den Kurfürsten August von Sachsen besuchte, ward von letzterem in
dem großen Tharander oder Grillenburger Walde eine glänzende Jagd
veranstaltet. Auf dieser Jagd kam der Erzherzog in eine zweifache
Lebensgefahr. Denn ehe er sichs versah, gerieth er mit seinem
unbändigen Rosse an einen steilen Felsenhang, wo nur noch ein Schritt
zwischen Leben und Tod war, und als er dann, glücklich der Gefahr
entgangen, wieder umkehrte, um den Jagdtroß zu erreichen, verirrte er
sich beim Sinken des Tages im Waldesdickicht, und er mußte endlich froh
sein, daß er die Strohhütte eines Waldhirten erreichte, in welcher er
übernachten wollte. Den Hirten aber verblendeten die reichen Kleider
des erlauchten Gastes, so daß er den Vorsatz faßte, diesen während
seines Schlafes zu ermorden. Doch Maximilians Wachsamkeit und Mut
vereitelten diesen Plan. Unterdeß war auch der Jagdtroß, welcher den
Fürsten suchte, herbeigekommen, und als die Jäger erfuhren, in welcher
Gefahr Maximilian geschwebt hatte, schleppten sie den Hirten mit fort.
Derselbe wurde sehr bald hingerichtet, seine Waldhütte aber wurde
verbrannt.
757. Die Sühne des Ritters Conrad von Theler.
(Ed. Gottwald in den Mitteilungen des K. S. Vereins für Erforschung und
Erhaltung vaterländischer Altertümer, 13. Heft, Dresden, 1863, S. 52.)
Über das Geschlecht der Edlen von Theler, sowie über deren reiche
Silberzechen im Thale der wilden Weißeritz sind gar manche Sagen dem
Anscheine nach seit Jahrhunderten im Munde des Volkes, und vorzugsweise
die Sage vom Ritter Conrad von Theler, welcher seinen Hauspfaffen am
Sonntage Oculi 1332 in der Sakristei der Burgkirche erstochen haben
soll, weil dieser ihn von der Kanzel herab verflucht und von dem
reichen Bergwerkssegen immer zu viel für die Kirche verlangt habe.
Nach jener verbrecherischen That sei Conrad nach Jerusalem gezogen, um
dort am heiligen Grabe Buße zu thun, und habe, als er am 5. Juli 1334
zurückgekehrt sei, von Höckendorf an sieben Bet- oder Marter-Säulen
setzen lassen, von welchen gegenwärtig noch drei vorhanden sind,
deren erste nahe am neuen Höckendorfer Kirchhofe steht. Auch habe
derselbe den wertvollen Altarschrank bauen lassen, der gegenwärtig
noch die dortige Kirche schmückt, und dessen reiche Vergoldung aus dem
Goldbergwerke gewonnen sei, welches Conrad in der Höckendorfer Heide
besessen.
Die Höckendorfer Kirchennachrichten vom Jahre 1846 bringen hierüber
Conrads von Theler eigene Worte, welche einer Urkunde entnommen
sein sollen. Sie heißen: »Was ich mitgebracht hatte, das wollte
der Pfaff hineinschlucken, welches mir aber nicht anstund; weil
nun das Verfluchen auf der Cancel auf mich losging und er mich so
sehr verfluchte, sagte ich zu ihm: was habt ihr mich und mein Haus
zu verfluchen, da Christus ja auch für mich gestorben und wieder
auferwecket von den Toden, zu sitzen zu der rechten Hand Gottes und
vertritt uns.
Es war der Sonntag, an welchem das Evangelium: Jesus trieb die Teufel
aus: Luc. am II. (am Sonntage Oculi) gepredigt wurde, Anno 1332,
als ich den Pfaffen erstach und sogleich nach Jerusalem reiste, wo
ich die heilige Stätte abmas, und als ich wieder nach Hause kam,
ließ ich vom Dorfe Cunnersdorf an steinerne Capellen setzen, welche
soviel auseinanderstanden, als unser Heiland mit dem schweren Kreuze
gegangen ist, ehe er ausruhete, in jeder Capell stehen die sieben
Buchstaben ~christus~, welches Alles in unserem Herrn Jesu zu einem
Gelübde gethan habe. Ich Cunrad Theler habe auch den 5. Juny 1334
den hohen Altar zu Höckendorf zu bauen angefangen, welcher den 6.
October 1337 fertig worden ist, das Schnitzwerk ist aus Wien kommen
und kostet 5000 Thaler und das Gold mit Vorhängen 24000 Thaler, und
den 3. November ist selbiger durch einen Cardinal aus Rom geweihet
worden.«
Diese Urkunde ist jedenfalls unecht, denn sowohl Moller in seiner
Freiberger Chronik als auch König in seinem Adelslexikon, welche
beide die Thelersche Reise nach Jerusalem mitteilen, erzählen nichts
von einem Priestermorde, als der Veranlassung zu jener Wallfahrt.
Vielmehr heißt es in dem angeführten Adelslexicon von Conrad Theler,
daß derselbe gottesfürchtig, andächtig, im Glauben beständig und
gegen die Kirche ehrerbietig gewesen sei. (Sachsengrün, 1860, S. 21.)
758. Der treue Rat von Freiberg.
(Ziehnert, Sachsens Volkssagen, Pros. Anhang, No. 8.)
Die Söhne Friedrichs des Streitbaren, Kurfürst Friedrich und Herzog
Wilhelm, hatten über ihre Länder einen Teilungsvertrag geschlossen,
nach welchem die Stadt Freiberg beiden zugleich angehörte. Als nun
zwischen den beiden Brüdern der Krieg ausbrach, welcher gegen sechs
Jahre währte, da war die arme Stadt oft in Kümmernis, denn zwei Herren,
die sich befehden, durch Treuschwur zugleich unterthan zu sein, das ist
gar ein schlimmes Ding.
Im Jahre 1446 kam Kurfürst Friedrich, vielleicht nur, um die Treue der
Bürger zu erproben, mit starker Heeresmacht nach Freiberg, hielt auf
dem Markte Lager mit seiner Ritterschaft und ließ durch einen Herold
ausrufen, »daß der Rat und die Bürgschaft bei Verlust Gutes und Lebens
ihm allein huldigen, seinen Bruder verschwören und wider denselben ihm
zu Hülfe thun sollten.« -- Da gingen die Herren des Rates zusammen
und hielten voller Ängsten einen Rat, was zu beginnen sei und konnten
nichts Erfreuliches ersinnen, denn entweder sie mußten den Treuschwur
am Herzog Wilhelm brechen, oder die Stadt war der Zerstörung durch den
Zorn des Kurfürsten Friedrich gewärtig. Also waren sie in großen Nöten,
wählten aber dennoch das beste Teil. -- Als der Herold zum dritten
Male rief, gingen sie barhäuptig, je zwei und zwei, vom Rathause auf
den Markt, jeder seinen Sterbekittel am Arme tragend, und traten vor
den Kurfürsten, um den seine Ritter einen Kreis geschlossen hatten.
Nikol Weller von Molsdorf, der Bürgermeister, aber nahm das Wort und
sprach: »Wir und die ganze Stadt sind so bereitwillig als schuldig,
Euch, unserm gnädigsten Herrn, untertänigst zu gehorsamen, und ist uns
gegenwärtige Trennung unserer beiden Fürsten ein herzliches Leidwesen;
aber weil wir dem Herzog Wilhelm, Eurem Bruder, mit gleichen Pflichten
verhaftet und solcher von ihm noch nicht entlassen sind, also auch
mit gutem Gewissen keinem Teil Schaden zufügen können, so bitten
wir um Gotteswillen, Ihr wollet uns doch dabei lassen und zu keinem
Widrigen zwingen. Wenn es nicht gegen den Bruder ginge, so wollten wir
gern Leib, Ehre und Gut für Euch zusetzen; aber dafern Ihr, was Gott
verhüte, in uns dringen wollt, so gedenken wir lieber zu sterben, als
uns in solche Seelengefahr zu stürzen, und ich will gern der Erste sein
und mir meinen alten, grauen Kopf abhauen lassen!« Durch diese Rede
erweicht, warf der Kurfürst sein Roß herum, ritt zu Wellern, klopfte
ihm auf die Achsel und sagte freundlich: »Nicht Kopf weg, Alter! nicht
Kopf weg! wir bedürfen solcher ehrlicher Leute noch länger, die ihr Eid
und Pflicht also in acht nehmen!« -- Hierauf lobte er die Treue der
Stadt und ermahnte die Ratsherren und Bürger, darinnen zu verharren und
furchtlos zu sein, denn er stehe gern ab von seinem harten Begehren.
759. Erfindung des Spitzenklöppelns.
(Aug. Diezmann im Album fürs Erzgebirge, Leipzig, 1847, S. 133.)
Ziemlich allgemein setzt man die Erfindung des Spitzenklöppelns durch
Barbara Uttman in das Jahr 1561, ohne einen haltbaren Grund dafür
angeben zu können; wahrscheinlich war in jener Zeit die neue Kunst
schon so weit vervollkommnet und erleichtert, daß sie von da an
allgemeinen Eingang fand. Dies muß der Fall gewesen sein, denn als 1568
eine bösartige Krankheit in Annaberg herrschte, sollen allein in dieser
Stadt gegen 800 Spitzenklöpplerinnen gestorben sein.
Barbara Uttmann war die Tochter des Fundgrübners Hans Heinrich von
Elterlein und wurde im Jahre 1514 geboren. Schon frühzeitig zeichnete
sie sich durch eine seltene Geschicklichkeit in allen weiblichen
Arbeiten und namentlich in der Verfertigung von Spitzen mit der Nadel
aus. Die Sage erzählt nun:
Ein junger Mann aus der damals berühmten Familie Uttman, welche durch
den Bergbau große Schätze erlangt hatte, sah Barbara, verliebte sich
in sie und wurde, als er ihr die Gefühle seines Herzens entdeckte,
durch das Geständnis der Gegenliebe beglückt. Die Eltern der jungen
Liebenden hatten gegen die Verbindung derselben nichts einzuwenden
und die Zeit der Vermählung wurde festgesetzt. Die Männer trugen zu
jener Zeit breite gestickte Hemdkragen und Barbara wünschte ihren
Bräutigam am Hochzeitsfeste mit einem selbstgefertigten Spitzenkragen
zu überraschen. Sie sann und grübelte deshalb noch eifriger als sonst
über die neue Art der Spitzenbereitung, mit der sie sich schon lange
beschäftigt hatte; sie versuchte wohl tausenderlei, steckte Nadeln
fest, schlang um dieselben die Faden und endlich brachte sie auf diese
Weise glücklich ein Gewebe zu Stande, dem sie mit der Nadel die letzte
Vollendung gab. So soll die erste geklöppelte Spitze entstanden sein,
welche der Bräutigam der Erfinderin, Christoph Uttman, an seinem
Hochzeitstage als Halskragen trug.
Eine andere Sage erzählt, daß Barbara in der Kunst des Spitzenklöppelns
von einer Magd unterrichtet wurde, die aus Brabant entflohen war und in
dem Hause des Herrn von Elterlein eine Zuflucht gefunden hatte.
760. Christoph Schürer.
(Ziehnert, Sachsens Volkssagen, Anhang, No. 45.)
Als im 16. Jahrhundert der Bergsegen des Obererzgebirges jährlich sich
verminderte und überall ein Wehgeschrei über den Silberräuber, wie
man den Kobalt nannte, sich erhob, da kam Christoph Schürer, eines
Apothekers Sohn aus Westphalen und landesflüchtig seines evangelischen
Glaubens wegen, nach Schneeberg, wo er, als ein in der Chemie
wohlerfahrener junger Mann, bald eine Anstellung bei den Hütten fand.
Schon wenige Tage nach seiner Ankunft gewann er die Liebe Anna's, der
Tochter des Hüttenmeisters Rau, und bald auch durch sein einnehmendes
Betragen das Jawort ihres Vaters, so daß die Hochzeit auf das nächste
Bergfest bestimmt wurde. Ehe aber das Bergfest kam, wären beinahe
die Hoffnungen Schürers vernichtet worden. Bei seinen chemischen
Forschungen war er nämlich auf den Gedanken geraten, den viel
verrufenen Kobalt zu etwas Nützlichem umzugestalten. Er machte demnach
im geheimen in einer Schmelzhütte in Oberschlema vielfache Versuche
und trieb es damit oft die ganze Nacht hindurch so eifrig, daß er bald
in den Verdacht der Alchimisterei und Schwarzkünstlerei gerieth. Als
daher aus Platten in Böhmen, wo er sich bei seinem frühern Aufenthalte
daselbst durch seinen Glauben Feinde und durch seine Kenntnisse Neider
gemacht hatte, mehrfache Klagen einliefen, daß er ein Zauberer, Dieb
und Glaspartierer gewesen sei, und man seine Auslieferung forderte,
gebot der Bergmeister, ihn zu verhaften. Eben war Schürer in der
Schmelzhütte mit seinen Versuchen beschäftigt, da kam der Frohn,
ihn festzunehmen, fand aber die äußere Thür verschlossen, was er
dem Bergmeister meldete. Diesen sowie den Hüttenmeister Rau und
einige Geschworene trieb jetzt die Neugier mitzugehen. Die Thür ward
aufgesprengt und mit freudefunkelnden Augen trat der Gesuchte den
Eintretenden entgegen. Aber wie staunte er, als der Frohn ihn griff und
ihm die Handschellen anzwang! Wie erschrak er, als ihn die Bergherren
mit Vorwürfen überhäuften und ihn einen Zauberer, Dieb und Partierer
schalten. Da rief er, schnell sich fassend, mit fester Stimme: »Männer
prüfen, ehe sie entscheiden! Meint Ihr, ich treibe bösen Unfug hier
mit schwarzer Kunst, so tretet her! Seht, dies wollt ich gewinnen,
und, Gott sei Dank, endlich ists gelungen! Ich meine, es soll dem
Lande von großem Nutzen sein!« Mit diesen Worten reichte er ihnen eine
Mulde voll feinen, schönblauen Staubmehls hin. Die Bergherrn staunten
und begehrten zu wissen, wie und woraus er solche schöne blaue Farbe
bereitet habe. Schürer zeigte ihnen alles willig und reinigte sich
so von dem Verdachte, daß er ein Schwarzkünstler sei. Auch machte es
dem Bergmeister so große Freude, daß derselbe versprach, alles zu
thun, um Schürers Unschuld gegen die Anklagen der Böhmen zu erweisen.
Dies gelang auch dem wackeren Manne bald, und Schürer erhielt nun
seine Freiheit wieder und kam durch die Erfindung der schönen blauen
Farbe, die man anfangs nur blaues Wunder, später aber Schmalte nannte,
zu großen Ehren, und als das Bergfest gekommen war, wurde er des
Hüttenmeisters glücklicher Eidam.
761. ~Dr.~ Luther vergilt einem Bergmanne zu Altenberg Böses mit Gutem.
(Meißner, Umständl. Nachrichten von Altenberg, S. 19. Darnach Gräße,
Sagenschatz, No. 232.)
Im Jahre 1522 haben eine Menge Leute zu Altenberg ein hölzernes Bild,
das wie Luther angezogen war, gemacht, dasselbe vor ein aus fingierten
Richtern und Schöppen gebildetes Gericht geführt, es wegen Ketzerei
verklagt und verurteilt, und dann mit großem Geschrei und Lärm auf
den Geisingberg geführt und am Sonntag Lätare an einem aus 25 Fudern
Holz bestehenden Feuer verbrannt, nachdem vorher ein gewisser Bergmann
darüber den Stab gebrochen und das Urteil gesprochen hatte. Zwanzig
Jahre nachher kommen zwei Bürger aus Altenberg zu ~Dr.~ M. Luther gen
Wittenberg und bringen ihm einen schönen Handstein von rotgüldenem
Erze, worauf sie derselbe zu Tische bittet. Da sagte der Eine, sein
Kamerad habe sich einst schwer an ihm versündigt, indem er sein Bild
wie Johann Huß zum Feuer verdammt, später habe er aber die Wahrheit
seiner Lehre erkannt, und bitte nun, da ihm solches von Herzen leid
sei, demütig um Gnade und Verzeihung seines thörichten Unverstandes.
Dem Luther gefällt die Rede und er sagt, weil solches Feuer ihm und
seiner Lehre nichts geschadet, solle es ihm im Namen des Herrn vergeben
und vergessen sein. Wie nun dieser Handel ein gut und ehrliches
Gelächter gab, spricht der Absolvierte: »O Herr Doktor, ich danke
Ew. Ehrwürden, aber ich hab noch eine große Schuld auf mir, bitte,
Ihr wollet mich auch davon absolvieren, denn ich armer Bergmann habe
mich bei der Zeche verpufft und bin an die 500 Gulden schuldig.« Da
sagt der Luther: »Ihr Bergleute, wenn Ihr am ärmsten seid, blüht Euer
Glück, denn da haltet Ihr an und sehet selber zu Euern Zechen, und Not
lehret Euch beten, zur Kirche gehen und nüchtern und mäßig sein, darum
wisset Ihr selber nicht, wie reich Ihr seid. Ziehet heim und arbeitet
treulich und handelt redlich und glaubt und hofft an den Allmächtigen,
den rechten Erzschaffer im Namen seines Sohnes, der Silber und Gold ins
Fisches Mund sprach (Matth. 17) und läßt immer Erz wachsen und giebts
zu rechter Zeit denen, die in ihren Zechen anhalten und bei ihm im
Gebet aushalten. Der reiche Gott wird mit Euch sein, auf seinen reichen
Segen und milde Hand absolviere ich Euch von aller Eurer Schuld.« Ehe
dieser Bergmann wieder zu Hause kommt, erhält er Botschaft unterwegs,
man habe in seiner Zeche auf dem seligen Asar gut Erz angetroffen; da
löst er Geld und giebt Ausbeute und zahlt alles ab und behält noch
Überlauf.
762. Die vierzehn Nothelfer bei Gottleuba.
(Nach der poetischen Bearbeitung Ziehnerts in Gräße, Sagenschatz d. K.
Sachsen, No. 242.)
Als die Hussiten im Jahre 1429 durch das Land Meißen zogen und alles
mit Mord und Brand verwüsteten, kamen sie auch in das sächsische
Hochland und zwar in die Nähe des in einem der tiefsten und schönsten
Thäler Sachsens liegenden Städtchens Gottleuba. Schon brachten
Flüchtige aus Liebstadt die Nachricht, daß das feindliche Heer im
Anzuge sei, und um in die benachbarten Berge zu flüchten, schien die
Zeit zu kurz, wenn es nicht möglich werde, dasselbe eine Zeitlang zu
beschäftigen. Da rief der Bürgermeister rasch die ratlosen Bürger auf
dem Markte zusammen, und forderte sie auf, freiwillig zurückzubleiben
und sich den Hussiten entgegen zu werfen, auf daß Greise, Weiber und
Kinder indeß Zeit zum Entrinnen gewinnen könnten. Obwohl sich aber
fast alle Männer bereit erklärten, so wählte der tapfere Mann doch nur
dreizehn Unverheiratete aus und zog mit ihnen, nachdem sie von den
Ihrigen auf Nimmerwiedersehen Abschied genommen, den Feinden entgegen.
Sie besetzten eine steile Bergspitze, bei welcher dieselben vorüber
mußten, wenn sie zur Stadt wollten, und als ihnen die Hussiten einen
Gesandten entgegenschickten, der sie zur Übergabe auffordern sollte,
wiesen sie ihn mutig zurück. Nun rückten jene mit ihren ganzen Massen
heran, um sie von ihrem Posten zu vertreiben, allein sie widerstanden
männiglich, und erst nach Verlauf von drei Stunden, als keiner der
Vierzehn mehr am Leben war, ward der Paß frei und die Feinde drangen
über die Leichen der tapfern Bürger ins Thal herab; allein sie fanden
niemanden mehr im Städtchen, denn jener Aufenthalt hatte alle gerettet.
Die waldige Höhe aber, wo jene so wacker gestritten, heißt noch jetzt
die vierzehn Nothelfer, obwohl manche diesen Namen von einer einst
dort gestandenen Kapelle (die 12 Apostel, die Jungfrau Maria, Johannes
der Täufer oder Joseph führen in katholischen Ländern den Namen der
14 Nothelfer) herleiten wollen, die übrigens recht gut zum Andenken
an jene Begebenheit erst erbaut sein könnte, um so mehr, als jene 14
hier begraben sein sollen. Eine andere, südlich von der Stadt gelegene
Anhöhe, welche jenen Bürgern als Ausguck gedient haben soll, heißt von
derselben Begebenheit noch jetzt die »schnelle Gucke«.
Als die 14 Nothelfer galten anderwärts auch Jesus, die 12 Apostel
und irgend ein Heiliger, welchen der Bischof bezeichnete. Diesen 14
Nothelfern war z. B. ein uraltes Wallfahrtskirchlein auf der kahlen
Höhe bei Reichstädt geweiht; der Heilige war daselbst St. Nikolaus.
(Monatsbeilage zur Weißeritzzeitung, 1884, No. 5.)
763. Harras der kühne Springer.
(Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen. No. 327. Sachsens Kirchengalerie 8.
B. S. 118.)
Zwischen Frankenberg und Lichtenwalde an der Zschopau befindet sich
ein hoher Fels, der Haustein genannt. Am 28. Mai des Jahres 1499 ist
der Ritter von Harras, Besitzer von Lichtenwalde -- seine Familie
besaß dasselbe bis 1561 -- in einer Fehde von seinen Feinden in
der Nähe desselben überfallen und so verfolgt worden, daß ihm kein
anderer Weg zur Rettung übrig blieb, als mit seinem Rosse von der
Spitze des hohen Felsens, der den Namen Haustein trägt, in den unten
vorbeiströmenden Zschopaufluß zu springen. Dieser kühne Sprung von
einer Höhe von mehr als 100 Ellen ist ihm auch geglückt, und da er
eine Tiefe von 10 Ellen Wasser im Flusse getroffen, hat derselbe
weder ihm, noch dem Rosse Schaden gebracht, sondern beide haben das
gegenüberliegende Ufer glücklich erreicht und später im Schlosse zu
Lichtenwalde Schutz gefunden. Der Ritter aber hat nach der Kapelle zu
Ebersdorf und dem dort befindlichen Gnadenbilde eine Wallfahrt gemacht
und zum Andenken daselbst ein großes silbernes Hufeisen hinterlassen,
welches in der Kapelle aufgehangen, aber um 1529 gegen ein eisernes
vertauscht worden ist. Dieses Hufeisen befindet sich an einem Balken
in der Nähe des am mittleren Thore der Kirche zu Ebersdorf errichteten
steinernen Standbildes eines Ritters Dietrich von Harras, der als der
kühne Springer bezeichnet wird. Im Mai des Jahres 1801 ist am Rande
der Zschopau, dem Haustein gegenüber, bei einer sehr alten Eiche ein
Denkstein mit der Inschrift auf den beiden Hauptseiten: »Dem tapfern
Springer, Ritter von Harras,« errichtet worden, auf dessen Nebenseiten
ein Sporn und ein Hufeisen abgebildet wurden.
Bei den Brüdern Grimm (Deutsche Sagen, I. No. 332), welche Theodor
Körners Nachlaß benutzten, lautet die Sage ganz einfach: Bei
Lichtenwalde im sächsischen Erzgebirge zeigt man an dem Zschopauthal
eine Stelle, genannt der Harrassprung, wo vor Zeiten ein Ritter, von
seinen Feinden verfolgt, die steile Felsenwand hinunter geritten sein
soll. Das Roß wurde zerschmettert, aber der Held entkam glücklich auf
das jenseitige Ufer.
764. Der Trompeterfelsen bei Seifersdorf.
(K. W. Clauß, Führer auf der Fahrt durch das Weißeritzthal. 1883. 2.
Aufl. S. 12.)
Kurz vor der Haltestelle Seifersdorf zwischen Hainsberg und
Dippoldiswalde befindet sich auf dem jenseitigen Weißeritzufer der
Trompeterfelsen, an welchen sich eine Art Harrassage knüpft. Ein
sächsischer Trompeter wird von Oelsa her von Feinden hart verfolgt und
steht plötzlich auf einer Waldblöße vor dem Abgrunde. Den Tod vor und
hinter sich sehend, sprengt er über den Abhang in die Weißeritz. Sein
Pferd zerschellt, er aber kommt mit dem Leben davon, steigt auf die
dem Felsen gegenüber liegende Höhe und bläst dort ein »Nun danket alle
Gott.« Die erbitterten Verfolger sandten ihm Schüsse nach und eine
Kugel streckte ihn nieder.
Andere erzählen, die Kugel sei ihm zwischen Hand und Mund durch die
Trompete gefahren, dieselbe unbrauchbar machend. Die Trompete sei in
das alte Messing gewandert, das Loch aber noch in einem Altertumsmuseum
zu sehen.
765. Der Kärrner zu Stollberg.
(Nach Ziehnerts poet. Bearbeitung bei Gräße a. a. O. No. 575.)