Ihr Richard Freyer.
Lieber Freund,
ja, ich habe nun zwei Schülerinnen und einen Schüler. Jetzt darf
ich nicht mehr Flieder stehlen, wenn er blüht, und die einsamen
Schwertlilien werden sicher vor mir sein.
Ich habe zwei Mädchen, die eine allgemeine Bildung bei mir erhalten
sollen. Die Eltern drückten sich aus, von allem ein bißchen wäre bei
ihren Töchtern angebracht. So wie es in einem „Institut“ sei. Es sind
zwei Konfirmandinnen (hier werden die Kinder schon mit dreizehn Jahren
konfirmiert) und sie sollen vor allem Briefe schreiben lernen und ein
wenig Französisch, ein wenig „Literatur“ und ein bißchen Geschichte und
Zeichnen.
Ich werde also Homöopathie mit ihnen treiben.
Der Schüler ist ein Schmiedssohn, der nach Weißenburg auf die
Realschule fährt und im Französischen eine Fünf hat -- im ersten Kurs
geht es ihm schon so. Eigentlich verlangte meine Rechtlichkeit, dem
Schmied zu sagen, er solle seinen Jungen doch nicht so quälen. Der
würde gewiß leichter Schwerter als Syntaxformen schmieden. Aber wenn
die Menschen mit ihren Kindern höher hinaus wollen, meinen sie es ja
gut.
Ich sagte den Konfirmandinnen neulich, sie sollen mal einen Brief an
eine Freundin schreiben. Ganz nach freier Wahl -- sie sollen sich
irgendein Ereignis ausdenken, etwas von allgemeinem Interesse, das
in der Stadt sich ereignet hat. Sei es nun ein Unglück, ein Neubau,
Hochwasser oder ein Fest -- oder die Konfirmation.
Da brachte die eine folgenden Brief:
Liebe Freundin!
Teile Dir mit, daß sich hier eine Familie befindet, welche
unverschuldet aus Not in das größte Elend geraten ist. Ein Brand hat
ihre Habe verzehrt und befinden sich all ohne Kleider. So Du etwas
hast, schicke es bald, nach dem Sprichwort: wer bald gibt, gibt
doppelt.
Im übrigen befinden sich wir im besten Wohlsein und indem ich
dasselbige von Dir hoffe
zeichne Deine treue Freundin
Amanda Wiedemann.
Ich wollte wissen, welchen Stand der Bildung und Ausdrucksfähigkeit
die Schülerinnen haben. Solche Briefe lernten sie in der Schule, es
war ein geläufiges Muster. Ich wollte schwören, nie würde eines von
den Mädchen eine Freundin um alte Kleider bitten. In diesen Jahren
denkt man gar nicht, daß andere helfen sollten. Und dann -- wenn
diese Mädchen reden, sagen sie stets „ich und meine Mutter, ich und
meine Freundin,“ --, aber wenn sie schreiben, vermeiden sie das „ich“
vollkommen, als sei es ein anstößiges Wort. Und alles „befindet sich“.
Ach, wie wird dieser Stil mit Homöopathie zu behandeln sein?
Sie sehen, lieber Freund, mit meinen Schülerinnen werde ich eher ein
genügsames Amüsement als Freude haben. Doch ich bin ganz zufrieden.
Ich habe mir ein sehr feierliches Schulzimmer gemacht, und alle meine
Münchener Herrlichkeiten hängen da. Der Sohn des Schmieds benutzt in
jeder Stunde die Bilder und Abgüsse, um zehn Minuten lang der Syntax
und den Vokabeln zu entrinnen. Er ist ein kluger Junge -- ich glaube,
es wäre für uns alle das Beste, von der Grammatik zur Kunst zu fliehen.
Leben Sie wohl!
Leonore.
Liebe Leonore, ich möchte wohl einmal dabei sein, wenn Sie dem
Schmiedssohn Unterricht gehen. Der Junge wird gewiß noch Ihre Freude,
und vielleicht wird er einmal statt eines Stümpers in Sprachen, ein
tüchtiger Kunsthandwerker. Kann er zeichnen? Probieren Sie das doch
einmal mit ihm. Über Ihre Konfirmandinnen habe ich sehr gelacht. Da
wird nicht viel zu machen sein.
Aber schreiben Sie mir doch auch, wie Sie sonst leben. Ich stehe
so ganz allein, wie Sie wissen, seit vielen Jahren habe ich kein
menschliches Interesse mehr gefühlt -- Nummern, konventionelle
Gestalten glitten an mir vorbei. Wenn ich an Sie denke, ist es mir
immer, als dächte ich an meine eigene Jugend. Und es will mir nicht
so ganz gefallen, daß Sie mit Ihren achtzehn Jahren (wenn es neunzehn
sind, so bitte ich um Entschuldigung) so brav den Schulmeister spielen.
Könnten Sie denn wirklich nicht wieder hierher kommen? In ein anderes
Haus -- ohne Berührung mit den früheren Bekannten? Herr von Müller ist
noch immer hier, es scheint, Iphigenia soll wieder mit ihm zu leben
lernen. Seien Sie mir nicht böse, wenn ich wieder in Sie dringe. Es ist
nicht nur Egoismus, ich denke auch an Ihre Jugend, für die die große
Stille Ihres Ortes vielleicht nicht gut ist.
Ihr Freyer.
Lieber Freund, bitte, fragen Sie mich nicht mehr, weshalb ich nicht
wieder nach München komme. Ich habe dort ein Erlebnis gehabt, an das
ich nicht wieder erinnert werden will. Und selbst wenn dies nicht
wäre, ich möchte nun die Großmutter nicht verlassen. Sie ist leidend,
ohne eine Krankheit zu haben. Immer müde -- viel zu Bett. Der Arzt
nennt es das Alter. Sie ist froh, daß ich da bin -- sie freut sich
an meiner Tätigkeit. Und in der freien Zeit bin ich um sie. Es ist
gewesen, mein Onkel Steingruber, der Oberförster, hat sich in aller
Stille mit der Tante Charlotte, seiner Schwägerin, verheiratet. Er
wünschte das schon vor Jahren, weil Charlottchen ihrer Schwester,
seiner ersten Frau, so ähnlich ist. Aber damals wagte er es nicht zu
sagen, weil sie doch bei ihren alten Eltern war. Der Großmutter ist das
eine große Freude, aber fast scheint es mir, seit sie nicht mehr für
ihre „Jüngste“ zu sorgen hat, fühlt sie nicht mehr die Notwendigkeit
zu leben. Onkel und Tante reisten auf ein paar Wochen nach der alten
Thüringer Heimat. So bin ich mit Großmutter allein.
Ich schreibe diese Familiengeschichten, weil Sie doch -- im Gegensatz
zu allen Menschen, die ich in München kennen lernte -- immer so
teilnehmend nach meinen Angehörigen fragten. Es ist eine gute Zeit für
mich, trotzdem Großmutter krank ist. Sie hat ja keine Schmerzen, kaum
Unbequemlichkeiten. Da bin ich bei ihr, und sie erzählt mir aus ihrer
Jugend, von Dingen und Menschen, die fern und tot sind und in diesen
Gesprächen vielleicht ihre letzte Auferstehung feiern.
Und ich spreche zu ihr von den kleinen Geschehnissen des Tages --
spreche ihr auch von Ihren Briefen und Ihrer Person.
Um den Abend gehe ich manchmal ins Freie -- und es kommt doch vor,
daß ich Flieder stehle. -- Das alles auf Ihre Frage nach meinem
Wiederkommen.
Verzeihen Sie, wenn dieser Brief nur von mir redet.
Leonore.
Leonore, Liebe, Ihr Brief hat mir so wohl getan. Ich glaube, so wohl,
wie Sie der Großmutter tun, wenn Sie mit Ihren sanften Händen und Ihrem
gütigen Gesicht und Ihrer lieben Stimme um sie sind. Ich bin auch krank
-- richtig krank -- und kann nicht viel schreiben. Wie geht es mit
Ihren Schülern? Macht Ihnen die Sache noch Freude? Schreiben Sie mir
doch -- es will heute bei mir nicht recht gehen, und ich möchte so gern
wieder von Ihnen hören.
Richard Freyer.
Lieber Freund, aber Sie müssen doch nicht krank sein. Nur alte Menschen
dürfen es und Sie sind doch jung! Tun Sie doch schnell die Krankheit
fort. Ja, ich bitte Sie -- oder soll ich den lieben Gott bitten? Ist es
so schlimm?
O, ich hoffe, es geht Ihnen besser, Sie waren schon sehr tapfer gegen
die Krankheit.
Sie fragen nach meinen Schülern. Ach, der Schmiedssohn hat sein
schlummerndes Genie noch nicht preisgegeben -- die Mädchen bleiben
unverrückbar wie Denkmäler auf den Postamenten. Es ist mir oft eine
Qual, mich mit so sterilen Intellekten -- was noch schlimmer ist, mit
so unerwecklichen Seelen befassen zu müssen. Aber der Großmutter ist
das eine Beruhigung -- und dürfte ich sie dann betrüben, wenn ich
Wünsche, Willen verriete, die sie nur erschrecken müßten! Ich bin ja
jung. --
Schreiben Sie mir, lieber Freund, wie es Ihnen geht. Sonst muß ich mich
sorgen.
Ihre Leonore.
Liebe, liebe Leonore,
würden Sie sich denn wirklich sorgen, wenn ich sehr krank wäre? Liegt
Ihnen etwas an mir? Sagen Sie es mir, Liebe, ich warte sehr auf die
Antwort.
Ihr Richard Freyer.
Lieber Freund,
freilich liegt mir etwas an Ihnen. Ich würde Sie doch nicht meinen
Freund nennen, wenn es nicht so wäre. Sie müssen bald wieder ganz
gesund sein, ja, das will ich.
Ich muß noch einmal auf etwas zurückkommen, was Sie mir neulich sagten.
Sie meinten die Stille dieses Ortes sei vielleicht nicht gut für mich.
Ich glaube fast, Sie haben nie dauernd an einem stillen Ort gelebt.
Sonst müßten Sie wissen, wie gut das sein kann. Wir sind ja der Erde so
nah. Allem Guten sind wir nah, allem Lebendigen. Ich könnte nie dauernd
in einer Stadt sein. Ich glaube, ich würde vergehen vor Sehnsucht nach
all dem, was mir aus den Kinderjahren her teuer und vertraut ist wie
ein Freund -- das weite Land, das uns gehört -- das sich uns immer neu
schenkt.
Später:
Ich muß Ihnen etwas erzählen: denken Sie, meine Verwandten haben es
geschrieben: die alte Oberförsterei Kapellendorf ist eingezogen.
Kapellendorf und ein Stück Weimarischen Landes stehen zum Verkauf.
Ich kann gar nichts anderes denken als: Wenn ich das haben könnte! Wenn
ich das wieder haben könnte!
Aber was helfen alle Wünsche. Für mich sind sie wohl da, überwunden zu
werden.
Leonore.
* * * * *
Leonore ging durch den Saal. Es hatte draußen an der weißen Gittertür
geklingelt, schon zweimal, und niemand machte auf. Sie mußte selbst
sehen. Sie öffnete die Tür -- und Richard Freyer stand vor ihr.
„Leonore“ --
„O -- Sie sind es?“
Der Mann drückte ihr die Hand. Sein Gesicht war sehr blaß. Wie weiß
schien es hinter dem dunkeln, kurzgehaltenen Bart. Sie wußten beide
nichts zu sagen. Stumm führte ihn Leonore in den Saal.
„Leonore -- wie geht es Ihrer Großmutter?“
„Sie ist heute sehr wohl.“
„Leonore, ich habe mit Ihrer Großmutter etwas zu sprechen.“