Nein, bemerkt hat er nichts. Und darum wird er entlassen. -- -- --

Der Moorvogt ist sich noch ungewiß. Soll er die Erdme in dem

Witkuhnschen Hause besuchen oder soll er sie zu sich bestellen? Da sieht

er sie eben vorbeigehen. Sie lahmt zwar noch, und Kreuz und Kopf trägt

sie bewickelt, aber kriechen kann sie doch schon.

»Du -- komm mal 'rein!«

Sie steht da und sieht ihn böse an.

»Schöne Geschichten hör' ich von dir.«

Sie schweigt und sieht ihn böse an.

»Nach fünfundzwanzigjährigem Leben -- schämst du dich nicht?«

Da legt sie los: mit dem Zaunspfahl hat er sie geschlagen -- beinahe das

Rückgrat hat er ihr gebrochen -- mit Schmutznamen hat er sie belegt --

ihren ehelichen Wandel hat er bekotzt -- die ehr- und tugendsamen

Töchter hat er mißhandeln wollen, und was das Schlimmste ist, das Vieh

hat er verhungern lassen, so daß sie es nur durch Rüberholen mit knapper

Not errettet hat.

Der Moorvogt sieht sofort: die Sache liegt schlimm für den Jons, und

_sie_ ist eine Furie geworden. Mit gut Zureden wird der nicht

beizukommen sein. So versucht er es also mit böse: »Weißt du, was ich

jetzt tun werde? Ich werd' dich durch den Gendarm in die Kaluse bringen

lassen.«

Aber sie lacht ihn nur aus. »Das können Sie ja. Bloß morgen werd' ich

schon wieder bei Ihnen vorbeigehen.«

»Wenn du dich nur nicht irrst.«

»Warum soll ich mich irren? Er hat ja keinen Antrag gestellt. Und er

wird auch gar keinen stellen. Denn hier unter der Wiste hab' ich das

Doktorattest. Darin steht geschrieben, wie schlimm es gewesen ist und

daß ich nur durch ein Wunder am Leben bin. Wenn einer in die Kalus'

fliegt, dann ist er es. Und ich zieh' jetzt zu meiner älteren Tochter.

Die wird eine reiche Besitzersfrau. Und morgen wird sie das Aufgebot

bestellen kommen. Und wenn ich erst hier 'raus bin, dann kann man mir

sonst was.«

Das ist nicht Trotz mehr, das ist offene Auflehnung. Im Laufe der Jahre

haben nur wenige ihm so entgegenzutreten gewagt.

»Was du eben gesagt hast, Erdme Baltruschat, das will ich nicht

verstanden haben. Aber eins prophezei' ich dir: der Tag wird kommen, und

er ist gar nicht weit, da wirst du dich glücklich preisen, bei dem Jons

noch einmal unterkriechen zu können. Wir wollen hoffen, daß er dich dann

auch aufnimmt.«

Sie beißt die Zähne zusammen und schwört bei Gott dem Allmächtigen:

»Eher geh' ich und ertränk' mich im Torfloch.«

Und damit humpelt sie wieder hinaus nach Heydekrug zu, wo der

Rechtsanwalt ihr raten soll, wie sie sich sichert, wenn Tochter und

Schwiegersohn, denen sie alles opfert, sie übervorteilen wollen.

21

Das Geld muß hergegeben werden. Da ist nichts zu machen. Denn ohne

Anzahlung kommt das Grundstück nicht in ihren Besitz. Es wird aus

Vorsicht auf den Namen der Tochter geschrieben, damit der junge Herr

Schmidt vor der Hochzeit nicht etwa noch abschnappt.

Die Kühe und die Schweine und alles, was vom Hausrat herübergetragen

ist, sollen mit in die Wirtschaft kommen, denn es fehlt ja nicht weniger

als alles.

Der Kontrakt wird unterschrieben, und das Geld ist weg -- so schnell,

wie man eine Fliege in der Hand sterben läßt. Den Kauftrunk spendiert

die Erdme, aber gemütlich ist er nicht. Der bisherige Besitzer

behauptet, er hätte sein Hab und Gut wegwerfen müssen, und der junge

Herr Schmidt ist der Ansicht, die Hälfte des Preises wäre auch noch

reichlich gewesen. Daß es zum Prügeln nicht kommt, daran ist nur die

Urte schuld, die nach beiden Seiten schöne Augen macht und dadurch das

Schlimmste verhindert.

Hierfür belohnt sie sich, indem sie hernach noch ein bißchen spazieren

geht, wobei sie alsbald die jungen Herren mit den Schmissen trifft, die

ihr vorsichtig folgen, bis man sich auf der leeren Chaussee

freundschaftlich einigen kann.

Die Katrike will mit dem jungen Herrn Schmidt über Nacht zu den

Schwiegereltern fahren, was ihr nicht zu verdenken ist, und darum geht

die Erdme allein nach Hause.

Nach Hause? -- Als ob sie ein »Zuhause« hätte -- das soll erst morgen

kommen. Denn für morgen hat der Rechtsanwalt den Ausgedingevertrag

bereitgelegt. Darin steht aufs genaueste geschrieben, was ihr bis zu

ihrem seligen Tode zukommen wird -- ja sogar für die Zeit _nach_ dem

Tode hat sie gesorgt. Nicht weniger als zehn Fladen und sechs Achtel

Bier müssen den Begräbnisgästen vorgesetzt werden, und das Kreuz auf

ihrem Grabe muß aus Gußeisen sein.

So ist alles aufs beste geordnet. Aber wohl ist ihr doch nicht zumut.

Wenn jetzt zum Beispiel der Jons des Weges käme, wie könnte sie ohne ein

Wort an ihm vorübergehen?

Da ist nun die lange Brücke, die über die Sumpfniederung führt! Und sie

muß des Frühlingstages gedenken, an dem sie vor fünfundzwanzig Jahren

mit Jons zum Moor hinauszog. Da kuckten die Kuhblumen vergnügt aus dem

blauen Stauwasser, und sie sagte zu ihm: »Wie die Blumchen da vorwärts

kommen, ohne zu ertrinken, so werden auch wir vorwärts kommen.«

Genau so sagte sie. Ihr ist, als wäre es gestern gewesen.

»Aber was hilft das Vorwärtskommen,« denkt sie, »wenn einem zuguterletzt

alles wieder zunichte wird.«

In ihrer Unwissenheit hat sie gemeint, sie seien längst über den Berg,

und Hader könnt's gar nicht mehr geben; da ist er mit einmal da gewesen

wie der Dieb in der Nacht und hat alles -- aber auch alles -- zunichte

gemacht.

Übrigens: eine Wut hat sie auf die Katrike, die ihr das Geld aus den

Händen riß! Kaum einmal warten konnte die Kröt', bis sie die Wiste

aufgehakt hatte!

»Aber morgen,« denkt sie, »morgen wird alles festgemacht werden.« Aus

dem Hause wird sie keiner fortekeln können, dafür hat der Rechtsanwalt

schon gesorgt, und das Brautpaar hat wohl oder übel seine Zustimmung

geben müssen.

Bloß daß die Unterschrift fehlt. Morgen um elf werden sie sich wieder in

Heydekrug treffen, und übernächsten Sonntag kann dann die Hochzeit sein.

Wie sie beim Nachbar anlangt, ist ihr zumut, als muß sie sich wieder

krank hinlegen, so zerschlagen fühlt sie sich. Aber das kommt nicht vom

Rücken her, das ist das Herzweh, weil sie alles hergeben muß.

Der Nachbar erkennt ihren Zustand wohl und redet ihr Trost zu. Aber was

kann er viel sagen?

Zwei Stunden nach ihr kommt die Urte. Sie hat heiße Backen und sieht

verjucht und verjachert aus. Sie ist dem Moorvogt begegnet, und der

unverschämte Kerl hat sie angehalten und verlangt, sie soll ein

Führungsattest beibringen. Was der sich wohl denkt?

Sie macht sich viel an ihrem Koffer zu schaffen, aber zu der ermatteten

Mutter ist sie voll Zärtlichkeit und besteht darauf, daß der Nachbar

einen Wagen besorgt und sie morgen selber nach Heydekrug fährt. Denn der

weite Gang zwei Tage gleich nach einander könnte zu viel für sie sein.

Spät abends kniet sie noch vor der Mutter Bett und streichelt und küßt

ihr die Hände und bittet ihr alles ab, was sie ihr Böses getan hat und

weiter noch tun muß. Die Erdme weiß zwar nicht, was sie meint, aber von

solcher Weichherzigkeit ist sie heut, daß sie den Kissenbezug ganz naß

weint.

Und morgens, wie sie mit dem Nachbar davonfährt, fängt die Urte von

neuem an, gerade so, als wär' es ein Abschied für immer.

Heut achtet sie nicht darauf. Sie hat nur Augen für drüben. Ob nicht der

Jons sich irgendwo sehen läßt. Aber drüben ist alles leer und still.

Auch keine Petruschka blitzt irgendwo auf. Freilich, blitzen tut die

nicht mehr, denn die ist jetzt dreckig, wer weiß wie.

Pünktlich um elf hält der Wagen vor dem Rechtsanwaltshaus. Sie denkt,

die Brautleute schon lauernd zu finden, aber keiner ist da. Auch um halb

zwölfe noch nicht und um zwölfe ebensowenig.

Der Rechtsanwalt hat auf dem Gerichte Termin und sagt im Vorbeigehen,

jetzt müßte sie warten bis zwei, denn früher käm' er nicht wieder.

Und wie er um zwei wiederkommt, sind die Brautleute noch immer nicht da.

»Jetzt ist Büroschluß bis um halb vier,« sagt er. »Inzwischen können sie

immer noch kommen.«

Der Erdme, die auf der Schwelle sitzt, tut seit langem das Kreuz weh,

und der Nachbar redet ihr zu, in die nächste Schenke zu gehen. Dort kann

sie sich wenigstens ausstrecken. Aber sie will nicht. Sie könnte das

Brautpaar am Ende verfehlen.

Der Nachbar kauft ihr Semmel und Schnaps, und dann geht es ja wieder.

Wie die Uhr sechs schlägt, kommt der Bürovorsteher heraus und sagt, für

heute sei es nun leider zu spät, aber der Schriftsatz liege ja da und

der Herr Rechtsanwalt werde morgen oder auch sonst wann zur Beglaubigung

gerne bereit sein.

So fahren sie wieder zurück. Die Erdme hat das Kopftuch um Mund und

Backen gebunden und redet kein Wort. Was soll sie auch reden? Man muß

sich ja fürchten zu denken -- um wieviel mehr noch zu reden!

Auch dem Nachbar ist die Kehle erfroren. Und so kommen sie an.

Was sie da finden, glaubt keiner. Ich kann es euch zehnmal erzählen, ihr

glaubt es mir doch nicht.

Die Kühe sind weg. Die Schweine sind weg, die Betten sind weg. Auch der

andere Hausrat von drüben ist weg. Die Urte ist ebenso weg. Und selbst

die kröt'sche Marjell, die Jette, ist weg.

Dem Nachbar Witkuhn Seine, die ein ordentliches Mädchen ist, sieht die

erschreckten Gesichter und fängt hell zu weinen an. Sie haben gesagt, es

geschehe im Auftrag der Erdme, sonst hätte sie den Nachbar Smailus

gerufen oder sonst wen -- und sie schielt hinüber nach Baltruschats

Haus.

Was bei Jesu Namen _ist_ also geschehen?

Bald nach elfe ist ein Leiterwagen vorgefahren. Darauf haben die

Brautleute gesessen und haben erklärt, sie wollten jetzt alles

überführen, was in die künftige Wirtschaft gehört. Und die Mutter wäre

schon dort, um einzurichten, und käme nur später noch einmal, die

eigenen Sachen zu holen.

Und dann haben sie vorne das Hausgerät aufgeladen und hinten die

Schweine. Und die Kühe haben sie angebunden, und so sind sie

davongefahren. Und die Urte hat ihr noch fünf Mark geschenkt für die

gute Bedienung.

Ja richtig! Zwei Briefe haben sie auf den Tisch gelegt. An wen die sind,

weiß sie nicht, denn Aufschrift hat keiner.

Der Erdme wird das Kreuz ganz steif und gefühllos. Der Nachbar und die

Magd müssen sie in die Stube tragen.

Da liegen die Briefe.

Die Katrike schreibt so:

»Mein geliebtes Mütterlein!

Es bereitet mir einen großen Schmerz, mich von Dir zu trennen. Mein

Bräutigam, der junge Herr Schmidt und seine Familie wollen es aber so.

Die Deutschen sagen, es ist bei ihnen nicht Sitte, daß gleich die Mutter

als Altsitzerin in die Wirtschaft mitgeschleppt wird. Und sie sagen, sie

wollen dann lieber zurücktreten. Die Hochzeit wird in kleinstem Kreise

gefeiert werden, und darum kann ich Dich nicht dazu einladen. Was mir

auch gewißlich einen großen Schmerz bereitet. Das Vieh und die anderen

Sachen habe ich gleich mitgenommen, denn mein Bräutigam, der junge Herr

Schmidt, hat es schriftlich. Eine Klage würde also nichts nutzen. Ich

bedanke mich auch sehr für alles, womit Du mich beschenkt hast, und

werde Dich lieben in Ewigkeit.

Litauische Geschichten · 第 41 / 69 题