An der östlichen Außenseite der Kirche zu Schlettau befindet sich

etwa 8 Ellen von der Erde ein Stein in der Mauer, der angeblich, ohne

von Menschenhänden bearbeitet zu sein, einem Mönchgesichte täuschend

ähnlich ist. Das Volk erzählt sich von demselben folgende wunderbare

Geschichte: Um das Jahr 1520 war Johannes Küttner (oder Kottne), ein

Bruder des Grünhainer Abtes Georg Küttner, Pfarrer zu Schlettau. Da

begab es sich, daß einst in stiller Mitternacht, als dieser noch

eifrig in den Kirchenvätern studierte, ein bleicher Schatten vor ihn

hintrat und also sprach: »Fürchte Dich nicht, ich bin der Geist eines

Deiner Vorgänger, der vor nunmehr 100 Jahren, als die Hussiten in der

Nähe waren, ein silbernes Crucifix um Mitternacht in die Kirchmauer

vergrub, wo es noch ist; ich ward am nächsten Morgen von den wilden

Ketzern erschlagen und bin jetzt gekommen, um Dich aufzufordern, das

heilige Kreuz wieder an seinen frühern Ort auf den Altar zu stellen;

Du wirst den Fleck, wo es vermauert ist, leicht erkennen, denn es wird

sich Deinem Auge ein Lichtschein zeigen und da, wo derselbe erglänzt,

schlage ein, und Du wirst es sogleich entdecken!« Damit verschwand der

Geist, der fromme Pfarrer aber eilte in die Kapelle, wo der Sakristan

ihn bereits zur Messe erwartete. Diesem teilte er das Erlebte mit und

hieß ihn am folgenden Mittag mit Hammer und Spitzhaue zur Hand sein,

um das Crucifix aus seinem Verstecke herauszunehmen. Kaum war aber der

Pfarrer wieder weggegangen, da versuchte der Böse das dem Geize an sich

schon zugewendete Herz des Sakristans, er beschloß auf der Stelle den

Versuch zu machen, das Crucifix zu entdecken, den Raub auf die Seite zu

schaffen und dann den Fleck möglichst gut wieder auszubessern, damit

man von dem geschehenen Diebstahl nichts gewahren möge. Nach kurzem

Suchen fand er auch das Lichtlein, und als er an der Stelle, die hohl

klang, einschlug, blinkte ihm auch das Silber entgegen; allein er hatte

bei dem Schlage das eherne Bildnis des Heilandes mit zerschlagen.

Da fuhr auf einmal ein Donnerschlag vom Himmel herab und die

Kirchenglocken fingen von selbst an Sturm zu läuten. Der Pfarrer fuhr

aus dem Schlummer empor, er eilte herab und fand schon eine Menge Volk

um die Kirche versammelt, weil man glaubte, dieselbe stehe in Flammen.

Als die Thüren geöffnet wurden, fand man dieselbe zwar ganz hell, aber

nirgends sah man Feuer, wohl aber lag der Tempelräuber zerschmettert

neben dem herabgestürzten Crucifix am Boden, doch war sein Kopf vom

Rumpf wie abgehauen, und als man nach demselben suchte, fand man ihn an

derselben Stelle in der Mauer, wo das Crucifix eingemauert gewesen war.

Der tiefbetrübte Pfarrer ließ nun das zerschlagene Bild des Heilands

aus seinen Trümmern zusammensuchen, den Körper des Verbrechers aus der

Kirche fortschaffen und befahl, den Kopf desselben nach Morgen zu in

der Mauer zum ewigen Gedächtnis einzumauern. Als aber der Tag anbrach,

da sah man das bleiche Gesicht des Sakristans von selbst zum Stein

geworden aus der Mauer heraussehen, und dort steht es noch, denn es

läßt sich weder übertünchen noch vermauern, ja man erzählt, daß es oft

Thränen vergieße und allemal, wenn dem Städtchen Gefahren drohen, in

gelbem Lichte leuchte.

461. Die Totenhand in Buchholz.

(Nach Ziehnert, Sachsens Volkssagen, 4. Auflage, Nr. 53 bei Gräße,

Sagenschatz etc., Nr. 521.)

Als im Jahre 1730 der Totengräber auf dem Kirchhofe zu Buchholz

ein Grab machen wollte, fand er im Sande noch eine ganz unverweste

Totenhand, der aber der Gold- und kleine Finger wie abgehackt waren.

Er zeigte dieselbe dem Pastor Melzer daselbst und dieser schlug

nun im Kirchenbuche nach, wem dieselbe gehört haben möge, da er

sich erinnerte, daß schon am 14. Juni des Jahres 1704 ihm von dem

damaligen Totengräber dieselbe Meldung gemacht worden sei, er aber

demselben den Bescheid gegeben, die Hand wieder einzuscharren, weil

sie wahrscheinlich an einer Wasserkluft gelegen und deshalb nicht

habe verwesen können. Jetzt fand sich's, daß die Hand dem im Jahre

1669 begrabenen Sohne des Stadtrichters von Buchholz, Andreas Müller,

gehörte, der, weil er seine alte Mutter, die er bestohlen und die ihm

den Diebstahl vorgeworfen, gemißhandelt und mit Ermordung bedroht, von

dieser verflucht worden war. Dadurch war denn jene alte Sage bewiesen,

daß dem, der sich an seinen Eltern vergeht, die Hand aus dem Grabe

wächst.

Auch Temme erzählt in den Sagen der Altmark (Nr. 56.) von einem

ungeratenen Sohne im Dorfe Groß-Redensleben, welcher seinen Vater

schlug, als ihn derselbe wegen seines sündhaften Wandels ermahnte.

Darauf ereilte den Sohn sogleich die Strafe des Himmels; er stürzte

tot nieder. Als man ihn aber begrub, wuchs seine eine Hand aus

dem Grabe heraus und man mußte sie abhauen, da sie sich nicht mit

vergraben ließ. Zur Erinnerung wurde sie in der Kirche aufgehangen

und darüber an einer schwarzen Tafel folgendes geschrieben:

Sieh, sieh Du böses Kind,

Was man hier merklich find't,

Eine Hand, die nicht verwest,

Weil der, deß sie gewest,

War ein ungeratenes Kind,

Wie man auch jetzt noch find't.

Den Vater schlug der Sohn,

Drum hat er dies zum Lohn,

Daß hier hängt seine Hand;

Hüt' Dich für solche Schand'.

462. Der Doppelgänger zu Wiesenthal.

(Flader, Wiesenthalisches Ehrengedächtniß, 1719, S. 108. Darnach Gräße,

Sagenschatz d. K. S., Nr. 500.)

Im Jahre 1709 ist ein kurfürstlicher Geleitseinnehmer, mit Namen A.

L., in gewissen Angelegenheiten verreist; da er nun wenigstens zwanzig

Meilen entfernt ist, so sieht sein damaliges Hausmädchen, da sie am

Abend gegen 5 Uhr von ihrer Frau in ihre Schlafkammer geschickt wird,

ihn von ohngefähr in seinem Bette liegen und meint, er sei ohne ihr

Wissen nach Hause zurückgekehrt. Sie fragte also die Frau: »Ist der

Herr nach Hause gekommen?« Diese antwortet aber: »Du wirst ihn ja

sehen.« Daher hat sie sich weiter nicht darum gekümmert. Nachdem nun

die Frau selbst des Nachts gegen 12 Uhr schlafen geht, erblickt diese

ihn ebenfalls in ihrem Bette, da er sich denn gerührt, daß es davon

geknistert und das Bett ein wenig von sich geschlagen. Welches sie

bewegt, daß sie unten um das Bett herumgegangen und ihn angeredet hat:

»Ei, mein Kind, wie bist Du denn hier? Hast Du mich doch erschreckt!«

Da er denn die Beine hinausgeschlagen, aus dem Bette gefahren und unter

das Dach, so sich in der Schlafkammer findet, gekrochen, auch daselbst

plötzlich verschwunden ist. Die Frau hat sich nun zwar ins Bett gelegt,

aber vor großem Schreck die ganze Nacht nicht schlafen können, weil sie

nicht gewußt, wie es zugehe, daß sie ihren Mann, der so viele Meilen

entfernt war, habe sehen können. Sie hat aber fleißig gebetet, der Herr

wolle sie vor Anfechtung bewahren. Als ihr Mann nun wieder nach Hause

gekommen, hat er erzählt, er sei an jenem Tage gerade bei einem Jäger

gewesen, der ihn sehr wohl traktiert und mit Braten, Kuchen und Wein

bestens bewirtet, da habe er immer an seine Frau gedacht und gewünscht,

daß sie solches auch mit genießen möge.

463. Arndts Paradiesgärtlein ist unverbrennlich.

(~Curiosa Saxon.~, 1738, S. 269. Darnach Gräße, Sagenschatz d. K.

Sachsen, Nr. 229.)

Als Gott am heiligen Abende vor dem Johannistage des Jahres 1738

Tuttendorf bei Freiberg mit einem heftigen Donnerwetter heimsuchte

und der Strahl des Bergmanns J. D. Schieffels Wohnhaus im Oberdorfe

entzündete, hat zwar die wütende Feuersglut alles verzehrt, allein alle

im Hause befindliche Personen sind mit dem Leben davon gekommen, und

was das Sonderbarste ist, die schon zu mehreren Malen über ~Dr.~ Joh.

Arndts berühmtes Gebetbuch, Paradiesgärtlein betitelt, in Feuersgefahr

waltende Fürsorge Gottes hat sich auch hier wiederum bethätigt. Denn

da sich unter dem geistlichen Büchervorrat dieser armen Verunglückten

auch gedachtes Buch in der von Chr. Weinmann, Buchhändler zu Erfurt, in

länglich Duodez 1725 besorgten Auflage befunden, so hat man dasselbe am

anderen Tage unter der Asche dergestalt angetroffen, daß, obwohl der

Einband desselben gänzlich zu Kohlen verbrannt, dennoch kein Buchstabe

in dem Buche selbst verletzt war, sondern dasselbe ganz unversehrt

im Feuer geblieben ist. Es ist solches dem Pastor des Ortes von den

Abgebrannten zum ewigen Andenken überlassen worden, bei dem man es noch

lange hat sehen können.

464. Das Meteoreisen in Elbogen.

(I. Erzgebirgs-Zeitung, 1. Jahrg., S. 168. II. Die Natur von Müller,

1878, Nr. 45.)

I. Es war seinerzeit in Elbogen ein Burggraf von Wülfenfels unter

der Oberherrschaft der Rohenburger als berüchtigter, mordlustiger

und raubgieriger Burgherr und wegen seiner grausamen Handlungen

gefürchtet und bekannt. Seine Leibeigenen pflegte er oft ohne

besonderen Anlaß in den Sprudel-Teufelsweiher zu werfen, um sie zu

versteinern. Als er sogar seine eigene Tochter im Burghofe anketten

ließ und im Begriff war, den Todespfeil auf sie zu schleudern, da

grollte plötzlich der Himmel, ein Donnerschlag ertönte und ein Blitz

lähmte seinen Arm. Das Kind war gerettet, denn soeben hielt der

edle Rohburger seinen Einzug in Elbogen. Da ihm Mitteilung von den

Schandthaten des Burgherrn gemacht wurde, befahl er, denselben sofort

festzunehmen und zu züchtigen. Wülfenfels, der dies hörte, verschwand.

Das letztemal sah man ihn mit drohenden Gebärden, seine Armbrust

gegen den Himmel haltend, auf dem Schloßbalkon stehen und hörte ihn

lästern über den Donner und Blitz, die Schuld trugen, daß sein Kind

noch lebte. Vergeblich suchte man nach ihm; doch bald sollte sich das

Ganze aufklären; am Balkon fand man einen großen, zur Eisenschlacke

zusammengeschmolzenen Stein, mit den Resten einer halbverbrannten

Armbrust auf einem Klumpen liegen. Der Markgraf ließ diesen Stein

im Schlosse aufbewahren; die Franzosen aber warfen ihn bei ihren

Kriegszügen im Jahre 1776 in den tiefen Schloßbrunnen, aus dem er

später wieder herausgehoben wurde, um auf das Rathaus gebracht zu

werden. Dieser Stein, von den Naturforschern als Meteor bezeichnet,

war ursprünglich 192 Pfund schwer; ein Teil davon kam in das

Naturalienkabinet nach Wien, ein Teil in jenes nach Prag, und der Rest

im Gewichte von 43 Pfund wird auf dem Rathause zu Elbogen vorgezeigt.

II. Auf dem Schlosse zu Elbogen lebte vor Jahrhunderten ein böser

Burggraf, welcher seine Unterthanen hart drückte. Einst läutete

derselbe während eines Gewitters eigenhändig auf dem Turme die Glocke,

um damit seine Leute zum Frohndienste zusammenzurufen. Da schlug

plötzlich der Blitz ein und schmolz den Grafen und die Glocke in einen

Guß zusammen. Das ist nun jener Eisenklumpen, von welchem man noch

heute in der Stadt einen Teil zeigt. Man hat die Masse schon oft in

einen Brunnen versenkt, aber immer ist dieselbe von selbst wieder

herausgekommen. Sie soll bald zentnerschwer, bald ganz leicht sein,

letzteres aber nur für Menschen, welche noch nicht gesündigt haben.

465. Der Köhler von Klingenthal.

(Metrisch von Hager, Vogtl. Volkssagen, 1839, II., S. 13. Darnach bei

Gräße a. a. O., Nr. 640.)

Vom Kirchhofe zu Klingenthal bis an den naheliegenden Wald geht jede

Nacht um die zwölfte Stunde ein gespenstiger Schatten, eine Leuchte in

der Hand. Das Volk erzählt sich hierüber folgende Geschichte: Es soll

einst in Klingenthal ein Köhler gewohnt haben, der jede Nacht von der

Seite seiner getreuen Hausfrau aufstand, um angeblich im Walde nach

seinem Meiler zu sehen. Die wahre Ursache war aber, daß er im Busche zu

einer dort wohnenden Concubine schlich. Einst ging er auch in finsterer

Nacht, die Leuchte in der Hand, den wohlbekannten Weg, da folgte

ihm sein Weib, das er schlafend glaubte, und warf ihm geradezu sein

Vergehen vor. Er wollte es zwar anfangs leugnen, aber bald gab ein Wort

das andere, er ward heftig, schlug seine rechtschaffene Frau nieder

und begab sich zu seinem Kebsweibe. Als er mit diesem im besten Kosen

begriffen war, öffnete sich plötzlich die Thür und sein Weib stürzte

herein und traf die Schuldigen auf offner That. Jetzt halfen keine

Verstellungen mehr, er mißhandelte sie abermals und warf sie zur Thür

hinaus mit der Drohung, sie in den brennenden Meiler zu schleudern,

wenn sie ihm wieder zu nahe komme. Sie aber verfluchte ihn und rief:

»Der Meiler werde Dir selbst zum Grab, mögest Du lebendig verbrennen!«

Des lachte der Köhler; als er aber nach seiner Gewohnheit den Meiler

erklomm, um sich umzuschauen, stürzte dieser plötzlich zusammen und der

Frevler versank in seinen feurigen Schlund.

466. Vom flinken Knecht zu Rechenberg.

(Gießler, Sächs. Volkssagen, Stolpen o. J., S. 289.)

An der südlichen Grenze des meißnischen Erzgebirges lebte vor alter

Zeit ein wohledler Ritter, mit Namen Kurt von Rechenberg, auf seinem

Stammschlosse Rechenberg an der Mulde, von welchem sich noch jetzt

Ruinen auf einem Felskegel am rechten Thalgehänge inmitten des

freundlichen Fleckens Rechenberg vorfinden.

Hochbegütert und vom Glanze einer zahlreichen Dienerschaft umgeben,

lebte der fromme Edelmann gar glückliche Tage dahin. Seine Diener hielt

er gleich eigenen Kindern wert, und er wurde darum von allen auch

wieder geliebt wie ein Vater.

Da geschah es eines Tages, daß ein junger, dürftig gekleideter Bursche

aus fremden Landen zum Ritter kam und ihm seine Dienste anbot. Das

treuherzige Wesen des jungen Mannes, der erzählte, wie viel Elend er

schon habe ertragen müssen, gefiel dem Herrn von Rechenberg und er nahm

ihn in seinen Dienst.

Georg -- so hieß der junge Bursche -- war munter und flink auf den

Füßen, er flog gleichsam wie ein Pfeil, wenn ihn sein Herr irgendwo

hinsandte, und seiner thätigen, willfährigen und geschickten Hand

glückte alles wunderbar, ja, es schien ordentlich, als wenn ein

besonderer Segen auf seinem Thun ruhte. Ein außerordentliches Ereignis

sollte seine Verdienste um das Haus Rechenberg noch mehr ins Licht

stellen.

Einst versetzten Flüchtlinge aus der nahen böhmischen Pflege die

Bewohner der Burg Rechenberg in lebhafte Aufregung, denn sie meldeten,

daß einige bekannte böhmische Raubritter mit ihren Mannen sich der

Grenze näherten und mordend und sengend das Land verwüsteten. Darüber

ward Kurt von Rechenberg sehr betrübt und er beschloß nach Rücksprache

mit seinem Vogte einen Kundschafter auszusenden, um zu erfahren, wie

stark die Zahl der Feinde sei. Niemand erschien ihm dazu geeigneter

als sein flinker Diener Georg. Derselbe dankte für den ihn ehrenden

Auftrag und wenige Minuten später jagte er auf flüchtigem Rosse hinaus

zum Burgthore, dem Feinde entgegen. Bereits am andern Morgen kehrte der

Knappe in das Schloß zurück. Zum Erstaunen der Burgbewohner befanden

sich zwei gefüllte Säcke, einer hinten und einer vorn, auf dem Gaule.

Ritter Kurt stand unter dem Thor, und befremdet wegen des seltsamen

Aufzuges fragte er: »Was klirrt denn so um Deinen Sattel?« Georg

antwortete wohlgemut: »Seid getrost, Herr Ritter, alles hat gute Wege.

Das sind Hufeisen, die ich den Pferden abgerissen habe, während die

Feinde schliefen. Vorsichtig und dennoch sonder Hast eilte ich den

Raubgesellen entgegen, immer der Grenze entlang, bis ich sie in der

Nähe des Dorfes Einsiedel erblickte. Es war schon finstere Nacht und

alle hatten sich sorglos dem Schlafe überlassen. Deshalb machte ich

mich unverweilt an die Arbeit und glaube damit unsern Feinden einen

recht üblen guten Morgen geboten zu haben, denn ohne Hufeisen sind die

Spitzbuben nicht imstande, die Gebirgspfade zu bereiten, und noch viel

weniger möchte es gelingen, hier herum so viel Eisen aufzutreiben, als

ihnen fehlen. Damit ihr aber, gestrenger Herr, die Anzahl der Feinde

schätzen möget, bracht' ich die Eisen gleich mit, da die Dunkelheit

der Nacht mich hinderte, die Feinde zu überzählen. Nun ist es wohl

mit uns bestellt, und ruhig können wir uns rüsten, bevor sie sich uns

nahen.« Der Burgherr lächelte zufrieden und sagte: »Du bist, traun,

ein seltsamer, aber vortrefflicher Bursche!« Dann setzte er, zu dem

Vogte gewendet, hinzu: »Entweder war das Begebnis ein Wunder, oder der

Knecht Georg ist verwegen bis zur Tollkühnheit. Nun, wir wollen die

Raubgesellen gehörig empfangen!«

Die Worte Georgs erfüllten sich; die Feinde nahten erst, nachdem alle

Vorbereitungen zu deren nachdrücklichem Empfange getroffen waren. Sie

wurden über die Grenze zurückgetrieben und dabei zeichnete sich Georg

durch persönliche Tapferkeit aus, so daß er sich noch mehr die Liebe

seines Herrn gewann.

Später zeigte sich die Treue und Liebe Georgs noch auf eine andere Art.

Sein Herr gab ihm einst ein Schreiben, welches nach dem Rittersitze

Grünau bei Marienberg bestimmt war, mit dem Bemerken, bei der

Bestellung zu eilen, dieweil es Not habe, der Ort, wohin der Brief

solle, fern liege und die Sonne schon tief stehe. Georg versprachs und

rühmte sich, die drei Meilen bis nach dem Orte Grünau mit der Schnelle

eines Vogels zurücklegen zu wollen. Nach Verlauf einer Stunde aber

kam der Ritter von ungefähr in den Stall. Wie erstaunte er da, als er

seinen Knecht, den er weit fort glaubte, in einer Ecke des Stalles,

auf Stroh gebettet, sanft schlafend fand. Da ward der Ritter unwillig

und weckte den Knecht auf, indem seine Augen in aufsteigendem Zorne

funkelten, doch bezwang er sich, denn sein Herz war gut und sein Gemüt

lauter und fromm. Erschrocken vor seines Herrn plötzlicher Umwandlung

fuhr Georg auf und sprach: »Da, lieber Herr, -- o zürnt mir nur nicht!

-- da ist ja schon die Antwort!« Unter diesen Worten überreichte er

das Gegenschreiben. »Bei allen Heiligen!« rief der Ritter aus, dessen

Angesicht erbleicht war, »es ist die Wahrheit! Sage, Georg, wie wäre

das wohl möglich? Du müßtest schneller als der Sturm, flüchtiger als

der Raubvogel gewesen sein, um das zu vollbringen. Du warst also

wirklich in Grünau?« Und als Georg diese Frage bejahte, verfinsterten

sich des frommen Rechenbergers Züge; mit stillem Grausen erbrach er

zitternd das Schreiben und taumelte mit Entsetzen zurück, als er

wirklich die ihm wohlbekannte Handschrift des weitentfernten Freundes

in Grünau erblickte.

Nachdem er die Antwort gelesen hatte, hob er also an: »So ist es

denn wahr, was ich nimmermehr für möglich gehalten hätte! Dies zu

vollbringen, reicht die Menschenkraft nicht aus. Entweder bist Du,

seltsames Wesen, ein Bote Gottes, oder ein Abgesandter der Teufels!

Die Weise Deines Thuns, wie auch Dein Thun selber ist unheimlich und

verschlossen, und Du scheinst mir unmöglich ein Sterblicher zu sein!«

Da verwandelte sich schnell, wie durch Zauberkraft, der rätselhafte

Jüngling vor den Augen des Ritters und eine von Licht umflossene

Engelsgestalt stand da, welche sprach: »Der Herr der Herren, welcher

mich zu Dir gesandt hat, Dir zu dienen, hat mich auch zugleich

befähigt, Dir also thun zu können, wie ich that; sein Auge ruhte

schon lange auf Deinem Haupte, Dir zum Schutze. Durch mich läßt Dir

der Herr verkünden, wie wohl es ihm gefalle, wenn Herrscher gegen

ihre Untergebenen Milde und Geduld üben! Diese hast Du mir erwiesen

und auch den andern Knechten. Der Herr wird Dir dafür lohnen, wenn Du

die Menschen stets wie Deine Brüder liebst!« Darauf verschwand der

Engel wie das Rot eines Sommermorgens, den Ritter aber durchwehte

Gottesfrieden, und es zog ihn in die Burgkapelle, wo er Gott für seine

unendliche Gnade dankte. Er gelobte, seinen Untergebenen stets ein

Vater sein zu wollen und bis an sein Lebensende hat er dieses Gelöbnis

treu gehalten.

467. Warum die Eisenberger Kapelle nicht vollendet wurde.

(Lotti Cori in den Mitteilungen des Nordböhm. Excursions-Clubs, 1885,

S. 126.)

Seitwärts vom Eisenberger Forsthause befindet sich auf einer malerisch

schön gelegenen Waldlichtung eine niemals vollendet gewesene und

teilweise wieder verfallene Kapelle in romanischem Stil. Behauene

Steine und Säulen liegen rings umher, von Gesträuch und Epheu

überwuchert, die Stufen sind mit Moos überkleidet, und im Innern der

Kapelle grünt und blüht es. Die Vögel üben hier nun ungestört ihre

Baukunst, denn die Gebirgsbewohner meiden voll Scheu jenen Unglücksort.

Die Sage giebt nämlich die Kunde, daß ein Graf Lobkowitz, als das

Geschlecht noch nicht gefürstet war, hier einst eine Kapelle für den

heiligen Dorn erbauen wollte, um einen Wallfahrtsort zu gründen; doch

der edle Graf fand beim Bau, den er oft besichtigte, durch einen

herabstürzenden Stein den Tod. Ein Nachkomme, ein Fürst Lobkowitz,

wollte später das begonnene Werk vollenden, doch ihn erschlug eine

riesige Eiche, die man zum Bau fällte. Dieses abermalige Unglück

wurde als Fingerzeig Gottes aufgefaßt, daß der heilige Dorn in der

Schloßkapelle verbleiben solle, und die Kapelle, deren Kuppel sich

schon zu wölben begann, blieb unvollendet. Aus jener Eiche wurde ein

großes Crucifix geschnitzt, das man an der Unglücksstelle mit einer

kleinen Kapelle überbaute. Jetzt aber ist dieses Kreuz, welches einen

nicht unbedeutenden Kunstwert besitzen soll, in der renovierten

Schloßkapelle aufgestellt.

VIII.

Völker-, Helden- und Geschlechts-Sagen.

Abgesehen von Ortsnamen und andern sprachlichen Resten, sowie von

einzelnen Gebräuchen, sind von den einstigen sorbischen Bewohnern

des Erzgebirges nur wenig Ueberlieferungen uns erhalten worden. Dies

gilt insbesondere auch von den Sagen. Manche mythische Sagen tragen

zwar noch unverkennbar das Gepräge ihres slavischen Ursprungs, aber

nur zwei Sagen dieses Abschnittes, die vom Riesen Einheer und von

Schwanhildis, gedenken auch der Kämpfe der Deutschen mit der slavischen

Nation, über deren Wohnsitze in unserem Gebirge mir ebenfalls nur

zwei dem Sagengebiete angehörige Überlieferungen bekannt geworden

sind. Diese Armut hierher gehöriger Stoffe beruht jedenfalls auf dem

Umstande, daß die Sorben einen doch nur vorübergehenden und teilweise

nur geduldeten Wohnsitz in unserm Gebirge gefunden haben. Ebenso arm

sind die Sagen von bergentrückten Helden und versunkenen Kriegern;

sie besitzen teilweise einen mythischen Grund, teilweise gestalten

sie sich zu bloßen Gespenster- und Spukgeschichten. Die Sagen von den

edlen Geschlechtern endlich, welche aufgenommen wurden, wenn Glieder

der letzteren in unserm Gebirge auf Gütern ansässig waren oder noch

sind, leben nur in den chronikalischen Aufzeichnungen, obschon sie

wenig wirkliche und urkundliche Begebenheiten enthalten. Im Volksmunde

haben sie sich bei uns nicht fortgepflanzt, ja sie sind wohl kaum dem

eigentlichen Volke aus den alten Schriften bekannt geworden, und so

finden wir auch bei uns bestätigt, was die Brüder Grimm in der Vorrede

zum 2. Bande der deutschen Sagen schreiben, daß sich nämlich die Sage

um die seltsame Bildung eines Felsens dauernder, als um den Ruhm selbst

der edelsten Geschlechter sammelt.

468. Von den alten Wenden bei Eibenstock.

(Oesfeld, Historische Beschreibung einiger merkwürdigen Städte im

Erzgebirge, 2. Teil, 1777, S. 50. -- Oettel, Alte und neue Historie der

freien Bergstadt Eibenstock, 1748, S. 3, 202.)

Bei Eibenstock sind von den alten Wenden noch verschiedene Spuren

anzutreffen; z. B. an der Mulde gegen Schönheide liegt die Cunitzhöhe

und die daneben am Dorfbache liegenden Wiesen heißen die wendischen.

In derselben Gegend hat auch ein Dorf gestanden und der über der

Mulde angebaute Hammer hat sonst Windischthal geheißen. Ferner die

anstreichende Höhe von der Mulde nach der Stadt zu heißt noch jetzt

der wendische Berg oder wendische Knock, und die auf derselben Höhe

befindlichen drei Freihöfe sollen aus einem zerteilten Rittergut

entstanden und nach der Überlieferung die Wohnung des vornehmsten

wendischen Herrn gewesen sein. Dieselben haben auch mit der

Schwarzenberger Herrschaft keine Verbindung gehabt und bereits mit der

Lehnsfolge nach Dresden gehört, ehe noch Eibenstock mit Schwarzenberg

an das Kurhaus Sachsen verkauft wurde. -- Man ist auch der Meinung, es

wäre mit dem Seifen des Zwitters der Anbau Eibenstocks erfolgt, und die

Wenden hätten schon den ganzen Grund der Wendisch- oder Windischwiesen

bis an die jetzige Stadt ausgeseift.

469. Rottmannsdorf von Wenden bewohnt.

(Sachsens Kirchengalerie, 8. B., S. 69.)

Der am Fuße des Erzgebirges, 1½ Stunde südlich von Zwickau liegende Ort

Rottmannsdorf, welchen man zum Unterschiede von Alt-Rottmannsdorf auch

Wendisch-Rottmannsdorf nennt, soll von Wenden bewohnt gewesen sein, die

später vom Landesherrn genötigt wurden, in die Lausitz auszuwandern.

Der Zusatz »Wendisch« zu dem Namen Rottmannsdorf, welcher sich

auch häufig in andern jetzt deutschen Provinzen und Ländern, wie

in der Altmark und in Thüringen findet, oder welcher wenigstem

früher daselbst gebräuchlich war, weist vielleicht darauf hin, daß

sich in dem Dorfe unter den Bewohnern die slavische Sprache und

slavische Gebräuche und Sitten länger als anderswo erhielten. Im

alten Pleißnerlande behielten die daselbst wohnenden Nachkommen

der ehemaligen sorbischen Bevölkerung lange Zeit ihre Sprache

bei, so daß man sie auch vor Gericht hören mußte. Im Jahre 1327

ward aber ernstlich anbefohlen, daß weder Parteien noch Advokaten

ihre Klagen und Verantwortungen in wendischer, sondern allein in

deutscher Sprache anbringen sollten. (Gottl. Göpfert, Gesch. d.

Pleißnergrundes, S. 18.)

470. Der Riese Einheer.

(Tob. Schmidt, ~Chronica Cygnea~, II, 1656, S. 5 und 6.)

Sagenbuch des Erzgebirges · 第 40 / 62 段