„Ja -- Sie sollen später alles wissen -- sagen Sie ihr nur, Ihr Freund
aus München sei da und bäte um eine halbe Stunde Gastfreundschaft.“
Leonore fühlte eine seltsame Beklommenheit. Sie ging wie auf einen
Befehl. Ging zu der Großmutter und sagte ihr Freyers Wunsch. Die
Großmutter war verwundert, aber doch bereit, den Fremden zu empfangen.
„Großmutter erwartet Sie.“
Freyer küßte Leonores Hand und ging.
Sie blieb in dem grünen Saal zurück -- einen Augenblick nur. Dann
dachte sie: ich will doch nicht hören, was geredet wird. So ging sie
in den Garten hinunter, zu dem Steinhäuslein hin, das immer noch von
den Armen des wilden Weins über der Mauer gehalten wurde. Was war das
schrecklich sonderbar? Was wollte Freyer von der Großmutter? Sie
dachte Unsinniges, Ungereimtes -- das Richtige fiel ihr nicht ein.
Endlich, nach einer langen Weile meinte sie, länger dürfe sie die
Großmutter mit einem Gast nicht allein lassen. Die Großmutter strengte
doch das Sprechen mit Fremden an.
So ging sie wieder in den grünen Saal und klopfte an die Tür des
Wohnzimmers. Da hörte sie drinnen noch ein leises Sprechen. Dann
öffnete Freyer selbst.
„Leonore,“ sagte er, „die Großmutter möcht ein wenig Ruhe. Darf ich mit
Ihnen in den Garten gehen?“
„Ja, gewiß, aber ich will doch erst nach der Großmutter sehen.“
„Tun Sie es jetzt nicht,“ sagte er sanft. „Sie wünscht, daß Sie mit mir
gehen. Kommen Sie, ich habe Sie etwas zu fragen.“
Sie fühlte, wie ihre Hände kalt wurden. Ja, nun wußte sie ganz
deutlich, was Richard sie fragen würde. Und ihre Seele irrte nach einer
Antwort. Sie kamen in den Garten. Freyer ging auf das Steinhäuslein
zu, bat Leonore einzutreten. Er schloß die Tür hinter ihnen beiden --
und nun war es ganz dunkel da, denn durch die von Laub übersponnenen
Fenster kam nur gedämpfteres Licht.
Sie setzte sich mechanisch. Und wartete. Wartete auf etwas, von dem
sie nicht entrinnen zu können meinte.
„Leonore, es ist eine lange, alte Geschichte. Sie haben mir von Kaspar
Mühlfund erzählt. Kaspar Mühlfund hat Ihre Tante geliebt, als er jung
war, und sie hat ihn verraten. Dann ist Kaspar Mühlfund in die Welt
gegangen -- und hat kein schönes Leben geführt. Wer betrogen wurde, wo
er heilige Versprechungen hatte, der führt kein schönes Leben, Kasper
Mühlfund ist ehrgeizig geworden -- ist Professor geworden, hat seinen
Namen ausgelöscht, hat eine Frau -- ja, eine reiche Frau geheiratet,
die es gut bei ihm hatte und durch einen Sturz vom Pferde nach sechs
Jahren starb. Kaspar Mühlfund, der Findling, hat sich einen Platz in
der Gesellschaft erobert. Kaspar Mühlfund ist angesehen und bettelarm
gewesen. Er konnte nie die alte Heimat und die Jugend vergessen. Und
da kam zu ihm ein lebendig gewordenes Stück jener Jugend -- da kamen
Sie, Leonore, wie eine Gnade des Lebens, wie eine Offenbarung kamen
Sie. Leonore, die Großmutter hat dem Kaspar Mühlfund verziehen, daß er
fortlief und ein Undankbarer war. Leonore, wie die Gnade des Lebens
sind Sie mir, Leonore -- ich liebe Sie, Leonore, ich liebe Sie, und
dort ist Kapellendorf. Ein Wort von dir, und es ist unser. Es ist unser
Haus, unsere ewige Heimat. O, ich weiß, ich betöre dich mit dem Wort.
Verlange von mir, was du willst, ich werde es tun -- um deinen Besitz.“
Sie hörte nur das Wort Kapellendorf. Das alte lockende Wort. Sie sah
den Mann vor sich, an den sie in ihrer Kindheit oft gedacht hatte,
den man betrogen hatte, den, der ihr Kamerad war, und er redete von
Kapellendorf als der wiedergeschenkten unverlierbaren Heimat.
„Leonore, bist du mir gut?“
„Ich bin dir gut,“ sagte sie, wie voll Angst. „O, ich weiß nichts.
Kapellendorf? Du sagtst mir das Wort, das dereinst uns hat betört.“
Der Mann stand neben ihr. Er zitterte. „Leonore -- du liebst keinen
andern?“
„Nein,“ sagte sie frei.
„Leonore -- ich weiß alles. Ich nehme dich gefangen mit Kapellendorf.
Ich weiß es. Ich will dich. Ich verlange nichts von dir, als daß du
mich zu Kapellendorf nimmst. Ich liebe dich -- ich liebe dich! O, es
ist etwas anderes, wenn ein Vierzigjähriger das sagt, als wenn ein
Jüngling es stammelt. Ich liebe dich, ich will dich, auch wenn ich
wüßte, daß du mir einst untreu wirst --“