uralte Glocke, die wahrscheinlich aus irgend einem Kloster stammt und
seiner Zeit an die alte Lungwitzer Kapelle abgegeben worden ist, und
zwar vorzugsweise mit zu dem Behufe, um bei den Wallfahrten nach der
heiligen Wiese gelauten zu werden. Nach einer alten Tradition hat man
stets mit dem Läuten der Glocken auf der Lungwitzer Kirche begonnen,
wenn die Wallfahrtsprozessionen bei dem Marienbilde im Hirschgrunde
angekommen waren, und es hat überhaupt dieses Bild dort an dem Orte
gestanden, von wo aus die Oberlungwitzer Kirche am besten zu übersehen
war, um während des Lesens der Messe u. s. w. die erforderlichen
Zeichen zum Anschlagen oder Lauten der Glocken vom Platze aus hinüber
nach dem Turme geben zu können.
689. Das Goldschiffchen in der Kirche zu Ebersdorf.
(Nach Ziehnerts poet. Bearbeitung bei Gräße a. a. O., No. 560.)
Unter den Reliquien der Kirche zu Ebersdorf befindet sich ein
Schiffchen von Holz, welches aus dem 14. Jahrhundert stammt und bei
folgender Gelegenheit dort aufgehängt worden ist. Ein gewisser Junker
Wolf von Lichtenwalde (?) war ins gelobte Land gezogen, um dort gegen
die Sarazenen zu kämpfen; er hatte alle Gefahren und Anstrengungen
des Krieges glücklich überwunden und kehrte jetzt mit Schätzen
beladen nach seinem Vaterlande zurück, wo ihn eine liebende Braut
erwartete. Siehe, da begab es sich, daß das Schiff, auf dem er nach
Venedig segelte, von einem furchtbaren Sturme überfallen ward; keine
Geschicklichkeit des seekundigen Kapitäns, noch die übermenschlichen
Anstrengungen der Mannschaft vermochten dem Andrange der wütenden
Elemente zu widerstehen und jeder sah dem Untergange des Schiffes in
nächster Zeit entgegen. Da sank der sonst so mutige Kreuzfahrer in
wilder Verzweiflung auf die Knie und gelobte der heiligen Jungfrau
zu Ebersdorf, daß, wenn sie ihn aus dieser Todesnot befreien und
glücklich in sein Ahnenschloß zurückkehren lassen werde, er ihr ein
Schiffchen ganz mit gutem Gold gefüllt als Opfer darbringen wolle, und
solle er auch sein ganzes Eigentum dabei aufwenden. Und siehe, fast
augenblicklich legte sich der Sturm, die Wogen glätteten sich und ein
günstiger Wind trieb das Schiff schnell und glücklich in den sichern
Hafen. Der Ritter vergaß aber nach seiner glücklichen Heimkehr sein
Gelübde nicht, er ließ von einem geschickten Künstler ein Schiffchen
anfertigen, füllte es mit Gold an und hing es zum ewigen Andenken in
der Kirche zu Ebersdorf am Altare der hl. Jungfrau auf. Zwar hat die
Lichtenwalder Gutsherrschaft nach der Reformation sowohl dieses Gold
als auch alle andern Kostbarkeiten und Nutzungen der Kirche an sich
genommen, nachdem sie die Verpflichtung eingegangen war, dieselbe in
allen Baulichkeiten zu unterhalten, ja, sollte sie einmal abbrennen,
ohne Zuthun der Gemeinde und des Kirchenärars aus ihren Mitteln wieder
aufzubauen, allein das Schiffchen ist heute noch zu sehen.
690. Die Geißelsäule in der Schloßkirche zu Chemnitz.
(Richter, Chron. v. Chemnitz I, 1767, S. 85.)
Im Jahre 1738 wurde in der Schloßkirche zu Chemnitz eine Geißelsäule
wieder aufgerichtet, welche einige Jahre da gelegen hatte. Dieselbe
befand sich vorher in dem sogenannten Geißelsaale nahe bei der Kirche
und war aus einem Eichenbaume oder einer Linde gearbeitet. Die Sage
erzählte, daß der Baum unten aus der Erde aufgewachsen und durchgeführt
worden sei. Aus diesem ist nun durch die Bildhauerkunst eine Säule
zugerichtet und an derselbigen, ohne Zuthun anderen Holzes, die ganze
Geißelung Christi in Lebensgröße im ganzen ausgehauen worden. Dieses
Kunstwerk haben viele hundert Personen von Fremden und Einheimischen
jährlich zur Sommerzeit beim Spazierengehen ehedem besichtiget.
691. Der Hauptaltar in der Kirche zu Annaberg.
(Ziehnert, Sachsens Volkssagen. Anhang. No. 23.)
Der Hauptaltar in der Annaberger Kirche besteht aus lauter
italienischem und griechischem Marmor und ist von Meister Adolf in
Augsburg verfertigt worden. Man erzählt davon folgende Sage:
Ulrich Mengemeyer, ein reicher Bürger zu Augsburg, hatte sich mit
Andreas Tuchern, einem böswilligen Ratsherrn, verfeindet, und ward
durch dessen heimtückische Nachstellung bewogen, seine Vaterstadt zu
verlassen. Er wandte sich nach Annaberg, wo er schon seit längerer
Zeit viele Kuxe an sehr gesegneten Fundgruben hatte, und ward Bürger
daselbst, in der Meinung, vor Tuchers Verfolgungen nunmehr sicher zu
sein. Aber er irrte. Am Freitag vor Pfingsten 1514 ward er auf dem
Wege zu seinem Freunde, dem Guardian des Franziskanerklosters, von
zwei Meuchelmördern überfallen und erstochen. Die Mörder flohen zum
Frohnauer Thore hinaus nach dem Schreckenberge hin. Der eine aber,
Wilwald Dyrmann, den sein wüstes Aussehen und das Blut an den Händen
verriet, wurde im Thale von einem Bergmann festgehalten und nach der
Stadt zurückgebracht; der andere, Hansel Unger, ward auch bald nachher
in Pirna eingefangen und in Ketten nach Annaberg geführt. Im Verhöre
sagte Dyrmann aus, Andreas Tucher habe ihn durch seinen Vetter, Philipp
Weisenburgern, einen armen Edelmann im Dienste der Stadt Augsburg, zu
diesem Meuchelmorde für 400 fl. dingen lassen. Deshalb ward sogleich an
den Augsburger Rat geschickt und Weisenburgers und Tuchers Auslieferung
gefordert. Aber Weisenburger nahm die Sache allein auf sich und schrieb
an den Rat zu Annaberg, er habe gute Sache an Mengemeyern gehabt und
allein, ohne Tuchers Geheiß, Dyrmann zu dieser That bewogen; darum
möchten sie dem das Lehen schenken. Zugleich war Weisenburger aus
Augsburg entwichen. Tucher schickte einen Sachwalter nach Annaberg, der
ihn vollends rechtfertigte. Dyrmann und Unger aber wurden am Freitag
nach St. Anna 1511 durch das Rad hingerichtet. So war die Sache mit dem
Rate zu Annaberg beigelegt. Herzog Georg von Sachsen aber ließ es nicht
dabei bewenden, sondern verklagte die Reichsstadt Augsburg beim Kaiser,
und obgleich der Augsburger Rat sich vielfach entschuldigte, so ward
doch auf dem Reichstage dahin entschieden, daß die Stadt Augsburg wegen
verletzten Gottesfriedens der Hauptkirche zu Annaberg einen marmornen
Altar verehren solle. Und dies geschah auch.
So erzählt die Sage. Geschichtlich glaubwürdige Nachrichten aber sagen,
dieser Altar sei von den Annabergern, welche sich damals des reichsten
Bergsegens erfreuten, mit 2551 fl. bezahlt worden, und Herzog Georg der
Bärtige habe selbst 1000 fl. von seinem Grubenanteil abgegeben.
692. Die Domkanzel in Freiberg.
(Ziehnert, Sachsens Volkssagen. Anhang, No. 134.)
Die Sage erzählt, daß in dem Dome in Freiberg ein Meister und sein
Geselle jeder eine Kanzel gebaut habe, die des Gesellen aber besser
geraten sei. Darüber sei der Meister so zornig geworden, daß er den
Gesellen erschlagen habe. Noch jetzt kann kein Geistlicher auf des
Gesellen Kanzel wegen jener Greuelthat predigen.
693. Der Donatsturm zu Freiberg.
(~Curiosa Sax.~, 1736, S. 171. Darnach Gräße, Sagenschatz, No. 286.
Gießler, Sächs. Volkssagen, Stolpen o. J., S. 275.)
Auf dem sogenannten Donatsthore in Freiberg befindet sich ein runder
und sehr starker Turm, dessen Mauern 9 Ellen dick sind und den
angeblich die Bergleute, so jeder nur einen Pfennig von seinem Solde
abgegeben, haben erbauen lassen. Wenn man um die Stadt Freiberg
herumgeht, so sieht man, wenn man vom Erbischen Thore nach dem
Donatthor zugeht, einen kleinen viereckigen Wachtturm, hinter den sich,
sobald man demselben gleichsteht, der große Donatturm verkriecht,
also daß man an solchem nichts mehr als den Knopf von der oben darauf
stehenden Fahne sehen kann, trotzdem daß der große Turm mehr als einmal
so hoch ist, als der nächst vorstehende Wachtturm.
694. Der Marterturm auf Hassenstein.
(Fr. Bernau in der Comotovia, 5. Jahrg., S. 85.)
Auf der Nordseite der Burg Hassenstein steht, einige hundert
Schritte von dieser malerischen Ruine entfernt, im dichten Walde
ein hoher, geräumiger Turm, von dem umwohnenden Landvolke insgemein
der »Marterturm« genannt. Der Sage nach wurde dieser Turm von einem
der ersten Hassensteiner Burgherren für gefallene Mädchen und ihre
Verführer gebaut. Doch es geschah, daß die Tochter des sittenstrengen
Besitzen die erste schuldige war, und deshalb in den Grund des Turmes
eingemauert, ihr Verführer aber vor dem Turme enthauptet wurde.
695. Der Mohr im Schlosse zu Nossen.
(Gräße, Sagenschatz des K. Sachsen, No. 347.)
In einem der Zimmer des Schlosses zu Nossen befand sich sonst ein
Gemälde, auf dem ein Mohr vorgestellt war, der in einer Wanne saß.
Den scheuern zwei Bademägde mit Katzenzagel und Sandhadern recht
nachdrücklich, also daß ihnen der Angstschweiß über die Wangen läuft,
können aber doch kein weißes Fleckchen an seiner Haut entdecken, wie
die darunter stehenden Reime bezeugen:
Wir waschen ihn mit ganzem Fleiß,
Noch will der Mohr nicht werden weiß.
696. Die Tabakstanne zwischen Thalheim und Stollberg.
An der Straße, welche von Thalheim nach Stollberg führt, steht auf der
Höhe im Walde eine Restauration, »Tabakstanne« genannt, die ihren Namen
von einer alten Tanne hat, in welche Handwerksburschen vor alter Zeit
folgenden Reim schnitten:
»Sieh' hier, mein lieber Wandersmann,
Ist die Forst- und Tabakstann',
Setz' dich nieder, ruhe aus
Und rauch' dein Pfeifchen Tabak aus.«
In der Neuzeit ist an die Stelle der alten wurmstichigen Tanne eine
junge gepflanzt worden, an der sich eine Tafel mit folgender Inschrift
befindet:
»Sieh' hier, mein lieber Wandersmann,
Verjüngt die alte Tabakstann',
Bedenk' dabei die goldne Lehr':
Das Neue prüf', das Alte ehr'.«
697. Die Eichen bei Callnberg.
(Nach Ziehnert bei Gräße a. a. O., No. 475.)
In Callnberg bei Lichtenstein, wo Kunz von Kauffungen die Gartenleitern
(lederne Leitern mit Holzsprossen) für den Prinzenraub fertigte -- der
Ort gehörte seinem Vetter Dietrich -- stehen noch heute ohngefähr 200
Schritte vom Rittergute an der Straße von Waldenburg nach Lichtenstein
zwei sehr alte, jedoch nicht schön gewachsene Eichen, von denen man
sagt, daß sie zum Andenken an den Prinzenraub gepflanzt worden sind.
Die Scheune, in welcher jene Leitern angefertigt wurden, ist längst
zerstört, der Platz aber mit einer Gedenktafel bezeichnet, deren
Schrift mit der Zeit unleserlich geworden. Diesem Mangel wurde später
durch folgende Inschrift abgeholfen:
Hier knüpfte Leitern der Teufelskerl
Kunz Kaufung, zu rauben des Landes Perl.
Hans Schwalbe dazu ihm war bereit,
Gelobt sei Gott in Ewigkeit.
698. Die Sagen von der Schloßkirche zu Chemnitz.
(Hist. Nachricht von den Denkwürdigkeiten der Stadt Chemnitz, 1734, S.
24. Gräße, Sagenschatz etc., No. 497, nach ~Curiosa Sax.~ und Ziehnert.)
Auf dem Pflaster der Schloßkirche zu Chemnitz sieht man einen dunkeln
Fleck, der daher rührt, daß einst ein Mönch, der sich bei einer dort
gehaltenen Himmelfahrtskomödie an der Maschine, die zum Hinaufziehen
in ein oben befindliches Gewölbe oder Herablassen aus diesem diente,
hinaufziehen ließ, im Herabfallen zu Tode stürzte. In derselben
befindet sich auch das Bild des Abtes Hilarius, der dieselbe etliche
Jahre vor der Vertreibung der Mönche hatte reparieren lassen. Dieses
Bild darf aber von niemandem geneckt oder von seinem Orte weggenommen
werden, wenn dem Thäter kein Unglück begegnen soll, wogegen es einst
einer Hausmagd, die es hübsch gesäubert, diesen Dienst mit einem alten
Thaler gelohnt hat.
Von den aus Stein gehauenen Bildern im alten Portal der Kirche wird
gesagt, daß dieselben ein alchemistisches Geheimnis bedeuten sollen,
und man zeigte auch das Gewölbe, in dem die Mönche Alchemie betrieben.
Ebenso sah man früher den Eingang zu der Höhle, durch welche die Mönche
unvermerkt aus dem Kloster und absonderlich in das Minoritenkloster
in der Stadt, bei welchem ein ähnlicher Gang unter der Erde gefunden
worden war, hätten kommen können.
699. Das zürnende Steinbild in Nossen.
(Alfred Moschkau in der ~Saxonia~ II, S. 107.)
Im Keller des Hauses dicht neben dem Gasthofe zum Stern am Markte in
Nossen soll ein altes, aus dem Kloster Altzella stammendes Steinbild
eingemauert sein. Vor ihm haben sich, des zürnenden Blickes wegen,
welches das Bild oft machte, die Dienstboten des Hauses so gefürchtet,
daß es erst ohnlängst verblendet werden mußte.
700. Der Frau-Mutterstuhl zu Oberforchheim.
(Gräße, Sagenschatz des K. Sachsen, 495.)
Auf dem alten Schlosse Oberforchheim am Haselbache, an der Straße von
Freiberg nach Annaberg, stand bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts
auf dem Oberboden in einer Kammer ein alter Großvaterstuhl, den hieß
man der Frau Mutter Stuhl und auf diesem lag eine hölzerne Statue, die
aber sehr stark vergoldet war, und ein kleines Männchen vorstellte.
Diese zwei Gegenstände kannte jedermann im Schlosse und im Dorfe, und
alle hatten eine gewisse heilige Scheu vor denselben, denn man sagte,
sie seien die Palladien des Rittergutes, und wenn jemand den Stuhl von
seiner Stelle rücke oder das Männchen angreife und in eine andere Lage
bringen wolle, der werde dafür schwer von demselben gezüchtigt. Da
diente um diese Zeit auf dem Hofe ein Knecht, der sich vor dem Teufel
nicht fürchtete und einst in seiner Vermessenheit sich gegen seine
Mitdiener rühmte, er wolle doch sehen, ob ihm etwas geschehen werde,
wenn er sich an dem Stuhle vergreife. Darauf ging er also hinauf, schob
den Stuhl weg und gab dem alten Männchen einen Backenstreich; allein
die Strafe blieb nicht aus, denn noch in derselben Nacht legte sich
dasselbe im Bette auf ihn als schwerer Alp und drückte ihn bis es Tag
wurde, in der nächsten litt es ihn ebenso wenig und in der dritten
warf es ihn gar aus dem Bette heraus. Nun ward er zwar ängstlich,
rückte auch den Stuhl wieder an seinen alten Platz, allein der Geist
war auf immer seiner alten Wohnung abhold, denn er zog auf und davon.
In den darauf folgenden Tagen brannte das ganze Rittergut ab, und so
viel man sich auch Mühe gab, den Stuhl und das Männchen zu retten,
das einstürzende Dach begrub beide unter seinen Trümmern und als man
dieselben abräumte, war nichts mehr von ihnen übrig.
701. Das Schächerhäusel bei Geyer.
(Grundig, Neue Versuche nützlicher Sammlungen etc., 1. Band,
Schneeberg, 1750, S. 31.)
An der Landstraße bei Geyer stand ehemals das sogenannte
Schächerhäusel, welches aus einem gemauerten Schwibbogen, so mit
Schindeln gedeckt und vornen mit Staketen verwahret war, bestand;
darin befanden sich drei Kreuzbilder. Dieses Schächerhäusel war wohl
ein Überbleibsel des Papsttums, doch erzählte man, es diene dazu, die
Reisenden vor dem Bergabgrunde, sowie vor Irrwischen und Berggeistern
zu warnen.
702. Die St. Blasiuskirche zu Niederzwönitz.
(Ziehnert, Sachsens Volkssagen, Anhang, No. 43.)
Diese kleine, nahe bei der Stadt Zwönitz gelegene Kirche, in welcher
nur noch bei Begräbnissen und wenigen Festtagen gepredigt wird, soll
ein Hufschmied aus Niederzwönitz zur Strafe getriebener Sodomiterei
haben erbauen müssen. Zum schmachvollen Gedächtnis des Gründers hängen
inwendig über der Thüre an einem Brette fünf vergoldete Hufeisen; fünf,
weil er sein Verbrechen fünf Jahre lang soll getrieben haben.
Hufeisen kommen oder kamen an und in vielen Kirchen, z. B. an der
Nikolaikirche zu Leipzig, in Nürnberg, Tangermünde etc., und zwar
besonders an den dem heil. Nikolaus geweihten vor und das Volk
verbindet damit verschiedene Sagen. So ist auch ein solches Eisen an
der Domkirche in Wexiö in Schweden aufgehangen; dasselbe soll Odhins
Roß Sleipnir verloren haben, als es beim ersten Geläute der ersten
christlichen Messe einen gewaltigen Schlag gegen einen Felsen führte.
Wo sich Hufeisen an und in den Kirchen finden, deuten sie vielleicht
auf einen einst an demselben Platze gestandenen Tempel Wuotans hin.
Die christlichen Bekehrer gestatteten, daß dieses Heilszeichen (nach
einem noch heute weitverbreiteten Glauben bringt ein gefundenes
Hufeisen Glück) dann an der Kirche aufgehangen wurde, um dem Volke
wenigstem etwas von dem gewohnten Kultus zu lassen.
In den Nikolaikirchen bezieht sich das Hufeisen auf den heiligen
Nikolaus selbst, der an die Stelle Odhins trat und als geharnischter
Reiter gedacht wurde. In anderen Kirchen zeigte dieses Eisen
vielleicht an, daß sich bei denselben eine Gesellschaft in »Not
und Tod« befand, welche die an der Pest Gestorbenen bestattete und
ihren Stifter, den Bischof Elegius, welchem das Hufeisen heilig
war, als ihren Schutzheiligen betrachtete. (Schäfer, Deutsche
Städtewahrzeichen, 1858, S. 23.)
703. Das wandernde Haus in Zinnwald.
(Ziehnert, Sachsens Volkssagen, 4. Aufl. Pros. Nachtrag, No. 2.)
In sächsisch Zinnwald steht (?), ohngefähr fünfzig Schritt von der
Grenze entfernt, ein kleines hölzernes, von einem Bergmanne bewohntes
Häuschen, an dessen hintern Deckbalken in der Stube folgender Vers
eingeschnitten ist:
Ich bin nun auf Sachsen Boden, Gott Lob,
weil mich mein Wirth, Hans Hirsch, aus Böhmen rüber schob.
1721.
In den Jahren 1716 bis 1728 wurden nämlich die protestantischen
Einwohner Böhmens ihrer Religion wegen hart verfolgt und sogar
gezwungen, entweder zur katholischen Kirche überzutreten oder das Land
zu verlassen. Wenige thaten das erstere, die meisten wanderten nach
Sachsen aus. Unter letzteren war auch ein Bergmann, mit Namen Hans
Hirsch. Er hielt fest an seinem Glauben und besann sich deshalb keinen
Augenblick, was er thun solle; aber sein Häuschen, welches ohnweit
der Grenze stand, hätte er gern mitgenommen. Darum beriet er sich mit
seinen Freunden und Gevattern und endlich hatten sie's erklügelt. Das
Häuschen ward auf Walzen gebracht und bei Nacht und Nebel glücklich
nach Sachsen herüber gepascht auf den Fleck, wo es jetzt noch steht.
Zum Andenken schnitt Hirsch obige Schrift in den Balken ein.
704. Die unterirdische Verbindung des Schlosses Wildenfels mit
benachbarten Schlössern.
(Mündlich.)
Es wird erzählt, das Schloß Wildenfels habe in alter Zeit durch
unterirdische Gänge mit Stein, sowie mit Wiesenburg, welches früher ein
Raubschloß gewesen sein soll, in Verbindung gestanden. Ebenso soll ein
Gang von dem Schlosse nach einer Burg geführt haben, deren Ruinen man
noch vor Jahren in der »Loh«, einem sumpfigen Walddistrikte bei Schönau
sah. Auf einen der Gänge ist man vor mehreren Jahren unter einem am
Teichplatze des Städtchens Wildenfels gelegenen Hause gestoßen; man hat
darin aber weiter nichts gefunden, als eine alte Grubenlampe.
705. Der Judenborn zu Sayda.
(Staberoh, Chronik der Stadt Oederan, 1847, S. 21; z. T. mündlich.)
Zum schnellen Anbau Oederans trug das nahe Freiberg mit seinem
Silbersegen sehr vieles bei. Besonders waren es Eisenarbeiter, deren
Arbeit und Erzeugnisse dem Bergbaue daselbst nötig waren, welche
Oederan im Anfange bevölkerten. Für die Oederaner Ansiedler wurde zu
dieser Zeit ein sogenannter Silberjude, der seine Wohnung im jetzigen
Rathause hatte, der Mäkler und Gläubiger. Denn er lieferte die
Silberstangen Freibergs größtenteils in das Oederaner Kloster, wo das
Silber geschlagen und nach Nürnberg und Böhmen verpascht wurde, woraus
man großen Gewinn zog und wobei man sich aber um die Unterstützung der
Bewohner sehr wenig kümmerte. Nun zogen jener Jude und einige Mönche
(es soll im Jahre 1236 gewesen sein) mit einem starken Silbertransport
über Sayda nach Böhmen. Die erbitterten Oederaner schlichen ihnen bis
Sayda nach, vereinigten sich dort mit den Bewohnern und besonders mit
der Besatzung des dortigen Schlosses, überfielen und plünderten die
ungetreuen Haushalter, schlugen den Juden tot und warfen ihn in einen
Brunnen, welcher deshalb der Judenbrunnen genannt wurde.
Noch zeigt man am Gasthofe zum Bade in Sayda den Judenbrunnen. Nach
einer anderen Überlieferung erinnert derselbe, ebenso wie eine Wiese,
welche der Judenkirchhof genannt wird, an die alte Judenvorstadt,
welche außerhalb der alten Stadtwälle etwas unterhalb des
Judenkirchhofes auf einer Wiese lag, die jetzt noch den Namen »Flecken«
trägt. Als im Jahre 1465 die Stadt abbrannte, wurde die Judenstadt
nicht wieder aufgebaut, weil man den Juden die Schuld an dem Brande
beimaß.
Man hat den Namen der Stadt und Burg Sayda (urkundl. ~Saydow~,
~Seydowe~) vom slavischen ~sid~, der Jude, Adj. ~sidowy~ abgeleitet.
Immisch (die slav. Ortsnamen im Erzgebirge, Programmarb., Annaberg,
1866) stimmt dem jedoch nicht bei, sondern hält die Ableitung vom
slav. ~sad~, die Anpflanzung, der Garten, für richtiger. Er meint,
daß vor den Juden die Slaven eine Ansiedelung gründeten, mit der Zeit
sei aber aus ~sadowy~, d. h. die zur Ansiedelung Gehörigen, ~saidow~,
~seidow~, ~Sidow~ geworden, welche letztere Form sehr gut wegen der
Ähnlichkeit mit ~Zidow~, Judenstadt, verwechselt werden konnte.
706. Der Mühlgrabenstollen bei Schloß Scharfenstein.
(Herm. Grimm, Das sächs. Erzgeb. Dresden, 1847, S. 299. Gießler, Sächs.
Volkssagen, Stolpen o. J., S. 591.)
Vom Fuße des Schloßberges Scharfenstein schiebt sich eine schmale,
niedrige, kaum 10 Meter hohe Felsenrippe weit in das Thal hinein. Durch
dieselbe wird die Zschopau genötigt, eine beinahe wieder zurücklaufende
Krümmung zu machen und das Thal im weitesten Bogen an seinem äußersten
Rande zu umkreisen. Bereits im 16. Jahrhunderte wurde ungefähr in der
Mitte dieser Felsenbank ein 30 Meter langer Stollen durch dieselbe
gebrochen, um das Flußwasser mit recht viel Fall zu der jetzt
Fiedler-Lechla'schen Spinnerei zu leiten. Im Jahre 1834 wurde derselbe
erweitert, was später noch einmal geschah.
Die Sage erzählt nun über die Entstehung dieses Stollens folgendes:
Nach dem dreißigjährigen Kriege trieben sich in den Wäldern
Scharfensteins wie anderwärts Räuber und Wildschützen, welche sich
meist aus den entlassenen Söldlingen rekrutierten, umher. Ein Herr von
Einsiedel, welchem Scharfenstein gehörte, beschloß den Wildschützen
mit aller Macht nachzugehen, um sein Gebiet von ihnen zu säubern, und
es gelang ihm auch endlich, zwei derselben gefangen zu nehmen. Es gab
damals noch eine furchtbare Strafe für die auf der That ertappten
Wilddiebe: das Hirschreiten. Der Schloßherr zögerte nicht, diese Strafe
auch über die beiden gefangenen Raubschützen verhängen zu lassen.
Dieselben sollten auf einen starken lebenden Hirsch, den man zu diesem
Behufe eingefangen hatte, gebunden und dann ihrem weiteren Schicksale
überlassen werden. Das war einen zehnfachen Tode gleich zu achten,
denn man hatte Beispiele, daß nach Tagen und Wochen die geängstigten
Tiere ihre schreckliche Last, zerfleischt und doch noch lebend mit sich
herumschleppten. Als den beiden Missethätern das Urteil verkündigt
worden war, erkannten sie sofort dessen furchtbare Bedeutung und sie
flehten um Gnade. Den älteren von ihnen durchzuckte ein rettender
Gedanke und er sprach zum Schloßbesitzer: »Gnädiger Herr, wir sind
Bergleute unserem Berufe nach, und in diesem Fache gar wohl erfahren.
Schon früher ist uns der Wunsch nahe gelegt worden, einen Stollen vom
Wasserspiegel der Zschopau aus zu treiben, damit eine Wassermühle im
Dorfe, an der es jetzt so sehr fehlt, angelegt werden könne. Erlaßt
uns nur die furchtbare Strafe des Hirschreitens, und zur Sühne unserer
Thaten machen wir uns anheischig, den besagten Stollen durch den hohen
Felsen in Zeit von drei Tagen und drei Nächten zu treiben und zwar nur
mit Schlägel und Eisen.« Der Schloßherr ging nach kurzer Überlegung
auf den Vorschlag ein, und die beiden Verurteilten begannen sofort
ihr schweres Werk. Es wurden ihnen Leute gestellt, welche die nötige
Handreichung thun mußten, und genau nach Verlauf der ausbedungnen Zeit
war der Stollen fertig. Die Wildschützen freilich waren vor Erschöpfung
dem Tode nahe; halb entseelt lagen sie neben dem Stolleneingange. Doch
erholten sie sich und der Ritter vom Scharfenstein hielt sein Wort und
schenkte ihnen Freiheit und Leben.
Erzählt wird, daß der berüchtigte Raubschütz Carl Stülpner, Ende des
18. Jahrhunderts, ein Nachkomme des einen der Begnadigten gewesen sein
soll.
707. Des Keglers Pflaster in Schneeberg.
(Meltzer, ~Hist. Schneebergensis~, S. 1008.)