Da lief die Mutter Enskys rasch in die Kammer, wo die Wiege versteckt
war, und brachte es angetragen in seinen rotbunten Kissen.
Und die Herrin nahm es auf ihre Arme und schaukelte es und sagte: »Ein
hübsches Jungchen. Es ähnelt dem Vater, soweit ich mich an ihn erinnere.
Findest du nicht auch, John?«
Der Wieszpatis wollte das gleiche aussprechen, da gewahrte er, daß die
Augen der Marinke sich auf ihn richteten mit einem Blicke so voller
Inbrunst und Angst, daß er ganz stutzig wurde, und darum nickte er nur
bedächtig und nachsinnend vor sich hin. Nachdem sie dann ein Glas Wein
auf das Wohl des jungen Paares geleert hatten, nahmen die Herrschaften
freundlichen Abschied und fuhren von dannen.
Das Kind und das Silberbesteck aber gingen noch lange Zeit bei den
Gästen von einem Schoß auf den andern und wurden abwechselnd bekuckt und
bewundert.
Und nur die alte Wilkene, die murmelnd und kichernd draußen herumlief,
wollte von beiden nichts wissen.
10
Das Gehöft, das die Leute das »Wolfsnest« nannten, lag ein wenig abseits
vom Dorfe und war gewiß die stattlichste Wirtschaft unter den fünfen,
denen man Hochachtung schuldete. Aber man sah nicht viel davon, denn es
war auf drei Seiten von einem Erlengehölze so dicht umgeben, daß man
höchstens bei Nacht die Lichter durchschimmern sah.
Was darinnen vorging, blieb jedem Nachbarn verborgen. Und nur wer von
der Landseite herfuhr, gewahrte die roten Ziegeldächer, die als
Wahrzeichen des Wohlstandes selbst Stall und Scheune bedeckten.
Wer durch das Gittertor eintrat, wurde erst recht überrascht durch die
schönen Maschinen, die auf dem Hofe der Reihe nach standen.
Hier die Wirtin zu sein, mußte jede mit ehrfürchtigem Stolze erfüllen,
die auf Arbeit hielt und auf Ordnung.
Die Marinke fand sich rasch in das neue Leben, und war sie von
Kindesbeinen an fleißig und tüchtig gewesen, wie hätte sie's hier nicht
sein sollen, wo sie auf eigenem Boden stand?
Das erkannte voll Ingrimm sogar die Schwiegermutter an, wenn sie vom
Fenster der Altsitzerstube aus, bereit zu Tadel und Zank, das Wirken der
Hausfrau verfolgte. Und sie hütete sich wohl, sich an ihr zu vergreifen
oder den Sohn gegen sie aufzubringen. Beides versparte sie sich auf
günstigere Zeit. Nur daß sie niemals zur Mahlzeit erschien und ohne Gruß
aus und ein ging.
Die Marinke kümmerte sich nicht viel um ihr feindseliges Benehmen, denn
sie hatte ja Schlimmeres erwartet. Wie Jozup sich stellen würde, wenn es
zwischen ihr und der Alten zu offenem Zwiste kam, das wußte sie nicht.
Ob er ihr auch in heißer Liebe zugetan war, der Mutter würde er doch
wohl nicht Unrecht geben, denn er mußte ihr ewiglich dankbar sein, weil
sie ihn in der Erbfolge den älteren Brüdern vorgezogen hatte. Der eine
war Schutzmann in Berlin, und der andere stand kurz vor dem
Versorgungsschein. Schreiben taten sie beide nicht mehr.
Mit dem Jozup war's eine eigene Sache. Manchmal, wenn er dasaß und sie
ansah halbe Stunden lang, ganze Stunden lang, ohne ein Wort zu reden,
und sie gleichsam aufzehrte mit seinen schwarzen Rauschbeerenaugen, dann
dachte sie innerlich schaudernd: »Das ist zu viel, das darf nicht sein,
das geht wider Gottes Macht und Willen.«
Und wenn er bei ihr lag und zitterte vor allzugroßer Liebe und ihr nicht
nahe zu kommen wagte, dann dachte sie wieder: »Das ist die Strafe, weil
er sich an dem Jurris vergangen hat.« Bis er sich dann auf sie stürzte
wie ein wildes Tier, so daß _sie_ nun zitterte vor seiner allzugroßen
Liebe. Und manchmal dachte sie dabei: »Vielleicht ist er wirklich ein
Werwolf und heißt nicht bloß so.« Aber dann warf sie die Furcht wieder
ab und tröstete sich: »Das kommt bloß daher, daß er zu lange nach mir
begehrt hat und ganz ohne Hoffnung gewesen ist. Und nun kann er's noch
immer nicht fassen.«
Und dann war es ihr manchmal, als könnte sie ihn mit der Zeit auch
wiederlieben. Aber ihr Herz war immer noch auf dem Kirchhof, dort, wo
der Jurris lag. Und hätte sie sich getraut, ab und zu an das Grab zu
gehen, ihr wäre manches leichter geworden.
Auch auf das Kind übertrug der Jozup seine wilde Liebe. Ob es sein
eigenes war oder nicht, darüber hatten sie beide nicht mehr geredet, und
Marinke war wohl darauf bedacht, ihm seinen Glauben zu lassen, denn sie
wußte, wenn's anders käme, würd' es ihr schlecht gehn.
Er nannte den Kleinen auch nicht »Jurris«, wie er getauft war, sondern
»Wilkiutis« oder »Wilkytis«, was gar kein christlicher Vorname ist,
sondern das »Wölfchen« bedeutet. Und er war ganz zornig, wenn die
Dienstboten nicht taten wie er. Nur die Marinke durfte seinen wirklichen
Namen noch in den Mund nehmen, aber schließlich brachte sie's auch nicht
mehr übers Herz und nannte ihn immer bloß »Kindchen« oder auch
»Liebling«.
Der Kleine wuchs rasch heran und konnte gehen und sprechen, noch ehe das
erste Ehejahr um war. Und der Jozup spielte mit ihm wie der Wolf mit
seiner Brut vor der Höhle im Sonnenschein. Lag lang auf der Erde und
ließ ihn klettern über sich her und hob ihn hoch in die Luft, und dann
mußte er sehen, wie er von den Handflächen wieder herabkam.
Um das Erlengehölz aber schlichen oft in der Dämmerung zwei alte Leute
und kuckten sich die Augen entzwei nach dem künftigen Erben, und kuckten
nicht minder nach der Marinke, ob ihr Leib noch immer nicht Spuren zeige
von kommendem Segen, damit alsbald der Vertrag in Kraft treten könne,
der ihnen den Enkel zurückgab.
Den Hof zu besuchen, war ihnen verboten, obwohl der Alte die
Vormundschaft hatte, und ebenso durfte Marinke nie mehr zu ihnen gehen.
Oft hätte sie gern ihren Kopf auf den Schoß der Mutter gelegt und sich
streicheln lassen von ihren verständigen Händen, aber um des lieben
Friedens willen entbehrte sie auch das.
Um wenigstens etwas von ihr und dem Kinde zu haben, hatten die Alten es
auf sich genommen, den Milchwagen, der ja zum Verladen der Kannen bei
den Besitzern immer reihum fuhr, selbst zu kutschieren, wenn ihre Woche
gekommen war. Aber der Jozup ließ die Kannen schon vorher an den Rand
des großen Weges bringen, wo sie herrenlos standen, bis der Wagen sie
auflud, und als die Alten sich dumm stellten und unter diesem oder jenem
Vorwand doch aufs Gehöft fuhren, da machte er kurzen Prozeß und trat aus
der Genossenschaft aus. Und das tat er um so lieber, als er selber nicht
gerne mehr nach Augustenhof hinwollte. Den Grund sagte er nicht, und
vielleicht besaß er auch keinen. Aber den Wieszpatis nannte er nur noch
»den Deutschen«, und das schöne Besteck sah er nicht an. Das lag auf dem
Grunde des Schrankes und zehn Schichten Kleider darübergefliehen.
Nun war der liebe Jurris schon zwei Jahrchen tot, und der Tag seines
Sterbens kam heran.
Ob der Jozup sich dessen erinnerte oder auch nicht, kurz, um die Stunde,
in der damals das alles geschehen war, erklärte er plötzlich, er wolle
aufs Haff hinaus, mit dem Keitelnetz ein Gericht Fische zu fangen. Er
tat das sehr selten, denn den Fischer zu spielen war er zu stolz. Und
wie er die Marinke zum Abschied küßte, da war Triumph in seinem Auge, so
daß sie sich dachte: »Jetzt geht er Gott danken und sich freuen an
seiner Gewalttat.«
Und weiter dachte sie: »Soll der arme Jurris nun ganz allein da liegen
und denken, ich hab' ihn vergessen?«
Sie wußte, die Eltern gingen nicht gern auf den Kirchhof, und der
Vorwurf in ihr sprach lauter und lauter.
Darum nahm sie den kleinen Jurris kurzweg bei der Hand, denn es mußte ja
aussehen wie ein ganz kleiner Spaziergang. Sobald sie aber hinter den
Erlen war und die Alte ihr nicht mehr nachblicken konnte, hob sie ihn
auf den Arm und schritt, so rasch sie konnte, dem Kirchhof zu, der wohl
eine halbe Stunde entfernt lag.
Das Grab war ziemlich verfallen. Frische Blumen lagen nicht darauf, und
auch sie hatte ja keine mitbringen können. Darum pflückte sie Blätter
von den Ahornbäumen, und weil sie zufällig ein Knäulchen Zwirn in der
Tasche hatte, machte sie sich daran, eine schöne Girlande zu winden, die
den Grabhügel der Länge und Breite nach festlich umrahmen sollte. Zeit
hatte sie genug, und der Kleine grub artig im Sande.
Ihm die Zeit zu vertreiben, sang sie ein Lied, und auch weil ihr hier an
dem Grabe so wohl war.
Sie sang:
»Dort unter den Linden
In jenem Grabe,
Da liegt und schlummert
Mein lieber Knabe.
Auf seinem Denkmal
Stehet zu lesen,
Wie schön und tapfer
Er einst gewesen.
Mit Blumen schmück' ich's
In jedem Lenze,
Sitz' auf dem Grabe
Und flecht' ihm Kränze.
Und ranke Grünes
Rings um die Kanten
Und pflanze Goldlack
Und Amaranten.
Und klag' und weine,
Weil sie den Knaben
Mir aus dem Brautbett
Gerissen haben.
Doch aus dem Herzen
Stiehlt ihn mir keine,
Und jeden Abend
Komm' ich und weine.«
»Wenn _ich_ hier mit meinem Kinde an jedem Abend ein Stündchen sitzen
könnte,« dachte sie, »ich wollte, weiß Gott, nicht weinen, sondern immer
vergnügt sein.«
Und wie sie sich noch an ihrer Geborgenheit freute, da wurden mit
einemmal vom Kirchhoftor Schritte laut, schwere, unsichere Schritte, und
ein Klappern dabei -- das kannte sie wohl.
Sie ließ die Girlande liegen, nahm das Kind auf den Arm und ging der
Schwiegermutter entgegen.
Die schwang die Krücke und schrie: »So also bist du dem Jozup treu, du
Allerweltsfrauenzimmer, daß du selbst mit den Gräbern buhlen gehst? Ohne
Jungfernschaft bist du ins Haus gekommen, den Muturis« -- das
Frauenkopftuch -- »hat die Pestgöttin dir umgelegt und nicht ich. Aus
der Mistpfütze bist du gekrochen, und nicht eher werde ich ruhen, als
bis ich dich dahin zurückgeprügelt habe.«
Und sie schlug mit dem Krückstock auf die Marinke los.
Die dachte nur daran, den kleinen Jurris zu schützen, der bitterlich zu
weinen begann, weil einer der Schläge auch ihn getroffen hatte, und ging
davon ohne ein Wort der Erwiderung.
Die Alte kam nachgehumpelt und setzte sich vor das Hoftor, um dem Jozup
aufzupassen.
Und als er um die Dämmerstunde vom Haffe zurückkam, erzählte sie ihm
alles. »So hat sie dich beseift,« sagte sie. »Nun strafe sie, wie sich's
gebührt.«
Er zog die Augenbrauen noch dicker zusammen und kämpfte lange mit sich.
»Warum soll ich sie strafen?« sagte er dann. »Es ist besser, ihr Zeit zu
lassen, damit das Andenken an jenen aussauern kann aus ihrem Gemüte.«
»Bist du ein Mann oder ein Stöpsel?« fragte höhnisch die Alte.
»Weil ich ein Mann bin,« entgegnete er, »weiß ich, was ich zu tun habe.«
Aber sie ließ ihm keine Ruhe. »Weiche Äpfel faulen bald,« sagte sie,
»und wer bloß Krumen essen will, bricht sich am ehesten die Zähne
entzwei. Darum tu deine Schuldigkeit an ihr.«
Aber er liebte die Marinke zu sehr, um sie zu schelten. Nur fernhalten
tat er sich von ihr, und auch das Kind sah er nicht an wohl eine Woche
lang.
Und die Alte wühlte und hetzte bei jedem Begegnen, denn jetzt hatte sie
einen Grund.
Und da sie den Krückstock gegen die Schwiegertochter schon einmal
gehoben hatte, ohne daß ihr ein Übles geschehen war, so wagte sie es
alsbald von neuem und fiel über sie her, allemal, wenn sie ihr nicht
entweichen konnte.
Zuerst ließ die Marinke sich alles gefallen und war auf nichts weiter
bedacht, als den Kleinen zu schützen. Da sie aber immer häufiger
angefallen wurde, mußte sie sich wohl zur Wehr setzen. Und eines Tages
-- nicht weit vom Herde -- riß sie der Krüppligen den Stock aus der Hand
und warf sie gegen den hängenden Kessel, so daß ein wenig von dem
kochenden Wasser herausspritzte.
Die Alte hub sofort furchtbar zu heulen an. Die Schwiegertochter habe
sie geschlagen und verbrüht, und sie zeigte den Dienstboten die Blasen
an Hals und an Händen. Und als der Jozup vom Felde kam, zeigte sie sie
auch ihm und klagte, sie sei schon seit langem ihres Lebens nicht
sicher.
Da geschah es zum ersten Male, daß er sich an seinem Weibe vergriff. Er
schlug sie nicht, wozu ein zorniger Mann wohl das Recht hat, sondern
warf sie schweigend über den Tisch und schüttelte und würgte sie, wie
man mit einem bissigen Hunde tut.
Als er sie losgelassen hatte, nahm sie den kleinen Jurris auf den Arm
und rannte in ihrer Seelennot zu der Mutter Enskys, obwohl ihr ja jeder
Verkehr verboten war.
Die küßte zuerst den kleinen Jurris halbtot und rief dann den Alten
herbei. Der tat desgleichen, und als Marinke ihnen alles erzählt hatte,
wollten sie sie sogleich bei sich behalten.
Aber die Marinke willigte nicht darein. »Von hier holt er mich schon
morgen vormittag,« sagte sie, »und wenn ich mich wehre, schleppt er mich
womöglich an den Haaren zurück. Aber ich weiß jetzt, was ich ihm sagen
werde, wenn ich auch nicht danach tun kann.«
Damit ging sie zurück. Der Alte bat sich aus, ihr den Kleinen noch eine
Strecke zu tragen, und als sie es nicht erlaubte, lief er auf seinen
Schlorren hinter ihr drein und machte mit leeren Armen Eiapopeia.
Am nächsten Morgen wollte der Jozup schweigend von dannen gehen, aber
sie hielt ihn zurück und sagte: »Ich habe es satt, mich schlecht
behandeln zu lassen. Ein Kind hat uns der Himmel bisher nicht geschenkt,
es hält uns also auch nichts zusammen. Wenn ich auch eine böse
Stiefmutter habe, geprügelt oder gewürgt werd' ich dort nicht, und darum
ist es das Beste, ich gehe nach Hause. Die fünfhundert Taler kannst du
behalten.«
Er wurde weiß wie der Kalk an der Wand und entgegnete drauf: »Das
Einzige ist, ich teile ihr mit, wessen Blut in den Adern des Kleinen
fließt. Dann wird sie's vielleicht weitererzählen, aber im Hause wird
Ruhe sein.«
Da sagte die Marinke: »Gestern vor vierzehn Tagen war des Jurris'
Todestag, und heute wird _mein_ Todestag, wenn du das tust, so wahr ich
dein Weib bin.«
Der Jozup wußte nun, daß in dieser Sache ihr Sinn unveränderlich war und
daß er nie und nimmermehr daran würde rühren dürfen. Darum sagte er:
»Ich werde nachsinnen, ob es ein anderes Mittel gibt.«
Und die Marinke sagte: »Du kannst nachsinnen, soviel du willst. Ein
anderes Mittel, als daß _sie_ aus dem Hause geht oder ich, wirst du
nicht finden.«
Der Jozup lief in der Stube umher und schrie: »Sie hat mich vorgezogen,
seit ich im Kinderkleid war -- sie hat die Brüder hinausgejagt, damit
ich hier Herr bin. Verlange du nicht zu viel von mir!«