Betritt man die Pfarrkirche des am Hohen Steine gelegenen Dorfes

Stein, so fällt einem in der Vorhalle, oberhalb des Weihwasserbeckens,

ein Ölgemälde auf, Diebe darstellend, wie sie eben die wertvollsten

Gegenstände vom Altar der Steiner Pfarrkirche zusammenraffen und

davontragen. Die fromme Sage erzählt weiter: Die Verbrecher flohen

mit dem gestohlenen Kirchengute nach Sachsen zu und in der Nähe des

Hohen Steines entleerten sie die Monstranze und das Ciborium der

consecrierten Hostien. Das geschah im Herbste. Das Jahr darauf, im

Frühlinge, weidete eine Rinderherde in dieser Gegend. Da hörte der

Hirte ein anhaltendes Röhren einiger der ihm anvertrauten Kühe, und

als er nach der Ursache forschte, sah er zu seinem Erstaunen mehrere

Rinder um eine Wachholderstaude stehen, an der noch einige der von

den Dieben hier verschütteten Hostien hingen, während die andern,

ebenfalls unbeschädigt, unter dem Strauche am Boden lagen. Eilig lief

der Hirte, seine Heerde im Stiche lassend nach Hause und verkündete,

was er gesehen. Viele Leute gingen mit ihm und fanden seine anfangs

bezweifelten Aussagen bestätigt, sahen auch zu ihrer Verwunderung

die Rinder, immer noch laut röhrend, um den »Kronawittstrauch«

herumstehen. Geistliche, von einer großen Volksmenge begleitet, welcher

das merkwürdige Ereignis kund geworden, kamen bald an den Ort, unter

Absingung heiliger Lieder faßten sie die Hostien in den Kelch und

übertrugen sie in feierlicher Prozession in die Pfarrkirche, aus der

sie so freventlich entwendet worden waren.

Auf der Stelle aber, wo das Wunder geschehen, erhob sich bald eine

einfache Kapelle, welche in ihrem Innern außer anderm ein Gemälde

aufweist, welches auf das Auffinden der Hostien Bezug hat und an deren

Stufen das bedrängte Herz Trost und Linderung seiner Leiden findet,

wenn es sich zum Urquell aller Dinge erhebt.

445. Die heilige Georgenfahne zu Tharand.

(Die Ruinen von Tarant. Ein Beitrag zur Kunde der Vorzeit etc. Dresden,

Joh. Sam. Gerlach, 1795, S. 20.)

Im Jahre 1190 erlitt die Burg Tharand das Unglück, daß sie in Feuer

aufging, wobei sich noch obendrein ein großes Wunder ereignete. Es

flog die daselbst seit einiger Zeit aufbewahrte heilige Georgenfahne,

die im Kriege wider die Ungläubigen viele Wunder gethan hatte, während

des Brandes vor aller Augen zum Fenster unversehrt hinaus, und niemand

wußte anzugeben, wohin sie gekommen war.

Von dieser heiligen Georgenfahne wird erzählt, daß sich dieselbe

Ludwig der Fromme, Landgraf zu Thüringen, im Kriege gegen die

Sarazenen vortragen ließ. Als er bei Akkon blieb, ward die Fahne erst

auf die Wartburg und später nach Tharand geschafft. (Merkels und

Engelhardts Erdbeschr. v. Kursachsen, 2. B., S. 103.)

446. Das Wunschfläschchen.

(Grohmann, Sagen aus Böhmen, S. 205.)

Bevor die Eisenbahnen aufkamen, vermittelten die Reischdorfer Fuhrleute

den Handel zwischen Böhmen und den übrigen Ländern. So fuhr auch einmal

ein Reischdorfer nach Nürnberg. Eines Tages, da ein großer Sturm und

Regen herrschte, geschah es, daß unser Fuhrmann mit seinem Wagen in

einen Abgrund fiel, wo Wagen und Pferde zerschmetterten. Er fluchte und

jammerte, allein alles vergebens. Plötzlich fühlte er, daß ihm jemand

auf die Achseln klopfte. Er schaute sich um und sah einen sonderbar

gekleideten Mann vor sich, der ihn fragte, weshalb er so jammere. Der

Fuhrmann zeigte auf seinen Wagen und erzählte sein Unglück. Da zog der

Fremde ein Fläschchen aus der Tasche, in welchem sich ein Ding hin und

her bewegte, und sagte zum Fuhrmann, er solle ihm dafür zwei Thaler

geben; wenn er das Fläschchen rüttle und sich dabei etwas wünsche,

so werde sein Wunsch augenblicklich in Erfüllung gehen; nur müsse er

das Fläschchen billiger verkaufen, als er es eingehandelt habe. Der

Fuhrmann zahlte voll Freuden das Geld, rüttelte das Fläschchen und

wünschte sich das schönste Haus in Nürnberg. Dort lebte er in Hülle

und Fülle. Eines Tages aber, als er wiederum im Wirtshaus saß und mit

Geld um sich warf, sah er einen schwarz gekleideten Herrn, der ihn ganz

seltsam anblickte. Der Fuhrmann ging auf ihn zu und fragte ihn, warum

er ihn so betrachte. Der Fremde antwortete, daß ihm seine Verschwendung

auffalle. »Ja,« sagte der Reischdörfer, »ich hab' da ein Fläschchen,

damit kann ich mir alles wünschen, was ich will. Um einen Thaler jedoch

will ich's Euch verkaufen.« Der Fremde nahm das Fläschchen, sprach

einen Spruch darüber, so daß es in tausend Stücke zersprang; das darin

befindliche Ding aber ward eine Schlange, die so stank, daß der Bauer

in Ohnmacht fiel. Als er erwachte, befand er sich auf der nämlichen

Stelle, wo sein Gespann zu Grunde gegangen war. Er ging nach Nürnberg,

um zu sehen, was aus seinen Reichtümern geworden sei. Da sah er auf dem

Balkon des Hauses, das ihm gehört hatte, seine eigene Gestalt, die ihm

zuwinkte. Er trat ins Haus, allein alle Leute darin waren ihm fremd

und die Gestalt war verschwunden. So kehrte er ebenso arm nach Hause

zurück, als er ausgezogen war.

447. Die Tempiskapelle zwischen Komotau und Görkau.

(J. Mann in der Erzgebirgs-Zeitung, 1882, S. 15.)

Über die Entstehung der Tempiskapelle am obern Wege von Komotau nach

Görkau erzählt die Sage:

In Rothenhaus war Herr Tempis Kastellan, der seine Arbeitsleute

und Herrschaftsangehörige sehr hart und grausam behandelte. Einmal

kehrte er auf seinem Rosse von Komotau nach Hause zurück. Es war eine

finstere, rabenschwarze Nacht, und dazu hatte er noch etwas zu viel von

geistigen Getränken genossen. Anfangs ging sein Roß ganz gut, dann aber

sauste es im rasenden Galopp dahin. In der Ferne bemerkte Herr Tempis

ein Licht und glaubte schon bei Rothenhaus zu sein. Da auf einmal fing

sein Pferd an zu sinken, und je weiter er ritt, desto tiefer sank es.

Trotz aller seiner und seines Pferdes Anstrengung gelang es nicht,

aus diesem Moraste heranzukommen. Herr Tempis sah schon seine letzte

Stunde gekommen, da eine Rettung hier nicht möglich war. In diesem

qualvollen und entsetzlichen Augenblicke that er das Gelübde, im Falle

er gerettet werde, eine Kapelle zu Ehren der Mutter Gottes an dieser

Stelle zu erbauen. Er trieb jetzt sein Pferd noch einmal an. Dieses bot

seine letzten Kräfte auf und siehe, Roß und Reiter waren gerettet. Herr

Tempis erfüllte nun auch gewissenhaft sein Gelübde.

448. Sieben versteinerte Jungfrauen.

(Grohmann, Sagen aus Böhmen, S. 274.)

Bei Komotau gegen das Gebirge hin liegen auf einem Berge mehrere

große Steine, die Katzen ähnlich sind. Das sollen sieben Jungfrauen

sein, welche ein schlechtes Leben führten und deshalb in diese

katzenähnlichen Steine verwandelt worden sind.

449. Wie die große Glocke in der Marienkirche zu Zwickau ihre Stimmung

bekommen hat.

(T. Schmidt, ~Chronica Cygnea~ I., S. 78.)

Als auf dem Turme der Marienkirche zu Zwickau die große Glocke am 12.

Juli 1512 sprang, weil man von 8 Uhr des Abends bis den andern Morgen

früh um Vier eines schrecklichen Gewitters halber nach damaliger

Gewohnheit geläutet hatte, so fragte der Glockengießer, der sie

umzugießen hatte, als das Metall schon geschmolzen war, und er das

Werk selbst beginnen sollte, die dabei stehenden Ratsherren, was für

einen Ton er der Glocke geben solle? Da nun diese verlangten, er solle

derselben das Chormaß nach der Orgel, also das bloße ~C~ geben, hat er

ein Pulver von Kräutern zugerichtet und in das Metall geworfen, und

davon hat die Glocke den gewünschten Ton bekommen.

450. St. Wolfgang zu Freiberg.

(Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen, Nr. 290.)

Ist einst ein Bischof, namens Wolfgang, aus dem Geschlechte derer von

Schleinitz zu Freiberg gewesen. Wie der nun einmal in vollem Ornate zum

Dienste des Herrn in den Dom geht, da stürzt sich ein Bettler vor seine

Füße nieder, der Gliederreißen oder das böse Wesen zu haben schien.

Mitleidsvoll blickten den Unglücklichen alle Anwesende an, nur der

Bischof machte eine Ausnahme, er sprach zu ihm: »Tobt wirklich eine

Krankheit in Dir, so möge sich Gott Deiner erbarmen und Dich gesund

machen, hast Du sie aber zum Frevel erlogen, um Almosen zu erlangen,

soll sie von jetzt an Deine Strafe sein.« Kaum war aber der gottlose

Heuchler, welcher der ernsten Mahnung des Bischofs nicht ungehorsam

zu sein wagte, vom Boden aufgestanden, als er auch mit jämmerlichem

Geschrei wieder niederfiel und niemand mehr an der Erfüllung des

göttlichen Strafgerichts zweifeln konnte. Da hat das Volk den frommen

Bischof als Heiligen verehrt und die Begleiter haben seitdem den St.

Wolfgang zu ihrem Schutzpatron angenommen.

451. Der Fallsüchtige in der Kirche zu Annaberg.

(Nach der poet. Bearbeitung von Ziehnert bei Gräße, Sagenschatz etc.,

Nr. 511.)

Am 26. Juli des Jahres 1519 ward die St. Annenkirche in der Stadt

Annaberg durch den Bischof von Meißen, Johann VI., geweiht und bei

dieser Gelegenheit ereignete sich folgende wunderbare Begebenheit,

welche durch ein, wahrscheinlich von Lucas Cranach gemaltes Bild, das

sich am Grabmonumente L. Pflocks, eines reichen Bergherrn, der bei

diesem Vorgange zugegen war, befindet, noch heute im Andenken erhalten

wird. Als nämlich die Prozession, bei der sich auch Herzog Georg

von Sachsen befand, an der Pforte der Kirche angelangt war und der

Bischof sich anschickte, dieselbe einzuweihen, sah er plötzlich einen

zerlumpten Bettler, der sich in epileptischen Zuckungen auf der Erde

herumwälzte, vor sich. Da erhob sich in der Seele des geistlichen Herrn

der Verdacht, die Krankheit dieses Elenden sei nur eine verstellte

und derselbe benutze dieselbe bloß, um bei dem heutigen hohen Feste

das Mitleid der Anwesenden zu erregen. Er hob also die Rechte zur

Benediktion, schlug ein Kreuz über den Bettler und sprach mit laut

erhobener Stimme: »Bist Du wirklich krank, so helfe Dir der Herr,

verstellest Du Dich aber, so strafe er Dich!« Kaum hatte er diese

Worte gesprochen, so geschah es, daß die von dem Bettler vorgegebene

Krankheit zur Wirklichkeit ward, ein fürchterliches Geschrei verkündete

ihr Dasein und mehrere starke Männer waren jetzt kaum im Stande, den

Unseligen in seinen Zuckungen zu bändigen und auf die Seite zu bringen.

452. Ein Totenschänder wird entdeckt.

(Köhler, Volksbrauch im Vogtlande, S. 572.)

Vor einer Reihe von Jahren lebte in Schöneck ein Pfarrer Merz, welchem

ein Kind von 2 Jahren starb. Nach 14 Tagen rief eine Kinderstimme bei

diesem Pfarrer Merz des Abends nach 10 Uhr beim Schlafstubenfenster:

»Mein Händchen und mein Füßchen!« und dies einigemale. Der letzte Ruf

lautete: »Vater, mein Händchen und mein Füßchen fehlt mir!« Darauf ließ

der Pfarrer Merz sein Kind wieder ausgraben, und wirklich fehlten auch

diese Glieder. Es wurde nachgeforscht und man hatte auf einen Bewohner

der Birkenhäuser bei Schöneck, welcher einen Schatz hatte heben wollen,

Verdacht. Am nächsten Sonntage erblickte der Pfarrer den bezeichneten

Mann in der Kirche; er leitete seine Predigt auf den Vorfall und rief,

indem er auf den Verdächtigen hinzeigte, laut aus: »Du Schalksknecht,

Du Übelthäter, verschaffe die Glieder meines Kindes wieder!« Darauf

soll der Mann wie tot umgefallen sein.

453. Eine Wundersage von dem Stücke des Kreuzes Christi in der

Marienkirche zu Zwickau.

(Tob. Schmidt, ~Chron. Cygnea~ I., S. 63.)

Früher ward in der gewölbten Sakristei in der Marienkirche zu Zwickau

ein in arabisch Gold gefaßtes Stücklein vom Kreuze Christi verwahrt,

welches der Hauptmann Martin Römer im Jahre 1479 der Kapelle geschenkt

hatte. Nun war aber in die Einfassung mit Cyrillischen Buchstaben und

in serbischer Sprache eine Inschrift gegraben, welche also lautete:

»Dieses ehrwürdige Crucifix ist auf der Königin ... (der Name war nicht

mehr zu lesen) Befehl gemacht und in die Kirche der h. Dreifaltigkeit

bei der Grube (zu Konstantinopel) gesetzt worden; es sind in

demselben fünf ganze Stücklein vom h. Kreuz und vier Edelsteine, die

hölzernen Stücklein sind für 2000 Gulden gekauft, das Gold aber und

die Edelsteine kosten 1000. Wer ein Stücklein von diesem Holze des

Kreuzes mit Gewalt aus der Kirche der h. Dreifaltigkeit nehmen wird,

der sei verflucht und das h. Kreuz bringe ihn um, wer es etwa an einem

andern Orte antrifft, der schaffe es wieder in die Kirche zur h.

Dreifaltigkeit, wer es nicht thut, den bringe Gott und das h. Kreuz

um.« Trotz dieses Fluches hat aber, als die Türken Konstantinopel

eingenommen, ein Grieche dieses Heiligtum, damit es nicht in unheilige

Hände komme, errettet und hernach M. Römern in Zwickau verkauft, der

auch von dem darauf geschriebenen Fluch nichts zu befürchten gehabt,

weil er es nicht mutwillig entwendet, sondern nur vor denen, die es

ohnedem zerschlagen und beschimpft hätten, bewahrt hat. Nun hat aber

der Herzog von Friedland, insgemein der Wallenstein genannt, am 1.

September 1632 dieses Kleinod durch seine Vettern Graf Maximilian von

Wallenstein und Graf Paul von Lichtenstein abholen und hernach auf

der Post durch genannten Grafen von Wallenstein dem Kaiser anbieten

lassen, als verehre die Stadt Zwickau und die geistliche Behörde

solches demselben freiwillig; allein es war hierbei wenig Willigkeit,

sondern nur Gewalt zu finden, und es hieß vielmehr: willst du nicht,

so mußt du. Nun ist aber der besagte Fluch an allen diesen Personen

ausgegangen. Nachdem dies nämlich hier am 14. September geschehen, hat

der Wallenstein am 6. November die große Schlacht bei Lützen verloren

und seit dieser Zeit kein Glück mehr gehabt, also daß er bald darauf

zu Eger ein blutiges Ende nahm; die beiden Grafen aber sind noch in

demselben Jahre umgekommen und ist keiner von ihnen eines natürlichen

Todes gestorben.

454. Das Marienbild in der Kirche zu Fürstenau.

(Brandner, Lauenstein, seine Vorzeit, frühere Schicksale und jetzige

Beschaffenheit. Lauenstein, 1845. S. 297.)

Eine geschichtliche Merkwürdigkeit besitzt das in einem der rauhesten

Teile des Erzgebirges liegende Dorf Fürstenau in seiner Kirche, welche

eine Filiale von Fürstenwalde und die älteste Kirche der ganzen

Umgegend ist. Denn schon lange vor der Reformation war die Kapelle in

Fürstenau eine Tochter der Hauptkirche zu Graupen; sie führte den Namen

»Zur unbefleckten Empfängnis Mariä« und ward 1424 mit einer Glocke

beehrt. Das am Altar dieser Kirche befindliche Marienbild, von nicht

ganz schlechter Bildhauerarbeit und reicher Vergoldung, stellt den

Besuch Marias bei ihrer Schwester Elisabeth vor. Zu diesem Marienbilde

zog der fromme Glaube eine Menge Wallfahrer, und mehrere dem Kirchlein

verehrte Geschenke, sowie daselbst aufgestellte und bewahrte, von

geheilten Kranken zurückgelassene Gegenstände sollen die gnadenreiche

Wirkung bezeugen. Auch noch jetzt findet alljährlich am Sonntage nach

Mariä Heimsuchung eine Wallfahrt der Katholiken aus dem benachbarten

Böhmen unter Gesang zur Fürstenauer protestantischen Kirche statt. Sie

verrichten dort vor dem Bilde knieend ihre Andacht und ziehen dann

singend wieder über die Grenze zurück.

Zur Zeit der hussitischen Unruhen (um 1419 bis 1436) wurde das genannte

Marienbild des Nachts von Dieben entwendet; diese aber sollen sich

im Walde verlaufen und sodann, um den Weg aufzusuchen, das Bild

einstweilen in einem Strauche versteckt haben. Kaum sei aber das Bild

aus ihren Händen gewesen, so hätten sie auch den Weg wiedergefunden.

Als nun einer der Diebe wieder zurückgegangen, um das Bild nachzuholen,

sei dasselbe nirgends aufzufinden gewesen, so hätten die Diebe

unverrichteter Sache wieder abziehen müssen. Das Bild aber ist tags

darauf wieder an seinem Platze in der Kirche zu Fürstenau gewesen.

Einer der Diebe soll dies seinem Beichtvater noch auf dem Sterbebette

entdeckt haben.

Bei einem zweiten Entwendungsversuche sollen die Diebe mit dem

Marienbilde des Nachts in der Gegend von Teplitz von unbekannten

Männern angefallen, das Bild ihnen wieder abgenommen und solches an

den Prior des Klosters Mariaschein abgeliefert worden sein. Der Prior

jedoch habe das Bild seiner Schönheit und reichen Vergoldung halber für

sich behalten, oder solches einer anderen Kirche verehren, nicht aber

nach Fürstenau zurückgeben wollen. Allein dasselbe sei hierauf bei ihm

auf einmal verschwunden und wieder an seinem Platze in der Kirche zu

Fürstenau gewesen. Diese Begebenheit ist auf Befehl des Priors in allen

Kirchen der Umgegend öffentlich bekannt gemacht worden, seitdem aber

sei nie wieder ein Versuch zur Entwendung des Bildes vorgekommen.

455. Die Fußtapfe der heiligen Maria.

(Grohmann, Sagen aus Böhmen, S. 306.)

Zwischen dem Hausberge bei Graslitz und dem Holzhaue ist die Räumer,

ein Thal, das mit großen Granitblöcken besäet ist. Dort liegt auch

ein Stein, auf welchem der Abdruck eines Fußes sichtbar ist. Als die

heilige Jungfrau übers Gebirge ging zu ihrer Base Elisabeth, soll sie

hier gestrauchelt sein und den Fuß in den Stein eingetreten haben. Die

Fußtapfe hat deshalb auch die merkwürdige Eigenschaft, daß jeder Fuß

in dieselbe paßt. -- Nach einer anderen Sage soll hier ein Mädchen

ermordet worden sein und im Todeskampf das Mal in den Stein getreten

haben.

456. Maria im Erzgebirge.

(Nach der metrischen Bearbeitung von Ludw. Bowitsch bei Wenisch, Sagen

aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 105.)

Ein armes Mädchen mußte durch Klöppeln für sich und die alte Mutter

das kärgliche tägliche Brod erwerben. Da wurde ihm einst von der

reichen Edelfrau, der Besitzerin ausgedehnter Güter und ihrer Herrin,

der Auftrag erteilt, für sie in einer bestimmten kurzen Frist ein

reiches Spitzenkleid zu fertigen. Wenn die arme Klöpplerin ihre Aufgabe

pünktlich und zur Zufriedenheit ihrer Herrin löste, sollte ihr reicher

Lohn werden; beim Gegenteile erwartete sie dagegen Spott und bitt'rer

Hohn. Die arme Klöpplerin saß Tag und Nacht bei ihrer Arbeit, doch

als die sechste Nacht kam, da konnte sie sich nicht mehr des Schlafes

erwehren und sie wankte todesmüde ans Bett der Mutter hin. Aber

wunderbare Träume zogen jetzt wie ein Frühlingshauch durch ihre Seele;

die ärmliche Stube erglühte in rosenrotem Scheine und leise trat eine

holde Frau ein, mit einer goldenen Krone auf dem Haupte. Es war die

Himmelskönigin Maria. Dieselbe setzte sich an das Klöppelkissen und

die Klöppeln flogen so zauberhaft, wie es dem Mädchen nie gelungen

war, so daß vor Anbruch des Tages das reichste Spitzenkleid vollendet

da lag. Als das also träumende Mädchen aus dem Schlafe erwachte, stand

bereits die Sonne hoch am Himmel. In Wirklichkeit aber, wie der Traum

es gezeigt hatte, war das Spitzenkleid fertig und die Klöpplerin trug

es frohen Mutes hinauf zum Schlosse. Da freute sich die stolze Herrin

und belohnte die Arbeit so reichlich wie nie zuvor. In dem Kleide

jedoch war Gottes Segen eingewoben, welcher in der Folge nicht nur der

strengen Edelfrau, sondern auch der armen Klöpplerin zu teil wurde.

457. Der heilige Petrus in Eisenberg.

(Nach Vernaleken bei Henne-Am-Rhyn, Die deutsche Volkssage, 1879, S.

424.)

Bei einem alten Manne, einem Schmied in Eisenberg bei Komotau, kehrte

einst der heilige Petrus ein, blieb über Nacht und gab ihm am Morgen

drei Wünsche frei. Der Schmied wünschte sich: 1. einen Stuhl, von dem

keiner ohne seinen Willen aufstehen könne, 2. einen Kirschbaum, von dem

kein Hinaufgestiegener ohne seinen Willen wieder herab könne, und 3.

daß er bei jedem Spiele gewinne. Das Letztere machte den Schmied zum

reichen Manne. Endlich wollte niemand mehr mit ihm spielen, da kam der

Tod und wollte ihn holen. Der Schmied schlug auch ihm ein Spiel vor

und gewann noch zehn Jahre Leben. Als der Tod wieder erschien, bot er

ihm den Stuhl und der Tod saß und durfte nur um zehn neue Jahre frei

fort. Als auch die um waren, ließ er ihn auf den Baum steigen, dessen

Kirschen ihm in die Augen stachen, und ließ ihn erst wieder herab, als

er verhieß, nie wieder zu kommen.

458. Die Fußspur des heiligen Wolfgang bei Graupen.

(Jos. Schwarzer in der Erzgebirgszeitung, 5. Jahrg., S. 162.)

Noch vor wenigen Jahrzehnten zeigte man in einem Felsen oberhalb des

Bergstädtchens Graupen eine Fußspur, welche von dem heiligen Wolfgang

herrühren sollte. Dieser Heilige und spätere Bischof von Regensburg

soll vor Antritt seiner Mission nach Pannonien hier in einer Höhle

gewohnt und dabei die Spur seines Fußes zurückgelassen haben.

459. Der Hengstberg bei Hengstererben.

(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirk, S. 76.)

In dem Hengstberge bei Abertham arbeiteten einmal fünf Bergleute, die

wegen ihrer Frömmigkeit und Gottesfurcht weit und breit bekannt waren.

Sie fuhren nie an, ohne den kräftigen Bergmannssegen gesprochen zu

haben:

In Gottes Namen setzen

Wir unser Erz jetzt ein;

Laß uns von Deinen Schätzen

Auf's neu beschenket sein!

Wir sehn auf Deine Hände,

Wem Du es giebst, dem glückt's,

Vom Anfang bis ans Ende

Herr benedei! so blickt's!

Die Grube aber, in welcher sie arbeiteten, war ein Bau auf Zinn.

Unverdrossen und mit treuem Sinn verrichteten sie ihre Schicht. Der

Herr segnete auch ihrer Hände Fleiß; denn wo sie mit ihrem Gezähe

einschlugen, arbeiteten sie große Mengen Erzes heraus, und daher kam

es auch, daß die Strecken schon tief in den Berg hineinreichten. --

Eines Tages versammelten sie sich wie gewöhnlich im Grubenhause. Immer

pflegten sie heitern Angesichts zu sein, heute hingegen war in ihren

Mienen Traurigkeit und Besorgnis zu lesen. »Freunde,« hub der älteste

an, »mir scheint, daß Ihr heute sehr ernsthaft gestimmt seid. Ich bin

es auch und zwar, weil ich einen bösen Traum gehabt, in welchem ich

mich in einer großen Gefahr befand.« -- »Uns ist es auch nicht besser

gegangen,« sprachen die Viere. Da sie aber fromm waren und feste

Zuversicht auf Gott hatten, blieb ihr Gemüt ruhig, sie sangen ohne

Furcht und mit Ergebung den Bergmannssegen und fuhren ein. Als sie vor

Ort gekommen, falteten sie nochmals die Hände und beteten:

Jesu! Du reicher Schöpfer mein,

Thu kräftig sprechen

Auf allen Zechen

Den Segen Dein.

Bescher mit Freud'

Reiche Ausbeut'!

Wend' allen Schaden,

Thu uns in Gnaden

Behüten fein!

Schicht! Schicht!

Da ward plötzlich die ganze Strecke sonnenhell erleuchtet, und die

erschrockenen Bergleute wußten nicht, wie ihnen geschah. Sie hörten

aber eine Stimme: »Fürchtet Euch nicht, Ihr frommen Männer! Blicket

auf zu mir, ich bin der Engel des Herrn, der Euer Gebet erhört! Gehet

eilends aus der Grube, denn diese findet heute ihren Untergang!«

Die Fünf blickten auf und sahen freilich nur auf einen einzigen kurzen

Augenblick das milde Antlitz des Himmelsboten, und als sie ihm danken

wollten, war er verschwunden. Heiliger Schauer durchrieselte ihre

Glieder, lautlos fuhren sie zu Tage, eilten zu den Ihrigen und dankten

Gott für alle Gnaden mit Rührung und Andacht. Da krachte es auf einmal

wie ungeheueres Gewitter vom Hengstenberge her, -- der Bau war und

blieb verschüttet.

460. Das Mönchgesicht an der Kirche zu Schlettau.

(Nach der poet. Bearbeitung von Ziehnert in Gräße, Sagenschatz etc. Nr.

525.)

Sagenbuch des Erzgebirges · 第 39 / 62 段