Die kurfürstlichen Gesandten kamen an dem weit im Lande berüchtigten

Räuberneste an, fanden aber das äußere Burgthor verschlossen und die

Zugbrücke aufgezogen. Der Herold ließ den herkömmlichen Trompetenruf

erschallen und verkündete darauf laut den Befehl des Kurfürsten:

»Dietrich von Vitzthum, Du sollst gehalten sein, dem Durchlauchtigen

Kurfürsten des heiligen römischen Reiches, Friedrich, Herzog zu

Sachsen und Markgraf zu Meißen, zu Befehl zu handeln und alsobald die

böhmischen und anderen Ritter von Dir zu thun, welche das Land berennen

und die Reichsstraßen und sonstigen Wege unsicher machen, die Bürger

berauben und brandschatzen. Also gebietet der Durchlauchtige Lehnsherr,

Du mögest seine Abgeordneten mit Glimpf empfangen und in allen Stücken

seinem Befehlig aus ihrem Munde gehorsamen, bei Acht und Aberacht, die

Dich und alle, so zu Dir halten, Freie und Unfreie, treffen wird, wenn

den Landfriedensbrechern noch ferner Unterstand auf dem Frauenstein

gewährt würde. Künde Dir das zum ersten-, zum andern-, zum drittenmale,

kraft meines Amtes, Dietrich von Vitzthum!«

Wieder blies der Herold in die Trompete und erwartete, gegen das Thor

vorreitend, eine Antwort. Dieselbe kam auch alsbald, aber in Gestalt

eines starken Armbrustpfeiles, der dicht an den Ohren des Herolds

vorübersauste. Dazu erklang aus der Burg ein höhnische Gelächter. Am

Fenster des Thorwärters erschien der Ritter Dietrich und rief: »Was

schiert mich der Markgraf von Meißen? Der Burggraf von Plauen ist mein

Herr, dem nur stehe ich Rede und sonst keinem!« Unverrichteter Sache

zogen die Gesandten von dannen; vorher aber hefteten sie noch die

Vorladung für Dietrich von Vitzthum zum Achtsprozeß an das Gerichtsbret

des Rathauses zu Frauenstein.

Der Kurfürst war über die Widersetzlichkeit Vitzthums in hohem Grade

erzürnt und bot alsbald die Bürger der benachbarten Städte zum Zuge

gegen das Schloß Frauenstein auf. Die Freiberger ließen auch nicht

lange auf sich warten und schlossen sich dem kleinen Feldzuge um so

lieber an, als ihnen durch die Räuber auf dem Frauenstein, welche die

wichtige Handelsstraße nach Böhmen beunruhigten, schon beträchtlicher

Schaden zugefügt worden war. Sie erschienen unter Kuno von Schönberg

mit den übrigen kursächsischen Streitgenossen alsbald, und als auf die

übliche Aufforderung zur Übergabe der Burg keine Antwort erfolgte,

wurden die Donnerbüchsen auf die Umfassungsmauern des Schlosses

gerichtet. Die Steinkugeln, deren man noch etliche als Andenken in

dem alten Gemäuer sieht, prasselten gegen die Burg, jedoch auch die

Besatzung schleuderte unzählige Wurfgeschosse gegen die Belagerer.

Es entbrannte ein harter Kampf, der lange unentschieden blieb, bis

plötzlich große Rauchwolken und Flammen aus der Burg emporstiegen.

Jetzt wurde dieselbe auf ein gegebenes Zeichen gleichzeitig von allen

Seiten berannt und in kurzer Zeit wurde sie von Kurfürst Friedrichs

Mannen erstiegen. Innerhalb der Burg entbrannte nun ein Kampf Mann

gegen Mann, wobei auch Kuno von Schönberg und Dietrich von Vitzthum

zusammentrafen. Beide fochten löwenkühn, zuletzt siegte jedoch der

Ritter von Schönberg und stieß den Gegner nieder. Man schleppte den

verwundeten Vitzthum fort, und was noch von der Burgbesatzung lebte,

ergab sich auf Gnade und Ungnade.

Drei Tage hatte der Verurteilte Zeit, sich zum Abschied vorzubereiten.

In den ersten Tagen des Dezembers 1438 strömten Hunderte aus der

Umgebung Frauensteins nach der Stadt, um den einst gefürchteten

Vitzthum hinrichten zu sehen. Dicht gedrängt stand die harrende Menge

im Schloßhofe, da erklang von der Burgkapelle her das Sterbeglöcklein,

vier Knappen brachten den armen Sünder, der schwer verwundet und kaum

bei Besinnung war, zur Richtstatt und alsbald wurde der Spruch des

Gerichtes mit dem Schwerte an ihm vollzogen.

Die Burg wurde hierauf insoweit zerstört, daß sie nicht mehr

widerstandsfähig war und den Räubern keinen weiteren Schlupfwinkel zu

bieten vermochte. Dann erst zogen die Kurfürstlichen ab. Der Burggraf

von Plauen ging seiner Besitzung Frauenstein, die er so unwürdig hatte

verwalten lassen, verlustig; das Lehen wurde vom Kurfürsten eingezogen.

Der Geist des hingerichteten Raubritters soll von Zeit zu Zeit noch

immer in der Schloßruine umgehen und auch in den hinteren, nicht

bewohnten Teilen des neuen Schlosses schon bemerkt worden sein. In der

Nähe des Parkschlößchens läßt sich manchmal etwas »Graues« sehen.

737. Schloß Hauenstein.

(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 103.)

Malerisch und majestätisch ruht das Schloß Hauenstein auf einem fast

senkrecht abfallenden Basaltfelsen, welcher aus dem wildromantischen,

herrlichen Waldthale sich emporhebt, das menschliche Hand zu einem

lieblichen Garten umgeschaffen. Zu dem Schlosse gehört ein alter,

aus schwarzem Basalt errichteter Rundturm, von altersher der

»Bürgermeister« genannt, weil der Sage nach ein solcher in seinem

Verließe zuerst den Hungertod fand; er diente lange als Gefängnis, und

der in der Gemeinde Damitz gelegene Galgenberg erinnert heutigen Tages

noch an die Zeit, wo die Zwingherren von Hauenstein das Blutgericht

ausübten.

Beachtung verdient ferner das Perlenzimmer. Wie der Volksmund erzählt,

sollen allhier Nonnen die im Egerflusse gefischten Perlen verwahrt

haben. Nach einer andern Überlieferung hieß besagtes Gemach eigentlich

»Perlhefterstube«, weil sich daselbst zur Zeit der Schlickschen

Herrschaft im 16. Jahrhundert eine Perlhefterei befand.

An der Felswand in der Vorhalle des Schlosses bemerkte man sonst einen

schwarzen Fleck, angeblich vertrocknetes Blut, welches ein Herr von

Vitzthum dort im dreißigjährigen Kriege kämpfend vergossen haben soll.

738. Burg Neustein bei Görkau.

(Erzgebirgs-Zeitung, Komotau 1880. 1. Jahrg. S. 47.)

Es mochte um das 11. oder 12. Jahrhundert sein, als auf der Burg

Neustein ein verwegener und berüchtigter Raubritter hauste. Derselbe

hegte aus irgend einem Grunde einen unversöhnlichen Haß gegen den

Grafen zu Rothenhaus. Da geschah es eines Tages, daß er demselben

seinen erstgebornen Sohn in zartem Kindesalter samt der Wärterin

raubte, und, um die Eltern irre zu führen, streute er die mit Blut

getränkten Kleider des Kindes im Walde in der Nähe des Schlosses

Rothenhaus aus, so daß der Graf glauben mußte, ein wildes Tier habe

seinen Sohn zerrissen. Den Knaben aber ließ er als seinen eigenen Sohn

erziehen und flößte ihm dabei tiefen Haß gegen das Grafengeschlecht in

Rothenhaus ein.

Bei einem Überfalle venetianischer Kaufleute geriet der Raubritter von

Neustein mit dem Grafen von Rothenhaus, welcher zufällig an der Spitze

seiner Leute an den Ort der Unthat kam und die Bedrängten verteidigte,

in Kampf und wurde dabei zum Tode verwundet. Nur mit Mühe entkam er auf

seine Burg, wo er auf dem Sterbelager sich von seinem angeblichen Sohne

einen Eid leisten ließ, daß derselbe an dem Grafen Rache nehmen wolle.

Darauf starb er. Nach einiger Zeit gelang es dem nunmehrigen Herrn des

Neusteins, die Tochter des Grafen von Rothenhaus zu rauben und durch

einen geheimen unterirdischen Gang auf seine Burg zu führen, wo er sie

gefangen hielt. Als er sie nun sogar zur Gemahlin begehrte, weigerte

sich die Jungfrau standhaft, denn ihr Herz gehörte bereits einem andern.

Auf Schloß Rothenhaus war man durch das Verschwinden der Tochter des

Hauses in nicht geringe Bestürzung geraten, denn man vermutete mit

Recht einen frechen Raub. Der Graf entbot noch in derselben Nacht seine

Mannen zu sich und zog mit ihnen am frühen Morgen gegen die Burgen

Neosablitz und Wodehrad, die im Thale des Assigbaches lagen und deren

damalige Herren sich nicht des besten Rufes erfreuten. Doch in keinem

der beiden Schlösser war die Geraubte zu finden. Von dem Vorhandensein

des Felsennestes Neustein aber wußte man nichts, denn dasselbe lag tief

im Walde versteckt.

Unterdeß hatte die gefangene Grafentochter einen Plan zu ihrer Rettung

entworfen. Sie heuchelte dem Herrn von Neustein, sie sähe ein, daß ihr

Sträuben vergeblich sei, und so habe sie sich entschlossen, die Seine

zu werden; der Ritter möge ihr nur einige Tage Zeit lassen und ihr

gestatten, daß sie eine Kirche besuche, damit sie Gott um Trost und

Beistand anflehe. Nur ungern willigte der Ritter ein. So zog sie denn

mit ihrer treuen Dienerin, die man ebenfalls in Rothenhaus geraubt

hatte, und bewacht von einer Schar wilder Gesellen, nach Komotau, wo

sich die nächste Kirche befand. Als sie daselbst dem Pfarrer beichtete,

erkannte sie derselbe und er forderte sie auf, ihm ihren Aufenthaltsort

anzugeben. Sie sogleich zu befreien, erschien ihm unmöglich, da die

Kirche von den Bewaffneten umstellt worden war und die Leute im Orte

noch schliefen, denn es war zu sehr früher Stunde. Die Jungfrau konnte

dem Priester jedoch ihren Aufenthaltsort nicht angeben, da man sie mit

verbundenen Augen aus dem Raubschlosse nach der Kirche gebracht hatte.

Ratlos lief der Priester in die Sakristei und kam ebenso ratlos wieder

zurück. Da bemerkte er plötzlich ein altes Weib, das unvermerkt mit

in die Kirche gekommen war. Er fragte die Alte, was sie wohl in ihrem

Korbe habe. »Ein Säckchen mit Linsen«, entgegnete diese. »Weib,« rief

der Pfarrer, »Ihr seid mir von Gott gesandt; überlaßt mir die Linsen,

sie sollen Euch gut bezahlt werden!« Das Weib war einverstanden,

und der Priester händigte die Linsen seinem Beichtkinde ein mit der

Weisung, auf dem Heimwege von Zeit zu Zeit heimlich einige Linsen

fallen zu lassen; er werde dann dafür sorgen, daß ihr Aufenthaltsort

entdeckt werde. Dann entließ er das Fräulein, welches nun mit seinen

bewaffneten Begleitern wieder zu Pferde stieg und den Rückweg antrat.

Der Geistliche aber gab einem zuverlässigen Manne den Auftrag, dem Zuge

sofort unvermerkt zu folgen, hie und da am Boden zerstreute Linsen

würden ihm im Walde den Weg zeigen. So wurde das Raubschloß entdeckt.

Dem Grafen von Rothenhaus aber brachte man sofort die Nachricht

hiervon, und noch an demselben Abende stand er mit seinen Mannen

vor der Feste des Raubritters und verlangte die Auslieferung seiner

Tochter. Diese erfolgte aber nicht; man rüstete sich vielmehr in der

Burg zur Verteidigung. Nun umschlossen die von Rothenhaus die Burg und

trafen Anstalten zum Sturme auf dieselbe. Am frühen Morgen des nächsten

Tages begann man auch sofort den Angriff, und trotz der verzweifelten

Gegenwehr der Belagerten hatten die Angreifer bald vom Bergrücken her

den Wall und Graben überschritten und begannen die Mauern zu ersteigen.

Da versuchte der jugendliche Ritter vom Neustein ein letztes Mittel,

die Feinde vom weitern Vordringen abzuhalten. Er schleppte das geraubte

Fräulein auf den Wartturm und drohte dasselbe in die Tiefe zu stürzen.

Da trat aber die alte Wärterin heran, welche allein im Schlosse seine

wahre Abkunft kannte, und teilte ihm mit, daß er eben im Begriffe

stehe, seine Schwester zu ermorden. Jetzt erfaßte Verzweigung den

Ritter; er bestieg sein Pferd, ritt auf die Burgmauer, gab dem Tiere

die Sporen und stürzte mit ihm in die gewaltige Tiefe. Die Felsenburg

wurde nun vollends eingenommen und zerstört. Groß war aber die Trauer

zu Rothenhaus, als man erfuhr, wer der gewesen, der die Tochter des

Grafen geraubt hatte. Der Leichnam des Ritters wurde feierlich in der

Familiengruft der Rothenhauser beigesetzt.

739. Das alte Schloß Mulda.

(Mündlich.)

Oberhalb des Ortes Mulda bei Freiberg zeigt man am linken Muldenufer

in der sogenannten »Grüne« einen Platz, auf welchem einst ein altes

Schloß stand. Von den Ruinen ist seit einer Reihe von Jahren nichts

mehr zu sehen, da man die Steine bei einem Wegebau verwendete. Die

Sage erzählt nun, daß nach dem Schlosse eine kupferne Wasserleitung

von dem Brunnen auf dem Burgberge geführt habe und daß dasselbe

von einem gewissen Hegewald niedergerissen worden sei. Die Steine

verwendete derselbe zum Aufbau des jetzigen Rittergutes. Als das Schloß

niedergerissen wurde, fand dieser Hegewald (er hieß mit dem Vornamen

Zacharias, wurde 1670 geboren und starb 1731), wie der Volksmund

erzählt, in dem Gemäuer einen großen Schatz, den er in einem Sacke auf

der Schulter nach dem neuerbauten Rittergute trug. Die Last war aber

so schwer, daß sie ihn auf dem Wege erdrückte. Früher soll auch in dem

Rittergute ein Bild zu sehen gewesen sein, welches diese Begebenheit

darstellte.

740. Tauben verraten das Schloß Schönfels.

(Köhler, Volksbrauch etc. S. 623.)

Das Schloß Schönfels bei Zwickau soll einst rings von einem großen

Walde umgeben gewesen sein, so daß man es nicht sehen und schwer

auffinden konnte. Einst wollte es der Feind erstürmen und suchte es

lange; und hätten nicht Tauben, die man im Schlosse hielt und welche ab

und zu flogen, die Richtung verraten, so hätte man noch lange suchen

können.

741. Schön-Guta von Hassenstein.

(Nach Ed. Heger in der Erzgebirgs-Zeitung, 1881, S. 143 etc.)

Eine halbe Stunde vor dem Bergstädtchen Platz liegen die von einem

dreifachen Walle umgebenen Ruinen des Schlosses Hassenstein. Nach

einer Sage wurde dasselbe in der Mitte des 11. Jahrhunderts von einem

Reichsritter Emerich erbaut, welcher mit dem Grund und Boden von dem

Kaiser Heinrich III. für geleistete Kriegsdienste und besonders für

seinen Beistand in der Heerfahrt gegen den Böhmenherzog Achilles

Bratislav belehnt worden war. Sieben Jahre dauerte der Bau, und als er

beendigt war und der Ritter einzog in sein stattliches Bergschloß, da

nahm er sich vor, als Gebieter Gerechtigkeit, aber auch die vollste

sittliche Strenge walten zu lassen. Um seine Anschauungen von Recht und

Sittlichkeit zum Ausdruck zu bringen, that er ein Gelübde sonderbar und

folgenschwer. Er gelobte, diejenige Bewohnerin des Schlosses, welche

ihre Ehre verlieren würde -- und sollte es auch seine eigene Tochter

sein -- lebendig einmauern zu lassen. Noch sieht man in der geborstenen

Mauer des Hassenstein eine Nische, welche der Ritter Emerich für

diese furchtbare Bestimmung herstellen ließ, um seinem Gelöbnis den

weiblichen Schloßbewohnern gegenüber den rechten Nachdruck zu geben.

So vergingen Jahre. Der Ritter jagte in den ungeheuren Wäldern den

starken Eber oder den flüchtigen Edelhirsch, während seine Gemahlin

die Erziehung ihrer Kinder, dreier Knaben, welche des Vaters Stolz

und Freude waren, überwachte. Als die Söhne wehrhaft geworden waren,

lernten sie auf den Nachbarburgen feine Sitte, und nachdem sie den

Schwertschlag zu Gottes und Mariens Ehre erhalten hatten, dienten

sie als Ritter an den Höfen im deutschen Reiche. Die Burgfrau hatte

ihrem Gemahl später auch ein Töchterchen geschenkt, dessen Geburt

der Mutter leider das Leben kostete. Auf ihrem Sterbelager hatte sie

ihr Kind der Obhut des alten Schloßkaplans übergeben, welcher ihr

versprach, dasselbe in Frömmigkeit zu erziehen und Vaterstelle an ihm

zu vertreten. Denn der Ritter war zu häufig in Fehden verwickelt und

oft lange von der Burg abwesend, als daß er sich der Erziehung seiner

Tochter, welche bei der Taufe den Namen Guta empfing, mit rechter

Aufmerksamkeit hätte widmen können.

Der Schloßkaplan, ein sanftmütiger Priester, verwendete nun seine ganze

Sorgfalt auf die Erziehung der kleinen Guta, und besonders war es die

wunderbare Welt der Märchen und der Kreis der Sagenlieder und Legenden,

welche auf die empfängliche Schülerin den größten Eindruck ausübten. So

wuchs das Mädchen zur blühenden Jungfrau heran und fast schien es, als

ob dieselbe ihren sanften Lehrer mehr liebe, als den strengen Vater.

Derselbe dachte endlich daran, wie er seine Tochter versorgen und sich

damit zugleich eines Nachfolgers im Besitze der Burg versichern könne.

Alle seine Söhne, seine natürlichen Stützen und Erben hatten ihn ja

verlassen, sie weilten, Abenteuer suchend, in weiten, unbekannten

Fernen und nie hatte er eine Nachricht von ihnen erhalten. Die Wahl

eines passenden Eidams erschien ihm nicht leicht, doch hoffte er sie

am besten am Hoflager zu Regensburg treffen zu können, wohin Kaiser

Heinrich IV., seines kaiserlichen Gönners Sohn, die Fürsten, Ritter und

Edlen entboten hatte, damit des Reiches Wohl und der Römerzug beraten

werde. Ritter Emerich begab sich also nach Regensburg.

Während der Abwesenheit des Burgherrn beschloß der greise Kaplan,

seiner Pflegetochter, welche bisher kaum über die Schwelle des äußern

Burgthores hinausgekommen war, ein größere Maß von Freiheit zu

gewähren. Er führte sie daher hinaus in die Wälder und auf die Fluren

und besuchte mit ihr die Ansiedelungen im Burgbanne. Oft ruhten sie auf

einer Waldwiese unter einer riesigen Eiche und lauschten am Morgen dem

Gesange der Waldvöglein. Als sie einmal wieder so saßen, trat plötzlich

aus dem dichten Gebüsch ein schöner ritterlicher Jüngling. Guta war

anfangs recht erschrocken, doch konnte man dem Fremdlinge, welcher die

edelsten Sitten zeigte, nicht gram sein. Es war ein fahrender Ritter

aus dem Meißnerlande, welcher in der Gegend Gastfreundschaft gesucht

und gefunden hatte und den der Zufall auf einer seiner Wanderungen

dem Priester und Guta entgegenführte. Nach mehreren Tagen traf der

Ritter mit ihnen an derselben Stelle wieder zusammen, und dann noch

öfter und öfter. Der Priester war kein strenger Wächter, und so kam

es, daß die Herzen der jungen Leute sich fanden und der Ritter die

Jungfrau um Erlaubnis bat, ihr sein Leben weihen zu dürfen. Nach der

Rückkehr ihres Vaters wollte er um ihre Hand anhalten, denn Guta war

es unbekannt geblieben, aus welchem Grunde ihr Vater nach Regensburg

abgereist war. Bald kam aber von dorther die Botschaft an den Kaplan,

daß der Burgherr bald zurückkehren und den für seine Tochter erkorenen

Bräutigam sogleich mitbringen werde. Als dies Guta hörte, stürzte sie

fassungslos ihrem Erzieher zu Füßen und entdeckte ihm ihr Geheimnis.

Dieser erschrak heftig, denn er kannte die unbeugsame Strenge Emerichs

und dachte an das offene Grab in der Schloßmauer. Freilich fühlte

er sich selbst auch nicht von Schuld frei, und nach reiflicher

Überlegung glaubte er ein Mittel gefunden zu haben, um der ersten

Heftigkeit des heimkehrenden Burgherrn zu begegnen. Zu Seelau im St.

Magdalenenkloster, von dem heute kein Stein mehr auf dem andern ist,

da hat Schön-Guta Aufnahme gefunden; und auch der meißnische Ritter

ward in die Verbannung geschickt, er ging zu den Benediktinern nach

Klösterle. So blieb nur der greise Priester zurück und derselbe wollte

dem Ausbruche des Zornes standhalten.

Als der Schloßherr kam, gestand der Kaplan alles. In wildem Grimme

vergriff sich der Ritter an ihm, würgte den schwachen Priester und

stieß ihn über die steile Treppe hinab, so daß der Arme die Steinvließe

drunten mit seinem Blute färbte und seine Seele aushauchte. Nun erst

kam der Ritter zur Besinnung und dachte besonders an die Verfolgung,

welche die mächtige Geistlichkeit gegen ihn einleiten würde, wenn sie

Kenntnis von diesem Morde erhielte. Deshalb suchte er eilig die Spuren

des Verbrechens zu beseitigen. Er erinnerte sich der Mauernische, die

er einst für eine ehrenvergessene Schloßbewohnerin hatte herrichten

lassen. Wie fürchterlich hatte nun das Geschick entschieden! Seine

eigene Tochter war zum Opfer geworden, sie hätte er nach jenem

Gelübde lebendig hier begraben müssen. Da ließ Emerich den Leichnam

des ermordeten Priesters an jener Stelle bergen. Doch damit konnte

er die Erinnerung an das Geschehene nicht begraben; eine Stimme frug

ihn fort und fort: Hast Du auch recht gethan? Sein Trotz wollte diese

Frage wohl bejahen; doch er konnte damit die Stimme des Gewissens nicht

betäuben, er ergab sich dem Trunke, um so Vergessenheit zu finden. Da

geschah es eines Abends, daß er sich ruhelos umhertrieb; sein Schritt

war unsicher, er wankte und stürzte über die jähen Stufen hinab, so daß

seine Glieder an eben demselben Steine zerschellten, auf welchem der

Schloßkaplan seine Seele ausgehaucht hatte. Die Knechte und Reisigen

bereiteten dann das Begräbnis ihres toten Herrn, und außerhalb der

Burg, mitten im grünen Hag, wo es am kühlsten war und die Vögel am

schönsten sangen, dort wölbten sie den Hügel des Ritters, und dann

zerstreuten sie sich, denn sie wollten nicht mehr bleiben an der Stätte

mit dem fluchbeladenen Steine. Und sprachen sie in der Folge von der

Burg, so versäumten sie nicht, den Ort des Übels zu kennzeichnen: »Haß

dem Stein!« Aus dieser Redensart aber entstand im Laufe der Zeit der

Name »Hassenstein.«

Und die schöne Guta? Die Leute erzählten oft, daß im Kloster eine Nonne

sei, die man immer weinen sehe, das Gesicht gegen die kalten Eisenstäbe

des Fensters gedrückt. Und der Ritter aus den meißnischen Landen?

Der blieb auch im Kloster, denn er hätte keine Freude mehr gefunden

draußen ohne Guta. Aber die Söhne Ritter Emerichs? Die hatten das Kreuz

genommen und waren mit Peter dem Einsiedler ins heilige Land gezogen

und man hat nie mehr von ihnen gehört.

Das erledigte Hassenstein erwarben später die Herren von Schönburg,

welche auch in der Nachbarschaft, bei Klösterle, eine Feste besaßen,

deren Ruine von den Anwohnern heutzutage »Schömmerich« genannt wird.

742. Die heldenmütige Herrin des Schloß Hartenberg.

(Joh. Böhm in der Erzgebirgs-Zeitung 1882, S. 26.)

Zur Zeit der Hussitenkriege lebte auf dem Schlosse Hartenberg, umgeben

von nur wenigen Getreuen und unter der Obhut einer alten Dienerin

Zdenka von Hartenberg, eine schöne achtzehnjährige Jungfrau. Seit einer

Reihe von Jahren mutterlose Waise, entriß ihr auch das Schwert eines

wütenden Taboriten vor kurzem den Vater, und ihr nächster Anverwandter,

Jodok von Pichlberg, ein eifriger Utraquist, den sie um männlichen

Schutz und Beistand anflehte, wollte oder konnte solchen nicht leisten,

sondern riet ihr, der neuen Lehre beizutreten und so aller Gefahren

überhoben zu sein. Das mochte Zdenka nicht. Getreu den frommen Lehren

ihrer verklärten Mutter hing sie mit kindlichem Glauben und Vertrauen

der katholischen Kirche an und setzte, da ihr kein Freund mehr auf der

Welt blieb, das feste Vertrauen auf Gott, den mächtigen Beschützer der

Bedrängten und Verlassenen. Daneben vergaß sie auch nicht, an das Ehr-

und Pflichtgefühl ihrer Unterthanen zu appellieren, versah die Burg mit

Lebensmitteln, ließ die Mauern, Streittürme und Basteien ausbessern

und einen größern Vorrat des schon damals im Gebrauche stehenden

Schießpulvers herbeischaffen, um die einzigen Waffen der Burg, zwei

Doppelhaken, in Verwendung nehmen zu können, kurz, ordnete alles mit

männlicher Umsicht und Entschlossenheit an, was zur Verteidigung ihres

väterlichen Erbes dienen konnte.

Die Vorsicht war nur zu wohl gerechtfertigt. In einer finstern

Nacht rötete sich der Himmel von mächtigen Feuersäulen, die aus

den benachbarten, von den Hussiten in Brand gesteckten Dörfern

emporstiegen, und ein beträchtlicher Taboritenschwarm, angelockt

von dem reichen ungeplünderten Gute und der ihrer Meinung nach sehr

schwach oder gar nicht verteidigten Burg, stand bald vor den Thoren

Hartenbergs, mit rauhen, grimmigen Worten Einlaß begehrend und mit

drohenden Mienen zur Übergabe auffordernd. Da beides verweigert wurde,

schrien hunderte von Stimmen nach Sturm, Pfeilen und Pechkränzen und

vermengten ihre Rufe mit tausend Verwünschungen und Flüchen.

Sagenbuch des Erzgebirges · 第 55 / 62 段