Schließlich denkt sie: »Komm's, wie es will, geschehen muß was.«

Darum faßt sie sich eines Tages ein Herz und geht zu ihm 'rüber.

Als er sie kommen sieht, fällt ihm die Hacke aus der Hand. Er steht da

und sieht sie an wie eine Himmelserscheinung, und dabei hat er sie doch

immer vor Augen.

»Nachbar,« sagt sie, als hätte sie noch gestern mit ihm gesprochen,

»willst du nicht einmal nach unserer Kuh sehen? Die frißt nicht.«

Er zieht die Klotzkorken über die nackten Füße und kommt. Er befühlt der

Kuh den Leib, legt ihr die Hand auf die Schnauze und dreht die Augenhaut

um. »Die Kuh ist gesund,« sagt er. Weiter nichts.

Die Erdme schämt sich und fühlt, wie sie zittert. Aber sie weiß, so ein

Augenblick kommt nicht wieder. Darum ladet sie ihn ein, noch ein wenig

in die Stube zu treten.

»Was soll ich da drin?« fragt er.

»Ich hab' schon lange einmal mit dir reden wollen,« sagt sie.

Er streift die Klotzkorken ab und tritt ein. Die Wiege hat sie vorher

auf den Hof gestellt, damit die Kinder nicht zusehen.

Und jetzt stehen sie da und zittern beide.

»Nachbar,« sagt sie, »ich muß immer an die Stunde denken vor zwei

Jahren, und mir ist, als habe ich dir ein Unrecht getan. Wenn ich es

gutmachen kann, will ich es gerne.«

»Es ist nichts gutzumachen,« sagt er und bekuckt sich die Bilder.

»Setz dich auf die Bank, Nachbar,« sagt sie.

Er gehorcht, und sie setzt sich neben ihn. Mehr kann sie wahrhaftig

nicht tun.

»Nachbar,« sagt sie, »du hast ein seltsames Wesen. Nicht bloß gegen

mich. Dir muß irgend was geschehen sein. Das Beste wär' schon, du

sprichst dich aus.«

»Jawohl,« sagt er, »das will ich.«

Und dann erzählt er ihr eine Geschichte, wie es ihm in der Jugend

ergangen ist. Er ist ein froher Bursch gewesen, Besitzerssohn,

ansehnlich und beliebt. Und die Mädchen haben ihn gern gewollt zum

Heiraten sowohl wie zu dem anderen. Und eine -- die war wild und

heimlich zugleich. Wie wohl die wildesten sind. Und nichts war ihr

heimlich genug. Und eines Nachts im Finstern trafen sie sich unter dem

Kadigbusch auf der Heide, wo sonst kein Menschenfuß hintritt. Da wollte

sie ihm zu Willen sein. Aber plötzlich sind ringsum Lichter aufgetaucht

von Jägern, die sich schon im Finstern auf eine Jagd begaben. Da hat sie

zu schreien angefangen, daß er ihr Gewalt antue. Als ob sie am Speer

stak, so hat sie geschrieen. Und so ist er ins Unglück gekommen. Das hat

ihn verfolgt von Ort zu Ort und ist stets offenbar geworden, wenn er ein

Führungsattest gebraucht hat oder als Zeuge vor Gericht hat stehen

müssen. Schließlich hat er im Moor eine Zuflucht gefunden, wo mancher

bestraft ist und keinem viel Schaden daraus erwächst. Der Moorvogt weiß

es und seine Frau. Sonst niemand. Bei der Frau hat er Rettung gesucht,

aber die ist ja schon lang' keine Frau mehr. Und sobald eine andere ihm

zugelächelt hat, ist ihm sofort der Gedanke gekommen: »Sie wird

schreien.« Immer hört er das Schreien. Und dann zittert ihm das Gesicht,

wie es ihm damals gezittert hat, als er sich stumm und ohne Verteidigung

hat abführen lassen. So vertattert ist er gewesen, und so ist er noch

heute.

»Wie hast du dich dann aber an mir vergreifen können?« fragt sie und

lächelt ihn an.

»Das weiß ich selber nicht,« sagt er und streicht sich übers Gesicht.

»Nun, ich hab' doch _nicht_ geschrieen,« sagt sie und lächelt ihn

immerzu auffordernd an.

»Aber -- abgewiesen hast du mich, und seitdem ist es schlimmer als je!«

Soll sie nun sagen: »Heute würd' ich dich _nicht_ abweisen?« Das kann

sie nicht. Das bringt keine Frau über die Lippen. Bloß seinen Arm

streichelt sie und sagt: »Armer Nachbar.«

Sie denkt, er wird sie nun umfassen, aber was tut er? Er zittert und

rückt von ihr weg und stöhnt: »Laß man, mir hilft keiner mehr.«

»Gott wird helfen!« sagt sie, wie man sagt: »Guten Tag« und »Guten Weg«.

»Auch Gott hilft mir nicht,« schluchzt er und ringt die Hände. »Ich hab'

zu ihm gebetet bei Tag und bei Nacht, er soll die große Zuneigung von

mir nehmen, aber geholfen hat er mir nicht.«

»_Ich_ werd' für dich beten,« sagt sie. Sündigen möcht' sie viel lieber,

aber man muß doch so tun.

Er in seiner Not greift den Gedanken auf wie der Hungernde den Knochen,

den man zum Fenster hinauswirft.

»Ja, bet für mich, bet für mich, oder wenn du mir eine große Gnade antun

willst, dann laß uns zusammen beten. Vielleicht daß Gott mich dann

hört.«

Und richtig! Sie holt ihr Gesangbuch hervor und das von Jons, und jeder

schlägt auf, und sie beten und beten.

Und siehe da! Immer frömmer wird ihr zumute. Sie denkt an die

schlafenden Kinderchen draußen und an den Mann, der sich abschindet von

früh bis spät, und bald begreift sie gar nicht mehr, daß sie eine so

große Sünde hat begehen wollen.

Wie sie eine halbe Stunde gebetet haben, sagt sie: »Nun, Nachbar, fühlst

du, daß es dir hilft?«

Er schüttelt bloß den Kopf.

Sie denkt: »Aber mir hat es geholfen.« Und nun -- ganz aufrichtig

gesonnen -- redet sie ihm gut zu und meint, sie möchte ihm ja gerne den

Wunsch erfüllen, aber es gehe nicht an. Die Kinderchen sind noch so

klein, und der Jons hat sie alle dreie so lieb, wenn er es auch nicht

recht ausdrücken kann. Aber vielleicht wird es später einmal anders

werden, so daß sie sich dann wegen des Unrechts nicht mehr so zu schämen

braucht. Es könnte ja sein, daß Jons einmal zu trinken anfängt und sie

schlägt oder so. Dann würd' sie sich kein Gewissen draus machen.

Der Nachbar steht auf, tastet nach seiner Mütze und sagt im Gehen: »Ich

werd' also warten.«

Litauische Geschichten · 第 27 / 69 题