Er -- vom Steuer her -- sagte: »Marinke, dreh dich doch um.«

Aber sie vermochte es nicht. Denn plötzlich stieg der Gedanke in ihr

auf: »Es wird nicht sein -- es kann nicht sein. Es ist zu schön für mich

-- und ich bin es nicht wert.«

Wie ein Herzbruch kam es über sie, so daß sie bitterlich zu weinen

begann.

Der Jurris stand von seinem Platze auf und setzte sich neben sie, so

dicht, daß ihr Rücken an seine Brust stieß.

Und er fragte sie, ob sie ihn denn wirklich nicht wolle, da sonst ja die

Heirat kein Grund zu solchen Tränen sei.

Aber sie weinte nur um so heftiger.

Da schlang er von hinten her die Arme um ihren Hals, so daß ihr Kopf auf

seine Schulter zu liegen kam. Sie drehte sich ein wenig nach ihm um,

damit sie ihr nasses Gesicht nicht dem hellen Tage preiszugeben

brauchte, und so lag sie an seine Jacke gedrückt und wurde wieder ganz

still.

»Ach wenn er mich doch küssen möchte!« dachte sie.

Aber er küßte sie nicht.

Und dann war es Zeit, nach dem Netze zu sehen. Viel brachte der Fang

nicht. Ein paar Bleie, ein paar Plötze. Das war alles. Aber sie

kümmerten sich nicht darum, und schließlich lachten sie gar darüber.

Als sie den Wagen heimwärts fuhren, schob sie nicht mehr wie in der

Frühe, sondern schritt an seiner Seite und zog mit ihm. Aber da es beim

besten Willen auch jetzt nichts zu ziehen gab, legte er seinen freien

Arm um ihre Hüfte, so daß er ihren Arm von der Deichsel abdrängte. Und

darum gab es des Lachens kein Ende.

Doch zu Hause taten sie wieder ganz ernst, und als die künftige

Schwiegermutter ihnen das Frühstück auftischte, wollte sie es nicht

dulden und küßte ihr Ärmel und Rocksaum.

Da sagte die Enskene mit einem freundlichen Lächeln: »Was ihr gefischt

habt, ist ja nicht viel, und doch hat mein Jurris einen guten Fang

gemacht.«

Der alte Enskys aber ging mit mißtrauischen und ängstlichen Blicken um

beide herum, so daß auch der Marinke wieder ganz angst ward.

»Ob er was weiß?« dachte sie.

Aber dann hätte er wohl nicht gewollt, daß sie »auf Prob'« ins Haus kam.

Und darum ging sie wieder beruhigt an ihre Arbeit.

4

In dieser Woche hatte der Jozup Wilkat eigentlich nichts mehr auf dem

Hofe zu tun, denn das Milchabholen besorgte ein anderer. Aber trotzdem

sah man ihn morgens und abends. Einmal hatte er sich einen Bohrer

geborgt, den er zurückbringen mußte, ein andermal war ihm die

Wagenschmiere ausgegangen, und schließlich kam er ganz ohne Grund,

setzte sich neben den Jurris auf eine Deichsel und rauchte manchmal drei

Pfeifen aus.

Daß man den jemals einen »Bedraugis« genannt hatte, war zum Verwundern.

Der Jurris wußte nicht recht, wie er zu der neuen Freundschaft gekommen

war, die eigentlich schon seit zwanzig Jahren hätte bestehen müssen,

aber da sie ihm plötzlich vom Himmel fiel, ließ er es sich gefallen. Der

Jozup, den alle für störrisch und abstoßend gehalten hatten, war gar

nicht so schlimm. Er wußte Geschichten und Lieder die Menge, und wenn

man die Auflösungen seiner Rätsel erfuhr, konnte man sich vor Lachen den

Bauch halten.

Darum kamen auch die beiden Alten häufig dazu, und nur die Marinke

machte sich ungern in seiner Nähe zu schaffen. Nicht daß er ihr einen

Widerwillen eingeflößt hätte. Wenn sie ihn kommen und gehen sah mit

seinen strammen Beinen und seiner pröpschen Kopfhaltung, gefiel er ihr

immer ganz gut, aber die Herzbeklommenheit, die sie schon in Augustenhof

manchmal befallen hatte, wenn er auf dem Milchwagen vorfuhr, verließ sie

auch jetzt nicht.

Zuweilen dachte sie: »Der wird mir gewiß einmal ein Leid antun.« Aber

ein bißchen Angst vor den Männern hatte sie ja wohl immer, seitdem sie

erfahren hatte, wie wenig ein armes Mädchen vor ihrem starken Willen

vermag.

Und sie brauchte auch nur nach dem Jurris hinüberzublicken, um zu

wissen, wie gut geborgen sie war und daß jener ihr niemals würde zu nah

kommen können.

Eines Spätabends beim Weggehen blieb der Jozup am Gartenzaun stehen und

rief zu ihr herein: »Du, richt dich mal auf!«

Sie wollte erst nicht, denn sie zog gerade Mohrrüben aus der Erde für

morgen Mittag, aber sie mußte es doch tun.

»Warum hältst du dich so weit ab von mir?« war seine Frage. »Ich beiß'

dich nicht. Ich beiß' bloß in Rindfleisch.«

»Ich bin die Magd hier,« gab sie zur Antwort, »und ich habe zu tun.«

»Wenn du von Magd sprichst,« sagte er, »dann lachen die Hühner. Ich weiß

am besten, wie bald du hier Herrin sein wirst.«

»Wenn du das weißt,« entgegnete sie, »dann wart hübsch, bis ich das

Recht hab', mit dir zu reden.«

»Ich glaube nicht, daß dir Stummheit auferlegt ist,« sagte er, »und ich

habe auch eine Bestellung an dich.«

Sie erschrak, aber sie nahm sich zusammen. »Wenn es wieder von Herrn

Westphal ist,« entgegnete sie, »dann sag ihm nur, sobald die Reihe an

uns ist, würde ich kommen -- und früher nicht!«

Aber diesmal war es was Anderes.

»Meine Mutter leidet an der Knochenkrankheit,« sagte er. »Sie hat

gehört, daß du eine heilkräftige Hand hast, und bittet dich, sie ihr

einmal aufzulegen. Bei _der_ Gelegenheit könntest du dir gleich unsere

Wirtschaft besehn.«

Ihr wurde ganz heiß von dem allen.

»Wer das gesagt hat von meiner Hand,« entgegnete sie, »der erfindet sich

Lügen, denn ich weiß nichts davon. Und was ich an eurer Wirtschaft zu

sehen hätte, das weiß ich noch weniger.«

Damit bückte sie sich nach dem Gelbrübenbeet hinunter und sah ihn nicht

mehr an.

Er stand noch eine kleine Weile, und ihr war, als fühle sie seine Blicke

auf ihrer Haut; dann wünschte er »Guten Abend« und ging von hinnen.

»Mein Gott, mein Gott!« dachte sie. »Trachtet der auch nach mir?« Aber

das konnte nicht sein! Würde er sich alsdann den Jurris zum Freunde

ausgesucht haben?

Nach einer Weile hörte sie dessen Schritte den Mittelsteg herabkommen,

und ihr Herz flog ihm entgegen. Sie dachte: »Wie kann man einen bloß so

rasch liebhaben!« Aber sie blickte nicht auf und beklopfte die Möhren

nur um so fleißiger.

Er blieb hinter ihr stehen und sagte: »Kannst du dir denn gar nicht

genug tun? Es ist halbdunkel und Schlafenszeit, und du arbeitest noch

immer.«

Sie stand auf und wischte das Schrapmesser an ihrer Schürze ab. »Du mußt

nicht glauben,« sagte sie, »daß ich mich zeigen will vor dir oder den

Eltern. Aber wenn ich daran denke, daß es vielleicht auch bald _meine_

Erde ist, auf der ich da kniee, dann wird mir der Abend zum Morgen und

die Arbeit zum Spiel.«

Er sagte: »Wir haben uns immer noch nicht richtig miteinander

versprochen.«

»Nein,« sagte sie, »das haben wir noch nicht.«

Und sie schickte sich an, den Korb mit den Gelbrüben ins Haus zu tragen.

Aber er nahm ihn ihr aus der Hand und führte sie den Mittelsteg weiter

zu dem Eschenbaum, unter dem die Bank stand für Mittagsruh' und für

Feierabend.

Dort unter den hängenden Zweigen war es fast Nacht, und wer einen

auffinden wollte, den sah man schon lang' auf dem helleren Stege

daherkommen.

Der Jurris stellte den Korb auf die Erde und setzte sich neben sie. Ihre

Hand ließ er nicht los und nahm auch die andere dazu.

»Weißt du, was der Jozup heute gesagt hat?« begann er das Gespräch.

»Wenn wir Hochzeit machen, möcht' er Brautführer sein.«

Sie konnte ihm doch nicht sagen, daß sie Angst vor dem Jozup hatte, denn

ihr war ja nichts Böses von ihm geschehen, und darum meinte sie nur: »So

weit ist es ja noch nicht.«

Er antwortete: »Warum nicht? Wenn _du_ mich willst, _ich_ will dich. Ich

hab' dich schon immer gewollt.«

Litauische Geschichten · 第 49 / 69 题