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Am Osternachmittag sitzen im Chausseegraben nicht weit vom Matzicker
Walde zwei Liebesleute -- der Jons Baltruschat und die Erdme Maurus.
Ach du gütiger Gott, was sich nicht alles lieben will auf Erden! Selbst
die Aller-, Allerärmsten, die kaum das nackte Leben haben, möchten ein
Nest bauen.
Der Jons ist das, was der Litauer einen »Antrininkas« nennt, der »Knecht
eines Knechtes«. Das sagt wohl genug.
Und die Erdme hat unter den Deutschen ihr Glück machen wollen. Vorläufig
dient sie als Abwaschmädchen in dem Schlopsniesschen Gasthaus nicht weit
vom Bahnhof, das die Leute in Heydekrug meistens das »Hotel
Lausequetsch« nennen. Mit Unrecht übrigens, denn in der letzten Zeit hat
es sich sehr gehoben. Sogar die besseren Viehverlader verkehren
bisweilen darin.
Ausgeputzt sind sie beide. Der Jons hat seine blanken Kirchgangsstiefel
an und die schwarze Tuchjacke mit dem türkischen Halstuch. Und die Erdme
-- die ist nun gar eine Feine! Litauisch trägt sich die doch nicht mehr!
Sie hat ein weißes Zephirwollentuch um den Kopf geknüpft und eine
halbseidene Bluse an, die hinten zuzuhaken ist. Die hat ihr einmal die
Kellnerin geschenkt, weil sie ihr in ihrem Fortkommen hinderlich war.
Jung, stark und hübsch sind sie beide. Aber das ist auch alles. Eltern
mit Haus und Hof haben sie nicht. Überhaupt -- wo sie herstammen, davon
reden sie lieber gar nicht.
Die Erdme hat nicht viel Zeit. Denn um acht kommen die
Handwerksburschen, die bringen Feiertagsfladen von der Walze mit und
wollen reine Teller haben. Es geht da auch sonst sehr üppig zu. In der
Küche werden jetzt sogar Ölsardinen gehalten, und das Öl darf man
hinterher austrinken.
Der Jons fühlt sich dadurch gedemütigt. Wie wird eine Frau, die an so
vornehme Lebensart gewöhnt ist, später neben ihm aushalten wollen?
Aber die Erdme beruhigt ihn gleich. Was hat das alles zu sagen gegen
einen eigenen Besitz? Denn mit dem Besitzersein fängt das Leben doch
erst eigentlich an.
Der Jons ist ganz ihrer Meinung. Jawohl -- aber wie? Die Vögel, die
ringsum Halme suchen, die haben's leicht. Denen liegt der Baustoff frei
auf der Straße, und für ihren Nestplatz brauchen sie auch nichts zu
zahlen.
Die Erdme, die einen fixen Geist hat, redet ihm Mut zu. Und so ganz ohne
Vermögen sind sie ja beide nicht mehr. Nun holen sie rasch ihre
Beutelchen vor und breiten die Schätze neben sich aus, geben aber
sorgfältig acht, daß beide nicht untereinander geraten. Denn das kann
erst nach der Trauung geschehen, wenn die Gütergemeinschaft erklärt ist.
Das Häufchen der Erdme ist viel größer als seines, so groß, daß er
beinahe argwöhnisch wird und nach dem Ursprung fragt. Sechsundsechzig
Mark, die kriegt man nicht leicht zusammen.
Die Erdme wird zwar etwas verlegen, aber sie kann doch Auskunft geben.
Das goldne Zwanzigmarkstück, das den Hauptstock bildet, hat ihr einmal
ein Betrunkener geschenkt, der hernach verhaftet wurde. Doch das macht
ja nichts, wieder abgefordert hat es ihr niemand. Und auch das übrige
ist nicht etwa der Lohn für Gefälligkeiten, wie sie Bräutigams nicht
gerne sehen, sondern redlich verdient von ehrbaren Gästen, die höchstens
einmal in die Küche kommen, um ein ehrbares Mädchen zu kneifen, wo es
sich kneifen läßt. Zuguterletzt hat sie ein reicher Viehhändler durchaus
an Kindesstatt annehmen wollen und sich erst nach vielem Zureden damit
begnügt, ihr neun Mark funfzig zu schenken, denn mehr hat er gerade
nicht bei sich gehabt.
Das alles ist also in guter Ordnung, aber die lumpigen fünfundzwanzig
Mark, die er sich in zwei Jahren -- und mit was für Opfern! -- von
seinem Lohne erspart hat, können sich daneben nicht sehen lassen.
»Ach was,« sagt die Erdme, »zusammen sind das einundneunzig. Und für
hundert kann man sich schon ein Haus bauen.«
»Ja wo?« fragt er. »Etwa im Monde?«
»Durchaus nicht im Monde, sondern sogar ganz nah' von hier. Auf der
anderen Seite von Heydekrug, nach Ruß zu, wo im Rupkalwer Moor die
Kolonie Bismarck liegt.«
»Ach so, in Kolonie Bismarck, wo die Diebe und die Mörder hausen,« meint
er, denn in gutem Ruf steht sie nicht, die Kolonie Bismarck.
Die Erdme wird ärgerlich. Erstens gibt es Diebe und Mörder überall, und
zweitens kommt es zunächst darauf an, daß man ein Haus über dem Kopfe
hat. Dort ist man sozusagen beim preußischen Staat zu Gaste, der Grund
und Boden vergibt, und einen vornehmeren Herrn kann sich keiner
erdenken.
Er zweifelt noch immer, daß es möglich ist, für hundert Mark ein Haus zu
erbauen, aber sie weiß es genau.
»Natürlich, nachhelfen muß man ein bißchen,« sagt sie und lacht ihm
verstohlen zu. »Nachhelfen tut ein jeder, und der Moorvogt weiß viel, wo
es herkommt.«
Nun lacht auch er, und der Entschluß wird besiegelt.
Wie sie aufstehen und die Kleider abgeklopft haben, betrachten sie
einander und finden, daß sie ein Paar sind, das sich sehen lassen kann.
Er -- straff, breit, knorrig, mit wagerechten Trageschultern und zwei
Fäusten, die nicht mehr loslassen, wo sie einmal zugepackt haben.
Sie -- eine richtige Scharwerksmarjell, hochbusig mit federnden Armen
und Schenkeln von Eisen, mit flinkem Halse und blanken Backen, in denen
zwei Augen listig und lustig Nähe und Ferne nach Beute durchmustern.
Zwei richtige Lebenskämpfer, bereit, dem Schwersten Stand zu halten und
das Widrigste mit Schlauheit zu umgehen.
2
Zuerst der Moorvogt.
Der Moorvogt ist der unumschränkte Herrscher der Kolonie, der
zweitausend Lebensschicksale sorgsam und strenge an obrigkeitlicher
Leine führt. Über ihm steht nur noch die Generalkommission; doch wer und
was das eigentlich ist, ahnen nur wenige.
Drei Tage später gehen sie also zum Moorvogt.
Mit List und Gewalt haben sie sich beide aus ihren Dienststellungen
freigemacht. Die Erdme hat sich von ihrer Herrin eine Scheuerbürste an
den Kopf werfen lassen und hierauf mit einer Anzeige wegen
Körperverletzung gedroht, so daß sie schließlich mit dem Zeugnis auch
noch ein Schmerzensgeld bekommen hat, und der Jons, der weniger gerissen
ist, hat seinem Brotherrn bloß einen etwaigen Totschlag in Aussicht
gestellt, falls er ihn nicht auf der Stelle abziehen lasse. Manchmal
hilft das, manchmal geht es auch schlimm aus. Aber diesmal hat es
geholfen.
So wandern sie also wohlgemut auf der Rußner Chaussee zur Kolonie
Bismarck hinaus, die bald hinter dem Szlaszner Kirchhof beginnt und sich
so weit ins Moor hinausstreckt, daß man ihr Ende nirgends absehen kann.
Als sie an der langen Brücke sind, die über die Sumpfniederung führt,
bleibt die Erdme an dem schwarz-weißen Geländer stehen und zeigt auf die
Kuhblumen hinunter, die ihre buttergelben Köpfe aus dem
Überschwemmungswasser stecken, und sie sagt: »Wie die Blumchen da
vorwärts kommen, ohne zu ertrinken, so werden wir auch vorwärts kommen.«
Und der Jons meint dasselbe.
Als sie aber vor dem ehemaligen Chausseehause stehen, in dem jetzt der
Moorvogt wohnt, da fällt ihnen doch das Herz in die Schuhe.
Der Moorvogt ist ein starker Mann gegen die Vierzig, mit ernsten Augen
und einem Munde, der ungern zu lächeln scheint. Eigentlich hart sieht er
nicht aus, aber seine Rede ist scharf und gemessen. Angst muß man schon
darum vor ihm haben, weil er so mächtig ist.
»Also anbauen wollt ihr euch?«
»Jawohl.«
»Seid ihr verheiratet?«
Das sind sie nun eigentlich nicht, aber das Aufgebot kann jeden
Augenblick bestellt werden. Jetzt gleich, wenn er will.
»Sind die Papiere in Ordnung?«
Alles tragen sie bei sich, vom Taufschein an.
»Sind die nötigen Mittel da?«
Ob die da sind! Und mit zaghaftem Stolze ziehen sie ihre Beutelchen. Das
Goldstück, das bei ihr obenauf liegt, scheint ihm einen großen Eindruck
zu machen, denn zum ersten Male geht ein Lächeln über sein Gesicht.