Als Kaiser Maximilian II. im Jahre 1648, da er noch Erzherzog war,

den Kurfürsten August von Sachsen besuchte, ward von letzterem in

dem großen Tharander oder Grillenburger Walde eine glänzende Jagd

veranstaltet. Auf dieser Jagd kam der Erzherzog in eine zweifache

Lebensgefahr. Denn ehe er sichs versah, gerieth er mit seinem

unbändigen Rosse an einen steilen Felsenhang, wo nur noch ein Schritt

zwischen Leben und Tod war, und als er dann, glücklich der Gefahr

entgangen, wieder umkehrte, um den Jagdtroß zu erreichen, verirrte er

sich beim Sinken des Tages im Waldesdickicht, und er mußte endlich froh

sein, daß er die Strohhütte eines Waldhirten erreichte, in welcher er

übernachten wollte. Den Hirten aber verblendeten die reichen Kleider

des erlauchten Gastes, so daß er den Vorsatz faßte, diesen während

seines Schlafes zu ermorden. Doch Maximilians Wachsamkeit und Mut

vereitelten diesen Plan. Unterdeß war auch der Jagdtroß, welcher den

Fürsten suchte, herbeigekommen, und als die Jäger erfuhren, in welcher

Gefahr Maximilian geschwebt hatte, schleppten sie den Hirten mit fort.

Derselbe wurde sehr bald hingerichtet, seine Waldhütte aber wurde

verbrannt.

757. Die Sühne des Ritters Conrad von Theler.

(Ed. Gottwald in den Mitteilungen des K. S. Vereins für Erforschung und

Erhaltung vaterländischer Altertümer, 13. Heft, Dresden, 1863, S. 52.)

Über das Geschlecht der Edlen von Theler, sowie über deren reiche

Silberzechen im Thale der wilden Weißeritz sind gar manche Sagen dem

Anscheine nach seit Jahrhunderten im Munde des Volkes, und vorzugsweise

die Sage vom Ritter Conrad von Theler, welcher seinen Hauspfaffen am

Sonntage Oculi 1332 in der Sakristei der Burgkirche erstochen haben

soll, weil dieser ihn von der Kanzel herab verflucht und von dem

reichen Bergwerkssegen immer zu viel für die Kirche verlangt habe.

Nach jener verbrecherischen That sei Conrad nach Jerusalem gezogen, um

dort am heiligen Grabe Buße zu thun, und habe, als er am 5. Juli 1334

zurückgekehrt sei, von Höckendorf an sieben Bet- oder Marter-Säulen

setzen lassen, von welchen gegenwärtig noch drei vorhanden sind,

deren erste nahe am neuen Höckendorfer Kirchhofe steht. Auch habe

derselbe den wertvollen Altarschrank bauen lassen, der gegenwärtig

noch die dortige Kirche schmückt, und dessen reiche Vergoldung aus dem

Goldbergwerke gewonnen sei, welches Conrad in der Höckendorfer Heide

besessen.

Die Höckendorfer Kirchennachrichten vom Jahre 1846 bringen hierüber

Conrads von Theler eigene Worte, welche einer Urkunde entnommen

sein sollen. Sie heißen: »Was ich mitgebracht hatte, das wollte

der Pfaff hineinschlucken, welches mir aber nicht anstund; weil

nun das Verfluchen auf der Cancel auf mich losging und er mich so

sehr verfluchte, sagte ich zu ihm: was habt ihr mich und mein Haus

zu verfluchen, da Christus ja auch für mich gestorben und wieder

auferwecket von den Toden, zu sitzen zu der rechten Hand Gottes und

vertritt uns.

Es war der Sonntag, an welchem das Evangelium: Jesus trieb die Teufel

aus: Luc. am II. (am Sonntage Oculi) gepredigt wurde, Anno 1332,

als ich den Pfaffen erstach und sogleich nach Jerusalem reiste, wo

ich die heilige Stätte abmas, und als ich wieder nach Hause kam,

ließ ich vom Dorfe Cunnersdorf an steinerne Capellen setzen, welche

soviel auseinanderstanden, als unser Heiland mit dem schweren Kreuze

gegangen ist, ehe er ausruhete, in jeder Capell stehen die sieben

Buchstaben ~christus~, welches Alles in unserem Herrn Jesu zu einem

Gelübde gethan habe. Ich Cunrad Theler habe auch den 5. Juny 1334

den hohen Altar zu Höckendorf zu bauen angefangen, welcher den 6.

October 1337 fertig worden ist, das Schnitzwerk ist aus Wien kommen

und kostet 5000 Thaler und das Gold mit Vorhängen 24000 Thaler, und

den 3. November ist selbiger durch einen Cardinal aus Rom geweihet

worden.«

Diese Urkunde ist jedenfalls unecht, denn sowohl Moller in seiner

Freiberger Chronik als auch König in seinem Adelslexikon, welche

beide die Thelersche Reise nach Jerusalem mitteilen, erzählen nichts

von einem Priestermorde, als der Veranlassung zu jener Wallfahrt.

Vielmehr heißt es in dem angeführten Adelslexicon von Conrad Theler,

daß derselbe gottesfürchtig, andächtig, im Glauben beständig und

gegen die Kirche ehrerbietig gewesen sei. (Sachsengrün, 1860, S. 21.)

758. Der treue Rat von Freiberg.

(Ziehnert, Sachsens Volkssagen, Pros. Anhang, No. 8.)

Die Söhne Friedrichs des Streitbaren, Kurfürst Friedrich und Herzog

Wilhelm, hatten über ihre Länder einen Teilungsvertrag geschlossen,

nach welchem die Stadt Freiberg beiden zugleich angehörte. Als nun

zwischen den beiden Brüdern der Krieg ausbrach, welcher gegen sechs

Jahre währte, da war die arme Stadt oft in Kümmernis, denn zwei Herren,

die sich befehden, durch Treuschwur zugleich unterthan zu sein, das ist

gar ein schlimmes Ding.

Im Jahre 1446 kam Kurfürst Friedrich, vielleicht nur, um die Treue der

Bürger zu erproben, mit starker Heeresmacht nach Freiberg, hielt auf

dem Markte Lager mit seiner Ritterschaft und ließ durch einen Herold

ausrufen, »daß der Rat und die Bürgschaft bei Verlust Gutes und Lebens

ihm allein huldigen, seinen Bruder verschwören und wider denselben ihm

zu Hülfe thun sollten.« -- Da gingen die Herren des Rates zusammen

und hielten voller Ängsten einen Rat, was zu beginnen sei und konnten

nichts Erfreuliches ersinnen, denn entweder sie mußten den Treuschwur

am Herzog Wilhelm brechen, oder die Stadt war der Zerstörung durch den

Zorn des Kurfürsten Friedrich gewärtig. Also waren sie in großen Nöten,

wählten aber dennoch das beste Teil. -- Als der Herold zum dritten

Male rief, gingen sie barhäuptig, je zwei und zwei, vom Rathause auf

den Markt, jeder seinen Sterbekittel am Arme tragend, und traten vor

den Kurfürsten, um den seine Ritter einen Kreis geschlossen hatten.

Nikol Weller von Molsdorf, der Bürgermeister, aber nahm das Wort und

sprach: »Wir und die ganze Stadt sind so bereitwillig als schuldig,

Euch, unserm gnädigsten Herrn, untertänigst zu gehorsamen, und ist uns

gegenwärtige Trennung unserer beiden Fürsten ein herzliches Leidwesen;

aber weil wir dem Herzog Wilhelm, Eurem Bruder, mit gleichen Pflichten

verhaftet und solcher von ihm noch nicht entlassen sind, also auch

mit gutem Gewissen keinem Teil Schaden zufügen können, so bitten

wir um Gotteswillen, Ihr wollet uns doch dabei lassen und zu keinem

Widrigen zwingen. Wenn es nicht gegen den Bruder ginge, so wollten wir

gern Leib, Ehre und Gut für Euch zusetzen; aber dafern Ihr, was Gott

verhüte, in uns dringen wollt, so gedenken wir lieber zu sterben, als

uns in solche Seelengefahr zu stürzen, und ich will gern der Erste sein

und mir meinen alten, grauen Kopf abhauen lassen!« Durch diese Rede

erweicht, warf der Kurfürst sein Roß herum, ritt zu Wellern, klopfte

ihm auf die Achsel und sagte freundlich: »Nicht Kopf weg, Alter! nicht

Kopf weg! wir bedürfen solcher ehrlicher Leute noch länger, die ihr Eid

und Pflicht also in acht nehmen!« -- Hierauf lobte er die Treue der

Stadt und ermahnte die Ratsherren und Bürger, darinnen zu verharren und

furchtlos zu sein, denn er stehe gern ab von seinem harten Begehren.

759. Erfindung des Spitzenklöppelns.

(Aug. Diezmann im Album fürs Erzgebirge, Leipzig, 1847, S. 133.)

Ziemlich allgemein setzt man die Erfindung des Spitzenklöppelns durch

Barbara Uttman in das Jahr 1561, ohne einen haltbaren Grund dafür

angeben zu können; wahrscheinlich war in jener Zeit die neue Kunst

schon so weit vervollkommnet und erleichtert, daß sie von da an

allgemeinen Eingang fand. Dies muß der Fall gewesen sein, denn als 1568

eine bösartige Krankheit in Annaberg herrschte, sollen allein in dieser

Stadt gegen 800 Spitzenklöpplerinnen gestorben sein.

Barbara Uttmann war die Tochter des Fundgrübners Hans Heinrich von

Elterlein und wurde im Jahre 1514 geboren. Schon frühzeitig zeichnete

sie sich durch eine seltene Geschicklichkeit in allen weiblichen

Arbeiten und namentlich in der Verfertigung von Spitzen mit der Nadel

aus. Die Sage erzählt nun:

Ein junger Mann aus der damals berühmten Familie Uttman, welche durch

den Bergbau große Schätze erlangt hatte, sah Barbara, verliebte sich

in sie und wurde, als er ihr die Gefühle seines Herzens entdeckte,

durch das Geständnis der Gegenliebe beglückt. Die Eltern der jungen

Liebenden hatten gegen die Verbindung derselben nichts einzuwenden

und die Zeit der Vermählung wurde festgesetzt. Die Männer trugen zu

jener Zeit breite gestickte Hemdkragen und Barbara wünschte ihren

Bräutigam am Hochzeitsfeste mit einem selbstgefertigten Spitzenkragen

zu überraschen. Sie sann und grübelte deshalb noch eifriger als sonst

über die neue Art der Spitzenbereitung, mit der sie sich schon lange

beschäftigt hatte; sie versuchte wohl tausenderlei, steckte Nadeln

fest, schlang um dieselben die Faden und endlich brachte sie auf diese

Weise glücklich ein Gewebe zu Stande, dem sie mit der Nadel die letzte

Vollendung gab. So soll die erste geklöppelte Spitze entstanden sein,

welche der Bräutigam der Erfinderin, Christoph Uttman, an seinem

Hochzeitstage als Halskragen trug.

Eine andere Sage erzählt, daß Barbara in der Kunst des Spitzenklöppelns

von einer Magd unterrichtet wurde, die aus Brabant entflohen war und in

dem Hause des Herrn von Elterlein eine Zuflucht gefunden hatte.

760. Christoph Schürer.

(Ziehnert, Sachsens Volkssagen, Anhang, No. 45.)

Als im 16. Jahrhundert der Bergsegen des Obererzgebirges jährlich sich

verminderte und überall ein Wehgeschrei über den Silberräuber, wie

man den Kobalt nannte, sich erhob, da kam Christoph Schürer, eines

Apothekers Sohn aus Westphalen und landesflüchtig seines evangelischen

Glaubens wegen, nach Schneeberg, wo er, als ein in der Chemie

wohlerfahrener junger Mann, bald eine Anstellung bei den Hütten fand.

Schon wenige Tage nach seiner Ankunft gewann er die Liebe Anna's, der

Tochter des Hüttenmeisters Rau, und bald auch durch sein einnehmendes

Betragen das Jawort ihres Vaters, so daß die Hochzeit auf das nächste

Bergfest bestimmt wurde. Ehe aber das Bergfest kam, wären beinahe

die Hoffnungen Schürers vernichtet worden. Bei seinen chemischen

Forschungen war er nämlich auf den Gedanken geraten, den viel

verrufenen Kobalt zu etwas Nützlichem umzugestalten. Er machte demnach

im geheimen in einer Schmelzhütte in Oberschlema vielfache Versuche

und trieb es damit oft die ganze Nacht hindurch so eifrig, daß er bald

in den Verdacht der Alchimisterei und Schwarzkünstlerei gerieth. Als

daher aus Platten in Böhmen, wo er sich bei seinem frühern Aufenthalte

daselbst durch seinen Glauben Feinde und durch seine Kenntnisse Neider

gemacht hatte, mehrfache Klagen einliefen, daß er ein Zauberer, Dieb

und Glaspartierer gewesen sei, und man seine Auslieferung forderte,

gebot der Bergmeister, ihn zu verhaften. Eben war Schürer in der

Schmelzhütte mit seinen Versuchen beschäftigt, da kam der Frohn,

ihn festzunehmen, fand aber die äußere Thür verschlossen, was er

dem Bergmeister meldete. Diesen sowie den Hüttenmeister Rau und

einige Geschworene trieb jetzt die Neugier mitzugehen. Die Thür ward

aufgesprengt und mit freudefunkelnden Augen trat der Gesuchte den

Eintretenden entgegen. Aber wie staunte er, als der Frohn ihn griff und

ihm die Handschellen anzwang! Wie erschrak er, als ihn die Bergherren

mit Vorwürfen überhäuften und ihn einen Zauberer, Dieb und Partierer

schalten. Da rief er, schnell sich fassend, mit fester Stimme: »Männer

prüfen, ehe sie entscheiden! Meint Ihr, ich treibe bösen Unfug hier

mit schwarzer Kunst, so tretet her! Seht, dies wollt ich gewinnen,

und, Gott sei Dank, endlich ists gelungen! Ich meine, es soll dem

Lande von großem Nutzen sein!« Mit diesen Worten reichte er ihnen eine

Mulde voll feinen, schönblauen Staubmehls hin. Die Bergherrn staunten

und begehrten zu wissen, wie und woraus er solche schöne blaue Farbe

bereitet habe. Schürer zeigte ihnen alles willig und reinigte sich

so von dem Verdachte, daß er ein Schwarzkünstler sei. Auch machte es

dem Bergmeister so große Freude, daß derselbe versprach, alles zu

thun, um Schürers Unschuld gegen die Anklagen der Böhmen zu erweisen.

Dies gelang auch dem wackeren Manne bald, und Schürer erhielt nun

seine Freiheit wieder und kam durch die Erfindung der schönen blauen

Farbe, die man anfangs nur blaues Wunder, später aber Schmalte nannte,

zu großen Ehren, und als das Bergfest gekommen war, wurde er des

Hüttenmeisters glücklicher Eidam.

761. ~Dr.~ Luther vergilt einem Bergmanne zu Altenberg Böses mit Gutem.

(Meißner, Umständl. Nachrichten von Altenberg, S. 19. Darnach Gräße,

Sagenschatz, No. 232.)

Im Jahre 1522 haben eine Menge Leute zu Altenberg ein hölzernes Bild,

das wie Luther angezogen war, gemacht, dasselbe vor ein aus fingierten

Richtern und Schöppen gebildetes Gericht geführt, es wegen Ketzerei

verklagt und verurteilt, und dann mit großem Geschrei und Lärm auf

den Geisingberg geführt und am Sonntag Lätare an einem aus 25 Fudern

Holz bestehenden Feuer verbrannt, nachdem vorher ein gewisser Bergmann

darüber den Stab gebrochen und das Urteil gesprochen hatte. Zwanzig

Jahre nachher kommen zwei Bürger aus Altenberg zu ~Dr.~ M. Luther gen

Wittenberg und bringen ihm einen schönen Handstein von rotgüldenem

Erze, worauf sie derselbe zu Tische bittet. Da sagte der Eine, sein

Kamerad habe sich einst schwer an ihm versündigt, indem er sein Bild

wie Johann Huß zum Feuer verdammt, später habe er aber die Wahrheit

seiner Lehre erkannt, und bitte nun, da ihm solches von Herzen leid

sei, demütig um Gnade und Verzeihung seines thörichten Unverstandes.

Dem Luther gefällt die Rede und er sagt, weil solches Feuer ihm und

seiner Lehre nichts geschadet, solle es ihm im Namen des Herrn vergeben

und vergessen sein. Wie nun dieser Handel ein gut und ehrliches

Gelächter gab, spricht der Absolvierte: »O Herr Doktor, ich danke

Ew. Ehrwürden, aber ich hab noch eine große Schuld auf mir, bitte,

Ihr wollet mich auch davon absolvieren, denn ich armer Bergmann habe

mich bei der Zeche verpufft und bin an die 500 Gulden schuldig.« Da

sagt der Luther: »Ihr Bergleute, wenn Ihr am ärmsten seid, blüht Euer

Glück, denn da haltet Ihr an und sehet selber zu Euern Zechen, und Not

lehret Euch beten, zur Kirche gehen und nüchtern und mäßig sein, darum

wisset Ihr selber nicht, wie reich Ihr seid. Ziehet heim und arbeitet

treulich und handelt redlich und glaubt und hofft an den Allmächtigen,

den rechten Erzschaffer im Namen seines Sohnes, der Silber und Gold ins

Fisches Mund sprach (Matth. 17) und läßt immer Erz wachsen und giebts

zu rechter Zeit denen, die in ihren Zechen anhalten und bei ihm im

Gebet aushalten. Der reiche Gott wird mit Euch sein, auf seinen reichen

Segen und milde Hand absolviere ich Euch von aller Eurer Schuld.« Ehe

dieser Bergmann wieder zu Hause kommt, erhält er Botschaft unterwegs,

man habe in seiner Zeche auf dem seligen Asar gut Erz angetroffen; da

löst er Geld und giebt Ausbeute und zahlt alles ab und behält noch

Überlauf.

762. Die vierzehn Nothelfer bei Gottleuba.

(Nach der poetischen Bearbeitung Ziehnerts in Gräße, Sagenschatz d. K.

Sachsen, No. 242.)

Als die Hussiten im Jahre 1429 durch das Land Meißen zogen und alles

mit Mord und Brand verwüsteten, kamen sie auch in das sächsische

Hochland und zwar in die Nähe des in einem der tiefsten und schönsten

Thäler Sachsens liegenden Städtchens Gottleuba. Schon brachten

Flüchtige aus Liebstadt die Nachricht, daß das feindliche Heer im

Anzuge sei, und um in die benachbarten Berge zu flüchten, schien die

Zeit zu kurz, wenn es nicht möglich werde, dasselbe eine Zeitlang zu

beschäftigen. Da rief der Bürgermeister rasch die ratlosen Bürger auf

dem Markte zusammen, und forderte sie auf, freiwillig zurückzubleiben

und sich den Hussiten entgegen zu werfen, auf daß Greise, Weiber und

Kinder indeß Zeit zum Entrinnen gewinnen könnten. Obwohl sich aber

fast alle Männer bereit erklärten, so wählte der tapfere Mann doch nur

dreizehn Unverheiratete aus und zog mit ihnen, nachdem sie von den

Ihrigen auf Nimmerwiedersehen Abschied genommen, den Feinden entgegen.

Sie besetzten eine steile Bergspitze, bei welcher dieselben vorüber

mußten, wenn sie zur Stadt wollten, und als ihnen die Hussiten einen

Gesandten entgegenschickten, der sie zur Übergabe auffordern sollte,

wiesen sie ihn mutig zurück. Nun rückten jene mit ihren ganzen Massen

heran, um sie von ihrem Posten zu vertreiben, allein sie widerstanden

männiglich, und erst nach Verlauf von drei Stunden, als keiner der

Vierzehn mehr am Leben war, ward der Paß frei und die Feinde drangen

über die Leichen der tapfern Bürger ins Thal herab; allein sie fanden

niemanden mehr im Städtchen, denn jener Aufenthalt hatte alle gerettet.

Die waldige Höhe aber, wo jene so wacker gestritten, heißt noch jetzt

die vierzehn Nothelfer, obwohl manche diesen Namen von einer einst

dort gestandenen Kapelle (die 12 Apostel, die Jungfrau Maria, Johannes

der Täufer oder Joseph führen in katholischen Ländern den Namen der

14 Nothelfer) herleiten wollen, die übrigens recht gut zum Andenken

an jene Begebenheit erst erbaut sein könnte, um so mehr, als jene 14

hier begraben sein sollen. Eine andere, südlich von der Stadt gelegene

Anhöhe, welche jenen Bürgern als Ausguck gedient haben soll, heißt von

derselben Begebenheit noch jetzt die »schnelle Gucke«.

Als die 14 Nothelfer galten anderwärts auch Jesus, die 12 Apostel

und irgend ein Heiliger, welchen der Bischof bezeichnete. Diesen 14

Nothelfern war z. B. ein uraltes Wallfahrtskirchlein auf der kahlen

Höhe bei Reichstädt geweiht; der Heilige war daselbst St. Nikolaus.

(Monatsbeilage zur Weißeritzzeitung, 1884, No. 5.)

763. Harras der kühne Springer.

(Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen. No. 327. Sachsens Kirchengalerie 8.

B. S. 118.)

Zwischen Frankenberg und Lichtenwalde an der Zschopau befindet sich

ein hoher Fels, der Haustein genannt. Am 28. Mai des Jahres 1499 ist

der Ritter von Harras, Besitzer von Lichtenwalde -- seine Familie

besaß dasselbe bis 1561 -- in einer Fehde von seinen Feinden in

der Nähe desselben überfallen und so verfolgt worden, daß ihm kein

anderer Weg zur Rettung übrig blieb, als mit seinem Rosse von der

Spitze des hohen Felsens, der den Namen Haustein trägt, in den unten

vorbeiströmenden Zschopaufluß zu springen. Dieser kühne Sprung von

einer Höhe von mehr als 100 Ellen ist ihm auch geglückt, und da er

eine Tiefe von 10 Ellen Wasser im Flusse getroffen, hat derselbe

weder ihm, noch dem Rosse Schaden gebracht, sondern beide haben das

gegenüberliegende Ufer glücklich erreicht und später im Schlosse zu

Lichtenwalde Schutz gefunden. Der Ritter aber hat nach der Kapelle zu

Ebersdorf und dem dort befindlichen Gnadenbilde eine Wallfahrt gemacht

und zum Andenken daselbst ein großes silbernes Hufeisen hinterlassen,

welches in der Kapelle aufgehangen, aber um 1529 gegen ein eisernes

vertauscht worden ist. Dieses Hufeisen befindet sich an einem Balken

in der Nähe des am mittleren Thore der Kirche zu Ebersdorf errichteten

steinernen Standbildes eines Ritters Dietrich von Harras, der als der

kühne Springer bezeichnet wird. Im Mai des Jahres 1801 ist am Rande

der Zschopau, dem Haustein gegenüber, bei einer sehr alten Eiche ein

Denkstein mit der Inschrift auf den beiden Hauptseiten: »Dem tapfern

Springer, Ritter von Harras,« errichtet worden, auf dessen Nebenseiten

ein Sporn und ein Hufeisen abgebildet wurden.

Bei den Brüdern Grimm (Deutsche Sagen, I. No. 332), welche Theodor

Körners Nachlaß benutzten, lautet die Sage ganz einfach: Bei

Lichtenwalde im sächsischen Erzgebirge zeigt man an dem Zschopauthal

eine Stelle, genannt der Harrassprung, wo vor Zeiten ein Ritter, von

seinen Feinden verfolgt, die steile Felsenwand hinunter geritten sein

soll. Das Roß wurde zerschmettert, aber der Held entkam glücklich auf

das jenseitige Ufer.

764. Der Trompeterfelsen bei Seifersdorf.

(K. W. Clauß, Führer auf der Fahrt durch das Weißeritzthal. 1883. 2.

Aufl. S. 12.)

Kurz vor der Haltestelle Seifersdorf zwischen Hainsberg und

Dippoldiswalde befindet sich auf dem jenseitigen Weißeritzufer der

Trompeterfelsen, an welchen sich eine Art Harrassage knüpft. Ein

sächsischer Trompeter wird von Oelsa her von Feinden hart verfolgt und

steht plötzlich auf einer Waldblöße vor dem Abgrunde. Den Tod vor und

hinter sich sehend, sprengt er über den Abhang in die Weißeritz. Sein

Pferd zerschellt, er aber kommt mit dem Leben davon, steigt auf die

dem Felsen gegenüber liegende Höhe und bläst dort ein »Nun danket alle

Gott.« Die erbitterten Verfolger sandten ihm Schüsse nach und eine

Kugel streckte ihn nieder.

Andere erzählen, die Kugel sei ihm zwischen Hand und Mund durch die

Trompete gefahren, dieselbe unbrauchbar machend. Die Trompete sei in

das alte Messing gewandert, das Loch aber noch in einem Altertumsmuseum

zu sehen.

765. Der Kärrner zu Stollberg.

(Nach Ziehnerts poet. Bearbeitung bei Gräße a. a. O. No. 575.)

Sagenbuch des Erzgebirges · 第 57 / 62 段