Schädel der Stürmenden, heißes Pech troff auf sie herab, und viele
der blutdürstigen Taboriten, welche versuchten, die Burg in Brand
zu stecken, den Thorgraben mit Steinblöcken zu füllen, die Mauern
zu ersteigen, sanken zerschmettert zu Boden. -- Die grause Nacht
verging und der neue Morgen sah neue Stürme, neue angestrengte
Versuche, die Burg zu Falle zu bringen. Umsonst; das tapfere Häuflein
der Eingeschlossenen, angespornt durch Wort und That ihrer edlen
Gebieterin, sowie die starken Mauern, die tiefen Gräben und die
treffliche Lage der Burg spotteten aller Versuche der Hussiten, so
daß diese beschlossen, die Belagerten durch die Macht des Hungers zur
Übergabe zu zwingen. Die Lage Zdenkas und ihrer Getreuen wurde nun mit
jedem Tage furchtbarer; Mutlosigkeit riß ein, die Lebensmittel nahmen
immer mehr ab, die bleiche Krankheit mit der hohläugigen Not erschienen
in der Burg als unwillkommene Gäste, kein Ersatz war zu erwarten;
denn das verzagte Landvolk, welches eine gegen die Wasserseite
ausgesteckte Notfahne herbeirufen sollte, hatte die schwer heimgesuchte
Gegend verlassen. -- Als die Not aufs höchste gestiegen war, begab
sich die bemitleidenswerte Jungfrau in die Burgkapelle, weilte dort
auf den Knien liegend lange, bange Stunden und faßte daselbst,
gestärkt durch ein inbrünstiges Gebet, einen bewunderungswürdigen,
heroischen Entschluß, der, als sie wieder unter ihre Leute getreten
war, ihren Augen einen eigenen Glanz, ihren Zügen eine stille Ruhe und
Resignation, ihrem ganzen Wesen eine heilige Weihe gab. Ein Knecht
mußte die letzte Nahrung, ein Rehviertel, vor den Turm werfen, ein
anderer ins Horn stoßen und den Anführer der erbitterten Belagerer
herbeizurufen. Dieser erschien, und Zdenka rief hinab: »Unter gewissen
Bedingungen will ich die Burg übergeben, obwohl, wie Ihr an dem
Wildpret sehen könnt, keine Not mich dazu zwingt. Erstlich werdet Ihr
meine Getreuen mit Hab und Gut frei und ungehindert abziehen lassen.«
»Nur Euch nicht, holde Frau«, unterbrach sie der Rohe, »sonst mag
das ganze Gesindel das Weite suchen.« »Ich bleibe in der Burg meiner
Väter, so lange ich lebe!« rief Zdenka leuchtenden Blicks und fuhr
hierauf fort: »Dann werdet Ihr Euch nicht eher dem Thore nähern, bis
meine Leute den Platz gänzlich verlassen und die Stätte jenes Vorwerks
erreicht haben. Zuletzt beschwöret mir, falls Ihr ein Christ seid,
die genaue Befolgung des Versprechens.« »Ich schwöre«, tönte es von
den Lippen des Kelchners, »aber glaubt nur nicht«, setzte er bei,
»daß Ihr mir entwischen könntet.« -- Zdenka ordnete nun den Abzug
ihrer Diener an, dankte ihnen für alle bewiesene Treue und gehorsam
geleisteten Dienste, verteilte ihre Kleinodien und Kostbarkeiten unter
sie und tröstete die in Thränen Aufgelösten damit, daß ihr der wilde
Hussitenführer wohl freundlich entgegenkommen werde.
Die Fallbrücke rasselte herab, sechzehn bleiche und abgezehrte Männer
mit der alten, weinenden Wärterin schwankten heraus, und nicht lange
darnach stürzten die nach Beute lechzenden Taboriten mit ihrem Anführer
an der Spitze, welcher die Jungfrau suchte, in die Burg. Allein wie vom
Blitze gerührt blieb die wilde Rotte am Eingange einer Halle stehen
und starrte mit stummen Entsetzen auf das ihr sich darbietende Bild.
Dort in der Mitte des Gemaches stand Zdenka, bräutlich geschmückt,
Entschlossenheit in Mienen und Gebärden, Hoheit und Würde in Haltung
und Stellung zeigend. In ihrer Rechten loderte, Unheil und Verwüstung
drohend, eine Fackel mit blutigrotem Scheine, und mit dem Zeigefinger
ihrer Linken deutete sie auf ein vor ihr stehendes Pulverfaß. --
Todesschauer schien die Kelchner gelähmt zu haben, und dieser wollte
auch dann nicht von ihnen weichen, als ein brausendes Getöse sich
gegen die Burg hinanwälzte, und endlich ein Haufen sich gesammelten,
bewaffneten Landvolkes, entrüstet über die unmenschliche Verheerung
ihrer Heimat, angefeuert durch die Not der verlassenen Jungfrau,
zum Entsatze herbeieilte und die blutdürstigen Räuber mit leichter
Mühe überwältigte. Zdenka stand noch immer, wie ein Engel des Todes,
drohend vor der Pulvertonne. Erst als sie sich gerettet sah, fiel
sie, inbrünstig dem Himmel für ihre Rettung dankend, auf ihre Knie.
Die ruhmwürdige Jungfrau hätte eher die Burg in die Luft gesprengt,
als sich den Taboriten ergeben, da sie voraussah, daß Entehrung und
grausame Behandlung ihrer warte.
743. Ein Beispiel von Vaterlandsliebe.
(Joh. Böhm in der Erzgebirgszeitung 1882, S. 29.)
Es war in einer stürmischen Nacht in der Zeit des siebenjährigen
Krieges, als in einem Hirtenhause zwischen Pichelberg und Thein
bei Bleistadt Vater und Sohn vor dem Kienfeuer sitzend in einem
lauten Gespräche begriffen waren. Dieses war besonders für letzteren
hochinteressant, denn oft ließ der fünfzehnjährige Michel seine
Hände, welche sich mit Kieferspäneschnitzen beschäftigten, sinken und
hörte lange Zeit mit gespanntester Aufmerksamkeit auf das, was sein
Vater, ein alter, verdienter Soldat, von seinen Feldzügen gegen den
hartnäckigsten Feind Maria Theresias mit großem Eifer und dramatischer
Lebendigkeit zu erzählen wußte. Besonders heute war sein Mund
gesprächiger denn je, denn eine österreichische Truppenabteilung, bei
deren Anblick sich des Alten Erinnerungen neu belebten und gestalteten,
war seit wenigen Stunden an der Hütte vorbeimarschiert und lagerte
sich für die Nacht eine kurze Strecke davon. Immer und immer wieder
wurde Michel zu bewundernden Ausrufen hingerissen, und es wäre ihm am
liebsten gewesen, wenn er gleich als Soldat mit Säbel und Gewehr hätte
Bekanntschaft machen können.
»Aufgemacht!« schrie da plötzlich eine rauhe Stimme und begleitete
den Befehl mit einem Kolbenschlage, der das Fenster zertrümmert in
die Stube warf, »heraus mit euch, oder das Feuer wird schnelle Beine
machen!«
Auf seinem Stelzfuße hinausgehumpelt, sah sich der alte Soldat einem
Haufen preußischen Fußvolkes gegenüber, dessen Anführer von ihm zu
erfahren wünschte, wenn die kaiserliche Truppe hier vorbeigezogen,
wie stark sie sei und wo dieselbe liege. Der Veteran erwiderte, daß
er dieses alles nicht wisse, und weder Versprechungen, noch harte
Drohungen und arge Mißhandlungen, welche Michel zum Widerstande
bewogen, konnten den braven Mann veranlassen, zum Verräter zu werden,
so daß die Preußen diesen entschlossenen Leuten gegenüber einen andern
Weg einschlugen, um zum Ziele zu gelangen.
Zwei Mann mußten den alten Hirten bewachen, während Michel gezwungen
wurde, den Weg zu zeigen. Man warf um seinen Leib einen Strick, dessen
Ende der Befehlshaber selber in die Hand nahm, wobei er drohend und
nachdrücklich sagte: »Du, Bursche, gehst links zwei Schritte neben
mir und wirst weder husten, noch scharf auftreten. Zwei Mann mit
gezogenen Säbeln gehen vier Schritte voraus, ebenso viele hinten und
an den Seiten, die Mannschaft folgt, sechs Schritte entfernt, nach.
Du führst uns den nächsten Weg zu dem Lager der Österreicher und wenn
irgend ein Wort meiner Befehle übertreten wird, so werden dich meine
Leute augenblicklich niederstoßen.« Der arme, bedauernswerte Michel
leistete anfangs mit stürmischem Herzpochen, was man von ihm verlangte;
allmählich wurde er aber ruhiger, dachte nach und machte endlich den
Versuch die verhaßten Preußen irre zu führen, um die Soldaten seiner
Kaiserin zu retten. Die Absicht wurde aber von dem Offizier bald
gemerkt; denn dieser zog ihn an sich und zischelte dem Burschen ins
Ohr: »Wenn wir in einer halben Stunde die Österreicher nicht haben,
stirbst du eines martervollen Todes.« Nun wußte Michel keinen Ausweg
mehr und entschlossen bog er links in einen Hohlweg ein, der gerade
auf das Lager der kaiserlichen Truppen führte. Die schwarze Nacht, die
unheimliche Stille, das raubtierartige Gebahren seiner schlagfertigen
Begleiter hatten etwas Fürchterliches, was im Vereine mit den heute
von seinem Vater erzählten Kriegsthaten seine Thatkraft zeitigte und
den kühn gefaßten Entschluß zur Reife brachte. Plötzlich entdeckten
die Vordermänner eine Schildwache, welche, als sie den Werdaruf geben
wollte, lautlos zu Boden sank. Die Kaiserlichen mußten in der Nähe
sein, weshalb der Führer sich wendete und ein leises Zeichen zum
Stillstande gab. Diesen Moment benützte der Bursche, sprang wie ein
Luchs auf den Befehlshaber und ihn am Halse fest umschlingend, schrie
er aus allen Leibeskräften: »Auf! auf! die Preußen! Holla, die Feinde!«
Der Heldenmütige blutete schon aus vielen Wunden, bevor der Todesstoß
seinen Mund auf ewig verstummte, dessen Rufe die kaiserliche Mannschaft
rettete und ihr über die durch den unverhofften Verrat betäubten
Preußen einen leichten Sieg verschaffte.
744. Der Hauptmann Gecko von Lauenstein.
(Brandner, Lauenstein. 1845. S. 24 und 25.)
Das Schloß Lauenstein, welches früher Löwenstein hieß, hatte wie andere
Burgwarten einen markgräflichen Hauptmann. Durch die Räubereien dieser
Hauptleute aber erhielt Lauenstein später den Ruf eines Raubschlosses.
Einer dieser Hauptleute, mit Namen Gecko oder Jecko, war wegen seiner
räuberischen Streifzüge, die er zuweilen bis an die Elbe ausdehnte,
besonders gefürchtet. Bei einer solchen Gelegenheit bekam er die
Gemahlin des Burggrafen Otto von Dohna und deren Tochter Edda in
seine Gewalt, und er ließ beide, da Otto das schwere Lösegeld nicht
aufbringen konnte, in schmählicher Gefangenschaft schmachten. Erst,
nachdem Otto die Burg Lauenstein hart bedrängte, erhielten sie ihre
Freiheit wieder. Aber Ottos Gemahlin genoß die Freude des Wiedersehens
nur auf Augenblicke, denn als ihr Gemahl herbeieilte, um sie zu
empfangen, erlag sie, durch lange, harte Gefangenschaft, durch Harm und
Kummer geschwächt, der Wonne herzlicher Bewillkommnung. Sie starb in
den Armen ihres Gemahls.
Der Hauptmann Gecko aber fand später ein elendes Ende, das man, wie die
alte Nachricht hinzufügt, für ein hartes Strafgericht Gottes halten
mußte.
Als Geckos kleiner Sohn an dem Rande des Zwinggrabens spielte, stürzte
er, nach Blumen langend, in denselben hinab. Gecko, dies gewahrend,
eilte behende herbei, um zu helfen, glitt indeß aus, stürzte hinab,
blieb aber an einem Pfahle hängen und spießte sich denselben in
der Hüfte zwischen Wamms und Brustschild durch den Leib, woran er
elendiglich seinen Tod fand. Der Knabe aber ist ohne Fehl wieder
herausgekommen.
745. Der treue Haberberger von Freiberg.
(Moller, ~Theatrum Freib. Chron.~ II. S. 43.)
Als Markgraf Friedrich der Freidige, vom Kaiser Adolf besiegt, elend
im Lande umherzog, kam er, von einem einzigen Diener begleitet und
unerkannt in eine Schmelzhütte, in welcher ein Freiberger Bürger,
namens Haberberger, einen starken Blick Silber abtrieb. Als er nun
gefragt, wem so viel Silber zustände und darüber berichtet worden war,
hat er den Haberberger allein vor die Hütte geführt, sich zu erkennen
gegeben und ihn um das Silber angesprochen. Haberberger hat ihm dies
nicht allein willig zugestellt, sondern ihm auch versprochen, daß er
ihm nach wenig Tagen, wenn er es geschmolzen, noch mehreres geben
wolle. Markgraf Friedrich nahm es mit Dank an, und da ihm in der Folge
noch mehrere reiche Bürger heimlich von ihren Ausbeuten zuschickten,
warb er neues Kriegsvolk an, mit dem es ihm gelang, in seinem Lande
wieder festen Fuß zu fassen. Er konnte sich um so mehr darin behaupten,
als bald darauf der Kaiser abgesetzt wurde und in einer Schlacht
mit seinem Gegenkaiser sein Leben einbüßte. Haberberger aber wurde
reichlich beschenkt und erhielt mancherlei Freiheiten.
746. Ein Freiberger Bürger rettet Markgraf Friedrich dem Freidigen das
Leben.
(Moller a. a. O. II. S. 47.)
Im Jahre 1305 ist der Kaiser Albrecht nach Altenburg gekommen und hat
Markgraf Friedrich den Freidigen zu sich entbieten lassen, ihn auch
freundlich aufgenommen und zu seiner Tafel gezogen, allein heimlich hat
er einen Meuchelmörder bestellt gehabt, der plötzlich ins Tafelzimmer
hineinsprang und einen Stoß auf den Markgrafen führte. Als dieses seine
Diener sahen, ist der eine, so ein Bürger von Freiberg gewesen, ihm in
den Stoß gefallen, dabei aber tötlich verletzt worden, die andern aber
haben zu ihrer Wehr gegriffen und teils den Thäter in Stücke gehauen,
teils ihren Herrn aus der Gefahr vom Schlosse hinweg und am folgenden
Tage in fremden Kleidern aus der Stadt gebracht, worauf er sich nach
Pegau gerettet hat.
747. Der Ritter von Bärenstein und der Löwe.
(Nach Peccenstein, ~Theatrum Sax.~ I. S. 91 in Gräße, Sagenschatz d. K.
S. No. 244.)
Der König von Ungarn Matthias ist den deutschen niemals sonderlich hold
gewesen, also daß er sich mehrmals öffentlich hat vernehmen lassen, er
wolle den Türken einen Paß durch sein Land vergünstigen, Deutschland
zu überfallen. Gleichwohl hat er immer deutsches Volk an seinem Hofe
gehabt und in seinen Kriegen gebraucht, und so ist denn auch ein Ritter
von Bärenstein in seine Dienste gekommen. Nun trug es sich zu, daß
der König einmal auf dem Schlosse zu Ofen spazieren ging, und wie er
dabei an die Löwengrube kommt, so forderte er den von Bärenstein zu
sich, befiehlt, dem Löwen Fleisch zuwerfen und redet darnach den von
Bärenstein an, er solle doch, da er so kühn sei, den Löwen vom Fleische
wegjagen. Wiewohl nun der Ritter leicht abnehmen konnte, wie solches
gemeint sei und was ihm für Gefahr bevorstehe, wenn er es unternehmen
wolle, so hat er doch, um allen Unglimpf zu verhüten und abzuwenden,
sein Leben nicht zu sparen gedacht, seinen Mantel um den linken Arm
gewickelt, das Schwert in die rechte Hand genommen und ist also in die
Grube auf den Löwen zugegangen. Wie dieser ihn ansichtig worden und
sein unerschrockenes Gemüt gemerkt, hat er seiner nicht erwarten wollen
(wie es denn die Natur dieses Tieres sein soll, daß es denen weicht, so
es an Kühnheit übertreffen), und also hat der Ritter von Bärenstein das
Fleisch genommen und dem König überbracht, nicht ohne dessen sowie des
ganzen Hofes große Verwunderung. Ob nun wohl der König sich darauf ganz
gnädig gegen ihn bezeigt, hat jener doch bald Abschied genommen und
sich aus seinen Diensten begeben.
748. Ein Ritter von Schönberg wird von den Hussiten gejagt.
(Staberoh, Chronik der Stadt Oederan. 1847. S. 83.)
Als im Sommer 1427 ein starker Haufe Hussiten über Olbernhau und Sayda
durch das Gebirge herunter nach Oederan zog, galt es besonders dem
Ottomar von Schönberg, welcher den Hussiten aus der Gefangenschaft
entwichen war und nun in seinem Schlosse Reinsberg wohnte. Täglich
wurde jetzt dieses Schloß 3 Wochen lang von den Hussiten gestürmt.
Da rettete den geängstigten Schönberg sein Knappe durch einen
unterirdischen Gang, der sich in einem Busche vor dem Schlosse öffnete.
Diese Stelle soll noch heute mit einem Denksteine, auf dem ein Kreuz
eingehauen ist, bezeichnet sein. Ein bereit gehaltenes Roß trug den
Ritter in der dunkeln Nacht durch den Forst auf die nahe Straße nach
Freiberg. Hier setzten ihm die wachsamen Hussiten nach und hart vor
Freiberg hatten sie den fast zum Tode Gehetzten beinahe eingeholt.
Der Turmwächter auf dem Meißner Thore gewahrte in der Morgendämmerung
diese Menschenjagd. Er öffnete dem nahenden Ritter, welcher ihm sein
weißes Tuch entgegenschwang, einen Thorflügel, den er vor den mit
heransprengenden Hussiten schnell wieder zuschlug. Innerhalb des Thores
aber verließen den Ritter die Kräfte; auf der Meißner Gasse stürzte er
mit dem Pferde und wurde tot in das nächste Haus getragen. Auch diese
Stelle ward mit einem Steine, den man später an die Stadtmauer gelehnt
hat, zum traurigen Andenken bezeichnet.
749. Hertha von der Planitz rettet die Kirche zu Oederan.
(Staberoh, Chron. der Stadt Oederan. 1847. S. 36.)
Im Bruderkriege wurde die Kirche zu Oederan von Herzog Wilhelms wilden,
meist böhmischen Kriegern völlig ausgeraubt. Vom völligen Feuerruin
wurde sie nur dadurch gerettet, daß, als die Räuber mit den Pechkränzen
schon nach dem Gotteshause liefen, ein adeliges Fräulein, Hertha von
der Planitz, in die Kirche eilte, das Marienbild vom Altare nahm und
dieses dem Feldhauptmann Cuno von Witzleben, der zu Pferde vor der
Kirchthüre hielt, mit den Worten zeigte: »Halt ein, du Gottloser! Diese
Heilige wohnt in dieser Kirche, und wird dich bei ihrem Sohn verklagen.
Ich trage sie zurück in ihr Heiligtum und werde mich selbst mit ihr
verbrennen lassen!« Der Feldhauptmann ließ zwar die Pechkränze wieder
wegtragen, doch nun die Thüre der Kirche erbrechen und diese ausrauben;
jedoch befahl er, jenes heldenmütige Edelfräulein mit ihrem Marienbilde
zu verschonen. Dies geschah 1447.
750. Die Zerstörung des Klösterleins »alte Zelle« im Zellwalde bei
Nossen.
(Alfr. Moschkau, Geschichte des Benediktinerklosters St. Walpurgis im
Zellwalde. 1874. S. 8. ~Saxonia~ I. S. 172.)
Das im Jahre 1540 als Wallfahrtskirche eingegangene Mönchsklösterlein
»alte Zelle« im Zellwalde soll nach der Sage ein +Nonnen+kloster
gewesen und erst im dreißigjährigen Kriege eingegangen sein. Als Banner
Freiberg vergeblich belagert hatte und seinen Zug gegen den Zellwald
nahm, soll ihm die Aebtissin einen Boten entgegengesandt und für die
Schonung des Klosters versprochen haben, ihm den Weg von Freiberg bis
hierher mit Silbergulden zu belegen. Banner aber habe geantwortet, er
wolle sich das Geld schon selber holen. Endlich sei er gekommen, habe
das Kloster ausgeplündert und die Gebäude dann niedergebrannt.
Eine Sage erzählt noch, daß dieses Nonnenkloster mit dem Mönchskloster
Altzelle bei Nossen durch einen unterirdischen Gang verbunden gewesen
sei. (Merkel und Engelhard, Erdbeschreibung von Kursachsen, 2. B. S.
117.)
751. Herzog Albrecht hält auf einer Silberstufe Tafel.
(Meltzer, ~Historia Schneebergensis~. S. 672.)
In ganz Deutschland ist in keiner Zeche jemals mehr gediegen Silber
gehauen worden, als in St. Georgen zu Schneeberg. Von dem Herzog
Albrecht, dem teuren und hochberühmten Helden, wird gemeldet, daß er
auf diesem St. Georg (1477) angefahren und darin auf einer verschrämten
großen, gediegenen Silberstufe, woraus später 400 Centner Silber
gewonnen wurden, wie auf einem Tische mit etlichen seiner Räte Tafel
gehalten, auch unter andern diese nachdenklichen Worte gesagt habe:
»Unser Kaiser Friedrich ist zwar gewaltig und reich, ich weiß aber
doch, daß er jetzo keinen solchen stattlichen Tisch hat.«
In der Bergamtsstube auf dem Rathause zu Schneeberg wurde lange nachher
noch der Sattel aufbewahrt, auf welchem Herzog Albrecht in den St.
Georg und später auch Kurfürst Johann Friedrich auf dem Fürsten-Vertrag
eingefahren war.
752. Der Kretscham und Fürstenbrunnen bei Neudorf an der Sehma.
(Herm. Grimm, Das sächs. Erzgebirge. Dresden, 1847. S. 205.)
Neudorfs oberes Ende stößt an den Kretscham, welchen Namen der tiefere
Teil des angrenzenden Ortes Rothensehma führt. Im engsten Sinne ist der
Kretscham ein Gasthof mit Freigut, einer Mühle und vielen Vorrechten,
auch zum Teil sehr altertümlicher Bauart. Nach einer Volkssage soll
hier (und nicht am Fürstenberge bei Grünhain) des Prinzen Albert
Errettung aus den Händen Kunzens von Kauffungen 1455 geschehen sein.
Noch zeigt man im Westen, diesseits eines alten Marmorbruchs, den
Fürstenbrunnen, und im Süden die Stätte des Kohlkrams, wo der mutige
Köhler Schmidt, der Triller genannt, sich aufhielt, welcher später
die Erlaubnis erhielt, hier an der böhmischen Straße den Kretscham
(Gasthof) anzulegen.
753. Die Prinzenkleider in der Kirche zu Ebersdorf.
(Nach Berkenmeyer, ~Cur. Antiquarius~ S. 652 und W. Schäfer, Der
Prinzenraub, S. 50; bei Gräße a. a. O. No. 528.)
Nachdem die beiden sächsischen Prinzen Ernst und Albert ihrem Räuber,
dem Ritter Kunz von Kauffungen, durch Gottes Hülfe glücklich entronnen
waren, machte der ganze Hof eine Wallfahrt nach der Ebersdorfer Kirche
bei Chemnitz, und der Kurfürst ließ daselbst die Kleider der beiden
jungen Herrlein, so sie bei ihrer Entführung angehabt, wie auch des
Köhlers Schmidt, der sie errettet hatte, Kittel und Kappe aufhängen.
Bei den Kleidern wurden folgende Verse angeschrieben:
Kuntz Kauffung der viel wilde Mann,
Im Meißnerland ist kommen an,
Wohl auf das Schloß zu Altenborg,
Sehr frech und kühn ohne alle Sorg,
Dem Fürsten allda seine Kind,
Entführt hat listig und geschwind,
Der Kleider noch sie hängen seht,
Ein jeder der fürüber geht,
Die dazumahl bald nach der That,
Der Vater hergehänget hat.
Die gegenwärtig in der Pfarre von Ebersdorf aufbewahrten Kleider der
Prinzen Ernst und Albert sind nur getreue Nachbildungen.
754. Von der Erbauung der Muldenbrücke zu Nossen.
(Alfred Moschkau in der ~Saxonia~ II. S. 71.)
Die Steinbrücke, die sich unterhalb des Schlosses Nossen über die Mulde
wölbt, steht auf der Stelle einer uralten Furt. Noch Anfang vorigen
Jahrhunderts mußte man, um von Meißen her in die Stadt zu gelangen,
diese Furt passieren und es gehörte zu deren eifrigsten Frequentanten
längere Zeit August der Starke, den die Liebe oft auf das nahe
Rittergut Keseberg trieb. Da traf es sich denn einmal, als sein Sehnen
groß und er dem Ziele so nahe war, daß er ratlos mit seinem Gefolge an
der Mulde rasten mußte, weil der Strom geschwollen und es kein Vorwärts
gab. Um nicht wieder in solche fatale Lage zu geraten, ordnete August
der Starke sofort den Bau der heutigen Muldenbrücke an.
755. Kunigunde Mathesius von Oederan.
(Staberoh, Chronik der Stadt Oederan, S. 123 etc.)
Im Jahre 1572 befand sich Kurfürst August mit seiner Gemahlin Anna
auf der Augustusburg. Nach wenigen Tagen schon stellten sich bei der
Kurfürstin Zeichen ein, welche eine schnelle Abreise bedingten. Sie
wünschte sogleich fort und nach Freiberg geschafft zu werden, wohin
ihre Frauen, das Nötige zu ordnen, sämtlich vorauseilten. Es war
spät am Abend und eine finstere Herbstnacht, als August und Anna
ganz allein diesen nachfolgten. Der kürzere Fürstenweg sollte sie
schnell nach Freiberg führen. Allein am Tannichtholze war die Kraft
der Kurfürstin am Ende. Der Kutscher wußte jedoch Bescheid und lenkte
auf sanftem Feldwege sogleich nach Oederan ein. Hier lag alles nach
tags vorher gefeiertem »Mariä Geburtsfeste« in tiefem Schlafe. Der
schwerfällige Wagen bewegte sich langsam bis nach dem Obermarkte
herauf, wo an der Ecke eines Hauses, des jetzt Oehme'schen, No. 108,
noch ein Lichtlein durchs Fenster leuchtete. Dahin wünschte Anna so
heimlich als möglich gebracht zu werden. Der Hauswirt Jakob Mathesius,
seines Gewerbes ein Schlosser, war mit seiner Tochter Kunigunde eben
von einem Kindtaufsschmause heimgekehrt und letztere vor dem Spiegel
beschäftigt, ihren orientalischen Patenschmuck abzulegen, als ein
leises aber freundliches Rufen sie vor die Thüre lockte. Zwei Worte
reichten hin ihr zu sagen, wem und wie sie hier zu helfen habe, mit
gewandtem Anstande führte sie die Landesmutter in ihr Schlafzimmer,
rief die erfahrene Hausfrau herbei, ordnete die nötige Hausarznei und
schwatzte die sich erholende Anna in den ihr so nötigen Schlaf, bei der
das kluge Jüngferchen wie bei einer Mutter sorgliche Wache hielt, indeß
der Landesvater in der Wohnstube sich von dem verblüfften Vater die
Wahrheit sagen ließ.
Eine zweistündige Ruhe der gestärkten Fürstin ermutigte diese zu dem
Wunsche, sogleich weiter zu reisen und den Gemahl herbeizurufen. Von
der Gemahlin unterrichtet, was und wie viel sie dem Mädchen danke,
fühlte der Kurfürst sich diesem verpflichtet und hielt der Bescheidenen
die volle Börse hin. Mit edlem Stolz aber trat Kunigunde, den Reichtum
abweisend, zurück und sagte: »Mir genügt an der ehrenvollen Gnade und
dem Heil, das unserm Hause wiederfahren ist, und an der Aussicht«,
dabei auf die Kurfürstin deutend, »für diese Gesegnete des Herrn bald
vielleicht knieend diesen meinen Dank zu bringen!« »Sie hat Recht!«
rief, sich erhebend, die Kurfürstin, drängte den Gemahl mit seinem
Golde zurück und schloß das edle Mädchen in ihre Arme, den zweideutigen
Sinn ihrer Worte recht gut fassend. »An der Wiege meines Kindes wirst
Du diesen Dank gen Himmel senden, und dahin mich sogleich begleiten!«
Schneller als ihr Entschluß, dieser hohen Gnade und dem gütigen Wunsche
zu folgen, waren die Reisekleider der entzückten Kunigunde herbeigeholt
und nach wenigen Minuten fuhr sie mit ihren erlauchten Gästen zum
Freiberger Thore hinaus, hinab nach Dresden, wo nach 4 Wochen die
Überglückliche denselben orientalischen Patenschmuck am Taufpult der
neugeborenen Prinzessin trug, welchen sie einst getragen hatte, als
ihre hohe Gevatterin vor die älterliche Wohnung geführt wurde.
Die Kurfürstin verheiratete später diese Kunigunde mit einem Freiherrn
von Voppelius.
756. Maximilian II. im Tharander Walde in Lebensgefahr.
(Merkels Erdbeschr. von Kursachsen, bearbeitet von Engelhardt, 2. B.,
S. 105.)