Und Leonore erwachte. -- „Dein Lachen endet vor der Morgenröte.“

* * * * *

Ich war ein Kind, als ich die liebte, die einen lachenden Tierarzt

geheiratet hat, dachte Leonore. Ich war so unwissend und konnte nicht

sehen, daß sie nur eine schöne Puppe gewesen ist. Es ist nicht die

Schönheit allein. Es ist die Seele, die Wesensart. Nur wer eine einsame

und vornehme Seele hat, wird unsere Liebe nie enttäuschen. Darf ich

aber die lieben, die eine einsame und vornehme Seele hat, und die

nichts tut, was täuscht, wenn ich vorher eine Clemence geliebt habe?

Sie war ja schön gewesen, schön und verführerisch. Man glaubte nur

das Seltenste von ihr. Sie haben es so leicht, die schön sind. Was

in andern Gesichtern erst langsam wird, haben sie als Grundlage vom

Zufall. Die Clemence war nicht bloß schön gewesen, ihre Art schien

seltsam und eigen beschaffen. Hatte nicht auch Dankmar sich täuschen

lassen? Apart und -- leer war sie gewesen. Apart und leer. Darf ich

denn nun die lieben, die so reich ist und deren Gesicht schöner ist als

das schönste, weil es ausdrückt, daß sie eine Seele hat?

Leonore ging in bittern Zweifeln und Kämpfen. Sie würde alles

für Fräulein Klothilde getan haben. Sie hätte Giftschlangen

herbeigewünscht, um mutig den Kampf mit ihnen zu bestehen -- ja, sich

den Tod oder doch etwas Gleichwertiges zu holen, wenn sie die Wunde

aussog. Oder sie hätte in einer Hungers- oder Wassernot das letzte

der schönen Klothilde gebracht. Oder sie aus dem brennenden Erbhaus

gerettet. Oder sogar ihre Kleider genäht. Warum ging denn die Welt so

elend still in ihren Geleisen? Eine Tat -- eine Tat.

Mit einer Tat hätte Leonore wohl beweisen können, daß ihre Liebe zu

Fräulein Klothilde etwas ganz anderes war als die zu Clemence.

Kann man vielleicht seine Liebe beweisen, indem man Vokabeln richtig

lernt? Ja, Leonore lernte Vokabeln und lernte die Literaturgeschichte

auswendig: ~Stratford on Avon boasts of having been the birth-place

of this hero of English literature. The circumstances of his youth are

involved in great obscurity. But it is maintained, that his father was

a glover or woolcomber.~ Das klang wie ein Lied, denn Klothilde

hatte es vorgelesen.

~And often amidst decemberstorm

You’ll hear this voice again~ --

Die Großmutter war der Meinung, Leonore lerne lauter Poesien in ihren

Stunden. Denn Leonore trug die Historien von Handschuhmachern und

Wollkämmern wie Welt-Epen vor und erfüllte das Haus mit den Lauten

der englischen Sprache, in weniger korrekter als einschmeichelnder

Aussprache.

Viermal die Woche ging Leonore in das Erbhaus der Reislands. Sie lernte

mit Heftigkeit alles, was man dort von ihr nur entfernt verlangte. Es

wurde fast nur auf den Unterricht Bezügliches gesprochen.

Aber als einmal Klothilde über Leonores bräunlich goldene Kraushaare

strich, war es um Leonores Fassung geschehen. Sie wußte keine Vokabel

mehr und nicht einmal, was es mit ~Stratford on Avon~ für eine

Bewandtnis hat. Sie saß nur da und lächelte -- und lächelte -- und

als Fräulein Klothilde ihr mit der Lampe später die Treppe hinunter

leuchtete, griff sie nach ihrer freien Hand und küßte sie und rannte

wie ein Verbrecher in die Dunkelheit des Winterabends hinaus.

* * * * *

Schauernd verkrochen sich die Menschen in ihre Stuben. Wenn Leonore

durch den verschlafenen Ort ging, meinte sie in einer Totenstadt zu

sein. Sie liebte es immer, durch die Dämmerung zu gehen. Man sah

jetzt gar keine Lichter in der Stadt. Ueberall waren die Fensterläden

geschlossen wegen der grimmigen Kälte. Die Leute sehnten sich nach

Schnee. Aber seit Wochen war kein neuer mehr auf die kristallharte,

weiße Erdkruste gefallen. Die Altmühl lag wie ein gläsernes Band.

Selbst die Tiefen des so harmlos scheinenden Gewässers waren mit

dickem Eis bedeckt. Keine Mühle im Altmühltal ginge mehr, sagte der

Oberförster. Keine Mühle geht mehr? O, dann mußte man ja flußabwärts

fahren können. Mit den Schlittschuhen das Land erobern.

Leonore lief und lief. Ja, da lagen die alten Mühlen um Treuchtlingen;

wie bewachsen mit Eis schienen sie. Weiter -- weiter -- da fuhr sie

durch das Tor, das der Patrich und der Nagelberg bilden: das Tor ins

fränkische Wiesenland.

Sie fuhr in raschem Lauf. Da sah sie ein Dorf unfern des Flusses. Auf

dieses Dorf führte von der Altmühl aus eine Reihe von Weihern hin, die

zwischen von verkümmerten Bäumen bestandenen Hügeln lagen. Die Weiher

zwischen den Erdhügeln lockten Leonore. Sie überschritt Binseneis und

ging von einem zum andern. Es lag so eine seltsame Melancholie über dem

Ganzen.

Da fuhr ein Mensch auf dem letzten, großen Teich. Leonore sah ihn

unbefangen an -- nicht anders, als wäre er ein schönes Tier. Der

Mensch hatte grünliche Kleider an, die seinem Körper nicht hemmend

waren, so wenig, als einem Tier sein Pelz. Der Mensch fuhr zu Leonore

heran, wunderlich plastisch stand er da in der Einsamkeit wie aus Erde

gewachsen. Sie sah auf einen roten Mund, in ferne Augen, auf unbedeckte

Hände voll ruhender Kraft.

Der Mann grüßte -- freimütig -- als wollte er ausdrücken: ich grüße

dich, denn du und ich sehen einander ja doch nie wieder.

Leonore dachte: er lächelt, dieses wunderlich schöne Tier lächelt und

doch ist sein Gesicht so still wie von Stein.

Der Mann sagte: „Da treffen sich ja einmal das Nordmeer und das

Schwarze. Zwei, die sich noch nie gesehen haben.“

„Meere? Wo sind Meere?“ fragte sie gedankenlos.

„Es ist hier die Fossa Carolina. Der Graben, durch den Carolus Magnus

Europa durchqueren wollte. Die paar stillen Weiher sind die Reste.“

Leonore sah um sich, als kämen ihr diese Angaben nicht ganz glaubwürdig

vor.

„Sie meinen wohl, die Wikingerschiffe hätten hier nicht Platz gehabt

und auch nicht in dem Bächlein Altmühl? Ja, wissen Sie, die Erdgeister

kamen und schütteten nachts wieder zu, was am Tag gearbeitet wurde.

Nur das Letzte ließen sie als ein Memento. Das alles ist so fern.

Ein Jahrtausend fern. Wir wollen doch sehen, ob die Erdgeister uns

wohlwollen, oder ob sie uns verschütten.“

Leonore blieb stehen. Sie hatte keine Furcht vor dem Fremden. Sie

fühlte nur eine rätselhafte Anziehung.

„Sind Sie den Fluß herauf gekommen?“ fragte der junge Mensch.

„Ja, den Fluß.“

„Sie dürfen auch allein in Weiten gehen -- Ihnen tut man nichts. Ihnen

tut niemand etwas.“

„Ich fürchte mich auch nicht.“

„Sie nehmen es wohl mit allem auf?“

„Ja.“

„Woher kommen Sie denn? Sie kommen jetzt aus einer kleinen Stadt am

Fluß, das sehe ich: aber dort sind Sie nicht zu Hause. Wo sind Sie denn

zu Hause?“

„Nirgends mehr. Das ist vorbei.“

„O, glauben Sie nicht, daß das vorbei ist. Irgendwo will man immer

zu Hause sein. Ich war es jetzt vor tausend Jahren -- war allein,

allein in der Zeit, als die Karlsgräber fortgegangen sind. Das ist

doch wundervoll gewesen -- das ganze Land wieder leer -- nur wilde

Möven, wilde Vögel auf den Weihern. -- Nun bin ich bei Ihnen zu Hause.

So fremd und zutraulich kamen Sie daher. Ein Mensch -- zwei Menschen.

Sonst nichts. Und jeder bringt ein Jahrtausend mit.“

„Jeder bringt ein Jahrtausend mit?“

„In seinem Blut natürlich. Sie sehen nicht aus, als wäre die Zeit

hinter Ihnen tot. Sie tragen schwere und verschwiegene Wünsche aus

Fernen her, von Hunderten her mit sich in ein Einzeldasein. Schwere und

verschwiegene Wünsche ganzer Generationen, die sich einmal in einem

Losgelösten, aus der Art Ragenden, erfüllen wollen.“

Sie sah den Menschen an, der so seltsam plastisch vor ihr stand --

fragte, ohne zu wollen: „Wie können Sie das wissen? Sie wissen doch

nicht, woher ich komme.“

„O, das weiß ich wohl. Wenn Sie es vielleicht auch noch nicht wissen.

Sie haben mich angesehen, und da weiß ich viel von Ihnen.“

„Wer sind Sie denn?“

„Ich will Ihnen lieber sagen, daß ich Kelt heiße. Oben auf der Höhe

habe ich einen Bauernhof. Es ist ein Stück Wegs von hier -- doch das

erzähle ich Ihnen lieber später einmal. Ja, lachen Sie nur, Sie kommen

doch wieder. Oder wollen Sie auf der Altmühl fahren? Ist Ihnen das

lieber? -- Aber wie soll ich Sie nennen? Wie nennen Sie Ihre Freunde?“

„Leonore,“ sagte sie.

„Warum sind Ihre Freunde nicht bei Ihnen, Leonore?“

„Sie sind weit fort. Wir mußten alle fort von zu Hause.“

Der Mensch sah nach Westen. „Die Sonne ist weg,“ sagte er. „Es wird

bald dunkel sein. Ich darf Sie doch begleiten, Leonore?“

Leonore wußte nicht, wie ihr geschah. Kein Wort der Abwehr hatte

sie finden können. Es war ihr, als hätte sie mit Dankmar Kurtzen

geplaudert, obwohl der nie solche Dinge sprach. Aber alles an dem

Fremden schien ihr vertraut, heimatlich, gleiche Art.

Sie fuhren zusammen. Kelt meist voraus -- dann wandte er sich wieder,

umkreiste Leonore, lachte, rief ihr ein paar Worte zu und flog wieder

dem Ziel nach. Er war prächtig anzusehen in seiner spielenden Kraft.

Sein Körper schien keinen Zwang zu kennen. Wie auf Federn flog er

dahin, und dann konnte er sich plötzlich wenden, plötzlich still stehen

wie aus der Erde gewachsen. Die Mühlen tanzten vorbei -- die Hügel

um Pappenheim kamen. Bald waren die Schlittschuhläufer unter dem

Kronengarten.

„Adieu, Leonore -- sagen Sie nur zu Hause, Sie hätten den Kelt

getroffen, wenn man Sie fragt. Ihr Onkel kennt mich.“

„Adieu, Kelt.“

„Aber was denn? Seine zukünftigen Freunde nennt man doch nicht mit dem

Gattungsnamen. Ich heiße Vitus.“

„Adieu, Vitus Kelt -- Sie haben den drolligsten Namen, den ich je

gehört habe.“

* * * * *

Die Nacht hatte Tauwind gebracht. Nun war es zu Ende mit dem Eislauf.

Das bedauerte Leonore sehr. Doch bis der Tag zu Ende war, hatte er

ihr eine neue, schöne Aussicht gebracht. Ganz erregt kam sie aus

ihrer Stunde heim: „Großmutter, der Kelt ist ein Schüler von Fräulein

Klothilde. Und wir sollen nun immer zusammen bei ihr lernen.“

„Ja, ich weiß schon. Er war in deiner Abwesenheit hier. Er ist ja ein

Freund von Paul, deinem Vetter. Nun, soweit ist alles schön. Aber

ich muß dir etwas sagen, Leonore, ich weiß ja nicht, wieweit der

Karlsgraben von hier weg ist, aber du darfst doch nicht allein so weit

dich von der Stadt entfernen und dich von jedem Fremden ansprechen

lassen. Du bist jetzt doch ein junges Mädchen.“

„Das ist aber langweilig, Großmutter.“

„Ja, es kann dich aber niemand zu einem Jungen machen.“

„Ich hab mich auch noch von niemand bisher ansprechen lassen als von

Kelt. Der sah aus wie ein schönes Tier. Ich habe dir doch gestern abend

alles erzählt, wie es war.“

„Das sollst du auch immer tun, du weißt ja, Leonore, daß ich dir ganz

vertraue. Du mußt nie etwas mit Menschen sprechen, was du mir nicht

erzählen könntest. Ja, das versprichst du mir.“

„Ach Großmutter, manchmal redet man doch solche Sachen -- mit Dankmar

zum Beispiel, daß wir Pferde haben wollten und ins Morgenrot reiten.

Das war so schön zu denken. Es war aber nicht, daß ich dachte, man

solle mir ein Pferd kaufen. Wenn ich nun das alles erzählte --“

„Dann wäre es nicht mehr so schön?“

„Ich glaube, Großmutter.“

Die Dämmerung sank tiefer. Mit leiser Stimme redete Leonore von

Kapellendorf. Die Tanne auf Großvaters Grab sei nun weiß von

Schnee. Und im Frühling würden alle die Waldblumen herauskommen,

die sie gepflanzt hatten -- die Osterblumen, die Pulsatilla, die

Himmelsschlüssel und die Veilchen. Ganz blau von Veilchen würde das

Grab sein.

Die alte Frau hörte zu und sprach nichts. Alte Menschen, die nur ein

Schritt vom Grabe trennt, sind gelassen. Sie hatten ja ein ganzes Leben

Zeit, sich der Notwendigkeit beugen zu lernen. Sie warten in Geduld

und leben den Tag. Sie sind geduldig im Warten und lassen das Leben

noch tagen.

* * * * *

Wie war das herrlich! Mit Fräulein Klothilde zogen sie über das weite

Land. Kelt wußte, wo es Leonore gefallen würde. Er führte sie auf das

Hochplateau zwischen der alten Feste Wülzburg und den weiten Forsten,

die sich nach der Donau hin verlieren. Dort sah man sogar in der Ferne

ein weißes Schloß, zwischen blauen Hügeln. Er führte sie zu einem

einsamen Hof mit Lindenalleen und einer Jagdkanzel. Von dort aus konnte

man zwischen Nagelberg und Patrich hindurch weit ins Altmühltal sehen.

„Dort liegt eine graue Stadt,“ sagte Leonore, „wollen wir hingehen?“

„Da müßten wir wohl Siebenmeilenstiefel haben!“

„So erzählen Sie etwas, Kelt -- gibt es hier nicht Sagen und Märchen,

die das Volk noch weiß?“

„Ich glaube nicht. Obwohl hier einst die Kelten wohnten. Aber ihre

Geschichten von König Artus’ Tafelrunde, vom Parzival und Tristan und

Isolde verlegten sie in ihr Mutterland, denn sie waren hier nur Fremde.“

„Hier haben wirklich Kelten gewohnt?“

„Ja, es gibt noch Druidensteine im Lande. Und wir beide sind von

großmütterlicher Seite hier uransässig. Also, Leonore, seien Sie der

Abkunft eingedenk.“

„Ist das auch wahr?“

„Wahr? Positiv wahr soll es auch noch sein, wenn ich Ihnen etwas

erzähle? Im übrigen ist alles wahr, was wir glauben.“

Doch Leonore drang in den jungen Mann, er solle ihr noch mehr von den

Kelten erzählen. Ihr war alles noch neu, was andere schon lange wußten.

Neu und fremd. Ja, der Tauwind fuhr über die Welt. Sturm brachte er.

Die Vorahnung von Frühlingsstürmen.

Sie begegneten im Wald dem Oberförster Stengruben. „Ei, wie ist Leonore

vergnügt,“ sagte er. „Zu Hause hören wir sie nur immer Schreckliches

deklamieren. Verzeihen Sie, die Sie ihre Lehrmeisterin sind -- ich

verstehe nicht Englisch -- es klingt nur alles so schauerlich traurig.“

Der Oberförster schloß sich an Fräulein Klothilde an, und Leonore war

mit Kelt voraus.

„Vitus, damals an der Fossa haben Sie gesagt, in uns gingen die Wünsche

von Jahrtausenden. Aber wenn das wäre, da müßte ja eine ganz neue,

flammende Zeit anbrechen.“

„Ja, warum sollte denn das nicht sein, Leonore? Es liegt ja alles vor

uns, wir brauchen nur mit den Händen danach zu greifen.“

„Man sehnt sich immer,“ sagte sie, „o, so schwer sehnt man sich.“

„Immer noch nach Kapellendorf?“

„Nach was sehnen Sie sich denn, Vitus?“

„Ich freue mich jetzt auf den Frühling,“ sagte er.

Sie kamen in ein junges Gehölz. Nur ein schmaler, gewundener Pfad

führte durch, und sie mußten hintereinander gehen. Da kam ein junger

Mensch des Wegs, er trug eine Holzaxt, hatte die Pfeife im Munde. Er

grüßte.

„Wer war denn das?“ fragte Leonore.

„Der älteste Sohn vom Gastwirt in Osterdorf.“

„Sie kennen alle Leute hier.“

„Wie sollte ich nicht.“

Nach einer Weile ging wieder ein Holzfäller an ihnen vorüber. Noch

zwei-, drei-, viermal wiederholte sich diese Begegnung. Alle grüßten.

Und auf jede Frage Leonores kam von Kelt die Antwort: Es ist noch ein

Sohn aus demselben Hause.

Endlich fing Leonore zu lachen an. „Jetzt glaube ich das nicht mehr,

Vitus. So viele Söhne kann niemand haben.“

„Fruchtbarkeit,“ sagte er.

Und es schien Leonore, als sei Kelt nachdenklich bei dem Wort.

„Wir haben wirklich keinen Grund, an dem Fortbestand der Menschheit zu

zweifeln. Nein, Leonore, lassen Sie sich niemals anfechten von der

Gassenweisheit, es dürfte keine Ehelosen geben, sondern nur solche,

die aus Liebe, aus Gattungsbedürfnis oder ~à tout prix~ heiraten.

Allein sein können bedeutet sehr viel -- und die freie Liebe ist

leidenschaftsstärker und länger jung als die beste Ehe. Umsonst gibt es

nichts -- darum werden die äußerlich einzelnen, die intensiver lebten,

auch immer die Verschollenen sein. Die Toten von Geschlechtern, die,

welche man auf den Stammbäumen mit abgebrochenen Ästen bezeichnet:

Erloschene.“

Sie wußte mit dem Wort nichts anzufangen. Noch griff ihre Hand nicht

nach dem Schicksal.

* * * * *

Das waren schwere Wochen gewesen -- böse Wochen. Ein eiserner Ring um

den Kopf -- und immer dieses bohrende Brennen. Dann Schlaf -- Schlaf.

Viele Wochen hatte Leonore so dagelegen -- und nun endlich war sie

wieder auf. Sie hatte den Typhus gehabt, sich irgendwo die Ansteckung

geholt und aufgenommen. Nun aber durfte sie wieder außer Bett sein --

matt und müde, wie sie war. Und als sie zufällig in einen Spiegel sah,

mußte sie sehr lachen. Das war doch zu drollig, wie ein Junge sah sie

jetzt aus. Ganz kurz geschnittenes Kraushaar stand um ihren Kopf.

Die Großmutter lächelte: „Nun hat dich die Krankheit zu einem halben

Jungen gemacht.“

Das fand Leonore sehr nett. Wie mußte es hübsch sein, nun immer so zu

gehen.

Die Großmutter saß neben Leonore -- viel rüstiger als früher schien sie

der Enkelin (das kam weil die alte Frau wieder etwas zu sorgen gehabt

hatte), und sie plauderte: „Wie du so krank warst, Lenorchen, da ist

Fräulein Klothilde immer bei dir gewesen. Sie hat dich so wunderschön

gepflegt.“

„Davon weiß ich gar nichts mehr,“ sagte Leonore. „Wenn ich es doch

gewußt hätte.“

„Nein, das ist gut, daß du alles vergessen konntest. Und Kelt ist immer

gekommen -- viele Stunden hat er jeden Tag draußen im Saal gesessen und

gewartet, daß wir ihm von dir erzählten. Ein paar Nächte ist er sogar

hiergeblieben, wenn vielleicht etwas zu holen gewesen wäre.“

„Der gute Freund,“ sagte Leonore. Und sie fand es sehr schön und sehr

rührend: Kelt hatte in dem dämmerigen Saal gesessen -- viele Stunden

lang -- viele Stunden lang. Ganz still war es -- nur die Kuckucksuhr

hatte getickt, und er war bange, ob Leonores Lebensuhr noch schlug.

„Erzähle nur noch weiter, Großmama.“

Doch da kam Kelt schon selbst. Er kam ohne Meldung herein, wie jemand,

der zu Hause ist, stand vor Leonore und drückte ihre Hände. „Ja, wie

sehen Sie denn aus, Leonore? Ganz fremd -- wie der Lord Byron. Aber

wahrhaftig.“

„Lieber Kelt,“ meinte die Großmutter, „unser gutes Kind dürfte jetzt

gern auch wie ein Kaminfeger aussehen.“

„Aber freilich. Doch was kann ich denn dafür, daß sie nun wie ein

schöner Lord ist? Sie ist doch nicht meine Tochter -- ich bin

unschuldig daran. Da -- da habe ich etwas mitgebracht, Leonore --“ und

er hielt ihr in seinen beiden Händen, die so viel Kraft und Intelligenz

verrieten, einen großen Strauß Tannenreiser hin. -- „Kapellendorf

grüßt.“

„Ach,“ sagte sie nur. Sie war so müde und froh.

„Jetzt müssen wir Leonore sehr verwöhnen, Frau Oberförsterin. Sie hat

uns ja beinahe fortlaufen wollen, das fremde Mädchen. Gell du, Leonore,

das wäre doch furchtbar abscheulich von dir gewesen -- es wäre treulos

und unrecht und unverzeihlich von dir gewesen.“

Er nannte sie du -- und sie sagte ohne Gedanken, wie etwas Natürliches,

dasselbe zu ihm. „Die Tannenreiser hast du von Kapellendorf schicken

lassen, Vitus?“

„Freilich -- und gerade heute, wo du auf bist, sind sie gekommen.“

Sie drückte ihre bleich und schmal gewordenen Finger um die Nadeln. Sie

lächelte so froh und müde.

Und dann kam Fräulein Klothilde und brachte ihr Veilchen. „Sie sind nur

von hier -- aber es sind die ersten im Jahr.“ Und Fräulein Klothilde

küßte Leonore auf den Mund.

Sie dachte, ich soll ihr die Hand küssen -- ja, das will ich.

Aber sie war so schrecklich müde. Sie konnte die Zweige von

Kapellendorf gar nicht loslassen. Und sie dachte: Ich träume -- es ist

ja alles gar nicht so. Sie küßt mich, und Vitus ist so gut -- und die

Großmutter tut mit mir, als sei ich eine Prinzessin. Ich träume -- aber

ich will doch noch ein bißchen weiter träumen -- es ist so neu und

sonderbar.

* * * * *

Kelt tat sein redlichstes, Leonore zu verwöhnen. Als sie noch nicht

weit gehen durfte, kam er mit einem Wagen, sie abzuholen. Oder er saß

mit ihr an den wunderschönen Frühlingsabenden drunten am Fluß. Sie

konnte singen, und das mochte er gern. Eine feine, dunkle Stimme hatte

sie, die klang wie tiefe Harfensaiten. Sie klang, wie wenn Menschen

vom Meere sprechen und es nie gesehen haben. Wie wenn Menschen von

einem unbeschreiblich kostbaren Kleinod erzählen, das ihre Hände nie

berührten. Die Inbrunst der Seele macht das niegeschaute Meer zum

jungfräulichen Gestade, das nie in verlangenden Händen gehaltene

Kleinod zum heiligen Gral.

Leonore hatte aufgehört zu singen; sie sah nach dem grünen Wasser hin,

das unter Weidenbäumen melancholisch in langsamem Abschied zog. „Du

gehst nun bald fort, Vitus?“

„Noch nicht so bald, Leonore. Paul kommt doch in einigen Wochen -- dein

Vetter Paul -- und den möchte ich gern noch einmal sehen. Denn wenn ich

fortgehe ist es auf lange.“

„Auf immer, Vitus?“

„Auf lange, Leonore!“

„Du machst eine so weite Reise mit deinem Freund?“

„Ja, das wird wohl sein. In das alte Land, wo das Paradies gestanden

haben soll, wollen wir. Im Schutt von Jahrtausenden graben. Durch meine

Arbeit wird zwar für die Wissenschaft nicht allzuviel herauskommen,

ich bin ja nur ein Amateur, der selbst die größte Freude am bloßen Tun

hat, nicht an seiner Konsequenz. Aber Frédéric Morton ist ein großer

Gelehrter -- er besitzt jene Intuition des Intellekts, die man hat oder

nicht hat -- und nicht durch Fleiß erwerben kann.“

„Du liebst diesen Freund wohl sehr, Vitus?“

Kelt lächelte: „Du solltest ihn nur kennen, Leonore. Er ist der

idealste junge Mann, den es gibt. Er ist sehr schön. Was sage ich

-- schön. In Menschenschönheit liegt oft so viel Zufälliges. Darum

hat sie ihren einzigen Wert in den Augen der Gebildeten, die das

Logische lieben, verloren. Sie vergessen, daß es das Seltenste ist,

ein Geschöpf des Zufalles zu sein: ungedacht, nicht geschaffen, aus

tausend Willküren heraus wie die Zufallsschönheit wilder Blumen,

die Zufallsschönheit von Wolkengebilden, die über den Abendhimmel

schwimmen. Wir sind Gewordene, du und ich, Leonore. Auf lange sehen wir

zurück. Da waren die Reihen der Voreltern -- wir wissen noch, wie sie

gewesen sind. So genau wissen wir, woher sie kamen. Ja an der Hand der

Geschichte können wir sogar die Gedanken wissen, die sie dachten. Denn

wären sie Ausnahmen gewesen, so hätten sie sich ausgeschieden von den

andern und wären Ausgeschlossene, Verschollene, von denen man redet

wie von Gespenstern. Und wir, die wir aus dem Folgerichtigen kommen,

wir lieben gerade den Gegensatz: das Zufällige. Nicht jenes Zufällige,

in dem Wahllose sich mit Wahllosen mischten, Willkür sich mit Willkür

verband. Daraus entstehen nur Zwitter, die von der Bettelgnade des

Tages leben.“

„Verhöhnst du die -- die den Tag lieben wie etwas Kostbares, das einzig

ist?“

„Nein, Leonore, ich verhöhne sie nicht. Ich bin noch sehr wenigen

begegnet, die das konnten, was du sagst. Nur wer Schicksal und

Geschichte aus dem Augenblick formen wird, hat ihn geliebt -- die von

der Bettelgnade des Tages leben, tun es nicht.“

„Du müßtest ein wenig deutlicher dich ausdrücken, wenn ich dich

verstehen soll, Vitus.“

„Ja, wie soll ich das sagen. Immer einmal wieder wird Adam-Mensch

geboren -- der ein Erstling ist und alles neu sieht. Immer einmal

wieder geht Parzival, der junge Tor, durch die Welt, oder Kaspar

Hauser, der nichts von seinem Ursprung weiß. Zuweilen erwachsen

noch aus Finsternissen und dem Unnennbaren im Schoß der Erde jene

strahlenden, untergrundlosen Nordlichtexistenzen, die ich Geschöpfe

des Zufalls nannte. Und sie sind es, die den Gewordenen entzücken, die

ihm das Novum, die Offenbarung des Lebens sind. Wenn du einmal liebst,

Leonore, so wird es ein solcher Mensch sein. Einer, der einsam aus

seiner Rasse ragt. Der nichts hinter sich will -- nur das stürmende

Leben begehrt. Mein Freund ist ein solcher Mensch. Er hat nichts

geerbt. Der Zufall hat ihn erschaffen. Es gibt Menschen, die seinen

Gattungsnamen tragen, und wenn er unter ihnen ist, dünkt es einem, als

sei ein Findlingsblock unter Ziegel gefallen. Nur eine Schwester hat

er, die ihm gleicht.“

Ah -- eine Schwester, dachte Leonore.

Und er redete weiter. „Er hat Augen wie Chrysoprase. Seine Haut ist

wie bräunlich gewordenes Elfenbein. Weißt du, wie der Frühling sieht

er aus -- so maienstark ist er -- ist sein ganzes Wesen. Wenn er

spricht, spielt er mit den Worten wie mit Federbällen. Sie fliegen, sie

pfeifen durch die Luft. Sinnlos scheint es -- zusammenhanglos. Und dann

plötzlich braucht er nur die Hand auszustrecken und er fängt sie alle

-- aus den zerstreuten Worten wächst eine wundervolle Einheit.“

„Wie alt bist du eigentlich, Vitus?“

„Ich war einundzwanzig Jahre alt. Du meinst wohl, weil ich so von

meinem Freunde spreche. Ja, siehst du, das Äußerliche gehört zu ihm. Er

muß klare, harte, grüne Augen haben. Das muß alles sein. Man kann ihn

sich nicht anders denken. An ihm findet man eben alles schön. Da ist

nichts zu wollen. Seine Schwester gleicht ihm sehr.“

„An dir ist auch kein solcher Fehler, Vitus. Auf dich kann man immer

stolz sein. Was machst du für ein Gesicht -- wir sind doch gute

Freunde. Soll ich das nicht sagen? Meinst du vielleicht, ich hätte mit

dir an der Fossa geredet, wenn du nicht so ein schönes Tier wärst? Du

bist wie ein großer Hund -- ein ganz feiner Hund. Den kann man mit in

Stuben zu den schönsten Damen nehmen.“

„O Gott, ein Hund gerade,“ sagte Vitus Kelt.

„Na, oder ein Pferd. Ich weiß nicht so die Worte. Einen Menschen wie

dich habe ich noch nicht gesehen. Alle Menschen sind irgendwo schief.

So meine ich es. Dankmar Kurtzen und Klemens waren draußen sehr nett,

doch unter Erwachsenen und im Zimmer scheu oder komisch. Ich rede nicht

garstig von meinen Freunden oder Verwandten, Vitus. Aber sieh mal

Charlottchen, so fest und gerade ist sie in ihrem Hause -- und immer

befangen, als hätte sie eine Schuld auf sich, vor den Menschen. Und der

Onkel lärmt so in dem alten Saal. Du tust das nicht.“

„Nun, und Fräulein Klothilde?“

„Die kritisiere ich doch nicht,“ antwortete Leonore und wurde ein wenig

rot dabei. Sie war so ehrlich und verehrte Fräulein Klothilde. Und doch

hatte Kelt etwas vor ihr voraus.

„Sag mal, Leonore, wie denkst du von dir?“ fragte Kelt. „Bist du auch

irgendwo schief?“

„Ja -- ich geniere mich so oft, und geniere mich, daß ich mich geniere.

Ueberhaupt ist es sehr schwer ein Mädchen zu sein.“

Sie saßen still und sahen auf das fließende Wasser, dem jedes

Weitergleiten wie ein Abschied schien -- zögernd, schwer -- hülflos.

* * * * *

Blau war die Erde von Flieder. Leonore schien es, als erwache das

ganze Städtlein in einem Frühlingsfliedertaumel. Um den Ruinenberg,

um den Kronengarten selbst war alles voll verschwiegener Gärten hinter

Fliederhecken. Der Berg lag wie eine Landzunge vorgeschoben in die

beiden Täler des Flusses. Und an all seinen Hängen standen die kleinen,

verborgenen Gartenhäuser von grauem Stein. Um jeden Garten waren

blühende Fliederhecken, und alle die kleinen, heimlichen Wege und Stege

auf dem Ruinenberg waren von Flieder umsäumt.

Leonore ging durch die warmen Abenddämmerungen, die noch so leuchtend

waren, trotzdem die Sonne schon hinter die Hügel sich gesenkt hatte.

Und Leonore schien es, als trüge eine große, unaussprechliche Freude

ihren Körper. Was war es denn, was war es denn? Es war ja nur der

Frühling und sein hoffnungsschweres Jauchzen -- der Frühling, der das

Land vergoldete, der es mit Reiz umkleidete --

„Guten Abend, Frau Traumfelder. Sammeln Sie Rapünzchen?“

„Ja, Freilein Lenore, Rawinzeli stech ich aus.“

Leonore guckte durch eine Öffnung in der Fliederhecke. „Haben Sie schon

Bohnen gesteckt?“

„Ja. Die Eismänner sin vorbei. Die Kimmerling hab’ ich auch gelegt.

Neie Sorten, die ranken sich an Bohnenstangen nauf -- die brauchen net

so viel Platz.“

„Aber, Ihr Garten ist doch so groß?“

„Wir brauchen halt gar arg viel Kartoffeln, sieben Kinder, sieben

Mäuler, Freilein Lenore.“

„Wie geht es denn Ihrem Soldaten?“

„No, ich dank, gut. Der freit sich sehr, wenn er heimkommt aufm Herbst

und wenn die Kimmerling zeitig sin.“

„Machen Sie nur bald Feierabend. Die Kimmerlinge werden schon noch Zeit

haben.“

„No, guten Abend, Freilein Lenore.“

Leonore ging weiter. Alles war so schön. Wie furchtbar drollig, daß

man die Gurken an Stangen wachsen ließ, damit sie nicht so viel Platz

brauchten. Das mußte sie der Großmutter erzählen. O ja, Leonore hatte

jetzt schon viele Bekannte in der Stadt -- sie guckte so gern in die

Gärten und freundete sich an. Traumfelder hießen die Leute, die hier

Sommerfelder bebauten.

Nicht nur mit den Menschen freundete sich Leonore an. Aus einem ganz

verwilderten Garten, der niemand zu gehören schien, hatte sie gestern

eine Schwertlilie gestohlen.

Weil sie so über alle Maßen schön war. Mein Gott, die Schwertlilie

hatte es doch so einsam in dem ganz verwilderten Garten. Auch Flieder

stahl Leonore. Im Kronengarten blühte er für die Großmutter.

Ganze Arme voll Flieder hatte sich Leonore in ihre Stube geholt. Das

roch so wunderlich in der Nacht, wenn der Spätfrühlingswind durchs

Fenster kam. Und erst wenn man das Gesicht in die breiten Trauben

drückte, o, das war eine Lust -- Lust --

Und Leonore lief durch die kleinen Wege zwischen den Fliederhecken auf

den Ruinenberg. Eine große, unaussprechliche Freude trug ihren Körper.

Was war es denn? Es war der Frühling und sein liebesschweres

Jauchzen. --

* * * * *

Der Vetter Paul sah Leonores Malereien an, die sie bei Fräulein

Klothilde gemacht hatte. Vetter Paul war eine Autorität. Er hatte

ein Bild gemalt, und das war schon verkauft. Folglich mußte er etwas

verstehen, und das Lob, das er Leonores Malereien spendete, erfreute

besonders das Herz der Großmutter. Ja, nun sollte Leonore schon noch

mehr Gelegenheit zur Ausbildung bekommen -- Porzellanmalen war doch so

etwas Aufregungsloses und Solides.

Leonore konnte das Lob Pauls nicht ergötzen. Denn dieser Paul nannte

jetzt Fräulein Klothilde seine Liebste, und die Liebste sagte zu

Leonore du, und sie waren jetzt Cousinen. Leonore fühlte dumpf: der

von ihr so äußerst verachtete Tierarzt war gewiß ein vortrefflicher

Mann gewesen. Sie hatte ihm sehr unrecht getan. Die Ideale heirateten

alle, ob sie nur schöne Seelen oder nur schöne Gesichter hatten.

Sie heirateten beliebige Männer, und daß Leonore sie geliebt hatte,

bedeutete gar nichts. Und sie heirateten keineswegs Welteroberer oder

Könige, sondern Mallehrer und Gestütsdirektoren.

Leonore bedachte nicht, daß sie nie die Hoffnung genährt hatte, ewig

von Klothilde Stunden zu haben. Doch sie war von Eifersucht erfüllt und

schämte sich dessen in alle Tiefen hinein. Sie wollte gar nicht mehr

an Klothilde denken, das war eben nun eine Cousine -- nun ja, was denn

weiter? Nun ging man zu vieren im Wald und auf der Heide -- mochten

Klothilde und ihr Bräutigam nur vorausgehen ...

„Ja, Leonore,“ sagte Kelt auf einem solchen Weg -- „freut es dich denn

gar nicht, daß du später in München noch besser malen lernst? Wie wäre

ich glücklich um eine künstlerische Begabung.“

Leonore sagte erbittert: „Ich kann mir nun alles auf Kaffeetassen

malen, was ich mir wünsche. Ich wollte doch lieber leben, lieber leben!“

„Na, Kind, der Paul lebt recht kräftig gerade, trotzdem er malt.“

„Ich kann ihn nicht leiden,“ kam eine heftige Antwort.

„Weil er Klothilde heiratet? -- Aber liebe Leonore, damit beweist er

doch nur einen guten Geschmack.“

„Du hast wohl auch wo eine Braut?“

„Ich? Aber Leonore. --“

„-- Aber, Leonore -- aber, Leonore. Ich höre schon, daß ich ein Aber

bin.“

Kelt sah geradeaus ins Land. Ganz behutsam, und wie man ewige

Wahrheiten ausspricht, die niemand ins Herz treffen können, redete er

weiter: „Weißt du, wenn die Menschen ganz jung sind, wissen sie noch

wenig von sich. Und sie glauben doch immer, sich in alle Zukünfte

zu verstehen. So lange ein Mensch noch im Werden ist, hat er nicht

den Überblick, vermag er nicht zu entscheiden, was ihm nicht nur

Freude, nicht nur Vergnügen, sondern Notwendigkeit ist. Alles andere

enttäuscht. Nur was uns Notwendigkeit ist, bleibt uns treu. Was sich

von uns wendet, war nicht Notwendigkeit. Es war nur Handlanger zu

unserer Entwicklung.“

* * * * *

So still und rein kam der Juniabend. So still wie die letzte Liebe.

Sanftheit lag über der Landschaft. Allen Ruhe, allen Ruhe und einen

Schimmer von Glück schien sie zu bringen.

Sie standen noch einmal an den Weihern der Fossa. Die Abendschatten

lagen schon über den Hügeln, und in den melancholischen Wassern schrien

die Frösche. Und wie im Traum fühlte Leonore die ferne, untergegangene

Zeit -- fühlte sie den Schmerz, der hier noch zu wohnen schien.

Kelt saß am Hügelrand und sah auf das ruhende Wasser. „Einen Augenblick

sind wir uns begegnet, Leonore, und haben uns zugelächelt aus weiten

Fernen. Aber es wird nicht sein, als sei nichts gewesen. Wir werden

noch oft an einander denken, wenn jeder sein eigenes Leben lebt -- ja,

weißt du, wenn wir einst beide auf den Inseln der Seligen sind, dann

werden wir einander manchmal grüßen als Wegkameraden.“

Sie saß ihm gegenüber, lächelte verloren. „Ich muß dich noch viel

ansehen, du schönes Tier. Du gefällst mir noch heute so gut wie beim

ersten Mal.“

Er sagte nichts. Er schwieg lange. Die Grillen zirpten von den Wiesen

her, und die Schatten des Abends vertieften sich. Es war, als hätte

der Augenblick kein Ende; als hätte der stille, reine Abend keinen

Untergang. Sie dachte: Hinter den Hügeln wird uns einst das Leben

lächeln. Wie ein Jahrtausend muß das Glück sein -- so reich, so glühend

von großen Taten --

„Vitus, liebst du deinen Freund?“

„Du weißt es ja, mein Kamerad.“

„Ich liebe die Erde und den Sommer,“ sagte sie und lächelte Kelt an.

„Und dich hab’ ich so schrecklich gern. Hörst du -- du sollst mir nie

schreiben -- ich schreibe dir auch nicht. Briefe enttäuschen so. Die

wollen etwas sein und sind doch nichts. Heute sagen wir uns Lebewohl --

und wenn wir uns nie wiedersehen, so tut es nichts, denn es wäre doch

anders.“

Kapellendorf · 第 12 / 43 题