Alute arbeitete noch in den Kartoffeln, da sah sie einen Menschen auf
sich zustürmen, der halb angezogen war und eine Axt schwang.
Und als sie ihren Mann erkannte, da wußte sie sofort, was geschehen war
und daß es ihr nun ans Leben ging.
Sie rannte schreiend nach der Richtung des Dorfes hin, und er mit der
erhobenen Axt hinter ihr drein.
Aber sie wagte nicht, nach einem der verstreuten Höfe einzubiegen, denn
sie wußte, daß kein Türschloß und keine Menschenhand ihn hindern würde,
die Tat zu begehen.
So lief sie weiter, und der Raum zwischen ihr und ihm verkürzte sich
immer mehr.
Da sah sie nicht fern das Haus des Gendarmen und erkannte gleich, daß
sie sich für heute und künftig nur retten konnte, wenn sie dem alles
gestand. Die Anstiftung würde ihr niemand nachweisen, und der Meineid
war bald gebüßt.
Als ihr Verfolger einsah, wohin sie steuerte, da ließ er von ihr ab,
denn des Wachtmeisters Pistolen waren immer geladen. Er kehrte in seinen
Fußtapfen um, und die Leute, die ihm gefolgt waren, gingen in großem
Bogen um ihn herum.
Das Haus war jetzt so leer, wie er es bei seiner Heimkehr gefunden
hatte. Auch nach Madlyne rief er umsonst.
Er zog sich einen warmen Rock an, steckte Geld in die Tasche, holte ein
altes Gewehr hinter den Sparren hervor, das seit seiner Wilddiebszeit
dort noch versteckt lag, und kroch auf dem Bauche von Graben zu Graben.
Als es finster geworden war, floh er über die Grenze. Rußland ist groß.
14
Der Gendarm erstattete die Anzeige.
Die Herren vom Gericht nahmen sich der Sache mit großem Eifer an. Ein
Steckbrief wurde erlassen, Polizisten hielten Nachforschungen hüben und
drüben, auch wurden Auslieferungsverhandlungen angebahnt, damit, wenn
man ihn faßte, kein Aufschub entstand.
Alute, die trotz ihrer Selbstbezichtigung noch immer frei herumlief,
lachte zu alledem und sagte: »Was gebt ihr euch für Müh'! Das Kind wird
ihn schon holen gehn.« Sie hütete sich wohl, in ihrem Hause zu bleiben,
und selbst für kurze Zeit ging sie nur in Begleitung hinein, denn sie
fürchtete, daß Miks ihr dort auflauern würde.
Nacht für Nacht hielt sie sich mit dem Gendarmen und ein paar Männern,
die dazu aufgeboten waren, hinter dem Kirchhofzaune versteckt. Die
Männer wechselten ab, denn keiner konnte für die Dauer die Nachtwachen
vertragen. Sie aber war immer zur Stelle. Bei Tage streifte sie herum
wie ein wildernder Jagdhund. Wo und wann sie schlief, wußte keiner.
Wenn einer von den fremden Gendarmen, die den hiesigen jede zweite Nacht
ablösen kamen, gegen Morgen hin frierend und mißmutig sagte: »Ich denke,
wir stellen die vergebliche Arbeit ein, denn er müßte schön dumm sein,
uns freiwillig in die Arme zu laufen,« dann wehklagte sie und flehte mit
erhobenen Armen: »Erbarmen, Pons Wackmeisteris! Ich weiß, das Kind wird
ihn schon holen gehn, -- wird ihn schon holen gehn.«
Was sie aber nicht wußte, war, daß zu gleicher Zeit und gar nicht weit
vom Kirchhof Madlyne im Graben lag -- dicht an dem Wege, der von der
Grenze her auf das Dorf zuführte. Sie hielt sich heimlich in dem Hause
eines früheren Bewerbers auf, dessen Frau ihr dankbar war, weil sie ihn
nicht genommen hatte. Und allabendlich, wenn es dunkel wurde, schlich
sie sich hinaus auf Wache für den Fall, daß er vorbeikommen sollte.
Manchmal war es noch kalt, und manchmal regnete es, aber sie fror nicht
und ließ sich ruhig durchweichen. Nur gegen den Schlaf anzukämpfen fiel
ihr schwer. Darum legte sie sich gewöhnlich eine ihrer Klotzkorken auf
den Kopf, die ihr gegen die Kniee fiel, wenn sie ihn einschlafend nach
vorn überneigte. Und von dem Schmerze wurde sie dann wieder ganz wach.
Ab und zu ließ vom Kirchhof her ein leises Stimmengeräusch oder ein
Säbelklirren sich hören; ab und zu, wenn der Wind danach stand, zog auch
ein Tabaksgeruch über sie hin. Dann lachte sie höhnisch und schüttelte
die Fäuste in das Dunkel hinein. Solange sie wachte, war keine Gefahr.
Aber in einer Nacht -- es mag die vierzehnte oder fünfzehnte ihres
Dienstes gewesen sein --, da muß der Schlaf sie doch überwältigt haben,
oder aber er war nicht auf dem Wege, sondern quer über die Felder
gegangen, denn plötzlich hörte sie auffahrend vom Kirchhof her Knallen
und Männergeschrei. Und die Stimme Alutens mischte sich keifend darein.
Da wußte sie: sie hatten ihn.
Weinend lief sie auf den Lichtschein los, der plötzlich aufgeflammt war.
Und da sah sie ihn auch schon kommen. Zwei Männer brachten ihn geführt,
und Alute tanzte um ihn herum, indem sie ihm die Zähne zeigte und die
Zunge ausstreckte.
In seinem Gürtel hing der Oberteil einer breithalsigen Flasche, die wohl
beim Kampfe mitten durchgeschlagen war. Darin war das Opfer für die
Giltinne gewesen, mit dem er dem Kinde noch einmal die ewige Ruhe hatte
erkaufen wollen.
Madlyne warf sich ihm in den Weg und küßte die eisernen Ringe, in die
sie seine blutigen Hände gesteckt hatten.
Er sah gleichsam mitten durch sie hindurch und schritt weiter -- seinem
Schicksal entgegen.