V.

Sommerstunden.

„An einem Sommermorgen ward ich jung.“

Novalis.

Sie wußte nicht, ob sie über ihn lachen oder weinen sollte. Denn er war

gänzlich hülflos. Wohl -- er hatte ihr oft gesagt, daß er sie liebe. Er

hatte ihr Kapellendorf geschenkt. Und nun stand er da und wußte sich

nicht zu helfen. Wie ein Kind stand er da; man hat ihm alles gebracht,

das Haus zu erbauen: behauene Steine, Balken, Türen, Fenster, Sand,

Kalk und alles Geräte. Aber das Kind kann das Haus nicht aufrichten.

Wie ein Kind, das spielen will und es doch nur mit einem leitenden

Gefährten vermag, kam er ihr vor.

Sie dachte: der Kaspar Mühlfund hat keine Jugend gehabt. Unter den

Bauern wurde er herumgestoßen, bis ihn die Großeltern aufnahmen. Und

dann war er ehrgeizig und lernte in Eile die Schule durch. Dann betrog

man ihn, stieß ihn wieder in den Kampf. Später ist er ein angesehener

Mann geworden -- und jetzt möchte er gut zu mir sein, möchte jung sein,

und er weiß doch nicht, wie er es anfangen soll.

Ein mütterliches Gefühl kam über Leonore. Sie wollte ihm die Jugend,

die er nie gehabt hatte, neu schenken. Man mußte nicht an das Glück

denken, das stolz und glühend war, wie ein Jahrtausend voll großer

Taten. Nicht jetzt.

Das Leben -- Kapellendorf -- Leonore hatten dem Kaspar Mühlfund eine

alte Schuld zurückzugeben: die leichte, frohe, spielende Jugend.

O, nun wußte sie es. Nun brauchte sie nicht mehr zu bangen, nicht mehr

zu denken, ob denn das auch eine richtige Ehe war, wie sie ehrliche

Menschen hatten. Nun wußte sie es: darum hatte sie nicht nein sagen

können in dem alten Gartenhaus, als ihr Herz nach einer Antwort irrte.

Und darum hatte sie seinen Trost genommen in der bangen Nacht des

einsamen Hauses, in dem ein Toter lag. Darum war sie mit ihm gegangen

und nannte sich Leonore Freyer; sie wollte ihm, der ihr ein lieber

Kamerad war, der so hülflos vor ihr stand, die nie gelebte frohe, erste

Jugend schaffen. Wie konnte er etwas vom Glück wissen, das wir leuchten

sehen durch die ferne Dämmerung verheißungsvoller Frühlingsnächte --

wie konnte er es wissen, er, dem man seine Jugend gemordet hatte? O,

nun war alles gut. Nun wußte sie alles. Nun lag kein Kummer und kein

Bangen mehr in ihrem Herzen.

* * * * *

So früh war es noch, daß das Land still lag, als erwartete es den

Tag der Pfingsten. Die Luft war voll von blauem Nebel, der wogte wie

Schleier um die Sonne und putzte sie so blank und hell, daß es schien,

als sei sie etwas ganz Neues, Junges, das dem ersten Morgen entsteigt.

Der Mann und das Kind traten aus dem Tor. „Nun wandern wir ins

Abenteuerland,“ sagte sie und lief voll Freude in den goldenen Dunst

des Morgens hinein. „Siehst du mich noch, Richard?“

Er eilte hinter ihr her. O ja, er sah sie schon, er konnte lange

Schritte machen und blieb nicht weit zurück. -- „Wohin gehen wir?“

fragte er, als er sie wieder erreicht hatte.

„Wohin wir gehen? O, das wollen wir nicht wissen, das werden wir schon

finden.“

Das Dorf lag bald hinter ihnen. Der Hohlweg führte hinauf zur freien

Höhe.

„Siehst du, Richard, da schlafen alle Blumen noch. Die blauen Glocken

haben sich geschlossen, und die Erdbeerblüten ruhen noch ein wenig von

ihren Pflichten aus. Sie müssen sich ja so schrecklich eilen: kaum

haben sie ihr goldenes Pelzherzchen, da soll es schon grün sein: kaum

ist es grün, so sieht es der Wanderer an, ob es das Erröten noch nicht

lernt. Und erst muß es doch weiß werden --“

Sie hatte sich herunter gebeugt zu den Erdbeerblüten am Wegrand.

„Adieu, kleine Blumen, und eilt euch nicht so sehr. Seid klug

wie sparsame Menschen, die sich zwölfmal besinnen, ehe sie sich

verschenken.“

„Es muß an sonnigen Stellen doch jetzt schon Erdbeeren geben,“ meinte

der Mann.

„Wir wollen ihnen nichts tun. Wir wollen sie alle das Fest des Sommers

feiern lassen. Komm doch, komm -- hier sind wir oben, und alles ist

voll Sonne. Nun müssen wir tapfer laufen -- dem Wind nach. Fühlst du,

wohin er streicht?“

Sie nahm den kleinen Hut ab und wartete, der Wind möchte über ihre

Knabenhaare weggehen und sie ein wenig zausen.

Aber es war ganz still, ganz morgendlich klar lag die Luft, und die

alte Mühle oben stand ernsthaft und stumm und sah gleich einem grollend

zur Untätigkeit verdammten rüstigen Alten, dem man sein Amt genommen

hat, ins Weite. „Komm, Richard, wir wollen der Mühle einen guten Morgen

sagen. Ach, du mußt nicht auch ein Gesicht machen, so ernst wie die

Mühle. Heut ist doch Feiertag.“

Sie standen dort, wo man einst den Kaspar Mühlfund aufgelesen hatte.

Leonore setzte sich ins Gras -- sie sagte halb singend, halb horchend

vor sich hin:

All’, was vergangen,

Will Wiedererlangen,

All’, was gewesen,

Sei neu erlesen,

All’, was betrübte,

Sei nun das Geliebte,

All’, was gut und gestorben,

Neu sei es erworben,

Und allen lieben Toten in der Erde

In uns heut Auferstehung werde --

„Was ist das für ein Lied?“ fragte er.

„Es ist kein Lied, man sagt doch manchmal, was einem gerade einfällt,

vor sich hin. Das hat man doch oft, man hört irgendwo etwas, in der

Luft, im Wald, man sagt es dann. Denk doch nur, was der Wind alles

hört, was er alles mitnimmt von Lippen, die flüstern, oder lachen,

oder weinen. Und wenn er dann an unsern Ohren vorbeikommt, fangen sie

irgendeinen Ton auf, wie eine Melodie von Worten, und dann muß man

es sagen. Hörst du denn nie auf den Wind? Du -- komm doch -- komm

doch zu mir, Käsperlein Mühlfund, weißt du noch, wie es damals war

in ferner Zeit? Der Wind ist dein Pate gewesen hier oben -- der Wind

hatte dich lieb -- o, der erzählt mir hier wunderschöne Sachen von

dir, wie du klein warst und ganz winzig jung. Bist solange in der

Welt herumgelaufen und hast einen schwarzen Bart gekriegt und ganz

messertiefe Striche um den Mund. Warte nur, die nimmt dir der Wind im

weimarischen Land wieder fort, bis du wieder ein kleines Käsperlein

bist, das so schön lachen kann. Ich weiß schon, wie du bist, der Wind

hat mir alles verraten. Er geht ja nur ganz leise, die alte, schwere

Windmühle streichelt er bloß, aber weil sie so alt und dumm ist, merkt

sie es gar nicht.“

Der Mann saß neben dem Kind, und er hielt ihre Hand, und sie ließ sie

ihm. Er fragte mit der scheuen Neugier eines Menschen, der es ganz

entwöhnt war, daß jemand mit Zärtlichkeit seinem Leben nachspürt:

„Leonore, was sagt dir der Wind von mir?“

Sie lächelte sanft, weich und antwortete langsam: „Er sagt mir, daß

da ein kleines Büblein war, ein braunes, kleines Jungchen, das ist

in die Welt gekommen und wußte nicht woher. Oft lag es draußen und

dachte, andere kleine Käsperlein die haben Brüder und Schwestern, und

ich bin so allein. Aber immer, wenn es traurige Sachen denken wollte,

dann ist der Wind gekommen, der frohe, warme Sommerwind, und hat ihn

eingeschläfert, und die Blumen haben dazu genickt, die haben Ja und

Amen dazu gesagt und ihn von schönen Gärten träumen lassen, in denen

ein kleines Hündlein auf ihn zusprang, das hatte das allerschönste Fell

und bellte so freundlich; das hieß: Ich bin dein Hündlein und gehöre

dir! Später, als der Kaspar schon größer war, da hat ihm der Wind

erzählt, daß er ein Freigeborner ist, einer, den nichts bindet, nichts

hält, nichts verpflichtet, einer, der rechtlos ist und darum sich

alles rauben darf; einer, dem +nichts+ gehört oder +die ganze

Welt+ -- ein Freier, ein Selbstgewordener, nach dem niemand fragt

und der kein lastendes Erinnern zu tragen hat, einer, für den die Welt

neu geschaffen wurde.“

Das halb verlegene, halb glückliche Lächeln auf Freyers Gesicht

verschwand. Die scharfen Striche um den Mund traten schärfer hervor.

„Ich habe meine Kompromisse mit der Welt gemacht!“

„O, das war eine andere Welt als die, über die der Wind, dein Pate,

geht. Die ist ganz versunken und verloren, die ist böse, und die lassen

wir nicht in uns neu werden. Die tun wir fort -- hörst du mich, das ist

alles vorüber, Richard.“

Sie beugte sich über ihn, der im Grase lag. „Quält dich noch etwas,

das fern ist? Quält es dich? Dann wollen wir es dem Wind erzählen, und

der trägt es weit fort, zu seinem Ursprung zurück -- und alles ist

vergangen und beendet.“

„Du,“ sagte er, „Liebe, du, wenn ich bei dir bin, ist nichts.“

„Wir sind ja immer beieinander.“ Sie strich mit ihrer leichten Hand

über sein Haar. „Komm, nun sagen wir der Mühle wieder adieu. Nun gehen

wir mit dem Wind ins Land.“

Sie streckte die Arme aus, als wollte sie den Morgen umfangen. Und dann

nahm sie raschen Schrittes den nächstliegenden Weg auf.

Ein Wandersmann kam ihnen entgegen. Es war ein Jüngling, der sich

den ersten Bart um Lippen und Wangen wachsen ließ und aussah wie ein

Krähenküken. Er hatte den Hut mit einer Metallzwecke am Rock befestigt,

er trug Sandalen an den strumpflosen Füßen, und seine Brust zierte

ein Wollhemd, das eine rote Krawatte noch besonders zum Ansehen

aufforderte. Also ausgerüstet, dokumentierte der Vielhaarige, daß er

beschlossen habe, sich mit seinen Gewohnheiten, soweit dies in einem

zivilisierten Staat möglich ist, der Natur zu nähern.

„Herr Wandersmann,“ redete ihn Leonore an, „wo ist denn der schönste

Weg? Wir möchten es gern wissen!“

Diese unerwartete, ungewohnte Ansprache nötigte den Jüngling, um

seine Fassung bewahren zu können, sich für einen Augenblick in die

Schranken der Konvenienz zurückzubegeben. Er stammelte: „Mein Name ist

S--treckhorn, ich bin hier leider zu fremd, um ihnen Beis--tand leisten

zu können. Doch s--teht nicht weit von hier ein Wegweiser!“

Leonore lachte ihn an. „Steht denn auf dem Wegweiser, wohin der

schönste Weg führt?“

„O, Verzeihung, ich dachte, Sie s--prächen von dem Namen eines Dorfes.“

Sie sah auf den Jüngling, der mit der Uhr in der Hand seinen

ausgerechneten Morgengang machte. „Sie können uns also nicht helfen,

Herr Wandersmann? Nun, dann leben Sie wohl!“

„Verzeihung,“ stammelte der junge Mann, machte eine Verbeugung und

kehrte dann zur Natur zurück.

Sie sahen ihn noch eine Weile eifrig, pflichtgemäß die S--trecke

gehen, die er für diesen Tag sich ausgerechnet hatte. Leonore sagte:

„Herr S--treckhorn trinkt nur Wasser und Limonade. Er s--teht mit dem

Morgengrauen auf und läuft seine S--trecke ab. Und er lebt der Natur.

Mit dem Wollhemd von brauner Farbe nähert er sich dem schuldlosen

Tier, und die rote Krawatte verkündet seine Freude, ein Bekehrter zu

sein. Es ist sein Manness--tolz, mit bloßen Füßen eine Gesellschaft

von Unnatürlichen zu s--trafen. Er sieht schon fast aus wie ein

Alldeutscher, aber niemandem würde er je ein Leid tun. Er sieht in

Gedanken schon das Neuland, wo alle in Wollhemden Feste der Natur

feiern. In Wollhemden und in Schönheit. Ach, du, Richard, wie gut ist

es doch, daß du von selbst weißt, wie man sich anziehen muß.“

Kapellendorf · 第 28 / 43 题