Und sie sagt: »Das ersieht man aus deinem Benehmen. Schon die Katrike
hast du nicht leiden mögen, und seit die Urte wieder da ist, ist es noch
schlimmer. Du bist eben ein Kúmetis« -- ein gemeiner Mann -- »und
bleibst ein Kúmetis, und alles Hochgeborene ist dir zuwider.«
Er sagt: »Ich habe nie erfahren, daß du von besserer Herkunft wärest als
ich. Als wir anfingen, Pracher waren wir da alle beide.«
»Ich habe doch wenigstens meine Betten gehabt,« entgegnet sie drauf,
»und sechsundsechzig Mark hatt' ich auch, aber du hattest so gut wie gar
nichts.«
Und er sagt: »Zu meinem bißchen habe ich zwei Jahre Arbeit gebraucht,
aber wo du deine Reichtümer herhattest, darüber weiß man nichts
Rechtes.«
Ihr ist, als schlägt ihr einer mit der Axt vor die Stirn. »Ich habe dir
vorgerechnet auf Heller und Pfennig,« sagt sie, wie mit Blut übergossen,
und wendet sich ab.
Sie ist nun so wütend auf ihn -- sie könnt' ihn beinahe vergiften.
18
Acht Tage später ist der kleine Tuleweit wieder da. Er hat einen, der
wäre nicht abgeneigt. Schmidt heißt er, ist aber nicht verwandt mit dem
Kaufmann in Heydekrug. Sein Vater hat eine verschuldete Wirtschaft nicht
weit von Mineiken, und er ist der Dritte von Fünfen, hat eben gedient
und hält bereits Umschau unter den Töchtern der Gegend. Ob man nach
deutscher Art sich mit ihm treffen wolle. Auf dem Markt oder auf dem
Gericht oder sonst irgendwo, als käm' es durch Zufall.
Die Erdme versteht von diesen Sachen nichts, aber ihre Tochter, die
Urte, will alles schön in die Hand nehmen.
Beim nächsten Pferdemarkt soll es geschehen. Dort wird der junge Herr
Schmidt einen Schimmel seines Vaters am Halfter führen, und die
Schwestern sollen herzutreten und ihn bewundern. Und was dann folgt,
wird Herr Tuleweit bestens besorgen.
Das wird von nun durch und durch geredet, stundenlang, tagelang. Für die
drei Frauensleute gibt es rein nichts mehr sonst auf der Welt. Kaum daß
die Hausarbeit notdürftig besorgt wird zwischen all dem Getuschel.
Der Jons geht still nebenher wie ein Fremder. Wenn er nicht einen neuen
Freund bekommen hätte, wäre er im Leben noch nie so mutterseelenallein
gewesen.
Und dieser Freund ist Urtes weißer, vornehmer Hund. Du glaubst es nicht,
wie sich das langsam gemacht hat. Zuerst hat er auf dem Hof gestanden
und ist still zur Seite gewichen, wenn ihn einer hat anrühren wollen.
Keinen hat er angeknurrt oder gar angefletscht, aber wer ihn zu
streicheln meinte, der griff in die Luft. Ins Haus hat ihn keiner
'reinholen können, selbst seine Herrin, die Urte, nicht, und wenn sie
ihn am Halsband hereinzog, dann ist er wohl mit ihr gegangen, aber beim
nächsten Wupp war er schon draußen. Einen Schlafplatz hat er sich
ausgesucht dort, wo in dem offenen Abschlag die Arbeitswagen stehen und
etwas Heu immer verstreut liegt. Dorthin hat die Urte ihm auch sein
Fressen gebracht, und da lag er und blickte still um sich.
Der einzige, der nie versucht hatte, ihm mit Locken und mit Betatschen
zu nahe zu kommen, war der Jons. Dazu schien ihm der Hund zu fein und zu
herrschaftlich. Aber siehe da! Eines Frühmorgens, wie der Jons als
erster aus dem Hause trat, um zur Arbeit auf das Moor zu gehen, wer ist
da in etlicher Entfernung vorsichtig hinterhergeschlichen und hat sich
zukuckend auf die Grabenkante gelegt? Und wer ist da stillschweigend
geblieben ohne Trunk und ohne Frühstück, bis der Jons zum Mittagessen
nach Hause ging? Und wer ist allmählich näher gekommen und hat sich mit
leisem, langem Bisse das Brot aus den Fingern geholt? Und wer ist
schließlich sogar, wenn der Jons in die Wiesen fuhr, mit kugelnden
Sprüngen dem Wagen vorausgetollt und hat bei ihm Wache gehalten
stundenlang, bis er beladen zurückkehrte?
Die Urte wundert sich des Todes, aber Windhunde sollen ja immer untreu
sein, sagen die Leute. Und darum läßt sie ihn ruhig dem Vater; nur wenn
sie spazieren geht auf der Chaussee nach Heydekrug oder nach Ruß hin,
dann nimmt sie ihn mit sich, damit die Begegnenden etwas zum Staunen
haben.
Bis Heydekrug ist es fast eine Stunde, aber das macht nichts. Denn dort
sieht man doch Menschen, die stehen bleiben und aufgeregt
hinterherraten, weil sie das plötzliche Wunder nicht zu fassen vermögen.
Und Urte fühlt sich als Ortrud und als Botin der größeren Welt, die erst
mit Berlin ihren Anfang nimmt und auf die alle sehnsüchtig hinstarren,
denen im Hinterwalde zu hausen bestimmt ist.
Bisweilen trifft man auch junge Männer mit Schmissen, die sicherlich in
Königsberg studiert haben und denen man vielleicht einmal auf dem Schoße
gesessen hat.
Denen wirft man gelegentlich einen lockenden Blick zu und bringt sie zum
Rasen. Denn irgend eine Kleinigkeit fürs Herz muß man doch haben in der
torfschwarzen Öde.
Nur an dem Hause des Moorvogts geht man ungern vorbei. Man weiß es
nicht, aber man spürt's in den Gliedern, daß dort hinter den
Fensterscheiben zwei Augen forschend und unbestechlich sie und ihr Leben
durchmustern. -- --
So kommt der große Vieh- und Pferdemarkt heran, auf dem die Besitzer von
weit und breit zu Kauf und Trunk sich treffen.
Der Jons hat in der ersten Frühe eine Kuh hingebracht, die demnächst
stehen soll und die darum eingetauscht werden muß.
Die Schwestern melden sich erst, als er weg ist, denn mit dem Vater
zusammen einzuziehen, hätte die Hochachtung der anderen nicht sehr
gefördert. Wenn alles gut geht, gleitet man im Gedränge an ihm vorbei
und braucht ihn nicht einmal anzureden.
Die Katrike wird heute von der Urte extra zurechtgemacht. Sie darf die
Haare nicht brennen und die Lippen nicht färben, und das Miesekatzchen
faucht, die Schwester sei nichts weiter als neidisch. Aber die lächelt
nur und ist nicht einmal böse, wie zwei Paar ihrer schneeweißen
Handschuhe auf den Pranken der Schwester zerplatzen.
Dann ziehen sie los, und die Erdme weint und betet hinter ihnen her.
Der Vormittag vergeht in Arbeit und Bangen.
Gegen zwei kommt der Jons zurück. Er hat einen guten Handel gemacht. Die
neue Kuh gibt laut Bescheinigung zehn Liter, und kaum einmal zuzahlen
hat er dürfen.
Aber in freundlicher Stimmung ist er nicht. Er schlingt finster sein
Mittagbrot und fragt mit keinem Wort nach den Töchtern.
Dann geht er hinaus zu der Petruschka, die heute früh hat angebunden
werden müssen, weil sie bei dem Kuhhandel durchaus zugegen sein wollte.
Erdme sieht, wie er den langen, spitzen Kopf in seine Arme nimmt und
leise zu ihm herniederredet.
Das will ihr das Herz abdrücken. Sie geht hinter ihm her und sagt: »Mit
dem unvernünftigen Tier sprichst du, aber mir, deiner Frau, gönnst du
kein gutes Wort.«
Und er sagt: »Ich habe die beiden Marjellen getroffen, ausgeputzt und
mit fremden Männern. Als sie mich sahen, haben sie den Kopf zur Seite
gedreht. Ist das nicht etwa genug?«
Sie nimmt natürlich die Töchter in Schutz. »Wer kann seine Augen überall
haben?« sagt sie.
Aber er bleibt dabei. Sogar umgekehrt hätten sie sich, ob er nicht
endlich schon weg sei.
»Und _wenn_ auch,« sagt sie. »Was kann _ich_ dafür?«
Da läuft ihm die Galle über, und alles, was er in sich verborgen hat
seit Jahren, kommt ans Tageslicht.
»Was du dafür kannst?« schreit er. »Du hast zwei Faulenzerinnen erzogen,
zwei Rumtreibersche hast du erzogen, die kein Verlangen tragen nach
Arbeit, die bloß Pyragge essen wollen und sich den Rücken wundschlafen
bis Mittag -- die es mit den Deutschen halten und ihren Vater achten,
als wär' er ein Schnodder. Soviel kannst du dafür, wie die Stute kann,
daß ein Fohlen aus ihrem Leibe kommt und nicht eine Ziege!«
Die Erdme denkt an das, was sie neulich heruntergeschluckt hat. Eine so
zornige Rede darf sie nicht ohne Antwort lassen.
»Schon einmal hast du mit mir Hader gesucht,« sagt sie, »aber da kommst
du gerad' an die Rechte.« Und dann wirft sie ihm vor, daß sie es war,
die den ganzen Wohlstand geschaffen hat, daß er nichts Anderes gewesen
ist als ihr Knecht, der nach ihren Anordnungen gearbeitet hat
fünfundzwanzig Jahre lang und den jeder andere Knecht ersetzen kann,
wenn es ihr paßt, ihn zu mieten.
Die Augen schwellen ihm zu und glupen nach rechts und glupen nach links,
als sucht er was und kann es nicht finden.
»Was du sagst, mag wohl so sein,« sagt er, »nur in einem könnt' er mich
nicht ersetzen, nämlich dir jetzt eine gehörige Tracht Prügel zu geben.«
Und da er nichts Anderes sieht, reißt er den Pfahl aus der Erde, an dem
die Petruschka angebunden ist, und schlägt damit die Erdme über den
Rücken.
Sie schreit und fällt in die Knie und nimmt die flachen Hände als
Stütze. Die Jette, die grienend zugehört hat, schreit auch und springt
auf ihn zu, ihm den Arm hochzuhalten, denn der Pfahl ist zu dick, als
daß menschliche Glieder unter ihm ganz bleiben könnten.
Darum wirft er ihn auch weg und holt aus dem Stalle die Peitsche. Die
Petruschka läuft winselnd neben ihm her und leckt ihm bittend die Hände,
aber er achtet ihrer nicht, schlingt die hanfene Schnur um den Stiel und
läßt ihn im Bogen durch die Luft hinpfeifen.
So kommt er zurück; dorthin, wo die Erdme noch kniet.
Aber da steht mit einem Male der Nachbar Witkuhn vor ihm da -- bleich
und zusammengefallen wie immer -- umpusten könnte man ihn --, aber in
seiner rechten Hand hält er das Teschin, mit dem er sich sonst die
Spatzen vom Kirschbaume schießt.
Ihm das Gewehr zu entreißen, wär' leicht, aber was dann? Wie kann man
sein Weib noch bestrafen, wenn zweie dazwischenstehen?
Drum bleibt er ruhig und sagt: »Nachbar, hast du mal was von
Hausfriedensbruch gehört und Bedrohung mit tödlichen Waffen?«
Der Nachbar Witkuhn antwortet nicht und stellt sich so vor die Erdme,
daß er sie mit dem Leibe deckt.
»Ich fordere dich also auf, meinen Grund und Boden zu verlassen -- zum
ersten, zum zweiten und zum dritten Male.«
Der Nachbar Witkuhn rührt sich nicht. Sein rechter Zeigefinger liegt
dicht vor dem Abzug.
»Gut,« sagt der Jons, »ich geh' jetzt zum Rechtsanwalt, der wird die
Anzeige erstatten. Aber die Peitsche nehm' ich mit, und treff' ich
unterwegs die beiden Marjellen, dann werden sie die Prügel kriegen, die
ihrer Mutter noch zustehen.«
Die Erdme schluchzt hell auf und sinkt dann völlig zu Boden. Er aber
kehrt sich nicht daran und geht seiner Wege ...
Er ist bei keinem Rechtsanwalt gewesen, und die beiden Marjellen hat er
auch nicht getroffen. Er hat mit der Petruschka auf einem Heuhaufen
geschlafen, und wie er morgens um die Abfutterungszeit zu Hause
angelangt ist, da hat er das Nest leer gefunden. -- Keine Frau, keine
Töchter, keine Magd.
Die sitzen alle drüben beim Nachbar. Man kann ihre Stimmen hören über
den Weg hin.
Und das Sparkassenbuch ist auch weg.
Von allem, was gestern zu ihm gehörte, ist bloß der fremde Hund da, der
aus traurigen Menschenaugen zu ihm aufblickt, als wolle er die Übeltat
gutmachen, die man ihm angetan hat und die im Grunde genommen seine
eigene Übeltat ist.
19
Dreiundzwanzig Jahre hat der Nachbar Witkuhn auf die Erdme gewartet.
Und nun sie da ist, ist er ein alter Mann.
Er sitzt und sieht sie an und sieht sie wieder und wieder an. Sie ist
die Schönste, die Jüngste, die Kräftigste geblieben, aber er ist ein
alter Mann.
Ihre Töchter läßt er lachen und laufen und schwatzen, wie sie nur mögen,
und achtet ihrer nicht. Sie sind ihm wie zwei fremde Tiere, die die
Erdme mitgebracht hat und denen er Obdach geben muß, weil sie nun einmal
zu ihr gehören. Und die Jette wirtschaftet draußen mit seiner Magd.
Die Urte und die Katrike haben gestern Großes erlebt, und das erzählen
sie immer von neuem: Kaum daß der junge Herr Schmidt sie gesehen hat, da
ist er gleich ganz hingenommen gewesen. Zuerst hat er freilich gedacht,
die Urte sei ihm als Zukünftige bestimmt, und da hat er sich
zurückziehen wollen, denn er ist sich nicht gut genug erschienen für
sie; wie er aber gehört hat, daß die Katrike es ist, da hat er um so
freudiger zugegriffen und hat mit ihnen beiden und dem Herrn Tuleweit in
der »Germania« gesessen bis in den späten Nachmittag. Herr Tuleweit weiß
auch schon eine Wirtschaft für ihn, die mit Fünftausend Anzahlung wohl
zu haben wäre, nur das Viehzeug müßte beschafft werden, denn sein Vater
gibt ihm rein gar nichts.
Wie vom Viehzeug die Rede ist, da horcht die Erdme hoch auf, denn von
ihrem Eigenen her kommt kläglich das Brüllen der Kühe, die nicht
gemolken, vielleicht auch nicht gefuttert sind in der Frühe.
Darum sagt sie der Jette, sie soll mit einem Eimer hinübergehen. Die
wehrt sich erst, denn sie glaubt, sie kriegt Prügel, aber schließlich
tut sie's doch, und wie sie zurückkommt, erzählt sie, der Wirt habe auf
der Häckselbank gesessen, den Kopf in die Hände gestützt, und die
Petruschka vor ihm, und keines habe sich auch nur nach ihr umgesehen.
Und die Urte erzählt weiter: Um drei nachmittags habe der junge Herr
Schmidt weggemußt, aber am Nebentisch -- da hätten ein paar vornehme
junge Herren gesessen mit Schmissen und goldenen Kneifern, die wären
schon lange bemüht gewesen, sich mit ihnen bekannt zu machen, und hätten
ihr zugeprostet und so. Und schließlich wären sie alle zueinander
gerückt und hätten fröhlich getrunken bis an den Abend. Den kleinen
Herrn Tuleweit hätten die fremden Herren erst für den Vater gehalten;
als sie aber hörten, daß er bloß ein Heiratsvermittler sei, da wäre des
Neckens kein Ende gewesen, so daß er nichts Besseres zu tun gewußt habe,
als bald zu verschwinden. Und von nun an sei es erst recht hoch
hergegangen.
Und sie kichern und blinzen sich zu und kommen mit Heimlichtun nicht zu
Ende.
Die Erdme will dem Nachbar Witkuhn den Haushalt besorgen, aber das Kreuz
ist ihr wie gebrochen von dem Streiche des Pfahls. Darum redet die Urte
ihr auch zu, sich beizeiten ein Attest zu beschaffen wegen der künftigen
Scheidung.
Um vier Uhr nachmittags wird drüben der gute Wagen angespannt, und Jons
fährt weg, ohne das Gesicht nach ihr hinzudrehen.
Nun ist die Zeit da, herüberzuholen, was gestern zur Nacht nicht
mitgebracht werden konnte.
Vor die Haustür, deren Schlüssel die Erdme bei sich trägt, hat der Jons
zum Schutze vor Einbruch ein paar Bretter genagelt. Mit zwei Fingern
kann man die losreißen. Es ist wahrhaftig zum Lachen.
Die Urte, die Katrike packen rasch ihre Sachen, und auch sie selber gibt
an, was sie für Sonntags wohl braucht. Ebenso muß jeder sein Bettzeug
haben, denn wie kann der Nachbar Witkuhn soviel Gäste versorgen?
Mag der Jons sehen, womit er sich zudeckt! Die Federbetten gehen mit,
und so noch vieles andere, so daß der Handwagen des Nachbars viermal
hochbeladen den Knüppelweg überquert.
Schwer wird der Abschied von den Kühen, die die Erdme nicht einmal
melken kann, so weh tut ihr das Kreuz. Sie streichelt sie nur und wirft
ihnen Heu hin und denkt: »Wie gut wär's, wenn ich sie drüben hätte!«
Auch die Neue ist ihr bereits ans Herz gewachsen, und doch hat sie sie
kaum schon gesehen.
Dann kriegen noch die Schweine ihr Futter, und dann geht es heim.
* * * * *
Gegen Mitternacht erhebt sich vor dem Hause des Nachbars ein furchtbarer
Lärm. Schwere Schläge fallen gegen die Läden, und des Jons betrunkene
Stimme schreit: »Ihr Diebe! Ihr Räuber! Kommt 'raus! Ich schlag' euch
tot, ihr Räuber! Das verhurte Weib zuerst! Und dann ihren« --
»Liebhaber« sagt er nicht, es ist ein viel schlimmeres Wort, das er
sagt. Und ebenso beschimpft er die Töchter und die Magd und droht, sie
alle zu erschlagen.
Die Urte und die Katrike knien im Hemd an der Mutter Bett und kreischen
bei jedem Schlage, der das Ladenholz zersplittern will. Und vor der
Stubentür steht der Nachbar Witkuhn und ruft durchs Schlüsselloch, sie
möchten ganz ruhig sein, er halte das Teschin in der Hand, und wenn der
draußen einbräche, so sei es um ihn geschehen.
Aber schließlich entfernt sich der Wüterich, und auch das Winseln und
Heulen Petruschkas verstummt nach und nach.
Am nächsten Morgen gibt es ein langes Gespräch zwischen dem Nachbar
Witkuhn und der Erdme.
»Gestern dachte ich noch, du würdest zurückkönnen,« sagt der Nachbar,
»aber heute seh' ich ein, daß die Brücke zerbrochen ist. Nun tu, was du
für richtig hältst. Ich werde dir in allem zu Diensten sein, was dein
Wunsch ist.«
»Ich weiß nicht aus, nicht ein,« sagt die Erdme.
Und der Nachbar sagt: »Ich habe es mein Lebenlang für das größte Glück
auf Erden gehalten, daß du einmal meine Frau würdest. Aber nun mir
plötzlich die Möglichkeit gegeben ist, daß es so werden könnte, da seh'
ich ein, ich bring' es nicht übers Herz. Denn jeder wird sagen, wie Er
es ausschrie heute nacht, daß wir in Buhlschaft gelebt haben alle die
Jahre.«
»Beinahe wär' es ja so gewesen,« sagt die Erdme.
»Wenn es so gewesen wäre,« erwidert der Nachbar, »dann hätten wir längst
kein Gewissen mehr und keine Scham und würden lachen, wenn die Leute mit
Fingern auf uns zeigen. Aber nun schreck' ich schon zurück bei dem
Gedanken, Ihm auf dem Weg zu begegnen.«
»Ich dränge mich niemandem auf,« sagt die Erdme gekränkt.
»Und ich bin ein alter Mann,« sagt der Nachbar. »Ich möchte nicht, daß
du mir fluchst, wenn du mich auf den Kirchhof trägst.«
»So bleibt mir als einziges,« sagt die Erdme, »daß ich in Ausgedinge zu
der Katrike zieh', wenn die jetzt heiratet.«
»Ist es denn schon so weit?« fragt der Nachbar.
»Wenn ich alles hergebe,« sagt die Erdme und drückt die Hand gegen das
Sparkassenbuch, das sie auf nackigem Leibe trägt, »dann ist es so weit.«
»Er wird das Geld schon gesperrt haben,« sagt der Nachbar.
»Vielleicht auch nicht,« sagt die Erdme, und weil sie sowieso nach
Heydekrug muß wegen des Doktorattestes, wird sie auch gleich die
Fünftausend abheben, die ihr nicht weniger gehören als ihm.
Der Nachbar beschafft ein Fuhrwerk, denn er selber hat immer noch keins,
und wie sie aufsteigen will, muß sie von zweien gehoben werden, so
verschwollen ist alles.
Als der Doktor sie untersucht hat, macht er ein ernstes Gesicht und
sagt: »Schlimm genug sieht es aus, und schlimm wird auch, was ich
schreiben muß, aber ich rat' euch trotzdem: Vertragt euch!«
Bisher ist der Erdme noch alles gewesen wie ein ängstlicher Traum, und
oft hat sie gedacht: »Wenn er jetzt käme und sagte: >Laß gut sein< --
weiß Gott, ich ginge zurück.« Wie der Doktor aber sagt: »Es sieht
schlimm aus,« da wird ihr Sinn wie von Stein, und sie denkt bloß, daß
sie sich Recht verschaffen muß vor Gott und den Menschen.
Der Beamte der Sparkasse kennt sie seit langem und zahlt ihr das Geld
ohne Bedenken. »Ja ja,« sagt er, »wenn man Töchter verheiraten will.«
Und da hat sie's auch schon in den Händen.
Die Katrike, die mitgefahren ist, denn sie selber kann sich nicht an-
und nicht ausziehen, weiß sich vor Liebe gar nicht zu lassen. Sie nennt
sie »Mamusze« und »Mammelyte«, was sonst nur die Urte sagt, und »Mane
Baltgalwele« -- mein Weißköpfchen -- nennt sie sie, wie die alten Mütter
in den Liedern heißen, ob auch ihr Haar noch fast braun ist.
Auf dem Heimweg denkt die Erdme immerzu, jetzt wird sie dem Jons
begegnen, aber sie begegnet ihm nicht. Doch auf ihrer Wiese, die wohl
fünfhundert Schritt weit auf der anderen Seite der Chaussee gelegen ist,
sieht sie was Helles. Das ist die Petruschka. Die sitzt und bewacht ihn,
denn er ist wohl wieder betrunken.
Von weitem schon hört man das Brüllen der Kühe. Die müssen verkommen,
wenn man sie da läßt.
»Hast du Platz im Stalle für sie?« fragt die Erdme.
»Ich habe Platz für alles, was dein ist,« sagt der Nachbar.
Darum schickt sie auch gleich die Jette und die Witkuhnsche Magd
hinüber, die Kühe zu holen.
Und die Katrike tanzt herum wie eine Besessene. -- Das Geld und das Vieh
-- alles ist da. Nun kann geheiratet werden.
Und noch am selben Abend macht sie sich auf, zum kleinen Tuleweit zu
gehen, damit er so rasch wie möglich alles in Ordnung bringt.
Die Urte will sie begleiten, um einen Abstecher nach Heydekrug zu
machen, wo irgendwo am Spazierweg die jungen Herren von gestern schon
warten. Sie ärgert sich bloß, daß die Petruschka nicht bei ihr ist --
dann wäre ihr Anblick zehnmal so vornehm gewesen. Und darum bleibt sie
schließlich zu Hause.
Die Erdme liegt und zittert vor Angst, daß der Spektakel von voriger
Nacht heut wegen der Kühe noch einmal losgehen wird.
Aber nichts regt sich fortan.
Sie muß im Bette bleiben wohl eine Woche lang, und wenn sie sich
aufrichten will, kriegt sie ein Handtuch anzufassen, woran sie sich
hochzieht.
Die Marjellen aber nützen die Zeit und holen herüber, was für die
Aussteuer irgend von Wert ist -- den großen Ecktisch und den
buntblumigen Schrank und noch vieles andere.
Niemand hindert sie dran, denn morgens fährt er weg, und mit der
Dunkelheit kommt er wieder, und die Petruschka läuft nebenher. Was er
macht und wo er sich aufhält, weiß keiner.
Am fünften Tage von Erdmes Bettlägerigkeit tritt ein junger Mensch in
die Kammer. Der hat einen deutschen Backenbart und schiefe, ängstliche
Augen. Und hinterher schiebt sich mit heißem Gesicht und frisch
gebranntem Strohhaar die Katrike. Sie ist fast einen Kopf größer als er
und sieht aus, als möcht' sie ihn auf den Arm nehmen.
Das ist der junge Herr Schmidt, ihrer Tochter künftiger Bräutigam.
Er spricht die Erdme in stolprigem Litauisch an, und sie richtet sich
auf und sagt auf Deutsch:
»Was Sie sich wohl denken, Ponusze! Wir reden das Deutsche genau so wie
Sie. Und im Bett liege ich nur, weil ich das Gliederreißen habe.
Gewöhnlich arbeit' ich wie sonst nur die Jüngste.«
Die Katrike und der junge Mensch sehen sich verstohlen an, woraus sie
schließen muß, daß ihm die Tochter schon alles gesagt hat. Und noch
etwas Anderes will sie daraus schließen, aber das drängt sie sofort von
sich ab.
Er möchte am liebsten das Geld gleich mit sich nehmen, aber sie weiß,
daß es ihr wohlgeborgen unter dem Leibe liegt, und erst müßte man sie
totschlagen, ehe sie es hergäbe.
»In dem Kontrakt soll stehen,« sagt sie, »daß ich eine Altsitzerstelle
bekomme mit so und so viel Korn und Kartoffeln und dem Recht, Hühner zu
halten, und noch anderen Rechten, die ich alle bezeichnen werde. Sonst
wird aus dem Kaufe nichts.«
Die Katrike fängt sofort an zu weinen und klagt sie an, sie steh' ihrem
Glücke entgegen. Der junge Herr Schmidt aber sagt: »Es _wird_ auch alles
in dem Kontrakte stehen, aber das ist ein ganz anderer Kontrakt als der,
den ich mit dem Besitzer abschließen werde. Denn den geht es nichts an,
was wir miteinander ausmachen wollen.«
Da sieht sie ein, daß der dumme Deutsche klüger ist als sie selbst, und
schickt sich in das, was verlangt wird.
Aber erst will sie gesund sein und mit aufs Gericht gehen und alles
bewachen können bis in das kleinste.
Die Katrike und der junge Herr Schmidt sehen sich schon wieder an. Dann
aber geben sie sich die Hand und knien am Bette nieder und bitten um
ihren Segen.
Sie weint und küßt und segnet die beiden, aber in ihrem Innern denkt sie
dabei: »Ich will doch erst den Rechtsanwalt fragen.«
20
Der Moorvogt sitzt über seinen Schreibereien, und wenn einer am
Chausseehaus vorübergeht, sieht er zum Fenster hinaus. Das ist seine
Art, über die Leute, die ihm anvertraut sind, ins klare zu kommen. Aus
ihrem Aussehen, ihrem Gang und der Stunde, die sie sich aussuchen, und
den Lasten, die sie tragen, kann er genau erkennen, wie er mit ihnen
dran ist, ob sie vorwärts kommen oder ob sie ins Lüdern geraten sind.
Der Moorvogt ist nun auch kein Jüngling mehr, und die dreißig Jahre, die
er dem Moor geopfert hat, fangen an, seine Haare zu bleichen. Aber sein
Auge sieht noch so scharf wie je, und noch immer hält er zweitausend
Schicksale straff an der Leine.
Eines schönen Sommerabends sieht er den Jons Baltruschat zu Fuß nach
Hause gehen, und doch ist er des Morgens im Leiterwagen vorübergefahren.
Der Jons Baltruschat ist ihm schon seit einiger Zeit auffällig gewesen.
Morgens macht er sich auf nach der Wiese, und abends fährt er betrunken
zurück. Und der fremde weiße Hund, der dem Weibsbild von Tochter gehört,
läuft nebenher.
Aber heute kommt er zu Fuß. Auch schwanken tut er. Aber seine Gangart
ist mehr wie die eines Kranken als die eines Betrunkenen.
Darum macht der Moorvogt das kleine Fensterchen auf, durch das früher
die Stange mit dem Lederbeutel geschoben wurde, und ruft ihm nach:
»Jons, komm doch mal 'rein!«
Der Jons erschrickt und tut, als hat er nichts gehört, doch wie der
Moorvogt nicht nachläßt, da muß er sich wohl bequemen, kehrt um und
tritt in das Zimmer. Die Petruschka mit ihm. Sie läuft sofort zu dem
Moorvogt, steckt die Schlangenschnauze in seine Hand und schlägt die
nassen Augen zu ihm auf, als will sie sagen: »Wenn _du_ nicht hilfst!«
Der Moorvogt braucht nur _einen_ Blick, um zu sehen: Der Jons ist so gut
wie ein verlorener Mann; aber er weiß, große Worte verschrecken bloß und
verschüchtern, darum sagt er gleichsam so nebenher: »Mir war doch, als
bist du heut früh mit Fuhrwerk gewesen. Hast du das irgendwo stehen
gelassen?«
»Ja,« sagt der Jons, »das hab' ich stehen gelassen.«
»Na, wo denn?«
»Auf -- der -- Chaussee.«
»Aber warum denn?«
»Ja -- na.« Mehr ist nicht aus ihm 'rauszukriegen.
»Dann wollen wir's doch gleich einmal holen gehen,« sagt der Moorvogt
und greift nach der Mütze.
Aber der Jons will nicht. »Wenn es 'n Zweck hätt',« sagt er.
»Warum hat's keinen Zweck?«
»Weil das Pferd gar nich mehr da is.«
»Wo ist es denn?«
»Wer kann wissen?«
»Ach so,« sagt der Moorvogt. »Du bist betrunken gewesen, hast dich in'n
Chausseegraben gelegt, und unterdessen hat's dir einer ausgespannt.«
»Wer kann wissen?« sagt der Jons.
»Und da gehst du hier vorbei und machst keine Anzeige? Möchtest du den
hübschen Braunen gar nicht mehr wiederhaben?«
»Is ja alles egal,« sagt der Jons.
»Sonst war dir sowas durchaus nicht egal.«
»Da waren auch noch die Kühe da.«
»Sind die denn _nicht_ mehr da?«
»Nichts is mehr da. Die Schweine werden sie heute auch wohl geholt
haben.«
»Wer denn?«
»Na, die Erdme und die Marjellen.«
»Und das läßt du dir ruhig gefallen?«
»Is ja alles egal.« Und dabei bleibt er.
Die Petruschka sieht immer zum Moorvogt auf, wie der Mensch zum
rettenden Herrgott. Der streichelt ihr den hohlen Rücken, dessen Fell
verfilzt ist und verschorft von Wunden und schwarzgrau. Und er sagt:
»Wie kommt's, daß der fremde Hund sich an dich gewöhnt hat?«
»Das is so gekommen,« sagt der Jons.
»Weißt du, was deine Tochter für eine ist?« fragt der Moorvogt.
»Ich will es auch gar nicht wissen,« sagt der Jons.
Damit geht er.
Der Moorvogt telephoniert an alle Amtsvorsteher wegen des Braunen und
hat dann eine schlaflose Nacht.
Am nächsten Morgen läßt er sich den Smailus kommen. Der bibbert am
Krückstock, und seine Augen sind ganz und gar wie verglast, aber das
kühne Polengesicht hat er noch immer, und sein Schnurrbart wölbt sich
forsch, als will er den Moskauern demnächst eine Schlacht ansagen.
Doch Schlachten schlägt der nicht mehr. Dafür hat seine Vierte reichlich
gesorgt. Wenn es Gott will und sie stirbt, die ist imstande und
verleidet ihm vorher die Fünfte.
»Was ist also mit den Baltruschats los?« fragt der Moorvogt. Und nun
erfährt er das Nötige.
»Warum bist du nicht freiwillig zu mir gekommen und hast es erzählt?«
Seine Frau hat es nicht gewollt.
»_Warum_ hat deine Frau es nicht gewollt?«
Der Jons hat ihr einmal eine Ziege gepfändet, und dafür muß sie sich
rächen.
»Und was hat sie ihm gepfändet?«
Der Smailus lacht schadenfroh. »Das ist gar nicht zu zählen,« sagt er.
Überhaupt _das_ Weib! Aber davon will der Moorvogt nichts wissen.
»Glaubst du, daß die Erdme mit dem Witkuhn mal was vorgehabt hat?«
Diese Frage ist ihm zu schwer. Daß seine eigenen vier Weiber ihm treu
gewesen sind, das weiß er, bei den anderen kann man niemals drauf
schwören.
»Aber bemerkt hast du nichts?«