Räuberneste an, fanden aber das äußere Burgthor verschlossen und die
Zugbrücke aufgezogen. Der Herold ließ den herkömmlichen Trompetenruf
erschallen und verkündete darauf laut den Befehl des Kurfürsten:
»Dietrich von Vitzthum, Du sollst gehalten sein, dem Durchlauchtigen
Kurfürsten des heiligen römischen Reiches, Friedrich, Herzog zu
Sachsen und Markgraf zu Meißen, zu Befehl zu handeln und alsobald die
böhmischen und anderen Ritter von Dir zu thun, welche das Land berennen
und die Reichsstraßen und sonstigen Wege unsicher machen, die Bürger
berauben und brandschatzen. Also gebietet der Durchlauchtige Lehnsherr,
Du mögest seine Abgeordneten mit Glimpf empfangen und in allen Stücken
seinem Befehlig aus ihrem Munde gehorsamen, bei Acht und Aberacht, die
Dich und alle, so zu Dir halten, Freie und Unfreie, treffen wird, wenn
den Landfriedensbrechern noch ferner Unterstand auf dem Frauenstein
gewährt würde. Künde Dir das zum ersten-, zum andern-, zum drittenmale,
kraft meines Amtes, Dietrich von Vitzthum!«
Wieder blies der Herold in die Trompete und erwartete, gegen das Thor
vorreitend, eine Antwort. Dieselbe kam auch alsbald, aber in Gestalt
eines starken Armbrustpfeiles, der dicht an den Ohren des Herolds
vorübersauste. Dazu erklang aus der Burg ein höhnische Gelächter. Am
Fenster des Thorwärters erschien der Ritter Dietrich und rief: »Was
schiert mich der Markgraf von Meißen? Der Burggraf von Plauen ist mein
Herr, dem nur stehe ich Rede und sonst keinem!« Unverrichteter Sache
zogen die Gesandten von dannen; vorher aber hefteten sie noch die
Vorladung für Dietrich von Vitzthum zum Achtsprozeß an das Gerichtsbret
des Rathauses zu Frauenstein.
Der Kurfürst war über die Widersetzlichkeit Vitzthums in hohem Grade
erzürnt und bot alsbald die Bürger der benachbarten Städte zum Zuge
gegen das Schloß Frauenstein auf. Die Freiberger ließen auch nicht
lange auf sich warten und schlossen sich dem kleinen Feldzuge um so
lieber an, als ihnen durch die Räuber auf dem Frauenstein, welche die
wichtige Handelsstraße nach Böhmen beunruhigten, schon beträchtlicher
Schaden zugefügt worden war. Sie erschienen unter Kuno von Schönberg
mit den übrigen kursächsischen Streitgenossen alsbald, und als auf die
übliche Aufforderung zur Übergabe der Burg keine Antwort erfolgte,
wurden die Donnerbüchsen auf die Umfassungsmauern des Schlosses
gerichtet. Die Steinkugeln, deren man noch etliche als Andenken in
dem alten Gemäuer sieht, prasselten gegen die Burg, jedoch auch die
Besatzung schleuderte unzählige Wurfgeschosse gegen die Belagerer.
Es entbrannte ein harter Kampf, der lange unentschieden blieb, bis
plötzlich große Rauchwolken und Flammen aus der Burg emporstiegen.
Jetzt wurde dieselbe auf ein gegebenes Zeichen gleichzeitig von allen
Seiten berannt und in kurzer Zeit wurde sie von Kurfürst Friedrichs
Mannen erstiegen. Innerhalb der Burg entbrannte nun ein Kampf Mann
gegen Mann, wobei auch Kuno von Schönberg und Dietrich von Vitzthum
zusammentrafen. Beide fochten löwenkühn, zuletzt siegte jedoch der
Ritter von Schönberg und stieß den Gegner nieder. Man schleppte den
verwundeten Vitzthum fort, und was noch von der Burgbesatzung lebte,
ergab sich auf Gnade und Ungnade.
Drei Tage hatte der Verurteilte Zeit, sich zum Abschied vorzubereiten.
In den ersten Tagen des Dezembers 1438 strömten Hunderte aus der
Umgebung Frauensteins nach der Stadt, um den einst gefürchteten
Vitzthum hinrichten zu sehen. Dicht gedrängt stand die harrende Menge
im Schloßhofe, da erklang von der Burgkapelle her das Sterbeglöcklein,
vier Knappen brachten den armen Sünder, der schwer verwundet und kaum
bei Besinnung war, zur Richtstatt und alsbald wurde der Spruch des
Gerichtes mit dem Schwerte an ihm vollzogen.
Die Burg wurde hierauf insoweit zerstört, daß sie nicht mehr
widerstandsfähig war und den Räubern keinen weiteren Schlupfwinkel zu
bieten vermochte. Dann erst zogen die Kurfürstlichen ab. Der Burggraf
von Plauen ging seiner Besitzung Frauenstein, die er so unwürdig hatte
verwalten lassen, verlustig; das Lehen wurde vom Kurfürsten eingezogen.
Der Geist des hingerichteten Raubritters soll von Zeit zu Zeit noch
immer in der Schloßruine umgehen und auch in den hinteren, nicht
bewohnten Teilen des neuen Schlosses schon bemerkt worden sein. In der
Nähe des Parkschlößchens läßt sich manchmal etwas »Graues« sehen.
737. Schloß Hauenstein.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 103.)
Malerisch und majestätisch ruht das Schloß Hauenstein auf einem fast
senkrecht abfallenden Basaltfelsen, welcher aus dem wildromantischen,
herrlichen Waldthale sich emporhebt, das menschliche Hand zu einem
lieblichen Garten umgeschaffen. Zu dem Schlosse gehört ein alter,
aus schwarzem Basalt errichteter Rundturm, von altersher der
»Bürgermeister« genannt, weil der Sage nach ein solcher in seinem
Verließe zuerst den Hungertod fand; er diente lange als Gefängnis, und
der in der Gemeinde Damitz gelegene Galgenberg erinnert heutigen Tages
noch an die Zeit, wo die Zwingherren von Hauenstein das Blutgericht
ausübten.
Beachtung verdient ferner das Perlenzimmer. Wie der Volksmund erzählt,
sollen allhier Nonnen die im Egerflusse gefischten Perlen verwahrt
haben. Nach einer andern Überlieferung hieß besagtes Gemach eigentlich
»Perlhefterstube«, weil sich daselbst zur Zeit der Schlickschen
Herrschaft im 16. Jahrhundert eine Perlhefterei befand.
An der Felswand in der Vorhalle des Schlosses bemerkte man sonst einen
schwarzen Fleck, angeblich vertrocknetes Blut, welches ein Herr von
Vitzthum dort im dreißigjährigen Kriege kämpfend vergossen haben soll.
738. Burg Neustein bei Görkau.
(Erzgebirgs-Zeitung, Komotau 1880. 1. Jahrg. S. 47.)
Es mochte um das 11. oder 12. Jahrhundert sein, als auf der Burg
Neustein ein verwegener und berüchtigter Raubritter hauste. Derselbe
hegte aus irgend einem Grunde einen unversöhnlichen Haß gegen den
Grafen zu Rothenhaus. Da geschah es eines Tages, daß er demselben
seinen erstgebornen Sohn in zartem Kindesalter samt der Wärterin
raubte, und, um die Eltern irre zu führen, streute er die mit Blut
getränkten Kleider des Kindes im Walde in der Nähe des Schlosses
Rothenhaus aus, so daß der Graf glauben mußte, ein wildes Tier habe
seinen Sohn zerrissen. Den Knaben aber ließ er als seinen eigenen Sohn
erziehen und flößte ihm dabei tiefen Haß gegen das Grafengeschlecht in
Rothenhaus ein.
Bei einem Überfalle venetianischer Kaufleute geriet der Raubritter von
Neustein mit dem Grafen von Rothenhaus, welcher zufällig an der Spitze
seiner Leute an den Ort der Unthat kam und die Bedrängten verteidigte,
in Kampf und wurde dabei zum Tode verwundet. Nur mit Mühe entkam er auf
seine Burg, wo er auf dem Sterbelager sich von seinem angeblichen Sohne
einen Eid leisten ließ, daß derselbe an dem Grafen Rache nehmen wolle.
Darauf starb er. Nach einiger Zeit gelang es dem nunmehrigen Herrn des
Neusteins, die Tochter des Grafen von Rothenhaus zu rauben und durch
einen geheimen unterirdischen Gang auf seine Burg zu führen, wo er sie
gefangen hielt. Als er sie nun sogar zur Gemahlin begehrte, weigerte
sich die Jungfrau standhaft, denn ihr Herz gehörte bereits einem andern.
Auf Schloß Rothenhaus war man durch das Verschwinden der Tochter des
Hauses in nicht geringe Bestürzung geraten, denn man vermutete mit
Recht einen frechen Raub. Der Graf entbot noch in derselben Nacht seine
Mannen zu sich und zog mit ihnen am frühen Morgen gegen die Burgen
Neosablitz und Wodehrad, die im Thale des Assigbaches lagen und deren
damalige Herren sich nicht des besten Rufes erfreuten. Doch in keinem
der beiden Schlösser war die Geraubte zu finden. Von dem Vorhandensein
des Felsennestes Neustein aber wußte man nichts, denn dasselbe lag tief
im Walde versteckt.
Unterdeß hatte die gefangene Grafentochter einen Plan zu ihrer Rettung
entworfen. Sie heuchelte dem Herrn von Neustein, sie sähe ein, daß ihr
Sträuben vergeblich sei, und so habe sie sich entschlossen, die Seine
zu werden; der Ritter möge ihr nur einige Tage Zeit lassen und ihr
gestatten, daß sie eine Kirche besuche, damit sie Gott um Trost und
Beistand anflehe. Nur ungern willigte der Ritter ein. So zog sie denn
mit ihrer treuen Dienerin, die man ebenfalls in Rothenhaus geraubt
hatte, und bewacht von einer Schar wilder Gesellen, nach Komotau, wo
sich die nächste Kirche befand. Als sie daselbst dem Pfarrer beichtete,
erkannte sie derselbe und er forderte sie auf, ihm ihren Aufenthaltsort
anzugeben. Sie sogleich zu befreien, erschien ihm unmöglich, da die
Kirche von den Bewaffneten umstellt worden war und die Leute im Orte
noch schliefen, denn es war zu sehr früher Stunde. Die Jungfrau konnte
dem Priester jedoch ihren Aufenthaltsort nicht angeben, da man sie mit
verbundenen Augen aus dem Raubschlosse nach der Kirche gebracht hatte.
Ratlos lief der Priester in die Sakristei und kam ebenso ratlos wieder
zurück. Da bemerkte er plötzlich ein altes Weib, das unvermerkt mit
in die Kirche gekommen war. Er fragte die Alte, was sie wohl in ihrem
Korbe habe. »Ein Säckchen mit Linsen«, entgegnete diese. »Weib,« rief
der Pfarrer, »Ihr seid mir von Gott gesandt; überlaßt mir die Linsen,
sie sollen Euch gut bezahlt werden!« Das Weib war einverstanden,
und der Priester händigte die Linsen seinem Beichtkinde ein mit der
Weisung, auf dem Heimwege von Zeit zu Zeit heimlich einige Linsen
fallen zu lassen; er werde dann dafür sorgen, daß ihr Aufenthaltsort
entdeckt werde. Dann entließ er das Fräulein, welches nun mit seinen
bewaffneten Begleitern wieder zu Pferde stieg und den Rückweg antrat.
Der Geistliche aber gab einem zuverlässigen Manne den Auftrag, dem Zuge
sofort unvermerkt zu folgen, hie und da am Boden zerstreute Linsen
würden ihm im Walde den Weg zeigen. So wurde das Raubschloß entdeckt.
Dem Grafen von Rothenhaus aber brachte man sofort die Nachricht
hiervon, und noch an demselben Abende stand er mit seinen Mannen
vor der Feste des Raubritters und verlangte die Auslieferung seiner
Tochter. Diese erfolgte aber nicht; man rüstete sich vielmehr in der
Burg zur Verteidigung. Nun umschlossen die von Rothenhaus die Burg und
trafen Anstalten zum Sturme auf dieselbe. Am frühen Morgen des nächsten
Tages begann man auch sofort den Angriff, und trotz der verzweifelten
Gegenwehr der Belagerten hatten die Angreifer bald vom Bergrücken her
den Wall und Graben überschritten und begannen die Mauern zu ersteigen.
Da versuchte der jugendliche Ritter vom Neustein ein letztes Mittel,
die Feinde vom weitern Vordringen abzuhalten. Er schleppte das geraubte
Fräulein auf den Wartturm und drohte dasselbe in die Tiefe zu stürzen.
Da trat aber die alte Wärterin heran, welche allein im Schlosse seine
wahre Abkunft kannte, und teilte ihm mit, daß er eben im Begriffe
stehe, seine Schwester zu ermorden. Jetzt erfaßte Verzweigung den
Ritter; er bestieg sein Pferd, ritt auf die Burgmauer, gab dem Tiere
die Sporen und stürzte mit ihm in die gewaltige Tiefe. Die Felsenburg
wurde nun vollends eingenommen und zerstört. Groß war aber die Trauer
zu Rothenhaus, als man erfuhr, wer der gewesen, der die Tochter des
Grafen geraubt hatte. Der Leichnam des Ritters wurde feierlich in der
Familiengruft der Rothenhauser beigesetzt.
739. Das alte Schloß Mulda.
(Mündlich.)
Oberhalb des Ortes Mulda bei Freiberg zeigt man am linken Muldenufer
in der sogenannten »Grüne« einen Platz, auf welchem einst ein altes
Schloß stand. Von den Ruinen ist seit einer Reihe von Jahren nichts
mehr zu sehen, da man die Steine bei einem Wegebau verwendete. Die
Sage erzählt nun, daß nach dem Schlosse eine kupferne Wasserleitung
von dem Brunnen auf dem Burgberge geführt habe und daß dasselbe
von einem gewissen Hegewald niedergerissen worden sei. Die Steine
verwendete derselbe zum Aufbau des jetzigen Rittergutes. Als das Schloß
niedergerissen wurde, fand dieser Hegewald (er hieß mit dem Vornamen
Zacharias, wurde 1670 geboren und starb 1731), wie der Volksmund
erzählt, in dem Gemäuer einen großen Schatz, den er in einem Sacke auf
der Schulter nach dem neuerbauten Rittergute trug. Die Last war aber
so schwer, daß sie ihn auf dem Wege erdrückte. Früher soll auch in dem
Rittergute ein Bild zu sehen gewesen sein, welches diese Begebenheit
darstellte.
740. Tauben verraten das Schloß Schönfels.
(Köhler, Volksbrauch etc. S. 623.)
Das Schloß Schönfels bei Zwickau soll einst rings von einem großen
Walde umgeben gewesen sein, so daß man es nicht sehen und schwer
auffinden konnte. Einst wollte es der Feind erstürmen und suchte es
lange; und hätten nicht Tauben, die man im Schlosse hielt und welche ab
und zu flogen, die Richtung verraten, so hätte man noch lange suchen
können.
741. Schön-Guta von Hassenstein.
(Nach Ed. Heger in der Erzgebirgs-Zeitung, 1881, S. 143 etc.)
Eine halbe Stunde vor dem Bergstädtchen Platz liegen die von einem
dreifachen Walle umgebenen Ruinen des Schlosses Hassenstein. Nach
einer Sage wurde dasselbe in der Mitte des 11. Jahrhunderts von einem
Reichsritter Emerich erbaut, welcher mit dem Grund und Boden von dem
Kaiser Heinrich III. für geleistete Kriegsdienste und besonders für
seinen Beistand in der Heerfahrt gegen den Böhmenherzog Achilles
Bratislav belehnt worden war. Sieben Jahre dauerte der Bau, und als er
beendigt war und der Ritter einzog in sein stattliches Bergschloß, da
nahm er sich vor, als Gebieter Gerechtigkeit, aber auch die vollste
sittliche Strenge walten zu lassen. Um seine Anschauungen von Recht und
Sittlichkeit zum Ausdruck zu bringen, that er ein Gelübde sonderbar und
folgenschwer. Er gelobte, diejenige Bewohnerin des Schlosses, welche
ihre Ehre verlieren würde -- und sollte es auch seine eigene Tochter
sein -- lebendig einmauern zu lassen. Noch sieht man in der geborstenen
Mauer des Hassenstein eine Nische, welche der Ritter Emerich für
diese furchtbare Bestimmung herstellen ließ, um seinem Gelöbnis den
weiblichen Schloßbewohnern gegenüber den rechten Nachdruck zu geben.
So vergingen Jahre. Der Ritter jagte in den ungeheuren Wäldern den
starken Eber oder den flüchtigen Edelhirsch, während seine Gemahlin
die Erziehung ihrer Kinder, dreier Knaben, welche des Vaters Stolz
und Freude waren, überwachte. Als die Söhne wehrhaft geworden waren,
lernten sie auf den Nachbarburgen feine Sitte, und nachdem sie den
Schwertschlag zu Gottes und Mariens Ehre erhalten hatten, dienten
sie als Ritter an den Höfen im deutschen Reiche. Die Burgfrau hatte
ihrem Gemahl später auch ein Töchterchen geschenkt, dessen Geburt
der Mutter leider das Leben kostete. Auf ihrem Sterbelager hatte sie
ihr Kind der Obhut des alten Schloßkaplans übergeben, welcher ihr
versprach, dasselbe in Frömmigkeit zu erziehen und Vaterstelle an ihm
zu vertreten. Denn der Ritter war zu häufig in Fehden verwickelt und
oft lange von der Burg abwesend, als daß er sich der Erziehung seiner
Tochter, welche bei der Taufe den Namen Guta empfing, mit rechter
Aufmerksamkeit hätte widmen können.
Der Schloßkaplan, ein sanftmütiger Priester, verwendete nun seine ganze
Sorgfalt auf die Erziehung der kleinen Guta, und besonders war es die
wunderbare Welt der Märchen und der Kreis der Sagenlieder und Legenden,
welche auf die empfängliche Schülerin den größten Eindruck ausübten. So
wuchs das Mädchen zur blühenden Jungfrau heran und fast schien es, als
ob dieselbe ihren sanften Lehrer mehr liebe, als den strengen Vater.
Derselbe dachte endlich daran, wie er seine Tochter versorgen und sich
damit zugleich eines Nachfolgers im Besitze der Burg versichern könne.
Alle seine Söhne, seine natürlichen Stützen und Erben hatten ihn ja
verlassen, sie weilten, Abenteuer suchend, in weiten, unbekannten
Fernen und nie hatte er eine Nachricht von ihnen erhalten. Die Wahl
eines passenden Eidams erschien ihm nicht leicht, doch hoffte er sie
am besten am Hoflager zu Regensburg treffen zu können, wohin Kaiser
Heinrich IV., seines kaiserlichen Gönners Sohn, die Fürsten, Ritter und
Edlen entboten hatte, damit des Reiches Wohl und der Römerzug beraten
werde. Ritter Emerich begab sich also nach Regensburg.
Während der Abwesenheit des Burgherrn beschloß der greise Kaplan,
seiner Pflegetochter, welche bisher kaum über die Schwelle des äußern
Burgthores hinausgekommen war, ein größere Maß von Freiheit zu
gewähren. Er führte sie daher hinaus in die Wälder und auf die Fluren
und besuchte mit ihr die Ansiedelungen im Burgbanne. Oft ruhten sie auf
einer Waldwiese unter einer riesigen Eiche und lauschten am Morgen dem
Gesange der Waldvöglein. Als sie einmal wieder so saßen, trat plötzlich
aus dem dichten Gebüsch ein schöner ritterlicher Jüngling. Guta war
anfangs recht erschrocken, doch konnte man dem Fremdlinge, welcher die
edelsten Sitten zeigte, nicht gram sein. Es war ein fahrender Ritter
aus dem Meißnerlande, welcher in der Gegend Gastfreundschaft gesucht
und gefunden hatte und den der Zufall auf einer seiner Wanderungen
dem Priester und Guta entgegenführte. Nach mehreren Tagen traf der
Ritter mit ihnen an derselben Stelle wieder zusammen, und dann noch
öfter und öfter. Der Priester war kein strenger Wächter, und so kam
es, daß die Herzen der jungen Leute sich fanden und der Ritter die
Jungfrau um Erlaubnis bat, ihr sein Leben weihen zu dürfen. Nach der
Rückkehr ihres Vaters wollte er um ihre Hand anhalten, denn Guta war
es unbekannt geblieben, aus welchem Grunde ihr Vater nach Regensburg
abgereist war. Bald kam aber von dorther die Botschaft an den Kaplan,
daß der Burgherr bald zurückkehren und den für seine Tochter erkorenen
Bräutigam sogleich mitbringen werde. Als dies Guta hörte, stürzte sie
fassungslos ihrem Erzieher zu Füßen und entdeckte ihm ihr Geheimnis.
Dieser erschrak heftig, denn er kannte die unbeugsame Strenge Emerichs
und dachte an das offene Grab in der Schloßmauer. Freilich fühlte
er sich selbst auch nicht von Schuld frei, und nach reiflicher
Überlegung glaubte er ein Mittel gefunden zu haben, um der ersten
Heftigkeit des heimkehrenden Burgherrn zu begegnen. Zu Seelau im St.
Magdalenenkloster, von dem heute kein Stein mehr auf dem andern ist,
da hat Schön-Guta Aufnahme gefunden; und auch der meißnische Ritter
ward in die Verbannung geschickt, er ging zu den Benediktinern nach
Klösterle. So blieb nur der greise Priester zurück und derselbe wollte
dem Ausbruche des Zornes standhalten.
Als der Schloßherr kam, gestand der Kaplan alles. In wildem Grimme
vergriff sich der Ritter an ihm, würgte den schwachen Priester und
stieß ihn über die steile Treppe hinab, so daß der Arme die Steinvließe
drunten mit seinem Blute färbte und seine Seele aushauchte. Nun erst
kam der Ritter zur Besinnung und dachte besonders an die Verfolgung,
welche die mächtige Geistlichkeit gegen ihn einleiten würde, wenn sie
Kenntnis von diesem Morde erhielte. Deshalb suchte er eilig die Spuren
des Verbrechens zu beseitigen. Er erinnerte sich der Mauernische, die
er einst für eine ehrenvergessene Schloßbewohnerin hatte herrichten
lassen. Wie fürchterlich hatte nun das Geschick entschieden! Seine
eigene Tochter war zum Opfer geworden, sie hätte er nach jenem
Gelübde lebendig hier begraben müssen. Da ließ Emerich den Leichnam
des ermordeten Priesters an jener Stelle bergen. Doch damit konnte
er die Erinnerung an das Geschehene nicht begraben; eine Stimme frug
ihn fort und fort: Hast Du auch recht gethan? Sein Trotz wollte diese
Frage wohl bejahen; doch er konnte damit die Stimme des Gewissens nicht
betäuben, er ergab sich dem Trunke, um so Vergessenheit zu finden. Da
geschah es eines Abends, daß er sich ruhelos umhertrieb; sein Schritt
war unsicher, er wankte und stürzte über die jähen Stufen hinab, so daß
seine Glieder an eben demselben Steine zerschellten, auf welchem der
Schloßkaplan seine Seele ausgehaucht hatte. Die Knechte und Reisigen
bereiteten dann das Begräbnis ihres toten Herrn, und außerhalb der
Burg, mitten im grünen Hag, wo es am kühlsten war und die Vögel am
schönsten sangen, dort wölbten sie den Hügel des Ritters, und dann
zerstreuten sie sich, denn sie wollten nicht mehr bleiben an der Stätte
mit dem fluchbeladenen Steine. Und sprachen sie in der Folge von der
Burg, so versäumten sie nicht, den Ort des Übels zu kennzeichnen: »Haß
dem Stein!« Aus dieser Redensart aber entstand im Laufe der Zeit der
Name »Hassenstein.«
Und die schöne Guta? Die Leute erzählten oft, daß im Kloster eine Nonne
sei, die man immer weinen sehe, das Gesicht gegen die kalten Eisenstäbe
des Fensters gedrückt. Und der Ritter aus den meißnischen Landen?
Der blieb auch im Kloster, denn er hätte keine Freude mehr gefunden
draußen ohne Guta. Aber die Söhne Ritter Emerichs? Die hatten das Kreuz
genommen und waren mit Peter dem Einsiedler ins heilige Land gezogen
und man hat nie mehr von ihnen gehört.
Das erledigte Hassenstein erwarben später die Herren von Schönburg,
welche auch in der Nachbarschaft, bei Klösterle, eine Feste besaßen,
deren Ruine von den Anwohnern heutzutage »Schömmerich« genannt wird.
742. Die heldenmütige Herrin des Schloß Hartenberg.
(Joh. Böhm in der Erzgebirgs-Zeitung 1882, S. 26.)
Zur Zeit der Hussitenkriege lebte auf dem Schlosse Hartenberg, umgeben
von nur wenigen Getreuen und unter der Obhut einer alten Dienerin
Zdenka von Hartenberg, eine schöne achtzehnjährige Jungfrau. Seit einer
Reihe von Jahren mutterlose Waise, entriß ihr auch das Schwert eines
wütenden Taboriten vor kurzem den Vater, und ihr nächster Anverwandter,
Jodok von Pichlberg, ein eifriger Utraquist, den sie um männlichen
Schutz und Beistand anflehte, wollte oder konnte solchen nicht leisten,
sondern riet ihr, der neuen Lehre beizutreten und so aller Gefahren
überhoben zu sein. Das mochte Zdenka nicht. Getreu den frommen Lehren
ihrer verklärten Mutter hing sie mit kindlichem Glauben und Vertrauen
der katholischen Kirche an und setzte, da ihr kein Freund mehr auf der
Welt blieb, das feste Vertrauen auf Gott, den mächtigen Beschützer der
Bedrängten und Verlassenen. Daneben vergaß sie auch nicht, an das Ehr-
und Pflichtgefühl ihrer Unterthanen zu appellieren, versah die Burg mit
Lebensmitteln, ließ die Mauern, Streittürme und Basteien ausbessern
und einen größern Vorrat des schon damals im Gebrauche stehenden
Schießpulvers herbeischaffen, um die einzigen Waffen der Burg, zwei
Doppelhaken, in Verwendung nehmen zu können, kurz, ordnete alles mit
männlicher Umsicht und Entschlossenheit an, was zur Verteidigung ihres
väterlichen Erbes dienen konnte.
Die Vorsicht war nur zu wohl gerechtfertigt. In einer finstern
Nacht rötete sich der Himmel von mächtigen Feuersäulen, die aus
den benachbarten, von den Hussiten in Brand gesteckten Dörfern
emporstiegen, und ein beträchtlicher Taboritenschwarm, angelockt
von dem reichen ungeplünderten Gute und der ihrer Meinung nach sehr
schwach oder gar nicht verteidigten Burg, stand bald vor den Thoren
Hartenbergs, mit rauhen, grimmigen Worten Einlaß begehrend und mit
drohenden Mienen zur Übergabe auffordernd. Da beides verweigert wurde,
schrien hunderte von Stimmen nach Sturm, Pfeilen und Pechkränzen und
vermengten ihre Rufe mit tausend Verwünschungen und Flüchen.