Leonore fragte: „Was malt denn -- Anastasia Planck gerade?“

Die eben besänftigte Iphigenia geriet von neuem in Erregung. „Das

ist es ja -- ich weiß es nicht. Jeden Abend kommt das Modell in der

Dämmerung -- es ist Winter, sie hat eine Kapuze und einen Schleier auf

-- sie läuft direkt ins Atelier, und dann wird zugeschlossen.“

„Vielleicht sollen Sie das Bild zu Weihnachten bekommen,“ sagte Leonore

in ermunternder Harmlosigkeit.

„Glauben Sie? Meinen Sie das wirklich? Hat Sie Ihnen vielleicht eine

Andeutung gemacht?“

„Das nun nicht. Aber es ist doch sehr wahrscheinlich, wenn Sie es nicht

vorher sehen dürfen.“

Schon saß Iphigenia wieder neben Leonore. „Sie liebes Kind -- ach, Sie

sind so ein Tröster. Wie lieb Sie sprechen können. Ich muß Ihnen die

Hand drücken.“

Leonore wurde es ängstlich. Sie fragte ganz blind, nicht aus Neugier,

sondern um nur etwas zu sagen: „Kommt Ihr Herr Gemahl Weihnachten

hierher?“

„Der Baron Müller? Ach nein. Er arbeitet an einem Werk über das

sibirische Klima. Das ist nämlich gar nicht so schlecht, wie man es

macht.“

„Ist er selbst dort?“

„Nein. Er lebt in Wiesbaden. Da ist es ihm am wohlsten. Vielleicht

besuchen wir ihn Ostern.“

„Warum schreibt er denn gerade über das sibirische Klima?“

„Ach, das weiß ich nicht. Er will eben eine Beschäftigung haben. Warum

soll er nicht über das sibirische Klima schreiben?“

Gewiß, warum sollte der Baron Müller nicht über das sibirische Klima

schreiben. Niemand in der Welt erlitt dadurch einen Schaden. Leonore

wurde es frech und kühn zumute. Die Iphigenia von Müller, geborene

von Hunsrück, sollte sie nicht wieder küssen. Nein -- nein. --

„Ich verstehe das nicht, Iphigenia, wenn Sie doch den Baron Müller

geheiratet haben, warum leben Sie denn nicht bei ihm?“

„Ich könnte, da er mit dem klimatischen Werk so beschäftigt ist, doch

keinen besonderen Gewinn von dem Umgang mit ihm haben. Sehen Sie,

liebes Kind, in den Kreisen, aus denen ich stamme, und die ich hasse,

werden viele Konvenienz-Ehen geschlossen. Dumm und thöricht habe ich

mit siebzehn Jahren geheiratet. Baron Müller ist ein Konvenienz-Mensch.

Er sieht es ein, daß ich mehr Anregung brauche, als er mir zu geben

vermag. Ich lebe hier in der Freundschaft zu Nacka erst meine geistige

Persönlichkeit aus. Ach -- aber es ist schwer, die Freundin einer

Malerin zu sein. Es ist groß, erhebend schwer. Sie opfert so viel an

fremde Menschen. Ich habe Nacka so wenig. Und ich brauche sie doch so

sehr. Sie ahnen nicht, wozu.“

Leonore dachte: Der Iphigenia scheint nichts in der Welt zu glücken.

Sie regt sich über alles auf.

Iphigenia bestätigte die stummen Gedanken sofort: „Ach, in mir sieht es

oft entsetzlich aus. Laßt hoch uns denken, sagt Shakespeare, aber die

Modelle untergraben mein Leben. Ich brauche doch Nacka -- es handelt

sich um mein Glück.“

„Aber Anastasia kann doch nicht ohne Modell malen, und wenn Sie sie

wirklich lieb haben, dürfen Sie ihr doch ihre Kunst nicht erschweren.“

„O,“ sagte Iphigenia und ihre geborgte Nase schien zornig zu den

fremden Augen des Gesichts hinaufzusehen -- „O -- Sie ahnen nicht,

warum ich leide. Sie ahnen nicht.“

Nein, Leonore ahnte nicht.

* * * * *

Vor der Tür entstand Lärm. „Teufel nocheinmal, was ist das für eine

Wirtschaft? Zwei nasse Mäntel auf dem Flur. Resie -- Leni, in die Küche

damit -- Herrgottdonnerwetter -- die Briefe soll ich alle lesen --

warum sind Sie nicht der Baronin gebracht worden?“

Iphigenia war schon beim Klang der ersten Worte in die Höhe gefahren.

Nun stürzte sie nach der Tür. „Nackachen -- ich, ich wußte ja nicht --“

„Nu nu, mein Schaf, mach es morgen. Schreib feine Antworten mit deiner

stolzen Baroninnenschrift, bist ein Hammel, sei nur still.“

Anastasia Planck trat ins Zimmer.

„Guten Abend,“ wollte Leonore sagen, aber die Worte erstarben ihr auf

den Lippen. War etwa Kostümfest in diesem Hause? Anastasia Planck

stand in braunseidenen Pumphosen da, hatte eine ebensolche Joppe mit

unendlich vielen Taschen an und um den Hals ein weißes Seidentuch. Auf

dem kurzgeschorenen, weißblonden Haar saß eine Wagnermütze, die nicht

ganz gut zu dem starken Gesicht kleinrussischen Typs paßte.

„Was starren Sie mich denn so an, kleines Mädchen? Haben Sie mich noch

nie in meinem Atelierdreß gesehen?“ schnarrte Nacka Planck in hartem

Deutsch.

„Nein. Entschuldigen Sie.“

„Gottvoll -- entschuldigen Sie. Na, ich habe Hunger -- können wir essen

gehen?“

Iphigenia sagte schüchtern: „Die Mannsbilder von Bendler sind aber da,

Nackchen. Willst du dich nicht umkleiden?“

„Umkleiden? Seh ich etwa unanständig aus?“

„Behüte!“ rief Iphigenia.

„Oder geniert sich das Mädchen vom Lande mit mir?“

„Bewahre!“ sagte Leonore.

„Na, so kommt. Wo sind denn die Mannsbilder?“

„Im Rauchzimmer.“

Fräulein Nacka stürzte nach der Tür. „Guten Abend, meine Herren.

Pardon, ich bin im Atelierdreß. Erröten Sie nicht -- ich greife Ihre

Tugend nicht an. Haben Sie auch geraucht, ja?“

Alfred Wredegast, der einen langen Gehrock angezogen hatte, verbeugte

sich würdevoll. „Ich habe mir soeben die siebente genehmigt.“

„Schön von Ihnen. Und Sie, Herr Tucher?“

„Ich bin doch abstinent, Gnädigste.“

Nacka Planck schüttelte sich. „Ich achte Sie hoch, Herr Tucher, aber

tun Sie mir nur die eine Liebe und sprechen Sie in meinem Hause das

Wort abstinent nicht aus. Es klingt so kränklich. Sie kriegen alle

Limonaden der Welt und Pfeffermünzplätzchen statt Zigarretten, aber

sprechen Sie nur das Wort abstinent nicht aus. Es ist mir als ob ich

auf Kröten träte. Herr Wredegast -- da bitte -- dort im Flur, dort --

waschen Sie sich die Hände -- ja -- die Tabakfinger meine ich.“

Herr Alfred Wredegast lächelte. Wie eine Spitzmaus sah er aus, wenn

er lächelte -- ein wenig überlegen, ein wenig unbeholfen, ein wenig

gutmütig. Er kam dann hinterdrein und setzte sich mit zu Tisch.

Auf dem Tisch prangte Geschirr mit dem Wappen des Hauses Hunsrück. Das

gehörte Iphigenia Müller, die es mitgebracht hatte. Es gab sehr gute

Dinge, und die Herren aus der Pension Bendler schienen beschlossen zu

haben, ihren Geist erst später im Salon preiszugeben.

Leonore dachte: Die Anastasia Planck ist doch schrecklich nett.

Trotzdem sie mitunter so schimpft und immer von Mannsbildern redet und

die Iphigenia augenscheinlich so quält. Sie ist so gastfrei und so

heiter. Und arbeitet doch den ganzen Tag.

„Wo ist denn Anna Tröster geblieben?“ fragte Nacka. -- Ja, wo war Anna

Tröster. Niemand wußte es. -- „Entschuldigen Sie mich,“ sagte Nacka,

„da muß ich mal nachsehen.“

Sie lief weg und kam nach ein paar Minuten mit Anna Tröster wieder.

„Lachen Sie mal die Person da recht aus,“ sagte Nacka. „Die wollte

nicht kommen, weil sie nicht schon vor drei Tagen auf einer Karte

eingeladen war.“

Die Tröster war ein verschüchtertes Wesen. Sie hatte schon fünfzehn Mal

den Echtler kopiert, der eigentümlicherweise neben Feuerbachs Iphigenia

in der neuen Pinakothek hängt. Das vertreibt den Stolz.

„Aber Tröster, man muß die Feste feiern, wie sie fallen,“ sagte

Wredegast und lachte gutmütig.

„Ich -- ich wußte gar nicht, daß ich eingeladen sei.“

„Ja, sehen Sie, wenn Gott will, können wir auch ohne Los einen Treffer

machen,“ sagte Herr Tucher.

Nun aß man. Gute Dinge von schönen Tellern mit schönen Geräten. Alle

waren reichlich hungrig, weil sie lange hatten warten müssen. Nur der

abstinente Herr Tucher dachte an andere Dinge als Essen.

Er erzählte plötzlich eine Gespenstergeschichte aus dem berühmten

Spukhaus an der Potsdamer Straße in Berlin und fürchtete sich dabei

so sehr, daß er nicht weiter essen konnte. Mit Augen, hinter denen

Angst, Unglück, Verzweiflung lagen, sah er über den Tisch, immer gerade

Leonore an. Der wurde es ganz bang, weniger vor der Geschichte als vor

den trostlosen Augen des Lyrikers.

„Herr Tucher,“ sagte die Planck, „Gespenstergeschichten bitte am Tag.

Nur in ~plein air~, bitte. Ich brauche meinen Schlaf, ich will

nicht liegen und mich fürchten. Für Sie kann das von Nutzen sein. War

es nicht Lenau, der nachts sich vor Gespenstern fürchtete und dabei

seinen Faust schrieb! Na, oder wer es sonst war -- jedenfalls kein

Maler.“

„Aber das Übersinnliche,“ wagte Herr Tucher zu sagen, „das

Transzendentale ist doch ein notwendiger Bestandteil jeder wahren

Kunst.“

„Wir essen jetzt, Herr Tucher,“ wiederholte Anastasia mit Nachdruck.

Leonore lächelte. Sie sagte ein wenig geniert, aber doch ganz munter:

„In meiner Malklasse ist eine Pfarrerstochter von hier. Wir malen ja

sonst immer Stilmuster oder Farbenexperimente, aber vor Weihnachten

erlaubt der Lehrer, daß man Kleinzeug zum Verschenken herstellt. Da

malt nun die Pfarrerstochter Suppenteller für ihre Familie. Und auf die

schreibt sie: ‚Dein Wort sei meine Speise‘.“

„Auf Suppenteller, o Gott!“

Kapellendorf · 第 15 / 43 题