eine Schatzkammer, deren Eingang sich in der Nähe des sogenannten
Franzosensteins, eines prismatisch zubehauenen Granitblocks mit der
Jahreszahl 1808, befindet. Die Pforten zu der Schatzkammer sollen sich
alljährlich am Karfreitage, während in der Kirche die Passion gesungen
wird, öffnen.
Ein armes Weib aus dem naheliegenden Orte Stein nahm ihr einjähriges
Kind, welches sie niemandem der Obhut anvertrauen konnte, und begab
sich an einem Karfreitage mit demselben in den Wald am Hohen Stein,
um »Holz zu klauben.« Schon hatte sie davon eine ziemliche Menge
beisammen, als sie plötzlich in einem Felsen eine weite Öffnung
bemerkte, welche von ihr früher niemals gesehen worden war. Verwundert
darüber nahm sie ihr Kind, welches unterdessen auf weichem Moose
gesessen, auf den Arm und faßte den Entschluß, das seltsame Thor
näher zu betrachten. Hinzugetreten und in die gähnende Höhlung
hineinblickend, sah sie zu ihrem Erstaunen in derselben Haufen
rotwangige Äpfel, eine große Menge gleißendes Geld und funkelnde
Edelsteine, ferner auf einem Tische ein Bund altertümlicher Schlüssel.
Nachdem das Weib schnell seinen Korb herbeigeholt und das Kind zu den
Äpfeln gesetzt hatte, mit dem Bedeuten, es möge davon essen, fing sie
an, von den reichen Schätzen in ihren Korb zu raffen, bis dieser nichts
mehr tragen konnte. Im Begriffe hinauszugehen, um ihre schwere Last
draußen abzusetzen und hierauf ihr Kind zu holen, hörte sie eine Stimme
rufen: »Vergiß das Beste nicht!« Doch sie konnte den Sinn dieser Worte
nicht deuten und begab sich ins Freie. Kaum war dieses geschehen, so
schloß sich hinter ihr der Felsen geräuschlos und so sehr auch das
Weib jammerte und weinte, um ihr verlornes Kind bat und flehte, der
Eingang war und blieb verschwunden. Todmüde und tiefbetrübt wankte sie
endlich ihrer armseligen Hütte zu, laut und heftig ihre Habsucht und
Geldgier verwünschend. Es verging ein Jahr und die hartgeprüfte Mutter
lenkte, das nicht angetastete Geld im Korbe tragend, am Karfreitage zu
derselben Stunde wie vor zwölf Monaten ihre Schritte dem hohen Steine
zu. Und siehe da! der Eingang zur Schatzkammer stand offen, und als
sie klopfenden Herzens und froher Hoffnung näher getreten war, sah
sie zu ihrer unaussprechlichen Freude ihr totgeglaubtes Kind frisch
und gesund, sowie kräftig herangewachsen auf derselben Stelle, auf
welche sie es im Vorjahre gesetzt hatte. Schnell schüttete sie das
Geld wieder an seinen Ort, nahm das Kind und machte sich eilig davon,
obwohl sie neuerdings rufen hörte: »Vergiß das Beste nicht!« Auf dem
Heimwege fragte sie ihr Kind, wer es gepflegt habe. »Eine weiße,
freundliche Frau,« antwortete dieses, »gab mir zu essen und zu trinken,
kleidete und bewachte mich.« -- Hätte das Weib den Schlüsselbund
mitgenommen, so würde sich ihr der Felsen jederzeit geöffnet und seine
Schätze dargeboten haben. Das war das Beste, welches die Stimme meinte.
Die genannte weiße Frau ließ sich früher, meist zur Mittagszeit, häufig
in der Nähe des Hohen Steines sehen, den Bund mit altertümlichen
Schlüsseln in der Rechten tragend. Sie that niemandem ein Leid, im
Gegenteil, manchen würde sie reich gemacht haben, wenn er nicht
unwissend und leichtsinnig die dargebotenen Geschenke von sich gewiesen
hätte.
Ein Waltersgrüner Knecht machte sich in später Nachtstunde auf den
Weg, um einer dringenden Angelegenheit halber nach Stein zu gelangen.
Bei der untern Mühle verließ er den Fahrweg und schlug einen schmalen
Fußpfad ein, der am Abhange des Hohen Steines dahinführt, und auf dem
er, wie er glaubte, in kürzerer Zeit an den Ort seiner Bestimmung
gelangen konnte. Allein die große Dunkelheit der Nacht und das arge
Wetter waren Ursache, daß er vom rechten Steige abkam und lange Zeit
in der Irre herumging. Endlich sah er zu seiner Freude ein Licht
schimmern, und er verdoppelte seine Schritte in der Meinung, zu
einem gastlichen Hause gelangen zu können. Wie groß war aber sein
Erstaunen, als er statt der Flur eines solchen einen breiten Gang
betrat, an dessen Ende von der Decke eine strahlende Lampe herabhing,
die ungeheuere Schätze von Gold und Edelsteinen aller Art beleuchtete.
Nachdem der Knecht eine starke Anwandlung von Furcht bekämpft hatte,
da er außer den köstlichen Reichtümern noch eine weiße Frau bemerkte,
welche jene zu hüten schien, trat er näher und betrachtete mit
lebhaftem Verlangen das gleißende Gold und die funkelnden Juwelen.
Die weiße Frau schien seine Gedanken zu erraten, denn sie erhob ihren
rechten schneeigen Arm, deutete mit dem Zeigefinger auf die Schätze
und sprach: »Nimm davon, soviel dein Herz begehrt; aber vergiß das
Beste nicht!« Das letztere glaubte er unter den Edelsteinen zu finden
und raffte mit gierigen Händen in seine Taschen, so viel diese fassen
konnten. Noch zweimal trafen jene Worte sein Ohr; allein er achtete
nicht darauf und verließ frohen Sinnes über den gewonnenen Reichtum den
hohen und breiten Gang. Kaum war er im Freien, als sich der Eingang
zu demselben donnernd schloß und eine dumpfe Stimme sprach: »Thor,
das Beste war der Schlüssel, den Du unbeachtet liegen ließest, und
der Dir jederzeit den Eingang zu meinen Schätzen geöffnet hätte.«
Von der Steiner Pfarrkirche aber trug die Luft die zwölf Schläge der
Mitternachtsstunde an sein Ohr, und da sich die dunkeln Wolken zerteilt
hatten und die Sterne herniederlugten auf die stille Erde, bemerkte der
erstaunte Knecht, daß er sich am Hohen Steine befand.
Manche alte Leute nennen die weiße Jungfrau mit dem Schlüsselbunde das
»Schwedenweibl« und erzählen, daß dieses die verwünschte Tochter eines
gefürchteten schwedischen Feldherrn sei, welcher lange Zeit auf dem
hohen Steine hauste und von hier aus die ganze umliegende Gegend arg
heimsuchte.
Die Schweden stehen überhaupt bei den Bewohnern der um den Hohen
Stein liegenden Dörfer im schlimmen Andenken. Wenn der Vater in den
Feierstunden sein Büblein auf den Knieen schaukelt, spricht er dabei:
»Reiter, sa, sa!
Der Schwed' ist gekommen,
Hat alles mitg'nommen,
Hat d' Fenster 'neing'schlag'n,
Hat 's Blei davon trag'n,
Hat Kugeln d'raus 'gossen,
Hat 's Bubel erschossen.«
287. Der Schatz unter der Stundensäule am Hohen Steine.
(H. Arnold im Chemnitzer Tageblatte 1882, No. 11, 2. Beilage.)
Gar nicht weit vom Hohen Steine, unweit des Dorfes Landwüst, steht eine
Säule, welche die Stundensäule genannt wird. Unter dieser befindet
sich, wie alte Leute erzählen, ein riesiger großer, eiserner Kasten,
welcher mit Goldstücken angefüllt ist, die aber von einem Geiste
bewacht werden. Derselbe sitzt auf der Truhe und wird nur dann weichen,
wenn das rechte Zauberwort gesprochen wird. Wenn man den Schatz heben
will, so muß man dieses Zauberwort kennen, darf aber weder auf dem Wege
bis zur Säule, noch während des Grabens und auf dem Rückwege ein Wort
außer dem Zauberworte sprechen. Ebenso darf man sich nicht umsehen,
denn wer dies thut, dem wird das Genick gebrochen.
Mit dem Schatze aber hat es eine eigentümliche Bewandtnis.
Vor alter Zeit, als noch die Heerstraße von Adorf über Remtengrün,
Schönlinde und Landwüst nach Eger hinführte, kam einmal in der Nacht
ein Reiter in das Dorf Landwüst gesprengt und begehrte einen Bauer
als Führer. Sein Mantel pauschte ganz gewaltig, denn er hatte einen
großen Sack mit lauter blanken Goldstücken, welche er durch Raub und
Plünderung während des damals herrschenden Schwedenkriegs an sich
gebracht hatte, darunter verborgen.
Es fand sich ein Bauer, der ihm den Weg zeigen wollte, und beide
verließen das Dorf bei dichter Finsternis. Als sie an den Ort gekommen
waren, wo die Säule stand, verbarg der Reiter sein Gold in einem Kasten
und befahl dem Bauer, denselben in die Erde zu vergraben. Er sagte
aber, daß Pulver und Blei darin verschlossen wären. Der Mann grub aus
Leibeskräften, versenkte die Truhe und deckte sie wieder sorgfältig
mit Schutt zu. Für seine Mühe erhielt er zehn Dukaten. Kaum war aber
der Bauer einige Schritte von der Säule entfernt, so kam der Reiter
ihm nach und erstach ihn, damit das Geheimnis mit dem Kasten niemandem
bekannt würde. Der Offizier -- denn ein solcher war der Reitersmann,
-- wurde im nahen Walde von seinen Kameraden, mit welchen er das Geld
teilen sollte, erwartet. Weil er aber mit leerem Beutel kam, hängten
ihn diese an den ersten besten Baum und ritten davon.
Am nächsten Tage fand eine Schar schwedischer Reiter, welche den Wald
und andere zu Verstecken geeignete Plätze nach Spionen und Vagabunden
durchsuchte, nicht allein den gehenkten Schwedenoffizier, sondern auch
den ermordeten Bauer. Weil dieser aber zehn Dukaten in der Tasche
hatte, die er vordem nicht besessen haben konnte, so sagten die
Leute, er sei ein Schatzgräber gewesen, habe auch einen Griff in den
Goldbehälter gethan, sei aber, da er jedenfalls während der Arbeit
gesprochen oder sich umgesehen habe, von einem Geiste getötet worden.
288. Der Schatz im Heinrichstein bei Platten.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 93. etc.)
Von Platten aus führt die Straße nach dem Orte Breitenbach. In mehreren
Windungen zieht sie sich durch ein schönes, anmutendes Thal, das ein
klares Gebirgswässerlein, der Breitenbach, durcheilt, in dessen Wellen
die lustige Forelle ihr Wesen treibt, während in den kräftigen Fichten-
und Tannenwaldungen, womit die Thalwände bewachsen sind, zur Zeit
des Lenzes die Vögel ihre fröhlichen Weisen erschallen lassen. Beim
oberen Farbwerk gewahrt man zur Rechten einen 915 Meter hohen Felsen,
den Heinrichfelsen, welcher eine prachtvolle Fernsicht gewährt. Seine
Spitze trägt ein aus rohem Holz zusammengefügtes Kreuz, das wie eine
schützende Wacht herabblickt in das stille, freundliche Thal. In der
Umgebung des Heinrichsteines wachsen viele große und schmackhafte
Heidelbeeren, was auch in früherer, längst vergangener Zeit der Fall
gewesen ist.
Einst kamen an einem herrlichen Sommertage in die Nähe dieses Felsens
zwei junge Mädchen aus Platten, um dort Beeren zu klauben. Unter
heiteren Gesprächen wurden sie des Pflückens gar nicht müde, bis sie
ihre Körbchen gehäuft voll hatten. Nun machten sie sich beide auf den
Heimweg und verwunderten sich sehr, als sie am Fuße des Berges eine
offene Thür erblickten, welche in einen weiten Gang führte. Die Mädchen
gingen beherzt hinein und fanden daselbst eine eiserne Truhe, an der
ein großer, altertümlicher Schlüssel steckte. Voll Hast öffneten sie
mittelst desselben die Lade und sahen, daß diese mit Gold und Silber
gefüllt war. Schier geblendet von den gleißenden Schätzen, schauten
die Mädchen mit verblüfftem Antlitze eins das andere an und wußten gar
nicht, was sie mit dem edlen Metalle anfangen sollten. Einfältig, wie
sie waren, verschlossen sie, ohne etwas von den Schätzen anzurühren,
die Truhe, nahmen den Schlüssel zu sich und liefen über Stock und
Stein nach Hause, um ihren Eltern von dem reichen Funde Mitteilung zu
machen. Außer sich vor Freude, eilten darauf die Väter der Mädchen
zum Heinrichstein, aber der Eingang in den Felsen war nirgends mehr
zu finden; auch die Mädchen suchten ihn vergebens, so sehr sie ihre
Augen anstrengten. Noch lange soll der Schlüssel zur Schatztruhe auf
dem Rathause in Platten aufbewahrt worden sein, doch ist er allda
gegenwärtig nicht mehr vorhanden.
Vor vielen, vielen Jahren ging am Karfreitag ein armes Weib, ihr
Kindlein auf dem Arme tragend, in den Wald am Heinrichstein, um Reiser
zu sammeln. Über ihre mißlichen Verhältnisse nachdenkend, weinte sie
bitterlich und meinte, ein Teil der im Felsen verborgenen Schätze
genügte, mit einem Schlage ihrer Armut ein Ende zu machen. Da bemerkte
sie auf einem Felsblocke des Heinrichsteines allerlei bunte Blumen.
Sie schritt mit ihrem Kinde darauf zu, um für dieses einige Blümlein
zum Spielen zu pflücken. Während das Weib sich dieser Beschäftigung
hingab, gelangte sie plötzlich zu einer in den Felsen führenden Pforte,
die sie früher niemals gesehen hatte. Höchlich überrascht, nahm sie
ihr Kind, das sie auf einem grünen Platze niedergesetzt hatte, auf
den Arm und trat näher zu der offenen Thüre, deren Schwelle sie ohne
Bedenken überschritt. In dem Felsengewölbe standen Säcke, die mit Gold-
und Silbererzen bis oben angefüllt waren, und ein Tisch. Auf letzteren
setzte das nun sich glücklich fühlende Weib das Kind und begann von den
funkelnden Schätzen gierig in ihre Schürze zu raffen. Kaum hatte sie
diese voll, da erschien ein Zwerg, der sie zum schleunigen Fortgehen
aufforderte. Erschrocken lief sie dem Ausgange zu und vergaß in der
Angst ihres Kindes, dessen sie sich erst im Freien erinnerte. Wohl
kehrte das bestürzte Weib ungesäumt und rasch zur Öffnung zurück,
allein unter Krachen hatte sich der Felsen geschlossen. Wie sehr auch
die trostlose Mutter weinte und um den Verlust ihres Kindes jammerte,
der Eingang war und blieb unsichtbar. Fast verzweifelnd und die in
ihrer Schürze befindlichen Schätze verwünschend, mußte sie endlich
nach Hause wanken. In ihrem unbeschreiblichen Schmerze wandte sie sich
an den Geistlichen in Platten, der sie nicht nur tröstete, sondern
ihr auch den Rat erteilte, im nächsten Jahre zu gleicher Stunde
wieder zum Heinrichstein zu gehen. Lange, sehr lange dauerte diesmal
der schwergeprüften, sorgenvollen Mutter das Jahr, bis endlich der
heißersehnte Karfreitag erschien. Da ging sie, fest auf den Heiland
vertrauend, der an diesem Tage für die Menschen den Kreuzestod litt,
wieder zum Felsen. Und siehe da! Die Thür stand wie vor Jahresfrist
offen. Mit unaussprechlicher Freude stürzte das Weib in das Gewölbe und
erblickte auf dem Tische ihr mittlerweile herangewachsenes Kind frisch
und gesund, einen schönen Apfel in den Händchen haltend. Seelenfroh
nahm sie dasselbe, drückte es an ihr Herz und eilte, so schnell sie
die Füße tragen konnten, aus dem Felsen. Die daselbst aufgespeicherten
blendenden Schätze übten diesmal keine Zauberkraft auf die Mutter aus,
der ihr gefundenes Kind mehr galt als alle Reichtümer der Erde.
Ein andermal erblickte ein armer, tugendhafter Mann aus Platten,
der einstmals in dem Walde beim Heinrichstein Holz sammelte, ganz
unerwartet vor sich ein Licht, das sich am Boden fortbewegte. Er ging
ihm nach und gewahrte eine große, offene Truhe aus Eisen, in welcher
Gold- und Silbermünzen aller Art angehäuft waren. Da er mit den Händen
die Lade nicht fortzuschaffen im stande war, zog er den Schlüssel ab,
deckte, damit niemand anders den Schatz finde, denselben mit Reisig
zu und eilte beflügelten Schrittes heim, um einen Schiebkarren zu
holen. Als der Mann an Ort und Stelle zurückgekehrt war, fand er
zwar das Reisig, aber zu seiner Bestürzung war die Geldtruhe spurlos
verschwunden. Hätte er, statt die Lade mit Reisig zu bedecken, ein
Halstuch auf den Schatz geworfen, so wäre dieser gebannt gewesen.
Schon mancher, der den Schatz heben wollte, wurde von der wilden
Jagd arg bestraft, welche um den Heinrichstein ihr Unwesen treibt.
Der Vorwitzige verfiel in eine schwere Krankheit oder starb sogar
an den Folgen des Schreckens. Die wilde Jagd sollen Reiter sein,
welche in der Luft dahin brausen. Viele Holzleute wollen in der Nähe
des Heinrichsteines Hundegebell, Hörnerblasen, lautet Halloh und
Peitschenknallen vernommen haben, was von der wilden Jagd herrührt.
Ähnlich wie vom Hohen- und Heinrichsteine erzählen uns Sagen aus
anderen Gegenden Deutschlands von Frauen, welche beim Betreten des
Schatzgewölbes ihr Kind niedersetzten und dasselbe nach einem Jahre
im Innern des Berges mit einem Apfel in der Hand wiederfanden. Wie in
unsern beiden Sagen geschah dies auch auf dem Löbauer Berge an einem
Karfreitage (Haupt, Sagenbuch d. L. ~I. N.~ 249), auf dem Waldsteine
im Fichtelgebirge jedoch am Johannestage (Zapf, Sagenkreis d. F. S.
16). Das übereinstimmende Anführen eines Apfels, welchen das Kind
in der Hand hielt, ist gewiß nicht ohne Bedeutung. Vielleicht liegt
darin eine Beziehung zu den verjüngenden Äpfeln, welche Idhuna,
die Göttin der Jugend, besaß. Diese selbst wurde im Frühlinge aus
der Gewalt der Frostriesen den Göttern zurückgebracht. Neben der
»Quelle der Jugend«, die ihren Namen von der aus dem Tode erweckenden
Eigenschaft ihres Wassers erhalten hatte, wuchsen Apfelbäume, von
denen nach einem altfranzösischen Romane der Held Hüon von Bordeaux
Wunder wirkende Früchte mitbrachte. (Nork, Sitten und Gebräuche d.
Deutschen, S. 198.)
289. Der Schatz des Seeberges.
(Fr. Bernau, Comotovia. 1877, S. 76.)
In der Nähe des erzgebirgischen Schlosses Eisenberg erhebt sich der
sogenannte Seeberg, der seinen Namen von dem großen See führt, welcher
einst seinen felsigen Fuß umspülte. An diesen Berg knüpft sich die
Sage, daß er eine ganze Braupfanne voll Gold in seinem Innern berge.
Aber es giebt nur ein Mittel, in denselben und zu dem Schatze zu
gelangen, und dies ist folgendes: Wenn der Priester am Palmsonntage
die Passionsgeschichte liest, öffnet sich eine geheime Thüre, durch
welche man zu dem Golde gelangen kann, was jedoch bis Mittag 12 Uhr
geschehen muß, da mit dem zwölften Glockenschlage die Thüre wieder bis
auf Jahresfrist verschwindet.
Im Jahre 1855, so erzählte ein Bauer aus jener Gegend, machte sich an
dem besagten Tage ein Schneider mit noch zwei Gefährten auf den Weg
nach dem Seeberge. Am Fuße desselben angelangt, eilte der Schneider
voraus und bald hatte er seine schwerfälligeren Begleiter im Rücken.
Er klomm von Felsen zu Felsen, durch Gesträuch und Gebüsch zum Gipfel
hinan und gelangte bald auf einen grünen, baumfreien Platz, wo er seine
Gefährten erwarten wollte. Allein er wurde fast starr vor Schrecken,
als er in einer kolossalen Felsenwand plötzlich eine große geöffnete
Thür erblickte, welche in einen langen, dunklen Gang führte. Als er
seine Sinne wieder gesammelt hatte, konnte er deutlich Stöhnen, Bitten
und Flehen um Befreiung aus dem Innern des Berges vernehmen; er
besann sich nicht lange, merkte sich die umstehenden Bäume wohl und
lief in aller Eile zurück, um seine Kameraden zu holen. Diese waren
jedoch noch weit zurück, und als er sie endlich erreicht, hörte er
auch schon den zwölften Glockenschlag und zugleich einen furchtbaren
Donnerschlag vom Berge her, daß alle drei dem Herannahen ihres letzten
Stündleins schaudernd entgegensahen. Da aber der Himmel sonst ganz
heiter war, auch die Natur vollkommen ruhig sich zeigte, ließen sich
die beiden andern endlich bewegen, mit dem Schneider an die bezeichnete
Stelle zurückzukehren. Dort angekommen, fanden sie jedoch statt der
erwarteten Thüre nur die hochragende starre Felsenwand, die sie von
früher her wohl kannten; von einer zu den Schätzen führenden Öffnung
war keine Spur zu sehen. Dieser tragische Anblick versetzte nun den
armen Schneider in ein abermaliges Erstarren, indem er das schon sicher
gewähnte Glück mit einem Schlage vernichtet sah.
Ob seit jener Zeit wieder irgend ein schatzsüchtiges Menschenkind den
Versuch gemacht hat, dem Seeberge seine Schätze abzugewinnen, hat man
nicht erfahren.
290. Die Teufelswand bei Blauenthal.
(Erzgebirgischer Anzeiger, Schneeberg 1803, S. 322 etc.)
Die granitene Teufels- oder Steinwand liegt zwischen Eibenstock und
Blauenthal am linken Ufer der Bockau, ohngefähr 1000 Schritte von
dem Punkte, wo sich dieses Wasser in die Mulde ergießt. In dieser
Teufelswand befindet sich eine Höhle, von welcher die Sage folgendes
erzählt: Als die Menschen in allerhand Laster verfielen, verlor sich
auch der allgemeine Wohlstand und drückende Armut folgte. Um aber das
Elend zu vollenden, hatten sich zehn reiche Bösewichter vereinigt, alle
gute und gangbare Münzen, deren es damals bei weitem nicht so viel gab,
als heut zu Tage, an sich zu bringen, damit in fremde Länder zu ziehen,
sie daselbst mit jüdischem Gewinne gegen schlechte umzutauschen, diese
ins Land zurück zu schaffen und nach und nach unter die Leute zu
bringen. Dies gelang ihnen auch und zwar noch besser, als sie gehofft
hatten.
Einst fuhren sie auch mit einem Wagen Geld den böhmischen Wald hinan
und gedachten noch vor Einbruch der Nacht eine Herberge zu erreichen.
Da zogen von Norden herauf finstere, schwere Gewitterwolken; der
Sturm sauste durch die hohen Fichten und riß so manchen Stamm mit
seinen Wurzeln aus dem Boden. Die Reisenden konnten unmöglich weiter
kommen und suchten deshalb ein nahes Obdach. Bald kam einer von ihnen
mit der Botschaft zurück, daß er unfern der Straße auf einer Anhöhe
ein unbewohntes Schloß gefunden habe, in welchem sie wenigstens das
Gewitter abwarten könnten. Sie ließen ihre Knechte bei dem Wagen und
begaben sich an den bezeichneten Ort. Die Burg mochte schon lange von
niemandem bewohnt gewesen sein, denn nur noch ein einziges Zimmer
schützte unsere Reisenden vor dem herabstürzenden Regen. Sie setzten
sich an eine halbvermorschte Tafel und nahmen die nötige Speise zu
sich. Plötzlich tobte der Sturm noch schrecklicher, heftiger ergoß
sich der Regen, dreifach durchkreuzten sich die Blitze und dreimal
krachte der Donner. Im Nu stürzten die Mauern der Burg zusammen und ein
gespaltener Felsen stieg aus ihren Trümmern empor.
Unten am Wege aber lagen die von den Donnerschlägen betäubten Knechte
unter dem Wagen, und sie erholten sich erst, als der Mond wieder die
Wolken zerteilte. Mit Schrecken sahen sie nun, daß das Geld vom Wagen
verschwunden war. Eben mochte die Mitternachtsstunde geschlagen haben,
als eine lichte Gestalt sich dem Wagen näherte und durch langsames
Winken den zitternden Knechten befahl, zu folgen. Sie thaten es und
kamen an einen hohen Felsen. Von selbst sprang eine steinerne Thür auf,
und sie traten in ein Gewölbe, wo ihre Herren an einer Tafel saßen und
Geld zählten. Keiner sah sich um. Da sagte die Gestalt zu den Knechten
folgende Worte: »Gehet hin und erzählt, was Ihr gesehen habt. So lange
sind diese zehn Unholde verdammt, Geld zu zählen, bis einst ein Mann
geboren werden wird, der zehn Armen ohne Eigennutz Wohlthaten erzeigt.
Diesem sei es vergönnt, wenn er mit dem Kraute, welches Lunaria heißt,
den Felsen berührt, dieses Gewölbe zu öffnen und alles vorhandene Geld
mit sich zu nehmen.« Die Gestalt verschwand, und die Knechte lagen
wieder unter ihrem Wagen.
Zu Zeiten soll ein großes Getöse in der Teufelswand gehört werden,
welches sich seit einigen Jahren sehr vermehrt haben soll.
291. Der verborgene Schatz im Schloßbrunnen auf dem Purberge.
(J. Mann in der Erzgebirgs-Zeitung 1882, S. 16.)
Der Purberg bei dem Dorfe Tschernowitz bei Komotau trug vor langer
Zeit auf seinem altehrwürdigen Haupte ein prachtvolles Schloß, von
welchem nur noch einige Trümmer übrig geblieben sind. Vor seiner
Zerstörung schon waren aber die Schätze, welche es in seinem Innern
barg, verschwunden; Geister haben sie hinweggeräumt und bewachen sie
in den unterirdischen Räumen des Berges Tag und Nacht. Wenn man sich in
der Nacht dem Berge nähert, so bemerkt man über gewissen Stellen blaue
Flämmchen, die aber bald wieder verschwinden.