Da kam sie ganz langsam auf ihn zu, denn sie traute sich nicht. Dann,
als er sie hochhob, war es ihr, als flöge sie geradeswegs in die Wolken.
So gründlich durfte sie nun reiten, daß ihr ganz schwindlig wurde, bis
der Jons, abgünstig geworden, einmal über das andere schrie: »Ich will
auch solange!«
Diese Augenblicke waren das Schönste, was sie je erlebt hatte, denn daß
schon einmal einer dagewesen war, der sie auf dem Schoß gehalten hatte,
das war ihr inzwischen aus dem Sinne verschwunden. Nur eines langen
weißen Bartes erinnerte sie sich noch, aber sie glaubte, das sei der
Weihnachtsmann gewesen, von dem der Lehrer erzählte.
Es war nun inzwischen sehr kalt geworden, und wenn man gegen den
Schneesturm laufend bis zu der weitabgelegenen Schule mußte, kostete das
manche Träne. Aber der gute Miks hatte Fausthandschuhe gekauft und eine
wollengefütterte Mütze mit Ohrenklappen, die unter dem Kinn festzubinden
sind. Die drei Hauskinder bekamen die gleichen, so daß ein Neid nicht
entstehen konnte.
Nur die scharfblickende Frau ließ sich kein X für ein U machen und sagte
mit süßsaurem Lächeln: »Meine Kinder haben es ja sehr gut bei dir, aber
der liebe Gott wird schon wissen, was du damit verhehlen willst.«
Miks sagte darauf: »Wenn einer Kinder liebhat, was braucht er da zu
verhehlen?« und wandte sich ab.
Anikke schlief nicht mit den dreien zusammen in der Kleinen Stube, die
gut geheizt wurde, sondern auf der anderen Seite des Hausflurs, wo es
jetzt fürchterlich kalt war. Das hatte sich aus den Zeiten ihrer
Zurücksetzung so erhalten, und sie wünschte es sich gar nicht anders,
denn in der Kammer nebenbei schlief der Miks.
Aber nun der Winterfrost gekommen war, konnte sie gar nicht recht
einschlafen und lag in ihren Kleidern unter der harten Pferdedecke
frostbebend und halbwach zuweilen bis gegen Morgen.
Eines Nachts, wie sie so dalag, hörte sie von der Knechtskammer her ein
leises Knirschen und Stöhnen. Es war, als wenn einer furchtbare
Schmerzen hat und nicht weiß, wie er sich wenden soll.
Da faßte sie sich ein Herz. Sie schob mitten in ihrem Frieren die Decke
vom Leibe, ging in die Kammer und sagte zitternd vor Furcht noch mehr
als vor Kälte: »Miks, tut dir was weh?«
Aus der Finsternis kam etwas wie ein Freudenschrei. Und dann griffen
zwei Arme nach ihr. In denen lag sie nun still und glücklich und wärmte
sich auf und schlief auch bald ein.
Von nun an kroch sie jede Nacht zu ihm und war da wie in Abrahams Schoß.
Des Morgens weckte er sie zeitig, so daß niemand etwas davon merken
konnte. Auch beachtete er sie bei Tage nicht häufiger als früher. Aber
nun grämte sie sich nicht mehr darüber, denn sie wußte ja zu allen
Zeiten, wie gut er's mit ihr meinte.
Und niemals mehr hatte sie ihn stöhnen hören. Manchmal schlief er sogar
noch früher ein als sie selber.
7
Es war eines Abends um die Weihnachtszeit, da wurde Miks Bumbullis auf
einem seiner Wege zum Walde von einer Frauensperson angerufen, die bis
zur Nase eingemummelt auf dem Grabenrande im Schnee saß.
Er schrak hoch auf. Er hatte die Stimme gleich erkannt.
»Es ist gut, daß du da bist, Alute Lampsatis,« sagte er. »Ich habe schon
immer einmal zu dir kommen wollen.«
»Du hast dir drei Monate Zeit gelassen,« erwiderte sie, »und hätte ich
dir nicht aufgelauert, so wären auch noch drei weitere verstrichen.«
»Das ist wohl möglich,« meinte er. »Was man nicht gern tut, verschiebt
man immer wieder.«
»Sagst du mir das ins Gesicht?« knirschte sie, und ihre Augen blitzten
ihn an.
»Ich sage, was wahr ist,« erwiderte er.
»Dann will ich dir _auch_ sagen, was wahr ist!« schrie sie. »Daß _du_
den Hegemeister erschossen hast -- daß deine Flinte da, mit der du's
getan hast, _meine_ Flinte ist -- und daß ich meine Seele dem ewigen
Verderben verkauft habe -- und Madlynens Seele dazu, die meine
Schwestertochter ist und die mir zuliebe schwur, was ich wollte. _Das_
ist die Wahrheit.«
»Und dann ist die Wahrheit,« fuhr er fort, »daß du mir die Flinte in die
Hand gegeben hast und zu mir gesagt hast: >Mein Seliger hat es schon tun
wollen, da hat ihn die Krankheit gehindert. Nun tu du es, sonst hast du
keine Ehre im Leibe.< _Das_ ist die Wahrheit.«
»Und ferner ist die Wahrheit,« nahm sie ihm die Rede aus dem Munde, »daß
ich einen Tag und eine Nacht lang nachgesonnen habe, wie ich dich am
besten vor der Leibesstrafe bewahren konnte, denn wenn ich einfach
ausgesagt hätte: >Er ist zu der Zeit bei mir gewesen,< dann hätte mir
keiner geglaubt. Darum hab' ich der Madlyne eingegeben, sie habe dich
aus dem Stubenfenster steigen sehen, während ich alles bestritt. Darum
habe ich dir zehnmal vorgesprochen -- alles -- auch was du zu sagen
hast, wenn ich die Schwurfinger erhebe. Denn du bist ja so dumm wie ein
Deutscher.«
»Und du bist so klug wie der Teufel,« erwiderte er.
»Es ist gut,« sagte sie, in die Runde schauend, »daß uns hier niemand
hören kann außer den Krähen, sonst wäre es um uns alle dreie geschehen.
Aber man weiß nie, was noch werden kann, wenn sich einer im Zorn
vergißt. Darum frage ich dich zum ersten und zum letzten Male: Willst du
dein Versprechen halten?«
»Ich weiß von keinem Versprechen,« stöhnte er.
»Natürlich weißt du von keinem Versprechen, aber _ich_ weiß, daß seit
zwei Jahren die Menschen mit Fingern nach mir zeigen und daß sich kein
Freiwerber mehr bei mir sehen läßt -- nicht für mich und auch nicht für
die Madlyne, und seit Michaeli treffe ich keinen, der nicht speilzahnig
fragt: >Weißt du, wer in Wiszellen bei den Kibelkas den Knecht spielt?<
Darum frage ich dich zum überletzten Mal: Wann wirst du einen schicken,
der die Heirat zwischen uns in Ordnung bringt?«
Er wand sich wie ein Aal unter dem Messer.
»Laß mir Zeit bis nach Fastnacht,« bat er.
»Jawohl,« höhnte sie, »erst bis nach Fastnacht -- und dann bis zum
Palmsonntag -- und dann immer so weiter. -- Aber es soll gut sein. Bis
nach Fastnacht werd' ich warten. Schickst du dann keinen, dann weiß ich,
woran ich mit dir bin.«
Und es klang noch fast wie ein Schöndank, was er da stammelte.
Schon im Gehen, kehrte sie sich noch einmal um und sagte: »Die Leute
erzählen sich, daß du das Kind, das bei den Kibelkas in Pflege ist,
hältst wie eine Prinzessin. Laß das lieber sein. Deine Seele kaufst du
doch nicht los, und der Gendarm wird aufmerksam, wenn er es hört.«
Damit schritt sie von dannen.
Miks Bumbullis war von dem allen zumute, als hätte er mit der Axt eins
vor den Kopf bekommen. Er stand erst eine Weile ganz still, dann
taumelte er in den Wald hinein. Aber er schoß nichts, und er sah auch
nichts. Er dachte bloß immer das eine: »Ich bin bis heute sehr glücklich
gewesen und habe es nicht gewußt.«
Dann packte ihn ein heißes Verlangen, das Kind in der Nähe zu haben. Er
sicherte die Flinte und wußte nicht, wie rasch er nach Hause kommen
konnte.
Und als er auf seiner kalten Schlafstatt lag und die leisen, kleinen
Schritte nähertappten und das weiche Gesichtchen sich in seinen Arm
hineinschob, da war er wieder wie im Himmel. Er fing so bitterlich zu
weinen an, wie ein Mann sonst nur in der Kirche tut.
Da weinte auch das Kind und wußte doch gar nicht, warum. Er tröstete
sie, und sie streichelte ihn. Und ihm war beinahe, als hätte er es nicht
getan.
8
Fastnacht kam heran. Aber er konnte sich zu keinem Handeln entschließen.
Den Freiwerber zu schicken, wie es Sitte war, schämte er sich, denn
jedermann wußte, wie die Dinge standen. Er mußte also den Gang schon
selber machen. Wenn ein Sonntag da war, sagte er zu sich: »Also nächsten
Sonntag.« Und dabei blieb es.
Er ging auch nicht einmal in die Kirche, denn dort hätte er ihr ja
begegnen können.
So war also richtig der Stillfreitag herangekommen. Er saß am Vormittag
in seiner Kammer und schnitzelte für Anikke an einem Springbock. Da kam
der Älteste, der Jons, eilfertig zu ihm herein und sagte: »Es ist eine
draußen, die will dich sprechen -- eine Feine.«
Ihm ahnte gleich nichts Gutes, aber er legte die Arbeit hin und ging.
Da stand vor dem Hofzaun mit einem schneeweißen Kopftuch und einer
seidenen Schürze die Madlyne. Auch weiße, dünne Strümpfe hatte sie an,
obgleich es noch ziemlich rauh war, und alles an ihr sah rund aus und
quoll und wippte.
Sie lächelte ihn auch ganz freundlich an und fragte, ob er wohl einen
kleinen Spaziergang mit ihr machen wolle.
»Ich will nicht, aber ich muß wohl,« sagte er.
Und dann gingen sie zusammen zum Walde, dorthin, wo er vor einem
Vierteljahr die Alute getroffen hatte, und keiner sprach ein Wort.
»Du wunderst dich wohl, warum ich noch nicht verheiratet bin,« begann
sie endlich. »Ich kann soviel Männer haben, wie ich will, aber ich will
nicht.«
»Deine Mutterschwester sagt, es kommt keiner,« erwiderte er, »und ich
soll daran schuld sein.«
»Schuld magst du schon sein,« erwiderte sie und lächelte, »aber anders,
als sie denkt. Wenn du Wirt bei uns bist, wirst du mich schon mit
durchfüttern müssen.«
»Ich will gar nicht Wirt bei euch sein,« sagte er.
»Nach menschlichem Willen geht es meistens nicht,« erwiderte sie. »Und
wenn du einen guten Rat annimmst, dann warte nicht mehr lange. Meiner
Mutter Schwester macht falsche Redensarten. Es könnte sein, daß es eines
Tages zu spät ist.«
»Wenn sie mich angibt, gibt sie zugleich auch sich selber an,« warf er
ein.
»Und mich genau ebenso,« erwiderte sie, immer in der gleichen lächelnden
Weise. »Aber seit Fastnacht sitzt der Böse in ihr, und sie spricht
allerhand von dem Kinde, das auf dem Schoß des Hegemeisters gesessen
hat, als das Unglück geschah, und das jetzt immer auf deinem Schoße
sitzt. Und wie das wohl zu erklären ist, fragt sie dazu. Und keiner
weiß. Aber ein bedenkliches Gesicht macht ein jeder.«
Er sah plötzlich in Tageshelle den Weg, den dieses rachsüchtige
Geschwätz gehen würde. Und sah auch das Ende. Alute Lampsatis, die sonst
so klug war, grub in ihrem sinnlosen Zorne ihm und sich selber die
Grube.
»Ich werde ja noch am leichtesten wegkommen,« sagte Madlyne mit ihrem
lieblichen und verschämten Lächeln, als ob sie von Blumen oder
Singvögeln spräche statt vom Zuchthaus oder noch Schlimmerem gar. »Denn
ich war ja noch sehr jung und bin auch dazu angestiftet worden. Aber du,
Miks Bumbullis, tust mir leid. Darum bin ich der Meinung, du läßt keinen
Tag mehr verstreichen und kommst heute nachmittag zu uns auf den Hof.
Dann wird sie schon Ruhe geben.«
»Wirt bei euch,« sagte er, »kann ich nur sein unter einer Bedingung: daß
Alute gut zu dem Kinde ist.«
»Das willst du mitbringen?« fragte sie, und in ihrem Erschrecken
verschwand zum ersten Male das Lächeln von ihrem Angesicht.
»Das will ich mitbringen,« erwiderte er beinahe feierlich, »sonst komm'
ich nie und nimmermehr.«
Sie lehnte sich gegen einen Baumstamm und sah stumm in die Höhe. Und
ihre wasserhellen Augen waren jetzt so blau wie der Osterhimmel. Dann
sagte sie: »Zurzeit ist sie freilich dem Kinde noch bös gesinnt, denn
sie meint, daß du es lieber hast als sie. Aber wenn du ihr den Willen
tust und die Scham von ihr nimmst, wird sie sich wohl mit ihm versöhnen.
Außerdem bin ich ja auch noch da, und ich hab' Kinder sehr lieb.«
»Du wirst einen Mann nehmen und weggehen,« entgegnete er finster.
»Wann hast du schon das Farnkraut blühen gesehen, daß du so allwissend
tust?« fragte sie und sah ihn neckend von unten auf an.
In diesem Augenblick erschien ihm sein Schicksal und das des Kindes
nicht gar so drohend mehr, und er sagte: »Ich werd' also kommen.«
9
So geschah's, daß am Himmelfahrtstage Miks Bumbullis und Alute Lampsatis
im Brautwinkel saßen und die Hochzeitsgäste in hellen Haufen um sie her.
Auf dem Tische standen leckere Speisen in Menge, und über ihm hing von
der Decke herab die künstlich geflochtene Krone, in der silberglänzende
Vögel sich wiegten.
Die Ehrengäste waren mit Handtüchern und Spruchbändern reichlich
beschenkt worden, und das biergefüllte Glas, in das die Gastgabe
geworfen wird -- denn niemand soll wissen, wieviel ein jeder gegeben --,
dieser unwillkommene Mahner, machte so flüchtig die Runde, daß die
meisten ihren guten Taler nicht loswerden konnten.
Das schuf natürlich eine wohlbehäbige Stimmung, die, was einst geschehen
war, mit dem Mantel der Nächstenliebe bedeckte.
Die Kibelkas waren auch geladen, und der Ehemann lag schon längst in
seligem Schlaf hinter der Scheune. Aber die kleine Anikke hatten sie
nicht mitbringen dürfen. Das hatte Alute so bestimmt. Und sie erwies
sich damit wieder einmal als die klügste von allen. Denn wenn die
ortsarme Waise sich gleich wie ein Kind des Hauses unter den Gästen
herumbewegt hätte, so wären Befremden und Verdacht alsbald am Werke
gewesen, den verständnislosen Klatsch noch mehr ins Böse zu wenden.
Als nun aber die Brautsuppe kam, deren Branntwein Alute mit Kirschsaft
und Honig üppig gesüßt hatte, und hierauf die Neckereien selbst unter
den Frauen immer kühner aufflackerten, da wurde auch lächelnd des armen
Kindes gedacht, das gestern noch ein Stein des Anstoßes gewesen war.
»Sonst bringt wohl eine Witfrau immer was Lebendiges mit in die Ehe,«
sagte eine der Nachbarinnen. »Hier tut es der Bräutigam, obwohl er noch
Junggesell' ist.«
Und eine andere sagte: »Ihr braucht euch gar nicht erst selbst zu
bemühen. Euch fliegen die Kinder nur so vom Himmel.«
Und eine dritte: »Kauft's den Kibelkas ab. Für eine Buddel Schnaps gibt
er euch auch die drei eigenen dazu.«
Alute, die heute das rotblonde Haar würdig unter dem Frauentuch
versteckt hielt und auf deren Wiste eine goldene Brosche strahlte, so
groß wie auf der Brust einer Königin, hörte das alles mit nachsichtigem
Lächeln an und sagte dann gleichsam überlegend: »Ihr habt eigentlich
Recht. Ich wollte es meinem Mann schon selber anbieten, aber ich glaube,
er wird es nicht zugeben, weil es gar zu sonderbar aussieht.«
Darauf erhob sich ein Widerspruch, der diesmal ganz harmlos und
aufrichtig war. Was denn dabei sei! Und »wenn er das Kind doch nun
einmal gern hat?«
Eine besonders Eifrige erbot sich sogar, anspannen zu lassen und die
kleine Anikke sofort aus Wiszellen zum Feste zu holen.
Dem Miks Bumbullis, der in angstvoller Freude schweigend dasaß, stieg
das Herz hoch, aber Alute winkte beruhigend ab. Dazu sei auch später
noch Zeit, und niemand dürfe sich ihr zu Dank die Stunden des Festes
verkürzen.
Madlyne, die als die oberste Ordnerin zwischen den Gästen herumhuschte
und wegen ihrer niedlichen Fixigkeit und ihrer wippenden Röcke von den
Burschen »Melinoji kielele« -- das Bachstelzchen -- gerufen wurde, war,
als sie in dem Brautwinkel von dem Kinde reden hörte, lauschend stehen
geblieben und sagte nun mit einem Lachen hinüber: »Wenn ihr es alle
durchaus begehrt, dann bin ich die erste, die sich den Dank der Wirtin
verdienen muß, und das werde ich morgen auch tun.«
Frau Alute warf ihr einen Blick zu, in dem von Dank nicht viel zu lesen
stand, aber sie war schon weiter gelaufen und wehrte sich fröhlich gegen
drei Burschen, die ihre Mädchen im Stich gelassen hatten, um sich mit
ihr ein bißchen herumzureißen.
Am nächsten Tage gab es noch Hochzeitstrubel genug auf dem Hofe und am
dritten auch. Als aber alles still geworden war und die jungen Eheleute
nicht zum Vorschein kamen, da machte sich Madlyne auf den Weg und kam
zwei Stunden später mit der kleinen Anikke wieder, die ein neues,
grüngesticktes Miederchen anhatte und mit großen, sehnsüchtig
ängstlichen Augen der künftigen Heimat entgegensah.
Hinterher ging der zwölfjährige Jons mit einem Bündel, in dem die
Siebensachen des Ziehkindes eingebunden waren. Als das Hoftor in Sicht
kam, mußte er Schuhchen und Strümpfchen daraus hervorholen, damit sie
nicht etwa barfuß ankam.
Es war nun wirklich so, als ob eine kleine Prinzessin ihren Einzug
hielt.
Unter der Ulme vor der Tür saß das Ehepaar und aß dicke Milch mit
Zucker, denn es war Vesperzeit.
Anikke löste sich von Madlynens Hand und wollte auf Miks zueilen, da sah
sie ein Paar Augen, deren Blick sie mitten im Laufe erstarren machte;
sie wußte nicht mehr, sollte sie vorwärts oder zurück.
Aber da kam auch schon die lustige Madlyne ihr nach und sagte: »Warum
hast du Angst vor deiner Pflegemutter, mein Vögelchen? Die hat
versprochen, sie tut dir nichts.«
Anikke machte einen schönen Knicks, wie sie ihn in der Schule gelernt
hatte, und wartete auf ein Willkommen.
Wenn sie noch lebte, würde sie auch heute noch darauf warten.
10
Wer aber nun glauben wollte, daß die kleine Anikke es schlecht gehabt
hätte, der würde sehr im Irrtum sein. Frau Alute war eine viel zu kluge
Frau, um nicht zu wissen, daß sie durch ein sichtbares Hervorkehren
ihrer Abneigung dem Manne, mit dem sie nun einmal Tisch und Bettstatt
teilte, die Lust an ihr selbst von vornherein verderben mußte. Sie tat
darum so, als ob sie das Kind um seinetwillen nicht ungern duldete, und
ließ sich jede Brosame ihrer Gutwilligkeit durch doppelte Liebesdienste
von ihm bezahlen.
Miks Bumbullis war ein umsichtiger Wirt und ein treuer Verwalter. Er
arbeitete von früh bis spät und dachte an alles. Die Kartoffeln
gediehen, das Heu kam trocken in Käpsen, und als die Roggenaust begann,
wurde beim Mähen sein Kreuz nicht müde. In seinem Wesen war eine große
Veränderung vor sich gegangen. Er trieb sich nicht mehr in den Krügen
herum und kam selbst vom Wochenmarkt nüchtern nach Hause. Auch das
Wilddieben hatte er aufgegeben, und wenn die Versuchung an ihn
herantrat, nachts über die Grenze zu gehen, so sagte er, seine Frau
wünsche es nicht.
Das war aber keineswegs so. Im Gegenteil, was der Alute einst an ihm
gefallen hatte, war sein ungebärdiges und zügelloses Treiben gewesen.
Sie hatte gedacht, in ihm den Hitzigsten und Forschesten von allen zu
eigen zu haben, und war nun bitter enttäuscht, daß er wie irgend ein
Kopfhänger neben ihr herging.
Daß er auch spaßen und lustig sein konnte, blieb ihr freilich verborgen,
denn das geschah nur, wenn er mit dem Kinde allein war. Dann spielte er
mit ihm alle die Spiele, zu denen mehr als zweie nicht nötig sind, und
ersann sich täglich neue dazu.
Da war eines, das hieß »die Katzenfalle«. Dabei muß einer durch die
hohlen Arme des anderen hindurchkriechen, und weil er natürlich für ihre
Kinderärmchen viel zu dick war, so gab das des Lachens kein Ende. Und
ein anderes »die Windmühle«. Wenn man die darstellen will, muß man sich
zwei Hopfenstangen kreuzweis am Leibe festbinden lassen und sich nun
ganz rasch um sich selber drehen. Kann der andere eine der Stangen
ergreifen und so die Mühle zum Stillstehen bringen, dann hat er
gewonnen.
So trieben sie ihre Kurzweil oft bis in die Dämmerung hinein, aber
beileibe nicht auf dem Hofe, sondern weit draußen, damit ihr Lachen
nirgends zu hören war. Denn sie hatten immer ein Gefühl, als sei dies
nicht wohlgelitten.
Nur vor Madlyne schämten sie sich nicht. Ja, die durfte sogar die dritte
im Bunde sein. Und dann ging es erst recht hoch her.
Aber Madlyne war um die Abendzeit meistens wo anders heftig beschäftigt.
Denn hinter dem Gartenzaun lauerten die Burschen von weit und breit, und
immer war ein Gejacher um sie herum und ein Gegluckse, das nahm kein
Ende.
Aber wenn es zum Heiraten kommen sollte und der Freiwerber die Stube
betrat, dann konnte er auch bald wieder gehen. Kaum daß er noch den
Kirschschnaps austrank, so sehr lachte Madlyne. Hinterher machte Alute
ihr stets die heftigsten Vorwürfe, aber sie kehrte sich nicht im
mindesten daran.
»Was willst du von mir?« sagte sie. »Arbeite ich nicht ebenso fleißig
wie eine Magd? Und weil mein Mütterliches mit in der Wirtschaft steckt,
so arbeite ich auch für mich selber.«
Davon ließ sich nichts abdrehen, denn es war alles die Wahrheit.
Seit der Hochzeit hatte Madlyne drüben in der Klete geschlafen, denn sie
meinte, die jungen Eheleute möchten im Hause am liebsten allein sein.
Aber weil die Burschen ihr dort bis in den Morgen keine Ruhe ließen und
der Hofhund aus dem Bellen nicht mehr herauskam, so siedelte sie wieder
in die Kammer jenseits des Hausflurs über. Und Miks war neidisch auf
sie, denn in dem Raume daneben schlief das Kind. Zudem nahm er an, daß
die Burschen ihr selbst hierhin folgten, und er wollte nicht, daß Anikke
erwachte, wenn ein Begünstigter zu ihr hereinstieg. Noch hatte er
freilich keinen ertappt, aber wie sollte es anders sein.
Und so verliebter Natur war Madlyne, daß sie es nicht unterlassen
konnte, selbst ihm von ihrer Zärtlichkeit hie und da ein Zeichen zu
geben. Es lag nie etwas Grobes oder Dreistes darin. Wie ihr ganzes
Wesen, so war auch dies von einer zarten und behutsamen Zierlichkeit, so
daß man es sich gern gefallen ließ, auch wenn man nicht darauf eingehen
wollte.
Ihr Lächeln und ihr Umihnsein wurde allgemach eine einzige große
Liebkosung, die um so wohler tat, als man nicht nötig hatte, sie ernst
zu nehmen. Denn die Lustigkeit, mit der sie sich an ihn
heranschmeichelte, machte jeden Gedanken an künftige Buhlschaft
zuschanden.
Dann einmal, als er unbemerkt dazukam, hörte er sie eine Daina singen,
die lautete umgedeutscht etwa so:
Liegt mir ein Lämmlein
Im reißenden Strome,
Frag' ich nicht lange,
Ob ich's errette,
Nein doch, ich springe ihm nach.
Liegt der Geliebte
Im Arme der Muhme,
Frag' ich mich täglich,
Ob ihn erretten,
Und ich weiß doch nicht wie.
Gönn' ich den Lieben
Der bösen Muhme,
Die ihm mit Tränkchen,
Aus Giftkraut bereitet,
Zankend den Schlummer verdirbt?
Oder ich sage:
»Komm, lieber Schwager,
In meiner Kammer
Steht eine Bettstatt
-- Ach, so schmal ist das Bett! --
Aber zur Mauer,
Der eiskalten Mauer,
Rück' ich geschwinde,
Daß du es warm hast
Und mich im Arm hast und schläfst.«
Soll ich's ihm sagen,
Oder verschweig' ich's,
Bis einst der Kummer
Vom Lager der Muhme
Nach dem Strome ihn treibt?
Und hätt' ich tausend
Der Lämmlein errettet,
Ihn, den ich liebe,
Ließ ich verderben,
Und ich sprang ihm nicht nach.
Sachte schlich Miks sich aus ihrer Nähe, denn er wollte sie nicht wissen
lassen, daß sie von ihm belauscht worden war. Und als er sie wiedersah
und ihr lachendes, glattes Gesichtchen betrachtete, konnte er es nicht
fassen, daß sie ein so finsteres und hitziges Lied gesungen hatte.
Und ein anderes Mal, als sie die kleine Anikke auf dem Schoße hielt,
sang sie folgendes:
Kindchen, mein Kindchen, gehörtest du mir,
Ich schenkte dir Kleider und goldene Zier,
Ich schenkte dir Betten von Seide so weich
Und schenkte dir Gott und das Himmelreich.
Auch einen Liebsten schenkt' ich dir wohl,
Der dich zur Kirche hinführen soll.
Du aber, Kindchen, was schenktest du mir?
Ich lieg' alleine und bang' mich und frier',
Und der, der dich liebt wie sein Augenlicht,
Der siehet mich nicht und höret mich nicht.
Wenn der mich wollte und ließe von ihr,
Dann, Kindchen, mein Kindchen, gehörtest du mir.
Von nun an fing Miks an zu überlegen, ob er sie nicht einmal in die Arme
nehmen sollte. Aber er bezwang sein Gelüste, denn wenn er an all die
jungen Leute dachte, die bei ihr angeklopft hatten, erschien es ihm
nicht gut genug, ein »Kuszbendris« -- ein Weibsteilhaber -- zu sein;
auch mochte er um des Kindes willen das Haus nicht mit Verdacht und
Unfrieden erfüllen.
Aber der Unfriede kam auch ohne dies.
Als es kalt wurde, siedelte Madlyne mit dem Kinde von der anderen Seite
des Hauses her in die gutgeheizte Kleine Stube über, deren Zwischentür
kein Schloß und keine Klinke hatte und darum immer ein wenig offen
stand.
Von nun an schämte er sich, bei seiner Frau zu liegen, und machte
allerlei Ausflüchte, um sich irgendwo anders einzuquartieren. Und da ihm
nichts Besseres einfiel, fing er das Leben wieder an, das er einst
geführt hatte, als das große Unglück noch nicht geschehen war. Denn nur
so konnte er die Nacht zum Tage machen.
Er suchte die Krüge auf, von wo aus im Schutze der Dunkelheit der
Schmuggel über die Grenze ging, und da es nicht immer was zu tragen gab,
nahm er auf alle Fälle die Flinte mit, um das Frühmorgenlicht für einen
Rehbock auszunutzen.
So konnte es nicht ausbleiben, daß er wieder in schlechten Ruf kam, und
Alute, die deswegen gerade einstmals ihr Herz an ihn gehängt und ihn
noch kurz vorher einen »Schwanzeinkneifer« genannt hatte, schalt ihn nun
heftig aus, weil ihre ehrliche Wirtschaft durch ihn zu einer Räuberhöhle
würde.
Aber er kehrte sich nicht daran.
Eines Tages nahm ihn Madlyne beiseite und sagte: »Es tut nicht gut,
Miks, daß du so oft unterwegs bist, du solltest dich mehr zum Hause
halten.«
»Aus welchem Grunde wünschst du mir das?« fragte er.
»Sieh dir das Kind an,« erwiderte sie und wandte sich ab.
Er erschrak, denn er hatte es bisher für selbstverständlich genommen,
daß es der kleinen Anikke gut ging. Tagsüber war sie in der Schule, die
Nacht schlief Madlyne mit ihr. Zudem hatte seine Frau noch nie etwas
Feindseliges gegen sie unternommen. Höchstens daß sie sie nicht
beachtete.
Jetzt aber, da er das Kind im Auge behielt, fiel ihm auf, daß es
ungerufen nicht mehr an ihn herankam, sondern sich zaghaft in den
Winkeln herumdrückte. Auch sah es blaß und schwächlich aus und hatte
doch während des Sommers geblüht wie ein Tausendschönchen.
Er versuchte, es ins Gebet zu nehmen, aber es wollte nicht mit der
Sprache heraus. Nur weinen tat es bitterlich.
Da legte er sich eines Abends auf die Lauer und mußte erleben, daß Alute
das Kind mit einem Lederzaum schlug, in dem noch die messingnen
Schnallen steckten.
Er stürzte aus seinem Versteck hervor, riß der Armen Kleider und Hemde
herunter und fand das Körperchen von oben bis unten mit Striemen und
blauen Flecken bedeckt.
Da hob er den Zaum auf, den das wütende Weib von sich geworfen hatte,
und prügelte es so lange, bis es sich winselnd am Boden krümmte. Auch
gegen Madlyne wandte er sich in seinem Zorn, und von nun an saß der
Teufel im Hause.
Madlynens Lied wird Recht behalten, dachte er oft, wenn der Kummer ihn
zur Nacht aus dem Hause trieb.
11
So geschah es eines Novembermorgens kurz vor dem roten Sonnenaufgang,
als er durchfroren im jungen Schnee saß und gerade auf einen schönen
Bock anlegen wollte, daß er rückschauend eine Flintenmündung auf sich
gerichtet sah und einen grünbändrigen Hut dahinter, den er wohl kannte.
Er wollte sein Gewehr an die Backe reißen, aber er wußte: es war zu
spät. Darum stand er ganz gemächlich auf und sagte: »Na, wieviel Jahr'
wird es kosten?«
»Nicht halb so viel, wie du mich Nächte gekostet hast, Miks,« erwiderte
der stämmige Förster, der des erschossenen Hegemeisters Nachfolger war,
und er fügte hinzu: »Die Flinte laß liegen. Die hol' ich mir später.
Sonst könnte es passieren, daß du sie mir beim Transport wieder abnimmst
und meine dazu.«
»Ich bin gar nicht so schlimm, wie die Leute es machen,« lachte Miks und
schlug, ohne erst viel zu fragen, den Weg zum Gendarmen ein, dem er ja
doch abgeliefert werden mußte. Der Förster ging zehn Schritt weit
hinterdrein und hielt die Flinte schußbereit.
»Dreh dich lieber nicht um,« sagte er ganz freundlich, als Miks das
Gespräch fortsetzen wollte, »sonst sitzt dir doch gleich eine Kugel im
Genick.«
Miks hatte nun eine halbe Stunde Zeit, über das Geschehene nachzudenken.
Daß er von der Alute wegkam, war eigentlich ein Segen. Aber dann
plötzlich gab ihm das Herz einen Stoß bis in die Kniekehlen hinein. Das
Kind! Was wird nun aus dem Kinde?
»Ich Dummerjan,« dachte er, »schon wegen des Kindes allein hätt' ich es
nicht dürfen.«
Und er fing tausend Pläne zu schmieden an, wie er von der
Untersuchungshaft aus die kleine Anikke in andre Pflegschaft bringen
könnte. Aber er verwarf sie alle. Wenn er die Aufmerksamkeit der
Behörden auf das Kind zurücklenkte und in den Verhören irgend ein
Widerspruch laut wurde, so konnte das künstliche Fachwerk, das Alute
damals aufgebaut hatte, davon zusammenfallen wie eine Haferhocke.
Bald begegneten ihnen auch Leute, die halb mitleidig, halb schadenfroh
den Zug begleiteten. Reden durften sie nicht mit ihm. Das verbat sich
der Förster. So gingen sie in halblauten Gesprächen neben dem Miks
daher, und weil sie wußten, daß der Förster kein Litauisch verstand,
erwogen sie auch ohne Scheu, ob er nicht doch den Mord auf dem Gewissen
habe.
Miks Bumbullis hörte das alles. Es war ein rechter Leidensweg.
Die Schar der Neugierigen wuchs mit jedem Schritte, und als er vor dem
Hause des Gendarmen ankam, hatte er ein Gefolge wie ein König. -- --
Miks bestritt natürlich alles. Von dem Bock wisse er nichts. Er habe nur
ein paar Krähchen schießen wollen, und das könne unmöglich ein großes
Verbrechen sein.
Ob er sich nicht schäme, so faule Ausreden zu machen, fragte der
Richter.
O nein, er schämte sich nicht. Er wollte ja bei dem Kinde bleiben.
In der Hauptverhandlung kam er mit seinem Weibe und Madlyne wieder
zusammen. Er hatte bisher in seinem Innern gewünscht, das Kind möchte
nicht geladen sein, denn es war nun schon groß genug, um zu verstehen,
welche Schande er ihm antat. Aber nun es wirklich nicht da war, tat ihm
das Herz weh. Er hätte es so gern einmal wiedergesehen.
Madlyne gab sich lange nicht so adrett und fixniedlich wie dazumal, und
ihre Augen waren klein und verheult. Aber ihre Antworten kamen auch
diesmal wie aus der Pistole geschossen.
Die Flinte habe er wohl gehabt, aber nie in Gebrauch genommen. Ja
richtig! Einmal habe er eine Eule geschossen. Das war alles.
Alute schien ihm die schlechte Behandlung längst wieder vergessen zu
haben. Nie sei er zu ungewöhnlichen Zeiten aus dem Hause gewesen, nie
habe er die Flinte vom Nagel geholt, nie habe er ein Stück Wild oder das
Geld dafür von seinen Wegen nach Hause gebracht.
Schade, daß die Frauensleute nicht schwören durften!
Alute zögerte zwar keinen Augenblick, von ihrem Eidesrechte Gebrauch zu
machen, aber der böse Staatsanwalt wußte es zu verhindern, ebenso wie
bei Madlyne, die ihm als Hehlerin verdächtig schien, und so blieben
beider Aussagen wirkungslos.
Doch auch die andern, die vereidigt wurden, hielten sich wacker. Selbst
diejenigen, die ihn so und so viele Male wegen seiner Schießereien
geneckt hatten, konnten sich nicht erinnern, je davon gehört, geschweige
denn eine Flinte an ihm gesehen zu haben.
Aber was half das alles! Seine einstige Bestrafung richtete sich drohend
hinter ihm auf, und der unaufgeklärte Mord schwebte mit dunklen Flügeln
über ihm. Wenn auch nur der Staatsanwalt mit argwöhnischer Anspielung
darauf Bezug nahm, ein jeder fühlte, daß um ihn herum Geheimnisse
verborgen lagen, die nur eines rächenden Anlasses bedurften, um gegen
ihn loszubrechen.
Als der Richterspruch verkündet wurde, der ihm drei Jahre Gefängnis
zuerkannte, erhob sich Alute, die bis dahin vermieden hatte, seinem Auge
zu begegnen, langsam von der Zeugenbank und nickte, den Kopf feierlich
wiegend, eine ganze Weile lang zu ihm herüber.
Er schauderte noch Tags hinterher, wenn er dran dachte.
Trotzdem bezwang er sich und verlangte, daß, bevor er in die
Strafanstalt überführt wurde, die Seinen ihn besuchten, denn er wußte,
daß dies die einzige Möglichkeit war, die kleine Anikke noch einmal zu
sehen.
Madlyne hatte ihn wohl verstanden. Denn als die Zellentür sich öffnete
und hinter der Alute auch sie hereintrat, da hielt sie richtig das Kind
an der Hand.
Miks Bumbullis mußte sich sehr zusammennehmen, sonst wäre er vor dem
Kinde niedergekniet und hätte geweint und geweint.
Nun aber sagte er bloß: »Da seid ihr ja alle,« und begrüßte sie
freundlich der Reihe nach.
Alute, die einen neuen, weißen Schafpelz trug und auch sonst sehr
unternehmend aussah, sagte zu ihm: »Ich könnte mich jetzt von dir
scheiden lassen, aber das werde ich nicht tun. Nein, das werde ich nicht
tun.«
Er antwortete: »Tu, was du für recht hältst. Wenn du nur gut zu dem
Kinde sein willst.«
»Ich bin gut zu dem Kinde gewesen,« erwiderte sie, »aber da hast du
alles verdorben.«
Er demütigte sich vor ihr und sagte: »Ich werde meine Fehler bereuen und
ablegen, wenn du mir nur versprichst, daß du gut zu dem Kinde sein
willst.«
Sie machte ein hochmütiges Gesicht und antwortete: »Ich verspreche es.«
Dann reichte sie ihm die Hand und verlangte von dem Aufseher, er möge
sie hinauslassen.
Der Aufseher tat es und wollte auch die andern auffordern fortzugehen,
da bemerkte er, daß Miks vor dem Kinde niedergekniet war und weinte und
weinte. Und weil er ein guter und aufrichtiger Mann war, so schloß er
die Tür noch einmal und ließ ihn gewähren.