Die Stadt.
Die königliche Beamtenswitwe Frau Bendler (man hätte ihr die Ehre
abgeschnitten, würde man sie nur Beamtenwitwe genannt haben) sprach
also: „Ich muß heint abend ins Volkstheater, weil der Xaver, wo mei
Pat is, sein Benefiz hat. Akurat den Lumpensohn im Vierten Gebot tut
er spielen, und ma muß so viel weinen dabei, aber weils halt der
Xaverl ist und sei Ehrentag, da muß ich hin. Es ist nur, Freilein
Wolfferstorff, weil doch das Freilein Tant’ mit Recht drauf drungen
hat, daß Sie bei einer Beamtenswitwe, in einer anständigen Familje,
unter einem Schutz und Schirm bei so viel Jugend sind -- aber was der
Herr Tucher is, so leg ich die Hand ins Feier, und Freilein Trester ist
doch scho a abgestandenes Frauenzimmer, da därf ich unbesorgt sein,
wenn auch der Herr Wredegast a Schlankerl is. Also, ich kann halt beim
Abendessen net derhoam sein.“
So sprach, mühsam das Gleichgewicht zwischen Dialekt und „Norddeitsch“
haltend, Frau Bendler.
„Aber Frau Bendler, da lassen Sie sich doch keine grauen Haare
wachsen,“ antwortete Leonore.
„Wär auch zu früh bei meine zweiundvierzig Jähr, wär zu früh.“
Das Gespräch wurde unterbrochen. Es klopfte, und die Baronin Müller
aus dem zweiten Stock kam in den dritten. Die Baronin Iphigenia Müller
schien nicht die Blüte der Aristokratie zu verkörpern. Sie war höchst
unordentlich angezogen, ihre Frisur löste sich stets irgendwo, und
selbst ihr Gesicht drückte Unordnung aus, fand Leonore. Alles schien
nicht zusammen zu gehören; es war, als hätte man von drei Menschen
Augen, Nase und Mund geliehen und sie in ein Rechteck gesetzt.
Iphigenia von Müller war wie immer in Eile. Sie erwiderte den tiefen
Knix der Beamtenswitwe mit einem flüchtigen Blick und wandte sich an
Leonore: „Liebes Kind, Sie sollen heute abend zu Nacka kommen. Auch
Tröster, Wredegast und Tucher. Frau Bendler geht ins Theater, und Sie
sollen nicht mit den Mannsbildern allein sein.“
„Frau Baronin, es ist der Ehrentag von mein Patenkind, mein Xaverl. Und
bei uns, bei einer keniglichen Beamtenswitwe. --“
„Königliche Grenzoberaufseherswitwe zu Pferd, nicht wahr?“ fragte
Iphigenia Müller.
„G’horsamer Diener, ja. Bei mir also --“
„Aber, liebe Frau Bendler, natürlich gehen Sie ins Theater. So oft Sie
wollen. Fräulein Leonore ist immer bei uns eingeladen. Fräulein Planck
läßt Ihnen ausdrücklich sagen, Frau Bendler, wenn Sie mal fortgehen
wollen oder dergleichen, Fräulein Wolfferstorff ist bei uns wie zu
Hause. Uebrigens wäre sie ja auch kein Kind mehr.“
Leonore war der Baronin dankbar für diese Rede. Denn seit Tante
Charlottchen mit Frau Bendler über die großen Gefahren der Großstadt
konferiert hatte, war die „Beamtenswitwe“ um das Mitglied ihrer
„Benzion“ besorgt, als sei Leonore ein Kind von zwölf Jahren. Und
doch war Leonore eben achtzehn, hatte das Sprachexamen gut bestanden
und hörte nun Kunstvorlesungen zur Ergänzung ihrer Ausbildung in der
Porzellanmalerei.
Iphigenia Baronin Müller hatte sich in Eile wieder verabschiedet.
Leonore ging, ein anderes Kleid anzuziehen -- den bequemen Rock und die
Jacke, zu der sie Leinenkragen trug, mit einem Gewand von edlerer Form
und fließenden Linien zu vertauschen. Das mochte Anastasia Planck gern,
und sie war eine berühmte Malerin und mußte wissen, was gut aussah.
Leonore stieg hinunter in den zweiten Stock. Es war doch überaus
freundlich von Planck und Müller, die ganze Bendlersche Pension
zum Abend einzuladen. Bei Bendlers gab es stets etwas, das Herr
Tucher „einen Fraß“ nannte, wovon Fräulein Tröster behauptete, ein
chronisches Magenleiden zu haben, und was Herr Wredegast als „die
Sünden der Väter“ bezeichnete. Hingegen besaß die Baronin Müller die
Fähigkeit, in dieser, was das Essen anbelangt, barbarischen Stadt Dinge
aufzutreiben und Mahlzeiten herzurichten -- beinahe so prächtig, wie
man sie in den berühmten Restaurants des beliebten Berlins bekommt. Das
war die Vaterstadt der Baronin, und Iphigenia war nur Anastasia Plancks
wegen in das Exil gezogen. Es hieß, um zu malen, aber die Baronin
verbarg ihre Kunsterzeugnisse noch.
Als Leonore in den Müller-Planckschen Salon kam, dessen Charakteristikum
mehrere Diwans voll Kissen bildeten, fand sich nur die Baronin
Iphigenia vor. Die umarmte Leonore mit der geläufigen Zärtlichkeit
einer Dame, die weiß: alles was von ihr kommt, ist Huld, und nötigte
dann Leonore auf eine Chaiselongue.
„Die Mannsbilder sitzen schon im Rauchzimmer,“ sprach die Gastfreundin,
„mögen sie nur warten. Wir müssen auch warten. Nacka hat Modell bei
sich, jetzt, wo man diese verdammten Leuchtmaschinen erfunden hat, wird
das süße Kind schließlich auch noch die Nächte hindurch arbeiten.“
Leonore dünkte es, das süße Kind sei doppelt so alt als sie. Nun das
schadet ja nichts.
„O Leonore,“ fuhr Frau von Müller fort, „Sie ahnen nicht, was das ist.
Immer hat Nacka diese Aktmodells bei sich. Ich vergehe beinahe!“
Leonore antwortete begütigend: „Sie brauchen ja nicht ins Atelier zu
gehen, Frau Baronin, wenn Sie die Modelle nicht sehen mögen.“
„Nein, aber der bloße Gedanke erregt mich.“ -- Die Baronin Müller
umarmte Leonore von neuem. „Sie dürfen sich nie von Nacka malen lassen
-- nein, versprechen Sie mir.“
„Aber Fräulein Planck hat mich doch noch gar nicht malen wollen.“
„Hat sie das nicht? Wirklich?“ -- Iphigenia Müller schien ganz
glücklich.
„Nein, wirklich nicht, Frau Baronin!“
„Sie sind ein liebes Kind -- ich muß Sie küssen. Sie sind unsere kleine
Prinzeß. Oder wollen Sie lieber der Page sein? Ja, mit Ihrem goldenen
Kraushaar sind Sie ein Page. Aber Leonore, sagen Sie doch nicht Frau
Baronin zu mir, nennen Sie mich doch Iphigenia. Und zu Nacka müssen Sie
nie Fräulein mehr sagen, das kränkt sie. Ein so berühmter Name wirkt
allein am schönsten.“
Leonore dachte: Ich will ja alles tun, wenn mich Frau von Müller nur
nicht wieder küßt. Sie hatte einen so fransigen Mund, ja, als ob sie
ihn mit Scheuerlappen oder einer Zahnbürste behandelte, sah er aus.
Vielleicht war das eine Krankheit. Um so unangenehmer, geküßt zu
werden.