Aber er schämt sich noch immer.
Da errät sie langsam, daß er damit nach dem Umschlagen des Kahnes hat
davonschwimmen wollen, wie die Schuljungens tun, wenn sie im tiefen
Wasser paddeln.
»Solch ein Lunterus bin ich geworden!« sagt er und schlägt sich mit den
Fäusten vor die Brust.
Aber sie lächelt und sagt: »Pfui doch, Ansaschen, der Mensch soll sich
nicht _zu_ hart schimpfen, sonst macht er sich selber zum Hundsdreck.«
Und so hat sie ihm nicht nur verziehen, sondern richtet auch seine Seele
wieder auf. -- -- --
Wie sie sich neben ihn setzt -- denn er will sie nun ganz nahe haben --,
da merkt sie, daß sie mit ihrem Leibe den Gang des Steuers behindert,
darum breitet sie zu seinen Füßen das weiße Reisetuch aus, das sie im
vorderen Abschlag verwahrt hat, und legt sich darauf -- doch so, daß ihr
Kopf auf seine Knie zu liegen kommt. Und nun ist es genau so wie damals
in Ibenhorst, als die Elske noch unterwegs war.
Und so fahren sie dahin und wissen vor Glück nicht, was sie zueinander
reden sollen.
Von den Uferwiesen her riecht das Schnittgras -- man kann den Thymian
unterscheiden und das Melissenkraut, auch den wilden Majoran und das
Timotheegras -- und was sonst noch starken Duft an sich hat ... Der
Stromdamm zieht vorüber wie ein grünblaues Seidenband. Nur wo zufällig
der Rasen den Abhang hinuntergeglitten ist, da leuchtet er wie ein
Schneeberg. Und der Mondnebel liegt auf dem Wasser, so daß man immer ein
wenig aufpassen muß.
Außer den plumpsenden Fischchen, die nach den Mücken jagen, ist nicht
viel zu hören. Nur die Nachtvögel sind immer noch wach. Kommt ein Gehölz
oder ein Garten, dann ist auch die Nachtigall da und singt ihr: »Jurgut
-- jurgut -- jurgut -- wazok, wazok, wazok« ... Und der Wachtelmann
betet sein Liebesgebet: »Garbink Diewa«. Sogar ein Kiebitz läßt sich
noch ab und zu hören, obgleich der doch längst schlafen müßte.
Und dann kommt mit einemmal Musik. Das sind die Dzimken, die ihre
Triften während der Nacht am Ternpfahl festbinden müssen. Aber Gott
weiß, wann die schlafen! Bei Tage rudern sie und singen, und bei Nacht
singen sie auch.
Ihr Feuerchen brennt, und dann liegen sie ringsum. Einer spielt die
Harmonika, und sie singen.
Da hört man auch schon das hübsche Liedchen »Meine Tochter Symonene,«
das jeder kennt, in Preußen wie im Russischen drüben. Ja, ja, die
Symonene! Die zu einem Knaben kam und wußte nicht wie! Das kann wohl
mancher so gehen. Aber der Knabe ist schließlich ein Hetman geworden,
wenigstens hat die Symonene es so geträumt.
»Der Willus muß ein Pfarrer werden,« bittet die Indre schmeichelnd zu
Ansas empor.
»Der Willus wird ein Pfarrer werden,« sagt er ganz feierlich, und die
Indre freut sich. Denn was in solcher Stunde versprochen wird, das
erfüllt sich gleichsam von selber.
So fahren sie an dem Floß vorbei, und bald kommt ein nächstes. Darauf
spielt einer gar die Geige. Und die andern singen:
»Unterm Ahorn rinnt die Quelle,
Wo die Gottessöhne tanzen
Nächtlich in der Mondenhelle
Mit den Gottestöchtern.«
Ansas und Indre singen mit. Die Dzimken erkennen die Frauenstimme und
rufen ihnen ein »_Labs wakars!_« zu. Zum Dank für den Gutenachtgruß will
Ansas ihnen was Freundliches antun und läßt sich die Mühe nicht
verdrießen, das Segel einzuziehen und an dem Floß anzulegen.
Nun kommen sie alle heran -- es sind ihrer fünfe --, und der Jude, dem
die Trift gehört, kommt auch.
Ansas schenkt jedem etwas von dem Rosenlikör ein, und sie erklären, so
was Schönes noch nie im Leben getrunken zu haben.
Und dann singen sie alle zusammen noch einmal das Lied von den
Gottestöchtern, von dem Ring, der in die Tiefe fiel, und den zwei
Schwänen, die das Wasser getrübt haben sollen.
Zum Abschied reicht Ansas allen die Hand, und die Indre auch. Und der
Jude wünscht ihnen »noch hundert Johr«!
Wären's bloß hundert Stunden gewesen, der Ansas hätt' sie brauchen
können.
Da die Flasche mit dem Rosenlikör nun einmal hervorgeholt ist, wäre es
unklug gewesen, sie wieder zu verstauen. Sie trinken also ab und zu
einen Tropfen und werden immer glücklicher.
Noch an mancher Trift kommen sie vorbei und singen mit, was sie nur
singen können, aber halten tun sie nicht mehr. Dazu ist der Rosenlikör
ihnen zu schade.
Manchmal will auch der Schlaf sie befallen, aber sie wehren sich tapfer.
Denn sonst -- weiß Gott, auf welcher Sandbank sie dann sitzen blieben!
Nur eins darf der Ansas sich gönnen -- nämlich von dem Abschlag
hernieder auf die Bodenbretter zu gleiten. So kann er die Indre in
seinem linken Arm halten und mit dem rechten das Steuer versehen.
Und die Indre liegt mit dem Kopf auf seiner Brust und denkt selig: »Der
Endrik -- und die Elske -- und der Willus -- und nun sind wir alle fünfe
wieder eins.«
Mit einmal -- sie wissen nicht wie -- ist Ruß da. Sie erkennen es an dem
Brionischker Schornstein, der wie ein warnender Finger zu ihnen sagt:
»Paßt auf!«
Die Dzimken, die dort mit ihren Triften liegen, sind nun richtig
schlafen gegangen. Auch ihr Kesselfeuer brennt nicht mehr. Aber ob die
tausendmal stilleschweigen, was macht es aus? Von Ruß gibt es ein
hübsches Liedchen:
»Zwei Fischer waren,
Zwei schöne Knaben,
Aus Ruß gen Westen
Zum Haff gefahren.«
Das singen sie aus voller Kehle, und um hernach die Kehle anzufeuchten,
wollen sie noch einen Schluck von dem Rosenlikör genehmigen, aber siehe
da, -- die Flasche ist leer.
Sie lachen furchtbar, und der Ansas wird immer zärtlicher.
»Ach, liebes Ansaschen,« bittet die Indre, »gleich kommt der große
Ellbogen, und dann geht es westwärts, bis dahin mußt du hübsch artig
sein.«
Ansas hört noch einmal auf sie, und da ist auch schon der blanke
Szieszefluß, da wo die Krümmung beginnt. Er holt die Segelleine mehr an
und steuert nach links. Es geht zwar schwer, aber es geht doch noch
immer.
Bis nach Windenburg hin, die anderthalb Meilen, läuft der Strom nun so
schnurgerade, wie nur die Eisenbahn läuft. Kaum daß man hinter der
Mündung der Mole ein wenig auszuweichen braucht.
Bei Windenburg freilich, wo die gefährliche Stelle ist, dort, wo gerade
bei Südwind der Wellendrang aus dem breiten, tiefen Haff seitlich stark
einsetzt, dort muß man die Sinne doppelt beisammen halten -- aber bis
dahin ist noch lange, lange -- -- ach, wie lange Zeit!
»Indre, wenn du mir meine Sünden wirklich vergeben hast, dann mußt du's
mir auch beweisen.«
»Ansaschen, du mußt aufpassen.«
»Ach was, aufpassen!« Wenn man so lange blind und verhext neben der
Besten, der Schönsten, neben einer Gottestochter dahergegangen ist und
die Augen sind wieder aufgetan, was heißt da aufpassen?
»_Meine_ Indre!«
»_Mein_ Ansaschen!« -- -- --
Und nun liegen sie in ruhiger Seligkeit wieder nebeneinander, und der
Kahn fährt dahin, als säße die Laime selber am Steuer.
»Ansaschen -- aber nicht einschlafen!«
»Ach, wo werd' ich einschlafen.« -- --
»Ansaschen -- wer einschläft, den muß der andere wecken.«
»Jawohl -- den -- muß -- der andere wecken.« -- -- --
»Ansaschen, du schläfst!«
»Wer so was -- sagen kann, -- der schläft -- selber.«
»Ansaschen, wach auf!«
»Ich wach'. Wachst du?«
Und so schlafen sie ein.
* * * * *
Die Ane Doczys hat keine Ruh in ihrem Bett. Sie weckt also ihren Mann
und sagt: »Doczys, steh auf, wir wollen aufs Haff hinausfahren.«
»Warum sollen wir aufs Haff hinausfahren?« fragt der Doczys, sich den
Schlaf aus den Augen reibend. »Fischen tu' ich erst morgen.«
»Die Indre hat solche Reden geführt,« sagt die Doczene, »es ist besser,
wir fahren ihnen entgegen.«
Da fügt er sich mit Seufzen, zieht sich an und setzt die Segel.
Wie sie aufs Haff hinausfahren, wird es schon Tag, und der Frühnebel
liegt so dicht, daß sie keine Handbreit vorauf sehen können.
»Wohin soll ich fahren?« fragt der Doczys.
»Nach Windenburg zu,« bestimmt die Doczene.
Der Südwind wirft ihnen kurze, harte Wellen entgegen, und sie müssen
kreuzen.
Da, mit einmal horcht die Doczene hoch auf.
Eine Stimme ist hilferufend aus dem Nebel gedrungen -- eine
Frauenstimme.
»Gerade drauf zu!« schreit die Doczene. Aber er muß ja kreuzen.
Und sie kommen schließlich doch näher -- ganz nahe kommen sie.
Da finden sie die Indre auf dem Wasser liegen, wie die Wellen sie auf
und nieder schaukeln.
Wie hat es zugehen können, daß sie _nicht_ ertrunken ist?
Rechts und links von ihrer Brust ragen halb aus dem Wasser zwei Bündel
von grünen Binsen, die sind mit einem Bindfaden auf dem Rücken
zusammengebunden.
Sie ziehen sie in den Kahn, und sie schreit immerzu: »Rettet den Ansas!
Rettet den Ansas!«
Ja -- wo ist der Ansas?
Sie weiß von nichts. Zuletzt, als sie wieder hochgekommen ist, da hat
sie seine Hände gefühlt, wie er wassertretend die Binsen an ihr
befestigte. Und von da an weiß sie nichts mehr von ihm.
Sie rufen und suchen und rufen. Aber sie finden ihn nicht. Nur den
umgeschlagenen Kahn finden sie. An dem hätte er sich wohl halten können,
aber er ist ihm sicher davongeschwommen, dieweil er die Binsen an Indres
Leibe befestigte.
Fünf Stunden lang suchen sie, und die Indre liegt auf den Knieen und
betet um ein Wunder.
Aber das Wunder ist nicht geschehen. Zwei Tage später lag er oberwärts
friedlich am Strande.
* * * * *
Neun Monate nach dem Tode des Ansas gebar ihm die Indre einen Sohn. Er
wurde nach ihrem Wunsch in der heiligen Taufe Galas, das heißt
»Abschluß« benannt. Doch weil der Name ungebräuchlich ist, hat man ihn
meistens nach dem Vater gerufen. Und heute ist er ein ansehnlicher Mann.
Der Endrik hält die väterliche Wirtschaft in gutem Stande, die Elske hat
einen wohlhabenden Besitzer geheiratet, und der Willus ist richtig ein
Pfarrer geworden. Seine Gemeinde sieht in ihm einen Abgesandten des
Herrn, und auch die Gebetsleute halten zu ihm.
Die Indre ist nun eine alte Frau und lebt im Ausgedinge bei dem ältesten
Sohn. Wenn sie zur Kirche geht, neigen sich alle vor ihr. Sie weiß, daß
sie nun bald im Himmel mit Ansas vereint sein wird, denn Gott ist den
Sündern gnädig.
Und also gnädig sei er auch uns!