Madlyne beugte sich zu ihm nieder und sagte: »Ich schwöre dir, daß ich
auf das Kind achtgeben werde.«
»Und wenn du heiratest und weggehst, -- schwöre mir, daß du das Kind
mitnehmen wirst.«
Madlyne beugte sich noch tiefer zu ihm und sagte: »Ich werde nicht
heiraten.«
Da wurde Miks wieder ruhig und küßte das Kind und küßte auch Madlyne.
Und dann war die Besuchszeit um.
12
Nach zwei Jahren erhielt Miks Bumbullis die Nachricht, daß das Kind
gestorben war.
Er wunderte sich nicht, denn es war ihm schon einige Male im Traume
erschienen.
Der Brief, in dem Alute ihm von dem Unglück Mitteilung machte, lautete
so:
»Nunmehr will ich Dich wissen lassen, daß die kleine Anikke ein seliges
Hinscheiden erlitten hat. Ich und Madlyne haben sie gepflegt, wie es
unsre Schuldigkeit war. Um ihr die fallende Sucht zu vertreiben, habe
ich Madlyne zu einer weisen Frau geschickt, die sie nach den Regeln
besprochen hat. Auch eine Kreuzotter habe ich abgekocht und ihr den Saft
mit getrockneten Quitschen zu trinken gegeben. Kurz, es ist nichts
versäumt worden. Ein Begräbnis habe ich ihr ausgerichtet wie meinem
eigenen Kinde. Die Festlichkeiten haben zwei Tage gedauert, und es sind
dabei drei Fässer Alaus und zwanzig Stof Branntwein ausgetrunken worden.
Nicht zu rechnen, was die Gäste alles aufgegessen haben. Einen Sarg habe
ich ihr machen lassen, in dem sie sich ordentlich ausstrecken kann. Auch
ist sie in ihren besten Sonntagskleidern beerdigt worden. Du siehst
also, daß ich mein Versprechen gehalten habe, und wenn du die Madlyne
fragen wirst, so kann sie es nicht anders sagen.«
Von nun an erschien die kleine Anikke dem Miks Bumbullis in jeder Nacht.
Er brauchte nur die Augen zuzumachen, und sie war da. Und in vielerlei
Gestalt erschien sie ihm -- manchmal im Sarge liegend, manchmal als eine
Braut mit dem Rautenkranz im Haar, manchmal als ein Engelchen mit
gläsernen Flügeln, manchmal auch im Hemdchen blutend oder mit einem
Strick um den Hals. Und immer wieder in neuen Gestalten.
Als ein großes Glück empfand er es, daß Alute nun doch gut zu dem Kinde
gewesen war. Auch das große Begräbnis sprach dafür. Denn wenn sie das
Licht der Welt zu scheuen gehabt hätte, würde sie die Tote so heimlich
wie möglich eingescharrt haben. Aber vor allem war ja Madlyne dagewesen,
auf die er sich ganz verlassen konnte.
Und doch mußte etwas versäumt worden sein, sonst würde die kleine Anikke
Ruhe im Grabe gehabt haben und ihm nicht immer von neuem erschienen
sein.
Das ging so Nacht für Nacht, bis eines Tages der Anstaltsarzt zu ihm
trat und ihn fragte, was ihm eigentlich fehle.
»Was soll mir fehlen?« erwiderte Miks. »Ich habe satt zu essen, und
keiner ist schlecht zu mir.«
Der Arzt befahl ihm darauf, sich auszuziehen. Miks tat es, aber der Arzt
fand eine Krankheit nicht an ihm. Ob ihm vielleicht ein Kummer
zugestoßen sei, fragte er dann.
»Ich habe ein Kind verloren,« antwortete Miks. Aber von den
Erscheinungen sagte er nichts, denn vor diesen Deutschen muß man sich
immer in acht nehmen.
Einige Tage später besuchte ihn der Pfarrer, derselbe, der am Sonntag
gewöhnlich predigte.
Der fing ihm eine schöne Trostrede zu halten an, aber er hatte sich
nicht einmal die Mühe genommen, die Akten durchzusehen, sonst würde er
gewußt haben, daß Miks ein eigenes Kind gar nicht besaß.
Miks beließ ihn in seinem Irrtum und küßte ihm die Hand, um ihn glauben
zu machen, daß er nun ganz getröstet sei. Er war nun so weit, daß er
sich schon den ganzen Tag über auf die Erscheinung freute. Aber dann
machte er sich wieder Vorwürfe um dieser Freude willen, denn wenn es der
Anikke im Grabe an gar nichts fehlte, so würde sie ihm nicht erschienen
sein. Entweder drückte sie der Sargdeckel, oder man hatte ihr etwas
Erstickendes auf den Mund gelegt. Vielleicht gar auch war die Giltinne
-- die Todesgöttin -- nicht versöhnt worden, wie es nach dem Glauben
Vieler geschehen muß, so daß sie aus Rache die arme Tote allnächtlich
aus ihrem Frieden scheuchte.
Er wollte der Alute deswegen schreiben, aber er schämte sich vor den
Deutschen, die den Brief durchlesen und in ihrer Dummheit über ihn
lachen würden.
Darum war es ihm ganz recht, daß der Anstaltsdirektor ihn eines Tages
rufen ließ und ihm eröffnete, der Rest seiner Strafe sei ihm vorläufig
erlassen, und wenn er sich ordentlich führe, brauche er sie auch später
nicht mehr abzusitzen.
Er dachte: »Da kann ich nun selber nach dem Grabe sehen,« und machte
sich auf den Heimweg.
13
Die Kartoffeln wurden gerade gesetzt, und alle arbeiteten auf den
Feldern. Kaum einer sah sich nach ihm um, und so kam er unbeachtet bis
nach Haus.
Der Hofhund bellte ihm freudig entgegen, und er streichelte ihn, denn
das Kind hatte ihn lieb gehabt.
Das Haus war leer und alles offen. Ihn hungerte, aber er wagte nicht,
sich ein Stück Brot zu schneiden, so fremd kam er sich vor auf seinem
eigenen Besitz. Er sah sich erst in der Kleinen Stube um, wo das
Bettchen zuletzt gestanden hatte. Aber nichts mehr war davon zu
bemerken. Sie schien ganz ausgelöscht aus der Welt. Aber dann fand er
auf Madlynens Brett ihre Schiefertafel stehen und eine Schnur mit
Griffen daran zum Drüberspringen, wie er sie ihr einmal gemacht hatte.
Wenn er nicht so müde gewesen wäre, so wäre er auf den Kirchhof
gegangen. Und so setzte er sich vor das Haus auf die Milcheimerbank,
dort, wo die Sonne schien, und wartete. Dabei schlief er ein und wachte
erst auf, als die Stimmen der Heimkehrenden im Hoftor laut wurden.
Die Alute war die erste, die ihn bemerkte. Sie richtete sich hoch auf
und schritt in ihren Klotzkorken mit geraden Schritten auf ihn zu,
während sie ihm ganz starr in die Augen sah. Sie freute sich nicht, aber
sie hatte auch keine Furcht.
»Sie haben dich zur rechten Zeit freigelassen,« sagte sie, ihm die Hand
reichend, »der Wirt ist gerade sehr nötig im Hause.«
»Ich werde schon arbeiten,« entgegnete er.
Dann ging sie, das Abendbrot machen.
Madlyne war hinter ihr gekommen. Er bemerkte, daß sie ganz schmal
geworden war und daß um ihren Mund herum allerhand kleine Falten
standen.
Sie reichte ihm auch die Hand und lief dann rasch fort.
Ein fremder Knecht war da, ein ältlicher Mann, mit dem die Alute sicher
nichts vorgehabt hatte -- »drum werd' ich ihn ruhig behalten können,«
dachte er --, und eine Magd, die ihn schief ansah, weil sie nicht wußte,
was sie aus ihm machen sollte.
Zum Abendbrot hatte die Alute rasch einen Hahn geschlachtet. »Damit alle
erfahren, daß der Herr wieder da ist,« sagte sie.
Sie war nun ganz freundlich und sah ihn immer von unten auf an, wie eine
Bittende.
Er tunkte die Kartoffeln ins Fett, ließ aber das Fleisch auf dem Rande
liegen.
»Warum ißt du nicht?« fragte die Madlyne, der immer die Augen voll
Wasser standen.
»Ich will's mir bis nachher verwahren,« erwiderte er, »denn ich hab' so
was Gutes lang' nicht gehabt.«
Auch ein Glas Alaus bat er sich aus, rührte es aber nicht an.
Nach dem Essen trug er beides in die Kammer hinüber, wo er sich still
hinsetzte, bis es dunkel wurde. Dann holte er sich einen Topf von der
Herdwand und eine leere Flasche, tat Essen und Trinken hinein und
verbarg es unter seinem Rocke.
»Ich will nur noch einen kleinen Gang machen,« sagte er, und die beiden
Frauen fragten ihn nicht, wohin.
Das kleine Grab hatte er bald gefunden. Ein neues Holzkreuz stand zu
Kopfenden mit einem Dachchen darauf, wie es die jungfräulich
Entschlafenen haben sollen, und zwei Vögelchen an den schrägen Enden.
Die hatte sicherlich die Madlyne angebracht als Spielzeug für die Tote
in der langen Ewigkeit.
Er wühlte in dem Sande des Grabhügels eine kleine Kaule aus und stellte
Topf und Flasche hinein. Dann glättete er den Sand wieder, so daß nicht
das mindeste zu bemerken war.
Manche sind der Meinung, daß dies zur Nahrung für den Geist der Toten
gut ist, andere aber -- und die sind wohl in der Wahrheit -- meinen, daß
die böse Giltinne damit besänftigt wird, so daß sie der abgeschiedenen
Seele die Ruhe nicht fortnimmt.
Und dann saß er noch eine Weile und dachte bei sich: »Hier ist gut
sein.« Und ihm war, als sei er erst jetzt in die Heimat gekommen.
Als er wieder im Hause war und alle sich zum Schlafengehen bereiteten,
sann er darüber nach, wohin er sich wohl legen sollte. Er wußte genau,
daß, wenn er sich absonderte, der Hader von neuem losgehen würde. Darum
kroch er in seines Weibes Bett, und sie tat so, als sei er nie
weggewesen.
Nun fing sie auch aus freien Stücken von dem Kinde zu reden an. Gegen
Gottes allmächtigen Willen sei Menschenkraft ohnmächtig; man müsse
zufrieden sein, wenn man sich nichts vorzuwerfen habe.
Und sie weinte.
Er sagte nur: »Erzähle mir nichts.« Denn er wußte, daß er es nicht
ertragen würde.
In dieser Nacht erschien der Geist des Kindes ihm nicht. Er freute sich,
daß er mit der Gabe an die Giltinne das Rechte getroffen hatte.
Als er am nächsten Morgen den Spaten schulterte, um mit den andern in
die Kartoffeln zu gehen, sagte die Madlyne zu ihm: »Ruh dich erst aus,
du bist noch zu schwach.«
Und er wunderte sich, daß sie so wenig von seinen Kräften hielt.
Aber als er eine Weile vorgegraben hatte, mußte er sich setzen, denn der
Atem fing an, ihm zu fehlen, und die Madlyne sah ihn an wie die Mutter
ihr krankes Kind. -- -- --
Auch die Alute war von nun an immer gut zu ihm. Sie brachte ihm
Paradieskörner in Essig und andere stärkende Sachen, und er dachte:
»Wenn das Kind noch lebte, was würde es jetzt für gute Tage haben!«
Die Erscheinung war nun nicht mehr wiedergekommen, und er begann schon,
der Giltinne mit geringerer Ehrerbietung zu gedenken.
Und so vertraut war er inzwischen mit der Alute geworden, daß er sich
eines Abends ein Herz faßte und zu ihr von den Erscheinungen sprach.
Auch von dem Mittel, das sich dagegen bewährt hatte.
Sie lachte und sagte: »Wenn das so leicht ist, will ich dir Hähne
schlachten, so viel du willst.«
Ja, so gut war sie jetzt immer zu ihm. Und er fragte sich manches Mal,
warum er sich früher eigentlich vor ihr gefürchtet hatte.
Auch von der Krankheit des Kindes wollte er jetzt Näheres wissen. Nicht
daß sein Kummer geringer gewesen wäre als in der ersten Nacht, nur hielt
er sie jetzt so wert, daß er glaubte, sie würde die richtige Teilnahme
haben.
Aber Alute erwiderte: »Du Armer würdest es auch heute noch nicht
ertragen, drum warte noch eine kleine Weile.« Und so sagte sie immer
aufs neue.
Da kam er auf den Gedanken, die Madlyne zu fragen. Aber die Madlyne war
jetzt wie umgewandelt. Sie ging ihm aus dem Wege, wo sie nur konnte,
sprach bei Tisch kein Wort und bohrte mit den Augen Löcher ins Holz.
Auch der Alute fiel das auf, und einmal sagte sie: »Die Madlyne muß aus
dem Hause, und schickt sie auch die nächsten Freier zurück, die ich ihr
aussuche, so setze ich ihr eines Tages Bettsack und Kasten vors Hoftor.«
Er erschrak, daß er an einem so bösen Ende die Schuld tragen sollte, und
beschloß, das Seine zu tun, um alles zum bessern zu wenden.
Darum ging er der Madlyne eines Morgens zum Melken nach und sagte: »Du
mußt nicht denken, Madlyne, daß ich dir vom Tode des Kindes etwas
nachtrage.«