auf den bei deutschen und Slaven verbreiteten Glauben, daß man auf
den durch glühende oder erloschene Kohlen oder Flämmchen angezeigten
Schatz eiserne und stählerne Gegenstände, besonders Messer u.
dgl., aber auch Geldstücke, selbst Brot oder ein auf bloßem Leibe
getragenes Kleidungsstück werfen müsse, um beim Heben des Schatzes
alle Gefahr von sich abzuwenden. (Jac. Grimm, Deutsche Mythologie,
1835, S. 544. Veckenstedt, Wendische Sagen etc., 1880, S. 356.)
334. Der Schatz im Kloster Grünhain.
(Gießler, Sächsische Volkssagen. Stolpen o. J. S. 453.)
In der Klosterkirche zu Grünhain liegt angeblich ein großer Schatz
begraben. Im März des Jahres 1657 hat der Schäfer Eucharius Bömely
zu Grünhain einen Bergmann 6 Tage und Nächte darnach graben lassen,
aber als derselbe in der letzten Mitternacht gehoben werden sollte, so
bewegte der Bergmann mit der Keilhaue eine Wand, ließ sie jedoch der
Schwere wegen wieder gehen, worauf die Wand eine Viertelelle tiefer
sank und mit ihr der vermeinte Schatz. Man ließ sofort einen gewissen
Rutengänger Tippmann kommen, der das Vorhandensein des Schatzes mit der
Rute feststellte, doch brachte man nichts zustande, da der Schatz unter
großem Geräusche immer weiter vorrückte. Es ist ein »großer, reicher
Schatz gewesen, so einst der Abt zu Ebersbach in Franken Siegmund
Siegeln anvertraut, aber wohl sehr flüchtig und schwer zu erlangen und
darum ist es auch mißlungen«, erläutert die Chronik.
335. Der Alpstein zwischen Müdisdorf und Helbigsdorf.
(Nach Mitteilung des Ratsaktuars Fr. Köhler in Sayda.)
Ungefähr in der Mitte zwischen Müdisdorf und Helbigsdorf erhebt sich
in der Flur des letzteren Ortes auf dem höchsten Punkte des dasigen
Geländes ein Gneiskegel, der »Alpstein« genannt. Vor einigen Jahren
ist derselbe zum Teil abgetragen und beim Bau einer Scheune verwendet
worden. Von diesem Alpstein erzählt die Sage, daß sich daselbst zu
Zeiten ein Hund mit feurigen Augen, sowie ein schwarzes Männchen habe
sehen lassen. Wer diesen Erscheinungen folge, der würde nach der Stelle
geführt werden, wo bei dem Steine ein Schatz vergraben liege. Selten
aber wird jemand zur Nachtzeit an dem Steine vorübergegangen sein.
336. Die goldene Kette vom weißen Fels im Hartensteiner Walde.
(Mündlich.)
An dem auf der Höhe des rechten Muldenufers mitten im Walde zwischen
Schloß Stein und Niederschlema sich erhebenden weißen Fels soll eine
goldene Kette liegen, welche in gewissen Nächten aus der Tiefe steigt
und sichtbar wird. Einst träumte einem Manne in Lößnitz, daß er an dem
weißen Fels sein Glück machen werde, er solle nur in einer gewissen
Nacht um die Mitternachtsstunde dorthin gehen. Der Mann that es, und da
sahe er an dem genannten Felsen eine goldene Kette liegen, so groß wie
eine Hemmkette. Beherzt ergriff er dieselbe, da sie aber zu schwer war,
so faßte er sie am ersten Gliede und schleppte sie hinter sich fort.
Auf dem Nachhausewege aber sah er neben sich allerlei Spuk und er hörte
auch dicht hinter sich einen greulichen Lärm. Doch ließ er sich dadurch
nicht stören, sah sich auch nicht um, sondern er zog die Kette mit sich
fort bis vor seine Wohnung. Da er aber die Hausthüre öffnen wollte,
wurde der Lärm noch größer und es klang, als ob alle bösen höllischen
Geister dicht an seinen Fersen wären. Jetzt konnte er es nicht mehr
verwinden, ohne einen Blick rückwärts in sein Haus zu treten, da er
sich nun für geborgen hielt. Er sah sich um; plötzlich aber wurde alles
still und die goldene Kette war verschwunden. Nur das erste Glied hielt
er in seiner Hand. Es war jedoch genug, um ihn zum vermögenden Manne zu
machen.
337. Der Schatz im roten Berge bei Werdau.
(Mündlich.)
Es war einmal ein Krieg ausgebrochen. Da vergrub einer aus der
berühmten und reichen Familie derer von Römer in dem roten Berge,
welcher sich nahe bei der Stadt Werdau erhebt, eine Braupfanne voll
Geld, um dasselbe vor den Feinden zu verbergen. Als dann jener Römer
starb, hinterließ er den Schatz demjenigen seiner Nachkommen, welcher
nur mit einem Auge auf die Welt kommen würde. Von da an sahe man lange
Zeit hindurch alle Nächte von 11 bis 12 Uhr auf dem genannten Berge ein
Licht, und es wurde gesagt, daß sich dasselbe gerade über der Stelle
befinde, an welcher in der Tiefe der Schatz verborgen worden war.
Ebenso zeigte man eine kleine Höhle als Anfang des Ganges, in welchem
man zu der mit Gold und Silber gefüllten Braupfanne gelangen könne.
Da nun kein einäugiger Römer geboren wurde, so beschlossen endlich
zwölf Männer, unter denen sich auch der Pfarrer von Werdau befand,
den Schatz zu heben. Ehe sie aber an's Werk gingen, segnete der
Priester sich selbst und die Teilnehmer in der Kirche ein, und sie
nahmen darauf ein aus Wachs geformtes einäugiges Kind mit, welches bei
Kerzenlicht feierlich getauft worden war. Mit brennenden Kerzen zogen
darauf alle in der Mitternachtsstunde nach dem Orte, an welchem der
Schatz verborgen war. Unter Furcht und Zittern waren sie vor der Höhle
angelangt und unter Gebet bereiteten sie sich zum Eintritte vor. Da auf
einmal that sich mit einem furchtbaren Getöse der rote Berg weit auf,
und ein feuriger Hund kam wie ein Löwe brüllend auf sie zu und rief:
»Welchen nehmen wir zuerst?« Eine Stimme aus der Tiefe aber antwortete:
»Den mit dem roten Tuche!« Wie die Männer diese schreckhaften Worte
hörten, flohen sie entsetzt und freuten sich, als sie aus dem Bereiche
des Ungetüms gekommen waren, ihres glücklich geretteten Lebens. Sie
erzählten zwar, daß sie noch im Innern des Berges die große, mit Geld
gefüllte Braupfanne gesehen hätten, doch da sie bald darauf, einer nach
dem andern, starben, so ist niemandem mehr die Lust angekommen, den
Schatz zu heben.
338. Der Schatz im Vorwerk zu Elterlein.
(Nach v. Weber, Aus vier Jahrhunderten, II., S. 415 bei Gräße,
Sagenschatz, 2. Aufl., Nr. 590.)
Bei Christoph Müller, Besitzer eines Vorwerkes zu Elterlein, diente
im Jahre 1702 eine gewisse Magdalena Gräßler, 18 Jahre alt. Dieser
erschien 14 Tage vor Johannis ein kleines Männlein mit einem grauen
Kopfe und Bart, in ein altes graues Röckchen gekleidet, und eröffnete
ihr, daß bei dem Backofen ein Kästchen mit Geld, welches eine alte Frau
in Kriegszeiten vergraben, sich befinde und 500 Thaler Geld enthalte.
Der Geist forderte sie auf, ihn zu begleiten, um den Schatz zu heben,
mit der Bemerkung, sie solle von dem Gelde 50 Thaler der Kirche zu
Elterlein, 50 Thaler ihrem Dienstherrn geben, die übrigen 400 Thaler
aber für sich behalten, aber nicht an Hoffart wenden, sondern ihren
alten Vater damit erhalten. Das Mädchen verkroch sich vor Angst in ihr
Bett, der Geist ließ sich aber nicht abschrecken, sondern kam in den
folgenden Nächten immer wieder, auch forderte er sie dringend auf,
den Schatz zu heben, bis sie am Abend vor Johannis ihm versprach, sie
wolle am nächsten Tage zu Mittag, aber nicht in der Gespensterstunde,
nach dem Schatze graben. Sie entdeckte sich nun ihrer Dienstherrin
und am Mittag begannen beide zu graben. Jene überließ jedoch bald
die beschwerliche Arbeit der Gräßler, indem sie sich neben derselben
hinlegte. Nach längerem Graben kam diese mit dem Spaten auf einen
breiten Stein, der bei dem Berühren des Eisens wie Kettengeklirr tönte.
Das Mädchen erhob den Stein, erblickte darunter ein Kästchen von
Eisen, etwa ½ Elle lang und 1½ Elle breit, erhielt aber gleichzeitig
von ihrer Dienstherrin einen Schlag aufs Kreuz, so daß sie sich umsah.
In diesem Augenblicke entstand ein heftiges Gepolter, das Kästchen
aber war verschwunden. In der folgenden Nacht erschien der Geist dem
Mädchen wiederum und sagte: »Du bist heute gestört worden, allein du
kriegst es noch, in sieben Jahren komme ich wieder, es ist niemandem
als dir beschert, bete fleißig!« Mit diesen Worten nahm das Männchen
Abschied, das Mädchen vermietete sich auf ein anderes Vorwerk, aber
Ende Juli 1705 hörte es die Stimme des Geistes, welcher sprach: »Ich
bin vor drei Jahren bei dir gewesen, und weil dein gewesener Herr das
Geld herausgegraben und gefunden hat, so melde ich es dir.« Die Gräßler
verlangte es auch von ihm und zwar auf gütlichem Wege, allein Müller
leugnete alles und gab nichts heraus.
339. Der Schatz des Seeberges bei Eisenberg.
(Lotti Cori in den Mitteilungen des Nordböhm. Excursions-Clubs, 1885,
S. 125.)
Auf dem Plateau des Seeberges oberhalb Eisenberg liegen die Trümmer
einer Burg zerstreut, welche längst von Grün aller Art überwuchert
sind. Der Volksmund weiß nicht anzugeben, ob es eine Grenzveste oder
ein Jagdschloß gewesen, doch wird die Erbauung in das achte bis zehnte
Jahrhundert verlegt. Die Sage erzählt, daß hier ein Burgfräulein die
vergrabenen Schätze bewache, und daß solches auch Holz und Beeren
suchende Leute schon zu verschiedenen Malen gesehen haben wollen;
doch nur einem Menschenkinde reinen Herzens sei es vergönnt, ihr zu
folgen. Ersteigt ein solches während der Passionsstunde den Berg, dann
erscheint das Fräulein demselben auf dreimaligen Ruf und winkt --
wortlos und ohne Furcht müsse man ihr folgen und könne dann Schätze
ungemessenen Wertes heben -- dann sei auch der Geist erlöst. Doch auf
den ersten Laut verschwinde die Erscheinung mit Weinen und Gebärden des
Leides.
340. Der Schatz auf dem Riesenberge bei Ossegg.
(A. Kunze in den Mitteilungen des Nordböhm. Excursions-Clubs, 1885, S.
124.)
Auf dem Riesenberge bei Ossegg steht ein Turm, worin ein Schatz
vergraben sein soll, und der Glückliche, der ihn einst heben wird,
muß erst geboren werden. Es werden einst zwei leibliche Geschwister
mit einander eine Ehe eingehen, und dieses Ehepaar wird vom Himmel
mit einem Kinde beschenkt werden. Dieses Kind aber muß in einer Wiege
»eingeschlummert« werden, deren Holz von einer Fichte stammt, die auf
dem Flecke gewachsen ist, unter welchem derjenige ruht, der den Schatz
in dem Turme vergraben hat. Wenn nun dieses Kind erwachsen sein wird,
so ist es berufen, den Schatz zu heben und wird ihn auch finden, ohne
daß es nach demselben sucht. Denn im Traume wird ihm gesagt werden,
daß es den Schatz heben soll, und es wird ihm auch die Stelle genau
bezeichnet werden. Dann erst, wenn der Schatz gehoben ist, wird auch
die arme Seele erlöst sein, welche bei Lebzeiten den Schatz vergraben
hatte.
341. Der Schatz im Kiefrig bei Haßlau.
(Nach einer Mitteilung des Seminarist Reinmuth.)
Eine halbe Stunde von Haslau entfernt liegt ein Wald, den man nach
dem Kiefernbestande das Kiefrig nennt. Hier befindet sich ein
Felsen, auf welchem einst ein Raubschloß gestanden haben soll,
und darnach nennt man den Felsen jetzt auch gewöhnlich kurz das
Raubschloß. Unter dem Felsen aber soll ein großer Schatz liegen. In
dem genannten Dorfe glauben manche Leute, daß verborgene Schätze am
Weihnachts-Heiligenabend gehoben werden können. Daher ging auch vor
wenigen Jahren ein Oberhaßlauer Bergarbeiter zu dieser Zeit hinaus zum
Raubschlosse, um daselbst den Schatz zu heben. Als er die üblichen
Zeichen gemacht hatte und nun im Begriffe war nachzugraben, erblickte
er auf einmal eine Gestalt, welche so zart wie Spinnwebe war. Diese
gespenstische Gestalt sprang plötzlich auf seinen Rücken und klammerte
sich an seinem Halse fest. Wie er dieselbe wieder los geworden, wird
nicht erzählt, wohl aber, daß sich der Mann, als er glücklich nach
Hause gekommen war, krank niederlegte und nicht wieder aufstand,
sondern nach einem Jahre starb.
VII.
Wundersagen.
Durch Wunder geschieht Übernatürliches, d. h. alles das, was sich über
die Naturgesetze erhebt. Wunder können daher nur Götter oder dämonische
Wesen verrichten; wo sie von Menschen verrichtet werden, da wohnt in
letzteren allemal etwas Dämonisches.
Wenn uns die Sagen von Wunderblumen erzählen, durch welche sich
Berge mit darin verborgenen Schätzen öffnen, so leben wir auf dem
Gebiete des Übernatürlichen, zugleich aber offenbart sich uns darin
eine tiefe Symbolik. Die ersten gelben, blauen, weißen oder roten
Frühlingsblumen sind die Abbilder des Blitzes, durch welchen Donar im
Frühlinge die Berge des Himmels, d. h. die Wolken erschließt, so daß
darauf die golden glänzende und Segen spendende Sonne sichtbar wird.
Unter gewaltigem Krachen öffnet sich der Berg, unter Donner die Wolke,
und Donar ist es selbst, welcher sie mit seinem Blitze öffnet, er ist
der Hirte, von dessen Hand die Blume abgepflückt ward, die dann den
Zugang zu den Schätzen im Innern des Berges erschloß. (Mannhardt,
Die Götter der deutschen und nord. Völker, S. 204.) In allen hierher
gehörigen Sagen ertönt die warnende Stimme: »Vergiß das Beste nicht!«
und so ist dieser Zuruf nach Jac. Grimm (Deutsche Myth. S. 545) wohl
die Blume selbst, unser »Vergißmeinnicht«, zu dessen Namen sich später
erst die sentimentale Deutung bildete, oder der »Gamander« und das
»Mausöhrchen«, welche beide ebenfalls vom Volke, das ihre Wunderkraft
berücksichtigte, als »Vergißmeinnicht« bezeichnet wurden. Oder die
Wunderblume ist die gelbe Schlüsselblume, das »Himmelschlüssel«,
worauf eine Sage hinweist, welche Henne-Am-Rhyn (Deutsche Volkssage,
S. 79) uns mitteilt. Darnach saß die Berg-Jungfrau am Steinböckli bei
Unter-Erendingen im Aargau als Hüterin auf einem Häuflein gepflückter
Schlüsselblümchen in der Morgensonne, ein Schlüsselbund, das sich hier,
wie in anderen Sagen, stets auf einen verborgenen Schatz bezieht, an
der Seite. Ein aufgehobenes Schlüsselblümchen verwandelte sich darauf
in der Hand eines Jünglings in ein hellglänzendes Goldstück. -- Wenn
oben auf die Symbolik des Blitzes als Wunderblume hingewiesen wurde,
so ist hier die Schlüsselblume unverkennbar eine solche, da sie sich
in den Händen des Jünglings in ein Goldstück verwandelt; nach einem
deutschen Volksglauben schlägt der Donner Gold ins Haus, und in Tyrol
sagt man von den nach einem Gewitter gefundenen Münzen, daß sie vom
Himmel gefallen seien.
Wie das Eisenkraut (~Verbena~) als »Wunschkraut«, wenn man dasselbe
beim Aufgehen des Hundssterns sammelte, ehe es von Sonne oder Mond
beschienen war, und ebenso die »Wünschelsamen«, d. h. die Sporen des
Farnkrauts, alle Wünsche erfüllten (Reling und Bohnhorst, Unsere
Pflanzen, S. 62 und 112), so galt auch die Wünschelrute unbeschadet
ihrer Beziehung zu Donar als wunderkräftiger Stab, der dem Menschen
von Odhin, als dem Herrn des Wunsches und Wisser der Orte, wo Gold und
Silber in der Erde liegen, verliehen ward. Nach Jakob Grimm drückt der
Wunsch den Inbegriff von Glück und Heil aus. Die Wünschelrute heißt
darum in David Kellners 1702 zu Nordhausen geschriebenen »~Schola
metallurgica~« oder »wohleingerichteten Bergmanns-Schule« auch
Glücksrute, und hinzugefügt wird dabei, daß man sie noch »Wicker« oder
»Wahrsager« nenne, »sintemal das alte deutsche Wort wicken so viel
ist, als vorher- oder wahrsagen.« Die Wünschelrute ist der Kompaß,
welcher in der Mitternachtsstunde des ersten Maitages den Ort anzeigt,
wo die Wunderblume blüht (Mannhardt a. a. O. S. 206); sie führt nach
den ältesten Überlieferungen zu verborgenen Schätzen, ja noch mehr
als dies: sie stärkte und vergrößerte fort und fort deren Gehalt und
verlieh dem Besitzer übermenschliche Kräfte, und darum sagt auch die
Edda von dem Nibelungenhorte, »dem Schatze, der nichts anderes als nur
Gestein und Gold enthielt,«
»Es lag der Wunsch darunter: von Gold ein Rütelein;
Wer dessen Kraft erforschte, der möchte Meister sein
Wohl auf der ganzen Erde und über jeden Mann.«
Hier wird die Wünschelrute golden genannt, und obschon man in der
Blütezeit ihres Gebrauchs vereinzelt auch aus Messingdraht gemachte
Ruten, ja selbst Lichtscheren, wie uns sagenhafte Überlieferungen
melden, mit gutem Erfolge anwandte, so war es doch hauptsächlich der
Haselstrauch und in einigen Fällen noch der Kreuzdorn, wenn der Zweig
in einem Jahre gewachsen und kein Flecken altes Holz daran war, von
welchem sie abgeschnitten wurde. Nach einer Kärntner Sage von der
Erbauung des Schlosses Waisenburg wurde ein Mädchen in einem Traume
belehrt, sie möge mit einem Wachholderzweige einen Schatz suchen; dort,
wo sich das Zweiglein der Erde zuneige, solle sie nachgraben. (Österr.
Touristenzeitung 1885, No. 10.) Der dem Donar geweihte Haselstrauch
ist nach der Sage mit wunderbaren Kräften ausgestattet. Sein Zweig
schützt gegen den Blitz, denn letzterer darf weder den Strauch, noch
denjenigen treffen, welcher unter ihm Schutz sucht; ein Haselstab, mit
einem Hollunderzweige übers Kreuz gebunden, schützt gegen das wütende
Heer; Haselzweige in den Ställen bessern den Viehstand auf; drei
derselben auf dem Boden einer Scheune sichern das Getreide gegen allen
Schaden; Kühe, von den Hirten mit Haseln an die Lenden geschlagen,
geben reichlich Milch; ein am Karfreitage vor Sonnenaufgang im Namen
des dreieinigen Gottes stillschweigend mit drei Schnitten abgelöster
Zweig überträgt die Schläge auf den Abwesenden, und so weiß das Volk
noch manche Kräfte zu nennen, welche dem Strauche verliehen wurden. Im
Schwarzwalde trugen einst die Hochzeitsleute eine Haselrute, und an
einigen Orten Frankreichs umtanzt man noch jetzt die Johannisfeuer mit
einem Haselzweige.
Für die Wünschelrute mußte vom Strauche eine jährige Zwiesel oder
Gabel, welche so stand, daß Ost- und Westsonne durch dieselbe schien,
im Mondschein geschnitten werden. Man wählte dazu am liebsten die
Johannis-, aber auch Christ- und Karfreitagsnacht, oder die der
heiligen drei Könige, nachdem man die Rute bei Neumond gesucht hatte.
Sie durfte weder mit Hülfe eines Messers oder anderen metallenen
Werkzeugs, sondern mußte mit einem scharfen Feuerstein rasch vom Stamme
gelöst werden, damit der Strauch nicht Zeit habe, die geheimnisvolle
Kraft aus dem Zweige herauszuziehen. Dabei kehrte man sein Angesicht
nach Morgen, neigte sich dreimal vor der Rute und sprach: »Gott segne
dich, du edles Reis! Mit Gott dem Vater such' ich dich, mit Gott dem
Sohne find' ich dich, mit Gott des heiligen Geistes Macht und Kraft
breche ich dich. Ich beschwöre dich Rute und Sommerlatte bei der Kraft
des Allerhöchsten, daß du mir wollest zeigen, was ich dir gebiete,
und solches so gewiß und wahr, so rein und klar wie Maria, die Mutter
Gottes, eine reine Jungfrau war, da sie unsern Herrn Jesum gebar, im
Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen!«
(Nork, Sitten und Gebräuche der Deutschen, S. 712.) Beim Gebrauche
faßte man die Rute an den beiden Zwieselenden, so daß sich der Stiel,
in welchem sie zusammenliefen, aufwärts kehrte. Kam man damit über
die in der Erde liegenden Erzgänge, so beugte sie sich gewaltig
nieder, während sie dann, wenn man dem Gange nicht folgte, sondern ihn
überschritt, gerade über sich unbeweglich stand. Etliche Rutenschläger
»gingen mit ihr stillschweigend über das Gebirge, etliche aber fragten
dieselbe entweder laut oder nur in Gedanken auf allerhand Manier
und faßten auch ein gewiß Metall, dergleichen sie gern erkundigen
wollten, daneben in der Hand.« »Es ist aber«, wie die oben genannte
~Schola metallurgica~ (S. 196) schreibt, »diese Wirkung der Rute ein
Wunder der Natur und verborgenen Sache, deren Ursache man nicht wohl
erkundigen kann, ebenfalls wie der Magnet das Eisen, der Agtstein, so
er erhitzet, das Stroh oder Sprey, der Serpentin oder Schlangenstein,
wo er im Felde lieget, die Schlangen an sich ziehet, und dergleichen
natürliche Wunder viele mehr.«
Nach Jacob Grimm unterschied man von der Wünschelrute mehrere Arten:
als Feuerrute, Brandrute, Springrute, Schlagrute und Beberute, und man
glaubte mit ihr nicht nur verborgene Schätze und Erzadern, sowie taube
Gänge, »alte Gebäude und Gezimmer in der Erde«, sondern auch Salz-
und Kohlenlager und Wasserquellen, ja Mörder und Diebe zu entdecken.«
(Grimm, Deutsche Myth. S. 546.) Der Verfasser der ~Schola metallurgica~
fügt außerdem (S. 490) hinzu, daß man von ihr fast alles erkundigen
wolle, was in der Welt geschähe, ob nämlich diese oder jene Person
zu Hause sei, oder ob man eine belagerte Festung erobern werde und
dergleichen mehr; doch kann er nicht umhin, dabei hinzuzusetzen, daß
ihm dieses sehr verdächtig vorkomme. Nach einer Überlieferung aus
Johanngeorgenstadt schlägt die Rute auch auf verborgene Rainsteine und
durch sie werden Diebe entdeckt und gestohlene Sachen wieder gefunden.
In das Bereich der Wundersagen gehören auch die Überlieferungen
von den Venedigern oder Wahlen, jenen rätselhaften Fremden, welche
außer dem Fichtelgebirge, Thüringerwalde, dem Vogtlande und andern
mitteldeutschen Gebirgen auch das Erzgebirge nach Gold durchsuchten
und von dem Volke mit übernatürlichen Kräften ausgestattet wurden. Sie
kannten das Innere der Berge, wuschen die Goldkörner aus dem Sande der
Flüsse und waren mancher Zauberkünste kundig. Vielleicht sind manche
der von ihnen meldenden Sagen auf die Schätze hütenden Berggeister
zurückzuführen, umsomehr, da in den Volkssagen der Oberpfalz die
Venetianer häufig Größe und Aussehen der Bergmännchen besitzen. In
der Bavaria (III. S. 269) deutet E. Fentsch die Wahlen als Wenden und
verweist dabei auf eine Ansicht von Baumers, nach welcher die Vallen
des Plinius ein slavischer Volksstamm waren, welcher beim Vordringen
aus dem Osten Europas bis in die Fichtelgebirgsgegend gelangte und dort
seine alte Kunst, nach Gold und andern Metallen zu graben, ausübte.
(Zapf, Sagenkreis des Fichtelgebirgs, S. 104.) Wir können dann noch
weiter gehen und auch die Venediger des Erzgebirges auf zerstreute
Sorben zurückzuführen, welche, als einem unterdrückten Volksstamme
angehörig, in der Überlieferung nach und nach zu zwerghaften Wesen
zusammenschrumpften. Meldet uns doch auch eine alte Nachricht, »daß
schon dreihundert Jahre vor Aufkunft des Goslarischen Bergbaues unter
Otto I. die böhmischen Wenden unser Obergebirge (Erzgebirge) jenseits,
unsere Wenden aber diesseits (d. h. auf jetzt sächs. Seite) angebaut,
daselbst Eisenstein gegraben, Eisenhämmer und Schmelzhütten angelegt
und von Pirna bis an Hof im Vogtland alle Wälder, Berge und Hügel
durchschürft hätten.« (Schurig, Beiträge zur Geschichte des Bergbaues
im s. Vogtland, S. 2.)
Neben den Sagen von Wunderblumen, welche den Zugang zu unterirdischen
Schätzen öffnen, von der Wünschelrute und den Gold suchenden Venedigern
sind auch diejenigen für unser Gebirge charakteristisch, welche uns von
Träumen und Prophezeiungen erzählen, durch welche reiche Silbergänge
angezeigt wurden. Es ist ein alter Glaube, daß vermittelst der Träume
durch Schutzgeister der Wille der Götter den einzelnen Menschen als
Rat oder Warnung mitgeteilt wird, und daher hegte man von jeher das
Vertrauen auf Erfüllung dessen, was man geträumt, weil man darin
Winke des Schicksals erblickte. In gleicher Weise wurden auch die
Ahnungen, d. h. das Träumen im wachen Zustande, als Eingebungen der
Götter angesehen, und ebenso achtete man bereits im Heidentume auf
die Erscheinungen der belebten Natur; man erblickte in denselben,
sowie in allen Dingen einen ursächlichen Zusammenhang, so daß man in
den wunderbaren Gestaltungen der Wolken und in anderen auffälligen
Erscheinungen am Himmel und in der Luft die Beschlüsse des von Göttern
über den einzelnen Menschen oder ein ganzes Volk verhängten Schicksals
herauslas. Das sind die Vorzeichen. -- Hierhin gehören auch die
Anzeichen durch mancherlei Geräusch, wie Klopfen an Thür und Wand, das
Klirren von Waffen u. a. mehr, durch welche Töne entweder gewarnt oder
ein Todesfall angezeigt wird.
Von derartigen Überlieferungen einer wunderbaren direkten Äußerung
der Gottheit in Bezug auf das Geschick der Menschen finden wir eine
ziemliche Mannigfaltigkeit, ebenso von wunderbarer Hülfe durch
heilkräftige Quellen oder von plötzlicher Strafe für Meineid oder
gotteslästerliche Worte. Es wird in dieser Hinsicht schließlich auf die
einzelnen Sagen verwiesen.
342. Die Wunderblume auf dem Schlettenberge bei Marienberg.
(Moritz Spieß, Aberglauben etc. des sächs. Obererzgebirges.
Programmarbeit, 1862, S. 40. Mündlich.)