1
Der Grigas und die Eve waren zum Johannisfeuer gegangen, hatten sich
dann beim Heimweg irgendwo im Gebüsch noch aufgehalten, wie das junger
Menschenkinder gutes Recht ist, und als sie sich dem Försterhause
näherten, verschämt und verstohlen, da war es fast schon heller Tag.
Der Grigas bemerkte als erster, daß die Lampe im Wohnzimmer des Herrn
noch brannte. Er winkte der Eve rasch, sich von hinten herum ins Haus zu
schleichen, und tat so, als sei er schon bei der Arbeit. Er machte sich
an dem Holzlager zu schaffen und warf mit großem Gepolter etliche
Erlenkloben zwecklos übereinander.
Damit begehrte er die Aufmerksamkeit des alten Hegemeisters auf sich zu
lenken und der Eve den heimlichen Wiedereintritt zu erleichtern.
Aber der Anruf des strengen Brotherrn, den er erwartet hatte, blieb aus.
»Wird wohl auf dem Sofa eingeschlafen sein,« dachte er und setzte
erleichtert die Pfeife in Brand.
Aber da sah er, wie vom Giebelende her die Eve mit heftigen Gebärden
nach ihm zu rufen schien. Er begab sich vorsichtig in ihre Nähe und
erfuhr zu seinem lebhaften Erstaunen, daß sie beim Nachsehen das
Bettchen der kleinen Anikke leer gefunden habe.
Anikke war das vierjährige Kind eines weitläufigen Neffen, das der Alte
zu sich genommen hatte, seit der Vater verschollen und die Mutter aus
Gram darüber dem Lungenhusten erlegen war. Als erster Gedanke stieg dem
Grigas auf, daß nur eine der Laumen die Anikke entführt haben könne.
Denn daß diese Feen sich mit dem Wegnehmen und Auswechseln von Kindern
befassen, auch lange nachdem sie getauft sind, das weiß ja selbst der
Dümmste.
Aber Eve, die sonst immer seiner Meinung war, wollte ihm nicht Recht
geben. Die brennende Lampe -- und die Stille im Haus -- und dazu kam
noch eins, was sie vorhin beim Näherkommen bemerkt haben wollte: Das
Fenster war geschlossen gewesen, aber in einer der Rauten hatten die
Scherben gehangen.
So faßte er sich denn ein Herz und machte sich dicht vor der
erleuchteten Stube zu schaffen.
Und beim Hineinschielen -- was sah er da? Der alte Wickelbart lag auf
dem Boden in seinem Blute, und in dem seitlich ausgestreckten Arme
schlief das Kind.
Weinen und Wehklagen machen keinen Totgeschossenen wieder lebendig. Sie
wußten auch gleich, wer's getan hatte: »Miks Bumbullis« sagten sie fast
in einem Atemzuge.
Der Miks Bumbullis war nämlich vor zwei Tagen von dem alten Hegemeister
abgefaßt worden, wie er gerade ein frisch erlegtes Reh ausnahm und dazu
ein »_Tewe musso_« betete. Denn das Vaterunser ist immer gut gegen das
Abgefaßtwerden. Aber diesmal hatte es dem Miks nichts geholfen. Er hatte
sogar noch seine Flinte hergeben müssen, und wenn der Alte ihn nicht
gefangen mit sich führte, so geschah es nur darum, weil er genau wußte,
daß sein Gefangener ihn während des Weges trotz seiner Schußwaffe
überwältigen würde.
Und nun hatte er doch daran glauben müssen. Denn mit dem Miks Bumbullis
war nicht zu spaßen. Wo man nachts beladen über die Grenze ging, wo dem
Zamaiten das Fuhrwerk ausgespannt wurde, wo man dem Juden den Schnaps
auf die Straße goß, -- der Miks war überall dabei. Nun gar das verdammte
Wilddieben!
Und er hätte es so gut haben können! Die Wirtstöchter weit und breit
waren nach ihm aus. Auch eine junge Witfrau sogar! Und was für eine! Mit
einem Hof von hundertzwanzig Morgen. -- Die hatte schon zweimal den
Vermittler zu ihm geschickt.
Aber er? Nun, da sah man's ja.
Der Grigas und die Eve hoben das Kind aus dem starr gewordenen Arm, und
als sie ihm das blutige und tränennasse Hemdchen vom Leibe zogen, da
wachte es nicht einmal auf.
Nun lag es zwischen den rotbunten Kissen und lächelte wie so ein
Engelchen.
Dann wollten sie an die Arbeit gehen, den Leichnam abzuwaschen und auf
die Totenbahre zu legen. Da fiel dem Grigas zur rechten Zeit noch ein,
daß man jeden, der eines unnatürlichen Todes gestorben ist, liegen
lassen muß, wie er gefunden wurde, bis die Herren vom Gericht dagewesen
sind. Und so geschah es auch.
2
Der Miks Bumbullis war bald gefunden. Er trieb sich in den Krügen umher
und erklärte in seiner Betrunkenheit jedem, der es wissen wollte, er sei
von dem Hegemeister beklappt worden. Darum müsse er jetzt auf ein paar
Jahr in die Kaluse. Aber von dem Morde wußte er nichts.
Dem Gendarm, der ihm Handschellen anlegte, streckte er die Zunge aus und
bestand darauf, daß der Krüger sich das Geld für die Zeche selber aus
der Hosentasche hole, denn er müsse die kostbaren Armbänder schonen, die
der Staat ihm geschenkt habe.
Ein strammer, gedrungener Kerl war er mit einem blonden
Unschuldsgesicht. Trug das Haar noch von der Soldatenzeit her glatt an
der Seite gescheitelt und sah mit großen, ausgeblaßten Augen gelassen in
die Runde.
Sein erstes Verhör verlief wesentlich anders, als der
Untersuchungsrichter erwartet hatte. Der alte Hegemeister habe es zwar
schon lange auf ihn abgesehen gehabt, im Walde Mann gegen Mann würde er
auch sicherlich auf ihn abgedrückt haben, das hätte die Ehre von ihm
gefordert; den Schuß durchs Fenster aber habe ein anderer getan.
Soweit war alles in Ordnung.
Wo er sich denn in der Mordnacht aufgehalten habe?
Und nun kam die merkwürdige Wendung.
Er sei irgendwo eingestiegen, sich eine neue Flinte zu beschaffen. Wo,
sage er nicht.
Was er denn mit der Flinte habe anfangen wollen, da er doch sicher
gewesen sei, alsbald verhaftet zu werden?
Er habe über die Grenze gehen wollen, und da drüben müsse man immer was
in der Hand haben.
Der Untersuchungsrichter legte ihm ans Herz, daß, wenn er nicht angeben
wolle, _wo_ er den Einbruch verübt habe, sein Kopf sich schon als
abgetan betrachten könne. Aber auch das half nichts.
Noch an demselben Tage wurde er zwischen zwei Gendarmen auf einen
Bretterwagen gesetzt und die zwei Meilen weit zur Mordstätte gefahren.
Das Publikum in Heydekrug sammelte sich am Wege und starrte ihn an. Das
schien ihm großen Spaß zu machen.
Grigas und Eve empfingen die Gerichtskommission mit der dienstfertigen
Würde des guten Gewissens, die heftig in Verlegenheit umschlug, als
ihnen die näheren Umstände der frühmorgendlichen Heimkunft abgefragt
wurden.
Der Tatbestand war klar. Der Bruch der Fensterscheibe schien auf einen
Schrotschuß hinzuweisen, obwohl nur _eine_ Wunde -- dicht über dem
Herzen -- sich vorfand. Genaueres festzustellen blieb der Leichenöffnung
vorbehalten. Fußspuren ließen sich nicht entdecken.
Als Miks Bumbullis vor die Leiche geführt wurde, tasteten ein halbes
Dutzend Augenpaare gierig nach seinem Angesicht. Der große Augenblick,
der so manches Geständnis aus der Seele reißt, verging ungenutzt.
Ruhevoll -- ein wenig neugierig fast -- blickte Miks auf den liegenden
Körper nieder und sah sich dann, als suche er irgend etwas, in der Stube
um.
Die üblichen Vorhaltungen, die der Dolmetsch, ein kluger, kleiner Mann,
der in der Seele des fremden Volkes zu lesen gewohnt war, noch
eindrucksvoller übersetzte, verhallten ungehört.
»Ich weiß von rein gar nuscht,« blieb die einzige Antwort.
Nur als hierauf die kleine Anikke weinend hereingeführt wurde, flog ein
Schein wie von plötzlicher Ermüdung über die gestrafften Züge -- einen
Augenblick nur --, dann war er wieder der alte.
Aus dem Kinde ließ sich, wie natürlich, vor den fremden Männern nichts
herausbringen. Eve trat für sie ein und berichtete, was sie im
Zwiegespräch ausgeplaudert hatte.
Weil Eve nicht dagewesen sei, habe sie vor Angst nicht einschlafen
können und immerzu geweint. Da sei der Großvater gekommen, habe sie aus
dem Bettchen genommen und zu sich aufs Knie gesetzt. Mit einmal habe es
draußen geknallt, der Großvater sei aufgesprungen, und dann habe er sich
auf die Erde gelegt und sei eingeschlafen. Und dann sei auch sie
eingeschlafen.
Der Untersuchungsrichter wandte sich an Miks.
»Als Sie auf den Hegemeister anlegten und das Kind auf seinem Schoß
sitzen sahen, schlug Ihnen da nicht das Gewissen, daß Sie statt seiner
das unschuldige Wesen treffen könnten?«
»Ich weiß von rein gar nuscht,« war wie immer die Antwort. Aber etwas
wie ein Schlucken oder Schluchzen lag darin. Und als das Kind
hinausgeführt wurde, sah er ihm mit einem Blick nach, wie der Hund nach
der Wurst.
Am nächsten Tag bequemte sich Miks zu dem Geständnis, wo er in der
Johannisnacht eingebrochen war. Sonderbarerweise hatte er sich den Hof
jener Witfrau ausgesucht, die seit eineinhalb Jahren auf ihn Jagd
machte. Er habe gehört, daß ihr verstorbener Mann im Besitz einer Flinte
gewesen sei, und die habe er sich holen wollen. Es sei aber nichts zu
finden gewesen.
Woher er das Haus so genau kenne, daß er den Einbruch mit Aussicht auf
Erfolg habe unternehmen können?
Darauf blieb er die Antwort schuldig.
3
Nun trat -- vorgeladen -- Frau Alute Lampsatis in die Erscheinung. Eine
hübsche Dreißigerin mit breit ausladenden Hüften und einem sorgfältig
weggeschnürten Busen. In dem roten, fleischigen Gesicht saß ein Paar
unruhig sinnlicher Augen, und unter dem zurückgeschlagenen Kopftuche
glitzerte eine Art von Schuhschnalle hervor, obwohl das reiche rotblonde
Haar keines Schmuckes bedurfte.
In gebrochenem Deutsch, doch mit großem Wortschwall versicherte sie, sie
sei eine anständige Besitzerin, und niemand könne ihr etwas Schlechtes
nachsagen.
Darauf komme es hier gar nicht an, belehrte sie der Richter. Sie habe
nur zu bezeugen, ob sie in der Johannisnacht oder nachher etwas von
einem bei ihr verübten Einbruche bemerkt habe.
Aber sie blieb dabei, sie sei eine anständige Besitzerin, und niemand
könne ihr etwas Schlechtes nachsagen.
Der Richter wußte sich nicht anders zu helfen, als daß er den Dolmetsch
holen ließ, der sie in ihrer Muttersprache so kräftig anschrie, daß ihr
die Lust zu Ausflüchten verging.
Sie selbst habe zwar geschlafen, aber ihre Nichte -- die Madlyne --, als
die vom Johannisfeuer gekommen sei, da habe sie einen Mann aus dem
Fenster der Klete steigen sehen, der in der Richtung nach dem Walde
verschwunden sei.
Der Richter und der Dolmetsch lächelten sich an. Sie glaubten den
Schlüssel zu den Aussagen der ehrbaren Witwe gefunden zu haben.
Es traf sich gut, daß Frau Alute ihre Nichte gleich mitgebracht hatte.
Sie wurde heraufgeholt und stellte sich als ein achtzehnjähriges
Püppchen dar mit wasserhellen Augen und einem Kirschenmund. Sie war im
Sonntagsstaat, trug eine grünseidene Schürze über der selbstgewebten
Marginne und blütenweiße Hemdärmel, die aus dem reichgestickten Mieder
hervorquollen. Ein Bauernmädchen wie aus der Operette.
Mit ihr war nicht schwer zu verhandeln, denn sie sprach ein
ausgezeichnetes Deutsch, gab kurze, klare Antworten und konnte auf der
Stelle vereidigt werden.
Sie war -- gleich Grigas und Eve -- gegen Morgen vom Johannisfeuer
gekommen --
»Allein?«
Sie senkte schämig die langwimprigen Lider.
»Ganz allein.«
-- da habe sie schon von weitem den Hund bellen hören und sich darum
hinter dem Zaun versteckt gehalten. Und da sei auch richtig ein Mann aus
dem Fenster der »Kleinen Stube« gestiegen.
»Ich denke, der Mann kam aus der Klete?« fragte der Richter.
Die Klete -- der Raum, in dem die haltbaren Vorräte aufbewahrt werden --
pflegt sich in älteren Wirtschaften unter einem gesonderten Dache zu
befinden.
»Ak nei, ak nei,« versicherte Madlyne, und vor lauter Bekenntniseifer
schoß ihr das Blut in das Wachspuppengesicht. »Akkrat aus der Stubele is
er gekommen, das kann ich beschwören.«
»Und wo schläft deine Tante, Madlyne?«
»Die schläft in der Stuba -- der Großen Stube -- das kann ich
beschwören.«
Die Große und die Kleine Stube liegen stets auf derselben Seite des
Hausflurs und sind durch eine Tür verbunden.
Der Richter und der Dolmetsch lächelten sich abermals an.
Madlyne wurde hinausgeschickt und statt ihrer Frau Alute wieder
hereingerufen.
Nachdem der Richter ihr durch den Dolmetsch die schwerwiegenden Folgen
eines etwaigen Meineides hatte ausmalen lassen, stellte er den
Widerspruch klar, der zwischen der heutigen Aussage Madlynens und dem,
was sie von ihr erfahren haben wollte, bestand.
Frau Alute behauptete abermals, sie sei eine anständige Besitzerin, und
niemand könne ihr etwas Schlechtes nachsagen. Dabei blieb sie jetzt auch
der Beredsamkeit des Dolmetsch gegenüber, der ihr sämtliche
Höllenstrafen der Reihe nach vorführte.
Der Richter glaubte, weil er Madlynens Umfall fürchtete, auf eine
Gegenüberstellung der beiden Verwandten verzichten zu sollen, und
beschränkte sich darauf, das Motiv des angeblichen Einbruchs der Klärung
näherzubringen.
Ob sie eine Flinte im Hause habe.
Sie verneinte heftig.
Oder gehabt habe.
Auch das nicht. Zu Lebzeiten ihres Mannes sei wohl ein Schießgewehr
dagewesen, womit der Selige die Karekles -- die jungen Krähen -- von den
Fichten heruntergeholt habe, aber als er dann krank geworden sei, habe
er es eines Tages an den Juden verkauft.
»An welchen Juden?«
Das konnte sie natürlich nicht wissen. »Der Jude ist der Jude, und einer
sieht aus wie der andere.«
Der Richter, der bisher den Kern der Angelegenheit sorgsam umgangen
hatte, hielt den Augenblick für gekommen, den Namen des Beschuldigten
ins Treffen zu führen.
Ob sie den Miks Bumbullis kenne.
Sie zeigte sich nicht im mindesten bestürzt oder auch nur befangen.
Wie sollte sie den Miks Bumbullis nicht kennen. Er war ja mit ihrem
seligen Mann immer zusammen über die Grenze gegangen.
Der Dolmetsch sah den Richter verstehend an. Schmuggeln taten sie in den
Grenzdörfern alle, und bewaffnet waren sie gelegentlich auch. Der Miks
konnte sich also wohl der Flinte erinnert haben, die sein ehemaliger
Kumpan mit sich geführt hatte. Wenn er von ihrem Verkauf nichts wußte,
durfte er mit etlichem Recht annehmen, daß sie noch unbenutzt
herumstand.
Ob der Miks Bumbullis bereits in ihrem Hause gewesen sei.
Aber ja doch. Er habe manches schöne Mal den seligen Mann des Abends
abgeholt.
»Wozu abgeholt?«
»Nun, über die Grenze zu gehen.«
Ob sie noch wisse, wo der selige Mann damals die Flinte aufbewahrt habe.
Sie stutzte und besann sich, als wittere sie den heimlichen Zusammenhang
der scheinbar ziellos durcheinanderschwirrenden Fragen.
Und dann fing sie an zu wehklagen und zog sich auf die Plattform der
anständigen Besitzerin zurück, der man nichts Schlechtes nachsagen
könne.
Von diesem Augenblick an war nichts mehr aus ihr herauszuholen. Auf ihre
Vereidigung wurde verzichtet.
4
Die Verhandlung vor dem Schwurgericht kam heran. Eine große Zeugenschar
war aufgeboten. Das Bild des erschossenen Hegemeisters entwickelte sich
als das eines rücksichtslos strengen Verfolgers, dem schon viele Rache
geschworen hatten und dem es nie in den Sinn gekommen war, selbst
harmlose Gelegenheitswilderer zu verschonen. So war zum Beispiel, wie
sich zufällig herausstellte, auch der selige Mann der Frau Lampsatis
durch ihn ins Gefängnis geraten. Der hatte also, wie es schien, seine
Flinte nicht bloß zum Krähenschießen benutzt.
Jedenfalls ließ die Wahrscheinlichkeit sich nicht übersehen, daß, wenn
Miks ein leidliches Alibi beibringen konnte, statt seiner ein anderer
als Täter in Frage kam.
Er saß in seinem Sonntagsstaat schweigsam und häufig teilnahmlos auf der
Armsünderbank. Weniger in seinen rosig gebliebenen Zügen als in den blaß
hinstarrenden Augen malte sich die geistige Übermüdung, die diese des
scharfen Denkens ungewohnten Naturkinder oft überfällt, wenn sie ihr
Schicksal dem Spiel und Widerspiel der Zeugenschaften anheimgegeben
sehen.
Frau Alute, unter deren Kopftuch sich heute keine Schuhschnalle
hervorschob, war wieder ganz gekränkte Unschuld, und Madlynens wippende
Appetitlichkeit erregte ein wohlgefälliges Schmunzeln selbst bei den
Greisen der Geschworenenbank.
Zwischen den Aussagen der beiden Frauensleute ließ sich auch heute keine
Einigung erzielen. Alute erinnerte sich aufs bestimmteste, daß ihre
Nichte ihr am Morgen nach dem Einbruch erzählt hatte, der Mann, den sie
gesehen habe, sei aus der Klete gekommen, und Madlyne behauptete, daß
sie so etwas nie gesagt haben könne, denn es wäre ja nicht die Wahrheit
gewesen.
Miks Bumbullis beschrieb nun selber den Weg, den er genommen haben
wollte. Er habe die unverschlossene Haustür geöffnet, habe sich in die
Große Stube hineingetastet --
In der _Großen_ Stube schlief Frau Alute! Sie hätte bei seinem Kommen
erwachen müssen!
Sie sei eben nicht erwacht. Dann habe er sich in die Kleine Stube
geschlichen, habe Wände und Winkel abgetastet und sei schließlich, als
das Gewehr nirgends zu finden gewesen, zum Fenster hinausgeklettert.
Warum er nicht den bequemeren Rückweg durch Große Stube und Hausflur
gewählt habe.
Frau Alute habe sich in ihrem Bette gerührt.
Das klang einigermaßen glaubhaft und stimmte mit Madlynens Aussage
überein. Aber der Widerspruch zwischen dem, was sie ihrer Tante erzählt
haben sollte und ihrer beschworenen Aussage klaffte noch immer. Und dann
war auch noch der Vermittler da, der bezeugt hatte, daß er in Frau
Alutes Auftrag zweimal bei Miks gewesen war, ihm ihre Hand anzubieten.
Wie dem auch sein mochte, Frau Alute mußte vereidigt werden. Sie wurde
noch einmal ausdrücklich ermahnt und streckte bereits die Schwurfinger
in die Höhe, da geschah das Unerwartete, daß Miks in die Eidesworte
hineinzusprechen anfing.
Der Präsident herrschte ihn an, aber er sprach weiter. Schwerfällig,
tropfenweise fielen die litauischen Worte aus seinem Munde.
Frau Alute horchte hoch auf und -- brach dann weinend zusammen.
Was er ihr gesagt hatte, wurde verdolmetscht und lautete: »Ich habe dir
zwar bei Gott und bei deinem Mann geschworen, auch vor Gericht nichts
davon zu sagen, aber es ist doch besser, daß du deine Seele nicht mit
einem Meineide beschwerst und mich aufs Schafott bringen läßt. Drum sage
doch lieber die Wahrheit.«
Unter Schreien und Händeringen kam, was geschehen war, nunmehr ans
Tageslicht.
Alute Lampsatis lag abends halb eingeschlafen in ihrem Bette. Da wurde
sie plötzlich durch Männerschritte aufgeschreckt, die im Hausflur
näherkamen. Sie wußte, daß Schreien nichts helfen würde, denn Madlyne
und die Magd und der Knecht waren zum Johannisfeuer gegangen. Da fing
sie zu beten an und erwartete ihr Ende. Aber dann hörte sie plötzlich
ihren Namen nennen und erkannte Miksens Stimme. »Geh weg,« sagte sie,
»wenn ich auch nach dir geschickt habe, ich bin eine anständige
Besitzerin, und niemand soll mir was Schlechtes nachsagen können.« --
»Ich will gar nicht bei dir schlafen,« antwortete er, »ich will bloß,
daß du mir das Gewehr gibst, das deinem Mann gehört hat, denn der
Hegemeister hat mir meines weggenommen.« -- »Das Gewehr ist nicht mehr
da,« sagte sie, »und wenn es da wäre, würde ich es dir nicht geben, denn
du willst damit bloß den Hegemeister umbringen.« Das bestritt er, aber
sie glaubte ihm nicht. Und als er sich daraufhin wieder entfernen
wollte, sprang sie in ihrer Angst aus dem Bette und verlegte ihm den
Weg. Da fühlte er, daß sie im Hemd war, und blieb bei ihr bis an den
Morgen.
Die große Spannung löste sich. Die Unschuld Miksens schien erwiesen. Und
auch die Frage, warum er, da er doch mit Wissen der Wirtsfrau da war,
statt einfach durch die Haustür zu gehen, durch das Kleinestubenfenster
geklettert war, wurde nach einigem Zaudern und Drumherumreden
hinreichend aufgeklärt. Man war des Glaubens gewesen, Madlyne sei
inzwischen heimgekommen, und da ihre Kammer auf der anderen Seite des
Hauses lag, hätten die Männerschritte im Hausflur ihr nicht entgehen
können.
»Das hättet ihr gleich sagen können,« meinte der Vorsitzende. Und da auf
weitere Zeugenvernehmungen verzichtet wurde, begann der Staatsanwalt
gleich seine Rede.
Alles übrige rollte ohne Kampf und Zwischenfälle wie von selber dem
Richterspruche zu. Der Losmann Miks Bumbullis wurde von der Anklage des
Mordes freigesprochen und wegen Wilderns zu zwei Jahren Gefängnis
verurteilt.
Miks Bumbullis verzog keine Miene. Auch als Frau Alute, die sich
inzwischen von ihren Schreikrämpfen erholt hatte, glückwünschend auf ihn
zutrat, ging kein Lächeln über sein Gesicht. Sein Blick hing wie
erstarrt an einem Platze der Zeugenbank, wo neben Eve, der Magd,
schmutzig und abgerissen die kleine Anikke saß, an den grünen Äpfeln
nagend, die eine der Dorffrauen ihr geschenkt hatte. Sie war der
Vollständigkeit halber mit vorgeladen worden, und Eve hatte für sie
ausgesagt.
Als Miks abgeführt werden sollte -- an Haftentlassung war natürlich
nicht zu denken --, wandte er sich noch einmal nach dem Kinde um, als
wollte er irgend etwas zu ihm hinübersagen. Aber der Gerichtsdiener
stieß ihn hinaus.
5
Der Grabhügel des alten Hegemeisters begann zu verfallen, denn niemand
war da, der sein Andenken hochhielt. Um das Schicksal der kleinen Anikke
entspann sich ein Prozeß zwischen dem Forstfiskus und der Gemeinde, der
ihr verschollener Vater angehört hatte. Beide wollten die
Erziehungspflicht einander in die Schuhe schieben. Und da der Fiskus an
allzuviel Gemüt nicht krankt und die Weitläufigkeit der Verwandtschaft
zwischen dem Toten und dessen verwaistem Pflegling ihm als ausreichender
Grund zustatten kam, so blieb die kleine Anikke als unwillkommener Gast
an jener Gemeinde hängen, die ihrerseits froh war, sie für ein kleines
Entgelt an den Ort abschieben zu können, an dem sie die letzte Zeit über
gehaust hatte.
So wurde sie eines Tages beim Ortsschulzen öffentlich versteigert und
kam an den Mindestfordernden, den Häusler Kibelka, einen wenig
vertrauenerweckenden Zeitgenossen, der die paar Groschen brauchte, um
sie in Branntwein anzulegen.
Wie so ein armes kleines Tierchen, von dem Gott und Menschheit die
sorgenden Augen abgewandt haben, in seinem stummen Jammer leidet, das
hat noch niemand erkannt und beschrieben, und niemand wird es je
erkennen und beschreiben können. Was Hunger und Schmutz, was Prügel und
Kälte, was vor allem das Fehlen jedes streichelnden Wortes in der noch
nicht erschlossenen Seele ersticken und zerfressen, bis aus dem in
unbewußter Zuversicht aufjauchzenden jungen Leben ein scheu zitterndes,
in sich verkrochenes, kaum noch des Atmens fähiges Halbdasein geworden
ist, das verliert sich in Dunkel und Schweigen. Alljährlich wird ein
unermeßlicher Haufe von solchem Menschenkehricht ins Grab geschaufelt,
wo es zu seinem Besten hingehört. Und nur wie durch ein Wunder senkt
sich bisweilen von der Sonne eine Hand hernieder und hebt eins oder das
andere der schon fast abgestorbenen Kümmerlinge zum Licht empor.
Ja, wenn die Sonne nicht wäre! Und der Hofhund allenfalls!
Neben dem Hofhund zu liegen und sich wie er von einem gutgesinnten
Mittagssonnenschein sanft anwärmen zu lassen, bleibt schließlich das
einzige Glück so eines glücklosen Schattengeschöpfes. -- -- --
Und plötzlich spitzte der Hofhund die Ohren, sprang anschlagend auf und
fegte mit schleppender Kette den Kreis des ihm zugewiesenen Reiches.
Anikke, die allein zu Hause war, sah einen Menschen durch das Hoftor
kommen, der sich vorsichtig umsah und dann auf die Hundehütte zuschritt,
an der sie sich schutzsuchend festhielt.
Dicht vor den Zähnen des Hundes machte er halt und sagte: »Ist der Wirt
zu Hause?«
Anikke wußte wohl, daß alle draußen Kartoffeln gruben, aber um nichts in
der Welt hätte sie antworten können.
»Wie heißt du?« fragte er weiter.
In ihrer Angst hatte sie den eigenen Namen vergessen.
Der Hund belferte dazwischen, und erst, als der fremde Mensch ihm mit
seinem Stock eins überriß, zog er sich heulend gegen die Hütte zurück.
Dann kam der Fremde näher an sie heran, immer den Stock vorhaltend, in
den der Hund sich verbiß. Sie wußte nun, daß sie geraubt werden sollte,
und fing furchtbar zu weinen an.
Und dann fühlte sie sich am Arm erfaßt und mit jähem Rucke fortgezogen,
während der Hund, von einem neuen Schlage getroffen, sich um und um
kugelte.
»Wein nicht, wein nicht, ich tu' dir nichts,« hörte sie seine Stimme.
Denn vor lauter Tränen sah sie nichts mehr. Aber in dieser Stimme klang
irgend etwas, dessen sie nicht gewohnt war. Sie hörte zu weinen auf.
»Bist du die Anikke?«
»Ja--a.«
»Willst du ein Lakritzenholz haben?«
Lakritzenholz wollte sie gern, denn das aßen die großen Kinder manchmal,
wenn die Schule aus war, aber sie bekam natürlich nichts davon ab.
Und dann gab der fremde Mensch ihr aus einer Tüte eine schöne gelbe
Stange, in die sie auch gleich hineinbiß, denn sie hatte jetzt kaum noch
Angst vor ihm.
Und nun wagte sie ihn sogar anzusehen. Böse sah er nicht aus. Viel guter
als der Wirt. Und er roch auch nicht nach Schnaps. Sandfarbiges Haar
hatte er und einen ebensolchen Schnurrbart. Und sie wußte jetzt auch, wo
sie ihn schon gesehen hatte. Ein großer Saal war es gewesen wie in der
Kirche. Aber statt _eines_ Pfarrers im Talar hatte gleich ein ganzer
Tisch voll dagesessen.
»Wie alt bist du, Anikke?«
»Ich werd' sieben.«
»Gehst du schon in die Schule?«
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Ich hab' nichts anzuziehen, sagt die Frau.«
Nun blickte er an ihr nieder und betrachtete lange das Lumpengezottel,
in das sie notdürftig gehüllt war. Dann fragte er, wo er den Wirt wohl
finden könne. Sie zeigte ihm die Richtung des Feldes und geleitete ihn
auch ein Stück, denn sie mochte nun gar nicht mehr von ihm gehen.
Als er die Arbeitenden gewahrte, schenkte er ihr die ganze Tüte, die er
solange in der Hand gehalten hatte, und sagte: »Versteck's, daß die
anderen es dir nicht wegessen.«
Damit schickte er sie zurück und schritt in der Kartoffelfurche weiter,
bis er auf den Wirt stieß, der mit Weib und drei Kindern kniend nach
Kartoffeln wühlte. Und jedes von ihnen schimpfte und stöhnte auf seine
Art.
Kibelka erkannte ihn gleich, und den Schmutz von den Hosen abschüttelnd
stand er auf, ihm die Hand zu bieten. Denn wenn er auch nicht der Mörder
war, so hätte er doch immer der Mörder sein können. Sich mit ihm gut zu
stellen, war geraten.
»Du hast es natürlich immer sehr leicht gehabt,« sagte er, »denn wen der
Staat ernährt, der ist geborgen.« Dabei lachte er höhnisch und
einschmeichelnd zugleich, und das schwarzstoppelige Maul ging ihm bis an
die Ohren.
»Ihr habt es hier um so schwerer,« sagte Miks Bumbullis, die Fläche
überblickend, die in ihrem dürren Kraut unausgegraben dalag.
Auch das Weib war aufgestanden und wischte sich die Hand an dem
sacktuchenen Schurzfell. Sie war eine vermickerte, gelbe Ziege mit
scharfen, mitleidlosen Augen. Und die drei Rotznasen gafften.
Die beiden Kibelkas hoben ein Klagelied an. Der nasse September -- und
schon alles im Faulen -- und fremde Hilfe zu teuer.
»Wenn Ihr billige Hilfe braucht,« sagte Miks, »ich wüßte wohl eine.«
»Wer wird so dumm sein!« lachte der Wirt. »Selbst der Henker läßt sich
bezahlen.«
»Ich hab' mir einiges gespart,« sagte Miks, »und wenn man mir sonst
freie Hand läßt, bring' ich noch ab und zu was in die Wirtschaft.«
Die beiden sahen sich an. Dann schlugen sie rasch und gierig ein und
fragten nicht weiter.
So wurde Miks Bumbullis Knecht bei dem Pfleger Anikkes.
Anfangs schien er sich nicht viel um sie zu kümmern, und es vergingen
drei Tage, ehe er sich erkundigte, was das für ein kleines Ungeziefer
sei, das da immer im Hause herumkrieche.
Die beiden Kibelkas wollten nicht recht mit der Sprache heraus, denn der
Mordverdacht saß ihnen stets in den Gliedern. Aber schließlich erzählten
sie doch, wie sie zu dem Kinde gekommen waren und daß sie es eigentlich
bloß um Gottes Barmherzigkeit willen bei sich behielten.
Er nahm die Nachricht sehr gleichmütig auf und sagte nur: »Der Vater
soll in Amerika sein. Wenn der einmal reich zurückkommt, wird er jeden
belohnen, der gut zu dem Kinde gewesen ist.«
Das gab den Kibelkas zu denken. Am nächsten Mittag durfte das kleine,
bleiche Lumpenbündelchen, das sonst von dem Ofenwinkel her stumm wartend
herübersah, mit den Kindern zu Tische sitzen.
Als der Sonnabendabend kam, verschwand Miks Bumbullis und kam am
Sonntagvormittag mit einer Flinte wieder, die sehr verrostet und in den
Spalten mit Erde verklebt war.
Die Kibelkas fragten nicht, wo er sie hergeholt hatte, und alle standen
ringsum und sahen voll Hochachtung zu, wie er mit dem Schraubenschlüssel
die Teile auseinandernahm und jeden einzelnen putzte und ölte, bis die
Waffe blitzblank und schußbereit wiedererstand.
Und wiederum am Sonntag gab es bei den Kibelkas ein Rehstück zu Mittag,
was nicht passiert war, solange die Welt stand. Alle schwelgten, und
selbst der Hofhund bekam seinen Knochen.
Die kleine Anikke saß in einem neuen, rotbunten Kleidchen da, das der
Miks ihr mitgebracht hatte, wurde von den Hauskindern mit neidischen
Liebkosungen versehen und wußte nicht, wie ihr geschah.
»Ich verstehe ja deine Meinung,« sagte der Wirt, »aber wenn der Vater
_nicht_ aus Amerika kommt, dann hast du dich sehr verrechnet.«
»Dann tu' ich's wie ihr um Gottes Lohn,« erwiderte Miks, »man muß sich
immer ein Beispiel nehmen.«
Kibelka lachte geschmeichelt und prostete seinem Knecht zu, denn die
Schnapsbuddel saß ihm allzeit locker.
»Nun solltet ihr sie aber auch zur Schule schicken,« meinte Miks
Bumbullis so nebenbei.
Die Frau hub wie gewöhnlich zu klagen an. Der Gendarm sei schon zweimal
dagewesen, und sie schlafe nicht mehr bei dem Gedanken, man könne
schließlich noch Strafe zahlen.
Diese Angst wurde nun überflüssig. Und als Anikke am Montag morgen die
Kinder zur Schule begleiten sollte, fand sich an ihrer Lagerstatt sogar
eine Schiefertafel.
6
Der Winter kam. Miks Bumbullis war nun höchst angesehen im Hause. Er
pflegte das Pferd blank, er fütterte die Kühe rund, und wenn die
Dreschflegel gingen: »Ubags, ubags, ubags«, -- sein Schlag war immer
herauszuhören.
Lohn forderte er nicht, und er hätte auch keinen bekommen, denn der Wirt
vertrank jeden Groschen. Dafür sah keiner hin, wenn Miks sich ab und zu
in der Morgen- oder der Abenddämmerung hinter der Scheune zu schaffen
machte und vorläufig nicht mehr wiederkam.
Den drei Rangen hatte er neue Anzüge geschenkt, so daß sie nun ebenso
fein aussahen wie Anikke, und sogar einen Lausekamm brachte er mit, dem
einer nach dem anderen standhalten mußte. Kibelka meinte zwar, es sei
sündhaft, es den Herrenkindern gleichtun zu wollen, aber schließlich
lieh auch er sich den Kamm aus.
Die kleine Anikke ging umher wie im Traum. Die warme Schule -- und das
reichliche Essen -- und fast gar keine Schläge mehr! Wohl bekam sie hie
und da noch einen Stirnicksel, aber der tat kaum einmal weh, denn sie
fühlte in seliger Geborgenheit, daß einer da war, der sie vor
Schlimmerem beschützte.
Hinter dem Miks lief sie her wie ein Hündchen, aber ihm ganz nahe zu
kommen wagte sie nicht, denn er ermunterte sie nie.
Bei den Mahlzeiten hing ihr Blick immer an seinem Gesicht, und als sie
die Geschichte vom lieben Herrn Jesus lernte, wußte sie sogleich, daß
der ebenso ausgesehen hatte wie er.
Eines Abends, als der Kienspan brannte, war er besonders vergnügt und
sagte zum Ältesten, dem Jons: »Willst du reiten?« Der wollte natürlich
gern, und er nahm ihn auf sein Knie und sang dazu: »Apappa, upappa.«
Dann kam die Katrike an die Reihe und dann der Jendrys. Und sie stand im
Winkelchen und dachte, die Tränen verbeißend: »Ich bin ja nur das
Ziehkind, und darum will er mich nicht.«