Es ist sicher, daß die in verschiedenen Gegenden gefeierten Maifeste,

bei denen eine Maikönigin oder ein Maikönig einzog, oder ein Maigraf

aus dem Walde in die Stadt eingeholt wurde, oder bei denen man den

in Tannenrinde und Laub gehüllten Pfingstbutz zu Roß ins Dorf führte

(s. Mannhardt, die Götter der deutsch. und nord. Völker, S. 144

etc.), mit dem Todaustreiben gleiche Bedeutung hatten. Wegen der in

unsern Gegenden zu zeitigen Feier des Frühlingsfestes im März, da

häufig noch Eis und Schnee die Fluren deckte, wurde dieselbe vielfach

auf den sonnigen Mai verlegt und jetzt nun nicht mehr der Winter

verjagt, sondern der vor der Thür harrende Frühling eingeholt und

begrüßt. (S. über die Frühlingsfeier bei den Germanen und Slaven:

Preusker, Blicke in die vaterländische Vorzeit, I. S. 142--152.)

800. Der Totenteich bei Tharand.

(B. C. (Cotta), Tharand und seine Umgebungen. 1835. S. 101. Gräße,

Sagenschatz etc. No. 268.)

Wenn man durch Tharand hinauf am Amthause vorbei nach dem Kalkofen

und dann weiter im Thale fortgeht, so kommt man in den sogenannten

Ebergrund und zur Ebermühle, bei welcher der von dem Mühlbache

gebildete Totenteich liegt, der seinen Namen davon hat, daß früher

bis an das Ende des vorigen Jahrhunderts die Sitte herrschte, wenn

die Bewohner der umliegenden Dörfer den Tod austrieben, den diesen

vorstellenden Strohmann hier hineinzuwerfen. Man behauptet, bei hellem

Sonnenschein in der Tiefe noch heute das steinerne Bild desselben

liegen zu sehen.

801. Altes Fastnachtsspiel der Bergleute.

(Chr. Lehmann, Histor. Schauplatz etc. S. 757.)

Im Erzgebirge trägt man sich mit einer alten Tradition, daß wilde

Waldleute bisweilen an die Waldhäuser gekommen seien. Solcher wilden

gebirgischen Satyren erinnerten sich vor Alters die Einwohner und

Bergleute bei ihrem »Quaß« und Fastnachtsspiel, bei welchem sie

jährlich zwei wilde Männer verkleidet, den einen in Reisig und Moos,

den andern in Stroh gehüllt, auf den Gassen umhergeführt, endlich aber

auf dem Markt herumgejagt und endlich zum Schein niedergeschossen und

gestochen haben. Die verkleideten Personen riefen dabei durch ihr

Taumeln und ihre seltsamen Gebärden Gelächter hervor und spritzten

dabei aus angefüllten Blasen Blut unter die umstehenden Leute, ehe sie

als Tote niederfielen. Dann faßten sie die Jäger, legten sie auf Breter

und trugen sie ins Wirtshaus. Die Bergleute gingen daneben her und

bliesen durch ihre Pechpfeifen und Grubenleder auf, als hätten sie ein

stattliches Wildpret gefangen. Dergleichen Aufzüge hielt man vor dem

dreißigjährigen Kriege; aber darnach sind sie abgekommen.

Auch dieses Fastnachtsspiel war jedenfalls ein Überrest der alten

Frühlingsfeste; seine Bedeutung ist aber hier sehr verwischt worden.

Der in Reisig und Moos gehüllte Mann sollte den Frühling, der

Strohmann dagegen den Winter darstellen. Ursprünglich haben beide

wohl miteinander gekämpft, bis der Frühling den Winter besiegte. Daß

solche Kämpfe zwischen den persönlich dargestellten Jahreszeiten

Winter und Frühling (Sommer) wirklich, z. B. in Schweden und

Gothland, dargestellt worden sind, dafür bringt Jac. Grimm in seiner

deutschen Mythologie mehrere Beispiele; auf S. 440 heißt es daselbst:

Ein vermummter Sommer und Winter, jener im Epheu oder Singrün, dieser

in Stroh oder Moos gekleidet, traten auf und kämpften so lange

miteinander, bis der Sommer siegte. Dann wird dem zu Boden geworfenen

Winter seine Hülle abgerissen, zerstreut, und ein sommerlicher Kranz

oder Zweig umhergetragen.

802. Der Streittag der Freiberger Bergleute.

(Gießler, Sächs. Volkssagen (Stolpen o. J.), S. 271.)

In Freiberg kehrt alljährlich am Tage Maria Magdalena, den 22. Juli,

ein besonderer Bergfeiertag wieder, an welchem vormittags im Dome eine

große Kirchenparade der Bergleute und eine Bergpredigt abgehalten

wird. Bei Gelegenheit im Jahre 1737 angestellter Erörterungen ergab

sich, daß die Freiberger Bergleute bis dahin den Maria-Magdalena-Tag

angeblich seit länger als 200 Jahren am sogenannten Hungerborne

gefeiert hätten, woselbst sogar zu Zeiten gepredigt worden sein

sollte. Dieser Brunnen, welcher wegen seines guten und reichlichen

Trinkwassers besonders von den benachbarten Huthäusern stark benutzt

wurde, lag etwa eine Viertelstunde nordwestlich von dem Huthause

»Beschert Glück« im Ratswalde und ist erst im Jahre 1790 infolge der

von »Beschert Glück« betriebenen Grubenbaue weggefallen. Eine Meinung

der damaligen Bergleute schreibt den Ursprung seines Namens einer

Frau Maria Magdalena Hunger zu; die Veranlassung zum Festtage, dessen

althergebrachte Feier sich die Bergleute 1737, als solche auf den

nächsten Sonntag verlegt werden sollte, »erstritten« haben, soll sich

aber daher schreiben, daß die Kurfürstin Magdalena Sybilla, Witwe des

Kurfürsten Johann Georgs II, als sie ihren Namenstag am Hungerborne

feierte, den Bergleuten für alle Zeiten ihren Namenstag daselbst zu

feiern angeordnet habe. Gewiß ist, daß die Bergleute bis zum Jahre 1737

die Umgebung des Hungerbornes als einen gewohnten Versammlungsplatz

betrachteten und als solchen benutzten; ja noch in unserm Jahrhunderte

fand daselbst zu gewissen Zeiten im Jahre, besonders Pfingsten,

ein großer Zusammenfluß von Personen aus der Umgegend statt. Man

unterhielt sich dabei mit Musik und Spielen.

Die Feier des »Streittags« fand sich wahrscheinlich in allen

sächsischen Bergrevieren vor. Meltzer schreibt in seiner

»bergkläuffigen Beschreibung der Bergk-Stadt Schneeberg«, (1684. S.

3), daß die Bergleute daselbst diese Feier »mit dem Schwerte errungen

hätten«, und er vermutet, daß solches bei dem Aufstande der Bergleute

im Jahre 1496 geschehen sei. Herzog Heinrich der Fromme ließ den

Maria-Magdalena-Tag bei Einführung der Reformation 1539 ausdrücklich

als bergmännischen Feiertag fortbestehen, und derselbe wird auch noch

gegenwärtig in Schneeberg durch Bergaufzug, Gottesdienst und eine

Ergötzlichkeit der Bergleute gefeiert.

803. Der Schwerttanz der Tuchknappen in Chemnitz.

(Lehmann, Chronik der Stadt Chemnitz, S. 158.)

Am 18. Februar 1613 führten die Tuchknappen zur Feier des Faschings

auf dem Markte zu Chemnitz den Schwerttanz auf. Dieser Schwerttanz ist

noch heutzutage unter den Salzknappen Halleins und Hallstadts üblich,

und er wurde von neun Tänzern, zwei Pfeifern, einem Trommler und zwei

Hanswürsten aufgeführt, welche mit dem Spruche auftraten:

Wir treten herein ganz edel und fest,

Und grüßen alle anwesenden Zuschauer aufs Best';

Grüßten wir einen und den Andern nicht,

So möchtens meinen, wir wären die echten Schwerttänzer nicht;

Die rechten Schwerttänzer sind wir genannt,

Wir tragen das Schwert in unserer Hand.

Spielmann, mach' auf den rechten Schwerttanz!

Nun begann der Tanz, indem jeder die Spitze des Schwertes von seinem

Nebenmann faßte, mit einem Rondo; alsdann Springen über Schwerter.

Darauf legte man die Schwerter nieder, tanzte herum, hob sie wieder auf

und bildete eine Schnecke, die sich wieder auseinander winden mußte,

ohne daß ein Tänzer die Schwertspitze seines Nachbars losließ. Dann

trat ein Hanswurst in den Kreis und kniete nieder. Die Tänzer hielten

ihre Schwerter auf ihn, der Vortänzer schwang sich auf diese Schwerter

und sprach folgenden Spruch:

Da bin ich heraufgestiegen,

Wär' besser, ich wär' unten blieben;

Der Fasching ist ein verthunlicher Mann,

Hat all sein Hab und Gut verthan;

Er hat verthan sein Hab und Gut,

Bis auf einen alten zerrissenen Hut.

Er reist das Land wohl auf und nieder,

Was er bekommt, versäuft er wieder;

So spring' ich aus dem grünen Kranz,

Spielmann, mach' auf den lustigen Schwerttanz.

Nun ward wiederum ein Rondo getanzt, aber schneller als das erste; die

Tänzer traten einer nach dem andern ab, bis Vor- und Nachtänzer allein

waren, die sich noch ein paar Mal herumdrehten, mit den übrigen die

Schwerter zusammenschlugen und so unter dem Jubelruf der Zuschauer

schlossen.

804. Strafe für zänkische Weiber.

(Oesfeld, Histor. Beschreibung von Lößnitz (1776) S. 10. Göpfert,

Geschichte des Pleißengrundes (1794), S. 180.)

Auf der rechten Seite ohnweit der Hauptthüre des Rathauses in Lößnitz

befanden sich zwei steinerne halbe Zentnergewichte, welche oben einen

eisernen, sehr weiten Angriff hatten und auf der einen Seite glatt,

übrigens aber rund und an einem Ring aufgehangen waren. Auf dem einen

Steingewichte sah man ein Frauenbild mit einem Bund Schlüssel, welches

sie über dem Kopfe hielt, als ob sie damit werfen wollte, und der

Umschrift. »Du leugst wie eine Hure.« Auf dem anderen Gewichte war auch

ein Frauenbild mit einem »Waschbleu« und den Worten: »Du bist eine

Hure«, zu sehen, und die gemeine Sage war, daß in alten Zeiten diese

Gewichte von zänkischen Weibern, welche sich geschlagen, öffentlich

hätten herumgetragen werden müssen.

Eine ähnliche Strafe gab es in Crimmitschau. Wenn daselbst

Weibspersonen einander geschimpft hatten, so mußten sie an der

Rathausthüre einander gegenüber stehen und ward jeder eine Art von

bleiernem Gewichte an den Hals gehängt.

In Bautzen war es im Mittelalter bis gegen Ende des 17. Jahrh.

eine gewöhnliche Strafe für zänkische Weiber, daß sie sogenannte

Schandsteine, welche die Form von runden Flaschen hatten, an einer

eisernen Kette um den Hals durch die Stadt tragen mußten. Man nannte

diese Strafe das Flaschentragen oder das trinken aus des Büttels

Flasche. (Haupt, Sagenbuch d. L. II. No. 89.) Auch in Leipzig

gab es für solche Weiber, welche sich auf dem Markte schlugen,

rauften oder einander schmähten, Schandsteine, die der Rat 1624 neu

anfertigen ließ. An manchen Orten wurden auch diejenigen Personen

damit geschmückt, welche nächtlichen Straßenlärm machten. Da und

dort hatten diese Steine Brotform, und daher schreibt sich wohl

auch die Redensart: Ein schwerer Bissen Brod. In Lübeck hatten sie

die Form von Schüsseln, und nach dem Dortmunder und Halberstädter

Statut von 1348 sollten sie das Gewicht eines Zentners haben. Waren

die »losmäuligen« Frauen wohlhabend, so konnten sie sich von dieser

schmachvollen Strafe durch einen Sack voll Hafer, der mit einem

roten Bande zugebunden sein mußte, loskaufen. (Schäfer, deutsche

Städtewahrzeichen, I. S. 54.)

805. Strafe für liederliche Weibspersonen.

(Göpfert, Geschichte des Pleißengrundes, S. 180.)

Es war sonst in Crimmitschau die Gewohnheit, welche auch an andern

Orten, z. B. in Schmölln, eingeführt war, daß liederliche Weibspersonen

sich auf den niedern Stadtturm begeben mußten, allwo oben auswendig

ein großer Korb befindlich war. In diesen mußten sie sich setzen,

worauf sie dann jählings in den unten am Thore befindlichen Teich

herabgelassen wurden.

806. Wie das Lehen gereicht wurde.

(Göpfert, Geschichte des Pleißengrundes, S. 180.)

Wenn sonst jemandem in Crimmitschau das Lehen gereicht wurde, so

beobachtete man die Zeremonie, daß dem Empfänger vom Gerichtsdirektor

oder Amtmann ein runder Hut dargereicht wurde, woran der Empfänger

greifen mußte, und wenn mehrere etwas in sämtliche Lehn empfingen, so

mußten ebenfalls alle diesen Hut berühren.

807. Gebrauch bei einer zweiten Verheiratung.

(Göpfert, Geschichte des Pleißengrundes, S. 180.)

Eine Gewohnheit, welche in Crimmitschau ausgeübt wurde, war,

daß die Witwen, welche sich zum zweiten Male verheirateten, der

Gerichtsherrschaft ein Bett abgeben mußten.

Hidda, Friedrichs und Dedaus, Grafen zu Eilenburg Schwester,

verordnete, daß jede Witwe, welche sich wieder verheiratete, dem

Amtmann (~praefecto arcis~) zwei Schreckenberger in einem Beutel ohne

Naht geben sollte.

808. Das Bärenprivilegium für Lößnitz.

(C. Lehmann, Chronik der freien Bergstadt Schneeberg. 1. B. Schneeberg

1837. S. 8.)

In der ältesten bekannten, aus dem Jahre 1284 stammenden Urkunde von

Lößnitz erhielt die Stadt das Privilegium, daß sich in seinen Mauern

kein Mönch oder Priester häuslich ankaufen sollte, sowie kein Edelmann.

Letzteres soll der Sage nach davon kommen, daß ein Edelmann, mit Namen

von Hagenest, im Jahre 1283 einen Bären gehabt, der sich von der Kette

losgerissen und eines Bürgers Kind erwürgt. Darauf hätten die Bürger

den Bären samt dem Edelmann erschlagen. Daher das Privilegium, welches

deshalb auch das Bärenprivilegium hieß.

Anhang.

809. Der Wegzug der Zwerge.

(A. Stropnitzky in den Mitteilungen des Nordböhm. Excursions-Clubs,

1885, S. 120.)

Am rechten Ufer der Eger liegt bei dem Dorfe Sosau eine

Bauernwirtschaft, deren Besitzer schon seit Menschengedenken den

Dienst von Fährleuten versehen haben. Eines Tages kam nun zu dem Bauer

ein kleines Männchen und sagte, er wäre der Zwergkönig und wolle mit

seinem Volke aus der Gegend auswandern, da die Leute schon das Brot

in den Ofen und die Knödel in den Topf gegeben hätten. Der Fuhrmann

möge sich für seine Arbeit eine Mütze voll Gold oder für jeden Zwerg

einen Pfennig wählen. Der Bauer wählte das Erstere. Am nächsten Morgen

kamen die Zwerge, aber alle unsichtbar; nur durch den Lärm, den sie

verursachten, wurde es dem Bauersmanne klar, daß er sein Werk beginnen

könne. Er band also den Kahn los, und tief sank dieser in das Wasser,

so schwer war er beladen. Doch sah der Fährmann niemanden. Bereits den

ganzen Tag hatte er schon gearbeitet, und noch immer war kein Ende. Als

er nun von neuem leer herübergekommen war, trat der Zwergkönig zu ihm

heran, lobte ihn und gab ihm den bedungenen Lohn. Zugleich sagte er,

daß er noch einmal hinüberfahren müsse. Der Fährmann war in den Kahn

gestiegen und der Zwergkönig folgte ihm. Als sie nun in der Mitte der

Eger waren, fragte der Zwergkönig, ob der Fuhrmann nicht sehen wolle,

wie viel Zwerge er hinüber gefahren habe. Und als der Fährmann diesen

Wunsch äußerte, so schlug der Zwergkönig mit seinem Stabe in die Lüfte,

und nun sah der Fährmann die ganze Straße und die benachbarten Felder

mit Zwergen erfüllt. Doch nur einen Augenblick währte es, und alles war

wieder vorbei. Seitdem sind die Zwerge aus der Gegend verschwunden.

In No. 186 bezieht sich diese Sage auf den Wegzug der Holzweibchen.

810. Der gespenstische Hund bei Unterscheibe.

(Nach der Mitteilung von H. Weißflog.)

An der Grenze der Dörfer Unterscheibe und Markersbach, unterhalb

des sogenannten Vogtelgutes, läßt sich in stürmischen Nächten ein

schneeweißer Hund mit rotleuchtenden Augen sehen, dessen Klagegeheul

schauerlich durch die Nacht tönt. Er thut jedoch niemandem etwas zu

Leide. Es soll dies der Hund eines Schäfers sein, der seinem Herrn sehr

treu ergeben war. Der Schäfer hat sich einst in jener Gegend erhängt,

und der Hund soll nun seinen Herrn suchen.

811. Der Schmiedmönch von Thierfeld.

(Mitgeteilt vom Seminarist Emil Müller.)

Alte Leute in Thierfeld bei Hartenstein erzählen von einem Geiste, dem

sogenannten Schmiedmönch, welcher früher in der Schmiede des Ortes sein

Wesen getrieben haben soll. Den Kindern ist er zu einem Schreckgespenst

geworden, denn wenn dieselben nicht folgen wollen, so droht man ihnen

mit dem Schmiedmönch, welcher jetzt neben der Schmiede unter den

Wurzeln eines Strauches wohnen soll.

812. Warum einer von den Eingängen in die St. Wolfgangskirche zu

Schneeberg zugemauert wurde.

(Nach einer Mitteilung des Archidiakonus Blanckmeister in Schneeberg.)

Ursprünglich hatte die St. Wolfgangskirche in Schneeberg drei

Haupteingänge, von denen aber derjenige, welcher sich der

Superintendentur gegenüber an der Turmseite befand, später zugemauert

wurde. Als Veranlassung dazu wird folgendes erzählt: Ein früherer

Pfarrer hat sich alle hundert Jahre des Nachts sehen lassen, und

das letzte Mal soll er dem Pfarrer W. erschienen sein. Um nun das

Wiedererscheinen des Gespenstes für alle Zeiten zu verhindern,

vermauerte man nicht nur den oben bezeichneten Kircheneingang, sondern

auch die gegenüberliegende Hausthüre der Oberpfarrerwohnung, welche

sich auf der schmalen Seite des Hauses befand, und verlegte sie nach

der Breitseite, wo sie sich noch heute befindet. Trotzdem glaubt man

noch jetzt, daß es auf dem Kirchplatze nicht richtig sei, und man

bringt z. B. das vor einer Reihe von Jahren auf dem Platze geschehene

Unglück, wobei ein Arbeiter durch einen Erdfall ums Leben kam, damit in

Zusammenhang, indem viele meinen, daß der umgehende Geist sein Opfer

gefordert habe.

813. Die Befreiung der geraubten Prinzen Albert und Ernst.

(Johann Vulpius, ~Plagium Kauffungense~, das ist: Der Chur-Fürstl.

Sächß. Printzen durch Conrad (Curt, Cuntz) von Kauffungen, geschehene

Entführung aus dem Schlosse zu Altenburg, wie sich solche ~Anno~ 1455

zugetragen. Ohne Jahrzahl.)

Nachdem Kunz von Kauffungen mit seinen Genossen in der Nacht vom 7.

zum 8. Juli 1455 die beiden Prinzen Ernst und Albert aus dem Schlosse

Altenburg geraubt hatte, setzte er den erst genannten Prinzen auf

ein gut gesattelt Roß und führte ihn bei finsterer Nacht nach dem

Lande Böhmen zu, erstlich durch die Leine, so ein Wald oder Holz

bei Altenburg gelegen, ferner durch die Rabensteiner Wälder bis

ohnfern Elterlein um die Gegend des Klosters Grünhain, dahin er bei

aufgehendem Mondschein gegen Morgen gekommen, vermeinend, nun mit

seinem hohen Gefangenen leicht vollends nach Böhmen zu gelangen. Die

andern haben den Prinzen Ernst auch auf ein Roß gesetzt und zwischen

sich einen andern Weg davon geführt, willens ihn durch das Vogt- und

Frankenland durch einen andern Strich in ihre Gewahrsam zu bringen;

denn sie hatten sich dessen zuvor mit einander verglichen, diesen Raub

durch unterschiedliche Wege wegzubringen, und obschon ein Teil mit

seinem Prinzen ergriffen würde, so sollte doch der andere Teil seinen

gefangenen Herrn nicht eher von sich geben, es wäre ihnen denn allen

das Leben und Straffreiheit zugesagt.

Unterdessen ist auf dem Schlosse zu Altenburg ein groß Wehklagen,

bei den Hofleuten aber ein großer Schrecken entstanden. Man hat es

durch einen Eilboten gen Leipzig dem Kurfürsten zu wissen gethan,

dem anfänglich diese That fast unglaublich vorgekommen. So haben die

Hofleute auch nicht gesäumt, sondern von Stund an in alle Gegenden

geschicket, sind auch zum Teil selbst ausgeritten, den Sturmschlag

in allen Städten und Dörfern angehen zu lassen, dadurch das ganze

Land rege geworden, sintemal immer eines dem andern auf frischem Fuße

gefolget, auch den Nachbarn zu wissen gethan, und alle Straßen beleget.

Im Städtlein Geyer ist von den heftigen Glockenschlägen über diesem

Sturme die Glocke zersprungen. Solchen Sturmschlag und Nacheilen hat

Kunz von Kauffungen wohl gehöret, weil er aber bei Mittagszeit den

Wald erreichet, verhoffte er leichtlich davon zu kommen. Da er nun

nicht über eine halbe Meile bis zur böhmischen Grenze gehabt, hat es

Gott sonderlich geschickt, daß den jungen Herrn, Herzog Albrechten

(Albert) sehr gehungert und gedürstet, welches er Kunzen mit den Worten

beklagt: Wo er nicht zu essen und zu trinken bekäme, würde er Krankheit

halber nicht weiter kommen können, sondern müsse liegen bleiben.

Solches besorget Kunz selbst, sintemal er ihn von Mitternacht bis nun

fast gegen Mittagszeit auf einem schnell trabenden Rosse geführet.

Deswegen behielt er einen Reiter bei sich und stieg vom Pferde ab, in

Mangel anderer Speise dem Herzoge im Walde Erdbeeren abzupflücken;

seine andern Reiter, derer fünf gewesen, hieß er ein wenig auf den

Halt voranreiten, er aber spazierte im Walde mit dem Prinzen ein

wenig abseits, Erdbeeren zu suchen. In diesem Walde arbeiteten aber

unterschiedliche Köhler. Von denen war ein Junge, namens Urban Schmidt,

gen Geyer geschickt worden, einen Kober voll Brot, Salz und andere

nötige Dinge zu holen. Dieser Junge hatte das Anschlagen der Glocken

gehört, dazu vernommen, wie die große Glocke von gemeldetem Stürmen

geborsten und die Rede gegangen, es hätte der Feind zu Altenburg einen

Einfall gethan, das Schloß erstiegen und einen großen Raub weggeführet.

Weil man nun dazumal von keinem Krieg noch Feinde wußte, der Junge auch

nicht mehr erzählen konnte, so gerieten die Wäldler oder Köhler in

große Verwunderung und Bestürzung.

Dazwischen begab sichs, indem Kunz von Kauffungen mit dem Prinzen

und seinem Reiter über dem Erdbeersuchen etwas tiefer vom Wege ab

im Walde spazierten, und am Fürstenberge, der von dieser Geschichte

den Namen bekommen, Beeren pflückten, daß durch sonderbare Schickung

Gottes ein Köhler, mit Namen Georg Schmidt, welcher in der Gegend

ohnweit Grünhain und dem Dorfe Raschau Kohlen bereitet, im Walde sich

umzusehen daher kommet und seinen Hund bei sich hatte. Dieser Hund wird

fremder Leute innen, schlug also bellend an und führete seinen Herrn,

den genannten Köhler, welcher einen dichten Schürbaum zum Waldgewehre

in der Hand hatte, an den Ort. Dieser Köhler siehet, daß Kunz ein

Panzerhemd anhatte, auch ein Pferd an der Hand führte, dazu, daß der

bei ihm befindliche Knabe schön, zart und adliger Gebärden; lässet

sich daher bedünken, es möge nicht recht zugehen, und fraget trotzig,

wie der Wäldler Art ist, von wannen er mit dem Knaben komme und wo

er hinaus wolle? Darauf ihm Kunz antwortete: Es sei ein böser Bube,

der seinem Herrn entlaufen, dem müsse er ihn wieder bringen. Wie sie

aber miteinander ein wenig fortgehen, fällt Kunz von Kauffungen in dem

Gestrüppe, Gebüsche oder Hecken, darinnen er mit seinen langen Sporen

hängen blieb, und konnte wegen der schweren Rüstung, und daß er das Roß

an der Hand nicht wollte fahren lassen, nicht wohl wieder aufkommen.

Da er nun also lieget, spricht Prinz Albrecht heimlich zum Köhler: Ich

bin ein Fürst von Sachsen, mache mich los, mein Vater soll dirs wohl

vergelten. Darauf Jan Schweinitz, Kunzens Reisiger, sein Schwert über

den Prinzen gezogen, daß nicht viel gefehlet, er hätte ihn umgebracht.

Sobald der Köhler solches vernommen, auch des Reiters Ernst gesehen,

erinnert er sich der oben gemeldeten Zeitung, die der Junge von Geyer

mitgebracht, glaubet des Prinzen Rede, spricht dem Reiter ernstlich zu,

solche Gewalt bleiben zu lassen, hetzet seinen Hund an, welcher sich

sehr laut machet, Schweinitzen anfällt und stattlich zurückhält; er

aber hat mit seinem Schürbaume auf Kunzen, welcher wegen seiner Rüstung

nicht flugs hat aufkommen können, so wohl als auf den Reiter tapfer

zugeschlagen, hätte auch vielleicht Kunzen totgeschmissen, wenn nicht

der Prinz treulich gewehret und für ihn gebeten. Da nun der Köhler sich

mit Mund und Händen sehr gereget, der Hund auch trefflich gebellt,

läuft des Köhlers Weib aus dem Kohlenkrame auch herzu und siehet, was

für ein Streit da ist. Als sie ihren Mann auf Kunzen schlagen siehet,

denket sie, es seien Räuber da und giebt alsbald das gewöhnliche

Waldzeichen, so die Köhler im Gebrauche hatten, daß sie mit einem

großen Messer oder Zschörper auf eine Holzaxt schlagen. Hierauf liefen

alsbald andere Köhler mit Äxten und Schürbäumen zu, nahmen Kunzen und

seinen Reiter gefangen, den Prinzen führeten sie in einen Kohlkram,

gaben ihm schwarz Brot zu essen und Wasser zu trinken, zeigeten es auch

unverzüglich der Obrigkeit, nämlich dem Abte des Klosters Grünhain

an, welcher alsbald Befehl gab, die vorangeschickten fünf Reiter

auch aufzusuchen, und also geschahe es, daß noch diesen Tag, welcher

war Kilianitag, Kunz von Kauffungen mit sechs seiner Gesellen in

gefängliche Haft gebracht wurde. Diese Gefangenen überantwortete der

Abt noch denselben Tag dem Oberamtmann von Schönburg auf Glauchau und

Hartenstein nach Zwickau, welcher sie festsetzen und die übrigen ferner

verfolgen ließ.

Sagenbuch des Erzgebirges · 第 61 / 62 段