Aber durch die himmelblaue Tür darf er bei Jesu Leibe nicht eintreten,
denn drin sieht es fürchterlich aus. Nichts ist getan, rein gar nichts.
Nicht einmal die Ritzen, die zwischen den Schwarten klaffen, und die
Astaugen darin sind richtig verschmiert, und überall hängen die Fasern
der Moorschicht.
Doch lange darf die Schande nicht dauern.
Vor allem der Fußboden! Viele wohnen ja auf dem nackten Moor, und das
soll sogar trocken halten und im Winter gar nicht so kalt sein. Aber da
kennt ihr die Erdme schlecht! Neuer Lehm wird im Finstern geholt und ein
Estrich gewalzt, auf dem man tanzen könnte zu Fastnacht. Dann werden die
Wände verklebt, und dann kommt das feinste: der Bildschmuck. Überall in
den Heydekrüger Läden sind wunderschöne, bunte Bilder ausgehängt. Die
preisen Zichorienpulver und Chinawein und Malzextrakt und
Hühneraugenringe in der Uhr und tausend andere nützliche Sachen. Und
immer kommen neue Plakate. Die alten aber, die auf dem Speicher
herumliegen, die bettelt man sich zusammen. Und die jungen Gehilfen
lachen und holen sie gern. Außerdem war doch -- Erdme besinnt sich genau
-- in der Rumpelkammer der Frau Schlopsnies ein Haufen alter Blätter
aufgestapelt mit Ansichten aus allen fünf Erdteilen. Der Niagarafall und
die Pariser Weltausstellung und die Spitze des Monte Rosa und so noch
manches andere.
»_Liebe_ Frau Schlopsnies, _gute_ Frau Schlopsnies, ich hab' mich so
sehr nach Ihnen gebangt! Und wenn ich ein Mädchen kriege, möcht' ich's
fürs Leben gern nach Ihnen benennen.«
Und dabei weiß sie gar nicht, wie die Frau Schlopsnies mit Vornamen
eigentlich heißt. Aber die Blätter bekommt sie geschenkt, sogar die
Kupferstiche aus einer Modenzeitung sind dabei, die Frau Schlopsnies
sich einst gesammelt hat, als sie noch keine alte Schachtel war und als
Kellnerin hochkommen wollte.
Die sind noch so gut wie neu. Und wenn die Erdme wirklich einmal Töchter
kriegt, dann müssen sie genau so angezogen gehen wie alle diese schönen
Damen, die einem das Herz vor Neid im Leibe umdrehen.
Und nun wird die Stube geschmückt! Bild neben Bild geklebt, und die
buntesten kriegen die vornehmsten Plätze. Schließlich sind ihrer so
viele, daß man den Niagarafall wegschmeißen muß, und die Spitze des
Monte Rosa schon deshalb, weil es da oben so kalt ist.
So schön wie bei den Baltruschats ist es wohl nirgends. Der Taruttis hat
ja auch Bilder geklebt, aber die sind bloß griesgrau und stammen aus
Kindergeschichten und heiligen Büchern. Und bei Witkuhn hängt nur das
Kaiserpaar mit dem Bismarck darunter, genau wie im Zimmer des Moorvogts.
Dem Witkuhn hat sie noch nichts gezeigt. Die Tage werden kürzer, und
darum getraut sie sich nicht, ihn zum Helfen zu holen. Aber wie die
Zimmerdecke gedichtet werden muß, da braucht sie ihn doch. Denn wenn der
Jons heimkommt, dann ist es schon immer fast dunkel.
Erst will er gar nicht hereinkommen -- gewiß hat er wieder mal Angst --,
aber als er die Farbenpracht sieht, da geht doch ein Lächeln -- ein
Lächeln der Freude natürlich, daß es so schön ist -- über sein stilles
Gesicht.
Und der Erdme wird das Herz voll von Dankbarkeit.
»Ohne dich, Nachbar,« sagt sie, »hätten wir's nie so weit gebracht.« Und
sie legt ihm die Hände auf beide Schultern.
Da plötzlich klappt er vor ihr zusammen wie ein Taschenmesser, sinkt auf
den Bock, wo der Kleistertopf steht, schlägt die Hände vors Gesicht und
weint.
»Was ist? Was ist?« fragt sie erschrocken.
Und weil sie ihn trösten will, beugt sie sich zu ihm nieder und
streichelt ihn.
Und -- was tut er? Er umschlingt ihre Hüften und küßt ihr den Rock und
küßt ihr die wehrenden Hände und will sie gar zu sich niederziehen.
»Nicht doch, Nachbar,« sagt sie mit einem Blick auf den Kleistertopf,
»so was mußt du nicht tun.«
Und er sagt, sie solle sich seiner erbarmen, sonst muß er ins Torfloch.
»Schade, Nachbar,« sagt sie und lacht, wie sie immer gelacht hat, wenn
sie einer hat haben wollen, »schade, daß du nicht früher gekommen bist.
Als Mädchen nahm ich's nicht so genau. Da hat mich bald der geliebt und
bald jener. Aber jetzt, wo wir uns so quälen müssen, der Jons und ich,
da würde ich mich vor ihm schämen, wenn er des Abends nach Haus kommt.
Außerdem, wenn du's wissen willst, in anderen Umständen bin ich wohl
auch.«
Da steht er langsam auf, greift nach der Wand, sich festzuhalten, und
geht hinaus wie betrunken.
Dem Jons sagt sie auch hiervon nichts, denn innerlich hat sie den
Nachbar gern. Und um so gerner, seit sie weiß, daß er so an ihr hängt.
Und weil ihr ist, als habe sie was an ihm gutzumachen, so hält sie es
mit der Frau und hilft ihr, wo sie nur irgend kann. Ihr eigenes Tagwerk
kommt zwar dabei oftmals in Rückstand, aber über das Schwerste ist sie
ja weg. Und die Frau kann kaum noch den Eimer tragen, wenn sie vom
Melken kommt. Zur Dienstmagd aber reicht es auch dort nicht.
Und die Frau sieht sie immer mit großen, bittenden Augen an, als will
sie was sagen. Aber sie sagt es nicht, soviel die Erdme auch nachhilft.
Was kann es nur sein, was sie will? Manchmal denkt die Erdme: »Jetzt
weiß ich's.« Aber das geht wider Natur und Religion, und darum wirft sie
es weit von sich weg.
Der Nachbar wagt sich ihr nun gar nicht mehr in die Nähe, und wenn er
vom Felde kommt und hört auf dem Hof ihre Stimme, kehrt er lieber noch
einmal um. Sie möchte ihm manchmal entgegengehen, aber das sähe ja aus,
als ermuntere sie ihn, und darum läßt sie es lieber.
Das Haus ist nun so weit, daß es bezogen werden kann, aber alles Geräte
fehlt. Nur die Bank an der Giebelwand, die in jedem litauischen Hause
steht, ist gleich beim Bauen festgemacht worden.
Und der Jons kommt immer später. Er sagt, er habe Überstunden, aber das
glaubt sie ihm nicht.
Der Winter steht vor der Tür, und noch ist die Bettstatt nicht da und
auch kein Tisch und kein Kasten.
Sie mahnt ihn tagtäglich, er solle nun zimmern, aber er schüttelt bloß
immer den Kopf.
»Mein Gott, mein Gott,« denkt sie, denn sie geht mit der Katrike -- so
wird es heißen, wenn es ein Mädchen ist -- nun schon im vierten Monat.
Ein Glück ist noch, daß die Kartoffeln gedeihen. Wie andere heimlich
nach einem vergrabenen Schatze sehen, ob er noch da ist, so geht sie
wohl dreimal am Tage zum Acker und kuckt sich erst um, ob niemand am Weg
ist, und dann kniet sie rasch nieder und scharrt an _der_ Stelle und
jener, nicht mehr, als ein Hündchen mit dem Vorderfuß klaut, -- und
siehe da! überall sagt ihr ein junges Knollchen: »Labsriets« und »da bin
ich«. -- Jetzt sind sie wie Walnüsse so groß und nach vierzehn Tagen
schon, wie Katrikes künftige Fäustchen sein werden, und so wachsen sie
immer noch weiter.
Aber der Jons tut, als gehe es ihn nicht das mindeste an. Für nichts hat
er Sinn und Verstand, und nicht einmal den Wochenlohn liefert er ab. Er
kommt und geht -- das ist alles.
Da fängt sie an zu glauben, er habe sich nicht weit vom Wege was Liebes
angekramt -- und da sitzt er nun wohl die Abende über und wird sie zum
Winter verlassen.
»Dann steck' ich das Haus in Brand,« denkt sie, »und zieh' hinüber zum
Nachbar.«
Aber eines Abends so um die Michaeliszeit -- da kommt nach
Sonnenuntergang ein Einspänner den Weg entlang -- beladen mit allerhand
Zeug -- man weiß nicht recht was. Und neben dem Fuhrmann sitzt einer --
der hat so breite Schultern wie Jons -- und sieht auch sonst aus wie
Jons -- und schließlich ist es auch Jons.
Und der Wagen hält vor dem Zufahrtssteg und tut, als will er aufs Moor
einbiegen. Aber das trägt ja noch nicht. Das Pferd hat keine Schuhe an
und würde versinken bis an den Leibgurt.
Und wie sie herzuläuft -- um Gotteswillen, was sieht sie da? Hoch auf
dem Wagen steht ein Schrank, schön grün gestrichen mit roten und gelben
Blumchen, und eine Bettstatt ebenso grün, und ein Tisch mit kreuzweisen
Füßen, und sogar -- man kann es nicht fassen, ob auch das Abendrot draus
in die Augen sticht wie mit feurigen Nadeln -- ein Spiegel ist da! --
Wahrhaftig, in goldblanker Leiste ein Spiegel!
Die Erdme denkt, sie muß in die Erde sinken, und das wäre auf dem Moor
auch gar nicht so schwierig.
»Ist das für uns?« schreit sie ihn an.
Er lacht, wie er seit Wochen nicht mehr gelacht hat, und reicht ihr den
Spiegel herunter. Sie solle ins Haus gehen, sich rasch das Haar
zurechtmachen, sie sehe ja aus wie die Hexe, die Rágana selber.
Und sie kuckt in den Spiegel -- der spiegelt zwar nicht -- aber es ist
doch ein Spiegel.
Der Schrank wird gleich in die Stube gestellt, aber die Bettstatt muß
auseinandergenommen werden, denn die Tür ist zu schmal, und der Tisch
geht erst recht nicht hindurch. Aber schließlich steht alles an seinem
Platz, und der Fuhrmann kriegt seinen Freitrunk.
Nur schade! Stockfinster ist es geworden. Selbst die Blumchen der
Schranktür sind nirgends mehr zu erkennen.
Da sagt der Jons: »Was du wohl denkst! Das Schönste ist immer noch
draußen.«
Er geht, und sie wartet gehorsam. Nie im Leben hat sie gedacht, daß man
so klein dastehen könne neben dem eigenen Mann.
Da läuft ein Lichtschein über sie her. Und was bringt er getragen? Eine
Lampe. Eine richtige Petroleumlampe mit Glasbehälter und Glocke, wie sie
im Hoffmannschen Laden im Schaufenster stehen. Selbst in der Wirtsstube
der Frau Schlopsnies hat es das niemals gegeben. Dort hatten sie alle
bloß blecherne Schilder.
Der Fuhrmann fährt ab, und der Jons steht da und läßt sich bewundern.
Wie hat das zugehen können?
Ja, wie hat das zugehen können? Die Bretter sind aus der Sägemühle, das
ist klar. Aber weiter? Als der Tischler Kuntze sich auf dem Holzplatz
seinen Bedarf aussuchte, hat Jons ihn gefragt, wie man wohl am besten zu
einer Einrichtung kommen könne. Da hat der Tischler sich erst umgesehen
und dann gesagt: »Wer mir beim Aufladen behilflich ist, so daß ich nicht
etwa zu kurz komme, dem werd' ich nach Feierabend zur Hand gehen und ihm
zeigen, wie er es macht.« Nun, der Tischler Kuntze ist _nicht_ zu kurz
gekommen. Im Gegenteil. Und zum Dank dafür hat der Jons sechs Wochen
lang in seiner Werkstatt arbeiten dürfen bis in die Nacht hinein. Dann
hat er noch zwanzig Mark zuzahlen müssen für Licht und für Ölfarbe, und
noch heute können sie 'rüberziehen und im eigenen Heim wohnen wie jeder
Besitzer.
So tüchtig ist der Jons und so gescheit. Es müßte wirklich mit unrechten
Dingen zugehen, wenn zwei solche Eheleute nicht vorwärts kämen.
Und sie kommen vorwärts.
Die Kartoffelernte bringt zwanzig Scheffel. Davon kann neben ihnen noch
ein Ferkelchen satt werden. An dem Giebelende, das fensterlos ist,
erhebt sich alsbald ein Abschlag mit Schwarten als Dach und
rohrgeflochtenen Wänden. Darin hat das Schweinchen Platz und später wohl
auch eine Ziege, deren Milch man als Wöchnerin ungern entbehrt. Im
Sommer nährt die sich selber am Wegrand, für den Winter aber muß
vorgesorgt werden.
Das Heu rupft man sich, indem man in nächtlicher Finsternis hinter den
Fudern daherläuft, die auf der Chaussee von den Wiesen kommen und Gott
sei Dank bloß in kurzem Trab fahren -- sonst würde die Erdme in ihrem
Zustand ihnen nicht folgen können. Das Verstreute sammelt man auf dem
hinterher fahrenden Handwagen, so rasch es nur geht, denn unverschämte
Diebe gibt es genug, die einem das sauer Erworbene vor der Nase
wegschnappen wollen. Manchmal findet man die Plätze hinter den Fudern
bereits von anderen Schatten besetzt; mit denen prügelt man sich herum,
oder man einigt sich besser in Güte.
So wird allmählich der Bodenraum voll. Nur für die Heizung muß Platz
bleiben. Um die zu beschaffen, hat man vom Moorvogt das Randstück eines
Torflochs gepachtet und ist auch diese Pacht schuldig geblieben -- genau
so wie jene. Denn der merkwürdige Mensch mahnt ja nicht. Warum soll man
ihm also entgegenkommen?
»Er wird schon mahnen,« lacht die kleine Ulele. »Er hat ein dickes Buch.
Darin steht alles geschrieben wie in dem Buch des ewigen Richters. Was
ehrlich erworben ist und was nicht. Es steht alles darin.«
Der Erdme zittern die Knie, sie quiekt wie eine Maus und sinkt nach
hinten zurück. Aber das hängt ja mit ihrem Zustand zusammen. Und so
entschuldigt sie's auch bei der kleinen Ulele.
8
Der Winter kommt wie alles Schlimme früher, als man sich's denkt.
Eines Morgens zu Anfang November ist das Moor gefroren wie ein Brett.
Bis dahin hat man im Kalten gelebt, aber nun geht es nicht mehr.
Der Handwagen des frommen Taruttis, der so viel Unfrommes mit angesehen
hat, ist ihm zurückgegeben. Statt dessen dient nun die Karre, die Jons
vom Markte gebracht hat.
Das Torfloch trägt eine Eisdecke. Die wiegt sich und klingt, wenn man
auf dem Moore daherkommt. Die Torfziegel, die Erdme alle selber
gestochen hat, stehen in viereckigen Haufen geschichtet. Obwohl sie sie
mit Rohr bedeckt hat gegen den Herbstregen, trocken sind sie noch immer
nicht. Aber wenn man ihnen gut zuredet, brennen werden sie doch, und der
Qualm geht zum Schornstein hinaus.
Ja, Kuchen! Wie der Jons des Abends nach Haus kommt, findet er die Stube
so voller Rauch, daß von der Lampe gar nichts zu sehen ist. Und auf dem
Bett liegt die Erdme kraftlos und hustet.
Aber die kleine Ulele, die jetzt immer dabei ist, lacht und sagt: »An
den Rauch gewöhnt man sich wie ans Grundwasser. Oben ersticken wir,
unten versinken wir und sind ganz lustig dabei.«
Und sie hat Recht gehabt. Bald weiß man kaum mehr, ob es raucht oder
nicht, wenn man's nur warm hat. Und das ist die Hauptsache.
Denn Tage brechen herein, so naß und so kalt, daß einem das Herz im
Leibe erklammt, wenn man die Nase ins Freie steckt. Was schlimmer ist,
der suppende Nebel oder der rotklare Frost, die fegenden Schneestürme
oder der windstille Rauhreif, -- man weiß es wahrhaftig kaum; nirgends
friert man so wie hier auf dem Moor. Die Kälte auf der Spitze des Monte
Rosa muß dagegen ein Kinderspiel sein.
Ein Glück ist, daß, noch ehe der erste Schnee kam, der Zufahrtssteg
angelegt und mit kleinen Birken und Quitschen bepflanzt ist, sonst würde
der Jons, wenn er in der Finsternis heimkehrt, nicht wissen, wo er
abbiegen muß, so verstiemt ist alles in Weite und Breite. -- Selbst das
Fensterchen steckt manchmal tief unterm Schnee und muß am Morgen
ausgeschaufelt werden, damit man weiß, daß es Tag ist.
Die Erdme geht nicht viel mehr ins Freie. Nur das Ferkelchen muß sie
versehen, das prächtig gedeiht. Wenn man das schlachten dürfte, könnte
man pökeln für Jahre. Aber so üppig leben wir nicht. Wir sind froh, wenn
wir ab und zu einen Hering haben. Das Schwein wird, wenn es fett ist, an
den Schlachter verkauft, und was dafür einkommt, bildet das Grundkapital
für die künftige Kuh. Aber das sind noch Zukunftsträume. Fürs erste
wollen wir mit der Ziege zufrieden sein.
Im Januar rückt sie an. Sie heißt Gertrud, frißt mit aus dem
Schweinetrog und stößt, wenn man sie melken will.
Aber schließlich gewöhnt sie sich und gibt ihre Milch so großmütig her,
wie nur eine kann, deren Haltung nichts kostet. --
Am schlimmsten in dieser schlimmen Zeit ist das Gefangensein. Man kuckt
nach rechts -- man kuckt nach links -- alles ist weiß, alles ist weit,
und nicht ein Fuhrwerk fährt auf dem Wege, um zu zeigen, daß es noch
Dinge gibt auf der Welt, die anders aussehen als weiß. Die Häuser der
Nachbarn stehen ja da, aber sie sind fast ganz in Schneefluchten
versunken, und nur wo der Rauch sich niederschlägt, gibt's auf dem Dach
einen graulichen Flecken.
Man kann sich kaum vorstellen, daß dort überall Menschen wohnen, denn
niemals sieht man einen, und man geht auch nicht gerne hinüber.
Wäre die kleine Ulele nicht, man wüßte tagsüber kaum mehr, wie eine
fremde Menschenstimme sich anhört.
Aber die kleine Ulele hat viel zu tun. Sie geht auf Freiersfüßen. Wenn
sie zum Frühling eingesegnet wird, muß der Vater schon seine Frau haben.
Denn dann will sie in die große Welt, ihr Glück machen. Sie weiß eine,
die hat dreihundert Taler, und eine andere, die hat noch mehr. Aber an
der hängen zwei Kinder, deren Vater sie manchmal besucht. Und die Ulele
meint mit Recht, das werde Streitigkeiten geben, wenn sie selbst als
Vermittlerin nicht mehr im Lande ist. Sie wird also wohl die erste
wählen, aber der muß noch viel zugeredet werden, denn sie fürchtet, der
Weg der Vorgängerinnen werde alsbald auch der ihrige sein.
So hat man seine Sorgen, auch wenn man noch Kind ist.
Von dem Nachbar Witkuhn hat Erdme seit Monaten nichts mehr gesehen, und
die Hilfeleistung bei seiner Frau muß die kleine Ulele für sie mit
übernehmen.
Es bleibt also nur der fromme Taruttis, an den man sich halten kann. An
jedem Sonntagabend gibt's eine Versammlung bei ihm. Zu der kommen die
Gebetsleute weit und breit, und manchmal sind Stube und Vorflur so voll,
daß die Haustür offen stehen muß, und dann zieht der eisige Wind wie mit
Peitschenhieben über die Köpfe.
Aber schön ist es trotzdem. Andächtige Lieder werden gesungen,
Sündenbekenntnisse abgegeben, und meistens kriegt der heilige Geist
einen oder den anderen zu packen, so daß er aufsteht und mit Zungen
redet, während die anderen horchen und weinen. Das ist dann ein rechtes
Sonntagsvergnügen.
Zu der Gemeinde gehören Jons und Erdme noch nicht, denn das Abtun des
Irdischen ist wenig nach ihrem Geschmack. Aber sie werden als Gäste
geduldet, zumal der Tag der Erleuchtung auch ihnen nicht ausbleiben
kann.
Zweimal hat es Tauzeit gegeben und Regen und Weststurm. Dann hat der
Schnee sich gelöst, und die Welt ist zu Torfschmutz geworden. Dann
riecht es nach Rauch und nach Pferdeurin, und doch sind gar wenige
Pferde ringsum. Nur der Wohlhabende kann sich eins halten.
Aber Jons und Erdme wissen, daß, wenn die Zeit erfüllt ist, ihnen ihr
Pferdchen nicht fehlen wird. Jahre und Jahre kann es dauern, aber kommen
wird es gewiß, genau wie das Fettschwein gekommen ist, um das der
Schlachter schon lange herumstreicht.
Aber vorerst wird was Anderes kommen -- etwas, das einst in Samt und
Seide gehen wird und wofür der Sohn eines Gendarmen schon längst nicht
mehr gut genug ist. Ein großer Besitzer muß es sein, wie die reichen
Herren der Niederung, die hundert Kühe halten und deren Käsereien mit
Dampf betrieben werden. Billiger macht die Erdme es nicht, wenn selbst
der Jons mit sich handeln läßt.
Um Mitte März kann das Kleine schon da sein. Und der März steht vor der
Tür. Die Sonne bohrt Pockennarben tief in den Schnee, und wenn mittags
die Eiszapfen tropfen, klingt es wie Frühlingsmusik.
Eines Tages kommt die Frau des Witkuhn. Mühselig schleppt sie sich ins
Haus. Die Erdme ist noch ein Wiesel dagegen.
»Nachbarin,« sagt sie. »Ich weiß, deine Stunde wird bald kommen. Ich
hab' eine Bitte an dich.«
»Was für eine Bitte?« fragt die Erdme.
»Sieh mich an,« sagt sie darauf. »So quiem' ich nun schon an die zehn
Jahr. Und die Wirtschaft kann nicht gedeihen. Hätte der liebe Gott ein
Einsehen, so würd' er mich zu sich nehmen, damit der Witkuhn sich nach
etwas Besserem umsehen kann. Aber so werd' ich ihm zur Last liegen, wer
weiß wie lange.«
Sie weint, und die Erdme sagt zu ihr, was man so sagen kann.
»Darum sollst du mir das Versprechen geben,« fährt sie fort, »daß du es
bei der Hebamme nicht bewenden läßt, sondern dir auch den Doktor
bestellst aus Heydekrug oder aus Ruß.«
»Um Gotteswillen!« schreit die Erdme ganz erschrocken. »Das kostet zehn
Mark!«
»Das haben wir auch schon überlegt,« meint die Nachbarin, »und der
Witkuhn hat gesagt, wenn ihr es noch knapp habt, die zehn Mark gibt er
mit Freuden.«
Die Erdme wird heißrot, denn sie denkt an das, was im Frühherbst
passiert ist. Und sie sagt: »Dank deinem Mann, Nachbarin, aber soviel
haben wir selber. Nur sollt' es für die Kuh gespart bleiben.«
»Die Kuh kann krepieren,« sagt die Witkuhn, »und dann spart man sich
eine neue. Aber wenn man selbst zuschanden ist, dann spart man sich
keine mehr.«
_Die_ Wahrheit leuchtet der Erdme ein, und sie gibt das Versprechen. Sie
kann es ruhig tun, auch für den Jons. Nur wie es mit dem Fuhrwerk werden
wird, weiß sie noch nicht. Denn wenn der Doktor sich selbst eins
bestellt, so kostet es weitere zehn Mark. Aber Witkuhn hat auch dafür
schon Rat geschafft. Er hat mit einem der besseren Besitzer gesprochen,
und der wird sein Pferdchen gerne hergeben, wenn es erst so weit ist.
Und jetzt ist es so weit. Die Erdme liegt und schreit wie ein Tier. Seit
Stunden folgt eine Wehenwelle der anderen und will ihr das Gedärm aus
dem Leibe reißen.
Da tritt ein deutscher Mann an ihr Bett, anzusehen wie ein rotbärtiger
Riese -- Perkuhn, der Donnergott, muß so ausgesehen haben --, und blickt
aus großen, rollenden Gottesaugen auf sie herab und sagt mit einer
Stimme, bullrig und gut wie abziehendes Ungewitter: »Na--a? Kommt es
denn immer noch nicht?«
Nein, es kommt immer noch nicht. Und kommt auch die ganze Nacht hindurch
nicht. Wenn eine Wehe heranjagt, dann kriegt sie seine Knie zu fassen
und kneift sich darin fest, daß er lachend schreit: »Wirst du wohl
loslassen!« Aber sie kneift nur noch fester.
Zuerst, wie er gestanden hat, ist er weit höher gewesen als die Decke
des Zimmers; nur ganz gebückt hat sein Kopf darunter Platz gehabt, und
auch jetzt, wie er neben dem Bett auf der Hocke sitzt, erscheint er noch
immer so groß wie etwa ein Pferd. Aber dann ist es ihr, als wird er
langsam kleiner und kleiner. Mit jeder Nachtstunde wird er kleiner. --
Wie es gegen den Morgen geht, denkt sie mit einmal: »Für zehn Mark wird
er das gar nicht machen.« Und sie fängt vor Angst und Ungeduld zu weinen
an, weil es so teuer wird.
Er wiederum denkt, daß es die ausgestandenen Schmerzen sind, die ihr die
Tränen zum Fließen bringen. Und wie er ihr tröstend die Hand beklopft,
da ist er schon ganz klein.
Und mit einem Male kriegt er das Übergewicht und kippt mit seinem
mächtigen Schmerbauch nach hinten zurück, so daß die Beine hoch in der
Luft herumrudern.
Da weiß sie, was es ist. Die Lehmschicht und der Moorboden haben dem
mächtigen Körper nicht standhalten können, und die vier Beine der Hocke
sind unter ihm in die Tiefe gesunken.
Und da befällt sie ein Lachen. Sie lacht und lacht, und aus dem Lachen
heraus kreischt sie hell auf, denn ihr Leib wird plötzlich in Stücke
geschnitten, und -- wupp! -- ist die Katrike da!
Nachher, wie er gehen will, dreht der Jons demütig die Mütze in der Hand
und fragt ihn, was es wohl kostet.
Da sieht er sich in der Stube um, besieht den grünbunten Schrank und den
goldrahmigen Spiegel und sagt: »Nun, nun, ihr scheint ja ganz
wohlhabende Leute zu sein. Gebt mir also« -- der Erdme steht das Herz
still vor Angst -- »gebt mir also -- drei Mark.«
Und die Erdme denkt jubelnd: »Wenn das so billig ist, krieg' ich
nächsten Frühling ein zweites.«
9
Man müßte lügen, wollte man sagen, daß das nun folgende Jahr für den
Jons und die Erdme kein gesegnetes gewesen sei.
Das Schwein wird gut verkauft, und die Kuh zieht ein. -- Sie ist die
klügste, die schönstgefärbte, die milchreichste Kuh, die es auf Erden je
gegeben hat. Die Milch muß morgens und abends zur Sammelstelle getragen
werden und bringt manchen nützlichen Groschen. Das Schlimme ist nur, daß
es an Futter fehlt, denn auf dem kalklosen Moor kommen die Wiesen erst,
wenn es Jahre und Jahre bebaut ist, und seine Bewohner helfen sich
dadurch, daß sie im Umkreis -- bis über den großen Strom hin -- jedes
Rasenstück pachten, das irgend zu pachten ist.
So geht auch Jons auf die Suche, findet aber nichts, was nahe genug
gelegen wäre, daß man das Heu auf der Karre heimschaffen könnte.
In all den Sorgen muß also wohl oder übel der Moorvogt heran, der ja am
besten Bescheid weiß.
Sie tun also so, als hätten sie _kein_ schlechtes Gewissen, stecken für
alle Fälle die schuldig gebliebene Pacht in die Tasche und gehen zu ihm.
Er sieht sie lange und nachdenklich an, schlägt dann ein großes Buch auf
-- das Buch gewiß, in dem all ihre Sünden stehen -- und sieht sie darauf
wieder an.
Erdme gibt dem Jons einen heimlichen Stoß, und er denkt: »In Gottes
Namen.« Damit zieht er die Pachtschuld aus der Tasche und legt sie auf
den Tisch. »Schad' um das schöne Geld,« denkt die Erdme. Aber wenn man
so angesehen wird, was kann man da machen?
»Es war Zeit,« sagt der Moorvogt -- weiter nichts -- und schreibt ein
Zeichen in das Buch.
Der Jons ist ganz geschwollen von dem plötzlichen Bewußtsein seiner
Rechtlichkeit und sagt mit Würde: »Die Pacht fürs zweite Jahr wird auch
bald da sein.«
»_Das_ wär' nun nicht nötig gewesen,« denkt die Erdme, aber weil es doch
mal heraus ist, will sie sich auch nicht lumpen lassen und setzt hinzu:
»Es fällt uns ja schwer, aber unsere Verpflichtungen erfüllen wir
pünktlich.«
Der Moorvogt kneift die Lippen ein, als will er ein Prusten verstecken,
und der Erdme wird sehr verdrießlich zumut. Man weiß mit dem Manne nie,
wie man dran ist.
Er breitet eine große Plankarte aus und fragt dann: »Wieviel
Kartoffelland nehmt ihr dieses Jahr in Arbeit?«
»Wenn's Glück gut ist,« sagt die Erdme, »wird die Hälfte von dem
Gepachteten fertig.«
Er wiegt langsam den Kopf, sieht sie wieder eine Weile an und sagt dann:
»Für ordentliche Leute hab' ich immer noch ein Stückchen Wiese bereit,
das nicht zu weit liegt.«
»O Gott, o Gott,« denkt die Erdme. »Wie erträgt der Mensch so viel
Glück? Erst die Wiese und dann auch noch gelobt werden.«
»Außerdem,« fährt der Moorvogt fort, »ist der Fiskus bereit, Ansiedlern,
die sich bewähren, zur Verbesserung des Bodens mit einigem Kalkmergel
unter die Arme zu greifen. Das gibt dann die doppelte Ernte.«
Das wird der Erdme zu viel. Sie kriegt das Heulen, rennt hinaus und
rennt schnurstracks nach Hause. Der Jons kann sehen, wo er bleibt. Dann
wirft sie sich über die Wiege der kleinen Katrike und erzählt ihr die
ganze Geschichte. Und daß das Fräulein Tochter nun ganz sicher einmal in
Samt und Seide gehen wird, erzählt sie ihr auch.
Wie der Jons nachkommt, der inzwischen alles festgemacht hat, fällt ihr
ein, daß der Moorvogt, wenn er sie so sehr belobt, von ihren nächtlichen
Fahrten unmöglich was wissen kann. Die kleine Ulele hat sie gewiß
umsonst in Angst gejagt. Und ihr gutes Gewissen kennt keine Grenzen.
Unschuld liebt Blumen. Der Garten muß angelegt werden, sonst wird's für
den Sommer zu spät. Zu Staketen ist das Geld noch nicht da, Weidenruten
tun's auch. Wenn die bloß nicht immer von neuem losgrünen wollten. Tag
für Tag muß man die jungen Triebe abschneiden, sogar die Brandmauer
zwischen Kochherd und Ofen schlägt noch einmal aus, weil die Ruten, die
ihr den Halt geben sollen, sich in dem Glauben befinden, sie seien zu
neuem Wachstum in den fetten Lehm hineingepackt.
So will alles leben und gedeihen, selbst wenn es längst tot ist. Und der
Jons und die Erdme sollten _nicht_ gedeihen, in denen doch Leben steckt
für zehne?
Sonnenblumen, Krauseminze, Schnittlauch und Fenchel werden gesät, vor
allem aber die Raute, die Mädchenblume, die Brautblume. Denn wenn die
Katrike heiratet, muß sie sich ihren Kranz aus dem eigenen Garten
winden. Das schickt sich für eine Besitzerstochter nicht anders. -- --
Um dieselbe Zeit macht der Vater Uleles zum dritten Mal Hochzeit. Die
Kleine hat viel Plage gehabt, und erst die Überzeugung, die sie der
künftigen Stiefmutter beibrachte, daß sie selbst einmal etwas sehr
Reiches werden wird, hat, als sie noch zögerte, den Ausschlag gegeben.
Sie ist eine hübsche Person zu Ende der Zwanzig mit einem gutherzigen
und gekränkten Gesicht. Und wie sie dasitzt in ihrem schwarzen deutschen
Kleide und einer Jettbrosche unter dem Halse, sieht sie aus, als ob sie
gekommen wäre, ihr eigenes Begräbnis zu feiern. Aber die kleine Ulele
weicht ihr nicht von der Seite und erzählt ihr immer aufs neue, wie
herrlich hier alles bestellt ist und was für vornehme Gäste die Stube
erfüllen und daß es für ihre dreihundert Taler eine bessere Verwertung
nicht gebe.
Der große Smailus dagegen streicht seinen rundbogigen Schnurrbart, sieht
kühn in die Weite und berichtet jedem, der es längst weiß, dies sei nun
schon seine Dritte. Und hernach, wie er betrunken ist, setzt er hinzu,
wenn daraus eine Vierte und Fünfte würde, ihm wäre es ganz recht. Aber
da hat ihn die Ulele bald beiseite geschafft.
Abends spät, wie viele der Gäste schon weg sind und die verlassene junge
Frau aus dem Brautwinkel mit großen Augen zur Tür sieht, als möchte sie
rasch wieder anspannen lassen, da nimmt die kleine Ulele die Erdme
beiseite und sagt: »Ich wollte eigentlich jetzt gleich nach der Stadt,
um das Nähen und die Putzmacherei zu erlernen, denn das muß immer das
erste sein, weil man zugleich die Abendschule besuchen kann. Aber ich
seh' ein, ich kann die Stiefmutter, bis sie ein Kindchen hat, nicht ganz
allein lassen. Darum will ich fürs erste in Heydekrug bleiben. Von dort
wutsch' ich des Abends manchmal herüber und red' ihr gut zu. Dich,
Erdme, aber bitt' ich, daß du oft um sie bist. Der Vater meint es nicht
schlecht, aber sein Wesen könnt' sie verschrecken.«
Und die Erdme verspricht es und denkt: »Zusammen mit der kranken Witkuhn
sind es schon zwei. Die Katrike noch gar nicht gerechnet.«
Dann setzt sie sich auch gleich neben die junge Frau und erzählt, wie
verzagt sie einmal gewesen ist, als sie aufs Moor hat hinausziehen
sollen, und wie sie jetzt gar nicht mehr weg möchte.
Und die junge Frau meint traurig: »Aber deiner war jung und war auch
kein Witmann.«
Dagegen läßt sich nichts sagen. Darum küßt sie sie bloß und hält ihr die
Hände. Und langsam beruhigt sie sich und ißt von dem dickbezuckerten
Fladen.
Der Witkuhn ist auch da -- ohne die Frau --, aber er spricht die Erdme
nicht an. Sie muß selbst auf ihn zugehen und ihn an frühere Zeiten
erinnern.
»Es war doch so hübsch, Nachbar,« sagt sie, »darum komm nur immer
herüber. Was nicht sein soll, das hab' ich vergessen.«
Er sagt: »Du bist gut gegen die kranke Frau und darum auch gut gegen
mich. Ich bete für dich am Morgen und Abend, aber kommen -- das kann ich
nicht.«
Sie ärgert sich, daß es nicht nach ihrem Willen gehen soll, und nimmt
sich vor, ihn nächstens kirre zu kriegen.
Wie sie nach Hause gehen, der Jons und sie -- sie führt ihn natürlich,
denn hätt' er sich nüchtern gehalten, so wär's eine schlechte Hochzeit
gewesen --, da sieht sie auf dem Weg den grauen Schatten herumlaufen,
der voriges Jahr, als sie das Haus gerichtet hatten und nun gemütlich
ausruhen wollten, mit seinem Getanze dazwischen gefahren war.
Sie denkt an die Worte des frommen Taruttis und denkt auch an die
Wassersnot, vor der sie manch liebes Mal zittert, wenn sie voll Stolz
ihr wachsendes Eigen besieht. Sie weiß nicht, wie es geschieht --, sie
hätt' es auch nicht für möglich gehalten, aber sie muß das Stück Fladen
hervorziehen, das sie heimlich eingesteckt hat, und es ihm hinreichen.
Und sagt: »Da nimm, Nachbar, und wenn _du_ Hochzeit machst, gibst du mir
auch was.«
Er greift zu wie ein Verhungernder und prustet und faucht und läuft
rasch davon, als muß er den Raub in Sicherheit bringen.
Doch sie kann sich der Guttat nicht freuen. Denn sie denkt, er werde nun
ein Recht an sie haben und verlangen, daß sie mit ihm redet, wenn er des
Wegs kommt. Und es redet doch sonst niemand mit ihm. Selbst der fromme
Taruttis tut es nicht.
Doch ihre Sorge ist unnütz gewesen. Nie hat er sie anzuhalten versucht,
und manchmal ist er vor ihr sogar auf die Seite gegangen. -- -- --
Die Erdme hat mächtig zu tun. Kind und Kuh verlangen Wartung, eines so
viel wie das andere. Und ein Ferkel ist auch wieder da.
Der Frau des Witkuhn fällt das Melken sehr schwer, und die junge Frau
Smailus muß eingewöhnt werden, sonst läuft sie womöglich wieder davon.
Jetzt sieht die Erdme erst, was sie an der kleinen Ulele gehabt hat.
Aber klein ist die schon lange nicht mehr. Wenn sie zum Sonntagsbesuch
kommt, dann trägt sie ein Fräuleinskleid und einen Strohhut mit Blumen.
Sie nimmt die Stiefmutter unter den Arm und setzt sich mit ihr in das
Kieferngestrüpp, das nicht höher ist als der Vater und dessen Nadeln
büschelweis stehen wie Haare auf Warzen.
»Ach, wie ist es schön, so in einem grünen Walde zu sitzen,« sagt sie
dann, »und die gesegnete Flur zu erblicken!« Und dabei zeigt sie nach
den struppigen Kartoffeln und auf das brandige Moor, auf dem nichts
weiter wächst als Torf in kohlschwarzen Haufen.
Und alsbald hat sie die junge Frau für acht Tage wieder getröstet.
Eines Sonntags sagt sie zur Erdme: »Gott sei Dank, jetzt wird sie's
leichter haben, denn es ist zugesät bei ihr.«
Mit dem Leichterhaben irrt sie sich freilich. Oft muß die Erdme heran,
der traurigen Frau den Kopf zu halten, wenn sie sich weinend erbricht
und immer nach Hause will.
Und auch bei der Erdme ist es wieder so weit. Da heißt es, sich dreifach
zusammennehmen und sich nichts merken lassen, sonst geht die Wirtschaft
den Krebsgang.
Der Jons hat neben der Taglöhnerarbeit jetzt auch für die Wiese zu
sorgen. Die Karre nimmt er des Morgens meist mit und schiebt sie des
Abends mit Grünfutter beladen nach Hause. Dazu kommt noch die Heuaust,
das Mähen, das Wenden, das Inhaufenbringen und Wiederausstreuen, wenn
der Regen alles durchweicht hat.
Man kann es wohl verstehen, daß er maulfaul wird und kaum Antwort gibt,
wenn man ihn fragt. Wäre die kleine Katrike nicht da, gäb's wenig
Unterhaltung im Hause. Aber die lacht schon, macht Brummchen und
zappelt, solange man Zeit hat zum Spielen.
Die Kartoffeln bringen in diesem Jahr funfzig Scheffel. Davon darf man
sogar verkaufen. Milchgeld, Taglohn, Ertrag des Schweines kommen dazu.
Man kann fürs nächste Jahr an eine weitere Pachtung denken.
Der zweite Winter vergeht wie der erste. Nur daß die Erdme ein Spielzeug
hat und daß die Ulele den Kopf nicht mehr zur Tür hereinsteckt.
Im April kommt die kleine Urte zugereist. Ganz leicht und plötzlich ist
sie gekommen. Der Doktor hat gar nicht geholt werden brauchen.
Nun sind es schon zweie, und darum wird Schluß gemacht. Das Nötige hat
die Erdme als Mädchen gelernt.
Die Jahreszeit ist für die Entbindung günstig gewesen. Noch bleibt Zeit
genug für die Frühjahrsbestellung. Am neunten Tage nach der Geburt hat
die Erdme schon wieder bis an die Knie im eiskalten Schlamm gestanden.
So ein Kerl ist die Erdme.
Nicht so leicht hat es die junge Frau Smailus gehabt, aber daran ist ihr
Herzweh wohl schuld. Was wäre erst ohne die Ulele geworden! Mit einem
Male ist sie dagewesen, hat Hebammendienste getan, hat das Kind gewartet
so gut wie die Mutter und hat dabei noch in den Büchern gelesen.
Eines Tages kommt sie zur Erdme und sagt: »Nun wird es wohl gehen, daß
ich weg kann. Wenn ihr das Kleine nicht hilft, hilft ihr nichts auf der
Welt.«
Die Erdme fragt sie, wo sie eigentlich hin will.
Und sie sagt: »Zuerst nach Königsberg und dann nach Berlin. Denn diese
kleinen Nester sind nichts für mich. Nicht einmal, was ein kleidsamer
Hut ist, versteht man da. Auch muß ich des Abends die Schreibmaschine
erlernen sowie die Schnellschrift, die man Stenographie nennt. Dann muß
ich noch einmal aufs Land, das heißt auf ein Rittergut, um die
Wirtschaft zu lernen und die Verwaltung. Wenn ich das ordentlich
verstehe, gehe ich in ein großes Getreidegeschäft und mach' mich dort
unentbehrlich. Vielleicht, daß der Prinzipal mich dann heiratet, weil er
einsieht, daß ohne mich doch nichts mehr los ist. Aber im Grunde glaub'
ich es nicht. Denn die Männer sehen mich nicht an.«
»Du bist ja noch so jung,« sagt die Erdme.
»Das ist wahr,« sagt sie, »Busen hab' ich noch gar nicht. Vielleicht
werd' ich auch nie einen kriegen. Ich hab' immer gedacht, ich werd'
durch das Mannsvolk in die Höhe kommen, aber das muß ich mir wohl aus
dem Kopf schlagen. Und es wird ja auch so gehen.«
Und die Erdme lacht und sagt: »Du mit deinen fünfzehn -- was kannst du
da Großes verlangen?«
»Um mich herum liebt sich schon alles,« gibt sie zur Antwort, »bloß mich
wollen sie nicht.«
Und Erdme, die erst sehr neidisch gewesen ist, sieht auf die Wiege, in
der Kopf an Kopf die Urte und die Katrike liegen, beide mit
Lutschpfropfen im Munde, und denkt: »Euch wird es nicht so gehen, denn
ihr habt von meinem Blut in den Adern.«
Und es ist, als ob die Ulele ihren Gedanken erriete, denn sie sagt
seufzend: »Ja, wenn man so eine wäre wie du!«
»Was willst du damit sagen?« fragt die Erdme argwöhnisch. »Weißt du
etwas von mir?«
»Das gerade nicht,« sagt sie, »aber -- aber --« Und sie druckst und
druckst und kommt nicht zu Rande. Schließlich, wie sie gehen will, dreht
sie sich noch einmal um und sagt: »Eine Bestellung ist es eigentlich
nicht, das würde sie sich nicht getrauen. Aber wünschen tut sie gewiß,
daß du es erfährst.«
»Wer? Was?« fragt die Erdme ganz erstaunt.
Also: die Frau Witkuhn hat zu ihr gesprochen wie zu einer Alten. Das
Elend mit ihrem Manne reißt ihr das Herz aus dem Leibe. Wenn er nicht da
ist, sitzt sie in Angst, er könne sich ein Leid antun. Und ob es keine
Möglichkeit gebe, daß die Erdme sich seiner erbarme.
Die Erdme erschrickt. Wenn die eigene Frau sich wirklich so an der Natur
und der Religion versündigt, dann muß es wohl schlimm stehen.
»Warum hängt er sich gerade an mich?« fragt sie. »Mädchen, die ihm gern
einen Gefallen täten, laufen genug herum auf dem Moor.«
Die Ulele macht eine pfiffige Nase. »Das ist es gerade,« sagt sie.
»Ursprünglich wäre ihm wohl jede die Rechte gewesen, aber wenn eine ihm
nah kommt, schrickt er zurück. Früher, als ich noch dümmer war und nicht
wußte, warum, da hab' ich mich ihm manchmal auf den Schoß setzen wollen,
aber da hat er mich von sich gewiesen wie das höllische Feuer. Nun aber
hat er seine Sinne auf dich allein gesetzt. Ich verstehe ja nicht viel
davon, aber ich meine, wenn der Jons nichts erfährt, könntest du ihm
wohl einmal Mitleid erweisen. Wollte er mich, ich tät's, aber ich bin
ihm wohl noch zu klein.«
Die Erdme fühlt, daß sie heiß wird von Kopf bis zu Füßen. »Du verstehst
wirklich noch nichts davon,« sagt sie und schiebt die Ulele hinaus und
nimmt auch keinen Abschied von ihr.
Aber der Gedanke an den Nachbar geht ihr nicht mehr aus dem Kopf. Sitzt
der Jons ihr gegenüber, stumm und schwer, wie es seine Gewohnheit ist,
dann sieht sie ihn immerzu an und denkt: »Soll ich -- soll ich nicht?«
Und ihr Entschluß ist dann stets: »Nein, ich soll nicht.«
Aber wenn sie den Nachbar arbeiten sieht fernab auf dem Feld und sich
sein feines, stilles Gesicht vorstellt und die zitternden Backenknochen,
dann denkt sie doch wieder: »Ich soll.«
Und ihr Mitleid wird so groß, daß sie nachts von ihm träumt und bei Tage
auf dem Grabenrand sitzt und ihm nachsieht. Dabei leidet natürlich die
Arbeit.