Und dann seufzt sie und weint: »Ach, meine Heide, meine Heide!«

Die Erdme kann ihr die Heide noch so schlecht machen. »Ich bin ja auch

von der Heide zu Hause,« sagt sie, »und weiß: schinden tut man sich dort

nicht weniger als hier. Auf dem Sand gedeiht nicht einmal Roggen, und

der Hafer sieht aus, als hat er die Schwindsucht. Und Fichten -- na ja

-- die stehen ja dort höher. Aber Schatten geben sie auch nicht. Und

vorwärts kommt man hier besser als dort.«

»Aber wenn dort das Heidekraut blüht,« sagt die Frau und starrt

sehnsüchtig ins Weite, »und alles ist rot von lauter Blumchen, und die

Hummeln singen drum 'rum, und die Luft ist warm, und unter dem Kadig

liegt man geborgen so wie im Himmel! Aber hier friert man ja selbst im

August und ist stets am Versinken. Vier Wochen sind's her, da ist mir

mit einmal der Herd eingesunken -- vor meinen sehenden Augen ist er

gesunken.«

»Dann ist er eben zu schwer gewesen,« tröstet die Erdme, »man muß ihm

einen besseren Untergrund schaffen.« Und um die Frau aufzuheitern,

erzählt sie ihr die Geschichte von dem großen, rotbärtigen Doktor, der

immer kleiner und kleiner wurde, weil die Schemelbeine ihm unter dem

Leibe versanken.

Hätte sie gewußt, was für ein Unheil sie damit anrichtet, sie hätte es

lieber _nicht_ getan. Als sie das nächste Mal mit der Frau

zusammenkommt, da krallt die sich an ihr fest und sagt: »Stell dir vor,

Nachbarin, jetzt kann ich des Nachts gar nicht mehr schlafen, denn ich

muß immerzu denken, daß die Bettfüße unter mir wegsinken, und das ganze

Bett versinkt, und ich versink' mit.«

In ihrem Mitleid fällt der Erdme das Mittel ein, das der Nachbar Witkuhn

die einzige Rettung genannt hat, und sie entschließt sich, die

verängstigte Frau langsam an den Gedanken des Weggehens zu gewöhnen.

Ob ihr Mann, der Smailus, gut zu ihr ist.

Sie kann nicht klagen. Schläge kriegt sie keine, trinken tut er auch

nicht, aber -- und nun legt sie den Mund ganz dicht an Erdmes Ohr --

»aber er wartet schon«.

»Worauf wartet er denn?« fragt die Erdme.

Da macht die Frau die Augen weit auf -- die richtigen Unglücksaugen

macht sie -- und sagt ganz leise ihr großes Geheimnis: »Er wartet schon

auf die Vierte.«

»Woher weißt du das?«

Sie weiß es nicht, aber das fühlt man.

Die Erdme wird dreister. »Da kannst du ihm aber behilflich sein,« sagt

sie.

»Womit?«

»Indem du gar nicht erst wartest, bis sie dich 'raustragen. Dann bist du

das Moor los und gehst auf die Heide.«

»Und die Kinder?«

Natürlich die Kinder! Als ob es für alles, was Mutter ist, einen anderen

Gedanken gäbe.

»Die nimmst du mit.«

»Und dann?«

Ja dann! Die dreihundert Taler, die sie mitgekriegt hat, die stecken

hier in der Wirtschaft. Das Väterliche hat längst der Bruder. Wenn sie

nun wiederkommt -- ohne einen Groschen und ein Kind an jeder Hand, --

wer wird sie aufnehmen? Betteln kann sie gehen.

Die Erdme denkt: »Wenn das Herz ihr nicht längst gebrochen wär', würd'

sie schon durchkommen.«

Aber so! Wie Recht hat der Witkuhn gehabt! Auch die gehört zu den

meisten, für die es zu spät ist.

Da hört die Erdme auf, in sie zu dringen, und denkt: »Dann werd' ich sie

also zu Tode trösten.«

Und das hat sie auch redlich getan. Ein Lungenhusten ist gekommen, und

die Frau ist schwächer und schwächer geworden. Und erst, als gar

nirgends mehr ein anderer Weg zu erblicken war als der, der auf den

Kirchhof führt, da hat sie zu hoffen begonnen und hat Pläne gemacht. Der

Smailus werde verkaufen, ihr zuliebe werd' er verkaufen -- genau so ist

der Smailus! --, dann werden sie auf die Heide ziehen, und sie wird sich

unter den Kadigbusch legen, wo es ganz warm und ganz trocken ist -- und

dann wird sie schlafen und schlafen -- alle Angst und alle Müdigkeit

wird sie ausschlafen.

Und darüber ist sie auch eingeschlafen. Aber es hat doch noch zwei Jahre

gedauert. -- --

In der Nacht nach dem Tode, so gegen Zwölfe, da gibt es ein Klopfen an

Baltruschats Haus. Sie ziehen sich an. Der Nachbar Smailus ist da und

weint dicke Tränen. Es ist ihm so graulich zu Haus, und ob sie ihn nicht

behalten möchten bis gegen den Morgen.

»Da hast du's, Nachbar,« sagt die Erdme. »Erst konntest du's nicht

erwarten, und jetzt tut es dir weh.«

»Es ist nicht ums Wehtun,« sagt er, »aber ohne Frau kann man nicht sein.

Wer wird mir jetzt die Schweine futtern und die Kuh?«

»Ich denk', die hast du schon lange gefuttert,« sagt die Erdme.

»Das ist richtig,« sagt er, »aber sie war doch da.«

Und er sitzt und sitzt und trinkt einen Schnaps nach dem anderen. Und

langsam wird er beredt. Was man beim Nachbar Smailus so nennen kann.

»Ich darf mich ja nicht beklagen,« sagt er, »denn das Sprichwort heißt:

>_Der_ Bauer hat Glück, dem die Pferde stehen und die Frauen sterben.<

Pferde hab' ich ja keine, aber von Frauen ist mir nun schon die dritte

gestorben. Also hab' ich doch Glück. Aber so was ist leicht gesagt. Denn

wo krieg' ich nun gleich die Vierte her?«

»Damit hat's ja noch Zeit,« tröstet die Erdme. »Laß sie doch erst unter

der Erde sein.«

»Nein, damit hat's keine Zeit,« entgegnet er. »Die Trauerfrist werd' ich

schon abwarten. Das versteht sich. Aber man muß sich doch umsehen. Und

so eine, wie meine Dritte war, die findet sich nicht leicht. So sanft

von Gemüt, und dreihundert Taler. Die hat mir auch noch die Ulele

besorgt. Aber wo ist jetzt die Ulele?«

»Die Ulele ist doch leicht zu erreichen,« sagt die Erdme. »Die hat ja

noch unlängst Wein geschickt zur Stärkung und Ölsardinen.«

Sie hat noch viel andere gute Sachen geschickt, die Ulele, aber die

Ölsardinen haben der Erdme den stärksten Eindruck gemacht -- in

Erinnerung an den Glanz ihrer Mädchenzeit.

Und sie schlägt vor, der Ulele am nächsten Tage eine Depesche zu

schicken. Berlin ist ja weit, aber denkbar wär's immerhin, daß sie käme.

»Wieviel kostet so eine Depesche?« fragt der Smailus. Und ob er

womöglich auch noch die Reise bezahlen muß.

Die Erdme beruhigt ihn. Das Geld für die Depesche werde sie auslegen und

sich später von der Ulele entrichten lassen. Was aber die Reise belangt,

so sei die ohnehin viel, viel zu teuer für ihn.

Da willigt er ein und gibt auch gleich den Umschlag mit ihrer Adresse.

Ulele heißt sie nicht mehr. Sie heißt Adele.

Und wie sie zwei Tage später auf dem Bahnhof zu Heydekrug ankommt, da

steigt sie aus einem Abteil mit roten Polstern und ist überhaupt eine

Dame. In ganz Heydekrug gibt es nicht so eine Dame! Ganz in Schwarz mit

langem Schleier und noch einem Schleier und noch einem Schleier. Nie im

Leben hat die Erdme so viele schwarze Schleier gesehen.

Sie traut sich gar nicht an sie heran, obgleich sie den Wagen selber

kutschiert, der die Nachbarstochter heimfahren soll. Die muß erst kommen

und sie in die Arme schließen. Und das tut sie vor allen den Leuten und

schämt sich nicht im geringsten.

Von nun ist der Erdme alles egal. Sie denkt nicht mehr an die tote

Nachbarsfrau, nicht an den Sarg, nicht ans Begräbnis -- wo sie doch

selber alles herrichten soll, denn der Smailus ist wie ein hilfloses

Kind, -- sie sieht bloß die Ulele.

Der Inbegriff von allem, was sie hat werden wollen und nicht geworden

ist, das Abbild, das Vorbild von sämtlichen schönen Mädchen der

Modebilder, die bei ihr an den Wänden kleben, das Feinste, das Höchste

auf und über der Erde, Milda, die Göttin der Liebe, Laime, die Göttin

des Glücks: das ist die Ulele. Keine Königstochter, keine Kellnerin kann

so schön sein wie die Ulele.

Und sie spricht sogar Litauisch. Nie hat man solch eine Dame Litauisch

sprechen gehört. Es geht zwar etwas humplig, aber es ist doch noch

Litauisch.

Sie fragt gleich nach allem: »Wo ist der Vater? Wer macht den Sarg? Wer

trägt mir Koffer und Kranz auf den Wagen?«

Einen Kranz hat sie mitgebracht mit dreißig Lilien, und es ist doch noch

Winter.

Dann wünscht sie sofort zum Tischler Werdermann zu fahren, um den Sarg

zu besehen. Und zum Fleischer Steil und zur Schmidtschen Destillation

wegen des Leichenschmauses.

Sie befiehlt und wirft das Geld hin, und alles ist da.

Das ist die Ulele.

Aber stolz ist sie eigentlich nicht.

Noch ehe die Begräbnisgäste kommen, hat sie all ihre Schleier abgetan

und sieht nun in dem langen, schwarzen Kleide gar nicht viel anders aus

als eine Deutsche auf dem Szibbener Kirchhof.

Und wie die Erdme sie fragt, warum sie das tut, da sagt sie: »Ich bin

ein dummes Kalb gewesen. Ich hab' mich von euch bewundern lassen wollen,

und darum hab' ich mir all das Gefunzel gekauft. Aber jetzt schäm' ich

mich recht vor eurem bißchen Armut.«

Und sie streichelt der, die im Sarge liegt, die gelben, knöchernen Hände

und sagt: »Die hab' ich allein auf dem Gewissen.«

»Wieso?« fragt die Erdme.

»Sie hat ja niemals zum Vater gewollt, und nur auf mein Zureden ist sie

gekommen.«

Während der Leichenfeier hält sie die Kinder auf dem Schoß und wischt

ihnen die Näschen, aber sie sorgt auch für den Vater, daß der in seinem

Kummer nicht nach hinten geht und zu viel trinkt. Und jedem der Gäste

schenkt sie ein Stückchen Seife.

Nachdem nun alles vorbei ist, bleibt sie noch weitere acht Tage, ist

aber selten zu sehen. Und wie die Erdme sie fragt, wo sie eigentlich

immer steckt, da gibt sie zur Antwort: »Ich muß doch den Kindern eine

Mutter besorgen.«

Am Abend vor ihrer Abfahrt kommt sie und setzt sich mit der Erdme an den

Feuerherd.

»Ich glaube, jetzt wird es auch ohne mich weiter gehen,« sagt sie. »Sie

ist aus Pagrienen und kennt die Moorwirtschaft schon. Auch etwas Geld

hat sie, und das übrige leg' ich zu. Aber das darf der Vater nicht

wissen. Damit er sie richtig in Ehren hält.«

»Du bist wohl sehr reich?« fragt die Erdme bewundernd.

Sie lächelt und sagt: »Eigentlich bin ich ärmer als ihr, nur bei euch

hat das Geld einen anderen Wert.«

Und dann erzählt sie der Erdme ihre ganze Geschichte.

Sie hat alles genau so durchgeführt, wie es einmal in ihrem Kopf

entstanden war. Hat die Wirtschaft gelernt, die Buchführung und die

Verwaltung und ist jetzt mit ihren zwanzig Jahren Geschäftsleiterin in

einer Seifenfabrik. Daß es kein Getreide ist, wie es einst ihr Vornehmen

war, sondern bloß Seife, macht kaum einen Unterschied.

»Und wird Er dich heiraten?« fragt die Erdme begierig, denn sie hat

jedes Wort im Gedächtnis behalten.

Die Ulele macht den Zeigefinger naß und streicht sich über die

Augenbrauen. Das tut sie oft, wenn sie nachdenkt.

»Das geht nicht so leicht, wie man sich's vorgestellt hat,« sagt sie und

lächelt. »Denn meistens ist schon eine Frau da, und wenn die einen gar

noch ins Haus zieht und auch sonst gut ist, dann begnügt man sich gerne

damit, daß Er manchmal abends zu einem kommt und bis Mitternacht bleibt.

Dann muß man Ihn heimschicken, damit die Frau nicht Verdacht schöpft.«

»Aber Er gibt dir doch, was du willst?« fragt die Erdme mit blitzenden

Augen.

»Was ich will, gibt Er mir schon,« sagt die Ulele. »Aber viel darf es

nicht sein, damit die anderen nicht denken, daß man sich 'rumtreibt.«

Das begreift die Erdme nicht recht. Sie würde gegrapscht haben ohne

Unterlaß, ohne Bedenken. So was versteht sich von selber.

»Und dann ist auch noch der Oberbuchhalter da,« fährt die Ulele fort,

»der mich durchaus heiraten will. Der darf natürlich nichts ahnen und

niemand. Darum muß man immer hübsch einfach sein. Nun ist die Frage:

soll ich darauf hinarbeiten, daß Er ihn als Teilhaber annimmt, oder

mach' ich mit diesem ein Seifengeschäft auf? Das erstere wäre mir

lieber, denn dann bliebe ich in der Fabrik. Aber gleich von Anfang an

zwei Männer -- das ist mir zuviel. Und schließlich kommt's einmal 'raus,

und die ganze Blase platzt auseinander. Ich werd's aber trotzdem wohl

tun, denn ich lieb' die Fabrik wie mein Kind.«

»So hast du also doch durch das Mannsvolk dein Glück gemacht,« sagt die

Erdme mit Stolz.

Die Ulele schüttelt den Kopf. »Dann sieht die Geschichte ganz anders

aus,« sagt sie. »Stöckrig bin ich geblieben, und Busen hab' ich richtig

auch heute noch nicht. Und wenn Er bei mir ist, reden wir vom Geschäft

viel mehr als von Liebe. Durch Tätigkeit hab ich's gemacht und durch

Nachdenken, -- aber natürlich: das Mannsvolk muß mithelfen, sonst bleibt

man im Mustopf.«

Zum Abschied küßt sie die Erdme und küßt auch die Kinder. Und jedem

schenkt sie ein Stückchen Seife, die riecht noch schöner als die beim

Begräbnis.

An demselben Abend, nachdem Erdme die Kinder zur Ruhe gebracht hat,

kniet sie an ihren Betten nieder und schwört bei Gott und bei dem

Erlöser und dem Heiligen Geist, daß die ebenso fein und ebenso vornehm

werden sollen wie die Ulele, die jetzt Adele heißt.

Und die sollen _gerade_ durch das Mannsvolk ihr Glück machen.

12

Von der Katrike und der Urte hab' ich noch gar nichts erzählt.

Die sind nun schon längst zwei große Mädchen, gehen in die Schule und

lernen ein vornehmes Deutsch. Und die Erdme spricht auch nur noch

Deutsch mit ihnen, denn sie sollen ja in die weite Welt hinaus, dorthin,

wo die Menschen nicht einmal wissen, daß es Litauer gibt. Sie ist

unerbittlich, wenn sie das »h« nicht aussprechen können, und wie sie's

endlich gelernt haben, da verwechseln sie »Ecke« und »Hecke« und sagen

»der Uhn at Heier gelegt«. Und manchmal weiß die Erdme es selbst nicht.

Tagtäglich hält sie ihnen vor, daß sie zu was Besserem geschaffen sind,

als sich hier von dem Moorschlamm die Beine verderben zu lassen, denn

das Moor beizt und macht Schrunden und Risse. Darum sollen sie in den

Kartoffeln nur arbeiten, wenn die knappe Zeit es dringend verlangt. Am

liebsten schickt sie sie in die Wiese. Dort dürfen sie auf den Heuhaufen

liegen und den Schwalben nachgucken, soviel es ihnen gefällt. So wie die

Schwalbchen werden sie auch einmal in andere Gegenden ziehen, aber

heimkehren zum Nestbau, das werden sie nicht. Dafür sind sie zu schade.

Und die beiden Marjellen nutzen die Freizeit nach Kräften. Sie treiben

sich weit und breit im Moore herum und entdecken allsommerlich neue

Gebiete.

Der Fremde, der solch eine Öde durchwandert, wird nicht leicht glauben,

wieviel es darin zu entdecken gibt. Da steht mit einem Male ein

Birkengebüsch -- von fern sah es nach gar nichts aus, aber steckt man

die Nase hinein, dann ist es voll von heimlichen Wundern. Rauschbeeren

wachsen darin, die sind giftig, aber gerade darum ißt man sie gern, denn

sie schmecken noch schöner als die Blaubeeren, denen sie ähneln, und sie

machen die Sinne wirr und heiß, so daß man taumelt und einschläft. Und

der ledrige Porst treibt Büsche, in denen man sich verstecken kann, noch

besser als in dem kitzelnden Heu.

Und manchmal findet man Blänken und Teiche -- nicht die viereckigen mit

dem kohlschwarzen Steilrand, die durch Torfstechen künstlich gemacht

sind -- o nein doch -- diese hier stehen seit Erschaffung der Welt und

stechen von weitem ins Auge wie verborgene Spiegel, die einer im

Sonnenlicht hin und her dreht.

Aber hinzukommen ist schwer. Von Humpel zu Humpel muß man springen,

sonst versinkt man womöglich im Schlamm, und wer einen dann noch

herausholt, wie kann man das wissen? Aber ist man erst da, dann hat man

Freude genug. Ringsherum kriecht wohl Nadelgestrüpp, wie Knäuel von

Schlangen durcheinandergewunden. Darin klettert man 'rum und genießt das

eigene Fürchten. Und noch was weit, weit Schöneres gibt es. Das ist der

Rasen, der in das Wasser hineinwächst und auf dem man sich schaukeln

kann, noch lustiger als zwischen zwei Birken. Aber fix muß man sein und

das Fliegen verstehen, denn der Rasen schwimmt oben auf, und will man

verweilen, dann sinkt er schwer in die Tiefe. Auch sind seine Ränder

sehr böse gesinnt. Denn nie kann man wissen, wie weit er hält. Mit einem

Male kann das Wasser an einem hochspritzen, und wie man dann 'rauskommt,

das weiß man noch weniger.

Aber das macht nichts. Bisher hat man sich immer gerettet. Zwei so'nen

Moorkröten wird das Moor doch nichts tun. Das wär' ja noch besser.

Im Winter freilich ist's schlimm -- wenn man zur Schule muß und der

Frost durch die Handschuhe durchbeißt, als wären sie leinene Lappen. Und

in den Schlorren erfrieren die Füße. Da muß die Mutter zur Nacht

Terpentin auflegen. Das brennt wie das höllische Feuer.

Und schlimmer noch ist der Schneesturm, wenn man die Hand vor den Augen

nicht sieht und vom Wege abkommt, ohne daß man es merkt, und plötzlich

im Schnee steckt bis über die Achseln.

Dann möchte man wohl gerne zu Hause bleiben wie die anderen, deren

Eltern ein solcher Gang zu gefährlich erscheint. Aber wie nachsichtig

die Mutter sonst wohl auch ist, hierin kennt sie kein Mitleid.

»Die Schule _muß_ sein,« sagt sie, »denn wenn sie nicht lernen, können

Besitzerstöchter niemals ihr Glück machen.«

Daß sie Besitzerstöchter sind, hören sie morgens und abends und bei

jeder Gelegenheit. Keine Prinzessin kann öfter an den Vorzug ihrer

Geburt erinnert werden als sie. Auch daß sie einmal in Samt und Seide

gehen werden, wissen sie längst und putzen zunächst an den Lumpen herum,

die zum Schulgang immer noch taugen. Aber ihre Sonntagsröcke sind fein

-- bunter Kattun aus dem Hoffmannschen Laden, mit weißen Spitzen besetzt

-- dreißig Pfennig das Meter. Und blanke Schuhe haben sie auch und

Zwickelstrümpfe, die hat die Mutter selber bestickt.

Der Vater läßt es gehen, wie es geht; nur wenn sie mithelfen sollen und

die Mutter meint, sie brauchen es nicht, dann trumpft er gelegentlich

auf. Und dann muß sie klein beigeben. Wer weiß, ob er ihr sonst nicht

eins überrisse.

Vom Vater wissen sie wenig. Meistens hockt er des Abends stumm auf der

Ofenbank, oder, wenn er sich mit an den Tisch setzt, dann nimmt er ein

Blatt Papier vor und rechnet.

Viel hat er zu rechnen, und viel hat er zu tun.

Das vierte Hektar ist nun schon gepachtet und damit der Höchststand

erreicht. Das Pferd ist auch angeschafft, fährt Kartoffeln zu Markte und

bringt von der Wiese Grünfutter mit. Es ist eine braune, struppige

Kragge mit Spatbeinen und einem hohlen Kreuz, aber es hat immerhin

achtzig Taler gekostet, und die will es verdienen. Darum läuft es trotz

seiner vierzehn Jahre noch immer mit Ehrgeiz, und wenn man neben dem

Leiterwagen einen Spazierwagen hätte, grüngestrichen mit einem

Lehnensitz, man könnte sich unter den Herrenleuten schon sehen lassen.

Aber solche Sprünge machen wir lange noch nicht. Wir sammeln Pfennig für

Pfennig und tragen das Geld auf die Sparkasse. Erst muß das Pracherhaus

heruntergerissen und statt seiner ein anderes aufgebaut werden, wie es

die Großbesitzer haben, mit Kammer und Klete, mit Kachelofen und Dielen

unter den Füßen.

Das Beste wäre, man versicherte so hoch, wie es geht, und steckte das

Gekrassel dann an. Aber zwischen Versicherung und Brand müßten

anstandshalber zwei Jahrchen liegen oder auch drei, sonst steigt einem

womöglich der Staatsanwalt auf den Puckel. Versichern kann man ja

immerhin schon des Stalls und des Viehzeugs wegen, das immer besser

gedeiht und das auf dem Markte Preise kriegt, wie man sie niemals

geträumt hat.

Ach, wie schön ist die Welt, wenn man darin vorwärts kommt und der liebe

Gott seine Hände sichtbarlich ausstreckt, um Haus und Familie zu hüten!

Dann ist auch das Frommsein leicht, und die Kirchfahrt wird ein

Vergnügen. Schon weil einen die Leute ansehen und sagen: »Das ist der

Jons Baltruschat mit seiner Frau und zwei Töchtern. Der fing einmal ganz

klein an und hat unlängst eine Belobigung bekommen für Mastvieh.«

Der Taruttis freilich ist böse. Er kommt nicht mehr, und keiner geht

jemals zu ihm.

Bis endlich die Erdme sagt: »Ich muß ihm die Kinder bringen, damit er

sieht, wer wir sind.«

Und sie putzt die Urte und die Katrike aus, steckt ihnen Kämme ins Haar

und Schleifen unter den Halsrand und geht mit ihnen hinüber.

Er ist nun ein Greis, und die Taruttene pappelt wer weiß was.

»Nachbar,« sagt die Erdme, »du hast uns einmal Obdach gegeben, als wir

jung waren und arm. Jetzt geht es uns gut, und darum kommen die Mädchen

schön Dank sagen.«

Die Urte, die auch schon zwölfe ist, küßt ihm die Hand, und die Katrike

will nicht, aber sie muß.

Der fromme Taruttis scheint inzwischen ganz übersinnig geworden. Er muß

erst nachdenken, wer sie wohl sind, dann sagt er: »Ja ja -- ja ja. Der

Mensch ist boshaft von Anbeginn und bösen Trachtens voll. Und keine Reue

hilft und keine Demütigung und kein Gebet. Darum soll er sich züchtigen

mit Geißeln und den Kopf im Staube bergen vor seinem Gott.«

Die Erdme sagt gekränkt: »Wenn ich gewußt hätte, daß du so nachtragend

bist, Nachbar, dann wär' ich nicht zu dir gekommen.«

Er versteht sie erst nicht und besinnt sich von neuem. Dann sagt er: »Es

will mir scheinen, Nachbarin, du beziehst meine Worte auf dich, während

ich doch nur mich selber im Sinne habe.«

»Wieso?« fragt die Erdme verwundert.

»Es gab einmal einen Tag, an dem habt ihr mich und meine gottgefälligen

Freunde mit Kränkung von dannen gehen heißen. Da habe ich Lieblosigkeit

gegen euch aufgesammelt in meinem Herzen und habe euch Übles antun

wollen. Ich habe zwar nie gewußt, wie, und wenn ich es gewußt hätte,

hätte ich es auch nicht gekonnt, aber daß ich bösem Willen eine Herberge

geben konnte in meiner Seele, das ist eine schwere Sünde. Die bitte ich

Gott ab, indem ich sie dir abbitte, Nachbarin.«

Und da geschieht das Wunderbare: der arme alte Mann kniet mühsam vor ihr

nieder und hebt die Arme zu ihr auf, so daß sie Arbeit genug hat, ihn

wieder hochzuziehen.

Die beiden Marjellen aber lachen sich eins und machen, daß sie

hinauskommen. Und wenn Jahre nachher eine der anderen einen Schabernack

spielt, dann verlangt sie von ihr noch dazu, daß sie niederkniet und

Abbitte leistet, sonst sei sie kein gottgefälliges Mädchen.

Und dann vertragen sie sich und lachen immer aufs neue.

Aber über Einen lachen sie nicht. Der geht als der Baubau -- »der

Baboszius«, wie die Litauer sagen -- durch ihre ganze Kinderzeit. Vor

dem zittern sie, wenn sie nur an ihn denken.

Das ist der alte Raubmörder drüben in der baufälligen Kate, der

korbflechtend am Wege sitzt und sie mit rotem Gaumen angrinst, wenn sie,

aus der Schule kommend, vorbeimüssen. Dann nehmen sie die Röcke zwischen

die Beine, und heidi! jagen sie quer übers Moor -- über Kartoffeläcker

und Gräben der schützenden Heimat entgegen.

Und doch hat er ihnen nie was getan.

Der Nachbar Witkuhn hingegen ist ihnen ein gütiger Onkel, bringt

Gerstenzucker und Walnüsse mit und schenkt ihnen deutsche Bücher. Darin

stehen Geschichten von Königstöchtern und Prinzen und anderen vornehmen

Leuten, zu denen sie hingehören. Seine siechende Frau lebt immer noch

und läßt sich von der Mutter betreuen. Aber ihnen sollte es einfallen,

für fremde Leute Magddienste zu tun!

Und möchte die Urte noch allenfalls, die Katrike ließ' es nicht zu, denn

warum so was Unnützes überhaupt lebt, dafür gibt es keine Erklärung.

Die Frau des Smailus -- die vierte -- ist ihnen nicht grün und will kaum

einmal, daß die Kinder mit ihnen spielen. Sie ist eine spitze Person,

die ihren Mann hält, als wär' er ihr Knecht.

Aber die Wirtschaft gedeiht. Nur kommt der Smailus bisweilen und klagt:

»Was können die Pferde mir helfen, die jetzt im Stalle stehen, und die

gestorbenen Frauen? Denn ich bang' mich so sehr nach der Dritten.«

Und dann sagt die Mutter bloß: »Siehst du, Nachbar, da hast du's.« -- --

--

Urte hat weiße Glieder und einen anschlägigen Kopf und soll drum in der

Fremde ihr Glück machen.

Die Katrike wird nächstens zum Unterricht gehn. Sie wächst und wächst

dem lieben Gott ein Loch in den Himmel. Und darum wird sie »das

Katzchen« genannt. Faul ist sie wie die Pest. Sie muß daher ein

Rittergut haben. Und so ist alles aufs beste bestellt.

13

Joijoi! Wassersnot! Joijoi! Wassersnot! Wassersnot!

Was heißt Wassersnot? Das bißchen Wasser wird man doch noch aushalten

können. Das ist doch fast in jedem Frühling so gewesen.

Aber man hat erzählt, die Leute, die vom großen Strom herkommen, haben

Vieh angebunden und Betten aufgeladen. In langer Reihe stehen die Wagen

auf dem Rußner Chausseedamm, und vor der langen Brücke sollen sie

aufeinandergefahren sein und nicht mehr weiter können. Der Heydekrüger

Markt sei übervoll, und nirgends mehr geb' es ein Obdach.

Litauische Geschichten · 第 29 / 69 题