktervollen Maurer lange
behalten können?“
„Aber gewiß.“
„Dann wollen wir alles schön machen lassen -- frisch tünchen und
ausbessern --, und dann stellen wir deine Sammlungen auf und bekommen
das allerschönste Schloß der Welt. Aber jetzt müssen wir uns zu
Tisch zurechtmachen. Du hast jemand mitgebracht, der sagt: ~Madame
est servie~, da muß Madame auch ein langes Kleid anziehen, ein
feierliches, langes Kleid.“
Richard Freyer hatte Leonore gefragt gehabt, wo sie schlafen wolle
in Kapellendorf. Da hatte sie ihr Mädchenzimmer genannt und naiv
befohlen, er solle doch auch das haben, was er als Junge bewohnte. So
war es gemacht worden, und der Mann ging darauf ein, als sei es das
Natürlichste. So waren sie durch eine Zimmerflucht getrennt, aber die
Türen standen immer offen, und des Morgens riefen sie einander zu, ob
sie noch schliefen.
Als Leonore das stolze Kleid anhatte, kam Freyer herüber, sie abzuholen.
Sehr feierlich saß Leonore an dem Tisch, den ein männliches Wesen
bediente, das ~Madame est servie~ sagen konnte und bei Professor
Freyer schon lange in Diensten gewesen war. Sie dachte, das männliche
Wesen, das soviel von guter Sitte versteht, soll nicht denken, sein
Herr hat nur ein Wald- und Wiesenmädchen geheiratet. Es würde ihn doch
zu heftig enttäuschen. Später, wenn er einsieht, daß ich seinen Sitten
gewachsen bin, später vereinfachen wir uns ein wenig.
Nach Tisch mußte man in den Garten hinuntergehen, denn Richard
protestierte heftig, daß er mittags etwa gar schliefe. Nein, so alt
wäre er denn doch noch nicht, und von schwerer Arbeit müsse er sich
auch nicht erholen.
Nun machte Leonore allerlei Gartenpläne. Auch war manches da im Hofe
doch im Laufe der Jahre unschön, verwahrlost gelassen. Im Garten
standen die Malven voll Knospen -- und Leonore beschrieb, wie schön es
wäre, wenn sie alle errötend standen. Und dann kam es als heiße Freude
über sie: das alles gehört nun mir, das alles ist annehmbar unser. Und
sie liebte den dafür, der ihr alles geschenkt hatte.
Ob man nun am Nachmittag Besuche im Dorfe machen sollte oder einen
Spaziergang?
Sie überlegten das noch sehr, als sie schon weit über die Heidenhügel
hinausgekommen waren. Nun, da lag der Wald, wacholderumsäumt lag
die Halde vor ihnen. Hier müssen wir erst Grüß Gott sagen -- dann
später kommen die Menschen. Die Wacholdersäulen sind viel älter und
ehrwürdiger als die Einwohner von Kapellendorf. Es schickt sich nur,
daß wir zuerst zu ihnen kamen.
Doch sie saßen kaum an den Wacholdersäulen, als ein Trupp Mädchen
aus dem Wald kam. Sie trugen, so klein sie waren, Holzbündelchen, ob
rechtlich oder frei erworben, kümmerte sie nicht. Es kümmerte sie auch
nicht, daß niemand sie aufforderte, zu verweilen. Sie blieben stehen,
schwiegen eine Weile, dann kritisierten sie unbefangen Leonores Kleid,
ihren kleinen Hut und die Uhrkette, die Freyer anhatte.
„Heute ist wohl Holztag?“ fragte Leonore.
Ein munterer Braunkopf mit den glitzernden prächtigen und nicht allzu
treuen Augen der Thüringerin nahm sogleich das Wort: „Mir gähn immer
Sunnabend ins Hulze, meine Mutter spricht: dazu ist keene Schule.“
„Da hat die Mutter sehr recht.“
„Sie,“ sagte darauf die Rednerin entschlossen, „Sie, warum därfen mir
denn nicht mehr in den Bassäng baden, seit Sie gekummen sin? Mir haben
immer in den Bassäng baden därfen.“
„Weil ihr so schwarze Fische seid -- Tintenfische seid ihr.“
Die Kinder schrien: „Da derfier gähn mir doch nein, werd sich doch
keener baden, wo reine is.“
„So, wißt ihr das so genau? Warum sagt ihr aber nicht Weiher oder
Teich, sondern Bassäng?“
„So spricht der Lehrer, das ist ein Bassäng, spricht er.“
„Nun wir wollen sehen, vielleicht dürft ihr wieder hinein.“
„Aber balde -- es macht so heeß itze. Kumm, meine, mir machen itze
furt.“
Die Rednerin ergriff ein ganz kleines Mädchen am Arm. Aber das war
noch immer in den Anblick der Uhrkette versunken, wehrte sich und
sagte: „Ich bin nich deine, ich bin meiner Mutter seine.“
„Na du, ich soll doch aufpassen auf dir.“