»Ich bin ein verdienter Mann,« sagt er und fährt fort, seine Ruten zu
schälen. »Durch fünfunddreißig Jahre bin ich für den Staat tätig
gewesen, und nun prozessiere ich mit ihm, da er mir keine
Altersversorgung zahlen will. Andere mästen ihre Ferkel, ich aber muß
Ruten flechten, weil meine Leistungen nicht anerkannt werden, die ich
ganz ohne Lohn vollbracht habe ... Übrigens bin ich noch stark bei
Kräften, und wenn du mich mit zu der Gesellschaft bitten willst, so
werde ich dir die Balken heben wie ein Spielzeug.«
Schon will die Erdme Ja sagen, da besinnt sie sich auf die abweisenden
Worte des milden Taruttis, wie auch auf den eigenen Abscheu, der sie
beim Näherkommen befallen hat, und darum antwortet sie: »Ich danke dir,
Nachbar, für guten Willen, aber unsere Gesellschaft hat schon ihre volle
Zahl.«
Da kriegt ihn die Wut zu packen; er springt vom Grabenrand auf und speit
ihr seine wilde Bosheit sozusagen ins Gesicht.
»Also auch du willst mich nicht, du Giftschnauze?« schreit er. »Haben
die Ohrenbläser dir schon den Kopf mit Ekel gefüllt? ... Keiner will
mich! Keiner will das Grauen des Scheuchhauses von mir nehmen! Aber ich
werd' es euch antun! Wenn das Unglück kommen wird, die große Not, die
Wassersnot, daß eure Häuser zerfließen werden zu Brei und euer Herd
sinken wird in den Abgrund, wenn ihr eingeklemmt sitzen werdet im
Schornstein und schreien um Gnade, dann werde ich lachend anspannen
lassen die Arche Noah und vorüberfahren und lachen über das Todesquieken
eurer Schweine und das Todesgebrüll eurer Kuh -- am meisten aber werde
ich lachen über euch selber, wenn der Schornstein zusammenfällt und das
schwimmende Eis euch die Gurgel zerschneidet. So soll es sein. Amen.«
Damit nimmt er sein Bündel Weidenruten auf, zieht die zerlumpten
Beinlinge über den Hintern und geht seines Weges, aber immer noch kehrt
er sich um und schüttelt die Faust und speilt die roten Gaumen.
Der Erdme ist zumut, als wäre ein Klumpen von dem höllischen Feuer auf
sie niedergefallen. Wenn das das Ende sein soll, warum bauen sie dann
erst? Und warum haben die anderen gebaut? Doch deren Häuser stehen ja
noch weit und breit, und die Fenster karfunkeln in der Abendsonne. Es
ist also wohl der böse Feind selber gewesen, der ihr das Herz hat
abschnüren wollen.
Aber sie bleibt still und bedrückt, auch als Jons von der Arbeit kommt
und ihr mit Stolz zeigt, was er alles mitgebracht hat.
Zuerst sind da soundsoviel Pakete mit vierzölligen Drahtnägeln, denn
ohne die geht's nicht. Dann aber zur Bewirtung zwei Flaschen Kornschnaps
aus der Schmidtschen Destillation und alle die Zutaten zu einem süßen
Fladen, der heute noch gebacken werden muß.
Die Taruttene liefert das Mehl und viele erbauliche Sprüche dazu, und
als die Hähne krähen, bringt Erdme ihrem Mann das erste dampfende
Abbruchsel auf den Bauplatz hinaus, wo er die Nacht über Balken behauen
hat wie ein gelernter Zimmermann.
Aber von dem bösen alten Mann sagt sie ihm nichts.
5
Und nun ist es wieder Nacht geworden, und das Haus steht gerichtet. Die
vier Kiefernstämme sind in den Boden hineingeschlagen, so tief, daß rund
um sie das Wasser in schwarzem Gestrudel hochschoß wie ein Quell, und
sind dann durch die aufgenagelten Latten verbunden. Oben darauf haben
sich Sparren und Sparrbalken zum Dachgerüst zusammengefügt, und die
künftige Zimmerdecke ist genagelt.
Ringsum aber liegen wie Rasenbänke die viereckigen Stücke der obersten
Moorschicht, die für den Hofplatz nicht nötig ist, um so nötiger aber,
um später von außen her an die Latten geklatscht zu werden und so eine
mauerähnliche Wand zu bilden, die für den Winter Abhalt und Wärme gibt.
Darauf sitzt nun die ganze Arbeitsgesellschaft und ruht sich aus. Der
fromme Taruttis natürlich und die noch frömmere Frau, Witkuhn, der
halbdeutsche Fremdling, und der lange Smailus mit seiner kleinen Ulele,
die ihm meistens das Wort aus dem Munde nimmt. Vorhin aber hat sie wie
ein Vogel hoch auf den Sparren gesessen, und wo keiner die Schlinge
befestigen konnte zum Hochziehen, da war sie schon oben. Und niemand hat
sie viel klettern gesehen. Fixes Ding!
Müde sind sie und warten voll Freuden des kleinen Festes, das der
Besitzer ihnen zu bieten hat. Jedem liegt ein Fladenstück auf dem
Schoße, und die spiegelnde Flasche geht manchmal reihum.
Nur die Frau des Witkuhn fehlt. »Sie ist immer elend,« sagt er, »und muß
mit den Hühnern zu Bette.«
»Da werd' ich mich dir wohl bald erkenntlich zeigen können, Nachbar,«
meint die Erdme. Er antwortet nichts, aber über sein abgehärmtes Gesicht
geht rot eine Flamme wie von verbotener Freude.
Die Nacht ist hell, wie im frühen Juni ja immer, und zum Überfluß steht
der Mond ziemlich hoch.
Taruttis schlägt vor, ein geistliches Lied zu singen, damit die bösen
Geister das unfertige Bauwerk nicht umschmeißen können, und das
geschieht denn auch.
Noch sind sie mitten darin, da bemerkt Erdme, daß auf dem Wege, der wohl
hundert Schritte abseits liegt, eine Gestalt sich unruhig hin und her
bewegt.
Und sie erschrickt sehr, denn sie erkennt den bösen alten Mann von
gestern. Die Stimme zum Singen verschlägt ihr, aber sie will den
heiligen Gesang nicht stören, darum wartet sie, bis sie zu Ende sind,
dann weist sie mit der Hand auf den Schatten hin, der in dem ungewissen
Mondlicht zu tanzen scheint.
Alle wenden die Gesichter, aber keiner spricht ein Wort. Es scheint, sie
fürchten sich alle.
Selbst der Jons braucht eine ganze Weile, bis er fragt, was da los ist.
»Scht« macht die Taruttene.
Der lange Smailus grunzt etwas vom »Kipszas«, dem Satan, und seine
Tochter, die Ulele, beugt sich zu Erdme hinüber und sagt leise: »Es
müßte doch sonderbar zugehen, wenn er dich nicht gebeten hätte, heute
zur Talka zu kommen, denn die Zugezogenen wissen ja nichts von ihm.«
Da erzählt Erdme ebenso leise, was ihr gestern mit ihm begegnet ist.
»So versucht er es immer aufs neue,« sagt Taruttis, »denn der Arme kann
es nicht verschmerzen, daß man sich nichts mit ihm zu schaffen macht.«
Jons fragt: »Warum tut man es nicht?« Und Erdme meint, abscheulich genug
sehe er ja aus, aber das könne unmöglich allein die Schuld daran tragen.
Und da erfahren sie beide seine furchtbare Geschichte. Sie ist weit
furchtbarer, als Menschen sich ausdenken können.
Als ein überführter und geständiger Raubmörder hat er fast sein ganzes
Leben im Zuchthaus zugebracht. Zuerst hat er einen zu Tode geschleift,
mit dem er zusammen nächtlicherweile auf einem Wagen gefahren war, und
zwar, indem er heimlich einen Lederriemen mit dem einen Ende um die
Radfelge, mit dem anderen um dessen Arm geschlungen hatte. Dann, als er
nach mehr als zwanzig Jahren freigekommen ist, hat er dasselbe
Kunststück noch einmal probiert -- an einem Fuhrmann, den er auf
stillstehendem Wagen betrunken im Walde vorgefunden hatte. Aber diesmal
ist es ihm mißglückt, denn dabei war ihm die eigene Hand ins Rad
hineingeraten. Darum hat er auch den Dusel gehabt, trotz der
Wiederholung solch einer Untat noch einmal herauszukommen. Und nun haust
er wie ein Dachs in seiner Kate, die er sich als junger Mensch gebaut
und in der Zeit nach den Strafen mit allerhand geheimnisvollen
Vorrichtungen gegen die Überschwemmung versehen hat. Worin sie bestehen,
weiß keiner, denn niemals geht einer zu ihm hinein; von außen aber liegt
an der Wand eine schräg dagegen geschaufelte Mistschicht, die bis zum
Fenster hinauf alles verbirgt.
Die Erdme fürchtet sich nicht so leicht, und doch läuft es ihr einmal
nach dem anderen kalt über den Leib. Und während der alte Raubmörder in
seiner Sehnsucht nach Menschen dort auf dem Wege herumtanzt, erzählt sie
so leise wie die anderen, mit was für fürchterlichen Worten er ihr die
künftige Wassersnot ausgemalt hat.
Jons horcht hoch auf und tut dann dieselbe Frage, die ihr seit gestern
wie ein Mühlrad im Kopfe herumgeht: »Wenn die wirklich einmal kommen
wird, warum bauen wir uns erst hier an?«
Da nimmt der Witkuhn, der doch von weit her ist, das Wort und sagt
beinahe feierlich: »Wir bauen uns hier an, weil wir arme Leute sind und
eine Zuflucht nötig haben. Wo anders gibt man uns keine, sondern hetzt
uns herum.«
Und dann erzählt er, wie schon zweimal das Hochwasser unermeßlichen
Schaden verursacht hat und daß es für die Zukunft immer häufiger zu
befürchten ist; denn das sei eben das Schlimme: durch die Urbarmachung
sterbe das Torfmoos ab, und dann senke sich das Erdreich von Jahr zu
Jahr. So werde der Segen der Arbeit selber zu einer Gefahr, die mit
Vernichtung bedrohe, was im Schweiße seines Angesichts ein jeder sich
geschaffen hat. »Aber darum arbeiten wir doch ruhig weiter,« sagt er zum
Schluß und zieht den Rock enger, wie einer, der sich endlich geborgen
fühlt, »denn wir lieben dieses Stückchen Erde, das für die anderen zu
schlecht ist und wo uns darum keiner verfolgt. Und wir lieben auch die,
die das gleiche mit uns tun und erdulden.«
»Und wir lieben auch den lieben Gott,« sagt der fromme Taruttis, »der
Gutes und Böses über uns verhängt und nach dessen Ratschluß der Mensch
sogar ein Mörder wird.«
Alle sehen erschrocken nach dem Wege hin, denn er hat lauter gesprochen
als die anderen, aber da ist das graue Gespenst schon fort.
6
Wie macht man einen Herd? Wie baut man einen Ofen? Der Boden trägt ja
nichts. Willst du ihm was Schweres anvertrauen, so gibt er nach und
schluckt es langsam unter.
Aber der Witkuhn weiß Rat. Er kennt alle Nücken und Tücken des Moores.
Und er ist immer da, wenn man ihn brauchen kann. Aber nicht etwa von
selber kommt er. Wie ein furchtsamer Hund schleicht er sich um die
Baustatt herum und wartet, daß man ihn herruft. Und ruft man ihn nicht,
so geht er von dannen.
Wenn er auch ganz verdeutscht ist, wie einer von den Deutschen benimmt
er sich nicht, die immer eine große Schnauze haben und die Litauer als
Vieh ansehen. Und er verkehrt auch nicht mit ihnen, soviel ihrer auch
auf der Kolonie herumwohnen, denn die nimmt jeden auf, dem eine Heimat
fehlt.
Seine Frau ist wirklich ein Kummergewächs. Schleppt sich 'rum und tut
ihre Arbeit mit Wehklag'. Wenn die flinke Ulele nicht hülfe, wäre das
nötigste oft nicht getan.
Und nun ist ja auch die Erdme da. Die knapst sich manche Viertelstunde
ab, um für sie Hausarbeit zu tun, während der Mann draußen auf dem Felde
ist.
»Wenn mein Kindchen noch lebte,« sagt sie, »dann könnte es mir schon in
manchem behilflich sein.«
Aber das war ja schon in der Geburt gestorben und hatte dabei der Mutter
den Leib zerrissen, so daß er nie mehr ganz heil ward.
Und nun kann sie ihrem Mann keine Frau mehr sein und ihrem Haus keine
Wirtin.
Und dann ist noch das Unglück da, von dem _sie_ nicht spricht und _er_
nicht spricht und das man doch gleichsam riecht, wenn man dem Hof nur in
die Nähe kommt.
»Ja also,« sagt der Witkuhn eines Tages, »den Herd baut man so: Man
kauft sich« -- er sagt »kauft«, »holen« sagt er nicht -- »man kauft sich
den Wurzelstubben von einer Tanne. Eine Kiefer darf es nicht sein, denn
deren Wurzel ist geformt wie ein spitzer Pfahl und sinkt unter, als wäre
er nicht gewesen. Eine Tanne muß es sein -- deren Wurzel hat Querläufer
nach allen Seiten -- die legen sich wie Riegel vor, wenn der Stubben
einsinken will. So trägt er vielleicht den Herd, und ein anderer trägt
auch den Ofen.«
Der Jons streift also nachts durch die Wälder und sucht die Stellen, wo
Tannen gerodet werden. Solche Stellen sind selten, denn die Tanne ist
ein kostbarer Baum, nicht so gemein wie die Kiefer.
Er sucht, und er findet. Und wieder leiht der Taruttis den Handwagen,
und beide ziehen aus bis nach dem Norkaiter Forst, wohl zwei Meilen
weit. Der preußische Staat ist reich. Ob der einen Stubben mehr oder
weniger hat, was macht ihm das? Und auch den zweiten kann er noch
leidlich entbehren.
Aber noch mehrere müssen daran glauben, denn die Schlammschicht ist
tief. Einer muß über den anderen gelegt werden, und dann erst hält der
Grund so fest, daß man mit Ziegeln und Lehm darauf arbeiten kann.
Aber die Ziegel kann man leider nicht »holen«, denn der Herr
Ökonomierat, dem der große Ringofen gehört, hält sich einen Wächter und
hält sich auch Hunde. Ja, der kennt seine Leute.
Vielleicht versucht man es also mit Betteln. Denn weit und breit weiß
jeder, welch ein guter und wohlmeinender Herr der Herr Ökonomierat ist.
Mit Zittern und Zagen stehen sie vor ihm in dem großen Saal, der mit
Bücherregalen gefüllt ist von einem Ende bis zum anderen. Man kann sich
nicht vorstellen, daß es so viele Bücher gibt auf der Welt. Aber es ist
kein »Bagoszius« -- kein Geldprotz --, der zu ihnen spricht, sondern er
ist freundlich und leutselig und wischt sich mit der Zunge über die
Zähne und schmunzelt sie an. Aber seinen Augen ist nicht zu trauen. Die
sehen einen durch und durch.
»Schenken werd' ich euch die Ziegel nicht,« sagt er, als sie ihre Bitte
vorgebracht haben, »denn wer sich Häuser baut, der ist kein Pracher.
Aber verkaufen werd' ich sie euch.«
Sie machen lange Gesichter. Dazu hätten sie ja einfach aufs Kontor gehen
können.
»Und ich werde euch auch gleich den Kaufpreis sagen.«
Der Jons hält sein Beutelchen fest und denkt: Vielleicht probiert man es
doch mit dem »Holen«.
Sie verstehen seine Frage erst nicht, obwohl er litauisch spricht,
beinahe so gut wie sie selber. Zweimal muß er sie wiederholen. Da erst
lachen sie hell auf.
_Ob_ sie singen können!
»Könnt ihr auch Märchen erzählen?«
Fünfhundert können sie erzählen. Tag und Nacht und noch einmal Tag und
Nacht lang können sie erzählen.
»So viel will ich gar nicht wissen,« sagt er. »Singt mir zehn Lieder und
erzählt mir zehn Märchen. Vielleicht daß ich was Fremdes darunter finde.
Und dann könnt ihr euch Ziegel auf die Karre laden, soviel ihr braucht.«
Er gießt ihnen auch noch einen Schnaps ein, damit sie den nötigen Mut
bekommen, und dann geht's los.
Die ersten drei kennt er, die dürfen sie gleich wieder abbrechen. Aber
das vierte ist ihm neu, das schreibt er sich auf. Und von den Märchen,
die die Erdme erzählt, schreibt er sich sogar zweie auf.
Dann gibt er ihnen einen Zettel für seinen Ziegelmeister, und damit
haben sie sich Feuerstatt und Ofen ehrlich erworben. Der zugehörige Lehm
muß ja freilich doch noch gemaust werden, aber den liefert zur Nachtzeit
die Grube des Ökonomierats ohne viel Fragen, und das Strauchwerk, das
als Halt in die Brandmauer gepackt werden muß, kann man sich ringsum von
den Weidenbüschen schneiden.
So steigt die Mauer bald bis zur Decke.
Auf der einen Seite lehnt sich die Feuerstelle daran, auf der anderen
der Ofen. Sehr schön sieht er nicht aus. Einer aus glasierten Kacheln
würde sich sicher weit besser machen, und gerade steht er ja auch nicht,
aber wärmen wird er vielleicht, wenn erst die Torfstücke drin prasseln.
Nun aber der Schornstein! Denn sonst erstickt man im Rauch.
Das Loch in der Zimmerdecke ist längst schon geschnitten. Wenn man nur
weiter wüßte!
»Bei Schmidt auf dem Hofe,« sagt der Witkuhn, »liegt ein Haufen von
rostigen Kannen. In denen ist früher Petroleum gewesen. Da kostet jede
zehn Pfennig. Davon kauft euch ein Dutzend.«
Sie kaufen sich zehn und schmuggeln zwei noch mit durch.
Aber nun weiter!
Und der Witkuhn zeigt ihnen, wie man aus Latten eine vierseitige Röhre
macht und sie mit dem Blech so dicht beschlägt, daß der Rauch durch die
Ritzen nicht durchkann. Diese Röhre wird durch das Deckenloch geschoben
und so hoch geführt, daß sie die Sparren noch überragt. Dann wird unten
von Latten ein Mantel schräg darangenagelt, -- und siehe da! der
Schornstein ist fertig.
Das Anheizen will ausprobiert werden. Ach, wie qualmt das -- und stinken
tut es nicht weniger -- vor allem nach Leim und Petroleum, aber das wird
sich schon legen.
Und als der Rauch sich einige Zeit besonnen hat, findet er schließlich
den richtigen Weg und entfernt sich gefälligst dorthin, wo es
schnurgerade in den Himmel geht. Wenn er es im Winter ebenso macht, ist
die Stubenwärme gesichert.
Vorausgesetzt natürlich, daß Hauswand und Dach das ihrige tun. Die
Hauswand -- das ist nun gar ein schwieriges Stück, und wäre der kluge
Witkuhn nicht zur Stelle, man brächte sie niemals fertig.
Aber wie können kluge Leute so ängstlich sein? Er wartet ja bloß darauf,
daß die Erdme ihn ruft. Aber bitten läßt er sich doch.
Die viereckigen Moorfladen, die man an die Bretterwand preßt, halten
wohl fest, solange sie feucht sind; trocknen sie aber, so fallen sie ab,
wie Sandbrocken fallen.
Da baut der Witkuhn aus dem Abfall der schlechtesten Latten noch eine
zweite Wand -- fünf bis sechs Zoll von der ersten entfernt. Die ist ganz
luftig, nicht dichter als etwa ein Zaun. In dem Raum zwischen den beiden
sackt sich die Moorschicht und kriegt Halt und lernt auf sich selber
beruhen.
Nach ein paar Wochen kann man die Latten wieder entfernen. Nur zur
besseren Sicherung läßt man ein paar zwischen Dachwand und Erde
geklemmt, denn es werden die Winterstürme kommen, und der Sturzregen
wird wühlen und der Rauhfrost klaffende Spalten hindurchziehen.
So warnt der kluge Witkuhn, der alles weiß und alles kennt, und sieht an
Erdme vorbei, und das Kinn zittert ihm so, daß die Zähne oft klirren.
Wenn sie mit ihm allein ist -- und das geschieht fast alltäglich --,
dann hat sie stets ein Gefühl aus Mitleid und Neugier gemischt, zu dem
noch was Anderes hinzukommt, das ihr das Herz beklemmt. Es ist, als
hätte sie Angst vor _seiner_ Angst, denn Angst hat er immer, das ist
ganz klar. Wenn man nur wüßte, wovor. --
Aber dem Jons sagt sie nichts. Sie will sich den guten Nachbar erhalten.
Nach der Hauswand das Dach!
»Jons, bring Rohr!« Es können auch Binsen sein -- oder beides zusammen.
-- An Rohr und Binsen ist die Gegend wahrhaftig nicht arm, wenn auch das
Moor selbst sie nicht liebt -- oder sie nicht das Moor, was auf dasselbe
herauskommt. Ein Strom wächst ringsum aus dem anderen, und alle sind sie
mit Röhricht umstanden.
Dem Taruttis sein kleiner Handwagen hat leichte Last, wenn er
hochgetürmt vom Rußufer daherkommt, und der Gendarm fragt nicht viel,
denn daß man sich dergleichen nimmt, wo man es findet, versteht sich von
selber.
In der Julihitze trocknet das Rohr auch leicht, so daß man bald ans
Dachdecken gehen kann. Der Taruttis borgt seine Leiter, die Querstangen
werden genagelt, und nun steht Erdme Tag für Tag hoch auf den Sprossen
und legt ein Bündel dicht neben das andere und preßt es zusammen und
besichelt die Enden. Und unten lauert die kleine Ulele und reicht ihr
zu, denn eine Mannsperson kann man dazu nicht brauchen, es sei denn der
eigene.
O Gott, o Gott, du glaubst es nicht! Nun sieht es schon bald aus wie ein
Haus. Aber noch fehlen die Türen, die Fenster -- kein Mensch kann sich
ausdenken, was alles noch fehlt.
Doch wer den Jons etwa für dumm nimmt, der irrt sich. Eines Tages bringt
er zwei Fenster an, hellblau gestrichen und sogar mit Glas drin, nur daß
die Rauten gebrochen und die Rahmen angekohlt sind. Vorige Nacht hat es
nämlich in Trackseden gebrannt. Darauf ist er zu dem Besitzer gegangen
und hat gesagt: »Verkauf mir den Kram für zwei Stof Schnaps. Dem
Versicherungsinspektor erzählst du, es ist dir beim Retten verschwunden,
und dann kriegst du neues dafür.«
Dem Abgebrannten leuchtet der Vorschlag ein, er hilft sogar dem Jons in
der Nacht darauf die noch stehenden Türgerüste ausbrechen und auf den
Handwagen laden.
Das Schlimme ist nur, sie riechen auf zwanzig Schritt nach Feuersbrunst,
und wer ihm begegnet, der lacht ihn an, denn er denkt, er habe es aus
dem Brandschutt gestohlen.
So kann man selbst bei dem ehrlichsten Handel in schweren Verdacht
kommen.
7
Wenn gegen Mitte August ein Fremder quer durch das Moor die
Lynckerstraße heruntergeht und dann links um die Ecke biegt, so fragt er
wohl seinen Begleiter: »Wer hat sich das hübsche kleine Hauschen
gebaut?«
Und wenn der Ortskenntnis hat, so antwortet er: »Das ist der Losmann
Jons Baltruschat, der mit seiner jungen Frau im Frühling zugezogen ist.«