Wieder lächelte der Mann verlegen erfreut. „Tu ich das?“

„Ja, du weißt, was zu dir paßt. Du hast jenes Stilgefühl für das eigene

Aussehen, das angeboren sein muß oder erst nach langem Nachdenken

erworben wird.“

„Du hast es auch, Leonore.“

„Das werden nicht alle Menschen finden. Ich sehe doch immer jungenhaft

aus. Wenn ich mich aber so richtig damenhaft anziehen wollte, weißt

du, so wie die Durchschnittsdame mit Seidenfetzchen am Kleid und

Spitzenstückchen und Schmucksachen, dann wäre ich gerade wie ein

Osterhase auf Ansichtskarten, dem man ein Mäntelein umgetan und einen

Zylinderhut aufgesetzt hat.“

„Gibt es solche Ansichtskarten?“ fragte er.

„Wenn wir uns mal getrennt haben, schicke ich dir eine.“

„Will mein Osterhäslein fortlaufen?“

„Das mußt du am besten wissen,“ antwortete sie lachend. „Wenn du dir

schon einen Osterhasen als Lebensgefährtin ausgesucht hast, dann mußt

du auch wissen, wie diese Tiere beschaffen sind. Ja, das mußt du.“

Sie gingen durch die Felder. Die standen grün und bekamen schon Ähren.

Und schon blühten vereinzelt am Rand die lieberoten Blumen des wilden

Mohns. Und die Lerchen stiegen auf in den Himmel -- stiegen, jubelten,

stiegen höher -- und taumelten dann, von Lust trunken, wie Blüten, die

von unsichtbaren Bäumen fallen, wieder herunter in das grüne Feld.

„d’Annunzio beendet den ersten Akt seines Dramas ‚Die tote Stadt‘ mit

den Worten einer Blinden: Irgendwo muß eine tote Lerche sein. Der, den

sie liebte, hatte sie ihr heimgebracht -- die kleine, tote Lerche, die

sich die Brust zersprengt hatte vor Jubel.“

Leonore antwortete ernsthaft: „Professor Freyer, ein Herr von großer

Rednergabe, wenn Sie ihn vielleicht kennen, pflegt seine junge Frau auf

Spaziergängen durch den Morgen von italienischen Dramen zu unterhalten.

Es ist dies ebenso lehrreich als bildend, denn es ist ganz rückständig,

in einer Lerche eine Lerche zu sehen, nachdem doch Gabriele d’Annunzio

die Lerche zum Symbol einer toten Stadt gemacht hat.“

Der Mann wurde ganz verlegen über diese Standrede. „Magst du es nicht

hören, wenn man von Büchern spricht?“

„Sehr gern mag ich das. Aber die Lerche des Gabriele ist ja schon lange

tot. Und hier um uns fliegen ganz neue. Die ersten Lerchen der Welt.“

Sie kamen zum Waldrand -- und Leonore setzte sich an der sonnigen Halde

nieder. Der Mann kam zu ihr und war zärtlich. Er küßte ihre jungen

Haare und küßte ihren freien Hals und die Hände, die braun und stark

und weich waren.

Sie konnte sich aber darein immer nicht recht finden. Ihr fielen

Worte leichter als Geberden. Und so kam sie zu ihm mit Worten einer

ritterlichen Zärtlichkeit -- mit Worten, die alles auslöschen sollten,

was seine Jugend trübe gemacht hatte -- mit Worten, die vielleicht

nach Liebe klangen und die ihr doch nur die Gerechtigkeit des Lebens

schienen.

„Du bist so gesund, du,“ sagte sie, „ich freue mich immer daran, wenn

ich dich ansehe. So einen festen, schwarzen Pelz hast du auf deinem

Kopf, und dein Bart könnte gewiß so lang wachsen, daß du mich an ihm

aus einem tiefen Brunnen ziehen könntest, wenn ich hineinfiele.“

„Möchtest du mich denn noch, wenn ich einen so grauslichen Bart hätte?“

„Probier’s doch!“

Plötzlich war sie fort von ihm. Sie lief einer Eidechse nach, die durch

das storre Gras geraschelt war. Und dann kam sie wieder und hatte das

Tierlein auf ihrer braunen Hand.

„Siehst du, dem jungen Sommer zu Ehren hat es sich ganz smaragdgrün

angezogen, daß es nicht vom Grase absticht. Und die armen Mücken meinen

dann, es ist ein freundliches, grünes Blatt, auf das sie sich setzen --

sieh doch, wie es guckt! Ja, du Eidechsin, du junge, was willst denn

du? Sei froh, daß ich nicht so böse bin wie ich aussehe, sonst nähme

ich dich mit heim und sperrte dich in einen Glaskasten, und du müßtest

ein Familientier sein! Lauf’ doch, adieu, geh fort!“

Aber die Eidechsin wollte bleiben; sie lief in Leonores Ärmel hinein,

kam beim Hals wieder heraus, und es gefiel ihr da auf der warmen Haut

so gut, daß sie sich ruhig niederließ.

„Mögen dich alle Tiere so gern leiden?“

„Die merken es schon, wenn man sie lieb hat.“

Nach einer Weile sagte Leonore: „Wenn du erlaubst, bin ich jetzt recht

hungrig. Da drüben ist eine Kirche, folglich gibt es auch eine Schenke.

Führst du mich hin und bestellst du auch das Wunderschönste zum Essen?“

Er war bereit. Im Dorf herrschte schon volle Tagesgeschäftigkeit.

In der Schenke stand eine Frau am Herde, mit der begann Freyer eine

Beratung. Das dauerte gar lange, und als er endlich die Gaststube

betrat, fand er Leonore in eifrigem Gespräch mit einem alten

Handwerksburschen.

„Junges Fräulein,“ sagte der Handwerksbursch von verwittertem Aussehen,

„ich darf sagen, daß ich die Welt kenne. Ich bin im Preißischen gewest

und im Welschland und im Elsaß, und überall war ich g’ehrt und g’acht.“

„Und hab’ es doch zu nichts gebracht,“ reimte Leonore, aber sie sah den

Verwitterten so freundlich dazu an, daß der gar nicht beleidigt war,

sondern in ihr Lachen einstimmte.

„Junges Fräulein -- ah, da ist der Herr Papa, ich hab’ die Ehre --“

„’s ist doch mein Hochzeiter, Wandersmann.“

Der Wandersmann hatte Takt und Bildung und bemäntelte den

begreiflichen Irrtum. Er sagte: „Hab mich nur rewantschiert, junge

gnädige Frau, für das ‚zu nix bracht haben‘.

Blüte und Apfel an einem Baum,

Das ist der schönste Lebenstraum,

sagt man bei uns.“

„Woher sind Sie denn, Wandersmann?“

„Geltens, das heert man niche! Ich spreche eine internationalische

Sprache. Wenn man in der Welt g’ehrt und g’acht sein will, da därf

man seine Mundart nich reden. Also, ich bin ein g’lernter Maurer, die

Stadt Närrnberg blickte auf meine Wiege. An der hat man mir auch nicht

gesungen, daß ich als alter Mann noch ein reisender Etranschär im

fremden Lande wäre.“

„Wissen Sie denn noch, was man an Ihrer Wiege gesungen hat?“

Kapellendorf · 第 29 / 43 题