Und ihre Ritterlichkeit erwachte. O -- sie wußte nicht, hätte sie
entfliehen sollen, ehe er das Zauberwort sprach? Hätte sie es nie bis
zu dieser Aussprache kommen lassen dürfen? Plötzlich errötete sie. Es
ist anders, wenn ein vierzigjähriger Mann von Freundschaft redet, als
wenn ein Jüngling es sagt. Hatte sie Richard Rechte gegeben? Hätte sie
als Erwachsene nicht so mit ihm sein dürfen, wie als ein halbes Kind
zu den andern Freunden? Wenn sie doch jemand fragen könnte -- Kelt --
der wußte alles -- die Großmutter --. Und sie sagte: „Was hat denn
Großmutter -- haben Sie mit Großmutter --“
„Ich habe Großmutter alles erzählt. Mein ganzes Leben. Sie war sehr gut
zu mir. Und sie sagte, wenn du ja sagst, ist es ihr lieb.“
Wieder schwieg Leonore.
Der Mann beugte sich zu ihr herunter. „Leonore, ist es, daß ich eine
Frau gehabt habe?“
Wie, was ging das Leonore an? Was gingen sie seine Dinge an, die vor
ihr lagen? Wie sie vielleicht kaum gelebt hatte.
Plötzlich sah sie, der Mann weinte. Ganz armselig stand der große,
breite Mann da und weinte. „Warum weinst du denn, o Gott, du sollst
doch nicht weinen?“
„Leonore, mit dir wollte ich wieder jung sein. Mit dir zurückgehen in
die alte Heimat, in die Jugend. Soll ich wieder fortgehen, Leonore,
willst du nicht mit mir nach Kapellendorf?“
Sie wußte nichts mehr. Sie hörte nur das alte geliebte Wort. „Du sollst
nicht fortgehen, Lieber.“
Er umschlang sie. Noch küßte er sie nicht. „Leonore, Liebe, ist es denn
wahr? Und du glaubst, daß du mit mir glücklich wirst?“
„Ja,“ sagte sie plötzlich frei. „O, wir wollen glücklich sein. Wir
wollen Kapellendorf haben und das alte Land. Und das Schloß am
Ettersberg wollen wir durch die Dämmerungen leuchten sehen -- und alles
soll glühen -- wie ein Jahrtausend soll das Glück sein, glühend von
großen Taten.“
So fabelte Leonore. Und sie berauschte sich selbst an den Gedanken. War
er nicht ein Kind, der Mann neben ihr -- o, sie wollte mit ihm spielen,
mit ihm warten, ja, und dann sollte das Glück kommen -- leuchtend durch
Dämmerungen, wie das weiße Schloß am Ettersberg.
„Du,“ sagte sie, „wir müssen hinein -- so lange wartet Großmutter
schon.“
„Hast du mich lieb, Leonore?“
„Ja ich habe dich lieb, komm!“
Die Großmutter saß ganz still. Ganz leise redete sie mit dem einstigen
Pflegesohn. Ihren Jungen nannte sie ihn. Und sie hielt Leonores Hände.
Es war Leonore plötzlich, als begriffe die alte Frau alles gar nicht
mehr. Sie verwechselte Namen, fragte, ob der Vater denn nicht käme --
aber dabei sah sie so strahlend und froh aus. Und nach einer Weile
wollte sie schlafen gehen. Freyer verabschiedete sich. Er küßte beiden
die Hände, nannte die Großmutter Mama.
Wie in einem wunderlichen Traum war Leonore um die Großmutter. Sie bat
sie, noch ein wenig an ihrem Bett zu sitzen -- lächelte -- lächelte --
Und Leonore sprach von Kapellendorf. Aber mitten in einem Satz hörte
sie erschrocken auf. Die Großmutter hatte einen sonderbaren kleinen
Laut ausgestoßen. Leonore beugte sich über sie. Ja -- die alte Frau war
tot. Mit einem Lächeln der Freude war sie sanft hinübergeglitten. Sie
hatte ja nun nichts mehr zu tun.
Leonore war ohne Fassung. Sie wußte nicht, was sie tat. Sie stand
plötzlich -- oder war es lange später -- am Fenster -- sah hinunter.
Da ging Richard den einsamen Weg vor dem Hause auf und ab. Sie rief
ihm. Er kam. Die lange, bange Nacht blieb er mit ihr neben der Toten in
dem einsamen Hause. Die lange, bange Nacht trug er mit ihr den Schmerz.
Und als der Morgen dämmerte nach der langen, bangen Nacht und das
Frühlicht ihnen in die Augen sah, da wußte Leonore, er, der ihr Freund
und Hüter gewesen war in der Nacht des Todes -- der hatte nun ein
Anrecht auf sie -- ihm würde sie sich geben müssen. Ja, ihm würde sie
alles geben.
* * * * *
Vielleicht hätte unter andern Verhältnissen Leonore dem Richard Freyer
am andern Tage gesagt, es wäre doch alles ein Traum gewesen und sie
wollte immer sein guter Kamerad bleiben -- aber er möge sie doch nicht
heiraten wollen. Vielleicht hätte Leonore unter andern Verhältnissen
das gesagt. Aber er war ihr in der langen, bangen Nacht in dem
vereinsamten Hause Freund und Hüter gewesen. Den großen Schmerz hatte
er mit ihr getragen.
Während der Zeit der Einsamkeit und der Trauer verließ er sie nicht.
Wen hatte sie denn noch, seit die Großmutter tot war? Alle andern
lebten ihr eigenes Leben, sie fühlte das plötzlich stark. Und so sagte
sie nur ein stilles Ja, als nicht viele Wochen, nachdem die Großmutter
begraben war, an einem Nachmittag Richard Freyer sie fragte, ob sie mit
ihm auf das Standesamt gehen wollte. Es sei der Menschen wegen besser,
nicht länger damit zu warten.
Der Oberförster und sein Sohn Paul, der noch vom Begräbnis her da
war, gingen mit ihnen. Der Handlung war alles Feierliche, alles
Ungewöhnliche genommen. Die Einsetzung eines Vormundes fiel dadurch
fort. Der Bürgermeister sagte ein paar gutgemeinte Worte, daß die
Großmutter noch die Freude erlebt habe, und wie es begreiflich sei, daß
man kein Fest feiere, sondern nur in aller Stille den einander vor der
nun Toten gegebenen Verspruch vollziehe.
Leonore kamen die Tränen, wie immer, wenn man von der Großmutter sprach
-- sie sah den kahlen Amtsraum -- die vier Männer -- sie schrieb ganz
mechanisch Leonore Freyer, geborene Wolfferstorff, unter die Urkunde
und ging an Richards Arm nach Hause.
Dort war die Cousine Klothilde und weinte, und die Tante Charlottchen
weinte, und alles kam Leonore so unwirklich vor wie der Tod. Richard
wollte nun bald abreisen -- um in Kapellendorf alles Nötige zu besorgen.
Es war nicht ihre Tischstunde, als man vom Standesamt nach Hause kam --
so zwischen fünf und sechs Uhr am Nachmittag. Freyer bat Leonore, mit
ihm spazieren zu gehen. Das schien allen eine Erleichterung.
Sie ging mit ihm -- sehr still gingen sie dem kommenden Abend entgegen,
über die Höhe dem Walde zu. Ihr war es beklommen, sonderbar zumute.
Vor der Trauung waren sie alle auf dem Kirchhof gewesen. Freyer hatte
geweint. War er denn so arg unglücklich? Sie wußte nicht, daß er sich
seiner Eile fast schämte. Daß er das Gefühl nicht los bekam, Leonores
Stimmung mißbraucht zu haben.
Sie kamen in den Wald. Da war es schon ein wenig dämmerig, und rasch
stieg Leonore hügelan, um auf die freie Höhe zu kommen. Da oben stand
noch rostrotes Gras vom gewesenen Jahr, rostrotes Laub hing noch im
Eichenknick. Und zwischen dem Gras waren grüne Flecken -- da blühten
die ersten Maiblumen.
Sie lief darauf zu; sie bog die grünen Blätter auseinander und suchte
nach Blütenstengeln. „Richard, sieh doch auch -- wer am meisten findet!“
Und sie wurde sehr eifrig und lief beim sinkenden Licht des Tages durch
das rostrote Gras und an den versunkenen Mauerwällen einer alten Burg
hin über Steine und durch Dornen nach den grünen Flecken, wo Maiblumen
standen. Und das alte Pangefühl des Kindes, die Freude an wilden
Blumen, die man gleich Schätzen aus verschwiegenen Wäldern holt, kam
über sie. Aus dem kleinen Erinnerungswollen kam eine neue, starke
Freude.
O, was hatte sie soviel geweint all die Zeit? Warum sollte sie nicht
denken, die Großmutter war in einem Land, dem jeder Tag des Frühlings
Süße brachte. So fest hatte doch die Großmutter daran geglaubt. Was
wir glauben, ist unser. Warum wollte denn sie, Leonore, nicht glauben,
dieser Frühling war ein Erstling und brachte ihr die Verheißungen des
Lebens?
Es wurde dunkler. Richard mühte sich fern von ihr noch um Blumen.
Sie aber stand -- stand auf dem alten Berg und hob die Arme in die
Frühlingsabenddämmerung. -- O, warum hatte sie soviel geweint?
Sie rief ihn. „Lieber!“ rief sie ihn. Und er kam -- scheu, wie er jetzt
immer war, kam er -- da lächelte sie -- lächelte sie -- und sie steckte
ihm ihre Blumen in seine Brusttasche und sagte: „Lieber -- es ist ja
Frühling -- es ist Frühling. Komm, wir wollen den Frühling umarmen!“
Sie stand da, und ihr ausdrucksvoller großer, geschweifter Mund
drückte die Sehnsucht aus. Und ihre dichten goldbraunen Knabenlocken
schienen sich stolz zu heben wie sich kräuselnde Lippen und in den
Linien ihres jungen Leibes lag Gesundheit, frohes Wollen, stürmisches
Vorwärtsschreiten.
Der Mann war betört. Er nahm sie fest in den Arm und ging mit ihr
weiter durch den schweigenden Wald, durch die sinkende Nacht.
Sie kamen heim über den Ruinenberg, auf dem an allen Hecken der Flieder
blühte, sie gingen unter dem Frühlingshimmel, an dem schon die Gestirne
standen, die wohlvertrauten, und sie sprachen miteinander vom Frühling
-- vom Frühling.
In dem grünen Saal war festlich gedeckt, mit trüben Gesichtern warteten
die Verwandten.
Da kam Leonore -- kam Leonore mit einem sanften, ansteckenden Lächeln
-- und sie legte ihre, Richards Blumen auf den Stuhl der Großmutter in
der Ecke unter den Blattpflanzen, und dann sagte sie, wie jemand, der
sich seiner Wichtigkeit bewußt ist, der sich ihrethalben verpflichtet
fühlt, frei, ohne Zwang: „Es ist doch Frühling -- und es ist unser
Hochzeitstag. Wir wollen heute froh sein, alle wollen wir froh sein.“