Nun saßen sie eine Weile ganz still. Sie lehnte den Kopf an seine
Schulter, und er lehnte die Backe an ihren Kopf. Und sie dachte: »Warum
küßt er mich immer noch nicht?«
Nicht daß sie unzufrieden gewesen wäre oder ihn für linkisch gehalten
hätte, aber sie hatte so große Sehnsucht nach ihm. Darum schob sie auch
den Kopf sachte, ganz sachte immer weiter nach hinten, so daß erst ihre
Backe auf seiner Backe und dann ihr Mund fast ganz auf seinem Munde lag.
Da mußte er es wohl tun, und es war wie ein Schaudern und wie ein
Schlag. Und wie eine ängstliche Erinnerung war es und auch wie eine neue
Angst.
Aber dann kam um so stärker die Seligkeit. Sie wußte nicht mehr, wieviel
von ihrer Seele und ihrem Leibe noch ihr selbst gehörte, sie wollte ihm
immer noch mehr von sich schenken und immer noch mehr die Seinige sein.
Doch da schien es ihr, als höre sie irgendwo rings ein Geräusch, und es
war doch niemand den Steg heruntergekommen.
Darum sprang sie auf und sagte: »Komm. Es ist nicht mehr sicher hier.«
Und wünschte ihm rasch »Gute Nacht« und lief stracks nach der Klete, wo
ihre Kammer gelegen war.
Aber schlafen konnte sie nicht, denn sie dachte, es würde nicht lange
mehr dauern, dann würde er nachgefolgt sein. In dem Nebenraum schnarchte
die Taglöhnerfrau. Derentwegen hätte er es ruhig auf sich nehmen können.
Sie horchte und horchte nach der Türklinke hin, aber die rührte sich
nicht. Statt dessen war es ihr, als ob draußen im Hofe leise, ganz leise
Schritte sich regten, die zwischen Wohnhaus und Klete unaufhörlich hin
und her liefen.
»Der Arme!« dachte sie. »Er traut sich nicht. Ich muß es ihm leichter
machen.«
Und darum stand sie auf und öffnete sacht den oberen Teil der Tür nur
eine Handbreit weit. Gott sei Dank, daß der Spalt nicht größer geriet!
Denn als sie den Kopf für einen Augenblick durchgesteckt hatte, wurde
ihr gleich offenbar, daß der, der da draußen im Sommernachtschein
ruhelos umging, nicht etwa der Jurris, sondern sein Vater war, der wider
Recht und Gewohnheit lauerte, damit, was sich liebte, nicht
zueinanderkam.
5
Wider Recht und Gewohnheit! Gewiß. Denn wenn eine Braut, die »auf Prob'«
ist, sich mit dem Bräutigam einig geworden ist, dann ziehen sie
womöglich in eine Kammer, und keiner kümmert sich drum.
Aber hier geschah folgendes: Als am nächsten Vormittag der Jurris vom
Felde kam, um kaltes Braunbier zum Trinken zu holen -- denn draußen beim
Mähen und Binden starben sie alle vor Durst --, da fand er, als er den
Rückweg antreten wollte, den Vater, der sich schon gern die Ruhe gönnte,
wartend im Hausflur stehen.
»Komm doch mal 'rein,« sagte er.
Der Jurris stellte den Topf in den Schatten, und als er in die Stube
trat, was sah er da?
Der große Tisch war mit einem weißen Handtuch bedeckt. Darauf standen
zwei brennende Lichter, und zwischen ihnen lag das Gesangbuch.
Der Alte war barhaupt und hatte die Schlorren nicht an und sah furchtsam
und heimlich aus.
»Nimm deine Mütze ab,« sagte er.
Der Jurris tat verwundert, wie ihm geheißen war.
Und der Vater fuhr fort: »Als die Marinke ins Haus kommen sollte, sagte
ich zu dir: kennen lernen müssen sich die Menschen, die beieinander
bleiben wollen ein Leben lang. Aber erst verlangte ich von dir das
Versprechen, daß du ihr nicht zu nahe kommen wollest, solange die Hand
des Pfarrers nicht auf eurem Kopfe gelegen hat. Und das gabst du mir
auch.«
»Ich wußte nicht, wie das ist, Vater,« fiel ihm der Jurris ins Wort,
»wenn die Braut einem so dicht nebenbei wohnt.«
»Und die Herren vom Gericht wissen es noch viel weniger,« gab der Vater
zur Antwort, »denn es sind Deutsche. Und die Deutschen haben von Gott
eine andere Vernunft bekommen als wir. So hat es sich vor etlicher Zeit
auf dem Tilsiter Schwurgericht zugetragen, daß ein alter, ehrbarer
Besitzer, der sein Lebtag nicht um Haaresbreite vom Pfade der Tugend
gewichen war, ein Jahr Zuchthaus -- nicht Gefängnis, mein Sohn, sondern
Zuchthaus -- gekriegt hat, weil sein Sohn und die Braut, die auch auf
Prob' war, genau wie die Marinke, unter seinem Dache zusammen geschlafen
haben. Er hat geweint und geschworen, es sei alles in Ehren geschehen,
denn im Herbst sollt' ja die Hochzeit sein, und zu der Aust könnt' man
zwei fleißige Händ' nicht entbehren; aber unbarmherzig, wie die
Deutschen sind, haben sie dem alten Mann die Ehre genommen und haben ihn
eingesperrt zusammen mit Räubern und Mördern.«
»Das kann nicht sein!« rief der Jurris voll Empörung. »Das wär' ja die
schlimmste Gewalttat!«
»Die Deutschen nennen's Gerechtigkeit,« sagte der Vater, »und unter
einander strafen sie sich genau so. Nun möchte ich aber auf meine alten
Tage nicht auch in das Scheuchhaus kommen, denn Aufpasser gibt es ja
überall. Und weil ich gestern abend gesehen habe, daß es so weit mit
euch ist, weiß ich nur zwei Wege, mich vor Angst und Unglück zu retten:
entweder ich schick' sie solang' zu den Eltern zurück --«
»Das geht ja nicht, Vater,« rief der Jurris entsetzt, »das würde
aussehen, als wollten wir sie nicht haben.«
»-- oder du schwörst mir hier auf das heilige Gotteswort, daß du dich
ihrem Leibe fernhalten wirst bis zu dem Tage der Hochzeit. Und niemand,
selbst deine Mutter nicht, wird davon wissen.«
Das kam den Jurris hart an, aber was sollte er machen? Und er schwor
zwischen den Lichtern, die Hand aufs Gesangbuch gelegt, was der Vater
verlangte. Und daß, wenn er den Eid verletze, Gott ihn mit Drangsal und
Tod heimsuchen wolle, das schwor er auch, genau wie der Vater es
vorsprach.
Und dann brachte er das warm gewordene Braunbier aufs Feld hinaus.
Die Marinke, die in Rock und Hemde schwer atmend dastand, griff nach dem
Krug, als ob er ein Glückstopf gewesen wäre. Aber ihm war, als tränke
sie Trübsal daraus.
Nachher zur Mittagspause, als die Mäher alle im kargen Schatten zweier
Weidenstümpfe lagen, rückte er so weit von ihr ab, daß sie sich erstaunt
nach ihm umsah; aber sie dachte, daß es der Leute wegen geschehe, und
darum beruhigte sie sich wieder.
Auch beim Nachhausegang schritt er nicht etwa an ihrer Seite, sondern
machte sich mit den kleinen Steinen zu schaffen, die in den Wagenspuren
lagen.
Und immer und immer wich er ihr aus, so daß sie schließlich ganz krank
war.
Aber sie hatten sich ja miteinander versprochen. Darum zweifelte sie
auch nicht an seiner aufrichtigen Meinung, und nur die große Sehnsucht
nach ihm war es, die sie krank machte.
So kam der Montagabend heran, an dem der Enskyssche Wagen zum ersten
Male wieder die Milch der fünf Wirte nach Augustenhof zu bringen hatte.
Seit langem war ausgemacht worden, daß Marinke mit dem Jurris mitfahren
solle, um dem Verlangen ihres früheren Brotherrn nicht länger
entgegenzustehen.
Sie könne mit leichtem Herzen fahren, sagte sie zu ihrer künftigen
Schwiegermutter, denn sie habe die Bücher aufs genaueste geführt, und
nur ein Irrtum des Schweizers, der ihr Nachfolger war, könne schuld
daran sein, daß etwas nicht stimmte.
Aber in Wahrheit war das Herz ihr schwer -- wenn auch nicht wegen der
Bücher.
Sie schmückte sich mit Sorgfalt, flocht bunte Bänder durch die Zöpfe und
legte ein seidenes Gürtelband an, dessen Sprüche sie selber eingewebt
hatte. Und wenn sie daran dachte, daß sie nun zwei Stunden lang in der
roten Dämmerung mit dem Jurris allein durch die Welt fahren sollte, so
verschwand alles andere, wovor ihr wohl bangte.
Aber siehe da! Als die Stunde des Einsammelns kam, war der Jurris
nirgends zu finden. Die Milchgefäße der Wirtschaft standen aufgeladen,
und auch die der anderen Wirte warteten sicher schon lange, aber alles
Rufen nach ihm blieb vergeblich.
»Dann wirst du wohl allein fahren müssen, mein Täubchen,« sagte die
Schwiegermutter.
Sie erschrak sehr und weigerte sich. Und viel mehr Tränen weinte sie,
als die kleine Fahrt wert war.
Da kam auch der Alte herzu, und wie er nun einmal war, fing er sogleich
zu quengeln an. »Was machst du für ein Wesen?« sagte er. »Es scheint,
daß du dich fürchtest, weil du mit Pferden nicht umzugehen verstehst.«
Das kränkte die Marinke natürlich aufs tiefste, denn den Litauer oder
die Litauerin möchte ich sehen, die die Pferde nicht wie ihre Gespielen
betrachten. Das Reiten und Fahren können sie alle womöglich noch früher,
als sie das Gehen gelernt haben.
Darum erwiderte die Marinke auch nicht ein Wort, sondern biß nur die
Lippen zusammen, stieg auf und fuhr vom Hofplatz herunter.
Der Schwiegermutter tat es leid, daß ihr Mann so häßliche Reden geführt
hatte, und deshalb ging sie hinter dem Wagen her, um, wenn es sich
machte, der Marinke was Tröstliches mit auf den Weg zu geben.
Aber sie holte sie nicht mehr ein, und nur von weitem konnte sie sehen,
daß, als der Wagen bei den Wilkats hielt, die Alte trotz ihrer
gichtbrüchigen Glieder flink auf die Achse stieg und die Marinke
abbutschte, wer weiß wie sehr.
Und sie ärgerte sich noch, denn sie dachte: »Was hat die alte Wölfin ihr
Maul an der Marinke abzuwischen?«
Eine Stunde später sah sie den Jurris wieder zum Vorschein kommen. Er
sei auf dem Haff gewesen, nach den Aalreusen zu sehen, sagte er zu
seiner Entschuldigung. Und als sie ihm Vorwürfe machte und weiter in ihn
drang, erwiderte er nur noch: »Frage den Vater.«
Aber der wußte von gar nichts. Und beide Männer gingen zur Ruhe.
Sie hingegen konnte nicht schlafen, ehe die künftige Tochter wieder zu
Hause war.
Darum bereitete sie das Abendbrot, setzte sich unter den Lindenbaum,
ließ auch die Lampe brennen am Herd und schloß nur die Tür gegen die
Mücken.
Der Mond ging auf, und der Nachtwind streichelte sie gleichwie ihr
Slinka, der alte Kater. Sie wartete und wartete, aber die Marinke kam
nicht.
Endlich gegen halb zwölfe hörte sie einen Wagen langsam, langsam näher
knarren. Die Räder mahlten, und die Achsen schlackerten.
»Sie wird eingeschlafen sein,« dachte sie, »und die Pferde machen es
sich zunutze.«
Aber als sie sie auf dem Sitzkasten sah, mit großen Augen nach dem Mond
hinstarren, und dann absteigen ohne »Wie geht's?« und »Guten Abend«, da
wußte sie, sie hatte nicht geschlafen, sondern ihr war etwas geschehen.
Sie liebkoste sie und sagte: »Du bist müde, mein Tochterchen, darum iß
einen Bissen und lege dich nieder. Ich selbst werde ausspannen statt
deiner.«
Und die Marinke ließ es auch zu.
Als die Mutter hereinkam, saß sie am Herde und kaute. Aber es war, als
täte sie's nur, weil man es ihr befohlen hatte. Jetzt, da das
Lampenlicht auf ihr lag, ließ sich erkennen, daß sie von Gesicht ganz
weiß war, bloß daß unter den Augen zwei Flecken brannten.