Als eines Tages die Not aufs Höchste gestiegen war, und er sich weder

zu raten noch zu helfen wußte, nahm seine Frau ihr teuerstes Kleinod,

einen feingestickten Schleier, der noch von all ihren Habseligkeiten

übrig geblieben war, in die Hand. Ihn hatte am Hochzeitsfeste die gute

Mutter ihr ins Haar geknüpft und gesegnet, darum war der Schleier

ihr so lieb und wert. Sie betrachtete denselben unter tiefem Seufzen

lange mit thränenfeuchten Blicken; denn zentnerschwer drückte ihr

Herz der schreckliche Gedanke, ihr kostbarstes Pfand mütterlicher

Liebe zu veräußern. Endlich entschloß sie sich, freilich schweren

Herzens, zum Verkaufe des Brautschleiers. Aus dem gelösten Gelde

kaufte Basler, nachdem er für das nötige Brot gesorgt hatte, Unschlitt

ein, um sein Geleucht aufschütten zu können. Er wollte nämlich, um

sein Glück zu versuchen, noch einmal anfahren, dann aber, falls auch

dieser Versuch mißglückte, den Bergbau, der ihn zum Bettler gemacht,

aufgeben. -- Als sich nun Basler zur Fahrt nach der Grube gerüstet

hatte, sprach er, treu seinem gewohnten Spruche: »Bete und arbeite!«

ein herzinniges Bergmannsgebet, fuhr hierauf ein und schritt an's

Tagewerk. »Herr«, sprach er zu sich selbst, Du kennest mein ehrliches

Sinnen und Trachten, sowie meinen und der Meinigen Jammer und Gram;

erbarme Dich unser und segne heute meiner Hände Arbeit, damit ich viel,

recht viel zur Verherrlichung Deines Hauses beitragen kann!« -- Es

gingen nämlich gerade zu derselben Zeit -- es war im Jahr 1536 -- die

Grafen Hieronymus und Laurenz Schlick daran, in Joachimsthal, dem rasch

aufgeblühten und zu den schönsten Hoffnungen berechtigenden Bergorte,

eine neue, stattliche Kirche zu bauen. Wie sehr mochte sich wohl unser

frommer Basler, der früher so reiche Bergherr, gekränkt haben, daß er

jetzt in seiner größten Armut gar nichts zum Baue des Gotteshauses

beisteuern konnte! Er ergriff, gestärkt durch sein unerschütterliches,

festes Gottvertrauen, sein Gezäh und arbeitete mit solcher Kraft,

daß das Gestein weit umhersprang. Da bemerkte er auf einmal, daß das

Unschlitt in seiner Lampe zu Ende ging; er wollte nun sein Geleucht

wieder auffüllen, allein das Unschlitt war verschwunden. Bestürzt und

unmutig, daß ihm auch seine letzte Hoffnung vereitelt sei, suchte er

nach dem Unschlitt und sah eine Maus mit demselben ihrem sicheren

Verstecke zueilen. Über das mutwillige Tierchen erzürnt, erfaßte

Basler seinen Schlägel und warf nach dem Mäuschen. Aber nicht dieses

zerschmetterte sein wuchtiger Wurf, sondern das Felsgestein an der

Öffnung der Wand, in der das Mäuschen verschwunden war. Doch siehe, was

schimmert da unserm Basler entgegen? Ists bloß blendender Schein oder

Wirklichkeit? Er prüft und findet, daß eine Silberader sich vor ihm

geöffnet hat. So wurde mit einemmale Basler auf höchst merkwürdige und

überraschende Weise wieder in den Stand gesetzt, den Bergbau mit vielen

Knappen zu betreiben. Er ward gar bald ein reicher Mann, der aber auch

als solcher seinem früheren einfachen und frommen Lebenswandel treu

blieb. Sein Gelübde erfüllte er treulich. Er spendete für die Kirche zu

Joachimsthal ein silbernes Kreuz und ließ überdies einen Predigtstuhl

verfertigen, dessen Stütze ihn selbst im Bilde in Wams und Bergkappe

darstellte.

Noch bis zum furchtbaren Brande des 31. März 1873 konnte man diese

interessante Bergmannsfigur in der reichen und geschichtlich

merkwürdigen Dekanatkirche zu Joachimsthal, die an dem genannten Tage

ebenfalls zerstört wurde, unter dem Predigtstuhle sehen.

Baslers Frau, vom ungewöhnlichen Glücke berauscht, vergaß Tugend und

Frömmigkeit und wurde über alle Maßen stolz und hochmütig. Als ihr

Mann auf der Totenbahre lag und die Bergknappen beim Einsegnen vor dem

Hausthore standen und nach ortsüblicher Weise das Trauerlied mit den

Worten beendigten:

»Du bist, Herr, stark in Deinem Arm,

Du machst bald reich und machst bald arm«,

da sprang die Übermütige, prangend im kostbaren Kleide und strahlend im

Diamanten- und Perlenschmucke, zum offenen Fenster und rief voll Zorn

und Hohn hinab: »Frau Basler kann und wird niemals verarmen!«

Noch in erhöhterem Grade gab sich Frau Basler von jetzt an der

Verschwendung hin; sie lebte in Saus und Braus, so daß ganz unbemerkt

die Silberschätze in ihren Kästen und Truhen gleich einer Seifenblase

zerrannen. Eines Tages stand sie auf der Prager Brücke. Da zog die

Prahlerin einen prächtigen Siegelring vom Finger, warf ihn in die

Moldau und rief:

»So wahr, als mein Ring nicht kehrt nach Haus,

So wahr schöpf' ich meine Schätze nicht aus!«

Ein Fisch aber hörte die übermütigen Worte der frevelnden Baslerin und

sah das kostbare, blitzende Ringlein; da dachte er bei sich: »Ohnedies

harrt der Tod mein, es soll auch für Dich der Tod sein!« Bald ließ der

Lachs, der den Ring verschlungen hatte, sich fangen. Und siehe da! Des

andern Tages brachte ein Fischer einen Fisch, in dessen Bauche sich der

Ring befand, der zur Frau Baslerin heimgekehrt war; und wie der Ring

kam zurückgeschwommen, so ist sie hülflos auch verkommen. -- Die Maus

hat Baslern zum Reichtume verholfen, der Fisch der Baslerin zur Armut.

Einzelne Züge dieser Sage haben große Ähnlichkeit mit solchen in der

folgenden Sage von den Tellerhäusern bei Oberwiesenthal.

362. Die Tellerhäuser bei Wiesenthal.

(Nach Ziehnerts poet. Beh. in Gräße, Sagenschatz etc. No. 502.)

Um das Jahr 1570 lebte zu Wiesenthal ein blutarmer, aber frommer und

fleißiger Bergmann, namens Teller, der bei einer Grube beschäftigt war,

die auf einmal keine Ausbeute mehr gab und deshalb von ihrem Besitzer,

einem reichen Geizhals, nicht mehr bebaut ward. Ebenso vergebens wie

er von Letzterem seinen rückständigen Lohn zu bekommen gesucht hatte,

sah er sich nach neuer Arbeit um; er hatte eine kranke Frau und drei

Söhne zu Hause, allein er hatte kein Brot für sie und so mußte er nach

und nach alles, was er besaß, verkaufen. So kam der Ostermorgen heran

und das letzte, was noch zu Gelde gemacht werden konnte, war bereits

weggegeben. Siehe, da zog es ihn nach der Kirche, und als er traurig an

den Eingang derselben getreten war, kam es ihm vor, als sehe er sich im

Festtagsgewande, eine Stufe glänzenden Silbers auf der Schulter, an der

Kanzel stehen. Er rieb sich die Augen, wendete sein Gesicht weg, aber

sobald er wieder auf jenen Punkt schaute, stand auch sein Doppelgänger

wieder da. Er verließ endlich die Kirche, und auf dem Wege nach seinem

Hause begegnete ihm ein wohlgekleideter Unbekannter, der ihm, als er

von ihm befragt, warum er so traurig aussehe, seine Not geklagt hatte,

ein großes Geldstück schenkte. Damit kaufte er die notwendigsten

Bedürfnisse und begab sich nach Hause. Hier hatte er aber keine Ruhe,

denn überall sah er das gehabte Gesicht vor sich, und es kam ihm vor,

als ziehe ihn sein Doppelgänger nach jener eben aufgegebenen Grube hin.

Endlich konnte er nicht mehr diesem innern Drängen widerstehen, daher

kaufte er sich von dem noch übrig gebliebenen Gelde von dem Bergmeister

die Erlaubnis, in der auflässigen Grube zu bauen, und fing eifrig an

einzuschlagen. Allein seine zwei Hände brachten wenig vorwärts, der

Tag verfloß und er war auf kein edles Metall gestoßen; schon war der

zweite halb zu Ende und er machte eben Anstalt, sein letztes Stücklein

Brot zum Mittagsmahl zu sich zu nehmen, als aus einem Loche im Gestein

ein Mäuschen herauskroch und ungescheut die heruntergefallenen Brosamen

auflas. Er ließ dasselbe ruhig gewähren, als es aber anfing auch

sein Grubenlicht zu beknabbern, warf er sein Fäustel nach demselben.

Statt daß aber die Maus davon getroffen ward, sprengte er ein starkes

Stück Gestein los, und siehe, hinter demselben lag ein reicher Gang

gediegenen Silbers zu Tage. Kaum wollte er seinen Augen trauen, allein

er konnte nicht zweifeln; er eilte nach Hause, um seine Familie mit

der frohen Kunde zu erfreuen, und so ward er in wenigen Tagen aus

einem armen Häuer ein reicher Bergwerksbesitzer. Allein er vergaß

darum seine früheren Leiden nicht, er blieb bis an seinen Tod einer

der frömmsten und mildthätigsten Männer in der ganzen Gegend. Seinen

drei Söhnen erbaute er von seinem Reichtum drei kleine Güter in einer

wildromantischen Gegend zwischen Wiesenthal und Rittersgrün, die

heute noch die Tellerhäuser genannt werden, sich selbst ließ er ganz

so, wie er sich an jenem Ostermorgen in der Kirche gesehen hatte, im

Sonntagsputze des Häuers in Holz aushauen und dies Bild zum Andenken in

jener Kirche aufstellen, wo es noch zu sehen ist.

363. Die neue Grube bei Preßnitz.

(Ed. Wenisch in der Erzgebirgs-Zeitung, 2. Jahrg., S. 2.)

Unweit der Bergstadt Preßnitz steht an der Straße, welche von Dörnsdorf

dahin führt, eine Marienstatue. Dieselbe stellt die Mutter Gottes mit

dem Jesuskindlein dar, welches die Erdkugel und das Scepter in seinen

Händchen hält. Neben dem Gnadenbilde stand vor vielen, vielen Jahren

eine unansehnliche, kleine Berghütte mit einer ergiebigen Grube. Im

Volksmunde lebt noch die Sage fort, welche sich an die Statue und

die Berghütte knüpft. Zur Zeit einer großen Teuerung lebte in einer

windschiefen, halbverfallenen Hütte des Erzgebirgs eine arme, brave

Bergmannsfamilie. Schlecht und recht, wie es eben bei einem Bergmanne

möglich ist, hatte der arbeitsame Vater in bessern Tagen sein Weib

und seine vier Kinder im Schweiße seines Angesichts ernährt. Heute

aber saß er gar tiefbekümmert, das Haupt gebeugt, die schwieligen

Hände gefaltet, im Kämmerlein, denn weder ein Bissen Brot noch ein

roter Pfennig war in der Hütte. Als er sein Weib vor Not heiße Thränen

weinen sah, und seine sterbenskranken Kinder vor Hunger schrieen, da

wollte dem Vater vor Gram und Kummer schier das Herz zerspringen.

Nicht länger litt es ihn unter seinem Dache. Viel Schönes hatte er ja

von der Mildthätigkeit der Menschen erzählen hören, warum sollte er

dieselbe nicht auch in seiner hartbedrängten Lage in Anspruch nehmen?

Und er ergriff, den seinigen Trost zusprechend, den Wanderstab, um in

den benachbarten Dörfern wohlthätige Mitmenschen um Gaben für seine

hungernde Familie anzuflehen. Wo er anklopfte, ward ihm zwar aufgethan,

allein überall traten ihm bleiche, darbende Gestalten entgegen, die

selbst bittere Not litten und darüber klagten; denn schwerer als

jeder andere Landesteil war diesmal das blutarme Erzgebirge von der

ausgebrochenen Teuerung heimgesucht. So kam unser Bergmann ganz

hoffnungslos vor Preßnitz an. Der schreckliche Gedanke, daß seine

Familie nun dem Hungertode zum Opfer fallen müsse, brachte ihn zur

Verzweiflung. Ermattet brach der Lebensmüde auf dem Wege zusammen und

wollte, da er gerade einen Strick bei sich hatte, Hand an sich legen,

um so allem Elende mit einemmale zu entgehen. Doch von neuem erwachte

in ihm sein echt christlicher Sinn und verscheuchte das wahnsinnige

Hirngespinst; er nahm seine Zuflucht zur gnadenreichen Gottesmutter,

sank auf die Knie und verrichtete ein kräftiges Gebet, das lindernden

Balsam in sein wundes Herz träufelte, so daß alsbald Friede in

dasselbe einkehrte. Vom Schlaf überwältigt, legte der Hungrige sein

müdes Haupt auf den Rasen und schlief ein. Da klang es um ihn her wie

himmlischer Engelschor, und im strahlenden Lichtglanze erschien Maria,

die Himmelskönigin, mit dem holden Jesuskindlein auf dem Arme. Mit

wundermilden Blicken näherte sie sich dem Bergmann und sprach: »Wach'

auf, öffne die Erde unter deinem Haupte und vertraue fest auf Gott!«

Der Bergmann erwachte; heiliger Schauer durchrieselte seine Glieder,

da er noch immer die überirdischen Klänge zu vernehmen meinte. Neu

gestärkt sprang er auf, ergriff, um sich zu überzeugen, ob er geträumt

oder gewacht habe, seinen wuchtigen Wanderstab und wühlte an jener

Stelle, wo er geschlafen, die Erde auf. Kaum hatte er diese einige

Zoll aufgeschürft, da sank er plötzlich in die Knie, hob seine Hände

gen Himmel und rief aus: »Gepriesen sei der allmächtige Gott und die

seligste Jungfrau Maria, ich bin gerettet!« Ein Klumpen Gold lag zu

seinen Füßen, der nun aller Not ein Ende machte. Mit beflügelten

Schritten eilte der Bergmann zu den Seinigen heim und verkündigte ihnen

mit freudestrahlendem Gesichte das wunderbare, rettende Ereignis. Wer

beschreibt wohl den Jubel der armen Familie, die auf überaus seltsame

Weise in die Lage kam, sich die lange entbehrten Nahrungsmittel

anzuschaffen und so ihre Gesundheit bald wieder herzustellen? Gottes

reicher Segen aber begleitete auch fernerhin die Unternehmungen des

Bergmanns, der von jetzt an auf eigene Faust den Bergbau an jener

wunderbaren Stelle betrieb und daselbst viel edles Erz zu Tage förderte.

Zur bleibenden Erinnerung an die glückliche Errettung seiner Familie

ließ der Bergmann aus tiefer Religiosität und Dankbarkeit neben der

kleine Berghütte eine Statue der heiligen Jungfrau Maria errichten und

lebte mit den Seinen noch viele Jahre glücklich und zufrieden.

364. Die Grundsteinlegung der St. Wolfgangskirche in Schneeberg.

(Mündlich.)

Es wird erzählt, daß man anfangs beabsichtigt habe, die St.

Wolfgangskirche in Schneeberg auf dem Platze zu erbauen, wo gegenwärtig

die Bürgerschule steht. Als man aber daselbst den Grundstein legte,

verschwand derselbe zweimal nach einander. Da erschien einem Bergmanne

im Traum ein Grubenmännchen, welches ihm die Stelle zeigte, auf welcher

die neue Kirche erbaut werden sollte. Als man daselbst den Grundstein

legte, blieb er liegen. Darauf führte das Männchen den Bergmann in die

Tiefe und zeigte ihm unter dem Platze die reichen Silbererze.

365. Der goldne Hirsch auf dem Kuhberge.

(Mitgeteilt vom Lehrer Ludwig in Stützengrün.)

Man erzählt sich, daß auf dem Kuhberge bei Stützengrün, links von dem

Fahrwege, welcher von genanntem Orte auf den Berg führt, in einer

mit Heidekraut überwachsenen grubenartigen Vertiefung ein goldener

Hirsch vergraben liege. Wenn der Hirsch aufgefunden wird, was bestimmt

geschehen soll, wird der Kuhberg zur Stadt werden. Einen Brunnen auf

dem Kuhberge heißt man Goldbrunnen.

Nach altüberlieferten Vorstellungen, welche besonders in deutschen

Volksmärchen einen Nachklang haben (als z. B. das Marienkind ein

wenig an den Glanz der Dreieinigkeit rührte, wurde ihm der Finger

golden), war nicht nur der Götterhimmel golden, sondern auch der

Leib der Götter selbst und ihrer Lieblingstiere von einem Geblüt

durchronnen, welche reines Gold ist. Golden ist der Hirsch, weil er

der Leben nährenden Sonne angehört. (Rochholz, Deutscher Glaube und

Brauch, I. S. 4--7.)

366. Die Eselswiese bei Zwickau.

(Nach der poetischen Bearbeitung Ziehnerts bei Gräße a. a. O. No. 610;

z. T. mündlich.)

Südlich von Zwickau liegt eine Wiese, die man Eselswiese nennt. Diese

Wiese soll einst von einem Zauberer bezaubert worden sein, der auf

ihr einen gefährlichen Fall gethan, so daß, obschon schönes Gras und

Klee darauf wuchs, sie doch von ihrem Besitzer durchaus nicht benutzt

werden konnte, weil die Milch des Viehes, das von demselben fraß, so

blau wie Indigo ward. Nun hatte aber nicht weit von der Wiese ein armer

Holzmacher seine ärmliche Hütte gebaut; derselbe wurde, da er drei

Esel besaß, der Eselsgürge genannt, und er war allgemein wegen seiner

Gutherzigkeit beliebt und gern gesehen. Der zog sich das Gras dieser

Wiese zu Nutze und seine Esel wurden dick und fett davon.

Einst, bei einem heftigen Gewitter, pochte es des Nachts an seine

Hütte, und als er die Thür öffnete, da trat eine wunderschöne Jungfrau,

die trotz des Unwetters ganz trocken war, weiß verschleiert herein,

rosenfarbene Sandalen an den Füßen und einen goldenen, mit Diamanten

gezierten Kranz auf dem Haupte. Sie setzte sich an seinen Tisch, als

er ihr aber Essen und Trinken, sowie sein armseliges Binsenlager zum

Schlafe anbot, wies sie beides zurück und sagte, sie bedürfe dieser

irdischen Erholung niemals, und auf sein Befragen, wohin sie wolle,

entgegnete sie: »Nach oben, wo ich herkomme«. Der arme Gürge legte

sich hierauf verwundert wieder nieder, als aber der Morgen anbrach,

weckte sie ihn auf, um Abschied zu nehmen, und als er sie ein Stück

Weges begleitete, fragte er sie, ob sie nicht die heilige Jungfrau

selbst sei, sie gleiche gar zu sehr dem Bilde derselben, wie er es

in den Kirchen so oft gesehen. Darauf antwortete sie: »Ja, ich bin

es; Du aber, guter Gürge, sollst den Lohn für Deine Gastfreundschaft

heute Abend erhalten, wenn Deine Esel von der Weide zurückkehren«.

Damit verschwand sie. Als nun die Sonne im Untergehen war, da ging

Gürge voll Neugier seinen Eseln entgegen, allein er konnte nichts an

ihnen wahrnehmen, als daß ihre Mäuler blutig waren. Da es nun auf

der Wiese weder Dornen noch scharfe Gräser gab, solche die Esel auch

bekanntlich wegen ihrer Hartmäulichkeit nicht verwunden können, so

begab er sich an Ort und Stelle und trat plötzlich auf etwas Spitzes.

Er griff darnach und zog einen Goldbarren aus der Erde, ja er fand ohne

viel Mühe eine Menge davon; er holte darauf seine Esel, die sich davon

blutig gefressen, und trieb sie schwerbeladen in sein Hüttchen zurück.

Am andern Morgen aber, wie er seinen Reichtum beschaute, beschloß

er davon eine Kirche zu bauen. Dies soll die Marienkirche sein. Das

Volk aber hält noch heute die hölzerne Statue des Obristwachtmeisters

von Heldreich († 1674), welche sich über der Thür zur sogenannten

Götzenkammer in der erwähnten Kirche befindet, für das Bild des armen

Eselgürge, den man auch zum Stammvater der Herren von Römer gemacht hat.

Nach einer andern mündlichen Überlieferung soll das gefundene Gold

eine zapfenähnliche Form gehabt haben. Die Menge desselben betrug zehn

Scheffel.

367. Des Schlackenmanns oder albernen Mannes Loch.

(Heger und Lienert, Ortskunde von Schmiedeberg, 1879, S. 62.)

Das oben genannte Loch befindet sich unweit des »alten Schlosses«,

eines Schlackenhügels auf Pleiler Gemeindegebiet, und ist ein alter

verfallener Stollen, welcher von einem Irrsinnigen (Albernen) in den

Berg getrieben worden sein soll. Nach einem in der Nähe befindlichen

großen Schlackenhaufen, in welchem er oft herumwühlte, erhielt der

Alberne auch den Namen Schlackenmann. Der Schlackenmann soll Silbererze

gesucht und in Menge gefunden haben. Er verbarg sie aber so gut in

seinem Loche, daß sie bisher niemand aufzufinden vermochte. Da er für

seinen Schatz fürchtete, vermied er ängstlich jeden Umgang mit Menschen

und kroch stets in das Bergloch, sobald jemand sich näherte. Hier

ist er auch einsam verstorben. Sein Name und Andenken aber sind im

Volksmunde noch lebendig.

Ein ähnlicher verfallener Bergstollen befindet sich auch hinter der

Bogmühle. Er wird das Türkenloch genannt, nach einem Manne türkischer

Abstammung, der hier gleichfalls Bergbau auf edles Erz getrieben

haben soll. Der Türke hatte es jedoch nicht auf den Gewinn abgesehen,

legte auch keinen Schatz an, wie der geizige Schlackenmann, sondern

holte sich von dem Silbererz immer nur nach Maßgabe seiner leiblichen

Bedürfnisse.

368. Die Grube »himmlisches Heer« bei Annaberg.

(Novellistisch von Textor in »Die romantischen Sagen des Erzgebirgs«,

I. 1882, S. 225 etc. Darnach bei Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen, No.

523.)

Einst lebte in der Gegend des heutigen Annabergs ein armer Bergmann,

mit Namen Daniel, der reich mit Kindern, aber nicht mit zeitlichen

Gütern gesegnet war, und sich, weil seine Frau schwer erkrankt war, in

großer Not befand. Denn die Grube am südlichen Abhange des Pöhlberges,

wo er arbeitete, war unergiebig. Wie er nun mit seinem Gevatter, dem

Steiger, lange vergeblich gearbeitet hatte, fiel auf einmal ein Teil

des Gesteins von selbst herab und sie sahen einen mächtigen Gang

reichen Erzes vor sich; eine Stimme aber rief: »Daniel! Ich bin der

Fürst der Berge! Was Du in diesem Schachte gewinnst, ist Dein, ich

schenke es Dir!« Jener aber sprach: »Ich kann nicht annehmen, denn

es gehört den Gewerken«. Als nun der Berggeist ihn noch mehrmals

aufgefordert hatte, das Gefundene zu nehmen und an seine Frau und

Kinder zu denken, er aber sich weigerte, verschwand auf einmal der

ganze Erzgang wieder. Daniel ging traurig nach Hause, als er aber dort

ankam, kam ihm seine Frau völlig gesund entgegen und sagte, es sei ein

fremder Bergmann dagewesen, habe ihr Brot, Fleisch und Wein für ihre

Kinder gebracht, und sie aus einem kleinen Fläschchen trinken lassen,

und seitdem seien alle ihre Schmerzen verschwunden, jener aber habe

gesagt, ihre Not werde bald aufhören, das lasse ihr der Fürst der Berge

sagen. In der Nacht träumte aber der fromme Bergmann, der Berggeist

stehe vor ihm und sage ihm, zum Lohn für seine Redlichkeit wolle er

ihn glücklich machen, er solle früh auf den Schreckenberg gehen, dort

werde er Feuer vom Himmel fallen sehen, und an dieser Stelle solle er

einschlagen. Wie gedacht, so geschehen, er ging in den Wald; plötzlich

fuhr aus heiterem Himmel ein Blitz in eine hohe Fichte, und als jener

die bergmännische Rute an den Wurzeln des Baumes schlagen ließ, da

entdeckte er beim Nachgraben einen reichen Silbergang. Diesen mutete

er und sein Gevatter Steiger und beide wurden schnell reich; die Grube

aber nannte man das himmlische Heer.

369. Der Alaunsee bei Komotau.

(Fr. Hübler in der Comotovia. 4. Jahrg., S. 76 etc.)

Eine Viertelstunde nordöstlich von Komotau liegt an der Straße und

nächst dem Fußwege, welcher nach dem benachbarten Görkau führt, die

Alaun- oder Schweizerhütte, eine Restauration im Schweizerstile,

welche wegen ihrer reizenden Lage für die Bewohner Komotau's einen

beliebten Ausflugsort bildet. Sie liegt in einem Kessel, welcher

gegen Westen von einem schönen Eichenwäldchen, dem sogenannten

Hüttenbusche, im Nordosten und Süden von Obstgärten eingesäumt ist,

welche den in der Mitte des Kessels liegenden Hütten- oder Alaunsee

einschließen. Auf dem Platze nun, den jetzt die spiegelglatte Fläche

des Sees bedeckt, befand sich vor 300 Jahren ein Alaunbergwerk, von

dessen Dasein noch rote Hügel an seinem Ufer zeugen. Bevor noch die

Gewässer des Sees aus der Tiefe der Erde hervorquollen, befand sich

dort ebenfalls ein Eichenwäldchen, wohin an Sonn- und Feiertagen die

ehrsamen Bürgersleute Komotau's mit Weib und Kind hinauszogen, um sich

zwischen den Bäumen und auf dem Rasen zu erlustigen und besonders an

den milden Frühlingsabenden im Mai dem Gesange der Nachtigallen zu

lauschen, welche sich sonst dort, wie in der Gegend überhaupt, in viel

größerer Anzahl aufgehalten haben sollen, als jetzt. Noch heutzutage

sieht man an dem Ufer des Sees die mitunter mächtigen Baumstrünke

der abgesägten oder umgeschlagenen Eichenstämme wie Klippen aus dem

Wasser hervorstehen, und schon mancher Lustfahrende hat mit ihrer Tücke

Bekanntschaft gemacht, saß auf und konnte nur mit Mühe sein Fahrzeug

wieder flott machen. -- Über die Auffindung des Alaunbergwerkes und den

Ursprung des Sees erzählt nun die Sage folgendes:

Um die Mitte des 16. Jahrhunderts lebte in Komotau ein Mann, der »dürre

Merten« genannt, welcher im Besitze der schwarzen Kunst und als Prophet

in der Stadt eine bedeutende Rolle spielte, und welcher allgemein

wegen seiner Weisheit geehrt, aber auch wegen seiner Prophetengabe und

übernatürlichen Geheimmittel gescheut wurde. Er erreichte ein Alter von

118 Jahren, lebte am Ende seiner Tage im Komotauer Spitale und fand

schließlich einen gewaltsamen Tod durch Mörderhand. Er erließ viele

Prophezeiungen, die lange im Volksmunde blieben und jetzt noch nicht

völlig verwischt sind. Seine größte Prophezeiung bezog sich auf den

30jährigen Krieg und dessen Grund, auf das Erscheinen der Jesuiten in

Komotau, und auf das tragische Ende des Georg Popel von Lobkowitz, des

ehemaligen Herrn von Komotau. Außerdem prophezeite er einst: »Auf einer

Wiese, welche von drei Seiten ein Kessel einschließt, ist ein großer

Schatz verborgen, der durch Jahrhunderte Menschen und Geschlechter

ernähren wird.«

Viele Leute von Geldgier getrieben, suchten emsig solche Plätze, welche

mit der Prophezeiung übereinstimmten, auf und gruben, mit Schaufel

und Haue bewaffnet, zur Nachtzeit nach dem verborgenen Schatze,

erschreckten sich wohl oft gegenseitig, konnten jedoch nichts auffinden.

Sagenbuch des Erzgebirges · 第 33 / 62 段