Und sie denkt: »Schade! Aber wer weiß, wozu es gut ist?«

10

Wenn _das_ Überschwemmung ist, das läßt sich ertragen!

Wohl stehen Hof und Garten zollhoch unter Wasser, auch ist der

Knüppelweg zur Chaussee an vielen Stellen unbegehbar. Und der Estrich in

der Stube fühlt sich an, als möchte er sich von neuem kneten lassen.

Aber schließlich -- zu seinem Vergnügen lebt man nicht im Moor, und

alles geht vorüber. Die Wege trocknen, über Hof und Gräben legt man

Bretter, und der Estrich wird wieder glatt gewalzt.

So ist es nun im Märzenmonat schon zweimal gewesen, und die Erdme denkt

nicht mehr mit Angst an die finsteren Prophezeiungen, mit denen der alte

Raubmörder einst ihre Hoffnungen vergiftete.

Manchmal fragt sie die Nachbarn, aber die scheinen ungern davon zu

sprechen, und darum unterläßt sie es. -- -- --

Jetzt im vierten Jahre zeigt es sich, daß man stark genug ist, noch

weitere Sprünge zu machen. Die Wiese liefert Heu genug, um eine zweite

Kuh zu ernähren, und deshalb muß ein Stall gebaut werden. Der Abschlag

am Giebelende reicht schon für die eine nicht aus, besonders wenn die

Mastferkel an den Pfosten herumwühlen, so daß an manchem Morgen das

ganze Dach der Kuh auf dem Rücken liegt.

Gespart ist ja, aber ob man ausreichen wird, ist zu bezweifeln. Und da

zu gleicher Zeit wegen der Pachtung eines zweiten Hektars mit dem

Moorvogt gesprochen werden muß, könnte man vielleicht aus dem

Raiffeisenverein ein Darlehen von ihm erlangen.

Eines Sonntagnachmittags zu Anfang April stellen sie die Lampe hoch,

verstecken die Streichhölzer, schließen die Kinder ein, und dann gehen

sie zum Moorvogt.

Er hört ihnen schweigend zu und schlägt darauf sein großes Buch auf.

Ach, dieses fürchterliche Buch! Je länger er darin liest, desto

zittriger werden der Erdme die Beine, denn die Ulele hat ja einmal

gesagt -- -- man wagt gar nicht auszudenken, was die Ulele gesagt hat.

Dann sieht er sie eine Weile an, gerade wie damals, und endlich macht er

den Mund auf.

»Also alles in allem geht es euch gut?« fragt er.

Nun möchte ich den Landmann sehen -- ob litauisch oder deutsch, ob Bauer

oder Graf --, der auf eine solche Frage mit einem schlichten Ja

geantwortet hätte.

Sie fangen also alle beide fürchterlich zu klagen an. Die Nachtfröste im

vorigen Herbst -- und die verschorften Kartoffeln -- und die

wartungsbedürftigen Kinder -- und die Überschwemmung noch jüngst!

»Was wißt ihr von Überschwemmung!« sagt er, und ein bitteres, ein fast

verzagtes Lächeln fliegt über sein starkes Gesicht.

»Jedenfalls geht es euch so gut,« fährt er fort, »daß ihr eine

erhebliche Vergrößerung eurer Wirtschaft in Angriff nehmen könnt. Es

kommt mir das nicht unerwartet, denn ich habe euch natürlich im Auge

behalten. Das zweite Hektar ist euch bewilligt, und auch für das

Darlehen werde ich eintreten. Nur -- nur --« er stockt und sieht sie

wieder an, »nur scheint mir, daß ihr noch von der Bauzeit her dies und

jenes in Ordnung zu bringen habt.«

Jons und Erdme werfen sich einen heimlichen Blick zu. Was kann er nur

meinen?

Und er sieht sie immer weiter an mit starren, bohrenden Augen, als ob

sie splinterfasernackig vor ihm stünden.

»O Gott, o Gott!« denkt die Erdme. Denn _was_ hat die Ulele gesagt?

Und das Versprechen fällt ihr ein, das sie sich am Abend ihrer Trauung

im Matzicker Chausseegraben gegeben haben. Ach, wie bald ist das

vergessen gewesen!

»Es scheint, ihr wißt nicht, was ich meine,« fährt der Moorvogt fort.

»Geht also nach Hause und denkt darüber nach. Wenn ihr findet, daß ich

Unrecht habe, dann kommt wieder, aber nicht früher.«

Damit sind sie entlassen.

In stolzer Hoffnung waren sie gekommen. Stillschweigend, mit gesenkten

Köpfen gehen sie wieder heim.

»Allwissend ist Gott allein,« denkt die Erdme.

»Hier hilft bloß eines,« sagt schließlich der Jons, »daß wir nun doch

noch unter die Gebetsleute gehen.«

»Warum?« fragt die Erdme. »Wir sind ja fromm genug.«

»Wenn man unter die Gebetsleute geht,« sagt der Jons, »kann man seine

Sünden bekennen und alles gutmachen, ohne daß einem daraus ein Schade

erwächst.«

»Gutmachen kann man auch so,« sagt die Erdme. »Wozu noch erst viel

bekennen?«

»Das ist nicht das Richtige,« sagt der Jons.

Sie beschließen also, den frommen Taruttis zu besuchen und zu sehen, ob

es lohnt, sich in die Gemeinde der Erleuchteten aufnehmen zu lassen.

Der fromme Taruttis empfängt sie mit Freuden.

»Ich habe schon oft gebetet,« sagt er, »daß ihr den Weg zum Heile finden

möget, und nun ist mein Gebet erhört.«

So mager und so sanft sieht er aus wie ein Sendbote des Herrn. Und seine

Augen leuchten wie zwei weinende Sonnen. Er ruft auch die Taruttene, die

ihnen Schmand mit Glumse vorsetzt. Sie ist nun ganz hutzlig geworden und

will gleich zu singen anfangen. Sie hält es schon gar nicht mehr aus.

Aber er beruhigt sie. Damit habe es bis zur nächsten Versammlung Zeit.

Erst müsse ein Sündenverzeichnis hergestellt werden. Und bei dem

öffentlichen Bekenntnis werde die ganze Gemeinde Gott auf den Knieen um

Vergebung anflehen. Das habe noch immer geholfen.

Jons und Erdme sehen sich an. Sie haben es zwar oft schon mitgemacht,

aber nun sie selbst daran glauben müssen, wird es ihnen doch

fürchterlich sauer.

Der Taruttis legt auch gleich ein Blatt Papier auf den Tisch, macht eine

römische Eins und sieht sie erwartungsvoll an. Da nimmt die Erdme das

Wort und sagt: »Damit das Bekenntnis ganz vollständig wird, wollen wir

uns vorerst im einsamen Kämmerlein gehörig kräftigen. Sonst könnte es

geschehen, daß etwas fehlt, und das würden wir uns niemals verzeihen.«

Der fromme Taruttis lobt den Ernst ihrer Bestrebungen und ladet sie zu

der nächsten Versammlung. Und dann gehen sie heim.

»Nein,« sagt die Erdme entschieden, »damit die Leute hernach mit Fingern

auf uns weisen: >Da seht das verstohlene Pack<. Das könnte mir passen.«

Der Jons meint zwar schüchtern, man könne das Bekenntnis so undeutlich

sprechen -- besonders wenn man zu zweit ist --, daß niemand was Rechtes

versteht. Aber die Erdme bleibt fest. »Unsere Kinder sollen einmal in

Samt und Seide gehen,« sagt sie, »für die muß vorgesorgt werden.«

Auf alle Fälle machen sie jetzt das Verzeichnis. Der Mann, dem sie die

Saatkartoffeln ausbuddelten, bekommt die erste Nummer. Und dann folgt

eine sehr lange Reihe. Einzelnes bietet Schwierigkeiten. Wem zum

Beispiel sollen sie das Heu für die Ziege ersetzen, das sie im Dunkel

der Nacht aus den fahrenden Fudern zupften? Oder: Wem hat der Jons

Schaden getan, als er mit dem Abgebrannten wegen der Türen und Fenster

den heimlichen Handel abschloß? Denn was eine Versicherungsgesellschaft

ist, wer kann sich das vorstellen? Und dann das Allerschlimmste: die

Veruntreuungen auf dem Holzplatz, auf dem der Jons ja heute noch

arbeitet! Der Möbeltischler ist nicht der Einzige gewesen. Gar manchem,

der eine offene Hand hatte, ist beim Verladen eine oder die andere

Planke mehr auf den Wagen geschmissen worden. Und der Aufseher hat dann

den Rüffel gekriegt.

Schlimme Sache! Schlimme Sache!

Trotz alledem gehen sie ans Werk. Der Jons bringt Postanweisungen und

Linienpapier, und nun schreiben sie einen Brief nach dem anderen, gerade

so, als ob sie wirklich bei den Gebetsleuten eintreten wollten ... Und

das tun sie aus Klugheit, denn sie wissen, deren Sündenbekenntnisse

werden von den Deutschen mit Lustigkeit, von den Litauern mit Andacht

aufgenommen und niemals weiter verfolgt. Aber in zweifelhaften Fällen

vermeiden sie der Sicherheit halber, ihre Namen anzugeben.

Einer der Briefe lautet so:

»Wehrter Herr Hahn!

Da ich den Herrn Jesus gefunden und er mich eretet hat aus allen meinen

Sünden. Bezeugt mir der Heilige Geist Gottes mein Ibelthat. Um mit Gott

und Menschen ins reine zu komen, soll ich mihr reinigen wie auch der

Herr Jesus rein war. Der Herr zeiget mir, daß ich auch Ihnen währent

meinem Hausbau beschädigt habe indem ich aus Ihrem Walde Holz stahl. Ich

biete um Vergebung der Schuld, das sie mir nicht vor dem Throne Gottes

verklagen wirde. Darum läge die 30 Mark für den Wert des Entwändeten

Matirials. Der liebe Gott ist selber Richter und weis am bästen den Weg.

Er hat meinem Gewissen soviel geurteilt. Ich biete nochmals um

Verzeihung und vergebung der Schuld, das ich Frieden mit Gott häbe und

mein Gewissen mich nicht verklagen wirde. Der Herr Jesus hat mir schon

vergäben, als er am Kreuze auf Golgatha das Wort ausrief Es ist

volbracht.

Achtungsvol

J. Baltruschat.«

Und ein anderer lautete so:

»Hochgerter Herr!

Als ich in einen neien Abschnit meines Lebens mich mit meinem Gott

versähnen wolte, fand ich unter den verbannten Gegenstenden, das ich

mich auch an Ihnen vergangen habe. Zwar glaubte ich früher das wen man

von einen reichen Herrn Kleinigkeit stiehlt, keine Sünde ist. Komme

daher ihnen dankbar um Vergebung zu bieten, wenn Sie so gütig sind. Ich

befand mich vor langer Zeit bei meinem bauen in großer Verlegenheit und

da ging ich hin und holte mir aus ihre Grube den Lähm gleichwie es Gott

gefiel. Daher sände Sie gefälligst 10 Mark. Biete wenn möglich um

Sündenvergebung.

Hochachtend

ein Nachbar.«

Diese beiden Briefe, den frömmeren und den weltlicheren, nehmen sie sich

zum Muster und richten danach die übrigen ein.

So schreiben sie noch manchen Brief und berechnen genau die Beträge, die

sie den Empfängern schuldig sind.

Der Abgebrannte, zu dem der Jons geht, um zu erfahren, an wen er sich

wegen des Ersatzes zu wenden habe, wohnt in einem nagelneuen Hause.

Dessen Türen und Fenster sind tausendmal schöner als die, die er damals

beiseite geschafft hat. Er lacht zuerst fürchterlich, als er aber hört,

daß Jons zu den Gebetsleuten gehen will, sieht er gleich ein, daß es

sein muß, und gibt ihm genaueste Auskunft.

So bliebe also nur noch das Holzgeschäft übrig, denn das Ziegenheu kann

auch von selber gefallen sein. Aber das Holzgeschäft!

»Das deutsche Schwein kann Wind auf dich kriegen und zeigt dich am Ende

noch an,« warnt die Erdme. »Selbst ohne Unterschrift kann es dir

schlecht gehen.«

Das sieht er auch ein und schreibt darum zur Sicherheit den Namen eines

anderen Arbeiters, der vor kurzem nach Rußland zu den Holzfällern

gegangen ist und der ebenso gemaust hat wie er. So reinigt er zugleich

auch dessen Gedenken, was als eine doppelte Guttat angesehen werden muß.

Als die Briefe und die Postanweisungen weg sind, wird ihnen beiden sehr

wohl zumut. Die Ersparnisse haben sich zwar erheblich vermindert, aber

statt dessen hilft ja der Moorvogt.

Darüber vergessen sie ganz, daß sie auf der nächsten Versammlung der

Gebetsleute das Sündenbekenntnis ablegen sollen.

So kommt der Sonntagnachmittag heran. Sie sitzen vergnügt vor der Tür.

Er raucht seine Pfeife, sie riecht an einem Marienblatt, und die Kinder

spielen um sie herum. Da hören sie mit einem Male einen feierlichen

Gesang.

»Es wird ein Begräbnis sein,« meint die Erdme.

Aber der Gesang kommt immer näher, und was sehen sie? Der fromme

Taruttis und zwei andere fromme Männer gehen zwischen den Kartoffeln

geradeswegs auf sie zu, und jeder hält sein Gesangbuch in der einen Hand

und sein Schnupftuch in der anderen, und eine Mütze hat keiner auf.

O Gott, wie wird ihnen da! Weglaufen können sie nicht, und Ausreden

haben sie auch nicht.

Der Jons in seiner Verlegenheit heißt sie willkommen und fragt, ob er

den werten Gästen vielleicht einen Schnaps anbieten kann. Wo er doch

wissen muß, daß die Erleuchteten geistige Getränke nicht zu sich nehmen.

Der fromme Taruttis tut, als hat er die Frage gar nicht gehört, und

sagt: »Teurer Bruder und geliebte Schwester. Die Stunde des Segens ist

da. Die Pforten der Himmelsstadt sind aufgetan! Folget uns nach

Jerusalem, wo ihr alsbald in weißen Kleidern dastehen werdet zur rechten

Seite des Herrn.«

Der Jons, der wie vor den Kopf geschlagen ist, will richtig schon gehen,

aber die Erdme hält ihn gerad' noch am Ärmel.

»Lieber Nachbar und ihr anderen geehrten Gäste,« sagt sie und macht ein

scheinheiliges Gesicht, »seit wir unseren Entschluß kundgetan haben,

prüfen wir uns unaufhörlich, aber es will uns gar keine Sünde einfallen.

Nun müßten wir uns jedoch schämen, so selbstgerecht vor euch zu

erscheinen, wo doch ein jeder sonst sein Bündelchen auspackt. Darum

lasset uns Zeit, ein Monatchen oder ein Jahrchen -- oder noch mehr,

damit wir ein gehöriges Bekenntnis zusammenkriegen. Vielleicht sündigen

wir inzwischen auch noch was Neues, und das ist dann gleich ein

Abwaschen.«

So einfältigen Glaubens der fromme Taruttis auch sein mag, -- daß diese

freche Person sich lustig macht, das sieht er doch ein.

»Warum seid ihr denn zu mir gekommen?« fragt er sie ganz verdutzt.

»Ihr seid ja auch zu uns gekommen,« gibt sie zur Antwort.

Darauf wissen die frommen Männer nichts zu erwidern und heben sich

wieder von hinnen. Und Jons geleitet sie bis an den Grenzgraben,

dorthin, wo das Brett 'rüberführt.

Wie er zurückkommt, sieht er, daß Erdme die beiden Kleinen im Arm hat

und liebkost.

Dann läßt sie sie fallen, hebt beide Fäuste hinter den Weggehenden her

und ruft ganz laut:

»Meinen Töchtern die Heirat verderben, das wär' euer ganzer Segen, ihr

Schufte!«

Der Jons ist beinahe erschrocken. Nie hätte er gedacht, daß sein Weib so

böse sein kann.

11

Über den Nachbar Witkuhn scheint etwas wie Frieden gekommen. Er weicht

der Erdme nicht mehr aus, bleibt ruhig zu Hause, wenn sie der kranken

Frau beispringt, und kommt herüber, so oft es nottut. Ohne ihn wäre der

Stall gar nicht zustande gekommen. Der ist nun viel prächtiger als das

Wohnhaus und bietet Platz für zwei Kühe und zwei Schweine und sogar --

der Himmel bewahr' uns vor Hochmut! -- sogar für ein künftiges Pferd.

Der Nachbar Witkuhn weiß, daß er selber es nie so weit bringen wird. Um

so eifriger ist er darauf bedacht, daß Jons und Erdme dahin gelangen.

Der Ankauf der zweiten Kuh ist auch sein Werk. Eine Holländerin ist sie,

wollstirnig mit einem schwarzen und einem weißen Auge. Und Milch gibt

sie -- man schämt sich zu sagen, wieviel Milch sie gibt, aber die an der

Ablieferungsstelle, die wissen's.

Jetzt kommt des Abends schon manchmal Butter auf den Tisch, und die

Kleinen trinken frische Milch, soviel sie nur mögen.

Im Frühling des fünften Jahres geschieht das Große, daß Jons seine

ständige Arbeitsstelle aufgeben muß, denn Erdme schafft es nicht mehr,

selbst wenn er die Freistunden noch so sehr ausnutzt.

Der Sägemühlenbesitzer schenkt ihm zum Abschied zehn Mark und eine Kiste

Zigarren wegen der Ehrlichkeit, die er immer bewiesen hat, im Gegensatz

zu anderen, die sich jetzt in Rußland herumtreiben.

Nun kann sogar das dritte Hektar in Angriff genommen werden, zumal der

am frühesten urbar gemachte Boden für Roggen bald reif ist.

Der Moorvogt gibt noch ein neues Stück Wiese dazu und verspricht sogar,

den Jons bei der Entwässerung zu beschäftigen, wenn es ab und zu in der

Wirtschaft zu still wird.

So ist für alles gesorgt, und die Zukunft liegt da wie ein blühendes

Kleefeld.

Wenn Erdme bei ihrer Arbeit die schlammbespritzten Beine hebt und senkt,

daß der federnde Grund schaukelt wie eine Wiege, und wenn das schwarze

Wurzelwerk unter den Streichen der Hacke zerblättert, als wäre es

Torfgrus, dann ist ihr zumut, als sei das ganze Moor nur geschaffen, um

ihrem Glücke zu dienen. Und sie dehnt in lauter Wohlsein die starke

Brust dem Gelingen entgegen.

Wenn es nur allen so ginge wie ihr! Aber ringsum sitzt Kummer genug. Von

der hinfälligen Frau des Witkuhn gar nicht zu reden. Die wird sich

vielleicht noch Jahre so schleppen, ohne daß Hoffnung kommt. Aber neben

ihr lebt die junge Frau Smailus. Die ist sehnig von Gliedern und schafft

auch, aber in ihrem Innern scheint sie noch kränker als jene.

Sie geht umher wie im Traum, gibt falsche Antwort, wenn man sie fragt,

und ihre Brust hat nicht Milch für die Kinder.

»Was ihr fehlt, weiß ich lange,« sagt der Nachbar Witkuhn. »Die

Moorkrankheit hat sie.«

Die Erdme fragt, was das ist.

Und er sagt: »Die Moorkrankheit kommt wie durch ein Gift, das aus dem

Boden aufsteigt. Niemand weiß, wie es aussieht, und kein Doktor hat es

gefunden. Es ist da und ist auch nicht da. Wie man will. Den einen wirft

es nieder, dem anderen ist es Arznei. Und für den, der daran krankt,

gibt es nur eine Rettung: 'raus aus dem Moor, rasch 'raus, ohne sich

umzusehen. Aber für die meisten ist es zu spät.«

Was die Erdme einst der Ulele versprochen hat, das hält sie getreulich.

Sie steht der gemütskranken Frau zur Seite, wo sie nur kann. Nicht bei

der Arbeit. Die macht sie allein. Aber des Sonntags oder zum Feierabend

-- denn Feierabend gibt es schon manchmal -- geht sie hinüber zu ihr,

legt den Arm um ihre Schulter und sagt: »Komm, Nachbarin, wir wollen uns

was erzählen.« Und sie führt sie die Sandnase hoch und in das

Fichtengestrüpp. Da sitzt die kranke Frau am liebsten, denn es gemahnt

sie an die verlorene Heide, von der sie herstammt.

Litauische Geschichten · 第 28 / 69 题