Witwe mit ihrer Tochter in einem kleinen Häuschen am Ende der Stadt;
das Häuschen war ihr von ihrem verstorbenen Ehemanne als einziges
Erbe hinterlassen worden. Dem Hause gegenüber wohnte ein junger Mann,
der seinen Unterhalt damit fand, auf den Dörfern mit verschiedenen
Waren herumzuziehen, die er auf einem kleinen Wagen, welchen sein
Hund zog, mit sich führte. Nun war der junge Mann längst der Tochter
der Witwe gut gewesen und auch diese hatte ihn immer gern gesehen;
da traf es sich, daß er gerade am heiligen Christabende mit ihr von
seiner Liebe sprach und sie fragte, ob sie sein Weib werden wolle.
Das Mädchen sagte freudig ja, und beide teilten der alten Mutter die
frohe Neuigkeit mit und feierten so recht in Herzenslust den heiligen
Abend. Allein plötzlich sprang der Kärrner auf und erklärte, er könne
nicht länger bleiben, er müsse noch in das benachbarte, 1½ Stunde
von der Stadt gelegene Wittendorf, das später durch den Krieg zur
wüsten Mark ward, um dorthin bestellte Waren zu schaffen. Zwar bat
ihn seine Braut, nur diesen Abend zu bleiben, es sei ihr so ängstlich
zu Mute; allein der Kärrner lachte sie aus und meinte, es sei ja
Mondenschein, er habe den Weg schon so viele male bei schlechterem
Wetter und im Finstern gemacht, er werde ihn also auch heute nicht
verfehlen. Er ließ sich nicht halten, sein Mädchen aber setzte sich
traurig an den Spinnrocken und versuchte sich die Zeit mit Spinnen zu
vertreiben. Aber in ihrer Herzensangst kamen ihr häßliche Bilder vor,
die Spindel und das Garn schienen ihr blutig zu sein, und es war ihr,
als spinne sie ihr Leichenhemde. Sie nahm also das Gesangbuch und die
Bibel zur Hand, allein alles half nichts, es wollte keine Ruhe in ihr
ängstlich schlagendes Herz einziehen. Endlich hörte sie die Glocke zur
Frühmette läuten und sie eilte hinaus, um zu sehen, ob ihr Bräutigam
zurückgekehrt sei; allein weder jetzt noch nach dem Schlusse der Mette
ließ er sich sehen. Endlich hatte sie keine Ruhe mehr, sie bat einen
ihr freundlich gesinnten Nachbar sie nach Wittendorf zu begleiten, um
dort zu hören, ob ihrem Geliebten etwas zugestoßen sei. Als sie aber
dort ankamen, hörten sie, derselbe sei zwar dagewesen, aber schon
seit Mitternacht wieder fortgefahren, und sie konnten also nicht mehr
zweifeln, daß ihm ein Unglück begegnet sei. Auf dem Rückwege verfolgten
sie nun die Spur, welche der Kärrner mit seinem Wagen hinterlassen
hatte, und dieselbe führte sie auch deutlich nach einer morastigen,
aber grundlosen Stelle eines den Stollbergern unter dem Namen des
Walkteiches bekannten Weihers, wo sie auf einmal aufhörte. Jetzt konnte
die Arme nicht mehr an dem Schicksale ihres Bräutigams zweifeln, sie
kehrte trostlos in das Städtchen zurück und sprach im halben Wahnsinn
zu ihrer alten Mutter, in drei Monaten werde sie ihr Bräutigam zur
Trauung abholen, bis dahin müsse sie sich ihr Hochzeitskleid spinnen.
So spann sie denn emsig bis zum Osterfeste, und als die Mitternacht
des Vorabends gekommen war, da dünkte es ihr, es poche jemand dreimal
ans Fenster. Sie öffnete es und es schien ihr Bräutigam draußen zu
stehen, zwar mit totenbleichem, aber himmlischfreundlichem Gesichte;
er lud einen Myrthenkranz und Cypressenranken von seinem Wagen ab und
verschwand. Kaum hatte sie ihrer bekümmerten Mutter von der Erscheinung
erzählt, als sie auch schwer erkrankte, und es waren nicht 24 Stunden
verronnen, da war das Mädchen entschlafen. Seit dieser Zeit sagt man
aber, daß sich der Geist des Kärrners mit seinem Wagen und Hunde in
den Gassen von Stollberg allnächtlich sehen lasse, und wo er vor einem
Hause anhält und Kränze abladet, da wird jemand aus demselben drei Tage
nachher begraben, und wenn jemand in der Stadt auf den Tod liegt, da
sagt man: Dort hat der Kärrner abgeladen. Das Sumpfloch aber, worin er
sein Grab fand, heißt noch heute das Kärrnerloch.
Aus den Akten über den Kärrner von Stollberg ergiebt sich folgendes:
Er hieß Martin Schmidt aus Crottendorf und ertrank am 24. Dezember
1591 abends 6 Uhr im Ratsteiche, d. i. Walkteiche, zu Stollberg.
Am 25. abends 4 Uhr ist er aufgefunden, durch den Scharfrichter
herausgezogen, aufgehoben und »hinterm Städtlein an der Zwickschen
Straße auf dem Scheidewege, am Viehweg nach Würschnitz zu« begraben
worden. Solches ist vom Stollberger Schösser Lorenz Stuihler
dem Beamten in Schwarzenberg, Seibold Werner, gemeldet und bei
demselben, wahrscheinlich weil man in Zweifel war, ob der Mann
ertrunken oder sich ertränkt hatte, angefragt worden, wie man
sich dabei zu verhalten habe, da so ein Fall ihm weder bei seinen
jetzigen, noch in seinen früheren Ämtern vorgekommen sei. Dieser
hat darauf angeraten, sich darüber beim Amte Chemnitz, wo sich
zweifelsohne solche Fälle schon zugetragen, im Vertrauen zu befragen.
(Stollberger Anzeiger, 1882, No. 39.)
766. Die lange Schicht zu Ehrenfriedersdorf.
(Dietrich und Textor, die romantischen Sagen des Erzgebirgs, I. 1822.
S. 167 etc. Gräße, Sagenschatz etc. No. 478.)
Einst lebte in der Bergstadt Ehrenfriedersdorf ein junger Bergmann,
namens Oswald Barthel, des alten Bergmanns Michael Barthel Sohn,
der von seinen Vorgesetzten so geschätzt war, daß ihm der reiche
Obersteiger Baumwald seine einzige Tochter Anna verlobte. Nun sollte
er im tiefen Stolln »Gutes Glück« im Sauberge anfahren, um einen
Durchschlag zu machen, welches wegen des entgegenstehenden Wassers
unter die gefährlichsten Arbeiten des Bergbaues gehört. Er und
diejenigen seiner Kameraden, welche die Reihe hierzu traf, traten
nun, nachdem sie zuvor mit ihrem Steiger gebeichtet und das heilige
Abendmahl genommen, am Tage St. Katharinä im Jahre 1508 die Fahrt
mit einem herzlichen Glückauf! an. Als sie an dem gefährlichen
Punkte angekommen waren, ward die Arbeit sofort in rolliger, sehr
gebrechlicher Bergart betrieben und das Einstürzen der Firste durch
Zimmerung verhütet. Die Last war groß, die auf dieser Zimmerung ruhte,
und als der Steiger, etwas zurückstehend, eben eine Anordnung treffen
wollte, hörte er ein heftiges Krachen in der Firsten-Zimmerung und
im nächsten Augenblick ein gleiches. »Brüder, rettet Euch!« rief er
schnell, »es macht einen Bruch!« Diesem Rufe folgten alle in der
größten Eile, nur Oswald, der jüngste und rascheste von allen blieb
auf eine bis jetzt unbegreiflich gebliebene Weise zurück und wurde
verschüttet. Zwar gab man sich die unsäglichste Mühe, den armen Oswald
zu retten, und immer neue Arbeiter lösten die bereits ermatteten ab,
aber vergebens, es brach immer mehr nach und der Unglückliche ward
nicht wieder gefunden. Als nun aber die Braut des armen Bergmanns die
furchtbare Kunde vernahm, sank sie zuerst in eine tiefe Ohnmacht,
aus der sie nur wieder erwachte, um in eine tödliche Krankheit zu
verfallen. Zwar besiegte ihre Jugendkraft dieselbe und sie ward dem
Leben erhalten, allein als sie nach ihrer Genesung zum ersten male
wieder das Gotteshaus betrat, da brachte sie am Altar der hochheiligen
Mutter des Herrn das Gelübde, ihrem Oswald treu zu bleiben und ihr
Leben lang Jungfrau zu bleiben; dann hing sie ihren Brautkranz mit
eigner Hand unter den Totenkränzen in der Kirche auf und lebte in
tiefster Stille, den Segen der Armen verdienend. -- So gingen denn seit
jenem Unglückstage viele Jahre dahin und zuletzt waren nur noch die
jungfräuliche Braut, sowie drei Bergleute, Balthasar Thomas Kendler,
Andreas Reiter der ältere, beide in Ehrenfriedersdorf, sowie Simon
Löser, in Drehbach wohnhaft, von allen denen übrig, die damals das
unglückliche Ereignis mit angesehen hatten. Da fügte es sich, daß in
Brünlers Fdgr. am Sauberge ein Stolln bewältigt wurde, und als man
in die siebente Lachter im rolligen Gebirge fortgerückt war, stieß
man auf einen in der Erde liegenden menschlichen Körper, der noch in
seinen unverwesten Kleidern dalag. Mit vieler Mühe machte man ihn von
seiner drängenden Umgebung frei und schaffte ihn nach dem Tageschachte,
da brach dieser harte Leichnam mitten auseinander und man konnte
ihn also nur in zwei Stücken heraufwinden. Diese Begebenheit wurde
sogleich dem damaligen Bergmeister Valentin Feige gemeldet, welcher
den Geschwornen Thomas Langer rufen und die obengenannten Greise an
Bergamtsstelle bescheiden ließ. Diese Männer sagten nun aus, daß sie
sich noch wohl erinnerten, wie einst in der Zeit ihrer Jugend, vor 60
Jahren, ein junger Bergmann, namens Oswald Barthel, in der Gegend, wo
der Leichnam jetzt gefunden worden, so verfallen sei, daß ihn niemand
habe retten können. Und als man nun den Leichnam brachte, erkannten
sie ihn als den Verschütteten. Dieses Wiederfinden geschah am 20.
Sept. 1568, so daß der Verschüttete 60 Jahre 9 Wochen und 3 Tage in
der Erde gelegen hatte, als man ihn wiederfand, worauf er am 26.
desselbigen Monats mit einem feierlichen Leichenbegängnis wieder zur
Erde bestattet wurde, welche ihn schon so lange umschlossen gehabt
hatte. Es war ein Begräbnis, wie Ehrenfriedersdorf noch keins gesehen
hatte. Der Leichenzug bestand aus Tausenden, die herbeigekommen waren,
um dem so wunderbar Wiedergefundenen das letzte Geleite zu geben. Als
die Leiche eingesenkt werden sollte, eilte auch die treugebliebene
Braut herbei und sprach den Wunsch aus, ihrem Bräutigam bald folgen
zu können, und nach wenigen Tagen ward ihre Hoffnung auch erfüllt.
In der Gedächtnispredigt, welche der damalige Ortspfarrer ~M.~ Georg
Raute hielt, sagte derselbe am Eingange, es sei eine wundersame
Mär, daß er, der Pfarrer, der schon im 31. Jahre stehe, heute einer
Leiche die Gedächtnispredigt halte, welche schon 30 Jahre vor seiner
Geburt gestorben sei. Als Oswald verschüttet ward, herrschte in
Ehrenfriedersdorf noch das Papsttum, als er begraben ward, hatte
dasselbe schon längst der Reformation weichen müssen. Noch heute heißt
aber die Hauptzusammenkunft der Bergknappschaft zu Ehrenfriedersdorf,
die zugleich eine Begräbnis-Brüderschaft ist, und welche am Montag nach
Ostern abgehalten wird, zum Andenken an obige Begebenheit die lange
Schicht.
Nach einer andern Überlieferung, welche Dietrich erzählt, lebte
von den einstigen Kameraden Oswalds, als man seine Leiche wieder
auffand, nur noch einer, der alte Balthasar. Oswald aber wurde von der
Verwesung noch unversehrt, in seinem Grubenkittel, lederner Bergkappe,
desgleichen mit seinem Gezäh (Werkzeug), seiner Unschlitttasche
und dem Zscherper wiedergefunden, ohne daß er beim Heraufwinden in
zwei Stücke zerbrach. Als das Leichenbegängnis beendet war, wankte
Oswalds Braut Anna, geleitet von dem Bergmeister und dem Pfarrer in
ihre Wohnung zurück. Hier bat sie, daß man ihr den Brautkranz aus
der Kirche wieder gebe, und ihre Bitte ward gewährt. Am nächsten
Sonntagsmorgen genoß sie in der Kirche öffentlich das Abendmahl des
Herrn, die längst vertrocknete Myrthenkrone im Silberhaar; dem alten
Balthasar aber mußte man die heilige Spende zum Krankenlager bringen,
denn ein Schlagfluß hatte ihn darniedergeworfen und seine Auflösung
war nahe. An diesem Sonntage noch ging mit der Himmelssonne auch der
treuen Anna Lebenssonne unter, und um Mitternacht folgte ihr Balthasar
nach. Es wurden diese beiden an einem Tage begraben. Oswald und Anna
ruhen in einem Grabe, des treuen Freundes Balthasars Grab aber war
nahe an Oswalds Seite, und tausende von Thränen weihten ihre stillen
Ruhestätten.
767. Die Brautgabe aus der Kirche zu den vierzehn Nothelfern bei
Reichstädt.
(Mitgeteilt durch Ludw. Lamer in der Monatsbeilage zur
Weißeritz-Zeitung 1886. No. 5 etc.)
Ganz in der Nähe des Dorfes Reichstädt, 1½ Stunde von Dippoldiswalde
gelegen, stand ehedem auf einer Anhöhe, die »Kahle Höhe« genannt,
ganz einsam und verlassen ein uraltes Kirchlein, den »vierzehn
Nothelfern« geweiht. Nach einer Urkunde vom Jahre 1320 war dasselbe
eine überaus berühmte Wallfahrtskapelle, und zu ihr strömten jährlich
viele Tausende, um ihre Anliegen und Gebete den vierzehn Nothelfern,
nämlich Jesu, den zwölf Aposteln und dem heilgen Nikolaus vorzutragen.
Durch die vielen, der Kirche gespendeten Geschenke wurde dieselbe
sehr reich; als aber nach Beginn der Reformation die zahlreichen
Wallfahrer ausblieben und im niedern Teile des Dorfes Reichstädt eine
Kirche gebaut und daselbst der lutherische Gottesdienst eingeführt
worden war, verschwand plötzlich auch der letzte Meßpriester der
Kapelle und mit ihm das ganze aufgehäufte Vermögen derselben nebst
den Heiligenbildern und Kirchengeräten. So verfiel nach und nach
das Kirchlein und während des dreißigjährigen Krieges wurden auch
Bänke, Betstühle und alles Holzwerk herausgerissen und verbrannt. In
der Zeit nun, da das kleine Gotteshaus mit leerem Boden und leeren
Wänden dastand, geschah folgendes: Bei dem reichen Bauer Wolf zu
Oberreichstädt diente in den 1640er Jahren die Tochter einer armen
Witwe aus Sadisdorf, namens Hanna. Durch ihren Fleiß, ihre Treue und
Bescheidenheit machte sich dieselbe bei ihrer Herrschaft bald beliebt;
noch mehr aber gefiel Hanna dem einzigen Sohne ihres Dienstherrn,
einem mit ihr gleichaltrigen, blühenden Burschen mit Namen Christian.
Allgemach zog die Liebe zu dem Mädchen in sein Herz, doch verriet er
davon nichts, denn sein Vater war starrsinnig und unbeugsam und dabei
dem Gelde so wohlgeneigt, daß er nie die Verbindung seines einzigen
Sohnes mit einem armen Mädchen zugegeben hätte. Das wußte der Sohn aus
manchen Äußerungen des Vaters. Ja eines Tages sagte ihm derselbe, daß
er für ihn die Tochter eines reichen Bauern zur Frau bestimmt habe,
die ihm sogleich 2000 Thaler als Heiratsgut mitbringen werde. Doch
Christian weigerte sich, dieses Mädchen heimzuführen, da dasselbe
träge, zänkisch und roh sei. Erzürnt drohte ihm darauf der Vater, daß
er nie seine Einwilligung zu einer andern Verbindung geben werde, es
sei denn, daß ihm die Braut ebenfalls 2000 Thaler Mitgift zuführe.
Da Hanna diese Worte ebenfalls, von beiden unbemerkt, gehört hatte,
war ihr Herz traurig, denn auch sie liebte Christian heimlich von
ganzem Herzen. Sie nahm sich alsobald vor, das Haus, in welchem sie so
glücklich gewesen war, zu verlassen. Aber als Christian ihren Kummer
sah und in sie drang, ihm zu sagen, was ihr fehle, weinte sie heftig
und beide gestanden sich ihre gegenseitige Liebe. Da sagte Christian,
daß er sich vor der Drohung seines Vaters nicht fürchte und er bat
Hanna, noch zu bleiben, da ja Gott alles noch zum Besten lenken werde.
Bald darauf wurde der Vater Wolf bedenklich krank und auf seinem Lager
ließ er sein Testament mit der ausdrücklichen Bestimmung anfertigen,
daß sein Sohn Christian nach seinem Ableben nur dann als Erbe der
Besitzung zu betrachten sei, wenn derselbe eine Frau mit 2000 Thalern
Mitgift eheliche; sei dies jedoch in vier Jahren nach des Testators
Ableben nicht erfolgt, so trete der älteste Sohn seines Bruders als
rechtmäßiger Erbe ein. Der Vater hatte also sein früher ausgesprochenes
Wort nicht vergessen.
Hannas Mutter zu Sadisdorf war während der Zeit ebenfalls erkrankt.
An einem rauhen Sonntage des Herbstes 1644 ging daher Hanna nach
Hause, um nach ihrer Mutter zu sehen. Die Stunden vergingen schnell,
und als es Mitternacht schlug, machte sie sich wieder auf den Rückweg.
Sie mußte dabei an der Kirche zu den vierzehn Nothelfern vorüber. Da
vernahmen ihre Ohren plötzlich schwere Tritte hinter sich, und als
sie sich umblickte, gewahrte sie zwei schwedische Soldaten, welche
ihr eilig folgten. Sie lief so schnell, als sie nur konnte, und als
sie an dem Kirchlein anlangte, waren die Verfolger dicht hinter ihr.
In ihrer Todesangst riß sie an der Thüre des Kirchleins und dieselbe
gab glücklich nach, da sie wunderbarer Weise nicht verschlossen war.
Schnell schlüpfte sie hinein und schlug mit kräftigem Stoße die Thüre
wieder ins Schloß zurück. Es war die höchste Zeit gewesen. Draußen
tobten die Soldaten und versuchten die Thüre zu sprengen, Hanna aber
sah sich vergeblich in der leeren Kirche um, um irgend ein Versteck zu
finden. Nur hinter dem Gemäuer, wo sonst der Altar gestanden hatte,
bemerkte sie ein geräumiges Loch, das sie zwar nicht völlig, aber
doch teilweise aufnehmen konnte. Emsig arbeitete sie, durch Auswerfen
des Schuttes das Versteck zu erweitern. Hierbei wurden ihre Gedanken
plötzlich auf einen ganz besonderen Gegenstand gerichtet, und sie
vergaß wenigstem auf Augenblicke die Gefahr, in der sie sich befand.
Zwischen ihren Fingern fühlte sie nämlich unerwartet ein Geldstück
von der Größe eines Dukatens; ob es wirklich ein solcher sei, konnte
sie freilich wegen der Finsternis, die sie umgab, nicht bestimmen,
doch unterschied sie mit den Fingern recht deutlich ein Gepräge. Mit
Eifer suchte sie nun weiter und fand dann nach und nach eine solche
Menge, daß sie das Gewicht derselben in ihrer Schürze fühlte. Waren
es wirklich Dukaten, so hatte ihr Gott geholfen und sie war ihres
Kummers und ihrer Sorgen enthoben. Draußen vor der Kirche war es
unterdeß auch still geworden, und nachdem Hanna noch lange gelauscht
und annehmen konnte, daß sich ihre Verfolger wieder entfernt hatten,
versuchte sie die Thüre zu öffnen. Mit der größten Anstrengung gelang
ihr dies endlich und sie trat hinaus. Die Soldaten waren nirgends
mehr zu sehen, und glücklich gelangte das Mädchen in das Haus ihres
Dienstherrn, wo sie sich erschöpft niederlegte. Am Morgen, so bald
es dämmerte, sah sie sich die Geldstücke an, und richtig, es waren
lauter Dukaten, deren sie zusammen 820 Stück zählte. Da sie dieselben
alsobald dem aus seiner Kammer tretenden Christian zeigte und ihm
erzählte, wie sie zu diesem Schatze gekommen sei, der ja mehr betrug
als 2000 Thaler, staunte derselbe zunächst, dann aber brach er in laute
Freudenrufe aus. Jetzt war das Hindernis, welches ihrer Vereinigung
entgegenstand, plötzlich und auf so wunderbare Weise gehoben. In ihren
besten Gewändern betraten beide bald darauf das Gemach des Vaters
Wolf, der noch an das Bett gefesselt war. Hier bat Christian um seinen
Segen zur ehelichen Verbindung mit Hanna, die nun mehr als 2000 Thaler
Mitgift besäße. Dabei legte das Mädchen die Dukaten in einem Tuche auf
das Bett. Erst wußte der Vater nicht, was er dazu sagen sollte, als
aber Hanna den nötigen Aufschluß gegeben hatte, ging eine merkliche
Veränderung in seinem Innern vor. Nach langem Sinnen erfaßte er endlich
die Hände des jungen Paares, segnete es und sagte: »Ich war hart gegen
euch, aber Gott wußte ein Mittel, durch welches meine Härte und mein
Starrsinn gebrochen worden ist.« Auch die Mutter trat nun tief bewegt
hinzu und segnete das Paar; sie hatte ja oft gewünscht, daß Hanna ihre
Schwiegertochter werden möchte. Der Sohn übernahm das Gut des Vaters
und bald wurde eine fröhliche Hochzeit gefeiert. Damit zog wieder
Friede und Glück in der Familie ein. Noch heute soll das Wolfsche
Geschlecht in mehreren Zweigen in Reichstädt fortleben.
768. Das steinerne Herz im Schwarzwasser.
(Nach der metr. Bearbeitung im Glückauf, 1. Jahrg. S. 60.)
Im Schwarzwasserthale lag einst eine Zeche, »Trau auf Gott« genannt.
Als der Besitzer derselben seinen Knappen versprach, daß derjenige
von ihnen, welcher zuerst eine reiche Silberader finden und dieselbe
anhauen werde, die Hälfte der Ausbeute erhalten solle, da regten
sich mit verdoppeltem Eifer die Hände der fleißigen Knappen. Aber
manche Schicht wurde verfahren und es zeigte sich doch immer nur
taubes Gestein, so daß endlich Unmut an der Stelle der Hoffnung in
den Herzen platzgriff. Ein Knappe war es endlich nur noch, welcher
in der Grube fortarbeitete; er gönnte sich kaum die nötige Ruhe, so
daß er auch in den Nachtstunden seine Schicht verfuhr. Da geschah
es einmal um Mitternacht, als er bekümmerten Herzens ein Gebet zum
Himmel sendete, daß ihm der Berggeist im hellen Lichte erschien und
einen reichen Gang zeigte, aus dem bald das reichste Erz brach. Froh
eilte mit Tagesanbruch der Knappe zu seinem Herrn und verkündigte ihm
das große Glück. Beide stiegen in den Schacht hinab, wo ihnen das
Silbererz entgegenleuchtete. Als aber der Knappe den Herrn an sein
Versprechen erinnerte und dabei auf die Not der Seinen hinwies, die
jetzt gehoben sei, stand der Eigner schweigend und überdachte, wie viel
Reichtum er verschenken müsse, wenn er sein Versprechen halten wollte.
Die Habsucht verhärtete sein Herz und er beschloß, den unbequemen
Mahner heimlich aus dem Wege zu schaffen. Aus der Grube tönte jähes
Angstgeschrei hinauf, dann war es still. Der Knappe fuhr nicht mehr
hinauf zum Tageslichte und sein Weib und seine Kinder mußten, da ihnen
der Ernährer so plötzlich genommen war, betteln gehen. Die Grube »Trau
auf Gott« aber blieb von Stund an verlassen, denn der Berggeist nahm
wieder, was er so reichlich geboten hatte. Der Grubenherr fand die
verdiente Strafe, denn er verfiel den höllischen Mächten. Sein von Reue
gequältes Herz jedoch wuchs zum riesengroßen Steine, der heute noch als
»steinernes Herz« in den Fluten des Schwarzwassers liegt.
»Eidbruch und die Sucht nach Erz
Räumt dem Bösen Wohnung ein,
Macht das Menschenherz zu Stein.«
769. Wie Meerane ehemals in üblem Rufe gestanden hat.
(Leopold, Chronik und Beschr. der Stadt Meerane. S. 63.)
Eine gedruckte Nachricht von 1788 erzählt: Da das Städtlein Meerane
dreierlei Gerichte hatte, so kam es, daß zu Anfange des 18.
Jahrhunderts dieser Ort in einem fast bösen Geschrei war, weil sich
fremd liederlich Gesindel da aufgehalten, so bei Visitationen leicht
aus einem Gerichte oder Amtssprengel ins andere entwischen können;
daher entstund in dieser Gegend ein Sprichwort, daß, wenn man einen
schimpfen wollte, man ihn einen Meeraner genannt. Nachher ist dieses
Geschrei durch gute Ordnung der Obrigkeit und redliche Einwohner völlig
unterdrückt worden. Es geschah, daß der dortige Pastor ~M.~ Sigismund
Stolze einstmals auf die Leipziger Messe reiste. Als er mit dem Wagen
unter's Thor zu Leipzig kam, wurde er gefragt, woher er käme und wer er
wäre. Als er es beantwortet: der Pastor von Meerane! mußte er wieder
umkehren, weil man von Meerane niemanden einlassen durfte. Der gute
Mann kehrte mit der Kutsche wieder um und fuhr unter einem andern Namen
zu einem andern Thore hinein. Bei seiner Heimkunft brachte er dies
mit Thränen auf der Kanzel vor, ließ auch nicht eher nach, bis seine
berüchtigte Gemeinde ein besseres Leben zu führen anfing.
770. Die Entdeckung der Topase des Schneckensteins.
(Merkels u. Engelhardts Erdbeschreibung v. Kursachsen, 3. B. S. 140.
143. Joh. Gottlieb Kern v. Schneckensteine. Prag 1776. S. 5.)
Eine Stunde von Tannebergsthal über Auerbach liegt im Walde der
Topasfelsen Schneckenstein, der diesen Namen von den vielen
Schnecken, welche an seinem hier und da feuchten Fuße sich aufzuhalten
pflegten, erhalten haben soll. Es wird erzählt, daß er erst durch
einen Tuchmacher aus Auerbach, namens Kraut, seit 1727 allgemein
bekannt und seitdem auch fleißig benutzt worden sei. Jener Kraut,
welcher ein eigener seltsamer Mensch und ein etwas lockerer Mann, der
nicht im besten Rufe stand, genannt wird, soll durch Holzhauer oder
Kohlenbrenner auf den harten und schimmernden Stein aufmerksam geworden
sein, und er soll darauf heimlich Topase, die er schleifen ließ, und
die er für hohe Preise unter dem Namen von Schneckensteinen oder
Königskronen ins Ausland schaffte, gebrochen haben. Als er merkte, daß
man seinem Schleichhandel auf die Spur kam, machte er seine Entdeckung
dem Kurfürsten August III. bekannt, der den Felsen dem Herrn von
Trützschler, welchem Grund und Boden gehörte, abkaufte und später einer
Gewerkschaft überließ.
771. Das Paradies zu Zwickau.
(Nach Ziehnerts poetischer Bearbeitung bei Gräße, Sagenschatz d. K.
Sachsen, No. 607.)
In Zwickau, am rechten Ufer der Mulde, an der Straße, die von der Stadt
nach Chemnitz führt, befindet sich noch heute ein Gasthof, zum Paradies
genannt, der ehedem aber das Ochsenhaus oder der Ratsweinkeller hieß
und seinen jetzigen Namen von seiner schönen Lage erhalten haben
soll. Nach einer Sage rührt derselbe aber von folgender, freilich
unverbürgter Begebenheit her: Als Luther einst zu Zwickau war und seine
Predigten einen solchen Eindruck auf das Volk machten, das dasselbe
das Kloster oder den Grünhainer Hof stürmte, lockten die erbitterten
Mönche Luthern eines Abends zu einem angeblichen Kranken in eine
entlegene Straße, um ihn zu ermorden. Sie sendeten nämlich ein Weib
in Luthers Haus, welches daselbst weinend aussagte, ihr Mann sei zum
Tode krank und verlange vor seinem Ende noch einmal den frommen Herrn
zu sehen. Auf solche Bitten ging Luther mit ihr und sie führte ihn
durchs Tränkthor. Plötzlich öffnete sich ein Haus, das Weib entsprang
und aus dem Hause stürzte voller Wut der Mönche Troß. Jedoch gelang
es dem großen Reformator, sich ihren Händen zu entreißen und in ein
offenstehendes Haus zu flüchten, dessen Thor er eilig durch den
vorgeschobenen Riegel verschloß. Da zogen sich die Mönche still zurück;
Luther aber sprach mit freudigem Blicke zum Wirte des Hauses, der
ihn nach dem Grunde seiner Flucht fragte: »Die Kuttenträger lechzten
lange nach meinem Blute; aber Gott sei Dank, der mich dieses Haus in
meiner Bedrängnis finden ließ, dasselbe ist mir zum wahren Paradiese
geworden!« Der Wirt gab ihm darauf zwei Knechte mit, die ihn sicher
nach seiner Wohnung geleiteten. Das Haus, in welchem Luther damals
Schutz fand, wird aber noch heute das Paradies genannt.
772. Der Leichnam des Grafen Joachim Andreas Schlick.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 33.)
Als man im Jahre 1769 auf der Ostseite der durch den Brand von 1873
zerstörten schönen Joachimsthaler Decanatkirche eine neue Sakristei
baute, an deren Stelle heutzutage der prachtvolle Hochaltar steht,
entdeckte man in einer Tiefe von ungefähr fünf Ellen ein altes Gewölbe.
In demselben befand sich ein Doppelsarg, in welchem »ein in purpurrotem
Sammt gekleideter, verwester großer Körper ohne Kopf« ruhte.
An diesen Fund knüpft sich die Sage, daß dies der Leichnam des Grafen
Joachim Andreas Schlick, Oberstlandrichters von Böhmen, gewesen sei,
der am 21. Juni 1621 wegen Teilnahme am böhmischen Aufstande am
Altstädter Ringe zu Prag das Blutgerüst besteigen mußte und enthauptet
wurde. Der Kopf des Hingerichteten ward am »Bruckthor« aufgestellt,
während dessen Rumpf sechs verkappte Personen entfernten.
773. Wie Bernsbach seine Waldungen verlor.
(Richter, Chronica der freyen Bergstadt St. Annaberg. II. 1748. S. 29.)
Die Wälder um Bernsbach sind einst unbedachtsamer Weise der Gemeinde
verloren gegangen. Denn dem Verlaut nach soll zu Joh. Georgs I. Zeiten
eine Revision gekommen sein, und da die Bernsbacher gleichfalls gefragt
worden, ob sie Grundstücke hätten, so noch nicht zinsbar, sollen sie
geantwortet haben, es wäre Refier und wilder Wald genug, was ihnen
der Quark sollte, sie könnten das Holz so nicht tilgen. Worauf die
Kommission gefragt, ob sie es denn nicht haben wollten? Darauf sie
gesagt, das Holz wüchse ihnen so in die Fenster hinein; wenn es der
Kurfürst besser zu gebrauchen wüßte, möchte er es hinnehmen, sie wüßten
damit nichts anzufangen. Darauf hätten sie sich ordentlich losgesagt,
und ist dies Holz also hernach eingezogen worden, und hat jetzt dieses
ganze Dorf nicht eine Hand breit an Refieren und Holz.
774. Aus welchem Grunde der Pfarrherr zu Reinsdorf Getreidezins erhält.