Sie lachten alle. -- „Leonorchen, das haben Sie niedlich erfunden.“

„Aber es ist ganz gewiß wahr,“ ereiferte sich Leonore -- „wir jubeln

schon alle, wenn sie ihre Teller auspackt.“

Die Baronin Müller erzählte in Hast: „Die Frau Großherzogin von

Baden hat viele Frauenarbeitsschulen gegründet, und wenn die Mädchen

austreten, bekommen sie ein Wandschild zum Andenken, auf dem steht:

‚Die Hand bei der Arbeit, das Herz bei Ihm.‘ Ihm ist groß geschrieben

-- aber die Mädchen meinen doch, sie brauchten kein Schild, das zu

wissen.“

„Und in der evangelischen Mädchenherberge,“ sagte Herr Wredegast, „da

hängen Schilder in den Schlafräumen, auf denen steht ‚Ich harre des

Herrn‘.“

Nacka Planck sagte: „In meinem Hause wird die Religion nicht

verspottet. Bitte sehr. Ich bin griechisch-katholisch, und in meinem

Hause brennt eine ewige Lampe.“

„Unter dem Bild der Madonna. Unter Murillos Immaculata. Madonna

Immaculata. O, ich verstehe, daß Ihnen die Religion heilig ist. Eine

rote ewige Lampe unter dem Murillo. Sie haben Stilgefühl, Nacka

Planck.“ Mit einer langsamen sanften Stimme sagte das Alfred Wredegast,

und er sah Nacka Planck dabei an.

Ihr schien dieser Blick Unbehagen zu machen. Sie erhob sich.

Die Baronin aus Berlin teilte Händedrücke und Gesegnete Mahlzeiten

aus. Leonore wußte nicht, war das Gesegnete Mahlzeitsagen eine

Freundlichkeit oder eine Höflichkeit. Die Nacka Planck kam zu ihr, sah

sie sanft und liebevoll an und sagte ruhiger als sie sonst sprach:

„Gesegnete --“

„Mahlzeit,“ ergänzte Leonore, obwohl sie das Wort allein abscheulich

fand.

„Ich komme aber schlecht weg bei dem Dialog, Leonore.“

Draußen klingelte es. „Es wird Professor Freyer sein,“ sagte Nacka,

„bitte kommen Sie herüber in den Salon.“ Sie ging selbst in den Flur,

Freyer zu begrüßen.

Freyer las Kunstgeschichte. Leonore besuchte seinen Damenkurs. Sie

kannte den Professor schon lang persönlich -- er kam oft zu Planck

und Müller. Er trat jetzt hinter Nacka ein. Der Lyriker und der

Romancier schienen klein und schwächlich neben dem hochgewachsenen

Mann. Ihre Gesichter dekadent neben seinen kräftig ausgebildeten, stark

modellierten Formen.

Man plauderte eine Weile. Dann gerieten plötzlich Planck und Wredegast

contra Müller und Tucher in einen heftigen Streit. Ihre Worte flogen,

ihre Zigaretten sprühten Feuer. Es war etwas um die Frauenbewegung.

Professor Freyer ging zur Leonore, die ein wenig allein an einem

Fenster saß. „Fräulein Leonore,“ sagte er, „haben Sie Lust, morgen mit

nach Nymphenburg zu gehen? Die Frau Baronin kommt auch mit -- ich habe

noch ein paar junge Leute dabei, die das Schloß ansehen wollen. Es ist

Samstag, dann haben Sie doch nachmittags frei?“

Leonore bejahte freudig. Der Professor blieb noch neben ihr sitzen.

„Ich höre Sie so gern thüringern,“ sagte er, „erschrecken Sie nicht,

Sie sprechen gewiß ganz unauffällig. Nur ein geübtes Ohr hört den

Thüringer Klang heraus.“

„Haben Sie Thüringen lieb, Herr Professor?“

„Ja,“ sagte er, „denn ich kenne es. Erzählen Sie mir doch ein wenig von

Ihrer Heimat.“

Sie tat es unbefangen.

Nach einer Weile verabschiedete sich der Professor. Tucher schloß

sich ihm an, er wollte noch ins Nachtcafé; auch Wredegast. Die stumme

Tröster war schon früher gegangen. Leonore hielt man noch zu bleiben.

Sie wehrte sich, aber Nacka Planck erlaubte nicht, daß sie ging.

Nacka Planck holte eine Gedichtsammlung und las vor, Schönes und

Banales wahllos durcheinander. Alles aber war von großer Heftigkeit des

Empfindens, und Iphigenia von Müller verschlang die Leserin mit den

Augen. Warum muß nur ich dabei sitzen? dachte Leonore.

Taumelnd vor Müdigkeit stieg sie nach Mitternacht die Treppe hinauf. Da

stand Alfred Wredegast noch auf dem Korridor. Sie dachte: er ist wohl

eben heimgekommen.

Er ging an ihr vorbei, sah sie an und sagte im Vorbeigehen ganz

unpersönlich, sehr sanft und sehr eindringlich geradeaus in die Luft:

„Bleiben Sie nie allein dort unten, Fräulein Leonore. Nie allein! Sie

gehören nicht zu diesen Damen.“

* * * * *

Leonore arbeitete in dem Atelier des „diplomierten königlichen

Porzellanmalers“ Fockendanz. Sie hatte gar nicht gedacht, daß es

an einer Sache, die doch nur ein besseres Handwerk war, so lange,

so viel zu lernen gab. Seit sie allerdings im Erdgeschoß der neuen

Pinakothek die Porzellankopien der Schönheitsgalerie (einer Laune des

Königs Ludwig I.) gesehen hatte, begriff sie: bis man ein solches

Porträt den Tücken des Brandes, der Unberechenbarkeit mancher Erd-

und Metallfarben abgewann, konnte man jahrelang lernen. Sie wollte ja

das nicht. Aber wenn sie wollte, daß sie einst aus diesem Handwerk

einen Lebensberuf, als Lehrerin etwa, machte, müßte sie es mit

Methode treiben. Die alten „Dekors“ von Meißen, Sevres, Wedgewood,

Nymphenburg, Berlin, Kopenhagen, Delft, Japan waren schließlich nur

ein unerläßlicher Grundstock, der einem geläufig sein mußte, wie

das Einmaleins. Dazwischen gab es eine Menge von mehr verschollenen

Stilarten, die nur irgend jemand wieder in Mode bringen mußte: die

alten bäuerlichen Stücke aus Feuerbachs Porzellanfabrik in Bruckberg,

die Sachen in Glastönen, die Ornamente, Altäre, Urnen, Opfersteine

und Gestalten des Empire, dann die moderne Linienführung in van de

Veldescher Art. Freilich zum Neu-Schöpfer wird der selten, der den

langen Weg historischer Entwicklung durchlaufen hat. Aber es war ja

nicht ihr Ehrgeiz, eine Revolution auf dem Gebiete des Porzellandekors

hervorzubringen. Ach Gott nein -- nein.

Leonore wusch ihre Pinsel in Terpentin aus, machte sie sorgfältig

trocken und gab ihnen dann ein wenig Mandelöl, denn das Terpentin

schadete den Marderhaaren, und die waren von großer Kostbarkeit.

Die Wortspeise, wie man abkürzend jene Pfarrerstochter mit den

Suppentellern nannte, pinselte immer noch an den Passionsblumen eigener

Zeichnung.

„Nun, Fräulein Eichhorn, müssen Sie heute noch fertig werden?“

Fräulein Eichhorn benutzte die Ansprache, um etwas, das sie auf dem

Herzen hatte, anzubringen. Ob Leonore sich nicht an den sonntäglichen

Kindergottesdiensten beteiligen wolle. Es fehle an Kräften, besonders,

seit irgendeine Dame die Stadt verlassen habe. „Herr Kandidat Auerochs

hält die Vorbereitung; wenn Sie sich anschließen wollten, Fräulein

Wolfferstorff, ich gehe direkt von der Stunde aus in die Vorbereitung.

Herr Kandidat Auerochs ist gerade bei der Aussetzung des Moseskindes,

und was Ihnen von der Schöpfung bis dorthin fehlt, wird gewiß Herr

Kandidat Auerochs so gut sein mit Ihnen durchzugehen, wenn Sie ihn

darum bitten.“

Aber Leonore hatte keine Neigung, den unbekannten Kandidaten Auerochs

um etwas zu bitten. „Ich eigne mich nicht dazu, Fräulein Eichhorn,“

sagte sie freundlich.

„Das dürfte doch erst Herr Kandidat Auerochs zu entscheiden haben, ob

Sie sich eignen, Fräulein Wolfferstorff. Da wir so Mangel haben, wird

er vielleicht an Ihrem kurzem Haar keinen Anstoß nehmen.“

O nein, Herr Kandidat Auerochs sollte nichts über Leonore zu

entscheiden haben. -- „Ich danke Ihnen, Fräulein Eichhorn. Ich habe

eine etwas andere Richtung, wenn Sie erlauben.“

Fräulein Eichhorn sah Leonore kühl und verächtlich an. „Ich hielt Sie

für ernst gesinnt,“ sagte sie achselzuckend.

„Ernst gesinnt? Was meinen Sie damit? Halten alle ernstgesinnten

Menschen Kindergottesdienste?“ -- Und sie dachte an jene Clemence,

die apart und leer gewesen war, Kindergottesdienste hielt und einen

lachenden Gestütsdirektor geheiratet hatte.

„Ernst gesinnt sein, heißt, sich zur Kirche halten und seine schwache

Kraft in ihren Dienst stellen.“

„Glauben Sie, daß schwache Kräfte Ernst in sich haben?“

„Wenn nur die Gesinnung ernst ist, die Kraft mag dann auch schwach

sein.“

„Kraft heißt doch Stärke. Wie können Sie das Allerpositivste immer zu

etwas Relativem machen? Kraft oder Schwäche -- aber nicht schwache

Kraft und starke Schwäche.“

Eine muntere Blondine rief aus einer Zimmerecke herüber: „O, Fräulein

Leonore, ich fürchte, ich fürchte, wir haben beide eine starke Schwäche

-- und zwar für Zigaretten.“

Leonore hielt es sogleich mit der Blonden, die sie auslachte.

Es ist schöner, über jemandes Eifer beruhigend zu lachen, als

ihn an dem Sterilen zu erhitzen. Aber weil Leonore nicht eine so

selbstgerecht-hilflose Eichhornin kränken wollte, sagte sie noch

einmal: „Seien Sie heilfroh, daß ich nicht mitkomme. Ich würde die

einige Gemeinschaft sehr stören.“

Doch Fräulein Eichhorn packt heftig ihre Sachen ein und hörte nicht

mehr auf Leonore. Die ging mit der Blonden ein paar Straßen weit. Dann

war Leonore allein.

So einen warmen Dezembertag hatte es schon lange nicht gegeben. Man

konnte sich beinahe in den Englischen Garten setzen. Hei, das mußte

fein in Nymphenburg werden. Die Baronin Müller ging mit. Was hatte

wohl Wredegast mit den sonderbaren Worten gestern abend gemeint? Wie?

Vielleicht hatte die Baronin wirklich eine Mundkrankheit -- nein, sie

sollte sie nicht wieder küssen.

Als Leonore die Treppe hinauf kam, hörte sie Wredegast eifrig mit

der „Beamtenswitwe“ Bendler sprechen. Er redete ganz aufgeregt. Sie

hörte: „Frau Grenzoberaufseher zu Pferd, mein Ofen riecht, als ob man

ein Dienstmädchen darin verbrannt hätte -- ein Dienstmädchen samt all

seinen Küchentoiletten.“

„Jesmaria nd Joseph, a Dienstmädel is verbrennt? Mit die Kleider?“

„Nein, es riecht bloß so, mein Ofen riecht so. Die Theres hat ihn mit

einem alten Unterrock angezündet, ich schwöre.“

„Die Theres hat an Unterrock verbrannt, schämas Ihnen, Herr Wredegast

-- daß Sie so was wissen.“

„Es riecht so,“ rief Wredegast immer aufgeregter. --

Leonore kam lachend auf den Flur. Alfred Wredegast nötigte sie in

sein Zimmer. „Ich kann diesen verbrannten Dienstmädchengeruch nicht

aushalten. Ich bin doch nicht Zola, dem es wohl dabei wäre.“

Die Bendler schnüffelte. „Also, wer das da riecht -- no, ich sag nix.

Es ist ein Ofen, der schon Jahr lang seine Dienste tut -- Jahr lang,

sag ich.“

Leonore untersuchte das eiserne Unglück. Es steckte über und über voll

Asche, und der Rauch quälte sich durch einen Sprung im Gußeisen.

Man holte die noch vorhandene Therese (gesprochen Deeres). Der Schaden

wurde geordnet. Aber während des ganzen Mittagessens redete Wredegast

davon. Er fürchte sich vor seinem Zimmer, er könne das verbrannte

Dienstmädchen nicht mehr riechen. Es peinige ihn. Er habe im Pitaval

gelesen -- und nun folgte eine Geschichte nach Frau Bendlers Herzen.

Wredegast lief Leonore zu Planck-Müller nach. Er wolle eingeladen sein,

mit nach Nymphenburg zu gehen, er könne nicht bei dem verbrannten

Dienstmädchen bleiben. --

Freyer kam allein. Seine Begleiter seien abgehalten worden. Da war es

allen lieb, daß Wredegast mitging. Als Dritte fühlte sich Iphigenia von

Müller nie wohl. --

Ein weißes hohes Schloß -- ein ungeheures Rondell durch weiße Häuser

darum gebildet. Die Häuser haben zuweilen das gebrochene französische

Dach, vornauf den griechischen Giebel. Es ist sehr still da, und

nur die Distinktion aller Linien und Flächen bewahrt den Platz vor

dem Eindruck der Öde. Man geht durch den offen gehaltenen Teil des

Erdgeschosses vom Schloß. An breiten Freitreppen vorüber. Da ist ein

weiter Garten. Ein Wasserbecken mit steinernen Bildern ringsum. Hohe

Bäume zur Seite.

Leonore war entzückt. Sie ließ sich von dem Professor die

Entstehungsgeschichte des Schlosses erzählen. Ließ sich weiter in den

Park führen. Wredegast ging andere Wege mit Iphigenia Baronin Müller.

Da war ein griechisches Tempelchen hinter einem Teich. „Ein

Freundschaftstempel,“ sagte Freyer. „Das waren schöne Zeiten, als man

sie baute. Heute gibt es keine Freundschaften mehr.“

„Wie?“ sagte Leonore heftig, „heute gibt es keine Freundschaften mehr?“

„Haben Sie denn eine Freundin?“

„Nein -- einen Freund.“

„Erzählen Sie mir doch.“

Und sie erzählte von Vitus Kelt. Warm, herzlich erzählte sie von Vitus

Kelt. Auch von Dankmar Kurtzen und Klemens. Aber das waren doch mehr

Gespielen gewesen. Ein wirklicher Freund blieb nur Vitus Kelt.

Ernsthaft hörte der Professor zu. Sie nannte in ihrer Erzählung auch

Kapellendorf. Er bat sie, wieder ein wenig von der Heimat zu sprechen.

Und sie vergaß ganz, daß sie als kleine Schülerin mit einem berühmten

Professor ging -- sie redete wie mit einem Kameraden. Immer mehr wollte

Freyer wissen, es wurde schließlich Leonores Familiengeschichte daraus.

„Sie haben mich überzeugt, Fräulein Leonore, Sie verzeihen, der Name

ist so schön, man spricht ihn so gern aus, ich darf doch so sagen? Oder

ist er nur für Ihre Freunde?“ Richard Freyer beugte sich ein wenig

herunter. „Dann lassen Sie mich so sagen, wie Ihre Freunde Sie nennen!

Ja, Sie haben mich überzeugt, daß es noch Freundschaften gibt.“

Wredegast und die Baronin Müller kamen herzu. Sie hörten das letzte

Wort.

Iphigenia griff es lebhaft auf. „Wir leben ja in einem neuen Zeitalter

der Freundschaften, lieber Professor. Sehen Sie sich doch nur unter

den jüngeren Menschen um. Die besten, die feinsten unserer Jugend

sehen ihr höchstes Gefühl in der Freundschaft. Ist es nicht so, Herr

Wredegast?“

Der nickte. „Unsere Zeit hat nur herbere Formen als die sentimentale

Freundschaftsepoche des vorigen Jahrhunderts.“

Freyer strich seinen kurzen, eckig sich zuspitzenden Vollbart. „Ich

habe wohl ein wenig zu lange über Büchern gesessen und kenne die Zeit

nicht mehr.“

Er blieb an Leonores Seite. Er sprach von seiner Studentenzeit -- von

Jahren voll Not und Freude in Berlin. Ja, und lange sei seine Frau

tot. Viele Jahre. Kinder hatten sie nicht gehabt. So lange die Frau

lebte, wäre es sehr gesellig bei ihnen gewesen. Seitdem lebe er nur

der Wissenschaft -- ja, und als Hochschullehrer käme er ja viel mit

der Jugend zusammen -- aber es sei doch eine Trennung; wenn man auch

Vertrauen erführe, ein gewisser Rückhalt bliebe doch.

Leonore ließ sich das in Ruhe erzählen. An einer Haltestelle

verabschiedete sich Freyer. --

Die Baronin von Müller forderte im Hause Leonore auf, den Tee mit ihr

zu trinken. Ob auch Wredegast Lust habe? O gewiß, ja.

Iphigenia von Müller eilte heftig, ziellos im Salon umher. Sie suchte

im Bücherschrank nach Kakes, im Schreibtisch nach Tassen, besann sich

aber dann, daß sie nach alledem ja nur zu klingeln brauche. Nachdem

sie sich dazu entschlossen hatte, kam der Tee zustande.

Iphigenia redete noch von Freundschaften. O, es wäre ja wunderschön,

wenn Leonore sich mit Freyer befreunde. Ein solcher Charakter, ein

solcher Gelehrter, ein Kind, eine Seele von einem Menschen. Ja, sie

würde sich herzlich freuen, sie würde sagen, das ist wohlgetan, wenn

Leonore wirklich einen wahren Freund in Freyer fände. Und Nacka, auch

sie würde es reizend finden. Und ob es nicht auch Herr Wredegast

-- „Herr Wredegast, Sie sagen gar nichts. Und es ist doch etwas so

wahrhaft Seltenes, Schönes -- denken Sie doch nur an Wilhelm von

Humboldt und die Briefe an eine Freundin --“

„Sie sind nicht amüsant,“ sagte Herr Wredegast.

„Wie?“

„Die Briefe,“ wiederholte der junge Mann bedächtig.

Iphigenia Baronin Müller war seit Jahren bemüht, seit sie unter

Künstlern lebte, die Gewohnheiten ihrer Art abzulegen. So vor allem,

sie erwartete auch Antworten. „Was würden Sie sagen, wenn Freyer und

Leonore Freunde würden?“

Alfred Wredegast lächelte, sah wie eine Spitzmaus aus und sagte leise

und melancholisch: „Oh Maria Stuart, würde ich sagen.“

Leonore saß und aß Kakes, denn sie war hungrig. Auch wurde man nicht

geküßt, während man aß.

* * * * *

Der Winter war schon weit vorgeschritten, und Leonore hatte das

Einmaleins der historischen Porzellandekors schon mit der Sicherheit

des Jongleurs in den Händen. Eigentlich hätte sie Ostern nun nach Hause

gehen können. Aber alle redeten ihr zu, noch ein wenig „zu studieren,“

-- und sie fand es selbst schön, in dieser Stadt der Anregungen noch

den Sommer über zu bleiben. Vorerst war es ja immer erst Februar.

Wredegast und Tucher fanden es nicht gut, daß Leonore nur ein

schlichtes Kunsthandwerk trieb. Sie vermuteten unentwegt eine

selbständige Künstlernatur in ihr und waren der Meinung, sie dürfe

jetzt nicht draußen auf dem Lande Stunden geben und Tassen und Vasen

malen. Herr Tucher behauptete, Leonore vermöchte zu dichten, Herr

Wredegast sah ein Bühnentalent in ihr. Sie ließ sich aber nicht

verführen, Gedichte zu machen oder Rollen zu lernen, sondern arbeitete

tapfer und brav im Atelier des königlich privilegierten Porzellanmalers

Fockendanz weiter.

Herr Wredegast aber wollte ihr das herrliche Leben der Bohême

zeigen. Hier bei Bendler mußte man ja leben, als wollte man

einst „Keeniglicher Biamter“ werden -- und bei Planck-Müller war

eigentlich ein feudaler Haushalt. Leonore möge doch einmal mit in ein

Nachtcafé kommen -- dort, wo alle Berühmtheiten aus der Jugend, dem

Simplicissimus und der Sezession zu sehen wären, würde sie den Reiz des

Künstlerlebens begreifen lernen.

Er sagte das im Salon Planck-Müller zu Leonore, und Planck-Müller waren

bereit, sich auch einmal einen Abend lang wieder zur Bohême hinab zu

neigen und mit in das Café Simplicissimus zu gehen.

Man brach denn um zehn Uhr auf, durchwanderte zugige, eiskalte Gassen

und kam endlich in ein Lokal mit rot erleuchteten Fenstern, aus dem

schon auf die kalte Gasse heraus ein quälender Lärm drang.

Wredegast führte seine drei Damen durch nebeldicken Rauch zu einem

Tisch. Nach einer Weile vermochte Leonore auch zu sehen, und sah viele

Tische voll Herren und phantastischer Damen. Ein Klavierspieler, den

man Herr Professor nannte, wimmerte La Paloma herunter, ein Herr

spielte dicht daneben auf einer Ziehharmonika ein ganz anderes Stück,

eine dritte Melodie klang von einer Querpfeife aus der Ecke, und am

Tisch neben den Neuangekommenen versicherte eine Dame in Schwefelgelb

sehr kläglich aus ihrer Betrunkenheit heraus, daß sie einst ein Kind

von fünfzehn Jahren war.

„Hier werden Kulturwerte geschaffen,“ sagte Herr Wredegast

melancholisch und dabei wie eine Spitzmaus lachend, und er winkte

der Kellnerin. Das war eine stattliche Dame, vielleicht dreimal ein

Kind von fünfzehn Jahren -- sie begrüßt Herrn Wredegast -- und dann

leuchteten plötzlich ihre Augen auf: „Hab’ ich die Ehr’, Freiln Planck,

gnä’ Freiln?“

Kapellendorf · 第 16 / 43 题