Und er meint: »Ob es hin auch noch so rasch geht, zurück muß man
kreuzen.«
Dann wirft er das Schwert aus und setzt auch den Raginnis, das kleine
Vorsegel. Er sitzt nun halb zugedeckt von all der Leinwand, so daß sie
ihn kaum sehen kann.
Der Kahn fährt wie an der Leine, und rings in dem Wasser glucksen die
Fischchen.
Über das weite Haff hin ist es nach Westen wie eine blaugraue Decke
gebreitet, nur drüben die Nehrung steht dunkelrot im Morgenschein.
Wie sie um die Windenburger Ecke herumkommen, dort, wo die Landzunge
sich spitz in das Wasser hineinstreckt, lockert er erst die Segelleine
und wirft dann mit raschem Griff das Steuer um, denn von nun an geht es
mit vollem Wind geradeswegs nach Osten.
So oft sie zum Vater nach Minge fuhr, vor dieser Stelle hat sie schon
immer Angst gehabt, denn wenn irgend einmal ein Unglück geschehen ist,
dann war es nur hier.
Und sie sucht in ihrer ungewissen Angst das liebe Minge, das in der
Ferne ganz deutlich zu sehen ist, und denkt bei sich: »Ach Vater, wenn
du wüßtest, was für einen schlimmen Weg die Indre fährt.«
Aber sie ist still im Herrn. Nur die gefährliche Stelle macht ihr das
Herz eng.
Und dann fährt der Kahn glatt auf die Mündung zu, die mit ihren
Grasbändern rechts und links schon lang' auf sie zu warten scheint.
Da liegt nun vor ihr der breite Atmathstrom, breit wie die Memel selber,
von der er ein Arm ist, und das hübsche kleine Windchen macht auf dem
Wasser ein Reibeisen.
»Zwei Mundvoll mehr wären gut,« sagt der Ansas halb abgewandt zu ihr
herüber, »denn wenn der Gegenstrom auch schwach ist, der Kahn merkt ihn
doch.«
Sie denkt bloß: »Ich möchte nach Minge.« Aber Minge liegt längst weit im
Rücken. Denn drüben ist schon Kuwertshof, das einsam zwischen
Wasserläufen gelegene Wiesengut, von dem die Leute sagen, daß, wer
darauf wohnen will, sich Schwimmhäute anschaffen muß, sonst kann er
nicht vor und nicht zurück.
»Auch ich kann nicht vor und nicht zurück,« denkt sie, »und muß
stillhalten, wie er es bestimmt.«
Nun macht der Strom den großen Ellbogen nach Süden hin, und die Segel
schlagen zur Seite, so daß sie ihn mit seinem ganzen Körper sehen kann.
Sie sitzt auf der Paragge, dem Abschlag vorn an der Spitze, und er
hinten am Steuer. Der Mast steht zwischen ihnen.
Ihr ist, als will er sich vor ihren Blicken verstecken. Er rückt nach
rechts, er rückt nach links, aber es hilft ihm nichts.
»Du armer Mann,« denkt sie, »ich möchte nicht an deiner Stelle sein.«
Und sie lächelt ihn traurig an, so leid tut er ihr.
Auf der rechten Seite kommt nun Ruß, der große Herrenort, in dem so viel
getrunken wird wie nirgends auf der Welt. Vor dem Rußner Wasserpunsch
fürchten sich ja selbst die Herren von der Regierung.
Zuerst mit den vielen Flößen davor der Anckersche Holzplatz und eine
Sägemühle und dann noch eine und noch eine.
Die Dzimken, die Flößer, die mit den Hölzern stromab aus Rußland kommen,
sitzen in ihren langen, grauen Hemden auf der Floßkante und baden sich
die Füße. Hinter ihnen rauchen die Kessel zum Frühstücksbrot.
»Er wird mir wohl Gift 'reintun,« denkt sie. Aber noch hat sie das
mitgebrachte Essen in ihrer Hand, und was Anderes wird sie nicht zu sich
nehmen.
Die Insel Brionischken kommt mit ihrer neuen Sägemühle. Auch hier liegen
Holztriften fest, und die Dzimken, die Tag und Nacht Musik machen
müssen, fangen schon an, die Kehlen zu stimmen.
Eins von den Liedern kennt sie:
_Lytus lynòju, rasà rasòju,_
_O mùdu abùdu lovò gulèju._
Sie denkt: »Wenn alles so wäre wie einst, dann würden wir jetzt
mitsingen.«
Die Dzimken winken ihnen auch einladend mit den Händen, aber keines von
ihnen beiden grüßt wieder. Und viele andere haben ihnen während der
Fahrt noch zugewinkt, aber niemals haben sie Antwort gegeben.
Hinter Ruß kommt, wie wir ja wissen, eine traurige Gegend. Links das
Medszokel-Moor, wo die Ärmsten der Armen wohnen, rechts das Bredszuller
Moor, das auch nicht viel wert ist. Aber dahinter erhebt sich auf Hügeln
und Höhen der Ibenhorst, der weitberühmte Wald, in dem die wilden Elche
hausen.
Und sie muß an jenen Frühlingstag denken, vor sieben Jahren. Sie trug
damals die Elske im sechsten Monat und war in der Wirtschaft schon wenig
mehr nütze. Da sagte er eines Tages zu ihr: »Wir wollen nach Ibenhorst
fahren, vielleicht daß wir die Elche sehen.« Aber er nahm nicht wie
heute die Waltelle -- das Mittelboot --, denn damit kommt man in den
kleinen Seitenflüssen nicht vorwärts, sondern den Handkahn. In dem
fuhren sie nun eng aneinander gedrückt durch das Gewirr der fließenden
Gräben, durch Rohr und Binsen, stunden- und stundenlang. Und sie hatte
den Kopf auf seinem Schoß liegen und sagte ein Mal über das andere:
»Ach, was brauchen wir Elche zu sehen, es ist ja auch so ganz
wunderschön.« Und schließlich sahen sie doch einen. Es war ein mächtiger
Bulle mit einem Geweih rein wie zwei Mühlenflügel. Der stand ganz nahe
im Röhricht und kaute und sah sie an. Ansas sagte: »Sehr wild scheint
der nicht zu sein, ich fahr' einfach auf ihn los.« Aber die Elske in
ihrem Leibe, die wollte das nicht und machte einen heftigen Sprung. Und
als sie ihm das sagte, da wußte er nicht, wie rasch er umkehren sollte.
An jenen Frühlingstag also muß sie denken, und dabei kommt mitten aus
ihrer Ergebung der Jammer plötzlich über sie, so daß sie die gefalteten
Hände vor die Stirn legt und dreimal weinend sagt: »O Gott, o Gott, o
Gott!«
Dann sieht sie, daß er das Ruder festmacht und über die Großmastbank zu
ihr herübersteigt.
»Worüber klagst du eigentlich?« hört sie ihn sagen.
Sie hebt die Augen zu ihm auf und sagt: »Ach Ansas, Ansas, weißt du
nicht besser als ich, warum ich klage?«
Da dreht er sich auf seinen Hacken um und geht stumm zum Hinterende
zurück.
Auf einer der entgegenfahrenden Triften spielt ein Dzimke die Harmonika.
Sie denkt: »Nun wird die Elske wohl nie mehr Klavier spielen lernen ...
und der Willus wird auch niemals ein Pfarrer werden.« Denn das hat sie
sich in ihrem Sinne vorgenommen, weil es ein gottgefälliges Werk ist.
Sie denkt weiter: »Ich werde es mir noch vorher von ihm versprechen
lassen.« Aber wie kann sie wissen, wann das Schreckliche kommen wird, so
daß sie noch Zeit behält zum Bitten? Jeden Augenblick kann es kommen,
denn oft ist alles menschenleer -- auch an den Ufern weit und breit.
»Was mag er nur in der Sackleinwand haben?« denkt sie weiter. »Da drin
muß es sein, womit er das Schreckliche ausüben will. Aber was kann es
sein?« Das Paket ist rund und halbmannslang und etwa wie ein Milcheimer
so stark. Als er es vor der Abfahrt auf den Boden warf, ist kein Schall
zu hören gewesen. Es muß also leicht sein von Gewicht.
»Das Beste ist,« denkt sie, »ich lasse es kommen, wie es kommt, und
nutze die Zeit, um Frieden zu machen mit dem Herrn.«
Aber der Herr hat ihr den Frieden längst gesandt. Sie weiß kaum einmal,
um was sie beten soll. Denn um die Rettung zu beten, ziemt ihr nicht. Da
braucht sie ja nur zu schreien, wenn irgendein Floß kommt. Und so betet
sie für die Kinder. Immer der Reihe nach und dann wieder von vorne.
Wie lange Zeit so verflossen ist, kann sie nicht sagen. Aber die Sonne
steht schon ganz hoch, da hört sie von drüben seine Stimme: »Bring mir
zu essen, ich hab' Hunger!«
Das Herz schlägt ihr plötzlich oben im Halse. »Jetzt wird es geschehen,«
denkt sie. Aber wie sie ihm die Neunaugen und die Rauchwurst
hinüberträgt und Brot und Butter dazu, da zittert sie nicht, denn jetzt
denkt sie wieder: »Nein, so kann es _nicht_ geschehen, er wird sich eine
andere Art und Weise suchen.«
Und dann, wie er fragt: »Ißt du denn nichts?«, kommt ihr plötzlich der
Gedanke: »Es wird _gar_ nicht geschehen. Und nur mein trüber Sinn malt
es mir aus.«
Aber sie braucht ihn nur anzusehen, wie er dasitzt, in sich
zusammengekrochen und die Blicke irgendwohin ins Weite oder aufs Wasser
gerichtet, bloß nicht auf sie, dann weiß sie: »Es wird _doch_
geschehen.«
Mit einmal faßt sie sich ein Herz und fragt: »Was hast du da in der
Sackleinwand?«
Er zieht finster den Mund in die Höhe und antwortet: »Meine
Wasserstiefel.« Aber sie weiß, daß das nicht wahr sein kann, denn deren
Absätze sind eisenbeschlagen und hätten beim Hinschmeißen geklappert.
Dann packt sie die Speisen zusammen und geht nach dem Vorderende zurück.
Die Sonne sticht nun sehr, und sie muß ihr Kopftuch tief in die Augen
ziehen.
Längst haben sie die arme Moorgegend verlassen, auch der schwarze Rand
des Ibenhorstes ist untergesunken, und hinter dem Damm dehnt sich die
fruchtbare Niederung, wo der Morgen tausend Mark kostet und die Bauern
Rotwein auf dem Tische haben.
Die Klokener Fähre kommt, hinter der Kaukehmen liegt, der große, reiche
Marktort, in dessen bestem Gasthaus nur studierte Leute aus und ein
gehen dürfen. »Wenn der Willus Pfarrer sein wird, wird er dort auch aus
und ein gehen dürfen. Aber der Willus wird ja nie Pfarrer sein. Wird
etwa die Busze ihn auf die hohe Schule gehen lassen?«
Nun dauert es noch etwa eine Stunde, dann kommt die Stelle, an der die
Gilge sich abzweigt. Sie sieht das blanke Gewässer nach rechts hin im
Grünen verschwinden, fragt aber nichts.
Da kriegt der Ansas mit einmal die Sprache wieder und sagt: »Du, Indre,
von nun an heißt es nicht mehr der Rußstrom, jetzt ist es die Memel.«
Sie bedankt sich für die Belehrung, und dann wird es wieder still. So
lange still, bis Ansas plötzlich den Arm hebt und ganz erfreut nach
vorne zeigt.