Die Herren von Lüttichau werden als mehr denn 200jährige Besitzer der

bei Dippoldiswalde gelegenen Rittergüter Ober- und Nieder-Ulbersdorf,

sowie im Besitze von Stadt und Dorf Bärenstein, Hammerbärenklau, Groß-

und Kleinbörnchen und Walthersdorf angeführt.

488. Das Wappenschild der Schönburge.

(Dietrich und Textor, Die romant. Sagen des Erzgebirgs, I. S. 35 etc.)

In seiner Herrlichkeit saß Karl der Große eines Tages auf dem

Herrscherthrone zu Pavia, und alle seine Edlen standen um ihn im

weiten Kreise. »Zeigt mir Eure Wappenschilder,« sprach der hohe

Siegesfürst, »daß ich ihre Kleinode durch neue, auf die späte Nachwelt

forterbende Zeugnisse Eurer Thaten verherrlichen kann!« Da nahten sich

ihm die Großen seiner Reiche und er bestätigte die Kleinode in ihren

Wappenschildern oder fügte denselben neue bei. Jetzt fiel sein Blick

auf einen der jüngsten seiner Edlen. Einfach, ohne Kleinod war das

Silberschild des blonden jugendlichen Helden. »Schönburg!« sprach zu

ihm der große König, »auch Deine Thaten sah ich in dem letzten Kampfe,

auch Deiner Tapferkeit verdanke ich den Sieg; willst Du kein Kleinod in

das Wappenschild?« Da erwiderte der junge ritterliche Held: »Erhabener

Herr und König! Was ich that, war Pflicht, und ich focht bis jetzt

für Dich, ohne für Dich zu bluten. Lasse mir mein Wappenschild, rein

sei es in seiner Silberfarbe, der Unschuld und der Herzensreinheit

wahres Sinnbild für und für!« »Bescheidener Jüngling!« sagte darauf der

Kaiser, »Du sollst es so behalten, bis mit Deinem Blute sich's färbt

zu meiner Ehre. Sei immer, was Du warst, ein Ritter ohne Furcht und

Tadel, einfach und gut, tapfer und bescheiden, und das treue Vorbild

Deines künftigen Stammes! Die Tage des Ruhmes werden kommen!« Und sie

kamen. Noch einmal trat Wittekind, der Herzog der Sachsen, als Feind

gegen Kaiser Karl auf. Eine furchtbare Schlacht entbrannte; Karl

wurde umgangen, die Felsen im Rücken seines Heeres waren vom Feinde

besetzt, Steine hagelten nieder und entwurzelte Baumstämme rollten auf

die Streitenden herab. Da zerschmetterte ein Felsenstück Kaiser Karls

Schild und seine Brust war nun den Waffen der Feinde freigegeben. In

dieser Not erhob sich aus dem Leichenhaufen um ihn der Verwundeten

einer. Blässe deckte das schöne Angesicht und Blut floß aus der treuen

Brust. Er reichte dem Kaiser seinen Schild und sank ermattet wieder

nieder. Die Feinde staunten und meinten ein Wunder zu sehen, denn

sie hatten den gefallenen Helden an des Kaisers Seite erblickt und

zum Tode getroffen fallen sehen. Die Christen wurden mit neuem Mute

erfüllt und erfochten unter Karl einen glänzenden Sieg. Jetzt blickte

der Kaiser aufmerksam auf den Schild, welcher ihn errettete und er

rief: »Das ist Schönburgs Schild! Wo ist er, der ihn trug?« Man suchte

einen Toten und fand einen Schwerverwundeten. Derselbe schlug die Augen

auf, als Karl vor ihm stand und sprach: »Mein Herr und König!« Der

Kaiser aber sprach, nachdem er ihm die blasse Lippe geküßt: »Du hast

vollbracht, was Du gelobt! Dein König bin ich und Dein Freund!« Dann

berührte er mit dem Ring-, Mittel- und Zeigefinger seiner Rechten die

blutende Wunde und strich mit der Wunde reinem Blute zweimal über das

silberfarbene, herzförmige Wappenschild, so daß zwei rote Streifen des

edlen reinen, für Christentum, König und Vaterland vergossenen Blutes

es verherrlichten. »Schönburg! dies sei fortan Dein Zeichen, Dein Blut

das Wappenkleinod Deines Hauses!«

489. Woher das Wappen der Herren von Schönberg entstanden ist.

(Grünewald, Meißner Chronik I., Anhang S. 87. Gräße, Sagenschatz d. K.

Sachsen, No. 58.)

In einem alten handschriftlichen Wappenbuche findet sich folgende

Erklärung über den Ursprung des alten meißnischen und seit

Jahrhunderten auch im Erzgebirge, u. a. z. B. seit 1336 auf

Purschenstein angesessenen Geschlechtes der Schönberge. Es soll ein

Ritter aus dieser Familie einst ins gelobte Land gezogen und auf der

Jagd an einem Flusse, dessen morastige Ufer mit Schilf bedeckt waren,

von einem Löwen überfallen worden sein. Dem hat der tapfere Ritter

so zugesetzt, daß er verwundet und brüllend vor Schmerz sich in den

Schilfwald zurückzog; der Schönberg aber hat nicht abgelassen, sondern

ist ihm gefolgt und hat ihm hier den Todesstoß gegeben. Wie nun der

Löwe verendet und von ihm aus dem Moraste gezogen ward, da fand es

sich, daß er zur Hälfte mit Meerlinsen bedeckt war und grün aussah. Der

Ritter hat nun zum Andenken an diese Begebenheit in sein Wappen einen

kämpfenden Löwen, dessen Unterleib grün, der Oberleib aber rot ist,

aufgenommen.

490. Wie die Herren von Römer zu Zwickau zu ihrem Wappen gekommen sind.

(Gräße, Sagenschatz des K. Sachsen, Nr. 612.)

Ist um die Mitte des 15. Jahrhunderts ein Eseltreiber zu Zwickau in

der Mühle gewesen, dem hat einer Kuxwerk geschenkt, das erstlich

nicht viel getragen, also daß er es auch fahren lassen wollte, weil

er kein Vermögen hatte, es zu erhalten. Da nun die Bergleute Zubuße

haben wollten, haben sie ihn getröstet und gesagt: Gott der Herr

werde in Bälde einen großen Schatz aufthun, was auch kurz darauf

geschehen ist, also daß der Eseltreiber nicht allein bei diesem Kux

geblieben, sondern auch viele andere dazu gekauft, wodurch er mächtig

reich geworden, daß die Silberkuchen in seinem Hause wie Stücken Blei

nebeneinander gelegen und täglich auf Schleifen die Straße auf Zwickau

geführt wurden, davon dieselbige Straße bis auf den heutigen Tag die

Silberstraße genannt wird. Nun ist aber zu wissen, daß zu Zwickau zu

jener Zeit eine Münze gestanden hat und täglich gemünzt worden ist.

Weil aber das Silber damals zu viel gewesen, hat dieser Römer, so ein

kleines Männlein gewesen, zu sich gesagt: Wohl ist ein reicher Mann

auch wohl ein armer Mann, weil ich mein Silber nicht einmal gemünzt

haben kann! Darum ist er bei sich darüber zu Rat gegangen und hat

drei Lastwagen mit Silberkuchen beladen und beschlossen, dieselben

nach Nürnberg zu führen, wo ein sehr reicher Rat sein sollte. Als er

nun nicht weit von dieser Stadt, sind ihm etliche Kaufleute begegnet,

welche er gar einfältig gefragt, ob sich der Markt auch wohl anlasse.

Aber diese haben ihn verlacht und gesagt: Dieser alte Narr kömmt zu

Markte, da derselbe schon aus ist, er wird den Weg wieder nach Hause

zurückmachen müssen. Er hat das nicht groß gerechnet, sondern hat sein

Vorhaben dem Kämmerer angezeigt und gefragt, ob wohl ein ehrenweiser

und wohlweiser Rat ein Stück Geld für ein Stücklein Silbers, so einen

Zentner schwer, geben wolle. Da haben sie gesagt: Ja wohl, wenn nur das

Silber vorhanden und zwar des recht viel wäre. Darauf hat er gesagt, er

habe ein solches Stücklein, wenn sie es sehen wollten. Da antworteten

sie, er solle sie zufrieden lassen, wo er es denn hernehmen wolle?

Doch endlich auf sein Anhalten ist einer von ihnen mit ihm gegangen,

dem hat er ein Stücklein Silber gewiesen und nach der Probierung, als

jener gesehen, daß es gediegen Silber gewesen, hat er ihm noch ein

Stücklein gezeigt und gesagt, so ihm Geld dafür zugewogen werde, wolle

er es allda lassen. Da hat der Kämmerer gesagt: Ja Herr, wenn es mehr

wäre, so könnte es ein Rat der Stadt Nürnberg wohl thun! Darauf hat

er ihm die drei Wagen mit Silber beladen gezeigt und gesagt, er habe

dessen noch mehr. Darüber ist der Kämmerer sehr erschrocken und hat

nicht gewußt, wie er mit ihm daran sei, hat aber gesagt, er wolle es

den Herrn anzeigen. Nach diesem ist ihm für so viele Zentner Silbers,

als er gehabt, ebensoviel gemünztes Geld zugewogen, er von ihnen zu

Gaste geladen und herrlich traktiert und für einen gnädigen Herrn

tituliert und geehrt worden. Als er nun seine Ware losgeworden, ist er

wiederum mit seinen drei Wagen mit Geld beladen nach Zwickau gekommen.

Darauf hat aber Herzog Albrecht von Sachsen zu ihm geschickt, ob er

ihm auf seiner weiten Reise zum heiligen Grabe mit etlichen tausend

Gulden dienen könne, worauf er denn zurück gemeldet hat, dafern es

seiner fürstlichen Gnade gefällig, so wolle er selbst mit, welches denn

auch geschehen, und hat dieser Römer seinen Fürsten mit 150 Pferden

bis zum heiligen Grabe und dann wieder anheim freigehalten und endlich

quittiert, welche Reise ohne Zweifel eine stattliche Summe Geldes wird

gekostet haben. Darum ist er beim heiligen Grabe zum Ritter geschlagen

und er und die Seinen edel gemacht worden. Zum Zeugnis führen die

Römer, so in Zwickau wohnen, eine Eselspeitsche (nach anderen einen

Pilgerstab) im Wappen. Auch hat dieser Römer ein gewaltiges Haus am

Markte eine Gasse lang nach der Mulde zu, und das Kaufhaus am Markte

nebst dem Kornhause am Schlosse gebaut, das Kaufhaus dem Rate und das

Kornhaus dem Fürsten geschenkt, auch dem Rate noch viele andere Güter

geschenkt und sonst noch etliche tausend Gulden dazu geliehen, also

daß sie nur Söhnen seines Geschlechts, so diese in die Schule gehen

und studieren würden, von den Zinsen erhalten sollten, damit es ihren

Eltern nichts koste, sie möchten studieren, wo sie wollten.

491. Die Siebenschläfer.

(Grohmann, Sagen aus Böhmen, 1863. S. 23.)

Im Schloßberge von Teplitz sollen einige Ritter schon 700 Jahre lang

schlafen und heißen daher die Siebenschläfer. Wenn es einmal den

Deutschen schlecht gehen wird, werden die Ritter hervorkommen und ihnen

helfen. Das Bächlein am Fuße des Berges ist oft gelb gefärbt von dem

Urin der Pferde, die im Innern des Berges stehen, und auf dem Berge

liegen Steine, in denen die Hufe dieser Pferde abgedrückt sind. Früher

soll den Schloßberg eine Mauer umgeben haben; es ist aber davon nichts

mehr übrig, als das Thor, durch welches die Ritter aus- und einritten.

Bei diesem Thore soll in der Nacht von 12--1 Uhr ein großer, starker

Mann ohne Kopf umgehen.

Wenn statt des befruchtenden Regens, welchen der milde, segnende

Gott Wuotan mit seinen himmlischen Helden zur Erde niedersendete, in

den kalten Wintertagen Schnee niederfiel und Eis die Erde bedeckte,

da glaubte man, daß die Winterdämonen zur Herrschaft gelangt seien.

Wuotan hatte sich mit seinem Gefolge in den Wolkenberg, nach späteren

Anschauungen in das Innere eines wirklichen Berges zurückgezogen, um

hier zu schlafen oder verzaubert auf die Wiederkehr des Frühlings

zu warten. Später wurde Wuotan zu einem der Lieblingshelden unseres

Volks, der in einem Berge schlafend auf die Wiedergeburt des

deutschen Reiches harrt. So schläft nach der Sage Karl der Große

in dem Desenberge bei Warburg, Kaiser Heinrich der Vogelsteller im

Sudemerberge bei Goslar und Friedrich Barbarossa im Kyffhäuser. Bei

den Slaven ist es Swantewit, welcher mit seinen himmlischen Kriegern

die Stelle des germanischen Wuotan einnimmt, und auf ihn ist die Sage

der Böhmen vom Könige Wenzel und seinen Kriegern im Berge Blanick

zurückzuführen. -- Die Sage von den Siebenschläfern im Schloßberge

zu Teplitz erzählt zwar nichts von einem bestimmten Helden, der an

die Stelle Wuotans getreten ist, doch trägt sie ganz das Gepräge

der obengenannten Überlieferungen. Die im Berge schlafenden Ritter,

welche den deutschen in der Not helfen werden, sind das Gefolge

Wuotans, auf welchen vielleicht die Abdrücke der Hufe in den

Steinen und die gespenstische Erscheinung eines großen Mannes ohne

Kopf hindeuten. Hufeisen, später dem Teufel zugeschrieben, weisen

ursprünglich auf Odhins weißes Roß Sleipnir hin. Als der Gott einst

im wilden Ritte dahin sauste, flog von diesem Rosse eins der Eisen

ab und blieb an einem Felsen bei Wexiö hängen. Der Mann ohne Kopf

erinnert an den wilden Jäger, welcher in den Sagen an Wuotans Stelle

getreten ist. (Mannhardt a. a. O. S. 135.)

492. Die Türkenheide.

(Grohmann, Sagen aus Böhmen, 1863. S. 23.)

In der Nähe des Dorfes Kühnheide breitet sich ein Stück sumpfiges Land

aus, welches in der Gegend unter dem Namen Türkenheide bekannt ist.

Dieses sumpfige Land soll seinen Namen von einem Regimente Türken

haben, welche hier, als sie ins Gebirge dringen wollten, versunken

sind. In der Karwoche in der Nacht von Donnerstag auf Freitag sollen

sich dort blaue Flämmchen sehen lassen und türkische Musik und

Pferdegetrappe zu hören sein.

Es ist auffällig, daß die Sage den Namen Türkenheide von einem

versunkenen Regimente Türken herleitet, da doch Türken niemals in

jene Gegend gekommen sind. Hängt der Name vielleicht mit einer

Begebenheit, welche ~Dr.~ Joh. Pöschel (Eine erzgebirgische

Gelehrtenfamilie, Leipzig 1883, S. 150 etc.) erzählt, zusammen?

Darnach hielten 1632 die Kaiserlichen die Ausgänge der Pässe von

Preßnitz und Reitzenhain besetzt, die Bauern aber thaten sich

zusammen, vertrieben die Kaiserlichen aus den Schanzen und lauerten

ihnen auf, wenn sie mit Beute durchs Gebirge zogen. Der Anführer der

Bauern war der Amtsschösser von Grünhain, Friedrich +Türck+. Als nun

von allen Seiten Klagen über die Bauern beim General Gallas, welcher

um Freiberg lag, einliefen, schickte dieser wiederholt Kuriere

an Friedrich Türcken mit Warnungen und Drohungen und verlangte

Kontribution. Friedrich Türck wollte davon nichts wissen und ließ den

Kaiserlichen entbieten, er wollte ihnen Pestilenz, Pulver und Blei

und alle katholischen Steine aus dem Kloster Grünhain auf die Köpfe

geben. Dies konnte nicht ungestraft bleiben. Gallas entsandte 2000

Pferde mit zwanzig Standarten unter dem Obristen Kehreuß gegen die

Bauern ins Gebirge. Am 7. November kamen sie auch durch Kühnheide.

Von Friedrich Türck wird gerühmt, »er habe seine Bauern dermaßen

animirt und abgericht, daß sie frisch vorn Feind standen, keine

Gefahr scheuten und sich trefflich wehrten, sonderlich wenn er darbey

wahr vnd ihnen zusprach.« -- Es drängt sich die Vermutung auf, daß

die Türkenheide bei Kühnheide ihren Namen von jenem Bauernanführer

Friedrich Türck erhalten hat.

493. Die Korporallöcher bei Schönau.

(Chemnitzer Tageblatt, 1882. N. 17. 1. Beil.)

Auf der Rittergutsflur zu Schönau bei Chemnitz liegen seitwärts der

Bahn die sogenannten Korporallöcher, von denen die Sage geht, es sei

im letzten Schwedenkriege eine ganze Korporalschaft spurlos darin

versunken. Noch sollen sich zeitweilig die Ertrunkenen in verschiedenen

Gestalten daselbst sehen lassen, auch wird erzählt, daß die mit

weißlichem Wasser gefüllten Löcher mit dem Meere in Verbindung stehen.

IX.

Ortssagen.

Was in diesem letzten Abschnitte unter dem Begriffe der Ortssagen

zusammengefaßt wurde, besteht einerseits aus bloßen chronikalischen

Mitteilungen über Orte oder über Begebenheiten, welche sich an

bestimmte Plätze knüpfen. Diese Erzählungen, und dies gilt besonders

auch von einigen alten Gebräuchen, gehören demnach nicht dem

eigentlichen Sagengebiete an; doch möchte ich sie nach dem Vorgange

Carl Haupts in dessen Sagenbuche der Lausitz nicht unberücksichtigt

lassen, und zwar umsomehr nicht, als sich bei manchen derselben ein

schwacher Schimmer der dichterischen Gestaltungskraft des Volkes

zeigt. Andererseits haben einige dieser Ortssagen wieder etwas vom

mythischen Charakter an sich, so daß sie vielleicht auch in einer

der vorhergehenden Abteilungen, besonders bei den Wundersagen,

hätten untergebracht werden können. Hierhin gehören z. B. manche der

Mitteilungen über die Gründung von Ortschaften und die Entdeckung

reicher Erzgänge. Häufig hat die dichterische Phantasie des Volkes die

Namen von Orten, Bergen und Felsen, sowie von Ortssiegeln und Wappen

erfaßt, und solche Überlieferungen mußten deshalb in diesem Abschnitte,

ebenso wie diejenigen von den Wahrzeichen der Städte, eine Stelle

finden. Letztere können bloße Zeichen der Gewahrsame d. h. Umgrenzung

der Orte, oder Symbole der Bürgerschaft und mißverstandene Wappen

und Bilder sein; oder sie sind auch nur Andenken einer Sache, Sitte,

oder Begebenheit aus früherer Zeit. Verwandt mit solchen Wahrzeichen

sind alle die sprichwörtlichen Redensarten und Scherze, welche sich

auf die Lage oder Eigentümlichkeit eines Ortes oder den Charakter und

die Beschäftigung seiner Bewohner beziehen; manche derselben müssen

auch auf eine bestimmte Begebenheit oder die That eines Einzelnen

zurückgeführt werden. Anhangsweise wurden den sprichwörtlichen

Redensarten auch eigentliche Sprichwörter (und Rätsel) beigefügt,

insofern dieselben der Beschäftigung der Bewohner oder gewissen

Beobachtungen an denselben entsprungen sind.

494. Entdeckung der Freiberger Silbererze.

(Petrus Albinus, Meißnische Bergk-Chronika. Dreßden, 1590. S. 10.)

Auf eine Zeit ist ein Goslarischer, oder wie etliche bloß setzen,

sonst ein sächsischer Fuhrmann zu Hall durchgefahren und hat Salz ins

Land zu Böhmen führen wollen, weil dasselbe Land auf den heutigen Tag

aller Ding die Fülle, allein kein Salz hat. Dieser Salzführer, als er

fast an die Grenzen des böhmischen Gebirges, gleich um die Gegend, da

jetzo Freiberg stehet, kommen, hat er ohngefähr ein Geschiebe von einem

gediegenen Glanz oder Bleierz in einem Wagengleis gefunden, dasselbe,

weil es schön gleißende und schwer gewesen, auf den Wagen geworfen und

im Wiederkehren mit sich gen Goslar gebracht. Daselbst, nachdem es von

den Bergleuten probiert und im Silber viel reicher als der Goslarische

Glanz und Bleischweif befunden worden, haben sich die Sachsen alsbald

aufgemacht, sind dahin auf Nachrichtung des Fuhrmannes gezogen, da er

das Geschiebe gefunden hatte, haben Gänge ausgerichtet, eingeschlagen

und geschürft, und da es ein gut Ansehen genommen, folgend getrost

Kübel und Seil eingeworfen, in Eil etliche Röschen getrieben, damit sie

die Gebirge etwas verstollet, und das Wasser verschroten, auf daß sie

ohne Hindernis bauen mögen, und haben also in Summa die Sachsen das

Bergwerk im Lande Meißen rechtschaffen rege gemacht.

495. Der Anfang der Stadt Freiberg.

(Moller, ~Theatrum Freibergense Chronicum~. II. 1653, S. 3.)

Im Jahre 1169 hat der Bergmeister mit den Bergleuten auf dem Zellerfeld

in Sachsen, verschiedener Unbilligkeiten wegen, die ihnen widerfahren,

einen Aufstand gemacht und hat sich dann mit den Bergleuten nach

Meißen zum neuen Bergwerk, welches bereits in hohen Ruf gekommen war,

begeben. Zwei Jahre darauf aber haben die eingewanderten Sachsen das

Dorf Christiansdorf am jetzigen Münzbach im Baue gebessert und also

zugerichtet, daß es einer neuen Stadt glich, wie auch hernach dieser

Ort die Sachsenstadt genannt wurde. Etliche rechnen deshalb den Anfang

der Stadt Freiberg vom Jahre 1171 an.

Die Entdeckung der reichen Freiberger Silbergänge erfolgte

wahrscheinlich zwischen 1162 und 1170. Nach Aufzeichnungen des

Klosters Zelle vom Ende des 13. Jahrh. wurde die Stadt Freiberg im

Jahre 1181 gegründet; wahrscheinlich aber fällt die Gründung zwischen

die Jahre 1185 und 1190. Urkundlich wird der Freiberger Bergbau

zuerst 1185 erwähnt. (Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und

Kunstdenkmäler des K. Sachsen, III. S. 8.)

496. Die Stellen, wo in Freiberg das erste Bergwerk fündig wurde.

(Benseler, Berggeschichten vom Aufkommen des sächs. Silberbergbaues.

Freiberg, o. J. S. 12.)

Wo das Rathaus in Freiberg steht, soll der erste Silberfund

geschehen sein, und in einem Kreuze, welches in einer Ecke desselben

eingemauert ist, soll man noch heute die erste Art Freiberger Erze

sehen. Gegenüber an der Ecke der Petersstraße, da, wo das Bild des

Bergmannes an dem Hause steht, soll sich die erste Zeche befunden

haben. Die bedeutenderen älteren Gruben waren im alten Loßnitz- oder

Münzbachthale. In Christiansdorf, welches seinen Anfang in der Nähe vom

Vorwerk Langerinne nahm und sich bis an die Loßnitz erstreckte, war

eine sehr alte Grube der Stubenberg, von dem erzählt wird, daß eine

Köchin aus dem Kloster Zelle das erste Grubengebäude hier gebaut habe

und sehr reich davon geworden sei.

497. Ursprung der Bergwerke bei Nossen.

(Ursprung der Bergwerke in Sachsen. Chemnitz, 1764. S. 110.)

Es wird erzählt, daß die Bergwerke an der Mulde gegen Nossen lange vor

den Freiberger Silbergruben gangbar gewesen seien. Das Gersdorfische

Bergwerk soll unter diesen das älteste und bei folgender Gelegenheit

aufgekommen sein. Im Jahre 733, am Tage Simonis und Judä, hätte ein

Mönch, der Kappenmönch genannt, einen auf der alten, jetzt gänzlich

verfallenen Wunderburg bei Roßwein gesessenen Räuber, mit Namen Martin

Griechen, besuchet. Darauf habe ihn letzterer nebst seiner Buhlerin,

welche Gertraut geheißen, beim Abschiede ein Stück Weges begleitet,

bei welcher Gelegenheit sie unterwegs reiche Erze entdeckt hätten.

Der Mönch habe infolgedessen seine Kutte für immer abgelegt und der

Räuber von seinem Räuberhandwerk gelassen. Dafür hätten sie ein

Bergwerk angelegt und reichhaltige Erze gefunden und nun an dem Orte

einen Flecken gegründet, den sie nach des ehemaligen Räubers Buhlerin

Gertraut Gersdorf benannt hätten. Das Bergwerk wäre hierauf bis zum

Jahre 887 angebauet worden, von dieser Zeit an aber zwei Jahre lang,

einer sich entsponnenen Räuberei halber, liegen geblieben, mit welchem

Schicksale auch ein anderes Bergwerk, der Goppisch genannt, dessen

Lage man nicht mehr wüßte, heimgesucht worden. Nach einer anderweiten

Niederlage von drei Jahren, wovon die eigentliche Zeit nicht angegeben

werden könnte, hätte man endlich angefangen, zu Erzdorf ein ganz neues

Bergwerk vorzurichten, wozu bei Ermangelung der Bergarbeiter ein jeder

Bauer zwei Leute schicken müssen, und wäre das Bergamt damals auf dem

jetzigen Schafhofe gewesen.

498. Entdeckung der Silbererze des Schneeberges.

(Albinus, Meißnische Bergk-Chronica etc. Dreßden, 1590. S. 28. Meltzer,

~Hist. Schneeberg.~, S. 33--35.)

Es hat sich von ungefähr zugetragen, daß ein Bergmann oder Arbeiter,

welcher zu dem in Schlema vor Zeiten befindlichen Hammer gehörte,

nach Eisenstein schürfte. Dabei kam er auch an den Schneeberg, wo er

einen besseren Eisenstein zu finden vermeinte, als er am Wolfsberge,

Hasenberge und anderen Orten gefunden hatte. Als er nun etliche Schürfe

geworfen, wobei es ihm aber nach seinem Sinne nicht gegangen, hat sich

nicht lange darnach an dem Orte, wo später die St. Georgenzeche und die

zugehörenden, als die alte und neue Fundgrube u. s. w. aufkamen, ein

Bürger von Zwickau (die Sage nennt ihn Romner oder Römer), welcher mit

einer Würzlade auf dem Lande umherging und sich dadurch seine Nahrung

suchte, in einem alten Schurf, darin eine schöne Gilb und Bräun alsbald

in der Dammerde gewesen, eingelegt und zwei Arbeiter daselbst gehalten,

denen er alle vier Wochen abgelohnt, und unterdeß alleweg mit seinem

Kram wieder ausgelaufen. Bald nachher ließ er einen Schacht sinken, und

die Arbeiter trafen endlich eine »gänßkötige« Bergart, samt einer Bräun

und Gilben, welche der ersten Bergart im Schurf ähnlich war, wovon sie

ihrem Herrn an dem Lohntage etliche Handsteine nach Zwickau brachten.

Derselbe ließ sie bei einem Goldschmiede probieren und erhielt darauf

die Antwort, wenn er dieses Dinges noch mehr habe, solle er's ihm

bringen, er wolle ihm schöne silberne Becher daraus machen. Dieses soll

ungefähr im Jahr 1470 geschehen sein. Nach dieser Zeit sollen sich

bald mehr Bürger von Zwickau und von anderen Orten, edel und unedel,

zusammengeschlagen, fortgebauet und endlich ein mächtig Erz angetroffen

haben. Im Jahre 1472 hat man allererst den rechten Putzen, wie die

Bergleute reden, angetroffen, worauf das Schneebergische Bergwerk so in

Schwank gekommen, daß seinesgleichen nie gewesen, also daß man damals

das Silber nicht alles vermünzen können, sondern kuchenweise oder in

ganzen »Plicken« hat austeilen müssen.

Sagenbuch des Erzgebirges · 第 42 / 62 段