auf der Landstraße daher. Es war Georg, der voll Sehnsucht seiner
Heimat zueilte. Derselbe war nach abgeschlossenem Frieden in der Fremde
geblieben, um durch rastlose Arbeit und Sparsamkeit sich einiges
Vermögen zu erwerben. Nachdem ihm sein Plan geglückt war, wollte er
nun seiner alten Mutter, die ihm unter Mühen und Sorgen so viel Gutes
erwiesen, das Alter versüßen und mit Marie einen eigenen Hausstand
gründen. Mit wonnigen Gefühlen erreichte er beim Dunkelwerden sein
heißersehntes Ziel, die ärmliche Hütte seiner Mutter, und schaute durch
die Fensterscheiben ins traute, stille Stübchen, wo sein greises,
gebücktes Mütterchen beim Spinnrocken saß und spann. Er klopfte leise
an die Hausthür, und beim Öffnen derselben fiel ihm seine Mutter mit
thränenden Blicken um den Hals und drückte ihn an ihr Herz. Nach der
Freude der ersten Umarmung erkundigte sich Georg nach seiner Braut.
Da erzählte ihm die Mutter, wie Marie sieben Jahre vergebens auf ihn
gewartet habe, und wie sie, ihn für tot haltend, Pauls Gattin geworden
sei. Wie vom Schlage getroffen stand Georg da, dann faßte er Mut und
sprach mit festem männlichen Ton: »Also für tot hielt mich Marie;
wohlan denn, ich will es sein für sie und die Welt! Morgen in der
Frühe verlasse ich diesen Ort für immer, um mich in die Einsamkeit
zurückzuziehen.« Hierauf ging er zu dem Lindenbaume, welcher vor dem
Hause des Nachbars Paul stand, und schnitt sich einen Stab als treuen
Gefährten auf seiner Pilgerreise, die er trotz der Mutter inständigem
Flehen bei Anbruch des nächsten Tages antrat, um den Einsiedler
Johannes Niavis (Schneevogel), welcher im Erzgebirge ein frommes Leben
führte, aufzusuchen und mit ihm sich zu vereinigen. Georg beeilte sich,
in großen Tagesmärschen seine Reise zu vollführen. Und wirklich kam er
nach mehrtägiger, mühsamer Wanderung seinem Ziele so nahe, daß er bis
zu der einsamen Wohnung des Eremiten, welche um St. Albrecht unter dem
Wolfsberge bei Joachimsthal lag, wo der Schwarzgang hinabstreicht, nur
noch eine Viertelstunde Weges zurückzulegen hatte. Da klang aus der
Ferne das Ave-Maria-Glöcklein. Georg zog sein Hütlein, kniete nieder
und betete. Doch horch; leises Wimmern, klägliches Stöhnen dringt an
sein Ohr! Der Andächtige erhob sich und eilte nach der Stelle hin,
woher die Stimme ertönte. Er fand im Gebüsche einen Israeliten liegen,
der aus vielen Wunden blutete. Ihn hatten Räuber, als er von seinem
Hausierhandel nach Lichtenstadt zurückkehren wollte, überfallen,
mißhandelt und seiner Habseligkeiten beraubt. Von tiefem Mitleid
ergriffen, holte Georg in seinem Hute aus der nahen Quelle Wasser,
um den Todesblassen mit einem frischen Trunke zu stärken und dessen
klaffende Wunden auszuwaschen; allein sein Liebesdienst war erfolglos,
denn in wenigen Minuten hauchte der Israelit seine Seele aus.
Während der Fremdling, ein wahrer Samariter, bei der Leiche kniete
und mutterseelenallein das Sterbegebet verrichtete, näherten sich dem
Thalorte eilige Schritte. Georg glaubte hülfreiche Unterstützung zu
erlangen, um den Leichnam nach einem andern Orte schaffen zu können,
und war deshalb sehr überrascht, als er von Schergen, die ihn des
verübten Mordes beschuldigten, ergriffen und gebunden wurde. Dann
führten sie den Unschuldigen nach der nahen Bezirksstadt Joachimsthal,
wo sie ihn ins Gefängnis warfen.
Georg beteuerte beim Verhöre seine Unschuld, allein seine Aussagen
wurden als freche Lügen hingestellt. Eher hätte er von den Säulen,
auf denen die Saaldecke ruhete, Gnade erflehen können, als von den
hartherzigen Richtern, welche ihn der vollbrachten Mordthat schuldig
erklärten und zum Tode durch Henkershand verurteilten.
Des andern Tages ertönte das Sünderglöcklein. Eine unzählige Volksmenge
hatte sich auf dem Marktplatze versammelt, denn alles wollte den
Mörder, der zum Galgen geführt wurde, sehen. Als die Versammelten aber
einen jungen Mann mit mildem Angesichte erblickten, der einmal gen
Himmel, das andremal auf seinen Lindenstab seine Blicke richtete,
blieb kein Auge thränenleer. -- Auf dem im Osten der Stadt gelegenen
Galgenberge, dem damaligen Richtplatze, angekommen, sprach Georg mit
lauter, weithin vernehmbarer Stimme: »Daß ich schuldlos sterbe, möge
Gott der Barmherzige an meinem dürren Lindenstabe bezeugen!« Nach
diesen Worten hob er ihn in die Höhe und stieß ihn mit aller Kraft in
die Erde. Und siehe! kaum hatte der Henker sein Werk vollbracht, so
sah man an dem Lindenstabe die ersten grünen Keime. Derselbe wurde nun
ausgehoben und zum gottesfürchtigen Einsiedler Schneevogel getragen,
der ihn neben seiner Kapelle in die lockere Erde einsetzte und mit
Sorgfalt hegte und pflegte. Aus dem dürren Stabe aber wuchs im Laufe
der Zeit ein mächtiger Lindenbaum, die Urmutter der stattlichen Linden
heran, die noch heutzutage bei dem Kapuzinerkloster zu Mariasorg stehen.
379. Der Galgenbaum bei Blankenhain.
(Ziehnert, Sachsens Volkssagen. Anhang, No. 51.)
Auf dem Rittergute Blankenhain im Amte Zwickau diente einst ein
ehrlicher und braver Hirtenjunge, namens Liebhold, dem aber die Knechte
und Mägde gehässig waren, weil er, sobald er von denselben etwas
sah, was wider den Willen seiner lieben Herrin, der Edelfrau, war,
ihr solches immer sogleich anzeigte. Als daher einmal der gnädigen
Frau ein goldnes Kettchen weggekommen war, ergriff das gottlose
Gesinde die günstige Gelegenheit, den armen Jungen zu verderben; der
gewissenloseste unter den Knechten ging hin zur Herrin und zeigte
Liebholden als den Dieb an, den er über der That betroffen habe.
Die Edelfrau übergab den Angeklagten den Gerichten, welche ihn nach
vielfachem Verhöre, wie hoch er auch seine Unschuld beteuerte, auf
den falschen Schwur seines Anklägers zum Strange verdammten. Nach
wenigen Tagen wurde das Urteil vollzogen. Unter wimmerndem Geläut der
Sünderglocke führte man den armen Liebhold hinaus vor das Dorf, wo
ein großer Balken mit einem Arme oben als Galgen aufgerichtet war.
Noch einmal, ehe er in den Tod ging, betete er zu Gott, daß er seine
Unschuld rechtfertigen möge und dann, zu den Umstehenden gewendet, rief
er: »Der mich angeklagt hat, der hat einen falschen Eid geschworen.
Denn, so wahr ich unschuldig bin, so wahr wird dieser Balken, welcher
mein Galgen sein soll, nach meinem Tode anfangen zu grünen und Zweige
treiben, und Jahrhunderte hindurch als ein frischer Baum bewundert
werden!« Darauf wendete er sich zum Henker und litt mit frommer
Zuversicht auf das Jenseits den unverdienten schmachvollen Tod. --
Und als das nächste Frühjahr kam, da gab Gott die Unschuld Liebholds
an den Tag. Der Balken des Galgens wurde grün und trieb Zweige, so wie
es Liebhold vorhergesagt hatte. Die Edelfrau wurde darüber voll Unruhe
und gebot, den meineidigen Knecht zu verhaften. Aber ehe die Häscher
denselben erreichten, hatte er sich im Koberbache ertränkt. Es wurden
später mehrere nahe am Rittergute stehende, hohe Erlen umgeschlagen,
und auf einer derselben fand man ein Dohlennest und darinnen das
gestohlene goldne Kettchen der Edelfrau. -- Der Galgenbaum, jetzt ein
starker und hoher Baum, ist heute noch bei Blankenhain zu sehen.
Sagen von dürrem Holze, von Pfählen, Stecken und dergleichen, welche
wieder grünen und dadurch die Unschuld eines unschuldig mit dem Tode
Bestraften anzeigen, giebt es auch an andern Orten. So erzählt eine
thüringische Sage, daß ein Bursche aus Lautersdorf, welcher, der
Hexerei angeklagt, zum Richtplatze geführt wurde, beim Anblicke von
Pfählen, die ein Bauer einschlug, um Bäume anzubinden, noch seine
Unschuld mit den Worten beteuerte: »So wahr ich unschuldig bin, wird
Gott ein Wunder thun und einen dieser dürren Pfähle ausschlagen und
zum starken Baume heranwachsen lassen.« So geschah es. Als das Volk
von der Richtstätte zurückkehrte, hatte einer der trocknen Pfähle
grüne Blätter und braune Zweiglein bekommen. Er wuchs zu einer
starken Buche empor. (O. Richter, Deutscher Sagenschatz, 3. H. No.
69.)
380. Die drei Linden bei Crimmitschau.
(Mitgeteilt von G. Fiedler.)
In der Nähe des Sahnparkes bei Crimmitschau stehen drei große
schattenreiche Linden. Es wird erzählt, daß einst ein Schäfer des
Rittergutes Frankenhausen eines Diebstahls wegen zum Tode verurteilt
wurde, trotzdem er bis zum letzten Augenblicke seine Unschuld
beteuerte. Da bat er sich noch die Gnade aus, auf dem Richtplatze drei
junge Linden verkehrt pflanzen zu dürfen. Würden die auf solche Weise
gepflanzten Bäumchen fortkommen, so möge man dies als Zeichen seiner
Unschuld ansehen, würden sie aber verdorren, so wäre er des Diebstahls
schuldig. Der Schäfer wurde hingerichtet, aber die vor seinem Tode von
ihm mit den Ästen in die Erde gepflanzten Bäume gediehen zum Zeugnisse,
daß er unschuldig gewesen war.
381. Der prophetische Barfüßer zu Chemnitz.
(~Curiosa Sax.~ 1733, S. 77. Gräße, Sagenschatz etc. No. 466. Richter,
Chron. von Chemnitz I. 1767, S. 100.)
Als den 19. April des Jahres 1540 die Barfüßermönche aus der Stadt
Chemnitz vertrieben wurden, nahmen sie ihren Abzug über den Katzberg
(Kassberg), Sauanger und Altchemnitz, nach Böhmen zu; dabei hat
einer derselben, Bruder Barthel genannt, auf dem Sauanger bei der
Nikolaigasse eine Valetpredigt gehalten und darin verschiedene Dinge
prophezeit. So hat er ein unter seinen Zuhörern stehendes Weib also
angeredet: »Du liebes Weib, Du trittst allhier und hörst mir zu,
weißt aber nicht, daß Dir unterdessen Dein einziges Kind im Bade
ertrunken ist?« welches sie auch also tot gefunden. Ingleichen hat er
verkündigt, daß der gute Mühlsteinbruch bei Chemnitz gangbar werden und
daß in den beiden Kirchen zu St. Johannes und Nikolaus auf dem Altare
Heidelbeersträucher wachsen würden. Dies ist auch geschehen, denn es
sind beide Kirchen im Jahre 1547 von den Feinden angegriffen worden,
wie sie denn viel größer und schöner denn jetzt gebaut gewesen. Weiter
hat er dieser Stadt angesagt, daß sie nach ihm eine schöne wohlgebaute
Stadt, volkreich und mit vielem Glück und Gaben Gottes würde begabt
werden, allein wegen ihres Übermuts und anderer Sünden werde sie von
Gott mit Pestilenz, Kriegsnot, Feuerschaden und endlich mit einer
großen Wasserflut gestraft und heimgesucht werden, was auch leider bald
nachher eingetroffen ist. Von Neukirchen im Amte Chemnitz hat dieser
Mönch gesagt, daß sein Erbherr ein großes Schloß daselbst bauen, aber
keiner allhier sterben und begraben werden dürfe, welches auch bis 1709
also geschehen, als in welchem Jahre der ältere Baron von Taube auf dem
genannten Schlosse gestorben und in Neukirchen begraben worden. Ferner
hat er gesagt, es werde daselbst auch eine steinerne Brücke erbaut
werden, darauf werde eine doppelt verlobte Braut, wenn sie zur Kirche
fahren wolle, versinken, welches auch die Erfahrung wahr gemacht hat.
382. Prophezeiung des M. Schütze in Oederan.
(Staberoh, Chronik der Stadt Oederan, S. 255.)
Am 22. Januar 1763 legte sich der alte Pastor M. Schütze zu Oederan
ins Grab. Wenige Stunden vor seinem Ende forderte er Feder, Tinte
und Papier, da er nicht mehr sprechen konnte. Die Feder entfiel ihm
ebenfalls. Da blickte er den anwesenden Diakonus Frey wehmütig an und
schrieb mit dem Finger folgende Zeichen aufs Bett: »m -- E -- gef.
--. 7 Jam -- El -- betet!«, das letzte Wort ganz deutlich, die ersten
aber vermochte der Diakonus nur mit Mühe herauszubringen und auf ein
Papier zu schreiben. Erst im Jahre 1770 sollten die Buchstaben, welche
man nicht verstanden, ihre Bedeutung finden; sie hießen: »Machet Euch
gefaßt in 7 Jahren auf Jammer und Elend! betet!« Und es folgten drei
traurige Hungerjahre, hervorgerufen durch Mißwachs. Schon im zweiten
Jahre konnte niemand mehr dem Andern eine Gabe reichen. Die Ernte
faulte schon auf dem Felde. Die Körner wurden auf der Mühle zu Brei
statt zu Mehl und hatten einen üblen Geruch. Viele starben buchstäblich
vor Hunger, so daß vom Obergebirge, wo es am traurigsten aussah, viele
hundert Kinder, welche keine Eltern mehr hatten, in die großen Orte
verteilt werden mußten.
383. Eine Prophezeiung der Zigeuner.
(Grohmann, Sagen aus Böhmen, S. 312.)
In Graslitz sollen auf dem Marktplatze einmal Zigeuner Feuer angemacht
und sich ihre Speisen gekocht haben. Als sie wegzogen, konnte niemand
mehr eine Spur entdecken, wo das Feuer gebrannt hatte. Diese Zigeuner
sollen denn auch der Stadt prophezeit haben, daß, wenn in Graslitz ein
Brand entstünde, doch niemals mehr als zwei Häuser abbrennen würden.
Diese Prophezeiung hat sich denn auch stets bestätigt.
384. Die Eiche bei Hartenstein.
(Gräße, Sagenschatz des K. Sachsen, No. 557.)
In dem beim Schlosse Hartenstein befindlichen Walde befand sich vor
Jahren ein ungeheurer, prächtig belaubter Eichenbaum, von dem man
erzählte, daß sein Bestehen auf geheimnisvolle Weise mit dem Schicksale
des Schönburgischen Hauses verflochten sei. Man sagte, wenn der Baum
umgehauen werde, würden drei Glieder des Schönburgischen Stammes
sterben.
385. Eine Sylvestersage.
(Illustrirtes Familien-Journal. V. No. 116.)
Es war im vorigen Jahrhunderte an einem Sylvesterabende, da saß in der
Stadt Schöneck ein alter, wackerer Schneider, zugleich Stadtrat und
Gemeindeältester, mit seiner getreuen Ehehälfte im rauchgebräunten
Stübchen und schneiderte noch für den Festtag. Im großen Kachelofen
prasselte ein gemütliches Feuer, und in der Röhre sang der Kaffee
gar lustige Liedlein. Auf einmal erhob sich die Hausmutter, kramte
herum und suchte und suchte, und machte ein gar verdrießlich Gesicht,
vergeblich, sie fand nicht das Kameelgarn zu den Knopflöchern. Die
Niederlage war aber oben auf dem Boden; deshalb mußte der Vater hinauf.
Oben stand er in der schönen Winternacht an der Dachluke, und es wurde
ihm so wunderlich im Herzen und er mußte sein Käppchen abnehmen und
ein stilles Vaterunser beten. Wenn man aber zur Neujahrsnacht unter
einem Balken steht, dessen eines Ende nach Morgen gerichtet ist, und
ein Vaterunser betet, und nicht aus der Linie des Balkens heraustritt,
so kann man »horchen«, d. h. einen Blick in die Zukunft thun, die in
einzelnen Bildern vorüberzieht. Tritt man aber aus dem Kreise heraus,
oder man erzählt jemandem, was man gesehen hat, so solls einem den Hals
umdrehen. Der Alte hatte gar nicht daran gedacht, -- aber auf einmal,
da fängts an zu läuten, als ob eine Leiche wäre, und den Mühlberg
herauf kommt ein langer, langer Leichenzug, immer näher und näher, bis
er endlich vor des alten Schneiders Haus anhält. Es dauert auch nicht
lange, so kommt die Schule und die Geistlichkeit, mit dem Kreuze voran,
stellen sich neben der Bahre auf, singen zwei Lieder und eine Arie, und
dann setzte sich der Zug in Bewegung nach dem Kirchhofe zu. Der Alte
kann die Leichenbegleiter alle erkennen, Vettern, Nachbarn, Gevattern,
ja sogar sich selbst und seine Ehehälfte darunter, sich selbst dicht
hinter dem Sarge und mit weinenden Augen. Da ward's ihm doch ein wenig
bange und er wäre gern fortgegangen; aber es fiel ihm noch zu guter
Zeit das Halsumdrehen ein. Wie er nun so recht trübselig da stand
und träumerisch hinausblickte, sah er aus einem Hause ein Flämmchen
herausfahren, dann aus einem andern, dann wieder eins und wieder eins,
und zuletzt kam fast aus jedem Hause ein Flämmchen gefahren, und das,
wußte er wohl, bedeutet Feuer. Da konnte er sich denn doch nicht mehr
halten, sprang aus dem Kreise, und -- es schlug Eins! Als er indessen
wieder herunterkam, war seine alte Ehehälfte eingeschlafen; er weckte
sie auch nicht erst auf, sondern ließ die Arbeit sein und legte sich
nieder, konnte aber nicht schlafen, war früh verstimmt, ging auch
nicht in die Metten, sondern saß still und traurig daheim. Als er nach
einigen Tagen den Wächter traf, that dieser sehr geheimnisvoll und
beklommen und meinte: »Meister, Meister! 's wird ä schlecht Jahr für
Euch und für uns all'! Der liebe Gott behüt' uns und die Stadt! mehr
darf ich nit sagen: aber wachet und betet, daß ihr nicht in Anfechtung
fallet!« Der hatte auch gehorcht, und so noch andere. -- Es dauerte
auch nur wenig Wochen, da starb des alten Schneiders Bruder, der Müller
drunten in der Bockmühle. Es wurde zur Leiche gelauten, den Mühlberg
herauf kam ein langer Zug, der vor des Alten Haus anhielt. Es kam die
Schule und die Geistlichkeit voran, die stellten sich auf, sangen
dieselben zwei Lieder und dieselbe Arie, dieselben Leute gingen hinter
dem Sarge her, der Alte mit entblößtem Haupte und weinenden Auges. Der
alte Wächter aber stand am Kirchhofthore, sah den Alten verständnis-
und geheimnisvoll an, und weinte so heftig, daß die Leute gar nicht
begreifen konnten, wie ihm der Tod des Bockmüllers so zu Herzen gehen
könne. Der hatte aber seinen guten Grund, traurig zu sein, denn er
wußte, was geschehen würde. Es geschah auch. In demselben Jahre noch
ist fast die ganze Stadt abgebrannt und des Alten Haus dazu. Es war nur
gut, daß es gerade Eins schlug, als er aus dem Kreise sprang; sonst
wäre es wohl noch schlimmer für ihn geworden.
386. Der Scharfrichter und sein Schwert.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 37.)
Zur Zeit, da in Joachimsthal das Hochgericht bestand, bewohnte der
Scharfrichter, mit dem niemand verkehren wollte, ein einsames Häuschen
im untersten Stadtteil. Häufig besuchte eine Frau des Henkers Familie.
So oft sie mit ihrem Kinde in die Stube trat, hörte das Weib des
Scharfrichters die in dem Waffenschranke hängenden Schwerter dumpf
aneinander schlagen. Auf diesen merkwürdigen Vorfall machte das
Weib endlich ihren Mann aufmerksam, der darüber nicht die geringste
Verwunderung aussprach. Als der Scharfrichter eines Tages bemerkte,
daß die Frau mit dem Kinde sich seiner Wohnung näherte, öffnete er den
Schrank, worin sich die Schwerter und die übrigen Hinrichtungswerkzeuge
befanden. Kaum hatten die erwarteten Ankömmlinge des Gemaches
Schwelle überschritten, so bewegte sich sofort das größte Schwert im
Schranke, berührte die daneben hängenden Schwerter und verursachte ein
unheimliches Geklirre. »Arme Frau,« sprach bewegt der Scharfrichter,
»meine Freundespflicht befiehlt mir, Euch eine höchst traurige
Mitteilung zu machen. Ihr werdet an Eurem Kinde viel Kummer und Schmerz
erleben, denn es wird durch Henkershand sein Leben enden. Seht, wie
sich dort das Schwert bewegt, dessen Klänge Ihr hört! Dies alles
zeigt mir an, daß Euer Kind einst hingerichtet werden wird durch mein
Schwert.« »Um Gotteswillen! ich beschwöre Euch,« rief laut schluchzend,
händeringend und schreckensbleich die Mutter, »sucht das gräßliche
Los von meinem Kinde abzuwenden!« »Soll Euer Kind dem schmählichen
Tode entgehen«, entgegnete der Henker, »dann muß ich dessen Körper
mit dem Schwerte ein wenig ritzen, auf daß dieses sich mit dem Blute
des bestimmten Opfers färbe.« Sprach's nahm das Schwert und brachte
mit demselben dem Kinde eine leichte Wunde bei. -- Die dankbare Frau
setzte mit dem Kinde ihre Besuche bei der Scharfrichtersfamilie fort,
doch das Schwert blieb fortan ruhig im Waffenschranke hängen.
387. Der Traum auf Augustusburg.
(Ziehnert, Sachsens Volkssagen. Anh. No. 20.)
Kurfürst August I., der Erbauer der Augustusburg, hatte auf derselben
ein Schlafgemach, darin zwei Betten standen, das eine für ihn selbst,
das andere für seinen Kanzler, einen Edlen von Pflug. Neben dem
Bette des Kurfürsten aber stand ein Tisch, auf welchem stets eine
aufgeschlagene Bibel lag, weil der fromme Kurfürst jedesmal vor dem
Schlafengehen ein Kapitel aus derselben zu lesen gewohnt war.
Einst schlief er ruhig in seinem Bette, da hatte er folgenden Traum:
Ein Mönch und eine Nonne traten in das Gemach und schritten zu dem
Tische, auf dem die Bibel lag und das brennende Nachtlicht stand. Der
Mönch nahm die Bibel auf und las darin, legte sie aber bald wieder
verdrießlich weg und wollte das Licht ausblasen. Als ihm aber das trotz
aller Anstrengung nicht gelingen wollte, ward er darüber voll Ärger
und eilte der Thüre zu. Hierauf versuchte auch die Nonne das Licht
auszublasen, und blies es auch aus, jedoch nicht ganz. Denn kaum, daß
sie mit dem Mönche zur Thür hinausgeeilt war, da entzündete sich die
Kerze, an deren Dochte noch einige Fünkchen glommen, plötzlich wieder
und brannte mit schöner, heller Flamme.
Dieser Traum schien auf den Kurfürsten einen tiefen Eindruck gemacht
zu haben, denn als er früh in der fünften Stunde erwachte, war das
erste Wort, das er nach dem Morgengruße an den Kanzler richtete:
»Ich habe einen seltsamen Traum gehabt in dieser Nacht!« Da nun der
Kanzler antwortete, daß auch er, obgleich er bis nach Mitternacht wach
geblieben, gar seltsame Dinge gesehen habe, so that der Kurfürst den
Vorschlag, daß sie beide ihr Gesicht alsbald aufzeichnen wollten; dies
geschah denn auch, und als sie fertig, teilten sie das Geschriebene
einander mit. Wunderbar genug hatte der Kanzler ganz dasselbe mit
wachen Augen gesehen, was dem Kurfürsten im Traume vorgekommen war, und
noch wunderbarer war es, daß das von ihnen Aufgezeichnete in jedem Wort
und Buchstaben vollkommen übereinstimmte. Der Kanzler wußte nicht, was
er davon denken sollte; der Kurfürst aber sprach: »Es wird dermaleinst
nach meinem Tode auch ein Augustus in diesem Lande regieren, der wird
die evangelische Lehre unterdrücken wollen, aber nicht können, denn
Gottes Wort und Luthers Lehr' vergehen nun und nimmermehr!«
Nach andern Nachrichten soll der Kurfürst eine harte Verwünschung
desjenigen unter seinen Nachkommen, der die Lutherlehre anfeinden
würde, in der Bibel aufgezeichnet haben.
Ob der Mönch und die Nonne jemals wieder in Augustusburg erschienen
sind, davon hat niemand etwas erfahren. Die obige Geschichte aber
erzählen viele Chroniken.
388. Die Kurfürstin Margarethe wird durch einen Traum vor den
Prinzenräubern gewarnt.
(Johann Vulpius, ~Plagium Kauffungense~, d. i. die Chur-Fürstl. Sächß.
Printzen Entführung aus dem Schlosse zu Altenburg. Anhang zu Daniel
Wilh. Triller, Der sächs. Prinzenraub, 1743. S. 199.)
Die Nacht zuvor, ehe der Kurfürst Friedrich der Sanftmütige in der
Woche nach Mariä Heimsuchung 1455 von Altenburg aus eine Reise
nach Leipzig unternahm, während welcher die beiden Prinzen Ernst
und Albrecht durch Kunz von Kauffungen entführt wurden, hatte die
Kurfürstin geträumet, es wäre ein grausames wildes Schwein gekommen,
welches in einem angenehmen Garten eingebrochen sei. Dasselbe habe sich
unterstanden, neben den Reben und Gewächsen fürnehmlich die junge,
schön aufwachsende Raute zu verderben und niemand habe ihm Widerstand
gethan, bis endlich noch ein Bär (dessen Bild des errettenden Köhlers
Schmidt Nachkommen auch später ins Wappen erhielten) herzugelaufen,
welcher des wilden Schweines Wüten mit seiner Tatze gesteuert habe.
Deshalb hat auch die Kurfürstin ihren Gemahl gebeten, die Reise
aufzuschieben. Der Kurfürst aber hat darauf geantwortet, Träume wären
Schäume; wer auf Träume achte, greife nach dem Schatten.
389. Ein Traum verkündet Freibergs Befreiung von den Schweden.
(Christ. Lehmann, Schauplatz etc. S. 793.)
Im Jahre 1642 lebte in Elterlein eine sehr andächtige Jungfrau von 24
Jahren, Margarethe, Christoph Landrocks Tochter, welche sich vor den
schwedischen Einfällen sehr fürchtete und daher herzlich für sich und
die belagerte Stadt Freiberg betete. Am Neujahr 1643 stand sie vom
Schlaf auf, war ganz freudig und sprach: O, nun bekommen die Schweden
die Stadt Freiberg nicht; heute sahe ich im Traume, daß zwar der
Torstensohn die Stadt an einer Kette hatte, aber es kam ein vornehmer
Reiter mit einem bloßen Schwerte geritten, der hieb die Kette mit
einem Streich entzwei, daß der Torstensohn mit der halben Kette
zurückfiel, darüber seine Soldaten erschraken und ausrissen. Nach 7
Wochen ging der Traum aus und der Feind mußte abziehen.
390. Ein Geist zeigt eine Mordthat an.
(~Curiosa Sax.~ 1762. S. 242. Darnach Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen,
No. 228.)