Und die Marinke erwiderte: »Ich verlange ja nichts.«

An demselben Morgen ging er in die Altsitzerstube und blieb dort länger

als eine Stunde. Und das Ende war, daß gegen Mittag die Alte herauskam,

das Gesicht wie behonigt, und zu der Marinke sagte: »Setze meinen Teller

auch auf den Tisch, liebe Tochter. Damit Friede wird, will ich fortan

mit euch zusammen essen.«

Aber die Marinke traute ihr nicht, und als die Alte den Kleinen ihren

»Putytis«, ihr Hähnchen, nannte und ihn gar auf den Arm nehmen wollte,

zog sie ihn rasch auf die Seite.

Von diesem Tage an war die Wilkene wie umgewandelt, und niemand konnte

wissen, wodurch es geschehen war.

Die Mutter Enskys aber, die alle Freitagabend im Erlengebüsch auf

Marinke lauerte -- -- denn so war es jüngst ausgemacht worden --, sagte

zu ihr: »Paß gut auf, daß sie nicht an den Herd kommt. Ich will mich

rösten lassen wie Flachs, wenn sie nicht darauf sinnt, dich und das Kind

zu vergiften.«

Die Alte aber saß allabendlich am Rande des Sumpfteichs hinter dem

Roßgarten, um Fischbrut zu käschern, wie sie sagte, für die Angeln, die

nächstens ausgelegt werden sollten, und in der Dunkelheit kam sie mit

Kräutern beladen nach Hause, die sie niemandem zeigte.

Am Sumpfteich wuchs neben der Hundsromei und dem Kalmus auch

Wasserschierling in Menge. Das ganze Dorf hätte man ausrotten können, so

viel Schierlingsstauden standen dort mit ihren weißlichen Schirmchen.

Ja, die Marinke paßte gut auf.

Daß die Alte Spiritus wollte zum Einreiben gegen die Gicht, das hatte

nichts auf sich, aber daß sie sich auch das Kesselchen holte mitsamt dem

Kocher, während sie doch jetzt immer am Tische aß, das gab schon mehr zu

bedenken. Und stundenlang saß sie am Herde, um sich die Glieder zu

wärmen, obwohl die Luft noch ganz sommerlich war.

Vom Wasseransetzen bis zur fertigen Mahlzeit wich die Marinke nicht von

der Stelle. Kaum den Kopf zu wenden traute sie sich, und schließlich

wurd' ihr ganz wirblig von dem ewigen Argwohn.

Und eines Abends, als es Kürbisbrei gab mit Zucker und Rosinen, da fiel

ihr ein fremder Geruch auf, der aus der Schüssel emporstieg. Der Jozup

mochte wie viele den Kürbis nicht und kriegte was Anderes, die Alte aber

bekam mit einemmal die Kolik, ging zu Bett und ließ sich Melissentee

kochen, so daß nur sie selbst und das Kind noch übrigblieben, davon zu

essen, denn den Leuten war schon vorher zugeteilt worden.

Darum tat sie nur so, als ob sie aß, und gab auch dem Kinde nichts,

füllte aber, soviel sie konnte, in eine breithalsige Flasche und lief

heimlich damit zu der Mutter Enskys, damit sie nun tue, was not war.

Und als der Freitagabend herankam, da sagte die Mutter: »Ich bin in

Heydekrug gewesen beim alten Settegast, der hat den Brei untersucht und

gesagt, der Pons Stootsanwalts, wenn man's dem anzeigen wollte, wär' mit

der Hälfte zufrieden. Und hier auf dem Zettel steht alles.«

Die Marinke nahm den Zettel und ging zum Jozup. »Deine Mutter ist mir

die rechte,« sagte sie.

»Wieso?« fragte er und ließ die Halsbinde los, denn er zog sich eben die

Kleider vom Leibe.

»Weil sie mich hat vergeben wollen -- mich und das Kind.«

Er wurde so rot, als müsse er an ihren Worten ersticken, und riß sich

das Hemd am Halse entzwei.

»Ich habe das Versprechen getan, dich niemals zu schlagen,« sagte er,

»aber du machst es einem recht schwer.«

»Hier ist der Zettel,« sagte sie.

Er las den Namen des alten Settegast, den jeder ehrte weit und breit,

und so rot, wie er gewesen war, so blaß wurde er nun. Und dann ließ er

sich alles von ihr erzählen. Auch daß die Mutter Enskys die Probe zur

Apotheke getragen hatte, verschwieg sie ihm nicht. »Straf mich, wenn du

willst,« sagte sie, »aber das Kind mußt' ich am Leben erhalten,

gleichviel, wer sein Vater ist. Und das Beste wird sein, du läßt mich

jetzt gehen, sonst gelingt es mir doch nicht.«

»Du und das Kind bleiben hier,« erwiderte er.

»Gut,« sagte sie, »dann muß deine Mutter fort, oder ich zeige sie an.«

»Du zeigst sie an?« fragte er, als ob er nicht recht gehört hätte.

»So wahr ich ein Kind habe, ich zeige sie an.«

Da lief er hinaus, halbnackt wie er war, und kam die ganze Nacht nicht

mehr wieder. Auch am nächsten Morgen war er nirgends zu sehen, erst

gegen Mittag trat er mit einemmal aus der Altsitzerstube. Er zitterte am

ganzen Leibe und sagte: »Ich habe mit der Mutter gesprochen. Was sie

jetzt tun muß, das habe ich ihr schon damals prophezeit und habe für

alle Fälle mit den Brüdern das Nötige geordnet. Sie werden die Hälfte

aller Einkünfte bekommen und sie dafür in Pflege nehmen, solange sie

lebt. Siehst du nun wohl, wie lieb du mir bist -- du und das Kind?«

Drei Tage später fuhr die Alte ab. Sie hatte kaum einen Widerspruch zu

leisten gewagt, denn sie wußte, die Anzeige drohte.

Als sie auf dem Wagen saß, mit dem der Jozup sie zur Bahn brachte,

reckte sie noch einmal den Krückstock nach der Marinke und schrie ihr

den schwersten Fluch an den Hals: »Mag der Perkuhns dich treffen nach

Bartholomä!«

Und da es bis zum nächsten Bartholomä noch lange hin war, verbesserte

sie sich: »Nein, noch vorher, jetzt gleich soll der Perkuhns dich

treffen.«

Da zogen die Pferde an, und sie fuhr in die Weite, dorthin, wo kein

Litauergott mehr donnert.

11

Nun folgten vier Ehejahre, die konnte man glückliche nennen.

In Marinkes Herzen wurde das Bild des Jurris allmählich blasser und

blasser. Da eine Aufpasserin nicht mehr vorhanden war, hätte sie manches

liebe Mal nach seinem Grabe sehen können, aber es drängte sie nichts

mehr dorthin.

Der Kleine wuchs zu einem kräftigen Strampler heran, der sich die Butter

vom Brote nicht nehmen ließ und seinen Willen vom Morgen bis zum Abend

in die Welt hinauskrähte.

Der Jozup konnte nicht satt werden, ihn darin zu bestärken, und wenn der

Junge recht unartig war, sagte der Vater: »So ist's gut, mein

Lümmelchen. Pech und Teer sind Verwandte.«

Er lehrte ihn Schweine treiben und die Kühe zur Weide führen und setzte

ihn jedem Tier auf den Rücken, das gerade zur Hand war. Mit vier Jahren

ritt er bereits auf der bockigen Schimmelstute, und die war auch sonst

nicht die frömmste.

Von Monat zu Monat wurde das Leben inniger zwischen den beiden, und als

der fünfte Frühling herankam und die künftige Schulzeit schon drohte, da

nahm der Jozup ihn morgens sogar auf das Feld mit. Er ließ ihn die

Lenkstange der Pflugschar anfassen, er gab ihm einen Zipfel des

Säelakens zu tragen und meinte: »Das muß das Erste sein, was ein

Wirtssohn erlernt, sonst nützt ihm kein Schreiben und Rechnen.«

Ein Glück war's -- ein unaussprechliches und nie besprochenes --, daß

noch immer kein Zeichen sich meldete, der kleine Jurris werde ein

Brüderchen oder ein Schwesterchen kriegen. Es war gerade so, als ob der

Himmel selbst darüber wachte, daß in dieses ängstliche Wohlsein Bestand

und Ruhe allmählich einkehrte.

Im Enskysschen Hause aber lagen allabendlich zwei alte Leute auf ihren

Knieen und flehten zum lieben Gott, er möge sie davor behüten, einsam in

die Grube zu fahren, und ihnen den Großsohn und Erben zurückgeben.

Und endlich, endlich wurde ihr Gebet erhört. Die Marinke mochte sich

noch so sorgsam verstecken, die Dienstleute trugen es doch hinaus, und

bald wußte das ganze Dorf, daß sie gesegneten Leibes war.

Der Jozup ging umher wie ein Wüterich und erklärte, wer ihm den Knaben

nehmen wolle, den schieße er nieder.

Aber als die beiden Enskys von seinen Reden hörten, da lachten sie nur,

denn sie hatten es schriftlich.

Und eines Tages waren sie dreist genug und erschienen beide im Hoftor.

Die Marinke, die im achten Monat war und nur noch leichte Gartenarbeit

verrichten konnte, saß hinten in den Zuckerschoten und ließ die Alten

unbemerkt an den Staketen vorbeiziehen. Die aber hatten sie wohl gesehen

und wollten gerade in den Garten einbiegen, da stießen sie auf den

Jozup, der eben aus dem Hause trat.

»Ihr wollt wohl, daß ich den Hund losmache?« sagte er ihnen zum Gruße.

Die Großelternliebe war stärker in ihnen als jegliche Angst, und obwohl

der Alte sich ein wenig hinter der Mutter verkroch, soviel Klugheit

hatte er doch, um zu sagen: »Ich würde an deiner Stelle versuchen, dich

mit uns zu verständigen, denn vor den Behörden bist du ja machtlos.«

Da dachte er nicht anders, als sie würden wohl mit sich handeln lassen,

und lud sie ein, in die Stube zu treten.

Aber bald sah er ein, daß sie auf ihrem Scheine bestanden und nur

Gewißheit haben wollten, wann sie das Kind heimholen könnten.

Vor seinem Sinn stand nur der eine Gedanke: wie sich den Sohn erhalten,

an dem seine Seele hing. Für einen Augenblick stieg wohl der Wunsch in

ihm hoch, das Heimliche zu offenbaren, das ihn mit dessen Leben verband,

aber er warf ihn sogleich wieder von sich, denn er hatte inzwischen wohl

erkannt, daß, wenn die Marinke, mochte sie sonst noch so weich sein, zu

einer Sache entschlossen war, nichts auf der Welt sie davon abbringen

konnte.

Und ihren Leichnam aus dem Haffe fischen -- das wollte er doch nicht.

In seiner wilden Ratlosigkeit suchte er hin und her, ob nicht ein

einziger Grund sich finden ließe, mit dem er sein Fleisch und Blut sich

für immer erobern könnte. Aber es fiel ihm kein anderer ein als der, mit

dem er sein Weib nun schändete.

»Jurris habt ihr ihn ja genannt,« sagte er, »aber was wißt ihr, ob er

wirklich dem Jurris sein Kind ist?«

Die Mutter Enskys hob die gefalteten Hände zu ihm auf, als wollte sie

ihn anflehen, den Schlag _nicht_ zu tun, der ihnen die Hoffnung raubte.

Der Alte aber tanzte um den Jozup herum und schrie immerzu: »Wer ist es?

Wer ist es? Wer ist es?«

Und er -- mehr aufs Geratewohl, als weil er sich eines bestimmten

Verdachtes bewußt war -- entgegnete dieses: »Nun -- es kann ja zum

Beispiel -- der -- Wieszpatis gewesen sein. Nicht umsonst hat er Kinder

sitzen weit und breit -- und sie ist drei Jahre lang bei ihm auf dem

Hofe gewesen.«

Die Mutter sank auf den Stuhl wie vom Blitze getroffen, der Alte aber

rannte spornstreichs hinaus und in den Garten -- dorthin, wo die Marinke

vorhin gearbeitet hatte.

Erschrocken erhob sie sich von der Erde, denn sie dachte, der Jozup

wolle dem Alten zu Leibe, da schrie er auch schon: »Nun ist es heraus,

du Weibsbild! Dem Wieszpatis Seine bist du gewesen. Und das Kind ist von

ihm. Gesteh, daß das Kind von ihm ist!«

In ihrer großen Überraschung dachte sie nicht anders, als es sei durch

ein Unglück alles ruchbar geworden, was sie sich selber kaum eingestand,

und den Kopf auf die Brust herabneigend entgegnete sie: »Wenn du es

weißt, warum fragst du mich erst?«

Da rannte er spornstreichs zurück und schrie es durch Garten und Hof:

»Sie hat gestanden, daß der Wieszpatis der Vater ist. Sie hat es eben

gestanden.«

Der Jozup, der aus dem Hause trat, wurde so gelb wie die Asche im Eimer.

Er nahm den Alten beim Wickel und schleppte ihn vor das Hoftor. Dort gab

er ihm noch einen Stoß mit dem Absatz und überließ ihn seinem weinenden

Weibe. Dann ging er der Marinke entgegen, die mit vorgeschobenem Leibe

mühsam aus dem Garten kam.

Sie dachte: Er sieht gerade so aus, als sei er der Henker. Aber da sie

wußte, daß nichts auf der Welt sie aus seinen Händen erretten konnte, so

gab sie sich drein.

»Geh ins Haus,« sagte er und blieb ihr dicht auf den Hacken.

Dann peitschte er die Mägde hinaus, die ängstlich um die Feuerstätte

standen, und folgte ihr in die Stube.

Sie mußte sich niedersetzen, so beinschwach war sie geworden, und seine

Augen stachen nach ihr wie grüne Lichter zur Nachtzeit.

»Also wie war das mit dem Wieszpatis?« fragte er ganz freundlich.

»Wie wird's gewesen sein?« sagte sie. »Er war doch der Herr, und ich war

die Magd. Und wenn ich Sonnabends zur Abrechnung kam, dann hat er

gesagt, ich gefall' ihm.«

»Und das ging so die ganzen Jahre lang?«

»Solang' ich die Meierei unter mir hatte, wird's wohl gegangen sein.«

»Und als du merktest, daß du ein Kind von ihm trugst, da suchtest du dir

den Jurris als Vater dazu?« fragte er immer noch freundlicher.

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, das war anders.« Und nun berichtete sie

ihm der Wahrheit nach, wie der Wieszpatis sie noch einmal nach

Augustenhof hatte hinkommen lassen -- der Jozup selber war ja Vermittler

gewesen -- und wie sie allein hatte fahren müssen, weil der Jurris nicht

war zu finden gewesen. Da hatte der Herr gesagt: »Wir wollen nun

Abschied feiern, Marinke.« Und sie hatte gebeten und gefleht: »Ach

lassen Sie mich doch gehn, Ponusze.« Aber er war ja der Herr, und sie

hatte ihm schon so oft den Willen getan, daß sie meinte, sich ihm auch

diesmal nicht weigern zu dürfen. Und von daher war alles Unglück

gekommen.

Er sagte: »Ich habe das Gelöbnis getan, dich nicht zu schlagen. Und das

ist dein Glück, sonst würdest du wohl nicht lebendig aus dieser Stube

kommen. Auch sollst du mir zuerst einen Sohn zur Welt bringen, denn das

bist du mir jetzt schuldig. Was ich dann aus dir machen werde, das weiß

ich noch nicht. Aber ich rate dir, den Bengel, den du mir hergeschleppt

hast, den schaffe mir aus den Augen. Denn Herrensohn ist Hurensohn. Und

kommt er mir in den Weg, so schmeiß' ich nach ihm mit allem, was ich

grad finde. Und wenn es der Schleifstein ist.«

Die Marinke hob die Arme nach ihrem Manne auf und weinte und bat: »Wo

soll ich hin mit ihm in meinem Zustand?«

»Das geht bloß dich an,« entgegnete er und schritt aus der Türe.

Sie rannte, so rasch sie konnte, hinter ihm drein, um den Kleinen vor

ihm zu sichern, der wohl irgendwo bei den Pferden im Gras saß. Und sie

fand ihn auch glücklich und wartete ab, bis der Weg frei war, dann zog

sie ihn rasch in die Klete.

»Hole mir Betten für mich und das Kind,« sagte sie zu der Hausmagd,

»denn hier werd' ich wohnen, bis meine Stunde gekommen ist.«

Und der Kleine schrie nach dem Vater, er wolle hinaus und mit ihm

spielen, wie er's gewohnt war. Und sie hielt ihm den Mund zu aus Furcht,

der Jozup möchte eindringen und mit ihm tun, was er gedroht hatte.

In der Klete hielt sie sich mit dem kleinen Jurris wohl vierzehn Tage

auf und traute sich nicht, sie zu verlassen. Und die Mägde sorgten gut

für sie, denn sie war ihnen immer eine freundliche Herrin gewesen.

Der Jozup aber gab keine Ruhe. Wenn er an der Klete vorbeiging,

schüttelte er die Faust nach dem Fenster und stieß Schimpfwörter aus,

wie man sie sonst nur an schlechten Orten hört.

Er nannte sein Weib eine »Klorke«. Und »Szunjôda« und »Pajudêle« nannte

er sie. Das sind Namen, die man am besten ins Deutsche nicht überträgt.

Und drohen tat er ihr auch und immer aufs neue. Sie konnte das Fenster

noch so fest schließen, sie hörte und verstand ihn in allem. »Denke nur

nicht, daß du straflos ausgehen wirst, mein Täubchen, weil ich das

Gelöbnis getan habe, dich niemals zu schlagen. Ich werde mir jemand

kommen lassen, der wird das alles statt meiner besorgen. Der wird dir

mit der Bratpfanne den Rücken salben und wird dir die Beine mit Ruten

streichen, so daß du das ganze Jahr über glauben wirst, heute feiern wir

Ostern.«

Und die Marinke lag zitternd allnächtlich und dachte: »Wer mag es nur

sein, den er meint?« Aber niemand fiel ihr ein, der den Willen haben

konnte, an ihr zum Quälgeist zu werden.

Am allermeisten hatte sie Angst um den Knaben, dem der Jozup Tag für Tag

ans Leben gehen wollte. Und in dem Maße, als ihre Zeit sich verkürzte,

wurde die Unruhe größer in ihr, daß er, wenn sie nicht mehr auf ihn

aufpassen konnte, dem Zorne des Vaters verfallen war.

12

Eines Nachmittags -- es war zu Ende August, und die Leute arbeiteten

draußen im Grummet --, da sah die Marinke durch das Fenster der Klete,

daß der Jozup den Spazierwagen anspannte, sich einen Korb mit Essen und

Trinken aufladen ließ und davon fuhr.

Da wartete sie nicht länger, zog dem Kleinen die Sonntagskleider an und

schmückte sich selber, so gut es ihr Zustand erlaubte. Dann wagte sie

sich hinaus in das Freie. Die Hausmagd war die einzige, die auf dem Hofe

geblieben war. Sie fragte sie nicht, wohin der Jozup sich begeben habe,

sondern sagte nur im Vorbeigehn: »Ich will jetzt den Kleinen wegbringen.

Erzähle dem Herrn nichts davon, auch wenn ich zur Nacht nicht zu Haus

bin.«

Und das tat sie aus Vorsicht, denn ob sie auch fortgehen wollte, so

wußte sie doch nicht, wohin. Und die Magd sah ihr kopfschüttelnd nach.

Sehr schwer war es, auf dem Wege zu bleiben, wenn Leute ihr

entgegenkamen, denn das Geschehene war ja längst allen bekannt; aber

jeder grüßte sie freundlich, wenn er auch nicht mit ihr sprach.

Als sie an dem Enskysschen Hofe vorbeigehen wollte, in dem sie so

glückliche Tage verlebt hatte, da überfiel sie der Jammer, so daß sie

sich weinend auf den Grabenrand setzte. Und eine Stimme sprach in ihr:

»Kehre an! Vielleicht daß die Mutter dich nicht fortweist und einen Rat

für dich hat!«

Und siehe da! Es traf sich so günstig, daß der Alte auch auf dem Felde

war und die gute Mutter sich keinen Zwang anzutun brauchte.

Sie hob den Knaben gleich auf den Schoß und sagte: »Da ist er nun, um

den wir Jahre und Jahre gebetet haben, und ist ein Jungchen, so hübsch

wie ein Bild. Nun müßte er bloß noch zu uns gehören.«

Und sie küßte ihn und sagte weiter: »Wenn der Jurris noch lebte, der

würde es nie erfahren haben und hätte ihn liebgehabt wie sein eigenes.

Weiß Gott, mir wär' es gleich! Ich würd' ihn auch weiter liebhaben,

schon weil er von dem Jurris ein Erbstück ist. Aber der Enskys, der will

nicht. Der spuckt aus.«

Die Marinke streichelte ihr den Ärmel und bat: »Sag, Mutter, was soll

ich tun?«

Und die Enskene erwiderte: »Es ist doch ein Vater da. Der muß sich jetzt

kümmern.«

Marinke erschrak in tiefster Seele, denn nie hatte sie daran gedacht,

daß sie dem Wieszpatis mit ihren Angelegenheiten lästig fallen dürfe.

Und die Mutter Enskys fuhr fort: »Wenn er erfährt, daß sein Fleisch und

Blut ganz und gar verkommen muß und ohne Heimat ist, so wird er es zu

sich nehmen. Denn nicht umsonst sagen alle, daß er ein guter Mann ist

und ein gerechter Mann.«

Die Marinke bebte, und eine große Mattigkeit kam über sie. Beinahe wäre

sie von der Bank herab auf die Erde gesunken. Aber die Mutter Enskys

hielt sie fest und sagte: »Daß es dir schwer fällt, kann man sich

denken. Es trifft sich aber gut, daß wir die Woche haben, darum kannst

du gleich mit dem Milchfuhrwerk mitfahren, das der Hütejunge

kutschiert.«

»Aber bei den andern anhalten, wenn er die Kannen einsammelt, das bring'

ich nicht übers Herz,« sagte die Marinke.

Und die Mutter fand, daß das gar nicht nötig sein würde, der Junge könne

ja erst die Runde machen und sie dann abholen kommen.

Und so geschah es.

Es war schon dunkel, als sie mit dem Kleinen auf Augustenhof eintraf.

Der Schweizer in der Meierei sah sie mißtrauisch an, aber sie kümmerte

sich nicht um ihn, sondern nahm den kleinen Jurris bei der Hand und

schlug den Weg zum Herrenhause ein.

Als sie an den Bach kam, der vom Hofteich in den Garten läuft, schlug

ihr das Herz so sehr, daß sie meinte, über das Brückengeländer fallen zu

müssen, und als sie gar lachende Stimmen auf der Veranda hörte und

milchfarbene Windlichter sah, da war es vollends mit ihren Kräften zu

Ende.

»Wer ist da?« hörte sie die Stimme des Herrn.

Und da sie nicht zu antworten vermochte, sagte er weiter: »Sieh doch

einmal nach, Agnes, wer da ist.«

Ein junges Mädchen kam die Treppenstufen herab -- sollte das wirklich

die Agnes sein? -- und fragte: »Was wünschen Sie?« Und da sie noch immer

nicht antwortete, rief das Mädchen hinauf: »Eine Frau ist da mit einem

Kinde, aber sie spricht nichts.«

Da kam er, der Herr, selber die Treppe herab. Und sie neigte sich vor

ihm und küßte ihm den Ärmel.

»Ich kann nicht recht sehen,« sagte er. »Bist du etwa die Marinke?«

Litauische Geschichten · 第 66 / 69 题