Eine sprichwörtliche Redensart in der Schwarzenberger Gegend lautet:

»=Kein Hammerschmied stirbt, sondern er kommt von der Welt, man weiß

nicht wie?=« Diese Redensart bezieht sich darauf, daß nicht mehr

arbeitsfähige Hammerschmiede bettelnd von einem Hammerwerke zum andern

zogen und daß deshalb selten einer in der Heimat starb. (Merkels

Erdbeschreibung von Kursachsen. I. 1804, S. 161.)

~d.~ Man könne die sächsischen Eisenhämmer so wenig aufhalten, als die

schwedischen Truppen.

»=Man könne die sächsischen Eisenhämmer so wenig aufhalten, als die

schwedischen Truppen=,« sagte ein schwedischer Quartiermeister,

der 1712 im Hammerwerke Erla den großen Stabhammer im Niederfallen

aufhalten wollte, dafür aber mit gelähmter Hand bezahlt ward. Der

Quartiermeister hieß Schulze und stand beim Kavallerieregiment des

Obersten Rosenstern. Die erzählte Begebenheit soll sich übrigens am

27. Juni 1707 zugetragen haben und die angeführten Worte wurden beim

Rückmarsche der Schweden auf der Schiffbrücke zu Pirna gesprochen.

(Peck, Beschreibung des Chursächsischen Erzgebirges, 1. B., S. 103.)

~e.~ Vom Silbergehalt unscheinbarer Steine.

Von den Venetianern geht eine Rede, daß sie gesagt haben: In Meißen

(dem meißnischen Erzgebirge) und dem Vogtlande wirft man einen Stein

nach der Kuh, da doch der Stein mehr als die Kuh selber wert ist.

(Meltzer, Beschreibung der Bergstadt Schneeberg, 1684. S. 54.)

~f.~ Fägel schweiget seine Gäste.

Ein Fleischer zu Schneeberg, mit Namen Fägel, welcher auf der

Badergasse wohnte, hatte seinen beiden Gästen, die in Streit geraten

waren, Frieden geboten und deswegen auch zu dem Richter geschickt.

Weil dieser sich aber etwas verzogen hatte und die Gäste sich nicht

steuren lassen wollten, hat er sie beide erstochen, darauf die Flucht

genommen und dem Richter Hans Kempfen, der ihm begegnet, auf Befragen

geantwortet: »Ei, Herr Richter, es ist unnötig, daß Ihr Euch bemühet

und hinunter gehet, ich habe sie allbereit gestillet, sie haben sich

wohl müssen bedeuten lassen.« Daher ist, als der Richter hinunter

gegangen und die jämmerliche That befunden, Fägel aber unterdeß des

Landes entlaufen war, von ihm das Sprichwort entstanden: »Er hat sie

geschweiget oder gestillet, wie Fägel seine Gäste.« (Meltzer, a. a. O.,

S. 1099.)

~g.~ »Toffel, das gilt dir auch mit.«

Diese sprichwörtliche Rede, welche lange in Schneeberg im Gange war,

ist durch ein Wort des Pastors Christoph Schindler entstanden. Derselbe

gebrauchte es, wenn er Amtes halber etwas strafte und dabei sich selbst

nicht heuchelte, falls er diesen Fehler an sich selbst gefunden hatte.

Man wandte die Worte in der Folge an, wenn man sich selbst eines

Fehlers schuldig fand. (Meltzer, a. a. O., S. 1100.)

~h.~ »Der Narr ist aus dem Häusel gekommen.«

Dies pflegt von einem ausgelassenen Menschen gesagt zu werden. Die

Redensart kann davon herkommen: Eine uralte Art der Beschimpfung ist

es gewesen, wenn Diebe, die Feld- und Gartenfrüchte gestohlen, in das

sogenannte Narrenhäusel gesteckt worden sind, wie solche sonderlich in

den teuren Jahren 1771 und 1772 fast in allen gebirgischen Städten sind

errichtet worden. Ein solches Haus stand noch im letzten Viertel des

vorigen Jahrhunderts auf dem Markte zu Lößnitz; es sah wie ein Käfig

aus und konnte herumgedreht werden. Personen, die da hineingesteckt

wurden, hatten von den Gassenkindern, welche das Haus bald gedreht,

bald mit Steinen und Kot den Gefangenen geworfen, allerlei Schmach zu

erleiden. (Oesfeld, Hist. Beschreibung einiger merkwürdigen Städte im

Erzgebirge, insonderheit der Hochgräflich Schönburg. freyen Bergstadt

Lößnitz etc. 1776, S. 11.)

Auch in Leipzig gab es zwei solche Narrenhäuschen, das eine war bei

den sogenannten Brotbänken am Naschmarkte und das andere an der

Thomaskirche. Das erstere diente für Skandalmacher, Verläumder und

losmäulige Frauen, während letzteres unter geistlicher Jurisdiktion

stand und für diejenigen bestimmt war, welche als Flucher und

Gotteslästerer bezichtigt waren. In Oschatz ist noch jetzt (?) im

Winkel nächst den Stufen, die durch den vom Ratsarchive gebildeten

Schwibbogen vom Markte zum Stadtkirchhofe führen, das von Eisengitter

nach Art eines Käfigs gebildete Narrenhäuschen vorhanden. (Schäfer,

Deutsche Städtewahrzeichen, 1. B., S. 54.)

~i.~ Die Schlimmen von Öderan.

(Staberoh, Chronik von Öderan. 1847, S. 197--201.)

Im Jahre 1645 begann zwischen Öderan und dem Ritter Nikolaus von

Schönberg auf Börnichen der Streit wegen des Hirtenfeldes. Letzterer

verlangte das Grundstück, welches bereits seit Jahren von der Stadt

bebaut worden war, zurück, unter dem Vorgeben, daß es zu den Fluren von

Börnichen gehöre. In das Dunkel über diese Angelegenheit war kein Licht

zu bringen, da die Urkunden in dem Kriege verbrannt, die alten Leute

aber, welche Auskunft hätten geben können, an der Pest gestorben oder

geflüchtet waren. Nachdem der Prozeß beinahe 4 Jahre geschwebt hatte,

ging der Schafmeister vom Rittergute Börnichen, Caspar Witte, nach

Böhmen, um für seinen Herrn 100 Stück Schafe zu kaufen, welche damals

zu Tausenden für das ruinierte Böhmen aus Ungarn herauskamen. Der

Schafmeister kam mit seinen Schöpsen glücklich bis auf die Eppendorfer

Fluren, wo ihn eine Abteilung schwedischer Reiter anhielt und um 10

Schafe gegen Bezahlung bat. Doch der Schafmeister, rauh und trotzig

wie sein Herr, und wohl wissend, daß die Schweden den Waffenstillstand

achten mußten, verweigerte sie ihnen und trieb weiter. Allein die

Schweden nahmen ihm nun die ganze Herde, schlugen ihn überdies und

trieben die Schafe nach Öderan hinein, wo sie 50 Stück verkauften. Der

geschlagene Schafmeister kam nun mit seinem Anhange nach der Stadt und

verlangte seine Schafe zurück. Da er sie nicht erhielt, so brach er

wenige Tage darauf des Nachts in Öderan ein und stahl die letzten noch

übrig gebliebenen 20 Stück. Er wurde aber noch auf Öderaner Gebiet

ertappt und nun als Schafdieb in Öderan gefangen gesetzt. Es war jetzt

für ihn wenig Gnade zu hoffen, da der Kurfürst, ergrimmt über die

überhand genommenen Räubereien, befohlen hatte, jeden Diebstahl mit

dem Strange zu bestrafen. Der Prozeß wegen des streitigen Hirtenfeldes

wurde unterdeß fortgeführt, bis gegen 1650 das Endurteil kam, welches

lautete, »daß diejenige der streitenden Parteien das fragliche

Hirtenfeld bei Öderan auf ewige Zeiten in Besitz haben sollte, welche

zuerst ein Galgengericht darauf erbauen und solches auch zugleich mit

einem Verbrecher bestätigen würde.« In einer und derselben Stunde wurde

dieser Spruch in Öderan und Börnichen bekannt gemacht. Der Ritter von

Schönberg sandte sogleich nach Meißen, einen Verbrecher dort abzuholen,

wo solche Räuber und Mörder, die der Krieg erzeugt hatte, zu Dutzenden

gefangen saßen und für Geld zu haben waren. Zugleich wurde ein Galgen

zusammengezimmert und des Abends der Hof verschlossen, um ersteren am

Morgen an Ort und Stelle aufzubauen.

In Öderan dagegen gab es weder Holz noch Zimmermann, ja kaum Axt

und Säge. Teurung und Pest hatten die Bewohner bis auf 18 Bürger

vermindert, welche an selbigem Tage eben erst aus dem Niederlande

mit einigen Säcken Korn zur Aussaat sowie zur Speise heimgekehrt

waren, denn die Not war in diesem Jahre noch schrecklich. Man lief

ratlos zu einander und beriet, wo ein Galgengerüst herzunehmen sei,

um das Feld zu behaupten. Am frühen Morgen des zweiten Tages, als

eben der Ritter von Schönberg seinen Galgen nach dem Hirtenfelde

abfahren lassen wollte, sah er mit Entsetzen durchs Fenster auf diesem

Felde einen Galgen stehen und an demselben schon seinen Schafmeister

aufgehenkt, dessen Urteil der Rechtsbeistand der Öderaner, mit Namen

Matthesius, zugleich mit aus Dresden besorgt und in die Stadt gesendet

hatte. »Seht, seht die Schlimmen von Öderan!« rief da der Ritter

seinen Leuten zu, und befahl den Galgen wieder abzuladen. Daher die

Redensart: »Die Schlimmen von Öderan!« Wie aber waren die Öderaner zu

dem Galgen gekommen? Zwölf der Bürger hatten die Galgensäule auf dem

Gahlenzer Berge aus dem alten Hochgericht ausgegraben, herübergetragen,

aufgerichtet und den Schafdieb aufgehenkt. Der Ritter von Schönberg

aber schloß noch an diesem Tage mit den Öderanern Frieden.

~k.~ »Je, daß dich der Bär herze!«

(~Curiosa Saxon.~ S. 47. Darnach Gräße, Sagenschatz, Nr. 494.)

Im Jahre 1631 hat eine Jungfer nicht weit von Hundshübel das Vieh von

Waldhäusern auf die Weide getrieben, da sie sich dann hingesetzt und

nach erzgebirgischer Art, um sich die Zeit zu vertreiben, geklöppelt.

Ehe sie sich's nun versieht, kommt ein großer Bär hinter sie

geschlichen, daß sie ganz ungemein erschrickt und nicht weiß, was sie

machen soll. Der Bär thut ihr aber nichts, sondern beriecht sie und

tatschet sie mit seinen Tatzen ganz sauber an, gleich als wüßte er, was

für einen Respekt er dem Frauenzimmer schuldig sei. Da nun der zottige

Bär sich ganz höflich gegen sie aufführt und sie herzen zu wollen

Anstalt macht, entschließt sich das Mädchen kurz und läuft unter das

Vieh. Dieses drängt sich zusammen und geht auf den Bären los, bis das

Mädchen schreit und ihre Eltern nebst andern Waldleuten zu Hülfe ruft.

Da nimmt der Bär reißaus, das Sprichwort aber ist nachgehends beständig

geblieben und von jedermann, um eine Verwunderung auszudrücken,

gebraucht worden: Je, daß dich der Bär herze!

~l.~ Vom früheren Wohlleben in den Bergstädten.

Es ist eine gemeine Rede, daß man sagt: Wenn einer vom Himmel in ein

gut Ort Landes fallen sollte, möchte er in die meißnischen Bergstädte

sich wünschen. (Meltzer a. a. O. S. 866.) Eine Abänderung lautet: Wenn

einer vom Himmel fiele, so könne er nicht besser, als auf Marienberg

fallen.

~m.~ Redensarten Herzog Georgs.

Herzog Georg pflegte von seinen Städten zu sagen: »Leipzig die beste,

Chemnitz die feste, Freiberg die größte und Annaberg die liebste.«

(Richter, Chron. d. St. Chemnitz I. S. 18.) Ebenso rührt von demselben

Fürsten der Ausspruch über drei Berge in der Nähe Schneebergs her:

»Der Gleßberg ist ein tauber Berg, der Mühlberg ein verschworner Berg,

sehet mir auf den Schickenberg!« (Meltzer a. a. O. S. 922.) Außer dem

angeführten Spruche von Freiberg lautet ein anderer: »Meißen wird

ertrinken, Freiberg wird versinken, Dresden wird man zusammenkehren mit

Besen.« (Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins, 3. Heft, S. 281.)

~n.~ Weshalb man die Gottesgaber scherzweise »die Wölfe« nennt?

Die Einwohner von Gottesgab werden in der Umgegend nur »die Wölfe«

genannt, weil sie unter sich selbst diesen Titel als zärtliche Anrede

gebrauchen. Sie sagen z. B. »Guten Tag, Wolf!« Häufiger noch werden in

der Anrede die Bezeichnungen »Wehrwolf« oder »Wolfskind« gebraucht.

(Mündlich aus Wiesenthal.)

~Dr.~ E. Göpfert (Glückauf V. Nr. 8) führt auch das im Gebirge häufig

gebrauchte Kose- oder Scheltwort »Werchl« auf das althochdeutsche

~warc~, d. i. der Wolf, zurück.

~o.~ Anhang: Sprichwörter, sprichwörtliche Redensarten u. Rätsel.

1. Erz führt wieder zu Erz.

2. Kies macht den Bergmann ungewiß.

3. Die vielerlei Herrschaften, das böhmische Bier und die

sichtlichen Zwitter verderben den Zinnwald.

4. Das Bergwerk will seine Zeit und Leute haben.

5. Zank ist des Bergwerks Untergang.

6. Wenig Zubuß, viel Ausbeut',

Machet fröhliche Bergleut'. (Altes schneebergisches Lemma.)

7. Wenn wir spüren Kies, treffen wir Erz gewiß. (Merkels Erdbeschr.

von Kursachsen. 1. B. 1804, S. 132.)

8. Wer Ausbeut will genießen,

Laß' sich die Zubuß' nicht verdrießen. (Daselbst.)

9. Bergwerk will stets ein Freies (Freiheiten) han,

Soll es anders von statten gahn. (Daselbst.)

10. Wenn Gott nicht geit, hilft kein Arbeit. (C. Lehmann, Chronik

d. fr. Bergstadt Schneeberg. 1. B. 1837, S. 26.)

11. Das Bergwerk will haben Verstand

Und eine getreue Hand. (Daselbst.)

12. Bergwerks Glück und Pracht

Steigt und fällt über Nacht. (Daselbst.)

13. Der erste Finder, der erste Muter.

14. Es war kein Bergwerk ja so gut,

Es führt zuvor ein eisern Hut. Oder:

Das Silber hat einen eisernen Hut. (Dieses alte Sprichwort

bezieht sich auf die Wahrnehmung, daß man stellenweise

Eisenerze aufarbeiten mußte, ehe man an die reichen Silbererze

kam. S. H. Jacobi in der wissenschaftlichen Beilage zur

Leipziger Zeitung 1886, Nr. 2.)

15. Edle schöne Guhren

Führen zu Erzspuren.

16. Kurze Gänge, kurz Erz.

17. Von Schlettau sagt man: »Wenn die Bauern auf dem Felde

sind, ist kein Bürger zu Hause.« Die Einwohner beschäftigen

sich nämlich neben Posamenten-, Spitzen- und Bandgewebearbeiten

viel mit Landwirtschaft. (Lindner, Wanderungen durch das sächs.

Obererzgebirge I. S. 56.)

18. Zschopauer Strümpfe und Kirchberger Tuch,

Wenn man's heem bringt, so hat's ä Luch (d. h. Loch.) (Mündl.)

19. Du bist so alt wie Buchholz. (Dies bezieht sich auf die Gründung

von Buchholz durch Bergleute aus Geyer und Ehrenfriedersdorf

vor 1496, dem Gründungsjahre von Annaberg. (M. v. Süßmilch,

Leipzg. Zeitung 1885, Nr. 101.)

20. Es wird in dem Lande Meißen eher an Holz und Kohlen

zum Bergwerk und Schmelzen mangeln, als an Erz und Metallen.

(Nach des Petrus Albinus Meißnischen Bergchronik (1590), worin

bemerkt wird, daß der bekannte Joachimsthaler Pfarrer Matthesius

diese Worte von gelehrten und weisen Leuten gehört habe. Als

altes bergmännisches Sprichwort auch in Merkels Erdbeschr. von

Kursachsen I. S. 140 angeführt.)

21. Man sagt, in Freiberg seien »Himmel, Hölle und Teufelskapelle«

beisammen, d. h. die Nicolaikirche, die Schankwirtschaft zur

Hölle und das Theater, sämtlich am Buttermarkt gelegen.

(Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins, 3. H. S. 280.)

22. Wenn im Erzgebirge recht bedeutender Schneefall eintritt, so

sagt man: »Es schneit Brot!« Man will damit aussprechen, daß

dann die armen Leute durch Schneeausschaufeln auf den

fiskalischen und kommunlichen Straßen Verdienst erhalten.

23. Warum werden in Dönschten (ein Dorf bei Altenberg) die

Eierkuchen nur auf einer Seite gebacken? Antw.: Weil nur auf

einer Seite Häuser stehen. (Fr. Polle, Führer durch das

Weißeritzthal. 1883. S. 73.)

24. Zwischen Gey'r un Thum

Do liegt e gàle Blum';

Un wàr die gàle Blum will hohm,

Dàr muß Gey'r un Thum zerschlong.

(Alfr. Müller, Volkslieder aus dem Erzgebirge, S. 189.)

25. Das Rätsel von der Mulde.

Der Joachimsthaler Pfarrer Matthesius, Luthers Freund und

Tischgenosse, machte aus dem Worte ~M V L D~ folgendes Rätsel:

»Rat' was ist das? drei Wasser-Strom[5]

Die ha'n Ein' Syllb', Ein'n deutschen Nam',

Ein's theuern Doctors[6] Namen zwar,

Ein's frommen Weibes Sterbejahr.[7]

Allen in vier Buchstaben steht:

»Gnad dir Gott« sprech', wer hiefür geht!«

(Gräße, Sagenschatz etc., No. 308.)

[5] Die Zschopau, Freiberger und Zwickauer Mulde.

[6] ~D. M. L.~ Doctor Martin Luther.

[7] ~M. D. L. V.~ (1555) starb die Witwe Kurfürsts Moritz.

794. Wie es kam, daß die Böhmisch-Wiesenthaler Kirche auf ihrem

jetzigen Platze erbaut wurde.

(Nach einer Mitteilung des Pfarrers Friedlein in Oberwiesenthal.)

Von jeher hatten das Städtchen Böhmisch-Wiesenthal und das Dorf

Stolzenhan gemeinschaftlich eine Kirche, welche früher an der Stelle

stand, wo sich jetzt der Gottesacker beider Orte befindet. Als die

Kirche sehr baufällig geworden war, wollte man eine neue bauen,

jedoch konnte man sich nicht darüber einigen, wohin dieselbe gebaut

werden sollte. Die Stolzenhaner wollten sie nach Stolzenhan und die

Wiesenthaler nach Wiesenthal haben. Endlich kam man überein, die

Kirche auf dem Grund und Boden derjenigen Gemeinde zu erbauen, wohin

der Turmknopf, dessen Niedersturz man baldigst erwarten konnte, fallen

würde. Der Knopf fiel auch endlich, und zwar auf Stolzenhaner Gebiet.

Ein Einwohner von Wiesenthal aber, welcher zufällig auf seinem Acker

in der Nähe arbeitete, zog die Turmspitze mit dem Knopfe eiligst

hinüber auf die Wiesenthaler Seite. Somit wurde die neue Kirche in

Böhmisch-Wiesenthal und nicht in Stolzenhan gebaut.

795. Von der Klugheit der Hauptmannsgrüner.

(Köhler, Volksbrauch etc. S. 627.)

Die Hauptmannsgrüner wollten einmal eine Wiese nach einem andern

Platze ziehen und schlugen einen Pfahl ein, daran befestigten sie ein

Ortscheit und spannten Ochsen vor. Als nun der Wind die Schmielen

bewegte, hielten sie dafür, daß die Wiese fortrücke. Und als die Ochsen

noch mehr angetrieben wurden, rissen die Stränge und die Ochsen liefen

bis nach Stenn. In Stenn ist das Ortscheit liegen geblieben und es soll

noch heut dort liegen.

Ein andermal konnten die Hauptmannsgrüner das Zapfenloch eines Teiches,

dessen Wasser abgelassen werden sollte, nicht auffinden. Da sagte der

Richter: »Nun müssen wir'n aussaufen.« Er legte sich zuerst hin und

nach ihm die Bauern, und sie fingen an zu trinken.

796. Wie die Ebelsbrunner den Mond fangen wollten.

(Köhler, Volksbrauch etc. S. 627.)

Von den Ebelsbrunnern wird erzählt, daß sie einst den aufgegangenen

Mond dicht am Berge stehen sahen; da holten sie Stangen, um ihn

herunter zu schlagen, und es entstand in Folge dessen das Spottlied:

»In Abelsbrunn

Sein se hameldumm,

Nehm' se lange Stang',

Woll'n den Manden fang'!«

Th. Schäfer, (Sächs. Volksfreund 1880, 1. Dez.) erzählt auch von

den Eibenstockern, daß sie einst auf den Auersberg gezogen seien,

um den Vollmond mit einer Stange herunter zu holen. Eine ähnliche

Sage findet man im Fichtelgebirge. Auch den Zellern wurde von den

Münchbergern nachgesagt, daß sie mittels langer Stangen den Mond vom

Himmel »herunter zu stieren« suchten. Dabei weist Zapf (Sagenkreis

des Fichtelgebirges, S. 185) darauf hin, daß zu dieser Sage uralte

Vorbilder vorliegen, indem schon der griechische Arzt Hippokrates

(geb. 460 v. Chr.) von Menschen spricht, welche durch magische Künste

und Opfer den Mond herabziehen. Die Medea wurde in dieser Kunst

von der Göttin Hekate unterrichtet, und ebenso waren ihrer auch

insbesondere die Thessalerinnen mächtig.

797. Eine Eigentümlichkeit des Schlosses Augustusburg.

(Rankewitz, Kurze Beschreibung des Schlosses Augustusburg. 1836. S. 5.)

Einige sagen, daß das Schloß Augustusburg so viele Fenster gehabt habe,

als das Jahr Tage, so viel Feueressen, als es Wochen, und so viel

Wetterfahnen, als es Monate enthält.

(In ähnlicher Weise sagt man auch von dem Schlosse Rothenhaus i. B.,

daß es gerade so viel Fenster habe, als Tage im Jahre.)

798. Sprüche von der Stadt Freiberg.

(Gräße, Sagenschatz des K. Sachsen. No. 289.)

Die Stadt Freiberg ist nicht bloß durch ihren reichen Bergsegen,

sondern auch durch ihre Schönheit von alter Zeit her berühmt gewesen;

davon sagt ein altes Sprichwort: »Wenn Leipzig mein wäre, wollte ich es

in Freiberg verzehren.«

Obgleich das Freiberger Bier keinen besondern Namen hatte, wie es

im 16. und 17. Jahrhundert Mode war, so gab es doch zu einem andern

Sprichworte Gelegenheit. Dieses hieß: »Es kitzelt einem in der Nase,

wie das Freiberger Bier.«

Ein anderes Sprüchlein, welches sich zugleich mit auf zwei andere

Städte Sachsens bezieht und deren Untergang prophezeit, lautet:

»Meißen wird ertrinken,

Freiberg wird versinken,

Dresen

Wird man zusammenkehren mit Besen.«

799. Todaustreiben.

(Gottl. Göpfert, Geschichte des Pleißengrundes. 1794. S. 309. Joseph

Fritsch in der Erzgebirgs-Zeitung, 4. Jahrg. S. 99 etc.)

In Königswalde bei Werdau erhielt sich bis 1630 folgendes:

Am Sonntag Lätare ward jährlich ein Strohbild verfertigt, welches in

dem einen Jahre einen Mann, im andern ein Weib darstellte. Diesem

Bild ward von den ledigen Personen beiderlei Geschlechts mit Hülfe

einer Leichenfrau als eine Leiche angezogen, mit grünen Blättern

und Wintergrünkränzen geziert, das Haar ward aus Flachs verfertigt,

und das ganze Bild an eine Stange angemacht. Nach Endigung des

Nachmittaggottesdienstes ward es durchs ganze Dorf getragen, und eine

Menge Volks, groß und klein, folgte mit Gesang nach. Endlich ward

es auf eine Wiese gebracht, mit Ungestüm zerrissen und in den Bach

geworfen. Die Wiese, wohin in Königswalde dieses Bild gebracht ward,

heißt noch heut' die Todenwiese; sie liegt neben der heiligen Wiese

nach Langenhessen zu. Man nennt diese Ceremonie den Tod austreiben, und

der Sonntag Lätare hieß der Todensonntag.

An einigen Orten des böhmischen Erzgebirges wird noch gegenwärtig

am Sonntage Lätare das Todaustreiben unter der Bezeichnung des

Todaustragens (»Tudaustrog'n«) gefeiert. Von fünf Knaben zieht sich

einer als Tod (Winter) an, ein anderer als König, der dritte als dessen

Tochter (Lenz) und die übrigen als Diener (Sommer und Herbst.) Der

König, wohl den Herrn der Jahreszeiten personifizierend, trägt eine

goldpapierne Krone und einen Rocken als Szepter. Die Königstochter ist

ihrer Würde angemessen aufgeputzt, verschmäht es indessen nicht, Geld

und andere Geschenke entgegen zu nehmen. Die Diener tragen Degen, der

weißgekleidete Tod ein Bund Späne. Alle aber, mit Ausnahme des Winters,

sind mit bunten Bändern geschmückt; deshalb heißt dieser Gebrauch auch

der »Bändertod«. Die Gesellschaft zieht von Haus zu Haus und führt ein

kurzes dramatische Spiel auf, dessen Inhalt folgender ist: Die Diener,

in der Folge auch der Tod, halten um die Hand der Königstochter an.

Letzterer büßt seine Vermessenheit mit dem Leben, indem ihn der König

niedersticht. Die beiden übrigen Brautwerber stehen zitternd da, weil

sie eine gleiche Strafe befürchten. Der König überwindet indessen

seinen Zorn bald und lächelnd legt er die Hand des Sommers in die

seiner Tochter, welche er auffordert, daß sie sich von dem anderen

Freier durch Darreichung der von ihr gesammelten Gaben loskaufe.

An andern Orten tritt diese Sitte in nachfolgender Gestalt auf: Mehrere

Knaben gehen mit einer langen Stange, an die oben ein Querholz

befestigt ist, von Haus zu Haus und sammeln alte Kleider, die dem

den Tod darstellenden Holzgerippe angethan werden. Nach Vollendung

dieser Toilette ist der Teil der Vorbereitung vorüber und nun geht der

eigentliche Umzug vor sich, indem man den Tod durch das Dorf trägt und

dabei singt:

»Tud aus! Tud aus!

Hätt'n m'r 'n Tud nich ausgetrog'n,

Hätt ar uns im Bett erschlog'n.

Tud aus! Tud aus!«

Zuletzt wird der Popanz ins Wasser geworfen. Dies ist das Signal

für die Knaben, eilends die Flucht zu ergreifen. Wer am meisten

zurückbleibt, heißt der »Tud'nvota« und wird als solcher das Jahr über

geneckt.

Das Todaustragen ist ein Privilegium der Mädchen. Knaben bringen ihnen

aus dem Walde ein kleines Fichtenbäumchen. Die Mädchen schmücken erst

dieses und dann sich selbst aufs beste und schönste. Darnach tragen sie

das Bäumchen von Haus zu Haus und singen in jedem ein Liedchen, wofür

sie Kuchen, Kaffee und Geld erhalten. Letzteres wird zu Kerzen für die

Kirche oder Kapelle verwendet.

Das Todaustreiben fand sich früher an vielen Orten Sachsens,

besonders der Lausitz und des Vogtlands, ferner in Böhmen, Schlesien

u. s. w. Meist wurde dabei von den jungen Burschen ein Strohmann,

welcher den Winter, in der späteren christlichen Zeit aber den Tod

vorstellte, angeputzt, unter Gesang durch das Dorf getragen und

endlich ins Wasser geworfen oder verbrannt. Mit grünen Zweigen

geschmückt kehrte die Jugend wieder heim. Im Vogtlande sang man dabei

das Lied:

»Wir alle, wir alle kommen 'raus,

Und tragen heute den Tod 'naus,

Komm' Frühling wieder mit uns in das Dorf,

Willkommen lieber Frühling!«

In Deutsch-Böhmen sang man:

»Nun treiben wir den Tod aus,

Den alten Weibern in das Haus,

Den Reichen in den Kasten,

Heute ist Mitfasten!«

Das Todaustreiben war ein Nachklang des alten Frühlingsfestes, von

dem wir auch Andeutungen bei den alten Griechen und Römern, ja selbst

in Persien und Indien finden, und das jedenfalls die indoeuropäischen

Völkerstämme aus ihren Ursitzen in Asien mitbrachten. Bei den

heidnischen Germanen wurde es vielleicht zu einem Feste der Ostara,

der Göttin des aufgehenden Lichtes, oder der mütterlichen Erdgöttin

Nerthus oder auch Odhins, bei den Slaven zu einem Feste der Ziva, der

Göttin des Lichts und der Fruchtbarkeit.

Sagenbuch des Erzgebirges · 第 60 / 62 段