Sommerstunden.
„An einem Sommermorgen ward ich jung.“
Novalis.
Sie wußte nicht, ob sie über ihn lachen oder weinen sollte. Denn er war
gänzlich hülflos. Wohl -- er hatte ihr oft gesagt, daß er sie liebe. Er
hatte ihr Kapellendorf geschenkt. Und nun stand er da und wußte sich
nicht zu helfen. Wie ein Kind stand er da; man hat ihm alles gebracht,
das Haus zu erbauen: behauene Steine, Balken, Türen, Fenster, Sand,
Kalk und alles Geräte. Aber das Kind kann das Haus nicht aufrichten.
Wie ein Kind, das spielen will und es doch nur mit einem leitenden
Gefährten vermag, kam er ihr vor.
Sie dachte: der Kaspar Mühlfund hat keine Jugend gehabt. Unter den
Bauern wurde er herumgestoßen, bis ihn die Großeltern aufnahmen. Und
dann war er ehrgeizig und lernte in Eile die Schule durch. Dann betrog
man ihn, stieß ihn wieder in den Kampf. Später ist er ein angesehener
Mann geworden -- und jetzt möchte er gut zu mir sein, möchte jung sein,
und er weiß doch nicht, wie er es anfangen soll.
Ein mütterliches Gefühl kam über Leonore. Sie wollte ihm die Jugend,
die er nie gehabt hatte, neu schenken. Man mußte nicht an das Glück
denken, das stolz und glühend war, wie ein Jahrtausend voll großer
Taten. Nicht jetzt.
Das Leben -- Kapellendorf -- Leonore hatten dem Kaspar Mühlfund eine
alte Schuld zurückzugeben: die leichte, frohe, spielende Jugend.
O, nun wußte sie es. Nun brauchte sie nicht mehr zu bangen, nicht mehr
zu denken, ob denn das auch eine richtige Ehe war, wie sie ehrliche
Menschen hatten. Nun wußte sie es: darum hatte sie nicht nein sagen
können in dem alten Gartenhaus, als ihr Herz nach einer Antwort irrte.
Und darum hatte sie seinen Trost genommen in der bangen Nacht des
einsamen Hauses, in dem ein Toter lag. Darum war sie mit ihm gegangen
und nannte sich Leonore Freyer; sie wollte ihm, der ihr ein lieber
Kamerad war, der so hülflos vor ihr stand, die nie gelebte frohe, erste
Jugend schaffen. Wie konnte er etwas vom Glück wissen, das wir leuchten
sehen durch die ferne Dämmerung verheißungsvoller Frühlingsnächte --
wie konnte er es wissen, er, dem man seine Jugend gemordet hatte? O,
nun war alles gut. Nun wußte sie alles. Nun lag kein Kummer und kein
Bangen mehr in ihrem Herzen.
* * * * *
So früh war es noch, daß das Land still lag, als erwartete es den
Tag der Pfingsten. Die Luft war voll von blauem Nebel, der wogte wie
Schleier um die Sonne und putzte sie so blank und hell, daß es schien,
als sei sie etwas ganz Neues, Junges, das dem ersten Morgen entsteigt.
Der Mann und das Kind traten aus dem Tor. „Nun wandern wir ins
Abenteuerland,“ sagte sie und lief voll Freude in den goldenen Dunst
des Morgens hinein. „Siehst du mich noch, Richard?“
Er eilte hinter ihr her. O ja, er sah sie schon, er konnte lange
Schritte machen und blieb nicht weit zurück. -- „Wohin gehen wir?“
fragte er, als er sie wieder erreicht hatte.
„Wohin wir gehen? O, das wollen wir nicht wissen, das werden wir schon
finden.“
Das Dorf lag bald hinter ihnen. Der Hohlweg führte hinauf zur freien
Höhe.
„Siehst du, Richard, da schlafen alle Blumen noch. Die blauen Glocken
haben sich geschlossen, und die Erdbeerblüten ruhen noch ein wenig von
ihren Pflichten aus. Sie müssen sich ja so schrecklich eilen: kaum
haben sie ihr goldenes Pelzherzchen, da soll es schon grün sein: kaum
ist es grün, so sieht es der Wanderer an, ob es das Erröten noch nicht
lernt. Und erst muß es doch weiß werden --“
Sie hatte sich herunter gebeugt zu den Erdbeerblüten am Wegrand.
„Adieu, kleine Blumen, und eilt euch nicht so sehr. Seid klug
wie sparsame Menschen, die sich zwölfmal besinnen, ehe sie sich
verschenken.“
„Es muß an sonnigen Stellen doch jetzt schon Erdbeeren geben,“ meinte
der Mann.
„Wir wollen ihnen nichts tun. Wir wollen sie alle das Fest des Sommers
feiern lassen. Komm doch, komm -- hier sind wir oben, und alles ist
voll Sonne. Nun müssen wir tapfer laufen -- dem Wind nach. Fühlst du,
wohin er streicht?“
Sie nahm den kleinen Hut ab und wartete, der Wind möchte über ihre
Knabenhaare weggehen und sie ein wenig zausen.
Aber es war ganz still, ganz morgendlich klar lag die Luft, und die
alte Mühle oben stand ernsthaft und stumm und sah gleich einem grollend
zur Untätigkeit verdammten rüstigen Alten, dem man sein Amt genommen
hat, ins Weite. „Komm, Richard, wir wollen der Mühle einen guten Morgen
sagen. Ach, du mußt nicht auch ein Gesicht machen, so ernst wie die
Mühle. Heut ist doch Feiertag.“
Sie standen dort, wo man einst den Kaspar Mühlfund aufgelesen hatte.
Leonore setzte sich ins Gras -- sie sagte halb singend, halb horchend
vor sich hin:
All’, was vergangen,
Will Wiedererlangen,
All’, was gewesen,
Sei neu erlesen,
All’, was betrübte,
Sei nun das Geliebte,
All’, was gut und gestorben,
Neu sei es erworben,
Und allen lieben Toten in der Erde
In uns heut Auferstehung werde --
„Was ist das für ein Lied?“ fragte er.
„Es ist kein Lied, man sagt doch manchmal, was einem gerade einfällt,
vor sich hin. Das hat man doch oft, man hört irgendwo etwas, in der
Luft, im Wald, man sagt es dann. Denk doch nur, was der Wind alles
hört, was er alles mitnimmt von Lippen, die flüstern, oder lachen,
oder weinen. Und wenn er dann an unsern Ohren vorbeikommt, fangen sie
irgendeinen Ton auf, wie eine Melodie von Worten, und dann muß man
es sagen. Hörst du denn nie auf den Wind? Du -- komm doch -- komm
doch zu mir, Käsperlein Mühlfund, weißt du noch, wie es damals war
in ferner Zeit? Der Wind ist dein Pate gewesen hier oben -- der Wind
hatte dich lieb -- o, der erzählt mir hier wunderschöne Sachen von
dir, wie du klein warst und ganz winzig jung. Bist solange in der
Welt herumgelaufen und hast einen schwarzen Bart gekriegt und ganz
messertiefe Striche um den Mund. Warte nur, die nimmt dir der Wind im
weimarischen Land wieder fort, bis du wieder ein kleines Käsperlein
bist, das so schön lachen kann. Ich weiß schon, wie du bist, der Wind
hat mir alles verraten. Er geht ja nur ganz leise, die alte, schwere
Windmühle streichelt er bloß, aber weil sie so alt und dumm ist, merkt
sie es gar nicht.“
Der Mann saß neben dem Kind, und er hielt ihre Hand, und sie ließ sie
ihm. Er fragte mit der scheuen Neugier eines Menschen, der es ganz
entwöhnt war, daß jemand mit Zärtlichkeit seinem Leben nachspürt:
„Leonore, was sagt dir der Wind von mir?“
Sie lächelte sanft, weich und antwortete langsam: „Er sagt mir, daß
da ein kleines Büblein war, ein braunes, kleines Jungchen, das ist
in die Welt gekommen und wußte nicht woher. Oft lag es draußen und
dachte, andere kleine Käsperlein die haben Brüder und Schwestern, und
ich bin so allein. Aber immer, wenn es traurige Sachen denken wollte,
dann ist der Wind gekommen, der frohe, warme Sommerwind, und hat ihn
eingeschläfert, und die Blumen haben dazu genickt, die haben Ja und
Amen dazu gesagt und ihn von schönen Gärten träumen lassen, in denen
ein kleines Hündlein auf ihn zusprang, das hatte das allerschönste Fell
und bellte so freundlich; das hieß: Ich bin dein Hündlein und gehöre
dir! Später, als der Kaspar schon größer war, da hat ihm der Wind
erzählt, daß er ein Freigeborner ist, einer, den nichts bindet, nichts
hält, nichts verpflichtet, einer, der rechtlos ist und darum sich
alles rauben darf; einer, dem +nichts+ gehört oder +die ganze
Welt+ -- ein Freier, ein Selbstgewordener, nach dem niemand fragt
und der kein lastendes Erinnern zu tragen hat, einer, für den die Welt
neu geschaffen wurde.“
Das halb verlegene, halb glückliche Lächeln auf Freyers Gesicht
verschwand. Die scharfen Striche um den Mund traten schärfer hervor.
„Ich habe meine Kompromisse mit der Welt gemacht!“
„O, das war eine andere Welt als die, über die der Wind, dein Pate,
geht. Die ist ganz versunken und verloren, die ist böse, und die lassen
wir nicht in uns neu werden. Die tun wir fort -- hörst du mich, das ist
alles vorüber, Richard.“
Sie beugte sich über ihn, der im Grase lag. „Quält dich noch etwas,
das fern ist? Quält es dich? Dann wollen wir es dem Wind erzählen, und
der trägt es weit fort, zu seinem Ursprung zurück -- und alles ist
vergangen und beendet.“
„Du,“ sagte er, „Liebe, du, wenn ich bei dir bin, ist nichts.“
„Wir sind ja immer beieinander.“ Sie strich mit ihrer leichten Hand
über sein Haar. „Komm, nun sagen wir der Mühle wieder adieu. Nun gehen
wir mit dem Wind ins Land.“
Sie streckte die Arme aus, als wollte sie den Morgen umfangen. Und dann
nahm sie raschen Schrittes den nächstliegenden Weg auf.
Ein Wandersmann kam ihnen entgegen. Es war ein Jüngling, der sich
den ersten Bart um Lippen und Wangen wachsen ließ und aussah wie ein
Krähenküken. Er hatte den Hut mit einer Metallzwecke am Rock befestigt,
er trug Sandalen an den strumpflosen Füßen, und seine Brust zierte
ein Wollhemd, das eine rote Krawatte noch besonders zum Ansehen
aufforderte. Also ausgerüstet, dokumentierte der Vielhaarige, daß er
beschlossen habe, sich mit seinen Gewohnheiten, soweit dies in einem
zivilisierten Staat möglich ist, der Natur zu nähern.
„Herr Wandersmann,“ redete ihn Leonore an, „wo ist denn der schönste
Weg? Wir möchten es gern wissen!“
Diese unerwartete, ungewohnte Ansprache nötigte den Jüngling, um
seine Fassung bewahren zu können, sich für einen Augenblick in die
Schranken der Konvenienz zurückzubegeben. Er stammelte: „Mein Name ist
S--treckhorn, ich bin hier leider zu fremd, um ihnen Beis--tand leisten
zu können. Doch s--teht nicht weit von hier ein Wegweiser!“
Leonore lachte ihn an. „Steht denn auf dem Wegweiser, wohin der
schönste Weg führt?“
„O, Verzeihung, ich dachte, Sie s--prächen von dem Namen eines Dorfes.“
Sie sah auf den Jüngling, der mit der Uhr in der Hand seinen
ausgerechneten Morgengang machte. „Sie können uns also nicht helfen,
Herr Wandersmann? Nun, dann leben Sie wohl!“
„Verzeihung,“ stammelte der junge Mann, machte eine Verbeugung und
kehrte dann zur Natur zurück.
Sie sahen ihn noch eine Weile eifrig, pflichtgemäß die S--trecke
gehen, die er für diesen Tag sich ausgerechnet hatte. Leonore sagte:
„Herr S--treckhorn trinkt nur Wasser und Limonade. Er s--teht mit dem
Morgengrauen auf und läuft seine S--trecke ab. Und er lebt der Natur.
Mit dem Wollhemd von brauner Farbe nähert er sich dem schuldlosen
Tier, und die rote Krawatte verkündet seine Freude, ein Bekehrter zu
sein. Es ist sein Manness--tolz, mit bloßen Füßen eine Gesellschaft
von Unnatürlichen zu s--trafen. Er sieht schon fast aus wie ein
Alldeutscher, aber niemandem würde er je ein Leid tun. Er sieht in
Gedanken schon das Neuland, wo alle in Wollhemden Feste der Natur
feiern. In Wollhemden und in Schönheit. Ach, du, Richard, wie gut ist
es doch, daß du von selbst weißt, wie man sich anziehen muß.“