Sie wendet sich um und fragt: »Was ist?«

»Was wird sein?« sagt er. »Tilsit wird sein.«

Sie sieht nicht nach Tilsit. Sie sieht bloß nach ihm. Er lacht übers

ganze Gesicht, weil sie nun bald da sind.

»Es wird _nicht_ geschehen,« denkt sie. »_Der_ Mensch kann sich nicht

freuen, der so Schreckliches mit sich herumträgt.«

Und dann wird er ganz ärgerlich, weil sie so gar keine Neugier zeigt.

»Da vorne bauen sie die große Eisenbahnbrücke,« sagt er, »und hinten

steht auch Napoleons Kirchturm, aber du siehst dich nicht einmal um.«

Sie entschuldigt sich und läßt sich alles erklären. Und so kommen sie

immer näher.

Die Mauerpfeiler, die aus dem Wasser wachsen, und die Eisengerüste hoch

oben, die in der Luft hängen wie der Netzstiel beim Fischen -- so was

hat sie wirklich noch nie gesehen.

»Alles war Unsinn,« denkt sie. »Es wird _nicht_ geschehen.«

Und dann kommen Holzplätze, so groß wie der Anckersche in Ruß, und

Schornstein nach Schornstein, und dann die Stadt selber. Mit

Wohnhäusern, noch höher als die Speicher in Memel. Denn Memel kennt sie.

Dorthin ist sie früher manchmal zum Markt mitgefahren und um die See zu

sehen.

Napoleons Kirchturm hätte sie sich wunderbarer vorgestellt. Die acht

Kugeln sind wirklich da, aber das Mauerwerk steht darauf, als ob es gar

nicht anders sein könnte.

Ansas zieht die Segel ein und lenkt dem steinernen Ufer zu. Dort, wo er

festmacht, liegen schon ein paar andere Fischerkähne, mit deren

Besitzern er sich begrüßt. Es sind Leute aus Tawe und Inse, die ihren

Fang am Morgen verkauft haben.

»Kommt ihr Wilwischker jetzt auch schon hierher,« sagt einer neidisch,

»und verderbt uns die Preise?«

Ansas, der sich gerade die Wichsstiefel anzieht, antwortet ihm gar

nicht. Für solche Gespräche ist er zu stolz.

Indre breitet das weiße Reisetuch über den vorderen Abschlag und setzt

die Speisen darauf. Neben den Neunaugen und der Rauchwurst hat sie auch

Soleier und selbstgeräucherten Lachs mit eingepackt. Und da sie seit

halb vier in der Frühe nichts mehr gegessen hat, merkt sie jetzt, daß

ihr schon längst vor Hunger ganz schwach ist.

Sie sitzen nun beide auf den Kanten des Bootes einander nahe gegenüber

und essen das Mitgenommene als Mittagbrot. Geld, um in ein vornehmes

Gasthaus zu gehen und sich auftafeln zu lassen vom Besten, hat Ansas

wohl übergenug. Aber das ist nicht Fischergewohnheit.

Sie denkt nun gar nicht mehr an das Schreckliche, aber das Herz liegt

ihr von all dem Fürchten noch wie ein Stein in der Brust.

Jetzt ist es der Ansas, der nicht viel essen kann, denn die Erwartung,

ihr alles zu zeigen, läßt ihm keine Geduld. Er steht auf und sagt: »Nun

kann es losgehen.« Aber vorher kehrt er noch nach hinten zurück, das

Hängeschloß zu holen, damit der Kahn nicht etwa inzwischen verschwindet.

Dabei kommt er mit einem Fuß zufällig unter den runden Sack, der vor dem

Steuersitz liegt. Der fliegt wie von selber hoch, so leicht ist er, und

sinkt dann wieder zurück. Sie sieht, wie er dabei erschrickt und zu ihr

herüberglupt, ob sie's auch nicht bemerkt hat. Und der Stein in ihrer

Brust wird schwerer.

Aber wie sie das Ufer hinanschreiten und er ihr alles erklärt, denkt sie

wieder: »Es kann nicht sein, es muß eine andere Bewandtnis haben.«

Dann biegen sie in die Deutsche Straße ein, die breit ist wie ein Strom

und an ihren Rändern lauter Schlösser stehen hat. In den Schlössern kann

man sich kaufen, was man will, und alles ist viel schöner und prächtiger

als in Memel.

Der Ansas sagt: »Hier aber ist das Schönste,« und weist auf ein Schild,

das die Aufschrift trägt: »Konditorei von Dekomin«.

Und da ein kaltes Mittagbrot nie ganz satt macht, so beschließen sie

auch sogleich hineinzugehen und die leeren Stellen im Magen aufzufüllen.

Und wie sie eintreten, o Gott, was sieht die Indre da! In einer langen,

schmalen Stube, in der es kühl und halbdunkel ist, steht nicht weit von

der Wand ein Tisch, der von einem Ende bis zum andern reicht und der

ganz bedeckt ist mit Kuchen und Torten und sonstigen Süßigkeiten aller

Art.

»Da wollen wir nun schwelgen,« sagt der Ansas und reckt sich.

Aber sie traut sich noch nicht, und er muß ihr die Stücke einzeln auf

den Teller legen. Auch einen schönen Rosenlikör bestellt er. Der ist süß

wie der Himmel und klebt an den Fingern, so daß man immerzu nachlecken

muß.

»Darf ich nicht auch den Kindern was mitbringen?« fragt sie.

»Nun, das versteht sich,« sagt er und lacht.

Da sticht ihr plötzlich der Gedanke ins Herz, daß sie die Kinder

vielleicht niemals mehr sehen wird. Ganz abgeängstigt blickt sie ihn an

-- und siehe da! auch sein Gesicht hat sich verändert. Der Mund steht

ihm offen, ganz hohl sind die Backen, und die Augen schielen an ihr

vorbei.

»Es wird _doch_ geschehen,« denkt sie und legt den Teelöffel hin, ißt

auch nicht einen Bissen mehr; nur die Krumen, die rings um den Teller

verstreut auf dem Steintisch liegen, wischt sie mit den Fingerspitzen

auf und denkt dabei -- -- ja, was denkt sie? Nichts denkt sie. Und auch

er sitzt da wie vor den Kopf geschlagen und redet kein Wort.

Also wird es _doch_ geschehen!

Dann, wie er aufsteht, sagt er: »Nun laß dir einpacken.« Aber sie kann

nicht. »Bring _du_ es ihnen,« sagt sie, und er tritt an den Tisch und

sucht aus. Aber er weiß nicht, was er aussucht, denn seine Augen gehen

immer nach ihr zurück, als will er was sagen und traut sich nicht.

Dann, wie sie wieder auf die Straße hinaustreten, die von der

Nachmittagssonne geheizt ist wie ein Backofen, gibt er sich einen Ruck

und fängt von neuem mit dem Erklären an. Dies ist das und jenes ist das.

Aber sie hört kaum mehr hin. Ganz benommen ist sie von neuer Angst. Die

kommt und geht, wie die Haffwellen ans Ufer schlagen.

Dann stehen sie vor einem Kurzwarenladen, in dessen Schaufenster auch

Kindersachen ausliegen. »Wir wollen 'reingehen,« sagt sie. »Du kannst

den Kindern ein Andenken mitbringen.«

»Andenken? An wen?« fragt er und stottert dabei.

»An mich,« sagt sie und sieht ihn fest an.

Da wird er wieder rot, wendet die Augen ab und fragt nichts weiter.

Es wird also ganz sicher geschehen.

Sie sucht für den Endrik eine Wachstuchschürze mit roten Rändern, damit

er sich nicht schmutzig macht, wenn er im Sand spielt; für die Elske

eine blaue Kappe gegen die Sonne und für den kleinen Willus -- was kann

es viel sein? -- ein Sabberschlabbchen, unter das Kinn zu binden.

»Vielleicht werden doch noch einmal Pfarrerbäffchen daraus,« denkt sie

und verbeißt ihre Tränen.

Der junge Mann, der die Sachen einwickelt, sagt zu Ansas gewandt:

»Vielleicht haben Sie auch für die Frau Gemahlin einen Wunsch.«

Er steht verlegen und geschmeichelt, weil man die Indre eine »Frau

Gemahlin« nennt, was von einer litauischen Fischersfrau wohl nicht

häufig gesagt wird.

Und der junge Mann fährt fort: »Vielleicht darf ich auf unsere echten

Schleiertücher aufmerksam machen, denn, wenn ich mir die Bemerkung

erlauben darf, das, welches die Frau Gemahlin augenblicklich trägt, ist

etwas -- durchgeschwitzt.«

Indre erschrickt und sucht einen Spiegel, denn noch hat sie nicht den

Mut gehabt, sich irgendwo zu besehen. Und der junge Mann breitet eilig

seine Gewebe aus. Die sind rein wie aus Spinnweben gemacht und haben

Muster wie die schönsten Mullgardinen.

Ansas wählt das teuerste von allen -- er getraut sich gar nicht, ihr zu

sagen, _wie_ teuer es ist --, und der junge Mann führt sie vor eine

Wand, die ganz und gar ein Spiegel ist. Wie sie das Tuch am Halse

geknotet hat, so daß es die Ohren bedeckt und die Augen verschattet, da

weiß er sich vor Entzücken gar nicht zu lassen.

»Nein, wie schön die Frau Gemahlin ist!« ruft er ein Mal über das

andere. »Nie hat dieser Spiegel etwas Schöneres gesehen!«

Und sie bemerkt fast erschrocken, wie der Ansas sich freut.

Im Rausgehen wendet er sich noch einmal um und fragt den jungen Mann, ob

er wohl weiß, wie die Züge gehen.

»Zur Ankunft oder zur Abfahrt?« fragt der junge Mann.

Und Ansas meint, das wäre ganz gleich.

Da lächelt der junge Mann und sagt, bald nach viere komme einer an, und

gegen sechse fahre einer ab. Man habe also die Auswahl.

Ansas bedankt sich und sagt, als sie draußen sind: »Wir wollen lieber

die Abfahrt nehmen, denn da sieht man ihn in der Ferne verschwinden.«

Aber bis sechs ist noch viel Zeit. Was kann man da machen?

Der Indre ist alles egal. Sie denkt bloß: »Wenn es _doch_ geschehen

soll, warum hat er dann noch so viel Geld für mich ausgegeben?«

Und in ihr Herz kommt wieder einmal die Hoffnung zurück.

Ansas ist vor einer Mauer stehen geblieben, auf der ein Zettel klebt:

_Jakobsruh_

heute vier Uhr

_Großes Militärkonzert_

ausgeführt von der Kapelle

des litauischen Dragonerregiments Prinz Albrecht.

Und darunter steht alles gedruckt, was sie spielen werden.

Der Stein in Indres Brust ist nun ganz leicht geworden; kaum zu fühlen

ist er. Aber sie hat Zweifel, ob bei einem solchen Vergnügen, das

augenscheinlich für die Deutschen bestimmt ist, auch Litauer zugegen

sein dürfen -- und dazu noch in ihrer Landestracht.

Aber Ansas lacht sie aus. Wer sein Eintrittsgeld bezahlt, ist

eingeladen, gleichgültig ob er »_wokiszkai_« spricht oder

»_lietuwiszkai_«.

Indre zweifelt noch immer, und nur der Gedanke, daß es ja ein

_litauisches_ Dragonerregiment ist, welches die Musiker hergibt, macht

ihre Schamhaftigkeit etwas geringer.

So fahren sie also in einer Droschke nach Jakobsruh, jenem Lustort, der

bekanntlich so schön ist wie nichts auf der Welt. Bäume so hoch und

schattengebend wie diese hat Indre noch nie gesehen, auch nicht in

Heydekrug und nicht in Memel. Am Haff, wo es nur kurze Weiden gibt und

dünne Erlen, könnte man sich von einer solchen Blätterkirche erst recht

keinen Begriff machen.

Aber trotz ihrer Freude ist ihr vor dem fremden Orte noch bange genug,

denn ringsum sitzen an rotgedeckten Tischen lauter städtische

Herrenleute, und als Ansas vorangeht, einen Platz zu suchen, recken alle

die Hälse und sehen hinter ihnen her. Es ist, um in die Erde zu sinken.

Ansas dagegen fürchtet sich nicht im mindesten. Er findet auch gleich

einen leeren Tisch, wischt mit dem Schnupftuch den Staub von den Stühlen

und befiehlt einem feinen deutschen Herrn, ihm und ihr Kaffee und Kuchen

zu bringen. Genau so, wie es die anderen machen.

So ein mutiger Mann ist der Ansas. Man fühlt sich gut geborgen bei ihm,

und alle die Angst war ein Unsinn.

Nicht weit von ihnen ist eine kleine Halle aufgebaut mit dünnen

Eisenständern und einem runden Dachchen darauf. Die füllt sich mit

hellblauen Soldaten. O Gott, so vielen und blanken Soldaten! Während es

doch sonst nur drei oder vier schmutzige Vagabunden sind, die Musik

machen.

Zuerst kommt ein Stück, das heißt »Der Rosenwalzer«. So steht auf einem

Blatt zu lesen, das Ansas von dem Kassierer gekauft hat. Wie das

gespielt wird, ist es, als flöge man gleich in den Himmel. Dicht vor den

Musikern haben sich zwei Kinderchen gegenseitig um den Leib gefaßt und

drehen sich im Tanze. Da möchte man gleich mittanzen.

Und hat sich doch vor einer Stunde noch in Todesnöten gewunden!

Wie das Stück zu Ende ist, klatschen alle, und auch die Indre klatscht.

Rings wird es still, und die Kaffeetassen klappern.

Ansas sitzt da und rührt sich nicht. Wie sie ihn etwas fragen will -- so

gut ist sie schon wieder mit ihm --, da macht er ihr ein heimliches

Zeichen nach links hin: sie soll horchen.

Am Nebentisch sprechen ein Herr und Dame von ihr.

»Wenn eine Litauerin hübsch ist, ist sie viel hübscher als wir deutschen

Frauen,« sagt die Dame.

Und der Herr sagt: »In ihrer blassen Lieblichkeit sieht sie aus wie eine

Madonna von -- --«

Und nun kommt ein Name, den sie nicht versteht. Auch was das ist:

»Madonna«, weiß sie nicht. Für ihr Leben gern hätte sie den Ansas

gefragt, der alles weiß, aber sie schämt sich.

Da fängt sie einen Blick des Ansas auf, mit dem er gleichsam zu ihr in

die Höhe schaut, und nun weiß sie, was sie schon im Laden geahnt hat: er

ist stolz auf sie, und sie braucht nie mehr Angst zu haben.

Dann hört die Pause auf, und es kommt ein neues Stück. Das heißt »Zar

und Zimmermann«. Der Zar ist der russische Kaiser. Daß man von _dem_

Musik macht, läßt sich begreifen. Warum aber ein Zimmermann zu solchen

Ehren kommt, ein Mensch, der schmutzige Pluderhosen trägt und immerzu

Balken abmißt, bleibt ein Rätsel.

Dann kommt ein drittes Stück, das wenig hübsch ist und bloß den Kopf

müde macht. Das hat sich ein gewisser Beethoven ausgedacht.

Aber dann kommt etwas! Daß es so was Schönes auf Erden gibt, hat man

selbst im Traum nicht für möglich gehalten. Es heißt: »Die Post im

Walde«. Ein Trompeter ist vorher weggegangen und spielt die Melodie ganz

leise und sehnsüchtig von weit, weit her, während die andern ihn ebenso

leise begleiten. Man bleibt gar nicht Mensch, wenn man das hört! Und

weil die Fremden, die Deutschen, ringsum nicht sehen dürfen, wie sie

sich hat, springt sie rasch auf und eilt durch den Haufen, der die

Kapelle umgibt, und an vielen Tischen vorbei dorthin, wo es einsam ist

und wo hinter den Bäumen versteckt noch leere Bänke stehen.

Dort setzt sie sich hin, schiebt das neue Kopftuch aus den Augen, damit

es nicht naß wird, und weint, und weint sich all die -- ach, all die

ausgestandene Angst von der Seele.

Und dann setzt sich einer neben sie und nimmt ihre Hand. Sie weiß

natürlich, daß es der Ansas ist, aber sie ist vor Tränen ganz blind. Sie

lehnt den Kopf an seine Schulter und sagt immer schluchzend: »Mein

Ansuttis, mein Ansaschen, bitte, bitte, tu mir nichts, tu mir nichts.«

Sie weiß, daß er ihr nun nichts mehr tun wird, aber sie kann nicht

anders -- sie muß immerzu bitten.

Er zittert am ganzen Leibe, hält ihre Hand fest und sagt ein Mal über

das andere: »Was redest du da nur? Was redest du da nur?«

Sie sagt: »Noch ist es nicht gut. Ehe du es nicht gestehst, ist es noch

nicht ganz gut.«

Litauische Geschichten · 第 11 / 69 题