Und sie antwortet: »Wie Gott will.«

»Gott will, wie der Mensch will,« sagt er. »Wenn er erst weiß, daß ihr

tüchtig seid, wird er euch nichts in den Weg legen.«

Dann prüft er die vier Kiefernstämme, die, schon geschält, wie Silber in

der Sonne funkeln.

»Schöne Stangen habt ihr da,« sagt er und sieht Erdme dabei mit schiefem

Munde halb von der Seite an, als sei ihm nicht einer ihrer nächtlichen

Gänge verborgen geblieben.

In ihrer Verlegenheit streicht sie sich mit den Sohlen den schwarzen

Schlamm von den Beinen, denn sie wartet, daß er nun nach dem Ursprung

fragen werde; aber die Frage bleibt aus.

Auch ein Haufen Schwarten liegt schon da, die Jons sich für billiges

Geld unter den Abfällen des Holzplatzes hat aussuchen dürfen.

Der Moorvogt betrachtet sie einzeln, und die untauglichen zeichnet er

mit der Spitze seines Hakenstocks.

»Denen sieht man es an, daß sie redlich erworben sind,« sagt er und

wendet sich ohne Gruß wieder dem Wege zu.

»Da geht er hin wie der liebe Gott,« denkt Erdme und ist sehr froh, mit

heiler Haut davongekommen zu sein. Vieles an ihm begreift sie nicht,

aber beim lieben Gott geht es einem ja ebenso. --

Auf dem Wochenmarkt hat Jons drei Scheffel Saatkartoffeln gekauft,

glasblank und dünnschalig, wie sie für den Moorboden gut sind. Die

werden in Hälften geschnitten und in die flachen Rücke gleichsam obenauf

gelegt, denn nicht weit darunter sitzt immer noch das quatschende

Wasser.

»Auch die sind redlich erworben,« sagt Erdme mit Stolz. Und darum

brauchen sie sich nicht zu schämen, über der frischen Saat ein Bittgebet

zu tun.

Aber noch muß viel zusammengegrapscht werden!

Denn die Hölzer, aus denen man die Sparrbalken zurechthackt, mit blankem

Gelde zu bezahlen, während sie freundlich in den Wäldern herumliegen,

wäre ein Wahnsinn gewesen. Aber vorsichtig muß man schon sein, darum

wird Jons auch diesmal die erste Ladung nach allen Regeln käuflich

erstehen und ärgert sich bloß, daß er den Schein dafür nicht gleich vor

den Mützenschirm stecken kann. Jetzt und auch bei den nächsten Fahrten

hernach, wenn alles an Ort und Stelle ist, fragt niemand mehr. Höchstens

der Moorvogt hätte ein Recht dazu, aber der fragt ja nicht, wie man

weiß.

Eine Nacht um die andere ziehen sie los, denn ab und zu schlafen muß

doch der Mensch.

Der fromme Taruttis ahnt immer noch nichts. Ihm hat der Kaufschein die

Augen verblendet. Nur daß sie sich die nötige Zeit zum Beten nicht

nehmen, quält sein mildes Gemüt, und darum betet er fleißig für sie,

während sie auf seinem Handwagen das gestohlene Gut mit Hupp und Hopp

nach Hause fahren.

Und die Taruttene, die unzufrieden ist, wenn sie ihn nicht übertrumpfen

kann, steht sogar im Finstern schon auf, um ihnen was Warmes

bereitzuhalten.

So nehmen die Dinge ihren guten Verlauf, und die Baukasse wird kaum

einmal magerer.

Endlich ist auch der Tag nahe, an dem die Aufrichtung des Hauses

vonstattengehen kann. Hierzu genügen die Kräfte zweier Menschen nun

freilich nicht, und darum entschließt sich Erdme auf des Taruttis Rat,

bei den Nachbarn herumzugehen und sich eine Talka zusammenzubitten.

»Talka« heißt auf deutsch »Arbeitsgesellschaft«, und auf solchen

gemeinsamen Hilfeleistungen beruht vieles, was unter diesen armen

Menschen, die gemietete Hände niemals bezahlen könnten, an Tüchtigem

zustandekommt. Dafür erweist man sich dann später dankbar, wenn der Ruf

an einen selber ergeht, und alles schließt mit einer fröhlichen

Bewirtung, so viel oder so wenig der Bittende zu geben vermag.

Taruttis bezeichnet der Erdme mit der Hand die Häuser, in denen sie

vorsprechen kann, und die, an denen sie vorbeigehen muß. Dort wohnt

einer, der hilft _nicht_, aber dort wohnt einer, der hilft, weil man ihm

selber geholfen hat.

Zu dem, der wohl hundert Schritt weit auf der anderen Seite des Weges

sein kleines Anwesen hat, geht Erdme zuerst.

Er heißt Witkuhn, stammt aus dem Goldapschen und ist weit in der Welt

herumgewesen. Sogar die Moorwirtschaft im Westen soll ihm bekannt sein,

so daß er schon manchem der Langeingesessenen einen guten Ratschlag hat

geben können.

Erdme findet einen blonden, scheuen Mann zu Mitte der Dreißig, der die

Gewohnheit hat, beim Reden irgendwohin ins Leere zu blicken, und dabei

zittert ihm immer der Unterkiefer. Wie er die Erdme daherkommen sieht,

die frisch von der Arbeit weg, mit hochgebundenem Rock und

aufgeschlagenen Ärmeln, über die Äcker schreitet, macht er große Augen

vor ihrer Glieder Pracht, um dann erst -- gleichsam erschrocken -- den

Blick von ihr wegzuwenden.

Er spricht ein richtiges, aber fremdklingendes Litauisch, etwa wie die

Pfarrer sprechen, die es erst später gelernt haben, und sieht überhaupt

aus wie ein verkappter Deutscher. Aber er ist gut und höflich zu ihr --

nur, daß er sie nicht ansehen kann.

Seine Frau kommt später zum Vorschein. -- Eine Halblitauerin ist auch

sie, klein und kümmerlich -- ach Gott, wie sehr! --, mit grauer

Gesichtsfarbe und abgemüdeten Augen. Sie wirft einen neidischen Blick

auf Erdmes kräftige Gestalt, begrüßt sie dann aber ganz freundlich.

»Wenn wir nun Nachbarn werden,« sagt sie, »möge Gott geben, daß Frieden

zwischen uns bleibt.« Und dabei sieht sie nicht Erdme, sondern ihren

Mann an, der auch vor ihr den Blick zur Seite wendet.

»An uns soll es wahrhaftig nicht liegen,« sagt Erdme und verabschiedet

sich. Sie fühlt sich zu den Leuten hingezogen, obgleich, wie man ja

sehen kann, das Unglück im Hause sitzt.

Ein anderer, an den sie durch Taruttis gewiesen ist, hat sein Eigentum

dicht neben dem kleinen Moorwalde, der auf einer Sandnase sitzt und so

niedrig ist, daß man bloß auf eine Fußbank zu steigen braucht, um

darüber hinwegzublicken. Diese Wirtschaft sieht schon etwas

vorgeschrittener aus. Ein Stall ist da, und an den grünen Simsenbüscheln

rupfen zwei magere Kühe.

Der Besitzer heißt Smailus und hat vor kurzem schon die zweite Frau

begraben. Er ist ein großer, starker Mann, dem die Tür bis an die

Schultern reicht, mit einem kühnen Polengesicht und langhängendem

Hetmansschnurrbart, aber seine Augen haben einen stumpfen und

schläfrigen Blick, als ob die ganze Welt ihn nichts anginge.

Um so luchterner kuckt das Marjellchen ins Leben, das sich dicht hinter

ihm aus dem Hause drängt. Etwa zwölf Jahr kann sie sein, höchstens

dreizehn, geht barfuß und ziemlich zerlumpt, aber unter dem Halse hat

sie eine goldene Brosche sitzen. Sie mischt sich auch gleich ins

Gespräch und sagt, sie sei zwar nur die Tochter von einem ganz kleinen

Besitzer, aber eine Besitzerstochter sei sie immerhin, und was sie tun

könne, um Frischzugezogenen das Leben zu erleichtern, das solle gewiß

geschehen.

Erdme sieht ganz verblüfft auf das kleine Ding, das mit dem Maulwerk

vorneweg ist wie eine Alte. Aber der Vater tut, als ob das nicht anders

sein kann, und sagt bloß: »Ja, ja, das Bauen und das Begraben muß man

schon immer gemeinsam verrichten.«

»In dem Begraben hat er wohl Übung,« denkt die Erdme, sich bedankend,

und die Kleine begleitet sie noch ein Stück und schwatzt unaufhörlich.

Sie wird nun bald eingesegnet sein, sagt sie, und dann wird sie in die

Stadt gehen und ihr Glück machen als Kellnerin oder als Ladenfräulein,

wie es in der Kolonie schon viele getan haben. Vorerst aber muß sie dem

Vater noch eine Frau besorgen. So eine schöne und starke wie Erdme wäre

ihr schon recht -- aber Geld muß sie haben --; die zweite, von der sie

die Brosche trägt, hat auch Geld gehabt -- bloß nicht genug --, und ob

Erdme nicht eine weiß, damit sie selber bald auf die Reise kann.

Erdme weiß zwar keine, aber die Rede der Kleinen schlägt ihr aufs Herz

wie ein starker Wein. Alles, was ihr einst als Ziel des eigenen Lebens

vorgeschwebt hat, steckt ja darin. Doch ihr Schicksal liegt nun bereits

so steinern fest, daß keiner auf der Welt mehr daran rühren kann. Wie

eingesunken in diesen Moorschlamm liegt es, der keinen Grund und Boden

hat und nichts mehr hergibt, was er einmal mit seinen Wurzelfäden

umwindet.

Die Kleine heißt Ulele. »Das ist ein altertümlicher Name,« sagt sie,

»den ich natürlich nicht beibehalten werde, wenn meine Zeit gekommen

sein wird.«

Damit verabschiedet sie sich, und Erdme sieht ihr traurig und bewundernd

nach, wie sie mit ihren nackten, dünnen Beinchen über das Erdreich

flitzt, als ob sie es gar nicht berühre. Und die Lumpen flattern an ihr

wie zwei Fledermausflügel.

»Für mich ist es nun schon zu spät,« denkt Erdme. »Ich muß warten, bis

ich Töchter kriege.« -- -- --

Weiter links liegt ein Anwesen, das, wenn es auch schon älter scheint,

doch noch zur Nachbarschaft gehört. Es macht aus der Ferne gesehen einen

recht kläglichen Eindruck, und gerade darum möchte Erdme es kennen

lernen, denn sie will wissen, wie man sich hier behelfen muß, wenn man

ganz arm bleibt. Gleichsam als abschreckendes Beispiel will sie es

kennen lernen.

Aber der fromme Taruttis hat daran vorbei gezeigt, und als sie ihn am

Mittag noch einmal fragt, da wendet er sich ab und macht sich mit dem

Sensenschärfer zu schaffen, obwohl es hier nichts zu mähen gibt.

So fragt sie also zum drittenmal. Da sagt er: »Über meine Nächsten rede

ich nichts Böses, und wenn ich Böses reden müßte, so schweige ich

lieber.«

Sie nimmt sich vor, die Ulele zu fragen, aber als sie gegen den Abend

desselben Tages wieder in den Kartoffeln kniet, wird sie vom Wege aus

angerufen.

Sie sieht einen kleinen, alten Mann im Graben sitzen, der einen Arm voll

Weidenruten neben sich liegen hat und einer gerade mit dem Taschenmesser

die Haut abzieht.

»Was willst du von mir?« fragt sie, ohne sich stören zu lassen.

»Du bittest dir wohl heut eine Talka zusammen?« ruft er herüber.

»Das kann schon sein,« sagt sie. »Arme zum Helfen kann man immer

brauchen.«

»Zwei Arme hab' ich auch,« sagt er.

»Gehörst du zur Nachbarschaft?« fragt sie.

»Ich gehöre so sehr zur Nachbarschaft,« sagt er, »daß du heute schon

zweimal an meinem Haus vorbeigegangen bist.«

Und er weist mit seinem Messer gerade auf das Anwesen hin, von dem der

Taruttis durchaus nicht reden will.

Da legt sie neugierig das Schleifbrett nieder, mit dem sie die Rücke

glättet, und tritt näher auf ihn zu. Und was sie da sieht, ist aus

zusammengebettelten Kleidern sich streckend ein zahnloses, plieräugiges

Greisengesicht, dem die Brauen sowie die Wimpern fehlen und in dessen

Furchen und Gruben eine Art von rotrandigem Aussatz klebt.

Man kann sich schütteln vor ihm, so sieht er aus.

Litauische Geschichten · 第 24 / 69 题