In dem Dorfe Werda bei Falkenstein lebte ein junger Mann, der saß an

einem Sonntagabende im Winter ganz allein zu Hause und hatte ein Buch

aus einem alten Schranke zur Hand genommen, um darin zu lesen. In dem

Buche aber waren verschiedene Zeichen und Figuren, die er sich nicht

sogleich ausdeuten konnte. Deshalb zog er die Lampe näher an sich

heran, um besser sehen zu können. Als er nun so eine Weile im Lesen

und Ausdeuten vertieft ist, blickt er zufällig in die Höhe, fährt aber

wieder erschrocken zurück, denn zu dem kleinen Schiebefenster herein

sieht ein rabenschwarzer Mann mit grinsendem Gesichte. Der Bursche

fragt nach dem Begehr, erhält aber keine Antwort. Nachdem er sich vom

Schreck etwas erholt hatte, las er ruhig weiter und war bemüht, die

Figuren ordentlich zu deuten. Er sah sich wieder um und wurde zu seinem

Schrecken gewahr, daß zu jedem Fenster ein schwarzer unheimlicher Gast

hereinsah. Dabei war er auf seinem Sitze wie festgebannt und konnte

fast kein Glied mehr regen. Jetzt wollte er das Buch zumachen, denn

es flimmerte und tanzte ihm alles vor den Augen. Aber wie von einer

unsichtbaren Macht gefesselt, konnte er seinen Blick nicht von dem

Buche abwenden und er fing wieder an zu lesen. Plötzlich aber entstand

im Hause ein groß Getöse und Gepolter, die Thüre flog auf und ein

langer schwarzer Mann kam herein und blieb in der Mitte der Stube

stehen. Der Lesende fragte zum zweiten Male, was sein Begehr sei,

erhielt aber wieder keine Antwort. Dabei mußte er in dem Buche immer

weiter lesen, und es dauerte gar nicht lange, so ging das Gepolter

von neuem los und eine zweite schwarze Gestalt trat in die Stube und

stellte sich neben die erste hin. Ohne von seinem Buche aufzusehen, las

der Bursche fort. Jetzt aber that es einen Schlag, daß das ganze Haus

in seinen Grundfesten erschüttert wurde, Fenster und Thüren sprangen

auf, ein blitzähnlicher Schein fuhr durch die Stube und eine dritte

Gestalt, länger als die beiden ersten und wild von Aussehen, trat nun

in Begleitung von allerhand Tieren, als Raben, Eulen und Elstern, in

die Stube und stellte sich nun zwischen die beiden ersten hinein. Jetzt

wurde es unserm Geisterbeschwörer himmelangst und er rief aus vollem

Halse nach Hülfe. Es dauerte aber lange, ehe die gewünschte Hülfe kam.

Endlich kam der Bruder des Burschen mit noch einigen Nachbarssöhnen

nach Hause, und diese sahen nun, was vorgefallen war. Der Sohn des

Wirtes, der auch mit hinzugekommen war, lief sogleich zum Pastor,

welcher auch erschien, aber dessen Kraft zu schwach war, die Geister

wieder zu bannen. Er gab den guten Rat, es solle doch gleich einer nach

Theuma zum Pater reiten, der könne Hülfe schaffen. Ohne sich lange zu

besinnen, ritt der Sohn des Wirtes nach Theuma und erzählte daselbst

dem Pater, was vorgefallen war. Der Pater ließ sich auch bewegen

mitzukommen. Da er ankam, war bereits das halbe Dorf vor dem Hause

versammelt, und sogleich begann er seine Beschwörungen. Es dauerte auch

nicht lange, so entfernten sich die ungebetenen Gäste, nur der letzte

hielt noch stand und wollte nicht weichen. Als aber der Theumaische

Pater ein großes Buch hervorzog, entfloh er unter fürchterlichem

Gebraus durch den Schornstein und ließ einen Schwefelgeruch zurück. Das

Buch aber, welches der Bursche gebraucht hatte, nahm der Pater mit und

ermahnte noch den jungen Mann, solche Sachen fernerhin zu lassen und

nichts zu unternehmen, was er nicht verstehe.

Das Buch, in welchem der Bursche las, ist Faust's Höllenzwang, von

dem uns der Volksmund erzählt. Ähnlich wie dem jungen Manne in

Werda erging es den Buben eines Wunderdoktors in Schumburg, die in

Abwesenheit ihres Vaters dies geheimnisvolle Buch aus einem Schranke

nahmen und darin lasen, worauf eine Menge von teuflischen Vögeln

ins Zimmer kam. (Grohmann, Sagen aus Böhmen und Mähren I., S. 315.)

Ein alter Mann in Eichelborn in Thüringen hatte große Kenntnisse in

geheimen Künsten. Einst las er abends in einem großen Buche, während

ein Knabe bei ihm in der Stube war. Da wurde er hinausgerufen.

Der Knabe las trotz des Verbotes in dem Buche, und da kamen viele

Raben, welche von außen an das Fenster pochten. Auf das ängstliche

Geschrei des Knaben kam der Alte zurück, gab dem Ungehorsamen eine

derbe Ohrfeige und las in dem Buche schnell einige Worte; siehe,

sofort verschwanden die Raben nieder. (O. Richter, Deutscher

Sagenschatz, 4. Heft, No. 3.) Dieselbe Sage findet sich auch bei

den Lausitzer Wenden. Als ein Bauer, welcher am Schloßberge zu Burg

in der Nieder-Lausitz wohnte und der im Besitze eines »Charakters«

war, einmal auf dem Felde arbeitete, suchte daheim sein Sohn das

Zauberbuch hervor. Beim Lesen desselben kamen ebenfalls Hasen,

Krähen und andere Vögel zu Thür und Fenster herein. Der Vater, von

Unruhe und Angst getrieben, lief eilig nach Hause und sahe, was der

Sohn angerichtet hatte. Da nahm er das Buch zur Hand und las alle

Stellen, welche der Sohn gelesen hatte, rückwärts; da verschwanden

die Ungetüme wieder. (Veckenstedt, Wendische Sagen, 1880, S. 273.)

260. Die Hexen zu Schellenberg.

(v. Weber, Aus vier Jahrhunderten, I. S. 371. Darnach bei Gräße a. a.

O., No. 552.)

Im Jahre 1529 sind zu Schellenberg im alten Schloß, welches an der

Stelle der vom Kurfürst August erbauten Augustusburg stand, die beiden

Hexen, die alte und junge Rodin, weil sie mehrmals zu Schönerstedt auf

dem Hexensabbath gewesen, Diebsdaumen verkauft, untreue Männer durch

Zaubermittel zu ihren Frauen zurückführen gelehrt, Hexensalben gesotten

und Abwesende citiert, gefoltert und dann wahrscheinlich hingerichtet

worden.

261. Wann die Hexen ins Erzgebirge kamen.

(Lehmann, Hist. Schauplatz, S. 908.)

Im Jahre 1080 war Böhmen voller Zauberer, Hexen, Wahrsager und

Beschwörer, wider welche Herzog Ulrich inquirierte und 107 in einem

Jahre hinrichten ließ. Die andern zerstreuten sich in Mähren und unser

Gebirge. Um Klostergrab und Ossegg behexten sie die Leute, daß sie

erkrankten, besonders die Schwangern.

Im böhmischen Erzgebirge stellt man sich die Hexe in Gestalt eines

hämischen, boshaften, alten Weibes vor, das im Bunde mit dem Teufel

steht, auf Ofengabeln, Schürhaken oder Besen durch den Schlott

fährt und durch die Luft reitet, den Brand ins Getreide legt, die

Kühe verhext, daß sie keine oder rote Milch geben, die Kinder in

der Wiege mit Wechselbälgen vertauscht und ähnlichen Unfug treibt.

Ihre Macht über den Menschen und über alles, was ihm lieb ist, soll

in der Walpurgisnacht am stärksten sein. (Joseph Fritsch in der

Erzgebirgs-Zeitung, 4. Jahrg., S. 101.)

262. Das Hexenloch bei Joachimsthal.

(Nach Wenisch, a. a. O., S. 40.)

Nicht weit von der Johanneskapelle bei Joachimsthal zeigte man auf

einem Feldraine das gegenwärtig durch einen Steinhaufen verdeckte

»Hexenloch«. Die Sage erzählt von demselben, daß sich hier Hexen

aufhalten. In der Walpurgisnacht führen sie ihre Tänze auf, essen

und trinken und spielen um die Seelen von Selbstmördern Karten. Zum

Schutze gegen ihr Eindringen in die Wohnungen werden von vielen Leuten

am Walpurgisabende mit geweihter Kreide oder Kohle drei Kreuze an die

Thüren gemacht.

263. Mittel gegen Zauberei.

(Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 900.)

Zwei junge Eheleute in Pöhl waren von einer rachgierigen Dorfhexe so

verzaubert, daß sie einander spinnefeind wurden und eines das andere

ein ganzes Jahr lang nicht ansehen konnte. Endlich krochen sie beide

durch sogenannte Schleifbrämen, das sind Brom- oder Kratzbeerzweige,

welche einen Bogen geworfen und wieder in die Erde gewurzelt. Damit ist

ihnen geholfen worden.

264. Eine Hexe wird erkannt.

(Lehmann, a. a. O., S. 908.)

Zu Arnsfeld bei Wolkenstein wurde eines Mannes Vieh bezaubert, daß es

Blut gab. Da die Magd melken wollte, merkte sie das lose Stück, nahm

ein Seihtuch, stach's voller Nadeln und kochte es im Ofen. Darauf kam

der Nachbarin Mann gelaufen und begehrte Citronenschalen. Dieselben

wurden ihm abgeschlagen, denn der Magd war es verboten worden, das

geringste zu geben. Da kam der Mann wieder und bot etliche Hühnchen zum

Verkaufe an; aber auch jetzt wurde er abgewiesen. Er kam zum dritten

Male und verlangte nur eine Birne vom Baume im Garten; doch erlangte er

nichts. Endlich kam er und bekannte, daß seine Frau brennende höllische

Schmerzen habe und bat, so sie etwas gebraucht, es weg zu thun. Damit

wurde es offenbar und mußte der Mann mit Weib und Kind davonlaufen.

H. Heine erzählt in seinen Sagen, Märchen und Bildern aus dem Harze

(No. 79), daß einst eine Hexe, welche Milch verzaubert hatte,

jämmerlich verbrüht und zerstochen wurde, als der Wirt, gegen den die

Zauberei gerichtet war, die Milch kochte und dann mit einer Gabel in

der kochenden Milch herum fuhr.

265. Die Hexen am Walpurgisabende.

(Spieß, Aberglaube etc. im Erzgeb., Progr., S. 13; z. T. mündlich.)

Am Walpurgisabende, dem Abende vor dem 1. Mai, zünden überall im

Erzgebirge Knaben auf hochgelegenen Punkten Besen an und springen damit

herum; es wird geschossen, geschrieen, mit Peitschen geknallt und

mit Bretern zusammengeschlagen, um ein rechtes Getöse hervorzurufen.

Dies geschieht, um den Hexentanz darzustellen, oder, wie allgemeiner

behauptet wird, um die zum Blocksberg ziehenden Hexen zu vertreiben. Am

Walpurgisabende ziehen auch die Hexen ein, und man muß daher Besen oder

landwirtschaftliche Geräte vor die Stallthüre legen, um sie abzuhalten.

In Neustädtel erzählt man: Als Karl der Große die alten Sachsen vom

Brocken oder Blocksberg jagen wollte, kamen die Hexen und allerhand

Gespenster mit glühenden Besen und auf Ziegenböcken geritten, um ihn zu

vertreiben.

Walpurgis, welche in der Mitte des 8. Jahrhunderts lebte und eine

Tochter des Königs Richard von England war, wurde später heilig

gesprochen und als Beschützerin gegen den Bosheitszauber verehrt.

Die angezündeten Feuer sind die Opferflammen für die Frühlingsgöttin

Ostara; das Umherspringen ist ein Rest der alten religiösen Tänze;

die Hexen, welche in der Walpurgisnacht eine so große Rolle spielen,

sind die weisen Frauen, welche Kräuter kochten und, mit dem

Priesteramt bekleidet, als »Alrunen« in dem germanischen Götterkultus

auftreten. Sie versammeln sich in der ersten Mainacht auf dem Hörsel-

und Inselberge in Thüringen, auf dem Stoffelsteine bei Bamberg und

an vielen anderen Orten, besonders aber auf dem Blocksberge im Harz.

In Schweden war ihr Sammelplatz die kleine Felseninsel Blakulla,

zwischen Oeland und Smaland gelegen; dorthin reisten sie aber am

grünen Donnerstage. Die Böcke, mit denen nach unserer Sage die Hexen

nach dem Blocksberge ziehen, sind die Opfertiere.

Vor dem Eintreten der Hexen schützen drei Kreuze an der Stallthüre

oder die Buchstaben ~C. M. B.~ (Kaspar, Melchior, Balthasar, nach

der Legende die Namen der heiligen drei Könige); oder man legt einen

alten Besen oder ein Stück frischen Rasen vor die Thürschwellen.

Es mag schließlich noch darauf hingewiesen werden, daß der Glaube an

Hexen in den indischen ~Çâkinî~, ~Dâkinî~ und ~Yeginî~, welche kraft

mythischer Zaubersprüche des Nachts durch die Lüfte reiten und ihre

Tänze abhalten, eine Parallele findet. Es ist demnach die Vorstellung

von weiblichen Unholden bereits der indogermanischen Urzeit eigen,

und so mag vielleicht unserm Worte »Hexe« die Wurzel, ~çak~, mächtig

sein, zu Grunde liegen. (Fr. Hirsch, Gesch. der Deutsch. Litteratur,

I., S. 6.)

266. Der wunderliche Katzentanz.

(Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen, No. 507.)

Am 1. Mai des Jahres 1726 ist ein gewisser zuverlässiger Mann im

Erzgebirge von einem Orte zum andern gereist und am Abend bei düsterer

Witterung bei einem Walde vorbeipassiert, da denn er sowie sein

Begleiter, den er bei sich hatte, ein dem Anschein nach in einem

Hause scheinendes Licht bemerkt, welchem beide in der Hoffnung, eine

Herberge zu finden, zugelaufen. Nachdem sie aber näher und näher

gekommen, hören sie eine zum Tanz gehende Musik, und der eine von

ihnen geht aus Neugierde ans Fenster und wird durch selbiges gewahr,

daß eine große Anzahl Katzen darin zu finden, davon etliche musicieren

und die andern darnach tanzen. Sein Begleiter beschließt nun, in das

Haus hineinzugehen, wird aber von dem andern davon abgehalten, und

jetzt nimmt einer von ihnen wahr, daß seine große Hauskatze ebenfalls

dabei anzutreffen. Aus Entsetzen gehen beide fort und kommen in

spätester Nacht nach Hause. Als nun des andern Tags zu Mittag sich

die große Hauskatze bei der Mahlzeit in der Stube einfindet, spricht

ihr Hausherr, sie anschauend: »Nun, Du machtest Dich gestern Abend

auch sehr lustig!« Da springt ihm alsbald der alte Kater auf den Hals

und kratzt ihn in den Kopf und das Gesicht, hätte ihn auch sicherlich

getötet, wofern nicht das Hausgesinde herzugelaufen und mit Schlägen

und Schreien diesen verteufelten Feind abgetrieben.

Diese Sage hat viel Ähnlichkeit mit der vom sogenannten Katzenberge

zwischen Leipzig und Merseburg. Um die Mitte des 16. Jahrh. ist

nämlich ein Bischof von Merseburg, namens Michael, ein großer

Katzenfreund gewesen und hat eine große schwarze Katze besessen.

Dieser Bischof ist einst nach Leipzig gereist und hat auf dem oben

genannten Hügel, der nachher davon seinen Namen bekam, eine ganze

Katzengesellschaft angetroffen. Er rief derselben im Scherze zu:

»Ihr Katzen, seid ihr alle beisammen?« Da hat eine geantwortet: »Es

mangelt keine, ausgenommen Bischof Michael seine Katze.« Bei seiner

Rückkehr erzählte er seiner Katze die wunderliche Begebenheit und

fragte zugleich, warum sie den andern Katzen nicht Gesellschaft

geleistet? Alsbald fuhr die Katze zum Fenster hinaus und ist nicht

mehr gesehen worden.

Katzen sind Hexentiere, sie bilden entweder das Gespann der Hexen,

oder diese nehmen die Gestalt jener Tiere an.

Auf der Brüßlerstraße zu Dendermonde liegt ein Haus, worin sich

ehedem eine Brauerei befand. Hier diente Hans Zimmermann als Knecht.

Da er sein Handwerk sehr gut verstand, so konnte er nicht begreifen,

warum das erste, zweite und dritte Gebräu mißlang. Nun hatte er aber

bemerkt, daß jedesmal, wenn er am Brauen war, eine Katze rund um den

Kessel lief. Als er sein viertes Gebräu begann, und die Katze wieder

miauend um den Kessel strich, redete er sie in der Überzeugung an,

daß sie eine Hexe sei; er bekam zwar nur ein Miau zur Antwort, worauf

sie weglief, aber bald mit einem Dutzend Katzen wieder zurückkam; die

faßten sich Pfote an Pfote und begannen einen Tanz um den Kessel,

wobei sie unaufhörlich sangen: »Hansken Temmermann vroeg aen my:

Katze, van wear kom drgy?« (Hänschen Zimmermann mich frug: Kätzchen,

woher kommst denn Du?) Da wurde Hans böse, füllte einen Eimer mit

dem kochenden Bier und goß das über die Katzen hin. »Miau! Miau!«

schrien alle und verschwanden, das Gebräu aber glückte. Am andern

Morgen jedoch sah man im Rochusgäßchen sechs Frauen mit verbrannten

Gesichtern tot auf der Straße liegen. Da blieb kein Zweifel mehr, wer

die Katzen gewesen waren. (Nork, Sitten und Gebräuche der Deutschen,

S. 556.) Eine ähnliche Sage erzählt Leibing (Sagen und Märchen des

bergischen Landes, No. 64). Nach ihm verwundete ein Brauknecht zwei

Katzen, die eine am Ohr und die andere büßte eine Pfote ein; am

andern Tage hatte die Frau des Braumeisters ein zerschmettertes Ohr

und eine andere Frau in der Nachbarschaft hatte ein Stück eines Fußes

eingebüßt. Auch Jacob Grimm weist in seiner Deutschen Mythologie (S.

623) darauf hin, daß viel von verwundeten Katzen erzählt wird, die

man hernach an verbundenen Weibern wieder erkannte.

Ebenso fehlen auch die gleichen Überlieferungen der slavischen Sage

nicht. Zu einem Bauer in Saspow in der Nieder-Lausitz kam oft eine

graue Katze in den Stall und das Vieh wurde krank. Als diese Katze

mit einer Düngergabel in den Hals gestochen wurde, sprang sie weg.

Am andern Tage hatte eine Frau im Dorfe mehrere Löcher im Halse;

diese war die Hexe. -- Ähnliches geschah in der Mühle bei Leipa im

Spreewalde, wo viele Katzen des Nachts einen fürchterlichen Spuk

trieben, bis endlich der zu Hülfe herbeigezogene Scharfrichter mit

dem Messer eine Katze in die Pfote schnitt. Am andern Tage hatte die

Frau des Amtmanns im nächsten Dorfe eine kranke Hand und es hieß, sie

habe sich geschnitten. (Veckenstedt, Wendische Sagen, S. 281 und 292.)

267. Das Schmatzen der Toten in den Gräbern.

(Moller, ~Theatrum Freiberg. Chron.~ II., S. 254. Wilisch,

Kirchen-Hist. v. Freyberg etc. II., S. 378.)

Im Jahre 1552 hat in den Dörfern um Freiberg die Pest grassiert,

sonderlich starb viel Volk zu Hermsdorf, Claußnitz und Dittersbach. Das

Volk glaubte dabei, daß die toten Körper in den Gräbern anfingen zu

essen und einer den andern nachholete. Etliche, die auf den Gräbern

gestanden, erzählten, daß sie gehört, wie die Toten unter der Erde

schmatzten. Deswegen hat man den Verstorbenen die Köpfe mit einem

Grabscheite abgestoßen oder sie ganz verbrannt und dabei gemeint, so

das Unheil und Sterben abzuwenden. Es hat aber nichts geholfen, denn

die Pest hat als Strafe Gottes noch heftiger überhand genommen, so daß

einzelne Dörfer fast ausstarben.

Das Schmatzen der Toten in den Gräbern ist nur eine besondere

Form des besonders im Aberglauben slawischer Völker herrschenden

Vampyrismus. Der Vampyr wird meist als die Seele eines Verstorbenen

gedacht, welcher im Grabe keine Ruhe findet, letzteres verläßt und

sich auf schlafende Menschen, besonders Blutsverwandte legt und ihnen

auf körperlich kaum wahrnehmbare Weise das Blut aussaugt. Nach der

Lausitzer Sage wird ein solcher Vampyr gebannt, wenn ein Priester

den Leichnam ausgraben läßt, ihm den Kopf abschneidet, das Herz mit

einem Pfahl durchsticht, selbiges sodann verbrennt und die Asche auf

das Grab streut. (Haupt, Sagenbuch d. L., No. 69.) Der Pfahl mußte

bei den Slaven von Eichenholz oder vom Weißdorn sein. (Grohmann,

Aberglauben und Gebräuche in Böhmen, S. 191.)

Nach Görres ist der Vampyrismus, welcher sich bereits bei den alten

Griechen vorfand, nur eine besondere Form des Alpdrückens. (Nork,

Sitten und Gebräuche etc., S. 686.) Er beruht auf dem Glauben, daß

der Verstorbene des Blutes entbehrt und darum sein Grab verläßt, um

einem noch Lebenden Blut auszusaugen. (Rochholz, Deutscher Glaube und

Brauch I., S. 55.)

268. Von einem an eine Stelle festgebannten Sohne.

(Moller, ~Theatrum Freib. Chron.~ II., S. 221. Br. Grimm, Deutsche

Sagen I., No. 231.)

Als ein Bürger zu Freiberg, namens Lorenz Richter und seines Handwerks

ein Leinweber, welcher auf der Weingasse gewohnet, seinem Sohne von 14

Jahren etwas zu thun befohlen und derselbe nicht gehorcht, sondern in

der Stube an derselben Stelle stehen geblieben, hat ihn der zornige

Vater verwünscht und gesagt: »Ei stehe, daß Du nimmermehr könntest

fortgehen!« Auf diese Verwünschung des Vaters ist der Knabe stehen

geblieben, und er hat drei ganze Jahre an derselben Stelle gestanden,

so daß er tiefe Gruben in die Dielen getreten, und man ihm des Nachts,

wenn er schlafen wollte, ein Pult untersetzte, damit er den Kopf und

die Arme darauf legen konnte, um ein wenig zu ruhen. Weil er aber nahe

an der Stubenthüre beim Ofen den eintretenden Leuten im Anlaufe war,

haben ihn die Geistlichen der Stadt durch ihr Gebet von diesem Orte

aufgehoben und gegenüber in den andern Winkel der Stube glücklich und

ohne Schaden gebracht. An diesem Orte hat er ferner bis ins vierte

Jahr gestanden und die Dielen noch tiefer durchgetreten, als zuvor.

Damit ihn die Aus- und Eingehenden nicht so sehen könnten, hat man

ihn auf seine Bitten durch einen Umhang verdeckt; er hat wegen steter

Traurigkeit nicht viel gesprochen. Endlich hat Gott die Strafe etwas

gemildert, indem er das letzte halbe Jahr sitzen, sich auch ins

Bette, das man neben ihn gestellt, legen konnte. Er hat ganz elende

ausgesehen, ist blaß von Angesicht, hagern Leibes und auch sehr mäßig

im Essen und Trinken gewesen. Nach sieben Jahren wurde er den 11.

September 1552 durch den Tod erlöst. Die Fußtapfen sahe man noch lange

an den betreffenden Plätzen, und als sie der Vater nach dem Tode seines

Sohnes aussetzen lassen wollte, weil er sich derselben wegen seines

Fluches schämte, hat ihm der Rat solches verboten.

269. Speisen werden festgemacht.

(Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 869 und 870.)

Ein Bergmann in Seifen hatte ein Doctor Faustsches Kunststück, indem er

zur Lust in Gesellschaft über dem Essen alle Speisen stahlfest machte,

daß kein Mensch, ehe er wollte, einen Bissen abschneiden konnte.

Desgleichen war zu Elterlein ein Schlosser, Zacharias Vogel, der eine

gute Zeit im Kriege gedient hatte; dieser konnte nicht nur sich selbst,

sondern auch andere Menschen und alles Vieh, wie auch Käse, Butter,

Brot und andere Speisen fest machen.

270. Festgemachte werden überwunden.

(Lehmann, a. a. O., S. 873 und 874.)

Im Jahre 1632, den 3. Januar, wurde Jochim Escher erschossen, auf

welchen sein Feind erstlich eine bleierne Kugel losbrannte; weil diese

aber nicht einging, riß er eilend einen Dukaten aus der Tasche, biß ihn

zusammen, brauchte ihn anstatt der Kugel und schoß den Escher Knall und

Fall vom Pferde.

Im Jahre 1677 schlugen sich zwei freche Kerle auf Böhmisch-Wiesenthal.

Der eine war stahlfeste und konnte gar nicht verwundet werden. Da sein

Gegenpart dieses merkte, sagte er: »Halt, ich will dir besser kommen!«

Zieht hiermit den Degen unter dem Schuh durch die frische Erde und

verwundet ihn dann dreimal nacheinander. Andere haben Magnet in die

Kugeln gegossen, oder den Degen durch ein Brot gezogen, oder mit Kugeln

von Wißmut geschossen, oder die Degenspitze nur in die Erde gestochen

und damit die Festgemachten überwältigt.

271. Festgemachte werden von ihrem Wesen und ihrer geheimnisvollen

Kraft befreit.

(Lehmann, Hist. Schauplatz, S. 873 u. 874.)

Im Jahre 1652 lebte zu Satzung ein ehemaliger Soldat, +Michael Vogel+,

welcher der Festigkeit wegen ein Amulet am Halse trug und nun beim

Trunk immer Zank und Schlägerei anfing. Als er aus dem Kriege nach

Hause kam, warf er das Amulet weg, aber es kam aus Feuer und Wasser

wieder. Endlich wurde sein Beichtvater auf das Amulet aufmerksam

und nahm es an sich. Michael Vogel sagte, er müsse es mit gewissen

Ceremonien abnehmen, doch der Priester versicherte, der Teufel habe

über ihn keine Gewalt, er wolle es schon wegschaffen. Damit ging er

zu einem Schmied und warf es ins Feuer. Da fuhr's zur Esse hinaus mit

Ungestüm und platzte wie ein Doppelhaken. Darauf wurde der Kerl ganz

anders, friedlich und sittsam.

Ähnliches begab sich 1639 in Grünhain. Ein junger Fleischer hatte

sich bei den damals auf Scharfenstein liegenden Schweden fest machen

lassen; davon wurde er so blutdürstig und unbändig, daß er beim Trunk

keines Menschen Freund war. Als er sich aber verheiratete und in die

Zunft aufnehmen ließ, trachtete die Freundschaft darauf, wie er die

Festigkeit los werden möchte. Man brauchte allerlei Mittel, aber

vergebens, bis endlich einer die Teufelei aus dem Leibe purgierte und

eine Hummel von ihm kam.

Sowohl die römische als auch germanische Götterlehre erzählt uns von

Göttern, welche unverwundbar waren. Cygnus, der Sohn Neptuns, konnte

von keinem Pfeil verwundet werden und ebenso wurde Baldr durch die

Gunst seiner Mutter Frigg gegen alle Waffen geschützt. Nur das Holz

des Strauches Mistiltein (~Loranthus europacus~) tötete ihn, da Frigg

von demselben keinen Eid gefordert hatte. Wie Götter wurden auch

Helden unverwundbar. Siegfried badete sich im Drachenblute, das seine

Haut fest gegen Waffen machte; nur wo das Lindenblatt zwischen seinen

Schultern gelegen, war er verwundbar. Im Mittelalter hielt man die

sogenannte Waffensalbe, die Gemskugel, die Wurzel ~Doronicum~, das

Nothemde u. s. w. für Mittel, um sich waffenfest zu machen. (Nork,

Sitten und Gebräuche d. D. S. 707). Auch die Lausitzer Sage erzählt

von Hieb- und Stichfesten. Das Garn zu einem Nothemde, welches auch

hier als Zaubermittel dient, muß von einem Mädchen unter 7 Jahren

gesponnen, die Nähte müssen mit Kreuzstichen gemacht und schließlich

müssen noch drei Messen darüber gelesen werden. (Haupt a. a. O. I. N.

240.)

272. Der Räuber Hartenkopf bei Zelle ist kugelfest.

(Gräße, Sagenbuch d. K. S., No. 362.)

Sagenbuch des Erzgebirges · 第 23 / 62 段