letztgenannte Ortschaft führt, ein Bild, welches Jesum, wie er
gegeißelt wird, darstellt und von den Umwohnern »schönster Jesus«
genannt wird. Dort soll ein großer Schatz verborgen liegen. Denselben
wollten vor vielen Jahren zwei Geschwister, Bruder und Schwester,
heben. Nachdem beide sich mit den üblichen Beschwörungsformeln bekannt
gemacht hatten, gaben sie sich das Versprechen, kein Wörtlein während
des Schatzgrabens zu sprechen. In einer Nacht gingen sie nun an Ort und
Stelle und gruben allda, bis sie nach längerer Arbeit auf den Deckel
einer Geldkiste stießen. Allein welcher Schreck! Mit einemmale kommt
ein Soldat gegen das schätzesuchende Geschwisterpaar heran. Nach einer
Weile sprengt auf feuersprühendem Rosse ein Reiter daher, dem mit
Blitzesschnelle sich eine ganze Schwadron Kriegsgefährten anschließt.
Eisiges Grauen überfiel da die Geschwister, welche einander schweigend
anblickten. Als aber eine Totenbahre sichtbar ward, der ein langer
Leichenzug folgte, da rief die Schwester: »Jesus, Maria! Da tragen sie
unsere Mutter!« Wie diese Worte ihrem Munde entflohen waren, stürzte im
Innern der ausgegrabenen Grube ein mächtig sprudelnder Quell hervor.
Immer höher und höher stieg das Wasser und überflutete in wenigen
Augenblicken den Weg. Bald reichte es sogar den Geschwistern bis zur
Brust, so daß sie, über die höchst sonderbaren Erscheinungen entsetzt,
von dannen eilten. Als sie nach Hause kamen, waren sie -- welch ein
Wunder -- ganz trocken. Das Geschwisterpaar verspürte nun keine Lust
mehr, den Schatz zu holen.
320. Buchstaben, Hobelspäne und Kohlen verwandeln sich in Geld.
(Grohmann, Sagen aus Böhmen, S. 288.)
Eine Frau fand eines Tages auf dem Hausberge bei Graslitz beim
Beerensuchen ein Bündel Reisig, worin verschiedene Buchstaben zerstreut
herumlagen. Sie nahm einige derselben und dachte sie ihren Kindern zum
Spielzeug zu bringen. Als sie dieselben aber zu Hause aus ihrem Korbe
nehmen wollte, waren es Silberstücke geworden. Nun eilte sie wohl
nach dem Orte zurück, um die übrigen zu holen, allein das Bündel samt
den Buchstaben war verloren. Ein andermal fand eine Frau ein Häufchen
Hobelspäne, die daheim zu Thalerstücken wurden, und wieder ein
andermal trugen Kinder Kohlen und Steinchen heim, die sich zu Hause in
Gold verwandelten.
Dämonische Wesen besitzen die Wunderkraft, die verschiedensten
Gegenstände in edles Metall zu verwandeln. Auch wo sie in der Sage
bei einer solchen Verwandlung nicht ausdrücklich genannt werden, ist
die letztere doch von ihnen ausgegangen. Im Fichtelgebirge schenkt
eine weiße Jungfrau Laub, das zu Golde wird (Zapf, der Sagenkreis
des Fichtelgebirgs, S. 18), und im Harze verwandeln sich durch den
Zwergkönig des Hübigensteins und die Prinzessin Ilse Tannenzapfen in
Silber oder Gold. (Heine, Sagen, Märchen etc. aus dem Harze, S. 16
und 94.)
321. Kutter verwandeln sich in Geld.
(Mündlich.)
Einst ging eine Frau aus Bermsgrün in den Wald und fand daselbst
mehrere wohl geordnete Häufchen von rundlichen, abgesprungenen
Fichtenrindenstücken, die man »Kutter« nennt. Da sagte sie für sich:
»Wer mag nur da gespielt haben?« und nahm solche Kutter von den
Häufchen mit nach Hause, damit ihre Kinder auch damit spielen sollten.
Als sie aber zu Hause ankam und den Korb aufdeckte, um die dahinein
geworfenen Kutter ihren Kindern zu geben, fand sie statt derselben
Geldstücke. Schnell ging sie darauf zurück, um auch die liegen
gelassenen Kutter zu holen, allein sie konnte keine mehr finden.
322. Die sonderbaren Sägespäne.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 85.)
Vor vielen Jahren ging ein Weib aus Abertham in den in der Nähe
liegenden Wald, der damals den Mühlberg bedeckte, um Klaubholz
zu holen. Im Walde angekommen, stellte sie ihren Korb bei einem
Kreuzwege nieder und lief in die Kreuz und Quer herum, um die Reiser
zusammenzutragen. Als sie zu dem Korbe zurückkam, fand sie denselben
mit Sägespänen angefüllt. Da sie jedoch ihrer nicht bedurfte, schüttete
sie in ihrer Einfalt die Späne aus und legte in den Korb das Klaubholz.
Wie war aber das Weib erstaunt, als sie, nach Hause gelangt, den Korb
leerte und darin viele Goldstücke fand! Diese waren auf wunderbare
Weise aus den Sägespänen, welche an dem Korbrande hängen geblieben
waren, entstanden. Mit freudestrahlendem Gesichte eilte das Weib
sogleich in den Wald zurück, um die verschmähten Sägespäne aufzuraffen,
allein ihr Suchen war vergeblich, denn dieselben waren spurlos
verschwunden.
323. In Goldstücke verwandelte Kartoffeln.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 98.)
Unweit von Platten steht an der Straße, die vormals von dieser Stadt
nach Bäringen leitete, eine Johannes-Statue. Eines Abends -- es mochte
9 Uhr sein -- ging der Binder Fladerer aus Platten von Bäringen nach
seinem Wohnorte. Als er bei der erwähnten Statue vorbeischritt, lagen
mitten auf dem Wege frische, erst aus dem Felde genommene Kartoffeln.
Ohne sich lange zu besinnen, griff Fladerer nach denselben und steckte
sie ein. Wie er daheim die Kartoffeln aus den Taschen nehmen wollte,
zog er lauter blanke Goldstücke hervor.
Nach der Sage soll unter der Johannes-Statue ein Silbergang sein.
324. Die Hirtenjungen am Heilingsfelsen.
(Deutsche Sagen. Herausgegeben von den Brüdern Grimm. 2. Aufl. 1. B.
No. 158.)
Am Johannistag kamen zwei Hirtenknaben, indem sie den jungen Vögeln
nachstellten, in die Gegend des Heilingsfelsen an der Eger und
erblickten unten an demselben eine kleine Thüre offen stehen. Die
Neugierde trieb sie hinein; in der Ecke standen zwei große Truhen,
eine geöffnet, die andere verschlossen. In der offenen lag ein großer
Haufen Geld, sie griffen hastig danach und füllten ihre Brotsäcklein
voll. Drauf kams ihnen greulich; sie eilten nach der Thür, glücklich
trat der erste durch. Als aber der zweite folgte, knarrten die Angel
fürchterlich, er machte einen jähen großen Sprung nach der Schwelle,
die Thüre fuhr schnell zu und riß ihm noch den hölzernen Absatz seines
linken Schuhes ab. So kam er noch heil davon und sie brachten das Geld
ihren erfreuten Eltern heim.
325. Die drei Jungfrauen und die Schätze des Borberges bei Kirchberg.
(Anton Bär im Glückauf, 2. Jahrg. S. 80.)
In der Schlacht an der Göltzsch, in welcher die Deutschen die
Herrschaft der Sorbenwenden in den Flußgebieten der Saale, Elster und
Mulde brachen, verlor auch ein adeliger Sorbe das Leben. Seine Burg lag
inmitten seines ansehnlichen Grundbesitzes auf dem Borberge, welcher
sich nahe bei der Stadt Kirchberg erhebt. Bevor er in den Kampf gezogen
war, hatte er seine Schätze dicht neben dem Burgbrunnen, welchen man
noch heute auf dem Borberge zeigt, vergraben, seine Kinder aber,
drei Mädchen von großer Schönheit, hinausgeführt in den heiligen Hain
und sie hier geloben lassen, dem Glauben ihrer Väter treu zu bleiben
und die heiligen Gebräuche ihres Volkes fortzuüben. Als die Deutschen
in die Gegend einrückten, brannten sie die Burg nieder, ließen aber
die drei Schwestern, welche unterdessen ein kleines Gehöfte am Berge
bezogen hatten, ziemlich unbelästigt in ihrer Verborgenheit leben.
Allerdings traf auch sie, was jetzt über alle ihre Stammesgenossen in
der Umgegend erging: sie mußten den Weisungen der deutschen Herrschaft
willigen Gehorsam leisten und die Taufe und den christlichen Glauben
annehmen. Letzterer Anordnung kamen sie indessen nur widerwillig
nach, denn der neue Glaube stand im Widerspruch mit ihrem dem
Vater geleisteten Gelübde und erlaubte ihnen nicht, manchen alten
liebgewordenen Gebrauch weiter zu pflegen; sie fühlten sich darum oft
in ihrem Herzen beschwert und gingen häufig zur Nachtzeit mit anderen
Genossen hinaus zum zerschlagenen Opfersteine und übten allda ihre
heidnischen Gebräuche.
Lange blieb das Treiben der Schwestern und ihres Anhanges verborgen,
als aber aus dem Walde am Geiersberg heraus ein Kirchlein sich
erhob und die Mönche dort das Seelsorgeramt mit Strenge übten, da
setzten diese auch den Zusammenkünften am Opfersteine ein Ziel,
und forderten die Schwestern, als die Veranstalter derselben, zu
strenger Rechenschaft. »Ihr dient dem Herrscher der Hölle«, eiferten
sie; »wohlan, da ihr unsere Warnungen und Mahnungen nicht beachtet
habt, so sollt ihr auch dem Bösen verfallen sein. Wir sprechen den
Bann über euch aus; freud- und friedlos sollt ihr sein, bis es euch
gelingt, ein Christenkind zu herzen und zu küssen, das man aus dem
Walde herein nach St. Margarethen zur Taufe trägt«. -- In der That
gewann es den Anschein, als waltete über den aus der Gesellschaft
Gestoßenen von Stund an ein freundlicher Stern nicht mehr. Jedermann
vermied den Umgang mit ihnen; sie hatten weder Rast noch Ruhe mehr
und mußten öfters in der Nachtzeit, wenn die wilde Jagd dahin zog,
wie das gehetzte Wild den finstern Wald durchirren. Das waren böse,
harte Zeiten für die Schwestern, traurige Erlebnisse, welche endlich
in ihren Herzen die Reue erkeimen ließen, dem Willen des Vaters gemäß
gehandelt zu haben. Vergebens erwies sich auch das Bemühen, den
wenigen, zufällig in ihre Nähe kommenden Menschen sich freundlich zu
erweisen, vergebens die Bitte bei den Mönchen zu St. Margarethen, den
bösen Zauber zu lösen, welchen ihr Bann über sie gebracht hatte, die
Not blieb und nahm zu, je älter sie wurden. Manches Jahr war bereits
verschwunden und noch immer harrten die Schwestern des Zusammentreffens
mit einem Kinde, das im nahen Kirchlein die Taufe empfangen sollte.
Zwar hatte der Zufall die Gelegenheit hierzu einigemale geboten, aber
die Scheu vor ihnen war so groß, daß man bei ihrem Erscheinen stets
zur Seite wich und schon aus der Ferne den Versuch einer Annäherung
zu hindern suchte. Da gewahrte einst in einer Nacht die jüngste der
Schwestern in der Gegend, wo, umgeben vom dichten Wald, eines Köhlers
Hütte stand, noch helles Licht; von dem Wahrgenommenen unterrichtet,
schlichen alle drei, begleitet von ihren zwei treuen Knechten, bis
zur Hütte und bemerkten, daß des Köhlers Weib ein Kind geboren hatte.
Sogleich stand der Entschluß in ihnen fest, dem Kinde, wenn es zur
Taufe getragen würde, zu nahen und dessen Begleitung um die Erfüllung
ihres Wunsches anzugehen. -- Es währte auch nur kurze Zeit, als spät
an einem Nachmittage der Köhler in Gesellschaft weniger Personen auf
dem schmalen Pfade daher geschritten kam, um seinen Neugebornen nach
St. Margarethen zur Taufe zu bringen. Alsogleich trat die älteste
der Schwestern an ihn heran und sprach: »Lieber, laß mich Dein Kind
sehen und herzen, Du sollst dafür auch diesen schönen glänzenden Stein
haben, sieh' nur, wie er in der Sonne blitzt und funkelt.« Doch der
Angeredete wandte sich ab und entgegnete: »Ich begehre weder Deinen
Stein, noch sollst Du mein Kind sehen; halte mich nicht auf und laß
mich weiter gehen.« Eine Strecke weiter kam die zweite Schwester und
redete: »Lieber, sieh' dieses Goldstück, es soll Dir gehören, sobald
Du mir erlaubst, Dein Kind einen Augenblick auf meinen Armen wiegen zu
dürfen.« »Nein,« rief unwillig der Köhler, »Deines Goldstücks wegen
gebe ich den Kleinen nicht aus meinen Händen; blicke nur empor, welch
schweres Wetter am Himmel dräuet, ich will eilen, weiche zur Seite.«
Abermals einen Steinwurf weiter kam die dritte Schwester dem Taufzuge
entgegen. »Ei, lieber Köhler,« begann sie im muntern Ton, »Freya, die
liebreiche, hat Dir ein Kind beschert, welches Du ohne Zweifel jetzt
zur Taufe trägst; hier nimm diesen Wickel Flachs als Taufgeschenk,
er soll Deinem Kinde Segen bringen, doch erlaube mir, den Kleinen
auf einen Augenblick zu sehen.« Da reichte der Vater dem Mädchen,
weil es gar so herzlich bat, das Kind und dieses drückte rasch einen
warmen Kuß auf dessen Lippen. Noch redeten beide miteinander, als das
Glöcklein von der Kapelle eifrig mahnte, das Gespräch einzustellen.
Über den brausenden Bach auf schwankendem Steg eilte der Köhler
hinauf zur Kapelle, die Jungfrau aber raschen Laufes zu den in banger
Erwartung harrenden Schwestern. Wie fröhlich lenkten diese jetzt ihre
Schritte dem Hofe zu, wie glücklich saßen sie, nachdem der jüngsten die
Ausführung des längst gehegten Vorhabens gelungen war, dort beisammen!
Die That, einst als Erfordernis bestimmt, den auf ihnen lastenden
Zauber zu bannen, war erfüllt und von nun an sollte der Böse keine
Macht mehr über sie haben.
Die Taufe in der Kapelle hatte längst ihr Ende erreicht, aber das
inzwischen zum Ausbruch gekommene Gewitter hinderte bis zum späten
Abend den Köhler an der Rückkehr zu seiner Hütte. Mit mächtiger Gewalt
tosete diesmal der Donnergott. Mehr als einmal fuhr der blendende
Strahl, wie von der Kapelle aus zu bemerken war, auf den Borberg nieder
und mußte zuletzt auch gezündet haben, denn man sah im strömenden Regen
dort dichten Qualm und Rauch aufsteigen. Dazu ließ sich ein Pfeifen und
Rollen in der Luft vernehmen, als wenn der Fürst der Hölle selbst sein
Wesen triebe. Letzteres war in der That auch der Fall; denn erzürnt
darüber, daß drei durch den Bann ihm verfallene Seelen sich seiner
Herrschaft zu entringen gewußt hatten, fuhr er grimmig und tobend im
Wetter davon. -- Endlich hatte die Natur ihre Ruhe wieder gefunden;
am Himmel leuchteten bereits die Sterne, und in reicher Fülle sandte
der Mond sein silbernes Licht zur Erde, als der Köhler mit seiner
Begleitung den Heimweg antrat. Ohne Aufenthalt kam er auch diesmal
nicht am Borberge vorüber. Mitten auf dem Wege, an derselben Stelle, wo
vor wenig Stunden eine der Schwestern den Anblick seines Kindes erbeten
hatte, hörte er plötzlich seinen Namen rufen. Er blickte empor und
sah zwischen den Bäumen hindurch oben auf einem vorspringenden Felsen
die drei Jungfrauen stehen und hörte zugleich, wie sie ihm zuriefen:
»Lieber Köhler, habe Dank, daß Du dein Kind unserer jüngsten zum Kusse
reichtest; Du hast uns dadurch aus schwerer Not und Drangsal befreit.
Komm nur sonder Scheu herauf zu uns und nimm den Schatz, mit dem wir
Dich belohnen wollen.« Aber dem Angerufenen und seinen Begleitern
liefen bei diesen Worten die Schauer bald kalt, bald heiß über den
Rücken; sie schlugen eiligst ein Kreuz und suchten schnell weiter zu
kommen.
Gegen den anbrechenden Morgen hin mochte es jedoch den Köhler
gereuen, der Einladung nicht Folge geleistet zu haben. Der Gedanke
an den angebotenen, von ihm aber so leichtfertig verschmähten Schatz
beherrschte seine ganze Seele, und über sein Vorhalten peinigten ihn
umsomehr allerlei Vorwürfe, als ja die Schwestern sich ihm immer
freundlich erwiesen hatten. Mit dem ersten Sonnenstrahl, der seine
Hütte traf, war er darum auch schon auf den Beinen, ging auf den
Berg und forschte nach den drei Jungfrauen. Er kam zu ihrem Hofe,
doch dieser lag still und abgebrannt vor ihm; er stieg hinauf zum
zerklüfteten Gemäuer der Burg, aber auch hier war nichts von den
Gesuchten zu sehen und zu hören. Mißmutig lagerte er sich nunmehr in
das Gras und rief mit fast weinerlicher Stimme und allerlei zärtlichen
Worten nach den Schwestern. Doch auch diese Mühe schien lange des
Erfolges zu entbehren. Endlich gewahrten seine Augen hinter einem
Stein ein kleines graues Männlein mit langem weißen Bart, welches ihm
also zurief: »Thörichter, warum störst Du die kaum begonnene Ruhe der
Schwestern? Warum lohntest Du ihr Vertrauen nicht wieder mit Deinem
Vertrauen? Du hast Dein Glück verscherzt, doch Deines Sohnes werden
sie gedenken, sobald die Sonne achtzehnmal über die Erde gegangen sein
wird. Wisse, die einst Vielgeplagten schlafen von jetzt an bei ihren
Schätzen im Berge; wenn sie erwachen, erscheinen sie wieder an dem
Brunnen; begegnet ihnen dann ein Menschenkind, dem sie wohlwollen, so
beglücken sie es mit großem Gute.«
An des Köhlers Kinde ist die Verheißung zur Wahrheit geworden; ebenso
sind im Verlauf der Zeiten die Schwestern mehreren nächtlichen
Wanderern glückbringend erschienen. Aber noch sollen die von ihnen
gehüteten Schätze so groß sein, daß sie davon noch vielen Erwählten
zu spenden vermögen. Wer nun davon haben will, der gehe zur Zeit
der Sommer- und Wintersonnenwende, sobald es nächtet, auf den Berg;
vielleicht erscheinen die Schwestern und lassen ihn Gnade finden vor
ihren Augen.
326. Der Schatz auf dem Burgberge bei Mulda.
(Mündlich.)
Zwischen den Dörfern Lichtenberg, Burkersdorf bei Frauenstein
und dem als Sommerfrischort in Aufnahme gekommenen Mulda erhebt
sich der Burgberg, auf dessen Gipfel man noch die Überreste eines
Doppel-Steinwalles und einen Brunnen, »Junfernbrunnen« genannt, sieht.
Nach der Volkssage stand ehemals auf diesem Berge ein Schloß, und in
einer weiten Felsenhöhle soll daselbst noch ein großer Schatz in einer
Braupfanne liegen. Zuweilen hat man des Nachts zwischen 11 und 12 Uhr
von Lichtenberg aus auf dem Berge ein Licht gesehen, und wenn man dann,
wenn sich das Licht zeigt, den Gipfel erklimmt und einen weißhaarigen
Jungen mitbringt, dann ist man fähig, den Schatz zu heben. Jedoch sind
schon viele Personen, welche dies versuchten, von dem Lichte oder einem
Hahne, welcher auf dem Platze des alten Schlosses erscheint, irre
geführt worden. Der Hahn soll ein verzauberter Burgherr sein; derselbe
ist erlöst, wenn es jemandem gelingt, den Schatz zu heben. Der Eintritt
in den Geldkeller, und ebenso der Austritt, muß stillschweigend
geschehen. Einer kam einst hinein und da sah er viel Gold und
Edelsteine, von denen er sich eine große Menge mitnahm. Als er aber
durch das Thor getreten war und in seiner Freude einen Laut ausstieß,
schloß sich plötzlich dicht hinter ihm die Pforte und die Schätze,
welche er soeben noch getragen hatte, waren wie ein Traum verschwunden.
Es lebte einmal in dem Dorfe Lichtenberg ein Junge, der sehr verwegen
war, und den man deshalb den »Waldteufel« nannte. Derselbe kam einst
mit zwei andern Jungen auf den Berg und kletterte an den Felsen,
welcher nördlich von den Wällen steil abfällt. Hier sahen sie eine
tiefe Felsenkluft und über derselben waren zwei Felszinken. Da hielt
sich der »Waldteufel« an diesen Zinken fest und die beiden andern
Jungen halfen ihm, so daß er sich etwas in der Spalte hinablassen
konnte. Da sah er in der Tiefe einen großen Haufen Knochen, so daß er
sich doch fürchtete, obschon er sonst beherzt war, und schnell wieder
heraufstieg. Von Geld hat er aber nichts gesehen.
Übrigens sind auf dem Berge und in seiner Nähe schon viele Leute, auch
bei Tage, so bethört worden, daß sie lange Zeit in der Irre gegangen
sind.
Der oben genannte Brunnen soll immer Wasser gehabt haben, und wenn man
versucht hat, dasselbe auszuschöpfen, so gelang es nicht.
327. Die Schätze des ehemaligen Schlosses Voigtsdorf bei Sayda.
(Mündlich.)
Da, wo sich jetzt die Schäferei von Voigtsdorf bei Sayda befindet, soll
einst ein Schloß gestanden haben, das in einem Kriege, vielleicht im
Hussitenkriege, eingeäschert wurde. Bei dieser Zerstörung wurde ein
Schloßfräulein mit ihren Schätzen verschüttet. Ein Mann hat vor vielen
Jahren wiederholt an dem Platze gegraben, um des Schatzes teilhaftig zu
werden, jedoch nichts finden können.
328. Der Schatz im Zeisigwalde bei Chemnitz.
(Richter, Chronica der Stadt Chemnitz I. 1767, S. 54.)
Der ehemalige Schulrektor in Chemnitz, Paulus Niavis, welcher sich
gegen das Jahr 1494 von da nach Leipzig gewendet, erzählt, daß bei
dem Bürgerwald, das ist der jetzige Zeisigwald, ein kleiner Hügel bei
des Bürgermeister Arnold Felde wäre, da habe unten an dem Fuße des
Hügels eine große ausgebreitete Fichte gestanden, und daselbst wäre
eine Höhle, von außen mit Dornen und Brombeersträuchern verwachsen;
von dieser würde erzählt, daß in ihr ein großer Schatz von Golde
verborgen liege, dieweil die Leute in dem Hussitenkriege ihr Vermögen
darin verstecket. Solcher Schatz aber wäre besessen; es hätten einige
Schatzgräber denselbigen haben wollen, aber nichts ausgerichtet.
329. Der Schatz im Taurasteine.
(Chemnitzer Tageblatt, 1882, No. 89, und nach einer poetischen
Bearbeitung, mitgeteilt vom Lehrer Drescher in Burgstädt.)
In dem Taurasteine bei Burgstädt soll ein Schatz liegen. Auch
erzählt die Sage von einem unterirdischen Verbindungswege zwischen
dem Taurasteine und dem Rathause in Burgstädt. Einst soll auch auf
dem Taurasteine ein Altar der heidnischen Wenden gestanden haben,
welche sich, von ihren Priestern gerufen, im Hahnbusche versammelten,
wenn sie zum Opfer hinaufzogen. Die Wenden und ihre Priester wurden
vertrieben, aber noch lassen sich auf dem Platze gespenstische Männchen
sehen, welche den verborgenen Schatz hüten. Es geschah einmal, daß ein
Bewohner Burgstädts durch den Wald auf den Stein ging. Von der Hitze
ermattet, legte er sich im Waldesgrün, wo ihn wohlthätige Kühlung
umfing, nieder und fiel bald in einen tiefen Schlaf. Plötzlich rief
ihm eine Stimme zu: »Stehe auf, denn ich führ Dich zu Deinem Glücke!«
Als er die Augen aufschlug, war es Nacht und vor ihm stand ein graues
Männchen. Mit unsichtbarer Macht zog es ihn, dem Männchen zu folgen,
wohin ihn dasselbe führte. Bald standen sie vor einer geöffneten
Pforte, und im Innern der Höhle lagen Haufen von hellleuchtendem Golde.
Da sagte das Männchen: »Jetzt sind wir am rechten Orte. Alles was Du
hier siehst, soll Dein sein und Du bist alle Deine Sorgen los. Nur
eine Kleinigkeit wünsche ich dafür von Dir: Dein Weib gebar Dir einen
Knaben, den sollst Du mir für all dies Gold schenken, daß er mir mit
Leib und Seele gehört.« Da nahm der fromme Burgstädter schnell ein
Kreuz, der Christen heiliges Zeichen, das er bei sich trug, hervor
und hielt es dem Verführer entgegen. Plötzlich stürzten die Felswände
krachend ein und das Gold sank wieder in die Tiefe hinab. Der Arme aber
fiel mit bleichem Gesichte wie leblos zwischen dem Gesteine nieder,
und als er am Morgen erwachte, wurde gar freundlich in der nahen Stadt
das Pfingstfest eingeläutet. Zu Hause angekommen, fand er sein Weib,
welches ihm in der Nacht ein Söhnchen geboren hatte, und als sich die
Kunde von dem Geschehenen in der Stadt verbreitete, da eilte jung und
alt nach dem Taurasteine, ob man noch etwas von dem Golde sehen möchte;
doch jede Spur von der reichen Schatzkammer war verschwunden.
330. Der feurige Pudel und die vergrabene Kriegskasse im Kaiser
Wilhelmsthale bei Nossen.
(Alfr. Moschkau in der ~Saxonia~ II. S. 107.)
Im Kaiser Wilhelmsthale bei Nossen zeigt sich in der Nähe der
Pfarrbrücke, besonders an herbstlichen Abenden, ein schwarzer Pudel
mit feurigen Augen, der sich einsamen Wanderern aufzuhocken pflegt. Er
soll eine von 1813 hier längere Zeit lagernden Franzosen vergrabene
Kriegskasse bewachen, die links unter der großen Linde liegt, des
wachsamen Pudels wegen aber noch von niemandem gehoben werden konnte.
331. Der Burgberg zu Gleisberg bei Nossen.
(Alfred Moschkau in der ~Saxonia~ I. S. 189.)
Den Burgberg zu Gleisberg krönt ein alter heidnischer Rundwall, in
welchem angeblich im Mittelalter eine Burg stand. In dem Wallkessel,
zu dem einige Stufen führen, soll ein großer Schatz liegen, dessen
Dasein vielseitig bemerkte kleine blaue Flämmchen verkünden. Ein
Nossener hatte sich einst daran gemacht, den Schatz zu heben, als er
aber auf der Stelle, wo der Schatz liegen sollte, eine große Menge
schwarze Kröten mit hellleuchtenden Augen sitzen sah, stand er von
seinem Vorhaben ab. Mehrere Marbacher, die zu gleichem Zwecke auf
dem Burgberge erschienen, wurden durch große schwarze Schlangen mit
feurigen Augen veranlaßt, umzukehren.
Kröten und Schlangen sind wie der Drache Hüter von Schätzen. In der
Lausitz sagt man, daß, wo eine Kröte sitzt, ein Schatz liege. (Haupt,
Sagenbuch d. L. I. No. 301.)
332. Der Schatz auf dem Rodigberge bei Nossen.
(Alfred Moschkau, Führer durch Nossen und Altzella (o. J.), S. 11.)
Auf dem Rodigberge bei Nossen befindet sich ein großer Rundwall, in
welchem angeblich die erste Burg Nossen stand, der aber jedenfalls
ein heidnischer Wall sein dürfte. In diesem Walle giebt es Stellen,
die beim Darauftreten hohl klingen und auf alte verschüttete Gewölbe
jener Burg hindeuten sollen. Der Sage nach liegt darin ein bedeutender
Schatz, der in der Mitternachtsstunde des Christabends gehoben werden
kann. Schon viele Leute haben an erwähnten Stellen blaue Flämmchen
herumhüpfen sehen.
333. Der Schatz im Klosterbrunnen bei Marbach.
(Alfred Moschkau, Gesch. d. Benedictinerklosters St. Walpurgis im
Zellwalde, 1874, S. 7. ~Saxonia~ I., S. 172.)
Eine Stunde von Nossen entfernt und nahe dem Dorfe Marbach liegt die
Stelle, auf welcher in den Jahren 1141 bis 1146 Thammo von Strehla ein
Klösterlein gründete, welches aber endlich einging und dessen Gebäude
abgetragen wurden. Nahe der jetzigen Bahnmeisterwohnung sieht man eine
Vertiefung; diese war einst der Klosterbrunnen. In denselben hatten die
letzten Mönche eine Glocke und vieles Gold- und Silbergeräte geworfen
und den Brunnen dann mit 95 Klaftern Stöcke zugeschüttet. Diese Schätze
harren noch der Ausgrabung. Nach einer Tradition bewacht sie ein Pudel
mit feurigen Augen, der bereits oft nächtliche Wanderer des Zellwaldes,
»die nicht mit Eisen oder Stahl versehen waren«, belästigte.