Und er sagte mitten im Ringen: »Wenn es die Wahrheit wäre, daß du ein
Kind trägst, dann ist es nicht von ihm. Gott wird schon wissen, von wem
es ist.«
Da brachen ihr die Arme mit einmal entzwei, und sie fiel hintenüber und
wußte von nichts mehr.
Als sie sich wieder aufrichtete, stand die Tür offen, und niemand war da
außer ihr.
Unter ihr lag noch immer der Mantel des Jurris. Den streichelte sie von
neuem und küßte den Saum, aber sie dachte dabei: »Mir ist ganz recht
geschehen.«
Und sie betete nun auch nicht mehr, er möchte wiederkommen. Hätte sie
ein Gebet gehabt, so würde es gelautet haben wie das von dem Jozup: »Er
soll _nicht_ wiederkommen.«
So ohne Mut und so voll Scham war ihre Seele.
8
Im nächsten Frühling bekam die Marinke einen Knaben. Der sollte einmal
die Enskyssche Wirtschaft erben, denn außer weitläufiger Verwandtschaft
war keiner als Erbe da.
Die Marinke war den Winter über im Hause geblieben und durfte um den
Ertrunkenen trauern, als ob ihn der Pfarrer ihr angetraut hätte. Und
niemand in der Gegend nahm Anstoß daran, denn die Hochzeit war ja
bestellt gewesen. -- Bloß daß nun ein Begräbnis daraus wurde.
Und die Enskene, die beinahe ihre Schwiegermutter geworden wäre, ehrte
sie wie ihres Sohnes leibliche Frau, ja selbst der Alte war immer gut zu
ihr, aber das geschah um des Enkelsohnes willen, den er von ihr
erwartete.
Vor den Gerichten hatte er keine Angst mehr, denn er fühlte sich durch
den Eid, den er dem Sohne abgenommen hatte, hinreichend gesichert auch
über dessen Tod hinaus.
Der Jozup war während des ganzen Winters nur dann im Hause zu sehen
gewesen, wenn er die Milch abholte, und Marinke hatte sich wohl gehütet,
ihm zu begegnen.
Aber einmal geschah es doch. Sie kam gerade vom Melken, da stand er
breit in der Stalltür. Hinter ihr ging mit den Eimern die Magd. Um
derentwillen mußte sie tun, als ob nichts vorgefallen war.
Er bot ihr die Hand und sagte: »Ich halte mich fern von dir, aber wenn
die Zeit gekommen ist, wirst du ja wissen, wo du hingehörst.«
Und ohne Widerspruch ging sie an ihm vorüber, denn daß sie ihm verfallen
war, daran zweifelte sie nicht.
Und so sehr hatte sie sich an den Gedanken gewöhnt, daß sie die alte
Wilkene, die das Haus bisweilen besuchte, bereits als zukünftige
Schwiegermutter betrachtete.
Aber freundlich war die durchaus nicht mehr.
Wenn sie an ihrem klappernden Stock über den Hof gehumpelt kam, gab es
der Marinke stets einen Stich durch das Herz, und sie dachte in ihrem
Innern: »Bin ich erst in dem Wolfsnest drin, dann werde auch ich das
Hemd auf den Schultern mit meinen Tränen waschen.« Denn so heißt es in
dem alten Liede.
Manchmal kam ihr wohl der Gedanke, sich nach der Entbindung ins
Elternhaus zurückzubegeben; aber wie man sie aufnehmen würde, wenn sie
mit dem Kinde auf dem Arm um Unterkunft bat, daran gab's nicht den
mindesten Zweifel. Im übrigen wäre auch das vergebens gewesen. Der Jozup
hätte sie auch von dorther geholt.
So neigte sie sich also in Demut vor dem kommenden Schicksal, und nur
die bösen Augen der Alten machten ihr Angst.
Eines Tages sagte die Mutter zu ihr: »Was will die alte Wölfin immer von
dir? Du willst ja nichts von ihr.«
Aber was der Jozup wollte, davon ahnte sie nichts.
Und eines späteren Tages -- der kleine Jurris mochte acht Wochen gewesen
sein -- da kam er in Sonntagskleidern zu ungewohnter Stunde und setzte
sich neben die Wiege, die gerade ohne Aufsicht neben der Haustür stand.
Die Mutter, die heraustrat, erschrak sehr, denn beim ersten Blicke hatte
sie den Mann, der sich tief über das schlafende Kleine beugte, gar nicht
erkannt.
Er richtete sich auf und sagte: »Der Tote ist mein Freund gewesen, und
ich habe sein Kind bis heute noch nicht gesehen.«