Drohmann, der sich und seine alte gebrechliche Mutter durch sein
Handwerk schlecht und recht ernährte, nach Rothenhaus bei Görkau,
um Schlachtvieh einzukaufen. Er verspätete sich daselbst, da er
nichts Passendes hatte finden können, und begab sich bei schon
hereingebrochener Nacht nach Görkau, wo er Speise und Trank zu sich
nahm und dann den Heimweg nach Komotau einschlug, als gerade der
Türmer 11 Uhr blies. Er bemerkte es nicht, wie vom Milleschauer her
schwarze, dichte Gewitterwolken herzogen. Bald brauste der Sturmwind
einher, grelle Blitze beleuchteten auf Augenblicke den Weg und die
ganze Gegend bis zu den Gipfeln des Erzgebirgs, und der Donner kam
prasselnd und krachend im Gefolge. Lazarus beflügelte seine Schritte,
um noch die Stadt vor dem völligen Ausbruch des Unwetters zu erreichen,
aber vergeblich; gerade noch eine Viertelstunde war er von derselben
entfernt und er hatte eben den Eichenwald betreten, dessen Platz jetzt
der See einnimmt, als das Gewitter mit aller Macht entfesselt wurde.
Er suchte vor dem herabströmenden Regen und dem wütenden Sturme hinter
einem dichten Eichengestrüppe notdürftigen Schutz und verfiel bald, von
der Müdigkeit übermannt, trotz Sturm und Wetter in einen festen Schlaf.
Plötzlich, es schlug gerade 12 Uhr auf dem Komotauer Turme, fuhr,
wenige Schritte von ihm entfernt, ein greller Blitz in die Erde und
erleuchtete Gras, Gestrüpp und Bäume tageshell. Der grelle Lichtschein
und der damit verbundene Donnerschlag erweckten ihn gewaltsam und er
fuhr entsetzt in die Höhe. Da sah er, betäubt und staunend, wie der
Blitzstrahl einige Sekunden auf einer Stelle wie festgebannt haften
blieb, dann sich aber teilte, indem ein Teil des Strahles in die Höhe
ging, der andere jedoch in der Erde verschwand. Lazarus war voll
Schreck und Staunen einige Zeit sitzen geblieben. Endlich, nachdem
er sich von seiner Betäubung erholt hatte, sprang er auf und setzte,
da auch das Unwetter bereits weiter gezogen war, den Rückweg fort,
im Herzen Gott dankend, daß ihn der Blitzstrahl nicht getroffen, und
erreichte glücklich seine Hütte.
Nach acht Tagen wanderte Lazarus abermals Geschäfte halber nach
Rothenhaus. Auch diesmal schlug er den Rückweg bei vorgerückter Nacht
ein. Seinen Weg beleuchtete jedoch der freundliche Mond und wohlgemut
trat er in den Schatten des Eichenwäldchens, wo er vor wenigen Tagen
dem Tode, wie er glaubte, nur durch ein Wunder entronnen war. Wie er so
sinnend auf dem weichen Rasen dahinschritt, stand plötzlich ein Mädchen
in hellstrahlender Schönheit vor ihm.
Der Mond beschien durch die Zweige der Eichen ihre freundlich
lieblichen Züge, und von ihrem weißen Gewande schien selbst ein heller
Schimmer abzugehen. Sie grüßte ihn und reichte ihm ihre Hand. Er fragte
verwundert: »Woher kommst Du und was willst Du?« »Ich komme weither aus
schönen Landen und gehe dorthin, wo mich meine innere Stimme ruft. Ich
fliehe die Nähe böser Menschen, aber gute suche ich auf und beglücke
sie. Du hast ein gutes Herz, ich will Dich daher glücklich machen,
komm' und folge mir.« Die holde Erscheinung schritt voran, so leicht,
daß sie kaum den Boden zu berühren schien, freudig und beklommen
zugleich folgte ihr Drohmann. Nach einigen hundert Schritten machte sie
halt und zwar merkwürdigerweise auf derselben Stelle, wo er sich vor
acht Tagen vor dem Ungewitter verborgen hatte. Kein Laut, kein Ton war
zu vernehmen, selbst das Heimchen schlief, überall herrschte die Stille
des Grabes. Da ertönten von der Stadt her die ernsten, tiefen Töne
der Mitternachtsstunde und wie auf einen Zauberschlag begann es sich
überall im Wäldchen auf dem Grase, zwischen den mächtigen Baumstämmen
und dem niedrigen Gebüsche zu regen und zu bewegen; kleine Männlein
mit Schurzleder und Kappe angethan, mit Hauen und Schaufeln versehen,
eilten geschäftig herbei und begannen genau an dem Punkte, wo der eine
Blitzstrahl sich in die Erde gesenkt hatte, zu graben, zu schaufeln und
die Erde in winzigen Karren wegzufahren, daß es eine Lust war, ihnen
zuzusehen. Im Umsehen war ein Stollen in die Erde getrieben und schon
kamen daraus Männchen zum Vorschein, welche winzige Fäßlein pustend
und schnaufend heraufrollten, die wiederum von anderen auf Wägelchen
geladen und fortgeschafft wurden. Lazarus sah schweigend und verwundert
dem geschäftigen Treiben der Gnomen zu, da schlug es 1 Uhr und wie mit
einem Schlage war alles verschwunden, die Zwerge, der Stollen, die
Fäßchen und Wägelchen, und Stille herrschte wieder ringsum. Er glaubte
aus einem Traume erwacht zu sein. Wie er sich jedoch umsah, stand noch
neben ihm das schöne Mädchen. Dasselbe sah ihn mit ernster Milde an und
sprach: »Du sahest hier das Bild künftigen Fleißes. Die Erde, worauf
wir stehen, birgt in ihrem Schoße Alaun und Schwefel. Ihr Gewinn gehört
Dir. Gehe morgen wieder hierher, aber allein, und grabe um die zwölfte
Stunde auf dem bestimmten Platze; wenn Du drei Schuh tief gegraben
hast, wirst Du das Gesuchte finden. Dann erst können andere Dir helfen.
Der Schatz, der in der Erde schlummert, ist groß, hebe ihn zu Deinem
und der Mitmenschen Frommen. Wehe aber,« fuhr sie in noch ernsterem
Tone fort, »wenn das Werk gierig und hastig, oder lässig und unachtsam
betrieben wird, dann werden die Erdgeister den Schatz der Mutter Erde
den Lässigen und Unachtsamen entrücken und sein Segen wird dem Lande
für immer verschwunden sein. Lebe wohl!« Damit reichte sie ihm die Hand
und ging schwebenden Ganges zwischen den Eichen dahin und je weiter sie
ging, desto mehr schien es, als ob es ein heller Nebelstreif wäre, der
sich am Waldesrasen dahinzog und der in der Ferne endlich verschwand.
-- In der folgenden Nacht verließ Lazarus heimlich seine Hütte, ohne
der alten Mutter etwas von dem Erlebten mitgeteilt zu haben, und mit
Spitzhaue und Schaufel versehen eilte er dem bekannten Wäldchen zu.
Wiederum ballten sich über dem Erzgebirge Gewitterwolken zusammen,
er aber ließ sich dadurch nicht in seinem Vorhaben zurückschrecken,
glaubte er ja sicher und fest an die ihm gewordene Verheißung. Um 12
Uhr war er am Platze angelangt. Da brach aber auch mit furchtbarer
Gewalt das Gewitter los und unter betäubendem Donner fuhr ein Blitz
herab und senkte sich in geringer Entfernung von ihm in die Erde,
alle Gegenstände ringsum grell beleuchtend. Dort erkannte er auch
die Stelle, an welcher tags vorher die Zwerge gearbeitet, und nun
begab er sich herzhaft ans Werk. Kaum hatte er mehrere Schuh tief
gegraben, so stieß er auch auf das verheißene Alaun- und Schwefelerz.
Frohlockend verließ er den Platz und eilte, da es Tag geworden, nach
Sebastiansberg, um der Bergobrigkeit seinen großen Fund anzuzeigen. Er
erhielt hierauf vom Erbherrn von Komotau, Johann von der Weitmühl, die
Rechte und Privilegien, welche zum Betriebe des Bergwerkes notwendig
waren, und nun begann ein reges Leben im stillen Eichenwäldchen, so wie
er es früher schon erschaut. Er wurde ein reicher Mann und sein altes
Mütterchen erlebte noch frohe Tage.
Und die armen Bewohner der Stadt, des Landes und Gebirges genossen
mit an dem Segen der Erde, und derselbe schien bei fleißigem und
verständigem Betriebe eher zu- als abzunehmen, denn -- wie der dürre
Merten prophezeit hatte -- »das Alaunerz wuchs unter der Stadt mit
Gewalt.« Aber die ausgesprochene Drohung der weißen Jungfrau sollte
ebenfalls in Erfüllung gehen. So lange das Werk mit Fleiß und Sorgfalt
betrieben wurde, trug es reichlichen Gewinn und war ein Segen für
Stadt und Land. Da kam es jedoch in habsüchtige Hände, es sollte
rasch und viel gefördert werden, die Gänge und Stollen wurden nicht
mit der alten Sorgfalt getrieben und erhalten, weil die Kosten der
Erhaltung gescheut wurden. Da stieß man eines Tages in einem neu
angelegten Stollen auf ungewöhnlich reiche Alaungänge, aber auch beim
Weitergraben auf eine Quelle, deren Wasser lustig hervorsprudelte.
Ein erfahrner alter Bergmann riet dem Bergwerksvorsteher, hier nicht
weiter graben zu lassen, sondern den Stollen zu verbauen; aber sein
Rat wurde verworfen, der prophezeiten Gefahr durch die kleine Quelle
gespottet, winkte ja in dem neuen Stollen reicher Gewinn. Aber siehe,
je weiter man arbeitete, desto mächtiger sprudelte die Quelle hervor,
alle Versuche, sie zu verstopfen, mißlangen, das Wasser füllte den
neuen Stollen, es stieg in die alten und stieg von Stunde zu Stunde
immer höher, so daß die Bergleute eilig die Schächte verlassen mußten
und keiner mehr in die Tiefe hinab fahren konnte. Endlich stieg es im
mächtigen Schwalle bis zum Ausgange und füllte schließlich die Tiefe
des ganzen Kessels und beherrschte als Sieger den ganzen Raum, wo
früher viele zufriedene Menschen thätig gewesen waren. So entstand
der jetzige Hütten- oder Alaunsee aus einer kleinen Quelle, und so
war die Drohung in Erfüllung gegangen. Die Erdgeister hatten den
Schatz wieder hinabgesenkt in die Erde, und die Wassergeister hüten
ihn mit zähem Neide bis an den heutigen Tag. Selbst auf dem Wasser
des Sees scheint noch der alte Fluch zu liegen, denn nichts lebendes
kommt darin vor, kein Fisch schnellt über dem Spiegel nach spielenden
Mücken empor, kein Wasserkäfer rudert darin emsig hin und her, sein
Ufer bedeckt kein rauschendes Schilf, in welchem der Rohrsperling
sein Unwesen treibt oder der Rohrsänger seinen schönen Gesang ertönen
läßt und das Wasserhuhn scheu sich birgt, nur selten lassen sich im
Fluge, von seinem Spiegel gelockt, Wasservögel darauf nieder, um ihn
enttäuscht nach kurzer Rast wieder zu verlassen; es herrscht auf ihm
die Stille und der Friede eines Kirchhofes. Die Quelle, welche den
See geschaffen, sprudelt noch fort. Wenn im Winter der Frost seine
Decke darüber spannt, friert die Stelle am spätesten zu und sie birgt
gebrechliches Eis. Schon manches Opfer der Unvorsichtigkeit hat sie in
ihre Tiefe gezogen.
Im Komotauer Stadtarchive befindet sich eine Original-Urkunde, nach
welcher der Komotauer Bürger Lazarus Drohmann im Jahre 1558 das
Privilegium, auf Alaun und andere Mineralien bauen zu dürfen, erhielt.
370. Der gute Brunn zu Niederzwönitz.
(Meltzer, ~Hist. Schneebergensis~, S. 871--875.)
Im Jahre 1608 hat sich der gute Brunn auf dem Streitwalde bei
Niederzwönitz offenbaret, weil er viel Leute gesund machte. Eine
Bäuerin aus Kühnheide hat nämlich dieses Brunnens heilsame Kraft durch
einen Traum offenbart bekommen, nachdem sie 14 Jahre lang einen bösen
Schaden an einem Schenkel gehabt und viel daran ausstehen müssen. Sie
hat, als sie nach ihres Traumes Anweisung den Brunnen nicht sogleich
finden konnte, viel alte Leute gefragt, ob nicht bevor in dieser Gegend
ein gewisser Heilbrunnen vorhanden gewesen oder noch anzutreffen sei.
Da habe sie endlich einen hundertjährigen Mann angetroffen und sich
bei demselben weiter erkundigt. Derselbe habe die Bäuerin getröstet
und ihr angezeigt, daß er den Brunnen wüßte; das Wasser desselben habe
schon viele gesund gemacht und es sei deshalb früher an demselben eine
Kapelle zu Ehren der heiligen Anna aufgebaut gewesen. Darauf habe er
das Weib an den Ort geführt, worauf es auch nach des Brunnens Gebrauch
von ihrer Krankheit befreit worden sei.
Im Jahre 1646 ist dieser Gesundbrunnen, der auch der Brunnen zu den
drei Tannen genannt wurde, aufs neue in Aufnahme gekommen; jedoch soll
derselbe jetzt 12 Lachter höher hinauf seinen Ausfluß gehabt haben.
Einem Mägdlein zu Gablenz, so einen Kern im Auge gehabt, träumte, es
solle sich zu dem Drei Tannen-Brunnen führen und daselbst sich waschen
lassen, so würde es sehend werden. Und da es dem Vater solchen Traum
erzählet und inständig angehalten, er möge es dahin führen, habe es
den alten Brunnen, dahin sie gelanget, nicht für den rechten Brunnen
erkannt, sondern gesagt, es wäre gar ein kleines, frisches Brünnlein.
Und da hierauf der Vater seitwärts abgegangen und den neuen Quell in
einem morastigen Sumpfe gefunden, hätte er dem Kinde die Augen dreimal
mit dem Wasser gewaschen und etwas davon mitgenommen, und da er mit
dem Waschen aus diesem Wasser fortgefahren, in der That erfreulich
empfunden, daß das Mädchen auf dem Auge wieder sehend wurde. Darauf ist
denn ein großer Zulauf der Leute von nahen und fernen Orten entstanden,
so daß an manchem Tage wohl vier-, fünf- und mehr hundert Personen
auf dem Platze sich befunden hätten, welche das Wasser teils kalt
getrunken, teils gewärmet oder Suppen daraus gemachet, teils sich damit
gewaschen oder zum Bad gebraucht hätten. Es hat auch seine Kraft und
Wirkung an vielen kranken Personen gezeigt.
Die Sage, daß im Jahre 1646 der gute Brunnen aufs neue in Aufnahme
gekommen sei, scheint sich auf eine zweite Quelle, welche man nach
der Angabe Engelhardts (Erdbeschreibung von Kursachsen, 2. B.,
S. 219) in dem genannten Jahre fand und Krätzbrunnen nannte, zu
beziehen. Die erste Quelle soll bereits 1498 oder 1501 entdeckt
worden sein und sich so heilsam gezeigt haben, daß man bei ihr die
in der Sage erwähnte Kapelle zu Ehren der heiligen Anna erbaute.
Dieselbe ging jedoch bald wieder ein; doch blieb der Name St.
Annenbrunnen, aus welchem das Volk später »Tannenbrunnen« oder
»Brunnen zu den drei Tannen« machte, weil drei Tannen in seiner
Nähe standen. Rings um den Brunnen baute man Hütten und es wurden
Predigten und Betstunden bei der Quelle gehalten.
371. Entdeckung eines Heilbrunnens zu Grumbach.
(Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 242.)
In Grumbach wohnte ein feiner, ehrlicher Mann, Daniel Nestler, welcher
große Beschwerung im Leibe hatte; diesem träumte im Jahre 1646 von
einem Gesundquell. Er ging darauf durch Wiesen auf einem gebahnten Wege
an die Stelle, welche nahe am Walde und nicht weit von dem sogenannten
Thumshirn-Brunnen lag. Als er von dem neuen Quell getrunken hatte,
grimmete es ihm erstlich sehr im Leibe, doch wurde er darauf seine
Beschwerung los. Weil dann aus Meißen und Böhmen ein großer Zulauf
wurde und man das Wasser im warmen Bad gebrauchte, hielt man dabei
Betstunden und vermahnte zugleich, das Wasser behutsam zu gebrauchen.
Der oben genannte Thumshirn-Brunnen hat seinen Namen von einem
Generale, welcher 1548 mit einigen Regimentern auf Befehl des
Kurfürsten Joh. Friedrich nach Böhmen zog und an dem Brunnen sich
lagerte.
372. Die Kraft des Bernsbacher Heilbrunnens geht bald verloren.
(Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 243.)
Das Geschrei vom Bernsbacher Heilbrunnen entstand im Jahre 1684. Denn
als die Kirchleute am 7. Sonntage nach Trinitatis nach Hause gingen,
sahen sie ein Wasser, das mitten im Wege in ungewöhnlicher Weise
emporquoll. Das ungebändige Volk lief zu und brauchte den Brunnen mehr
zum Schaden als zum Nutzen. Denn bei manchen unreinen Leibern blieb er
sitzen und machte große Ungelegenheit, etliche purgierte er heftig,
etliche gar nicht. Einigen machte er die blöden Augen klar, anderen
aber verdunkelte er dieselben. Es verschwand aber die heilsame Kraft
samt dem Brunnen, nachdem dabei viel Unfug getrieben worden war.
373. Die Heilquelle bei Hartessenreuth.
(Grohmann, Sagen aus Böhmen, S. 257.)
In der Nähe des Dorfes Hartessenreuth ist ein Brunnen, dessen Wasser
heilkräftig sein soll. Am Rande dieses Brunnens pflegt zur Adventszeit
in der Nacht ein altes Weib zu sitzen, und wenn jemand in später Nacht
vorbeigeht, so hockt sie sich ihm auf und läßt sich bis zum nächsten
Kreuzwege schleppen. Dort springt sie herab und eilt lachend zum
Brunnen zurück. Vor alten Zeiten soll hier ein Einsiedler seine Hütte
erbaut haben. Jeden Morgen ging er zum Brunnen, wusch sich dort und
verrichtete dann sein Gebet. Darin wurde er aber durch einen höllischen
Lärm gestört und wenn er aufblickte, sah er, daß hinter dem Brunnen
ein altes Weib hockte und ihn störte. Er suchte die Hexe zu bannen,
aber sie rührte sich nicht von der Stelle. Da rief er im Zorne: »So
verfluche ich Dich, ewig bei diesem Brunnen zu sitzen, aber das Wasser
des Brunnens soll heilkräftig werden und Du sollst zusehen, wie die
Menschen, die krank hierher kommen, fröhlich von dannen ziehen!« Seit
dieser Zeit ist der Brunnen heilkräftig geworden, das alte Weib aber
sitzt heute noch an seinem Rande.
374. Der Ursprung der Quelle bei Hartessenreuth.
(Grohmann, Sagen aus Böhmen, S. 256.)
In der Nähe von Mariakulm liegt auf einer Anhöhe das Dorf
Hartessenreuth. Am Fuße dieser Anhöhe erstreckt sich eine breite
Wiese und in derselben ist eine Quelle, deren Wasser fortwährend
in sprudelnder Bewegung ist, wodurch ein deutlich hörbares Brausen
entsteht, so daß man glaubt, das Wasser siede. Dort, wo jetzt die
Quelle sprudelt, stand früher ein Gehöfte, das von einem Bauer mit
seinem Weibe und seinen Knechten bewohnt ward. Der Mann und das Gesinde
waren sehr gottesfürchtig, das Weib aber nicht. Sonn- und Feiertage
wurden von ihr nicht geheiligt; sie hatte die Gewohnheit, während
der Messe Garn zu sieden. Der Mann hielt ihr das oft vor, aber sie
antwortete jedesmal mit Schimpfworten. Einst, als sie wieder des
Sonntags anfing Garn zu sieden, wurde der Bauer zornig und sprach:
»Dich soll das Donnerwetter bei lichtem Tage holen!« Darauf ging er
mit seinen Knechten in die Kirche. Sie waren noch nicht lange dort,
als sich ein furchtbares Gewitter erhob; es blitzte und donnerte
schrecklich. Der Bauer dachte dabei an die Worte, die er gesprochen
hatte und es wurde ihm bange. Die Bäuerin daheim aber kümmerte sich
um das Unwetter gar nicht, sondern ging unbesorgt ihrer gewöhnlichen
Beschäftigung nach. Da wurde es plötzlich finster wie die Nacht, ein
Blitz entfuhr den Wolken und schlug in das Gehöfte. Kaum aber hatte
er die Erde berührt, so öffnete sich diese und verschlang das ganze
Gehöfte samt der Bäuerin. Die oben genannte Quelle soll nun der Hafen
sein, worin sie das Wasser kochte und deshalb ist das Wasser darin
fortwährend in siedender Bewegung.
375. Der Wunderbrunnen auf dem Pöhlberge bei Annaberg.
(Chronica der Bergstadt St. Annaberg. I. 1746. S. 5.)
Es wird erzählt, auf dem Pöhlberge solle ein Wunderbrunnen sein, den
aber nicht jedermann finden und sehen könne, der bald da wäre, bald
aber wieder verschwinde, und säße eine Jungfer dabei.
~Dr.~ Ewald Dietrich führt in den romantischen Sagen des Erzgebirges
I. Bd. No. 1 die obige Sage unter der Überschrift: »Die Jungfrau
des Bielberges« noch weiter aus. Diese novellistische Bearbeitung
trägt aber ganz unverkennbar das Gepräge des Selbsterfundenen und
Gemachten, so daß Abstand genommen wurde, sie hier, wenn auch nur
in gekürzter Form, wieder zu geben, obschon dies Gräße in seinem
Sagenschatze gethan hat. Siehe auch No. 46.
376. Von den wunderbaren Eigenschaften des Zöblitzer Serpentins.
(Steinbach, Historie des Städtchens Zöblitz, 1750, S. 28; Lehmann,
Schauplatz etc., S. 451.)
Man war ehemals der Meinung, daß der Serpentin ein gutes Gegengift sei,
da man in den Serpentinsteinbrüchen von Zöblitz niemals eine Otter,
Kröte, einen Molch oder dergleichen giftiges Tier gesehen habe. Daher
wurden aus dem Steine Pflaster und Pillen, sowie eine vortreffliche
Tinktur gemacht; das Pflaster gebrauchte man gegen Kopfschmerzen,
Reißen und Gicht, die Pillen gegen Schwachheit des Magens und die
Tinktur gegen Gift und »alle anfälligen Krankheiten.« Ein alter Reim
zählt auf, gegen welche Krankheiten sich der Stein als nützlich
erwiesen habe:
»Vor Leibes-Grimmen, Colica,
Vor Miltz, Gedarm oder Magen, da
Manches sich überspeiset hat,
Bringt seine Wärme guten Rath,
Wenn er auf'n Bauch geleget wird.
Und wo der Blasen-Stein sich rührt,
Hilft seine Wärme trefflich wohl,
Den man was tiefer legen soll.
An Händ und Füß das Zipperlein
Der warme Stein auch lindert fein.
Denen Kindes-Gebährerinn
Nimmt seine Wärm die Wehen hin.
In Schwindsucht macht er Kranke ruhn,
Wenn Lung und Leber wehe thun. etc.«
377. Die alte Linde auf dem Gottesacker zu Annaberg.
(Richter, Chronica der freyen Bergstadt St. Annaberg, 1746, S. 248.)
Auf dem Gottesacker zu Annaberg stehet eine große, schöne und mit
Ästen stattlich ausgebreitete Linde, unter welcher der Rat und die
Vornehmsten aus der Stadt auf Stühlen zu sitzen pflegen, wenn die
Trinitatispredigt unter freiem Himmel jährlich zu Mittage gehalten wird.
Man hat die Tradition, daß diese Linde bei folgender Gelegenheit
umgekehrt hierher gesetzt worden sei. Ein Marstaller allhier auf St.
Annaberg habe einen ruchlosen Sohn gehabt, welcher sonderlich an
keine Auferstehung habe glauben wollen, daher ein Priester sich alle
Mühe gegeben, diesen bösen Menschen auf bessere Gedanken zu bringen.
Derselbe sei mit dem ruchlosen jungen Burschen auf den Gottesacker
gegangen und habe ihm daselbst vorgestellt, daß dieses das Feld des
Herrn sei; wie der ausgestreute Same auf dem Felde aufginge und herfür
wachse, so würden auch diese Begrabenen, so zu sagen, als ein Samen,
wieder aus der Erde am jüngsten Tage herfür kommen. Darauf habe dieser
junge Mensch eine noch kleine Linde auf dem Kirchhof erblicket, solche
angesehen und zu dem Priester gesagt, so wenig als diese Linde, wenn
man sie ausreißen und umgekehrt mit den Ästen in die Erde setzen
wollte, ausschlagen würde, so wenig würden diejenigen, welche einmal
tot wären, wiederum lebendig werden und auferstehn. Hierauf habe der
Priester, in göttlichem Eifer entbrannt, geantwortet, er wüßte gewiß,
Gott würde so gnädig sein, und um solche Ruchlosigkeit zu strafen, ein
Zeichen seiner Allmacht sehen lassen, er wolle diese Linde umgekehrt
lassen in die Erde setzen, und würde sie ausschlagen, so sollte er
hiervon seinen bösen Unglauben kennen lernen, welches auch hernach also
geschehen.
Die der Frigg geheiligte Linde war Liebesbaum, welcher nicht bloß
von Liebenden besucht, sondern auch als äußeres Zeichen der Liebe,
welche über das Grab hinaus dauert, auf den Friedhöfen angepflanzt
wurde. Außerdem galt sie unsern Vorfahren als Dingbaum, unter welchem
Beratungen gehalten und Recht gesprochen wurde. Die Mitglieder des
Annaberger Rats setzten sich zum Zeichen ihrer Würde und Gewalt auch
während der Predigt im Freien unter den Lindenbaum. -- An unsere
Sage erinnert die von der großen Linde auf dem Nikolai-Kirchhof in
Görlitz, insofern auch dieser Baum, verkehrt eingepflanzt und so noch
fortgrünend, einen Glaubenssatz als Wahrheit bestätigte. Als nämlich
zu Ende des 16. Jahrhunderts der in den Verdacht des Calvinismus
gekommene Pfarrer Martin Moller zu Görlitz sterben wollte, sagte er
zu den Seinen: »Wenn ich werde gestorben sein, so pflanzt auf mein
Grab eine junge Linde mit den Zweigen in die Erde. So gewiß diese
Linde wachsen wird, so gewiß habe ich auch Gottes Wort rein und
lauter gelehrt und gepredigt.« Dieser sein letzter Wille geschah und
was er gesagt hatte, traf ein, so daß alles sich hoch verwunderte und
viele gläubig wurden. (Haupt, Sagenbuch der Lausitz, II. No. 125. 2.)
378. Der dürre Lindenstab.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 52.)
Einstmals zog aus einem Städtchen, im Innern Böhmens gelegen, ein armer
braver Jüngling mit Namen Georg, da der Kaiser die Kriegstrommel rühren
ließ, ins Feld, um als treuer Soldat für das bedrohte Vaterland zu
kämpfen. Er nahm von seinem lieben Mütterlein und von Maria, seiner
Verlobten, herzlichen Abschied und gab letzterer das Versprechen, nach
seiner Rückkehr sie als Gattin heimzuführen. Aber Jahr um Jahr verging,
ohne daß seine Angehörigen eine Nachricht von ihm erhielten. Endlich
ward der langwierige Krieg beendigt, und die siegesfreudigen Truppen
kehrten in die Heimat zurück, wo ihnen allenthalben jung und alt
einen festlichen Empfang bereitete. Auch Marie, die unter Hoffen und
Harren sechs kummervolle Jahre verlebt hatte, eilte auf die Landstraße
hinaus, um ihren Bräutigam zu empfangen, allein er kam nicht. Dies gab
ihrer Mutter, welche die Hand ihrer Tochter schon längst dem reichen
Nachbar Paul zugesagt hatte, eine willkommene Veranlassung, in sie zu
dringen, Georg, der entweder im Kampfe gefallen sei oder sich unter
liederlichem Gesindel herumtreibe, zu vergessen und in die glänzende
Partie einzuwilligen. Jedoch Marie blieb standhaft und hielt fest an
Georg. -- Als aber Mutter und Verwandte sie mit wiederholten Bitten und
mit ungestümen Drohungen bestürmten, gab sie dem Verlangen nach und
erbat sich ein Jahr Aufschub; denn sie hoffte mit aller Zuversicht, daß
innerhalb dieser Frist ihr Verlobter heimkehren werde. Doch auch das
siebente Jahr verstrich ohne Georgs Rückkehr, und Marie wurde Pauls
Gattin.