II.

An der Fossa Carolina.

Der Abschied von Kapellendorf wurde Leonore unsagbar schwer. Diese wehe

Bitternis, die Stätte der ersten Jugend verlassen zu müssen:

Hier läuteten in jedem jungen Jahr die Osterglocken

Dir froh das hohe Fest des Frühlings ein.

Hier warst in jedem jungen Jahr du bald erschrocken

Von allem Blumenglück am Waldesrain.

Du taumeltest gleich einem trunk’nen Falter

Durch Maienpracht, durch Maiennacht;

Du träumtest von dem ew’gen Erhalter,

Der Pan heißt, dem dein Herz erwacht.

Hier grüßt dich nun der Herbst, baut gold’ne Brücken

Von der geliebten Erde auf zum Himmelsrand.

Hier grüßt dich wie ein letztes, jubelndes Entzücken

Das Bild der Heimat, deiner Jugend Land.

Und du mußt geh’n. Kein Abschied ist so schwer

Als der des jungen Herzens von der Heimaterde --

Nimmermehr, nimmermehr,

Was einst dir ewig währte.

Alles dir teuer -- jeder Meilenstein im Lande,

Der Busch im Feld, der Eichenknick,

Durch tausend Bande

An dich gefesselt, bleibt es nun zurück.

Alles dir teuer, in dem alten Haus

Das letzte Fenster, alles konnte zu dir sprechen,

Nur du mußt geh’n -- du mußt hinaus

In fernes Land und fühlst, dir wird dein Herz zerbrechen.

* * * * *

Im Kronengarten wohnten sie nun. Das war ein altes Haus, am Hügel

gelegen, vor dem Tor der Stadt, unter den Mauern und Türmen der Ruine

von Pappenheim.

Ach, sie war nicht Kapellendorf. Der Saal mit alten Büchern und Bildern

war nicht der Saal von Kapellendorf. Das weitläufige Haus schien

Leonore klein -- die Möbel aus Kapellendorf kamen ihr vor wie im Exil.

Alles war anders. Hügel schlossen die Landschaft ein. Schlossen sie ein

wie Grabesmauern. Sie war den Blick in weite Fernen gewohnt. Hinter dem

Ettersberg war die Sonne untergegangen; vom Ettersberg herüber hatte

ein weißes Schloß durch die Dämmerungen geleuchtet. Ueber weite, weite

Felder war der Herbstwind gekommen -- wie ein Lied der Ewigkeit. Hier

zankte er nur mit der Wetterfahne auf dem Römerturm.

Die hülflose Qual heimatloser Nächte -- diese grauen, kalten Morgen,

die das Unvertraute noch böser machten. Tatenlose Tage. Alles, was man

tut, ist ja nur ein Abfall. Sich einrichten, sich einleben, alles ist

nur ein Abfall.

So merkwürdig leicht fanden sich die Großmutter und ihre Tochter in

das Neue. Sie schlossen sich an den Schwiegersohn, Klemens’ Vater an.

Er war lange schon verwitwet und nun froh, wieder sorgende Frauen um

sich zu haben. Jeden Tag sprachen sie es aus. Und sie lebten für ihn,

als wäre der Großvater schon ganz vergessen. Er hatte auch ähnliche

Gewohnheiten wie dieser, das kam wohl von demselben Beruf.

Die Großmutter fühlte sich hier wohl. Sie stammte aus dem Städtchen.

Sie war einfach dorthin zurückgekehrt, wo sie den Ausgang genommen

hatte. Und wie so viele alte Menschen, schien sie auch innerlich sich

zurückzuneigen, zurückzugehen zu dem, was ihre Jugend gewesen war. Der

Großmutter war alles hier heimisch. Die Menschen, ihre Sprache, das

Haus, der Garten.

Im Garten stand ein altes Steinhaus ganz schief über der Mauer.

Fast schien es, als hielten es nur die Arme blutroten Weins vor dem

Hinabstürzen. Drunten im Tal floß ein träger, mühseliger Fluß.

In Kapellendorf war der wilde Wein lieberot gewesen. Die stillen Wasser

waren herangekommen bis zu den Mauern. Von Kapellendorf aus ging man

jetzt in die Wälder, die reifen Beeren des Wachholders zu sammeln.

Und jetzt hörte man in Kapellendorf die Windmühle oben von der Höhe

her rauschen, immerzu, Stunde für Stunde, weil ihr der Novembersturm,

der über das Land brauste, keine Rast ließ. Und bald konnte man in

Kapellendorf auf den Schloßgräben Schlittschuh laufen und über die

weite Flur im Schlitten dahinjagen.

Hier kam nur der tote Winter.

Leonore ging durch das öde Land. Stumpf und traurig, im Gefühl des

Verlassenseins, im Gefühl unwiederbringlichen Verlustes ging sie. --

Aber schon war es, daß dieser Schmerz ihr das einzige Gute schien, das

sie besaß. Dieser Schmerz um die verlorene Heimat, der ihr noch immer

die Tränen in die Augen trieb, wenn sie allein war. Sie ging und wußte

nicht einmal, daß sie weinte.

Da kam durch die Lindenallee eine junge Dame auf Leonore zu. Diese

Fremde war schon öfters bei der Großmutter gewesen. Sie hatte eine

tiefe, weiche Stimme und wirres, dunkles Haar. Sie wohnte ganz allein

in der Stadt in einem ererbten Hause.

Leonore gedachte, sich zu verkriechen. Aber schon begrüßte sie Fräulein

Reisland. „Sie sollten nicht so allein gehen, Leonore,“ sagte sie, „ich

begleite Sie ein wenig.“

Leonore genierte sich. Sie hatte bunte Handschuhe an, die man

Tigerpfoten nannte, und die Dame wildlederne. Ja, fast der alten

Sackjacke aus Kapellendorf schämte sich Leonore.

„Wohin wollen Sie denn gehen?“

„Ich wollte nur ein wenig hinaus -- ich weiß nicht wohin -- es ist

alles so grau und trübe hier“, antwortete Leonore.

„Sie haben immer noch Heimweh, Kind? und Sie wissen doch, wenn Sie

einmal erwachsen sind, können Sie wieder in die alte Heimat kommen.“

„Jetzt“ -- sagte Leonore nur.

„Ja, jetzt leben Sie hier. Jetzt müssen Sie es überwinden. Ich weiß ein

Wort, das hilft ein wenig, soll ich es Ihnen sagen?“

Leonore nickte.

„Es ist ein kleines Gedicht. Es heißt:

Weiche, lieber Schatten, weiche,

Störe nicht des Tages Leben.

Ist dir doch der Traum ergeben,

Daß dein Bild mir nicht erbleiche.[1]

[1] Von Margarete v. Bülow.

Verstehen Sie, Leonore: was wir lieben, das behalten wir immer. Es ist

unser zweites Leben im Traum. Wir müssen nur die Kraft erringen, auch

etwas Neues zu erobern.“

„Ich habe das Gedicht nicht ganz merken können. Würden Sie es mir noch

einmal sagen?“

Und die Dame wiederholte diese sanften, zärtlichen Worte der Abwehr

eines geliebten Bildes:

Weiche, lieber Schatten, weiche ...

Leonore dachte: da war jemand, der hatte etwas so lieb gehabt und mußte

doch den Schmerz überleben. Sie ging neben Fräulein Reisland her und

zermarterte sich den Kopf, was sie wohl sprechen sollte. Aber die Dame

redete schon von selbst.

„Alles ist jetzt düster und trübe. Aber warten Sie nur, Leonore, Sie

werden es noch erleben, daß in Franken die Veilchen gerade so blau

sind wie in Thüringen, und oben, auf dem Plateau, das die Römerstraße

durchzieht, gibt es weite, weite Kornfelder. Durch den Winter müssen

Sie eben nun sich kämpfen. Sie sind doch ein tapferes, kleines Mädchen.

--“

Ein paar Tage später saß Leonore bei der Großmutter, des Abends, als

draußen der Herbstwind ging. Die Großmutter erzählte allerlei. Daß

Leonore mit achtzehn Jahren sich einen Beruf sollte wählen können,

das habe der Großvater bestimmt. Und sie, die Großmutter, habe mit

dem lieben Fräulein Klothilde gesprochen, die wolle Leonore gern in

Wissenschaften, im Malen, in Sprachen unterrichten.

Leonore war entflammt. Wie -- diese feine, stolze Dame wollte sich mit

ihr befassen? O, Leonore wollte alles lernen. Nur -- Geld würde sie nie

zu dieser Dame tragen. Nie. Das dürfte niemand von ihr verlangen, daß

sie so etwas Gräßliches vollbrächte.

Die Großmutter lächelte ein wenig. „Nein, hab’ keine Sorge. Das machen

wir schon mit dem Unterricht. Geld ist aber doch nichts Beleidigendes

an sich. Dieser Fall liegt ja anders, aber sonst mußt du dir merken,

alles Geschäftliche, alle Geldsachen kann man nur auf eine vornehme

Weise erledigen, die nämlich, daß man sie rein als Geschäft behandelt.

Künstler, Gelehrte, alle nehmen Geld für ihre Arbeit. Man nennt dies

ein Äquivalent. Auch einem Arzt gibt man das Geld für seine Mühe, denn

alle Menschen brauchen es zum Leben.“

„Aber es ist doch nicht gleich, ob ich eine Ware bezahle oder etwas,

das Persönliches an sich hat. Ich kann nicht recht sagen, was ich

meine, Großmutter.“

„Ich verstehe dich schon. Man bezahlt seinen Lehrer und seinen Schuster

und ist mit beiden rechtlich quitt. Aber dem Lehrer bleibt man

verpflichtet. Das ist der Unterschied zwischen Geldgeben und Geldgeben,

sagte der Großvater.“

Ja, Großvater wußte alles so richtig. -- Damit war Leonore wieder bei

Kapellendorf angekommen.

* * * * *

Ist dir doch der Traum ergeben,

Daß dein Bild mir nicht erbleiche.

Diese Nächte, diese heimatlosen Nächte. Da lag Leonore wach, und wenn

es nur eine Viertelstunde lang sein mochte, so schien ihr doch diese

Viertelstunde eine Ewigkeit des Grams. Sie sehnte sich so entsetzlich.

Nach jedem Winkel in Kapellendorf sehnte sie sich. Nach dem Wald, nach

den Feldern sehnte sie sich wie nach dem geliebtesten Freund.

Und dann kam der Schlaf. Dann kamen Träume. Heiß und in leuchtenden

Farben kamen sie. Ihre Seele schrie nach der Heimat. Ihr junges Blut

schrie nach der Heimat ....

Und es war -- es war .... Ich habe es schon oft geträumt, ja, damals

waren es Träume, damals folgte ein bitteres Erwachen. Aber heute ist es

Wirklichkeit.

Sie kam heim -- sie kam heim. War nicht die Luft berauschend wie

junger Wein? Lag nicht der Morgenglanz des Frühlings, die rote

Tiefe des Sommerabends über dem Land? O, ihr Herz war verwundet und

jubelnd zugleich. Sie kam heim -- über die Felder kam sie, die waren

früchteschwer, und ihr Duft berührte wie eine Liebkosung.

Da -- durch die Dämmerung glänzte das weiße Schloß am Ettersberg.

Und dort -- die Talsenkung -- die schwarzen Bäume, die vor dem

brandrotdüstern Himmel standen, sie umschlossen Kapellendorf. O, sie

brauchte nicht zu eilen -- o nein. In jedem Augenblick lag Süße. In

jedem Augenblick lag Lust. Das Dorf -- der Lindenbaum vor der Schenke

-- ja, ja, ich werde euch alle begrüßen -- nachher, jetzt muß ich heim.

Alles wartet auf mich. Und da lagen die alten Mauern -- sie lagen

dunkel und doch leuchtend -- und Leonore bebte das Herz. Verhaltenes

Glühen -- Jubel der Erfüllung.

Da war alles, und sie trat in den Hof. Ja, dort im Gärtlein nickten die

Malven, die lieberoten Malven. So vertraut alles, und doch wie neu.

Größer, strahlender, herrlicher. Und hier ging der Weg über die Mauern

hin, zu dem Frühlingsgärtlein, von dem aus man über das Land sah, weit,

weit in Fernen -- zu den Freunden und Freuden und Festen zukünftiger

Tage hin.

Da -- da -- der Boden schwankt -- unaussprechliche Verheißungen klingen

zu mir aus Nacht und Heimkehr. O, nur einen Augenblick noch -- das

Wunder der Erfüllung tritt hervor.

Da bin ich, da bin ich, du mein geliebtes Land, da bin ich, und die

Nacht ist so schwer. Ich kann es ja noch nicht ertragen, noch nicht als

Wirklichkeit fühlen. Du leidgetränkter Boden -- du schicksalsschwere,

jubelnde Nacht. Da bin ich -- und ich hebe die Arme. Da bin ich -- --

Kapellendorf · 第 11 / 43 题