Herzlich

Ihr R. Freyer.

Lieber Freund,

ich nenne Sie gern so, wenn Sie es erlauben. Sie sollen auch gar nicht

denken, daß Sie dazu anders sein müßten, als Sie sind.

Aber nach München kann ich nicht wieder -- und ich kann auch den Grund

nicht sagen. Verzeihen Sie und haben Sie Dank für Ihre Fürsorge -- es

ist nichts geschehen, was man „ahnden“ sollte. Grüßen Sie auch Tucher

und Wredegast von mir. Sie haben mir zusammen geschrieben, aber ich

weiß nichts Lustiges darauf zu antworten.

Die Großmutter läßt Sie grüßen. Sie ist recht alt geworden diesen

Winter. Aber manchmal geht sie doch mit mir in den Garten und freut

sich an den Veilchen. Uns Thüringern ist das ja eine so heimatliche

Blume.

Sie wissen doch, Goethe hat sie überall gesät, wo er war -- in Gärten

und ins freie Land.

Sie werden wohl nun bald nach Florenz gehen, ich bin sehr stolz, daß

ich durch Ihre Vorträge mit den alten Kunststädten Italiens nun so gut

Bescheid weiß.

Grüßen Sie auch den Monopteros von mir, wenn Sie noch einmal in den

Englischen Garten kommen. Hier ist es Frühling -- und ich bin froh.

Leonore.

Liebe, ich gehe dieses Jahr nicht nach Italien. Etwas Unbestimmtes

warnt mich, so weit weg zu reisen. Hier in dieser Stadt hat zwar

Goethe nicht Veilchen gesät, und die man findet, können sich keiner so

illustren Abkunft rühmen, wie die Weimarischen, aber sie gefallen mir

doch, und Sie sollen an denen, die beiliegen, beurteilen, ob sie nicht

auch blau sind und nach Frühling duften.

Liebe, es ist so leer geworden, seit Sie fort sind. Wenn ich Sie unter

meinen Zuhörern sah, kam mir immer Freude an meinem Stoff. Sie machten

mir das oft Dozierte, Wohlbekannte neu. Als ob es mir selbst zum ersten

Male begegnete -- als ob ich wieder mit jungen Augen sähe -- als ob ich

ein ungebrochener Mensch wäre, dem das Kunstwerk die Offenbarung ist.

Wenn Sie nun Schüler nehmen, werden Sie vielleicht dieses Gefühl auch

kennen lernen. Unterrichten ist meist eine Frone. So selten findet man

einen jungen Menschen, dem das Wort Wahrheit wird: „es ist ebenso schön

zu lernen, als zu leben.“

Erzählen Sie mir doch von dem, was Sie nun tun. Wenn Sie schon wirklich

nicht mehr hierher kommen können (Sie werden zwingenden Grund haben,

glaube ich wohl), so möchte ich doch, soweit es Briefe gestatten, an

Ihrem Leben Anteil nehmen dürfen.

Sie haben mich Ihren Freund genannt, als solcher darf ich doch um etwas

bitten.

Kapellendorf · 第 23 / 43 题